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Stefan Dehn
www.deraugenblick.org
Kaufversion: http://www.amazon.de/Gedankentagebuch-Oktober-2014-Stefan-Dehn-ebook/dp/B00OI767P8
Auch bei diesem Gedankentagebuch gehört vorangestellt: Alle Notizen sind sehr flüchtig aufgenommen, daher
liegt keine Schönschrift und reichlich Tippfehler vor.
*
Philosophie kostet nichts, außer Zeit. Die Welt anzuschauen kostet nichts, außer das Leben. Wer denkerische
Bücher lesen will, findet heutzutage in Bibliotheken oder gerade im Internet nahezu alle relevanten Bücher
umsonst als PDF. Schließlich sind die Copyright-Rechte abgelaufen. Es wird dann zwar ein internetfähiger
Computer wie Internet benötigt, insofern bleibt ein Kostenpunkt vorhanden. Grundsätzlich ist Philosophie jedoch
das anspruchsloseste Fach, was die Basisausstattung anbelangt. Oder eben nach wie vor das anspruchsvollste: Es
wird Denkwille benötigt. Und Denkaufrichtigkeit. Diese Basisausstatung wollen sich die meisten nicht zulegen.
Mit Aufrichtigkeit zu bezahlen, heißt, für das Leben nicht mehr selbstverständlich zu sein. Es lebt sich damit
weniger verständlich, auch geht das „Selbst“ geradezu abhanden.
Philosophie kostet nichts als Zeit. Das ist ein ganz anderer Satz, mit einem anderen Schwerpunkt. Halb ironisch,
halb zutreffend. Mit Zeit zu bezahlen ist der teuerster Preis, den ein Mensch zahlen kann, Das ganze Leben kostet
nichts als Zeit. Daher hat C.G. damals Recht gehabt hat als er sagte Leben sei die größte Zeitverschwendung.
*
Nicht mangelnde Festigkeit in der Erkenntnis ist das Problem, sondern die Unausweichlichkeit in der Erkenntnis.
Zum Beispiel der Tod als Sachverhalt der konkreten Auslöschung des aktuellen Menschseins. Es ist dann erst
einmal nicht weiter relevant, ob der Tod später andere Seinsformen zu Verfügung stellt, wenn es einem auf die
aktuelle Form ankommt. Es gilt nicht so sehr das Unbekannte zu verarbeiten, sondern das was real einsichtig ist,
auch wenn nicht gewusst wird, wie sich das im Ganzen einfügt.
*
Es wird sich oft gegen Reduktion gesperrt. Wenn man jedoch bis zur Basis zurückgeht, zum Nichts, dann ist das
keine Reduktion, sondern gerade das Erfassen der ganzen Komplexität. Dieses Nichts hat die Basis „gelegt“ für
das jetzige Sein wie Denken. Alle Menschentheorien entspringen aus dem Nichts, das Denken wurde vom Nichts
mit ermöglicht, in dem es das Sein ermöglichte oder auch nur zuließ oder auch nur nicht verhindern konnte.
Nichts als Basis anzugeben ist daher keine ausweichende Reduktion, sondern gerade das Zielen auf dem
größtmöglichen Rahmen. Auf das Nichts verweisen heißt zu den Quellen von allem zugehen, wenn auch noch
nicht zu der Quelle des Nichts, das ist die volle Komplexität angehen.
*
Solange man mich sterben lässt oder ich durch meine eigene Körperlichkeit/Existenz gestorben werde, werde ich
nie dazu übergehen können, die Existenz als etwas anderes als Grausamkeit einstufen zu können. Das ist für
mich die elementarste Zerstörung, die meines „Ichs“. Nun ließe sich noch argumentieren, dadurch wird erst das
„Ich“, das Eigentliche, freigelegt (Paradies, Nirwana). Dann wäre es weiterhin Grausamkeit mich diesen
schmerzvollen Umweg gehen zu lassen, sowie mich nicht danach zu fragen, ob ich nicht lieber das Uneigentliche
bleiben möchte. Ich wäre im Eigentlichen gar nicht frei, sondern zur Eigentlichkeit genötigt. Mich nicht mehr als
Jetzt-Mensch wahrnehmen zu können ist für jene Grausamkeit, die es auf dieses Jetzt-Mensch-sein ankommt.
Grausamkeit ist wie bereits geschildert nicht nur der Tod. Ich wäre gern körperlich in meinen Zwanzigern stehen
geblieben. Mit 60 werde ich nichts mehr von den körperlichen sportlichen Tätigkeiten nachgehen können die mir
jetzt wichtig sind und schon gar nicht in derselben Intensität. Auf Krücken oder im Rollstuhl, werde ich bereits
viele Verluste verloren haben. Es wäre also unfair allein den Tod zu beschimpfen, das Leben selber ist die
Zerstörung und realisiert ja auch erst die finale Zerstörung Tod.
