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der vollständigen Stellungname ( pdf | 244 - GEW

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Vereinigung der Berliner Schulleiterinnen
und Schulleiter in der GEW (VBS-GEW)
Stellungnahme zu dem Rahmenlehrplan
für die Jahrgangsstufe 1-10 in Berlin und Brandenburg
Der neue Rahmenlehrplan, der in einer Anhörungsfassung vorgelegt wurde, stellt den Versuch dar,
auf einem hohen Niveau die Prinzipien der Kompetenzorientierung auch für das inklusive Lernen
konsequent umzusetzen.
Die systemische Ermöglichung von Individualisierung durch den neuen Rahmenlehrplan ist begrüßenswert. Durch die Einführung von Niveaustufen und deren Dehnung auf mehrere Schuljahre wird
Raum für individuelle Unterschiede gelassen und Zeit für persönliche Entwicklungen gegeben. Die
Idee, die Basiscurricula Sprachbildung und Medienbildung einzuführen und als Querschnittsqualifikationen allen Fächern und Jahrgangsstufen zugrunde zu legen, kann als gelungen eingeschätzt werden.
Die didaktisch und pädagogisch verantwortungsvolle Umsetzung der begrüßenswerten Ideen des
Rahmenlehrplanes bedarf jedoch einer kritischen Würdigung, denn es stellen sich Fragen, deren
Antwortgebung aussteht bzw. erst durch die schulische Praxis erfolgen soll.
Zudem erfordert die verantwortliche Umsetzung der Vorstellungen des neuen Rahmenlehrplanes
die entschlossene Nachsteuerung zentraler Rahmenbedingen. Geschieht dieses nicht, sehen wir als
naheliegende Gefahr ein Größerwerden der Kluft zwischen proklamiertem Ideal und praktizierter
Wirklichkeit der Berliner Schule.
1. Erfolgreiche Individualisierung erfordert eine Vielzahl gleichzeitig ablaufender Tätigkeiten für eine
Vielzahl unterschiedlicher SchülerInnen. Lehrkräfte müssen den Unterricht organisieren und Lernprozesse begleiten, zugleich die Lernprozesse und Lernfortschritte jedes einzelnen Schülers dauerhaft beobachten und gegebenenfalls protokollieren. Dies ist die unabdingbare Grundlage für die
passgenaue Entwicklung von Lernaufgaben und eine niveaustufengerechte Bewertung.
Um diesem hohen Anspruch genügen zu können, halten wir es für unabdingbar, dass zum einen
grundsätzlich eine zweite pädagogische Kraft in die jeweilige Lerngruppe gegeben wird und zum
anderen die Klassengrößen weiter reduziert werden.
2. Die beschriebenen Anstrengungen zur Individualisierung bekommen ein Niveaustufenmodell zur
Seite gestellt, das Binnendifferenzierung modellhaft weiter führt, als es bisher Realität war. Jedoch wirft das Modell zentrale Fragen auf, die von der Bildungsverwaltung noch geklärt werden
müssen, bevor nach diesem Rahmenlehrplan unterrichtet werden kann.
a) Die graphische Darstellung des Niveaustufenmodells erscheint wenig geglückt – es suggeriert
eine weitgehend vorherbestimmte Entwicklung auf die unterschiedlichen Abschlüsse, obwohl
gerade die Individualisierung der Bildungsbiographien das Ziel des Rahmenlehrplans ist.
b) Schule hat in Anerkennung ihrer Verschiedenheit ihrer SchülerInnen bisher versucht, eine allen
gemeinsame Norm zum Ziel zu erklären. Das Koordinatensystem dieser Normierung wird bezüglich der Leistungserwartung und Leistungsbewertung bislang symbolisch durch die Noten 1
bis 6 dargestellt. Diese Normierung wird nunmehr aufgegeben bzw. relativiert. Die formulierten Standards leisten in diesem Erwartungshorizont, der über jedem einzelnen Schüler aufgespannt wird, nicht das Gleiche, weil die Ansprüche in ihrem Komplexitätsgrad aufgrund der Individualisierung flexibel sind.
