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Gastbeitrag von Manuela Schwesig für "neue caritas" (PDF)

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Bundespolitik
dokumentation
demografie
Chancen für mehr Lebens-
qualität aller Generationen
Bundesministerin Manuela Schwesig beschreibt Ansätze und Schwerpunkte ihres
Ministeriums zu Gestaltungsmöglichkeiten im demografischen Wandel. In der Caritas
mit ihrer Demografie-Initiative sieht sie einen Dialogpartner.
So lange wie möglich in
gewohnter Umgebung
leben: Dazu tragen kleine
Hilfen der Nachbarn
viel bei.
Bild: Peter Maszlen/fotolia.de
Manuela Schwesig
KENNEN SIE AGNES? Vielleicht
kennt der eine oder die andere die DFFFernsehserie „Schwester Agnes“. Und
sicherlich hat die Gemeindeschwester
Patin gestanden, als es darum ging, für das
Projekt „AGNES – Arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte systemische Intervention“ einen eingängigen
Namen zu finden. Fachkräfte erledigen in
dünn besiedelten Gebieten kleinere medizinische Aufgaben: Sie kontrollieren den
Blutdruck, erheben Patientendaten, helfen
bei Anträgen oder empfehlen Therapien in
Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt.
neue caritas 5/2015
Agnes-Fachkräfte sind mobil. Sie fahren
durch die Dörfer und sind gleichzeitig an
ein medizinisches Zentrum angebunden,
das eine größere Region abdeckt. Agnes ist
eine Antwort auf den demografischen
Wandel, eine Antwort aus dem großen
Bereich der Wohlfahrtspflege.
Demografiestrategie
im Dialog
Es ist sicherlich kein Zufall, dass das AgnesProgramm in vier ostdeutschen Bundesländern gestartet wurde. In Ostdeutschland
verstärkt der demografische Wandel die
Auswirkungen des Strukturwandels nach
der Vereinigung Deutschlands und macht
sich daher früher und intensiver bemerkbar. Langfristig werden aber in ganz
Deutschland weniger Menschen leben, und
sie werden im Schnitt älter sein als heute.
Dazu wird ein größerer Anteil von Menschen einen Zuwanderungshintergrund
haben. „Älter, weniger, bunter“ lautet die
Faustformel, wenn es darum geht, den
demografischen Wandel in wenigen Worten zu beschreiben. Gleichzeitig wird es
weiter regionale Unterschiede geben:
Dünn besiedelte Regionen, in denen es
innovativer Ideen bedarf, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten, Ballungszentren, die weiterhin Menschen anziehen, und
viele Schattierungen dazwischen.
Deshalb gibt es kein Patentrezept zur
Bewältigung des demografischen Wandels.
Die Demografiestrategie der Bundesregierung lebt vom Dialog zwischen Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Erfahrungen
austauschen, Ideen entwickeln – möglichst
konkret und praxisnah –, gemeinsame Vorhaben umsetzen: Auch wenn die Grundlinien des demografischen Wandels bekannt
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demografie
Bundespolitik
sind, führt kein Weg daran vorbei, immer
wieder gemeinsam nach Antworten zu
suchen, die dem jeweiligen Bedarf angemessen sind. Das Bundeskabinett hat am
14. Januar vier Zielsetzungen beschlossen,
die die Demografiepolitik der Bundesregierung bündeln sollen: das wirtschaftliche
Wachstumspotenzial stärken, eine hohe
Lebensqualität und gleichwertige Lebensverhältnisse befördern, solide Finanzen
sicherstellen und den gesellschaftlichen
Zusammenhalt stärken. Dieser Rahmen,
der auf Bundesebene gesetzt wird, muss
auf lokaler Ebene ausgefüllt werden.
„Die Demografiestrategie
der Bundesregierung lebt
vom Dialog“
Dort, wo Demografiepolitik die Menschen
in ihrem Lebensalltag berührt, wird sie
lebendig. Dort findet auch Wohlfahrtspflege statt. So verstehe ich die Demografie-Initiative der Caritas, und auch diese
Initiative ist richtigerweise auf Zusammenarbeit, auf Dialog, auf eine Öffnung
für neue Ideen und neue Partner angelegt.
Wohlergehen und Miteinander aller Generationen
Mir hat vor kurzem ein Mann aus dem Allgäu geschrieben. Er wollte einen Marathon
laufen mit 72 Jahren. Die Startplätze wurden ausgelost, er kam nicht zum Zug und
empfand dies als Diskriminierung. Diese
Momentaufnahme zeigt, welche Chancen
die längere Lebenserwartung bietet und
wie selbstbewusst ältere Menschen ihr
aktives Alter wahrnehmen und einklagen.
