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Christ_und_Welt_2015_03_20

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Reformvorschläge
aus der Vergangenheit
LITERATUR Alte Traditionen
können wichtige Anstösse zu
der von Papst Franziskus eingeleiteten Kirchenreform vermitteln. Dies meint der renommierte Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf.
chisch verstanden und absolutistisch
ausgeübt wurde.
Ganz im Sinne einer absoluten Monarchie präsentiert sich seit dem Ersten
Vatikanischen Konzil (1870) auch das
Papstamt. Und dies, obwohl das Konzil
von Konstanz im Jahr 1415 in einem
sensationellen Lehrentscheid festgehalten hat, dass das Konzil über dem Papst
steht. Zwei Jahre später verpflichtete
diese Kirchenversammlung alle zukünftigen Päpste zur «häufigen Einberufung»
von Konzilien. Praktisch bedeutet dies,
dass das Konzil dem Bischof von Rom
die Leitung der Kirche überträgt – und
dass ihm diese Führungsrolle von einem
allgemeinen Konzil wieder entzogen
werden kann. Spätere Interpreten sahen
in den beiden Konstanzer Verlautbarungen eine Art Notstandsdekrete, weil sich
damals drei Päpste gleichzeitig um den
Stuhl Petri stritten. In Wirklichkeit spricht
das Konzil bezüglich der häufigen Einberufung von Kirchenversammlungen
von einem «immerwährenden Erlass».
JOSEF IMBACH
redaktion@luzernerzeitung.ch
Die Schelte, welche Papst Franziskus
am vergangenen 22. Dezember anlässlich seiner Weihnachtsbotschaft den
Mitarbeitern der Römischen Kurie ins
Gesicht schleuderte,
sorgte bei den Betroffenen für Ärger
und weltweit für
Aufsehen. Vor Oberflächlichkeit, Rachegelüsten, Machthunger, Karrierestreben
und Geltungssucht
sollen die Adressaten der pontifikalen Philippika sich
hüten. Auch von Hofschranzen, von
übler Nachrede, gar von «spirituellem
Alzheimer» war die Rede. Den Verlautbarungen der Medien zufolge hat noch
kein Nachfolger des Petrus auf diese
Weise Klartext geredet.
Noch keiner? Tatsächlich hatte schon
Papst Hadrian VI. im Jahr 1523 eine
Reform der Kirche an «Haupt und Gliedern» angemahnt; man beachte die
Reihenfolge. «Wir wissen, dass es an
diesem Heiligen Stuhl schon seit einigen
Jahren viele schändliche Missbräuche
in geistlichen Dingen und Exzesse gegen
die göttlichen Gebote gegeben hat. So
ist es kein Wunder, dass sich die Krankheit von den Päpsten auf die unteren
Kirchenführer ausgebreitet hat.»
Hadrians Regierungszeit beschränkte
sich auf gerade zwanzig Monate. Der
kurze Zeitraum verunmöglichte es, Luthers reformatorische Bestrebungen
mittels der geplanten Kirchenreform
aufzufangen und die sich anbahnende
Kirchenspaltung zu verhindern. Hadrians Bereitschaft, die Kirche von Grund
auf zu reformieren, zeigt, dass Bestrebungen, welche heute von vielen als
revolutionär betrachtet werden, keineswegs neu sind. Eine ganze Reihe wei-
Gespräche
mit Zündstoff
Rückbesinnung auf alte Traditionen
Papst Franziskus will in der Kirche aufräumen. Er ist aber nicht
der Erste in der Kirchengeschichte, der das will.
Autor Hubert Wolf verleiht alten Traditionen neue Aktualität.
Archivbild Stefan Kaiser
terer Beispiele hat der renommierte
Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem
kürzlich erschienenen Buch «Krypta.
Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte» aufgelistet.
Leos I. (des Grossen; 440–461): «Es soll
keiner gewählt werden, den die Gemeinde nicht haben will und nicht
erbittet.»
Bischofswahlen statt -ernennungen
Darüber hinaus macht Wolf nicht nur
auf längst vergessene Praktiken, sondern
auch auf Lehren aufmerksam, welche
heute gern verschwiegen oder, falls
bekannt, uminterpretiert werden. So
zitiert er Belege, aus denen hervorgeht,
dass in der frühen Kirche auch Frauen
Aufgaben wahrnahmen, welche heute
Priestern vorbehalten sind; dass im
Mittelalter viele Äbtissinnen «eine mehr
oder weniger umfassende quasi-episkopale Funktion ausübten»; dass Gläubige
und Priester in die kollegiale Leitung
einer Diözese eingebunden waren, bevor
das Bischofsamt zunehmend monar-
Traditionalistische Kreise finden es
durchaus angebracht, dass die Bischöfe
(abgesehen von wenigen durch Konkordate bedingte Ausnahmen) direkt von
Rom ernannt werden. Dabei übersehen
sie, dass diese Art der Besetzung von
Bischofsstühlen in einem eklatanten
Widerspruch zur ursprünglichen kirchlichen Tradition steht.