Dies hat Folgen für die Aussagekraft von Noten und Zeugnissen, es hat auch Folgen für die
Wahrnehmung von Förderungsbedarf bei den SchülerInnen. Wie sehen Hilfesysteme und
Hilfeleistungen für SchülerInnen aus, deren Note bislang Hilfebedarf signalisierte? Erkennen
Lehrkräfte Hilfebedarfe überhaupt noch, wenn Anforderungen relativiert werden? Was kann
eine Lehrkraft leisten in den bisherigen Klassengrößen? Auch diese Fragen machen deutlich,
dass erfolgreiche Individualisierung einen anderen Faktor als bisher für die Klassengröße und
den Einsatz von Lehrkräften und pädagogischem Personal erfordert.
Wir erwarten mit großem Interesse die diesbezüglichen Vorschläge der Verwaltung, wie bei der
Leistungsbewertung verfahren werden kann. Wir wenden uns gegen die Vorstellung, erst die
schulische Praxis Antworten auf eine so zentrale Frage wie die Leistungseinschätzung finden zu
lassen.
3. Eine Realisierung des Rahmenlehrplans setzt voraus, dass die Schulen eigene schulinterne Curricula erstellen, die die Lernbedingungen vor Ort berücksichtigen. Die Curricula beschreiben die
Lerninhalte, präzisieren die Regelstandards für jede einzelne Jahrgangsstufe und leiten daraus
auch Kriterien für die Leistungsbewertung ab.
Damit dies in angemessener Qualität geleistet werden kann, benötigen Schulen Ressourcen, die
deutlich über die gegenwärtig vorhandenen hinausgehen. Jede Schule sollte im kommenden
Schuljahr pro Unterrichtsfach/-domäne mindestens eine zusätzliche Unterrichtsstunde zugewiesen bekommen und die Möglichkeit erhalten, fachbereichsspezifische oder schulische Studientage durchzuführen. Der Prozess sollte durch gezielte Fortbildungsangebote begleitet werden.
4. Die schulinternen Curricula werfen ein weiteres Problem auf, das die Durchlässigkeit des zweigliedrigen Schulsystems berührt. Wie gestalten sich die Kriterien der Übergänge zu den Oberschulen, wenn die Grundschulen unterschiedliche Anforderungsniveaus und unterschiedliche Bildungspläne haben? Werden nicht Übergange auf die nächsthöheren Schulformen und Schulwechsel alleine innerhalb Berlins zu einem unabsehbaren Anschlussrisiko für die wechselnden
SchülerInnen?
Wir empfehlen dringend eine Präzisierung der Rahmenlehrpläne an dieser Stelle.
Zusammenfassend begrüßen wir den hohen Anspruch des Rahmenlehrplanes, in Zukunft deutlich
besser inklusiv unterrichten zu können, was es bei gelungener Umsetzung möglich machen wird,
jedem Kind eine möglichst große Chance zu geben, sein Potenzial zu entfalten und den ihm möglichen Bildungsabschluss zu erreichen.
Aber wir möchten auch warnen: Für eine gelungene Umsetzung dieser Ansprüche ist es unabdingbar,
die Berliner Schulen diesen Zielen entsprechend auszustatten. Vorschläge zu einer solchen Ausstattung liegen mit unserer Stellungnahme zu den Zumessungsrichtlinien vor.
Für den Vorstand:
Gunilla Neukirchen
(Vorsitzende der VBS-GEW)
Erarbeitet von:
Claudia Draude
Hildegard Greif-Groß
Thomas Emrich
Ulrich Meuel
Dr. Gunilla Neukirchen
Carsten Paeprer
Ronald Rahmig
Lothar Semmel
Markus Stang
März 2015
Askanisches Gymnasium
Peter-Petersen-Schule (Grundschule)
Jeanne-Barez-Schule (Grundschule)
Fritz-Karsen-Schule (Gemeinschaftsschule mit gymn. Oberstufe)
Beethoven-Schule (Gymnasium)
Hans-Fallada-Schule (Grundschule und Förderzentrum)
OSZ Kraftfahrzeugtechnik
Clay-Schule (ISS)
Grundschule im Hasengrund
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