Wer seiner Auflösung/Zerstörung noch etwas abgewinnen kann, das verherrlicht, ist ein Todeswütiger. Wie sonst
könnte er seine Auslöschung als Glück auffassen, wenn nur in der Existenz überhaupt irgendeine Auffassung
möglich ist.
*
Manche stellen überzeugt voran sie seien Ökonom oder Philosoph. Dabei sind sie nur Menschen und nicht
einmal das. Schließlich ist die Absetzung vom Tier bereits eine gesellschaftlich generierte Abgrenzung. Genauer
ist man nur Zelle. Noch weitergehender ist man Universumsstaub, der beim Urknall entstand. Noch weiter ist
man Gas, und ja, wir landen wieder beim Nichts, ohne dass das Nichts eine Landebahn zur Verfügung stellt. Ist
Nichts die Basis, ist der Mensch seinem Wesen nach, so paradox es auf dem ersten Klang klingen mag, Nichts.
Soziale Rollen erzeugen eine falsche Identität. Sie verwischen die Spur zur eigentlichen Identität.
Die Zellen als Bündnis zum Gehirnphänomen hin tragen einen an sich Ökonom zu nennen ….
*
Diese „Was bringt das?“ Fragen. Das Leben bringt nie etwas anderes als der Tod. Das Leben bringt also real
nichts (Nichts). Wieso sollte dann eine Theorie vom Leben mehr bringen können als das Leben selber? Die
Beschreibung des Existenzzustandes ist für viele nichts bringend (Nichts-Bringend - was real ja auch stimmt, es
bringt einem das Nichts „näher“). Für die meisten Menschen hat es keinen Nutzen zu erfahren, was in der
Existenz genau passiert. So haben sich die Pädagogen ja auch immer über Luhmann beschwert, was denn seine
exakten Ablaufsbeschreibungen konkret bringen würden. Es ist erstaunlich, wie wenig den Menschen daran liegt,
sich einsichtig zu werden, wie sie ablaufen. Das hat für sie kein Nutzen. Ihr eigenes Ablaufsein als
Vergegenwärtigung hat für sie kein Nutzen. Menschen sind an ihre Tätigkeiten nicht interessieren, nur an ein
Tun.
*
Bakterie ist Zelle, ebenso der Mensch. Die Bakterie platziert keine Religion im Himmel. Sollte der Mensch als
Zelle in das Paradies einziehen dürfen und die anderen Existenzzellen nicht, wäre das weiterhin Grausamkeit.
Wenn ich ins Paradies darf und meine Lieblingskatze nicht, habe ich es nicht mit einem Paradies zu tun. Das
Paradies wäre ein gnadenloses Selektionssystem. Ob eine Bakterie Schmerzen vernimmt oder nicht ist
zweitrangig. Ein Zerstörungsprozess ist nie etwas anderes als Grausamkeit.
*
Es ist ziemlich unverschämt abstrakt zu sagen, das Leben ist ja noch ziemlich lang. Es kann sein, dass mein Leben
noch etwas anhält, aber das Leben an sich ist augenblicklich nicht ziemlich lang. Während ich solch einen
abstrakten Satz sage, sterben real überall Tausende an Menschen. Für sie war das Leben nicht lang oder nicht
mehr lang. „Das Leben“ ist kein legitimer Begriff.
*
Bildung besagt so wenig. Manche kennen alle Gedichte Deutschlands, Goethe, Schiller usw. und lügen weiterhin
(oder gerade wegen den Gedichten!) weiter über das Lügen. Diese Bildung versagt da, wo es darauf ankommt.
Ein gebildeter Mensch im Sinne der Kulturbildung muss kein Förderer des Menschendenkens sein.
*
Die Biographie von Aristoteles ist doch nicht so leicht zu schildern, wie noch Heidegger glaubte. Von wegen er
wurde geboren, hat gedacht und ist dann gestorben. Das klänge als hätte er all das aus sich heraus vermocht.
Aber ein Aristoteles steht im Zusammenhang mit dem ganzen Nichts/Universum. Ohne Urknall kein Aristoteles.
Wer folglich die korrekte Biographie eines Menschen darlegen will muss beim Nichts Anfangen, zum Urknall
übergehen usw.
Diese Ausführlichkeit hat sich noch kein Menschenbiograph auferlegt. Jeder Mensch ist erklärungsbedürftig.
Aristoteles lässt sich nicht aus sich heraus verstehen, da sein Wesen, seine Zellantriebe und
Gedankenausrichtungen, nicht durch ihn selbst in Gang gebracht wurden. Wer seine Gedanken verstehen will,
muss zuvor das Universum verstehen. Und nein das ist nicht so absurd, wie es nun für manche klingen mag.
*
Manches ist nur eine Frage der Zeit, wenn vielleicht auch nicht mehr meiner Zeit. Übrigens: Die Zeit wird wohl
kaum Fragen stellen.