Man sieht aber nicht nur beim Marathon,
dass viele Ältere heute fit sind und Ausdauer haben. Unter den 55- bis 70-Jährigen
pflegen 20 Prozent der Menschen eine(n)
Angehörige(n). Familien, die Eltern und
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Schwiegereltern in der Nähe wissen, verlassen sich bei der Kinderbetreuung auf
die Älteren, die auch im bürgerschaftlichen
Engagement ebenso vertreten sind wie die
jüngeren Altersgruppen. Die Zeit, die
Kompetenz und die Aktivität einer wachsenden Zahl älterer Menschen sind das
große neue Potenzial einer Gesellschaft im
demografischen Wandel. Der soziale Bereich, in dem sich viele Ältere engagieren,
steht in vorderster Linie, wenn es darum
geht, dieses Potenzial zu erschließen und
attraktive Formen für das Engagement im
Alter zu finden – sicherlich ein Thema für
die Demografie-Initiative der Caritas. Die
Wohlfahrtsverbände und ihre Einrichtungen sind aber auch Orte, an denen das
Leben, der Lebensalltag und die Lebensqualität derjenigen älteren Menschen
gestaltet werden, die Unterstützung und
Pflege brauchen. Eine wachsende Zahl
von Menschen, viele von ihnen demenzkrank, wird in diese Lage kommen, und sie
wollen in Würde leben, so lange wie möglich in vertrauter Umgebung, in der Obhut
von Menschen, die sich kümmern. Ohne
gute Pflege, ohne mehr Zeit für Sorge und
Pflege lässt sich der demografische Wandel
nicht bewältigen.
Die Teilhabe Jüngerer
nicht vergessen
An ältere Menschen denkt man beim Thema demografischer Wandel automatisch.
Dabei darf man nicht ausblenden, dass es
die heute jungen Generationen sind, die in
20 bis 30 Jahren die Auswirkungen des
demografischen Wandels noch stärker
erleben werden. Mir war es daher wichtig,
in der Demografiestrategie der Bundesregierung auch der Jugend eine Stimme zu
geben. Oft stellt sich dann heraus, dass
gerade die Jüngeren sensibel sind für die
Anforderungen des demografischen Wandels und dass sie der Solidarität zwischen
Jung und Alt einen hohen Wert beimessen.
Im Alltag mögen unterschiedliche Einstellungen und Lebensweisen gelegentlich
aufeinanderprallen. Aber einen tiefsitzenden Generationenkonflikt gibt es nicht,
und diese Grundhaltung sehe ich als gute
Voraussetzung für die gemeinsame Gestaltung des demografischen Wandels und seiner Folgen.
Vereinbarkeit von Familie
und Beruf
Auch in den Familien macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar. Die
Generation der heute 30- bis 50-Jährigen
ist eine „Sandwich-Generation“: Die Menschen im mittleren Alter wollen etwas leisten, sie wollen Erfolg im Beruf haben – und
sie wollen Familie. Im demografischen
Wandel stehen die 30- bis 50-Jährigen zwischen den Generationen: Sie kümmern
sich um die Kinder. Sie wollen aber auch
für ihre älteren Angehörigen da sein, wenn
diese Hilfe brauchen. Manchmal kommt
alles gleichzeitig: der Pflegefall der Eltern,
die Einschulung der Kinder, neue Anforderungen im Job.
Unsere Gesellschaft kann es sich nicht
leisten, dass aus dieser Generation zu viele Menschen aus dem Beruf aussteigen, ob
für die Kinder oder für die Pflege. Ebenso
wenig kann es sich unsere Gesellschaft
leisten, dass diese Generation auf Kinder
verzichtet – oder die Pflege der Älteren
ganz den professionellen Pflegekräften
überlässt (von denen es ohnehin schon zu
wenige gibt). Demografiepolitik muss sich
also um die Sandwich-Generation der
arbeitenden Mitte kümmern.
Diese Generation ist auch eine neue
„Generation Vereinbarkeit“. Die meisten
jungen Frauen wollen Kinder und Berufstätigkeit, viele junge Männer wollen selbstverständlich für ihre Kinder da sein. Mehr
Zeit, weniger Stress in der „Rushhour“ der
mittleren Lebensjahre – darum geht es
heute. Mein Vorschlag ist deshalb eine
Familienarbeitszeit. Es muss für Männer
und Frauen möglich sein, in Familienphasen Teilzeit zu arbeiten, 32 Wochenstunden
zum Beispiel, ohne große Nachteile zu
haben. Damit würden Eltern deutlich entlastet.
Die beiden Gesetze, die als Schritte hin
zu einer Familienarbeitszeit zu Beginn des
Jahres in Kraft getreten sind, machen diesen Aspekt deutlich: Das ElterngeldPlus
neue caritas 5/2015
Bundespolitik
ermöglicht einen längeren und flexibleren
Bezug von Elterngeld und unterstützt
damit die Teilzeitarbeit jüngerer Eltern.
Die Familienpflegezeit erleichtert es, sich
als berufstätiges Familienmitglied um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern.