So dokumentiert Hubert Wolf, dass
die Vorsteher einer Diözese in altchristlicher Zeit vom Klerus und vom Kirchenvolk gewählt wurden. Brandaktuell
ist die diesbezügliche Mahnung Papst
Frauen in der Kirche von damals
Inzwischen hat es den Anschein, dass
sich Papst Franziskus eher an der Konstanzer Versammlung als am Ersten
Vatikanischen Konzil orientiert. Jedenfalls scheint er das Kollegialitätsprinzip
einem absolutistischen Regierungsstil
vorzuziehen. Dem wiederum entspricht,
was der Vorsitzende der Deutschen
Bischofskonferenz, Reinhard Marx, kürzlich im Hinblick auf die kommende
Römische Familiensynode verlauten
liess: «Wir sind keine Filialen von Rom.
Jede Bischofskonferenz ist für die Pastoral in ihrem Kulturkreis zuständig und
hat das Evangelium in ureigener Aufgabe selber zu verkünden.»
Heute haben jene, die sich ständig
auf die alten Traditionen berufen, vorwiegend die 50er- und 60er-Jahre des
letzten Jahrhunderts vor Augen – und
häufig keine Ahnung von Kirchengeschichte. Demgegenüber macht Wolf auf
verdrängte und mittels Geschichts­
klitterung und Verschleierungstaktik
umgedeutete Traditionen aufmerksam.
Gleichzeitig erinnert er daran, dass die
gegenwärtige Reformdiskussion nicht
nur mit Blick auf die letzten hundert
Jahre, sondern auf der Basis der ganzen
kirchlichen Tradition zu führen ist.
Hinweis
Hubert Wolf: Krypta. Unterdrückte Traditionen
der Kirchengeschichte. Verlag C. H. Beck, München
2015. 231 S., Fr. 29.90.
Bruno Hübscher
L
etzte Woche hatten wir ein Pfarreigespräch mit dem Thema der
Familienpastoral. Die Bischofskonferenz lädt ein, dass sich Gruppen
in möglichst vielen Pfarreien dazu
austauschen. Mehr als 25 000 Menschen haben sich vor einem Jahr an
der Pastoralumfrage zur Partnerschafts-, Ehe- und Familienpastoral
beteiligt. Die Kluft zwischen dem
Erleben von Beziehungs- und Familienwirklichkeiten einerseits und der
offiziellen Lehre der Kirche andererseits ist breit diskutiert worden. Nun
erhalten wir die Chance, weitere
Gesprächsergebnisse an die Bischofskonferenz weiterzugeben. Das
Formular und weiterführende Informationen dazu sind zu finden unter:
www.pastoralkommission.ch. Dies
wird einfliessen in die zweite Familiensynode, die Papst Franziskus angekündigt hat. Eine solche Chance
sollten wir nutzen.
MEIN THEMA
Bei unserem Gespräch in Nottwil
wurde insbesondere der pastorale
Umgang mit den geschiedenen/wiederverheirateten Menschen besprochen. Es gab einen Konsens darüber,
dass es eine pastorale Praxis braucht,
bei der niemand in unserer Kirche
ausgeschlossen wird. Der Sakramentenzugang muss grundsätzlich allen
offenstehen, die dies ehrlich wünschen. Wir waren uns einig in der
Einschätzung, dass auch Jesus den
Menschen immer wieder einen Neuanfang anbot und niemandem gesagt
hat: «Du darfst nun nicht mehr Teil
meiner Gemeinschaft sein, beziehungsweise nur noch von Ferne zuschauen, wenn wir unser Brot teilen.»
Unsere Diskussionsgruppe unterstrich die Hoffnung, dass bei der
Bischofssynode im Oktober die Stärken unserer Kirche gefestigt werden
und es zusätzlich Öffnungen in der
pastoralen Praxis geben wird, die
eine Mehrheit der Bischöfe und auch
des Kirchenvolkes mittragen kann.
Bruno Hübscher, Seelsorger/Diakon, Nottwil
«Sakristanin zu sein, ist eine schöne, dankbare Aufgabe»
KIRCHE Josy Iten war die
gute Seele der Kirche St. Vitus
in Morgarten ZG. Nach 28 Jahren wird die 67-Jährige feierlich verabschiedet. Ein Porträt.
Eine halbe Stunde lang läuteten bei
der Mitternachtsmesse in der Vitus­
kirche in Morgarten am Ägerisee im
Kanton Zug vergangene Weihnachten
die Glocken. «Keiner konnte sie abstellen», erzählt Josy Iten. «Es war wie ein
Abschiedsgeläut – aber eines ohne Absicht.» Die 67-Jährige muss lächeln,
wenn sie an ihren letzten Einsatz als
Sakristanin in der denkmal­geschützten
Kirche St. Vitus in Morgarten denkt. Bis
dahin hatte sie sich während 28 Jahren
um das Wohlergehen von Kirche, Kaplan und Ministranten gekümmert. Hatte Bänke und Boden geputzt, das neu­
romanische Gebäude mit Blumen geschmückt, die Gewänder von Kaplan
und Ministranten in Ordnung gehalten.