*
Der Drang nach Originalität ist überbewertet, ich bin dankbar für alle, die vor mir das intensive Denken gewagt
habe. Das nimmt Arbeit ab, davon profitiere ich jetzt. Auch wenn jeder Gedanke in einem selbst neubedacht
werden muss, ist das nicht dieselbe Gedankenarbeit, wie wenn ich solch ein Gedankenbuch „Die Moral der
Gesellschaft“ von Luhmann selbst grundlegend denken und aufschreiben müsste. Wer nach Originalität giert, hat
nichts von der Welt verstanden die alles Originelle abtötet. Die Sonne ist ein Original, bald wird sie weg sein. Das
Originelle wird nicht bestehen. Nach wie vor geht es vordergründig darum eine akkurate Beschreibung des
Daseins zu liefern, da ist die Denkhilfe anderer zu begrüßen. Viele stöhnen ja, dass schon alles interessante gesagt
sei (und das muss ihnen so scheinen, da sie selber nichts Interessantes zu sagen haben, und sie auch 200 Jahre
vorher bereits gestöhnt hätten). Enttäuscht über Vorarbeit anderer können nur jene Romanschreiber und Dichter
sein, die mit originellen Geschichten glänzen wollen, da sie in ihrer Ruhmsucht, noch nichts von der
Belanglosigkeit des Ruhms verinnerlicht haben. Die Enttäuschung, dass schon „alles“ gesagt sei, verspüren am
dringlichsten die Ausdenker, die Fantasten wie Romanerzähler. Philosophen sind hingegen dankbar.
*
Ärzte sagen man solle sich nicht so viel selbst beobachten, dies führe nur zu Angst. Sehr interessant, dass
beobachten, erkennen, zu unangenehmen Gefühlen führt. Wer sich gut fühlt, hat sich und die Welt nur nicht
sonderlich tief angeschaut. Ärzte geben einem ja auch den Rat des Wegschauens, des Nicht-Beobachtens. Ich will
aber wissen was in der Welt und an und in meinem eigenen Körper vor sich geht. Und zerlegt man seine
Körperlichkeit in die einzelnen Abläufe, erhält man Einblick in die extreme Abhängigkeit wie Fragilität. Wem das
nicht beunruhigt, der hat schon seine Götter gefunden.
*
Der sogenannte Boden der Tatsachen ist bisher Grund-los. Man hat noch keinen Grund zuordnen können. Das
Nichts ist ja eigentlich auch der Boden der Tatsachen. Grund-Lage Universum, die Tatsache, darunter ist aber der
Boden der das Universum erst ermöglichte, das Bodenlose, das Nichts. Die Tatsache Existenz hat keinen Boden.
Michael Wollmann schreibt „Das Leben fällt schwerer, wenn der Boden der Tatsachen sich als bodenlos erweisen
muss.“
*
Wie man sich gründlich für den Tag vorbereitet (Zähne putzen, duschen usw.) … es ist sehr fraglich, ob der Tag
sich mit derselben Gründ-lichkeit für den Menschen vorbereitet. Vermutlich agiert er Grund-los. Der Mensch
geht mit Gründen in den grundlosen Tag. Das kann nur zu Differenzen, falschen Erwartungen und
Enttäuschungen führen.
*
Ich glaube, ich hatte den folgenden Mail-Abschnitt von mir in meine Septembergedanken nicht mehr
übernommen. Ich greife es später nochmal auf, daher kopiere ich es nun hier herein: „Ich hatte inzwischen das
Interview "Wahnsinn der Philosophie" gehört, welches du auf Twitter gepostet hattest. Ich gehe mal nicht davon
aus, dass du das Buch gelesen hast? Wenn doch, fandest du es lesenswert? Ich wollte es mir erst ausleihen, bin
aber nach dem Interview davon abgerückt. Der Psychologe sieht sich nicht auf der Seite des Wahnsinns - und mir
sind immer Menschen verdächtig, die wissen, dass sie auf der Seite des Normalen, des Vernünftigen stehen. Aber
vielleicht, bietet es dennoch interessante Aspekte? So ganz hat mich sein Gerede nicht überzeugt. Aber auch nicht
so abgeschreckt als dass ich es nie lesen würde.“
*
Taugt dieses Beispiel für die Darstellung verschiedener Logiken? 1 2 3 4 5 - eine Logik. 12 44 72 24 66 – eine
Logik. Bei den ganzen Zahlenspielen sind oft unterschiedliche Logiken unterwegs. Oder fällt das alles noch in die
Logik der Zahlen und ist daher doch nur eine Logik, zum Beispiel Mathematiklogik?
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Wenn ich mir fairere Existenzzustände ausdenken kann als ein Gott, dann bin ich wohl klüger als ein Gott?