Partnerschaftlichkeit stärken
Wenn der demografische Wandel alle
Generationen betrifft, muss Demografiepolitik alle Generationen mitnehmen: Das
gilt für die Demografiestrategie der Bundesregierung ebenso wie für die Initiativen
und Angebote von Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden auf lokaler Ebene. Ein
ganz konkretes Beispiel aus der Förderung
des Bundesministeriums für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend sind die
Mehrgenerationenhäuser. 450 Mehrgenerationenhäuser, einige davon in Trägerschaft der Caritas, haben sich zu Knotenpunkten für Menschen aller Generationen
entwickelt. Mehrgenerationenhäuser sind
Orte der Begegnung, der sozialen Angebote und des Engagements – und zwar ausdrücklich für alle Generationen unter
einem Dach. Mehrgenerationenhäuser
sind gleichzeitig Knotenpunkte für lokale
Partnerschaften. Ein Mehrgenerationenhaus arbeitet heute im Schnitt mit mehr als
80 anderen Einrichtungen und Organisationen zusammen.
Partnerschaftlichkeit kann ein Leitbegriff für die verschiedenen Aspekte der
Gestaltung des demografischen Wandels
sein. Partnerschaftlichkeit auf der Ebene
der Organisationen ist die Chance, über
den eigenen Horizont hinauszuschauen,
zusammen und nicht mehr bloß nebeneinanderherzuarbeiten, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Initiativen zu
ergreifen. Kräfte auf intelligente Weise zu
bündeln, ist nötig, um auch in gering besiedelten Gegenden die sozialen Angebote
bereitzuhalten, die gebraucht werden – die
Demografie-Initiative der Caritas greift
diesen Aspekt ausdrücklich auf.
Partnerschaftlichkeit ist gleichzeitig ein
Begriff für menschliches Miteinander. In
der Familie: für Väter und Mütter, in der
Vereinbarkeit von Familie, Pflege und
Beruf. Aber auch über die Familie hinaus:
demografie
Wenn eine ältere Ehrenamtliche im Mehrgenerationenhaus einem Jugendlichen beibringt, was er wissen muss, um das Café im
Offenen Treff am Laufen zu halten, wenn
dieser Jugendliche sein Wissen wieder an
ältere Engagierte weitergibt – dann sorgt
Partnerschaftlichkeit auf Augenhöhe dafür, dass die Generationen in Deutschland
etwas näher zusammenrücken. Der demografische Wandel stellt uns vor große
Herausforderungen, gewiss. Aber er bietet
auch die Chance, Partnerschaftlichkeit und
Solidarität zwischen Alt und Jung bewusster zu leben und dadurch zu stärken. Wenn
wir diese Chance nutzen, kann eine ältere
und kleinere Gesellschaft sogar eine bessere Gesellschaft sein.
Manuela Schwesig
Bundesministerin
für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend
E-Mail: poststelle@
bmfsfj.bund.de
GELDQUELLE FüR SoZIAlES
Sozialpreis „innovatio 2015“
Der Sozialpreis „innovatio 2015“ fördert innovative Sozialprojekte der Kirchen und der kirchlichen Wohlfahrtsverbände mit
einem Preisgeld von insgesamt 28.000 Euro. Zehn Projekte
werden mit jeweils 2000 Euro prämiert. Der Hauptpreis wird mit
zusätzlich 8000 Euro honoriert. Bewerbungsschluss ist der
15. Mai 2015.
Ausgezeichnet werden Projekte, die beispielsweise Informationen, Betreuung, praktische Hilfe oder finanzielle Entlastung anbieten. Die Aktionen können sich an Flüchtlinge, Menschen mit
Behinderungen, Kranke, Inhaftierte, alte Menschen, benachteiligte Frauen und Kinder, Menschen mit Demenz, Sterbende und
andere bedürftige Menschen richten. Die Projekte sollen nachhaltige Handlungsperspektiven eröffnen und in die Zukunft weisen. Sie sollen bereits begonnen haben und noch nicht beendet sein.
Bewerben können sich Projektträger, die Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) sind. Bei einem
neue caritas 5/2015
selbstständigen gemeinnützigen Verein muss der kirchliche Bezug erkennbar sein. Besonders willkommen sind ökumenische
Projekte und solche, in denen Haupt- und Ehrenamtliche zusammenarbeiten.
Eine unabhängige Jury aus Vertretern von Caritas, Diakonie und
dem Magazin „Chrismon“ entscheidet über die Preisvergabe.
Der „innovatio 2015“ wird am 25. November 2015 in Berlin verliehen. Im Rahmen der Preisverleihung haben die Preisträger
Gelegenheit, ihre Projekte zu präsentieren.
Der Sozialpreis „innovatio“ wird seit 1998 von den Versicherern
im Raum der Kirchen gestiftet und durch „Chrismon“ gefördert.
Er wird alle zwei Jahre verliehen. Schirmherren sind die Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes und der Diakonie
Deutschland.
Weitere Informationen und Teilnahmebedingungen finden Bewerber auf der Website www.innovatio-sozialpreis.de.
Susanne Bauer, Bank für Sozialwirtschaft
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