Ein eingespieltes Team
«Sie war all die Jahre mit Leib und
Seele Sakristanin», stellt Urs Stierli, Gemeindeleiter der Pfarrei Oberägeri, mit
grosser Wertschätzung in der Stimme
fest. Gute zwei Jahre arbeitete der Gemeindeleiter mit Josy Iten zusammen –
die längste Zeit jedoch hatten Josy Iten
und der 2009 verstorbene Robert Andermatt ein eingespieltes Team abgegeben.
Der Unterägerer Pfarrer war von 1982
bis 2004 Kaplan in Morgarten, und noch
bis zu seinem Tod 2009 hielt er täglich
eine Messe in der Vituskirche. Und so
war auch Josy Iten bis zu dieser Zeit
täglich im Einsatz.
Und das immer sehr gerne. «Sakristanin zu sein, ist eine schöne und dankbare Aufgabe», findet Josy Iten. «Man ist
dabei sehr selbstständig», nennt sie nur
einen Grund von vielen, weshalb diese
Arbeit genau die richtige für sie war. Ein
weiterer Grund: «Die Ruhe», lacht Josy
Iten. «Es war fast erholsam, in dieser
grossen Ruhe zu putzen und zu werken.»
Kein Wunder, hat die Morgartnerin doch
vier Kinder grossgezogen und freut sich
heute zudem über sechs Enkelkinder.
Ihre Kinder haben sie früher allesamt
in ihrer Arbeit als Sakristanin unterstützt:
«Ich brauchte lange Zeit keine Stellvertretung», erzählt Josy Iten. «War ich nicht
da, sprangen die Kinder oder die Nachbarin ein.» Ehemann Hans war ebenfalls
zur Stelle, wenn es ihn benötigte. Beispielsweise, um die Christbäume in der
Kirche aufzustellen. Was der Familie sehr
entgegenkam: Man wohnt direkt neben
der Kirche. Schon die Vorgängerin von
Josy Iten hatte nahe der Vituskirche gewohnt. Als sie altershalber aufhörte,
fragte man Josy Iten als Sakristanin an.
Es folgte ein Einsatz mit viel Herzblut
Ruhestand heute noch mit einem heiteren Staunen im Blick erzählt: «Eines
Tages wollte eine Frau bei mir beichten.
Doch diesen Wunsch konnte ich ihr
natürlich nicht erfüllen.» Und was sticht
aus Josy Itens Erinnerung sonst noch
heraus? «Eigentlich lief alles im Rahmen – nur das Kässeli musste man
immer wieder vor Dieben schützen.»
Man traf sich vor der Kirche
Josy Iten blickt auf eine erfüllte Zeit als Sakristanin
in der Morgartner Vituskirche zurück.
über fast drei Jahrzehnte hinweg: Am
liebsten schmückte Josy Iten die Kirche,
beispielsweise mit Blumen aus ihrem
eigenen Garten. «Oder mit Farn aus dem
Wald oder mit Wiesenblumen.» Sie hängte nach den Gottesdiensten die Kleider
der Ministranten wieder ordentlich auf,
holte Spinnweben von der Decke, putzte Wände und Leuchten und säuberte
Bild Stefan Kaiser
die Bänke. Letzteres nicht zu selten. Die
67-Jährige schmunzelt: «Man staunt, wie
weit der Russ von den Kerzen sich absetzt, bis in grosse Teile des Kirchenraums.» Bei den Bänken habe sie stets
den Fingertest gemacht.
Vermutlich, weil sie so verwachsen
mit dem Kirchenraum schien, passierte
eines Tages, was die Sakristanin im
Natürlich hätten sich die Zeiten geändert – im Verlaufe ihrer Zeit als Sakristanin. «Früher gingen die Leute noch
häufiger in die Kirche. Auch traf man
sich regelmässig vor der Kirche. Das
Leben heute bietet eben viele Abwechslungen.» Nichtsdestotrotz ist bereits die
erste Enkelin von Josy Iten als Ministrantin im Einsatz. In den Achtziger­jahren
hatte noch Josy Itens Tochter zu den
ersten Mädchen in diesem Amt gehört.
Und noch etwas ist vielen Menschen
wohl nach wie vor eine liebe Gewohnheit: das Anzünden einer Opferkerze in
der Kirche. Josy Iten schmunzelt: «Da
hat dann jemand jeweils ein Anliegen
auf dem Herzen.» Das diese Kerzen umrahmende Glas zu putzen, gehörte übrigens auch stets zu den Aufgaben der
früheren Sakristanin. Im wohlverdienten
Ruhestand angekommen, erklärt Josy
Iten abschliessend: «Als Sakristanin ist
man ein Mensch wie alle anderen auch.
Nichts Besonderes.»
SUSANNE HOLZ
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