*
Ant-Wort. Aber mit der Sprache wird nichts beantwortet, was Nicht-Sprache ist. Und Nicht-Sprache (zum
Beispiel Urknall) ist die Basis von Sprache. Sprache hat das Wort, aber keine Antwort. Wobei ja eben Ant-Wort
auch nichts anderes als Wort unterstellt.
*
„Das Leben ist, was es ist/wie es ist“ – das ist eine offensichtliche Tautologie, mit der nichts über das Leben
ausgesagt wird. Für viele genügt diese Tautologie bereits. Auch der Ich-Satz, das Leben ist gut, weil ich mich gut
fühle, oder eben der Gegenpart, das Leben ist schlecht, weil ich mich schlecht fühle, ist kein korrekter Satz, wenn
es um „das Leben“ geht.
*
Sätze I, die finale Version, ist gar nicht richtig dargestellt, da ich auch die Buchstaben in Fragezeichen verpacken
müsste und ebenso jedes Fragezeichen. Das würde zu einem nicht mehr darstellbaren Textführen, da jedes
Fragezeichen ein weiteres Fragezeichen benötigt. Ad infinitum. Aber so wäre Fremde symbolisch besser
dargestellt.
*
Jeder Satz ist eine Teilaussage. Die Teilaussage des Satzes bekommt erst Gültigkeit, wenn der Satz/Sprache das
Ganze eingesehen hat. Man kann sich folglich nicht in untergeordnete Themen flüchten, zurückziehen, auch die
können erst durch das Ganze in ihrem Gefüge belegt werden. So viel zur Flucht der Wissenschaft.
*
Heideggers In-der-Welt-sein. Gibt es überhaupt ein Außer-der-Welt-sein? „Ist“ man überhaupt je „in“ der Welt,
wenn alles Fremde ist? Man ist dann nicht „in“ was. Da ist dann kein innerhalb oder außerhalb von etwas, wenn
alles Fremde ist. Man ist nie in der Welt, wenn man diese Verortung gar nicht hat. Erst die Verortung würde ein
Innerhalb ermöglichen. Ebenso bei Geborgensein, zu Hause sein usw. Allgemein bei Positionierungen.
*
Die Heidegger Begrifflichkeit Sorge/besorgen tut so als wenn sich dafür sorge tragen ließe. Kierkegaards Begriff
„Verzweiflung“ geht viel weiter, erfasst die Existenz umfassender. Verzweiflung lässt sich nicht auflösen, die
Sorgen lassen sich nicht entsorgen oder auch nur besorgen. Tod ist wie eine Mauer, da lässt sich nichts besorgen
usw. Das Scheitern der Existenz ist mit Verzweiflung besser beschrieben, als bloß der mildernde Sorge. Ich bin
mir sicher, da Heidegger so viel von Kierkegaard inhaltlich übernommen hat, dass er die Sorge so zentralisierte,
wegen Kierkegaards Verzweiflungs-Begriff. Aber in seiner Übernahme hat Heidegger den Begriffsinhalt
abgeflacht. Er unterstellt gerne Kierkegaard, dass dieser in gewissen Fragen nicht weit genug gehe. Bei dem
Begriff Sorge ist es umgedreht, hier geht Heidegger nicht weit genug.
*
Viel wird geredet von der Realität, wenig von der Realität der Grausamkeit. Stattdessen wird von Glück
gesprochen. Wer von Glück redet, hat kein Realitätsbewusstsein.
*
Um die Realität zu verkennen müsste man sie erstmalig erkennen und daran scheitert es bereits.
*
Fremde lässt sich nicht einfangen, sonst wäre es keine Fremde. Der Fremde-Begriff passt ganz gut, da Existenz
sich nie einfangen lässt. Erde weg, Erde da, Erde weg. Wer kann das schon verstehen?
*
Wirklichkeit heißt auch, wie wirkt diese Wirklichkeit? Dies hat bisher noch keiner erfasst. Wie kann Nichts zu
Sein werden? Wie kann Gas zu Zellen/Menschen werden? Dieses Wirken hat bisher noch keiner erfasst, daher ist
die Wirklichkeit ein noch unbekannter Ort. Selbst wenn die Wirklichkeit kein Warum hat, müsste man immer
noch das Wie zur vollständigen Erklärung darlegen. Und das ist noch keinem gelungen. Insofern haben die
Menschen keinen Wirklichkeits-Zugang. Der Mensch ist als Ablebung in der Wirklichkeit zu Gange, aber er hat
keinen Zugang.
*
Der Begriff Eigentlichkeit enthält Eigenes – aber wenn alles Fremde ist, ist da nichts Eigenes. Eigentlichkeit ist der
falsche Begriff für die Ursprungslage. Eigentlichkeit unterstellt, dass der Ursprung sich selber als Ursprung
bekannt ist. Ich behaupte es ist eine Fremde, Nichts wie Sein weiß auch nicht womit es es da genau zu tun hat,
schon allein da sie wohl keine Bewusstheitsentitäten haben. Identität kann nur haben, wer auch seine Einheit
vernehmen kann. Insofern ist Nichts wie Sein sich selbst gegenüber eine Fremde. Wobei natürlich Fremde ebenso
nur vernehmen kann, wer wahrnehmen kann.
*
Die Ursprünglichkeit ist nie ganz abgeschlossen, weil jeder Augenblick ein neuer Augenblick ist. Jeder
Augenblick hat die Wurzel zum Ursprung und schafft einen neuen Ursprung für das noch Kommende. Ursprung
ist abgeschlossen und kann daher nicht mehr aufgeschlossen werden. Könnte man zum Ursprung gehen, war es
nicht der Ur-Sprung. Der Ursprung lässt sich nie untersuchen, auch nicht in Sprache. Die Forschung setzt immer
zu spät ein. Der Ur-Sprung hat immer einen Vor-Sprung, der nicht eingeholt werden kann. Ich kann nicht einmal
die Sprungweite ermessen, da ich nicht weiß, wovon losgesprungen wurde. Die Trag-Weite des Universums ist
unbekannt, solange nicht gewusst wird, wovon aus gestartet wird. Selbst wenn man das Universum als Ganzes
übersieht, weiß man nicht was seine Tragweite ist, solange nicht gewusst wird, wovon es losspringt.
*
Begriffe auszutauschen ändert nichts, wenn man in der Struktur Sprache verharrt und es doch auf die Struktur
der Nicht-Sprache ankommt. Begrifflichkeiten lösen nicht Probleme für die Nicht-Sprache.
*
Hat nicht jeder Unkenntnis, wenn es keine Erkenntnis als solche gibt? Einen Fernseher technisch erklären zu
können ist weiterhin Unkenntnis, schließlich benötigt der Fernseher als Voraussetzung das ganze Universum.
Wie kann der Urknall den Fernseher ermöglichen? Man muss folglich auch den Urknall erklären um eine wahre
Erklärung zu haben. Keiner ist Fachexperte, der nicht das Universum als Ganzes kennt.
*
Erst wenn man den Überblick für die ganzen Argumente verliert, bekommt man den Blick dafür frei, dass
Existenz nichts mit Überblick zu tun hat, sie ber außerhalb stehen um dann auf das Ganze zu blicken.
sich schon rein strukturell nicht überblicken lässt, da sie kein Außerhalb hat. Für den Überblick müsste man a
*
Das Wort auswendig passt gar nicht zum Vorgang. Wendig heißt beweglich zu sein, Auswendig ist erstarrt, zum
Beispiel wenn etwas auswendig gelernt wurde, hat man nur eine Antwort parat. Das ist keine Wendigkeit.
*
Das Genom selber ist anscheinend gar nicht an den Körperabläufen beteiligt, sondern liefert nur die
Informationen dazu. In demselben Vortrag hieß es (weiß den Namen grade nicht), dass Krebs zu den
evolutionären Ursprüngen zurückgeht, wo ein Einzeller versucht sich so schnell wie möglich zu
reproduzieren/verdoppeln/ zu teilen. Auch passiert wohl bei jeder Zellteilung eine Mutation, es entstehen immer
Fehler. Wer sich mehr teilt, hat folglich eine höhere Mutationsrate. Das passt zu dem Bakterien-Buch, wo sich
deren Typenbestand rasant in wenigen Jahren verhundertfacht hat. Der Mensch bringt hingegen nur alle 20 Jahre
ein neues Modell von sich hervor. Mutation ist da langsamer, zumindest in der Sichtbarkeit. So gesehen
entwickeln sich die Bakterien schneller als die Menschen. Und sind auch fortschrittlicher! Im Vortrag hieß es
noch, Viren gab es schon vor den Bakterien.
*
Analyse ist immer nur Analyse des eigenen Ichs, wie man Sprache anwendet und wie man die Welt sieht. .
*
In der Sprache wird das Problem um-gangen. Da das Problem Nicht-Sprache ist. Fremde lässt sich nicht
umgehen, da sie alles ist, ohne alles als Entität zu sein.
*
Wie will der Mensch Fremde je erschließen, wenn es ihm nur darauf kommt sich ihr anzuschließen und sie ins
Vertraute umzugestalten? Der Wille zur Gewöhnung. In der Schule wird einem auch nicht Fremde beigebracht,
sondern Annäherung an eine scheinbar vertraute Welt. Das Gespür für Fremde muss sich jeder eigenständig
erarbeiten.
*
Der Mund öffnet sich, spricht aus und erreicht doch die Welt nicht, die Gehirn-Abgeschlossenheit bleibt. Man hat
Fremde in der Lunge (sie ist die Lunge), man arbeitet Luft ein und aus, also Fremde. Aber der Kopf als Fremde
simuliert Gewohnheit. Er transformiert Fremde in Schein-Gewohnheit.
*
Da Fremde keine Einheit ist, kann man auch nie harmonisch mit ihr verschmelzen.
*
Jeder Satz ist schon eine Wertung, man zieht dem einen Satz dem anderen vor. So ist es ein Sprechen, wie es
Wissenschaftler, wie Alltagsmenschen, wie Philosophen tun, immer Wertung. Menschen werden nicht von
Wahrheiten angetrieben, sondern von Werten. Nicht Wer als Eigenwert, sondern als Wertung. Sie wollen die
eigenen Werte zur Geltung bringen, nicht die Wahrheit zur Geltung bringen.
*
Die Basis ist Nichts und plötzlich wird daraus Sein, und dann Denken wie Wille, der Übergang ist Fremde bzw.
ein Verbleiben in der Fremde, da sich nichts dadurch aufklärt. Da ist keine Weltformel, da ist nur Welt. Als ein
Geschehen, ohne Formel. Trotzdem geschieht es nicht formlos? Eine Ableitung ist keine Aufteilung, das Ganze
wird nicht zum Teil. Mensch leitet sich aus dem Universum ab, bleibt aber Fremde, ist nicht Teil des Universums,
allein schon, weil das Universum vorher ohne ihn prozessierte und es auch noch nach ihm tun wird. Fremde ist
alles und kann sich zu nichts anderem als Fremde ausdifferenzieren, da entstehen keine Teile. Fremde verliert nie
ihre Wesensfremde. Bzw. Fremde hat kein Wesen, denn sonst wäre sie ja erklärbar. Fremde „besticht“ gerade
durch ihr Nicht-Wesen. Die sprachliche Schwierigkeit liegt daran, dass keine Gegenseite zur Fremde möglich ist
(so wie ich sie verstehe). Das Wesen ist weder abwesend noch anwesend, dass ist ja gerade das Fremde an allem,
dass kein Wesen vorliegt als Grund usw. Fremde besticht durch Fremde.
Mit den Begriffen formt man die Fremde nur immer zu etwas hin, dass sie nicht ist. Sprache wird da zur Not. Ich
sage es gleich, kein Wort wird die Fremde näher bringen, da es nicht um ein näherbringen geht/es möglich ist.
Warum dann einen Text über Fremde lesen? Weil der Text immerhin eins erreichen kann, das Schein-Gewohnte
einzureißen. Wenn schon Fremde nicht näher gebracht werden kann, kann wenigstens aus dem Gewohnten
herausgefallen werden, also ein Schritt. Es kann auch nicht um Annäherung gehen, da Fremde schon immer im
gleichen Abstand vorhanden ist, sie ist ja „da“, man ist auch Fremde. Es geht nicht um Annäherung, es geht um
Entfernung aus dem Selbstverständlichen (Gewohnten), die nicht selbstverständlich sind. Selbstverständlich heißt
selbst verstehen, was sich von selbst versteht. Aber nichts versteht sich von selbst. (Und auch nicht aus sich selbst
heraus, wenn dieses Selbst nicht der Anfang von allem ist). Erst im Zusammenhang mit allem funktioniert etwas,
der Mensch, der Fernseher, benötigt für sein Sein und sein Funktionieren das ganze Universum und damit eben
auch das Nichts als Basis. Hinter dem Mensch steht die Geschichte des Universums wie „Geschichte“ des Nichts.
Selbstverstehen wie Selbstverständlich sind Begriffe ohne ein passendes Phänomen dazu. Es sind Leerbegriffe.
Wer sich aus der Selbstverständlichkeit entfernt kommt nirgendwo an, aber wer in Selbstverständlichkeit bleibt,
ist auch nirgendwo drin.
*
Fremde verursacht auch Angst, daher ist Fremde ein Dauerzustand. Angst ist die einzige Erkenntnis die im
Dasein möglich ist, man erkennt, dass aus Fremde nie ein Vertrauen entstehen kann, nichts was beruhigt.
*
Ich möchte eigentlich auch gar nicht Philosoph genannt werden, wenn ich sehe wer im Gleichzug mit dem selben
Elan noch alles Philosoph genannt wird. Das wertet automatisch die Bezeichnung Philosoph ab. Dann wird
vorausgesetzt ich und "Philosoph" x hätten dasselbe Bestreben, dieselbe Intensität. Während Philosoph x nur
seine Poesiesprüche herunterspult..
*
Kürzlich sah ich einen Auszug einer an sich nicht sonderlich reizvollen Dokumentation. Es ging um die Zeit. Ein
Experiment war jedoch ganz interessant. Es ging um Langeweile. Jemand sollte 5 Tage die Woche zu je 8 Stunden
ohne etwas zu tun zu verbringen. Tatsächlich hat der Teilnehmer am Ende die Untersuchung abbrechen müssen,
da er es nicht mehr ausgehalten hat,. In seinem Büro standen am Ende keine Zerstreuungsobjekte mehr. Er war
auf sich allein zurückgewiesen und wie so oft überfordert das die Menschen. Manch einer wäre vielleicht noch so
klug gewesen, die Zeit auf dem Bürostuhl durchzuschlafen. Das Experiment war natürlich kein richtiges, Der
Teilnehmer bekam Frühstück, Mittag und durfte jederzeit auf Toilette. Er hatte auch ein Bürofenster zum
rausgucken, wenn ich mich richtig erinnere. Ein denkender Mensch hätte sehr wohl die Zeit angeregt
überbrücken können, wäre vielleicht nur hibbelig geworden nichts von den Gedanken aufschreiben zu können.
Ein Stift wäre natürlich wieder ein Zerstreuungsinstrument gewesen, schreiben ist durchaus auch Zerstreuung.
Der eigentliche Punkt den ich nun setze und die Dokumentation verpasst hat: Den Tieren ergeht es nahezu jeden
Tag so. Zumindest den eingesperrten. Viele halten nur einen Vogel in der Wohnung (sie gehören nicht in die
Wohnung, aber wenn man sie schon ins Gefängnis verfrachtet, dann doch zu zweit). Dieser Vogel hat nicht viel
zu tun und kann durchaus krank daran werden. Ähnlich bei eingesperrten Katzen und allgemein Zootiere.
Besonders jene, die allein im Gehe sind. Rilkes Panther bringt es etwas auf den Punkt. Der Mensch hält solch
einen Zustand nicht lange aus ohne daran zu erkranken. Aber den Tieren zwingt man oft genug solch ein Leben
auf - sie können sich eben nicht wehren. Zeit ohne Tun, leere Zeit, frei verfügbare Zeit ist für den Menschen wie
das Tier meistens nicht brauchbar, wenn keine Zerstreuungsmöglichkeiten existieren. Es wird Zeit für
Zerstreuung benötigt, jedoch nicht Zeit als Leerlauf. Zeit um die Zeit wieder zu vertreiben, nicht um sie als
Zeitlichkeit einzufangen, voll und ganz zu erleben. Den Menschen liegt nichts an der FREIEN (zu nichts
verbundenen) Zeit, sondern an der zweckgebundenen Zeit (Zerstreuung ist auch zweckgebunden).
*
Ein Wille, der nicht Auskunft darüber geben kann, warum er will, was er will und wieso er überhaupt Wille ist der ist kein Wille. Der ist Fremde. Denn ein Wille der nichts von seinem Eigenwille weiß oder ahnt ist sich selbst
unbekannt. So viel zur Schopenhauers Begrifflichkeit Wille. Ich verstehe, worauf er zielt, aber kann die
Begrifflichkeit so nicht stehen lassen. Nicht als Abschlussaussage. Da ist Fremde besser. Da offener und eben
unbestimmter, insofern "fängt" der Begriff Fremde besser (das) Unbestimmte ein.
*
Manche schreiben zielgerichtet Bücher, die jeder lesen will. Ich schreibe am liebsten Bücher, die keiner lesen will.
*
Kann Fremde erkannt werden? Behauptet dies nicht, Erkenntnis ist möglich? Nur wenn man annimmt dieser
"Umriss" sei bereits alles. Ist ein Nebel erkannt, der alles abdeckt, wenn man ihn sieht? Und Fremde ist kein
Nebel, da ist nichts abgedeckt. Anderseits ist Fremde der Gegenbegriff zu Heimat/Vertrautheit. Hier sich nicht von
vorgegebene Begriffsbenutzung irritieren lassen. Fremde ermöglicht bei mir noch lange nicht Vertrautheit, sie hat
keine Gegenseite.
*
Im Solipsismus gibt es nur Selbstmörder. Es tötet nie etwas Äußeres. Im Solipsismus bringt sich jeder selbst brav
um. Aber warum. Er trägt er sich nicht?
*
Methode steht der Wahrheit entgegen. Methode ist ein Weg von vielen, Wahrheit kennt keine anderen Wege.
*
Die Flut und Inflation der Sätze zeigt nur den generellen Wert eines jeden Satzes an.
*
Jeder Reim geht der Sprache auf dem Leim.
*
Geduld ist keine Tugend, sondern ausschließlich etwas für die Jugend
*
Das Nichts als Basis dauert noch an, wenn es sich als Gegenwärtigkeit in die Gegenwart zieht. Würde die Basis
wegbrechen, würde die Gegenwart wegbrechen. Insofern ist die Basis nie Vergangenheit, sondern weiterhin
Gegenwärtigkeit in der Gegenwart.
*
Die Geschichte kennt IHRE eigene Geschichte nicht. So wie das Sein nicht die Anfänge des Seins kennt, sich
insofern nicht kennt. Die Geschichte des Seins ist ja nicht die Hauptgeschichte, diese findet in der Basis (Nichts)
"statt". Geschichte ist sozusagen in den primären Fragen geschichtslos.
*
Einige macht die Philosophie schwindelig und nur die Religion rettet sie vor dem Suizid. Ich hingegen würde
mich ohne Philosophie sofort umbringen.
*
Im akademischen Betrieb darf man sich nur noch Ein-Fälle, nicht mehr Aus-Fälle (Herausfallen aus dem
vorgegebenen Denkparadigma) leisten.
*
Von Novalis stammt der Satz: „Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb überall zu Hause zu sein.“
Ich wandle es ab: Philosophie ist Heimweh, dass Wissen nirgendwo, auch nicht im "Ich", zu Hause zu sein.
*
Wer in seiner eigenen Begrifflichkeit versumpft, wird nie erfahren, wie das Begriffslose (Fremde) die Begriffe
dominiert.
*
Selbst-Zweifel gehen nie weit genug. Es benötigt Existenz-Zweifel, Nichts-Zweifel, kurz: Fremdzweifel.
*
Kommt mir ein Gedanke in den Weg, wird er durchs Aussprechen wieder weggefegt. Wer mit einem Satz
schweigt, bekundet für seinen Gedanken falsches Mitleid.
*
Fremde ist nicht der Ort, hat keinen Ort, begegnet sich nicht im Ort. Fremde hat Aufenthalt in Fremde, nicht in
Örtlichkeit (erkundbarer Landschaft).
*
Sätze färben Fremde ein. Konturen für eine konturlose Fremde.
*
Ein Philosoph muss bereit sein alle Menschen zu verletzen, er übt sich darin, in dem er seine eigenen
"Gewissheiten" verlacht.
*
Sprache deckt Fremde nicht auf, verdeckt jedoch Fremde als Fremde und bringt Fremde als Vertrautheit/ im
verschleiernden Gewand der Vertrautheit.
*
Ein jeder kennt sich und bekennt sich zu sich und verkennt damit die Abwesenheit des Ichs. .
*
Die Zeit verfügt über nicht genug Zeit, sie ist immer zu spät dran, wenn es darum geht ihrem Anfangsgrund zu
begegnen.
*
Das Phänomen wurzelt im Nichts. Eine Phänomenologie, das Sich-Zeigende zu beschreiben, ist nicht so aufschlussreich, wie eine Nihillogie abzuliefern.
*
Fremde ist kein Nebel, keine Dunkelheit. Es steht im Licht, aber alles was angestrahlt wird, muss noch lange nicht
aufgeschlüsselt werden können. Licht hat keine immanente Erkenntniskraft, es beleuchtet nur. Fremde bleibt
Fremde und wenn auch alle Sonnen des Universums sie bestrahlen. Darüberhinaus ist das Licht selber Fremde.
Fremde kann hell scheinen, ohne dadurch Fremdheit zu verlieren.
*
Das Phänomen ist sich selbst ein Gespenst. Es spukt durch die Welt ohne die Gründe für seinen Spuk zu kennen.
*
Von einem philosophischen Werk kann nur der erkenntnistheoretisch überrascht werden, der sich noch nie um
die Einsicht in die Existenz als Existenz eigenständig bemüht hat.
*
Wenn die Außenwelt nicht beweisbar ist, ist die Innenwelt auch nicht beweisbar, da diese nur in Bezug auf das
Äußere eine Bedeutung als Innen erhält.
*
Zu meinen derzeit als kostenlos angebotenen Ebooks: Das interessiert ohnehin niemand. Kostenlos ist noch teuer
genug, solange man mit Denkanstrengungen bezahlen muss.
*
Das Gute an Heidegger und auch Kant ist, sie versuchen in der Sprache sehr präzise zu sein. Sie folgen oft ihrem
Irrtum, aber eben immer noch sehr präzise. Will man den Irrtum nun widerlegen wird man genötigt ebenso sehr
präzise zu sein. Das heißt sie regen zu scharfem Denken an - trotz und gerade wegen ihrer Satzirrtümer. Ein
oberflächliches Buch lässt sich leicht abtun mit dem Satz: Albern. Aber sehr genaue Sprachirrtümer sind
schwieriger zu widerlegen, weil man merkt, welche Probleme entstehen, wenn man dieselbe Exaktheit mit den
Widerlegungssätzen wagt. Es kommt der Punkt, wo man merkt die Sprache taugt eben nur begrenzt. In Bejahung
wie Negation. Während mir das auffällt, scheint es Heidegger und Kant nicht so aufzufallen, da sie munter mit
ihren Sätzen weiter machen. Die beiden sind schon fröhliche Philosophen - ungestört weiter schreiben, bis in den
bittersten Irrtum hinein. Immer denken sie konsequent zu Ende, denken sie konsequent ihre Irrtümer zu Ende.
Was so verkehrt nie ist. Zumindest für Außenstehende, da diese dann erkennen können, wohin dieses Denken
führt, zu welchen Sätzen es führt/verführt. Aber natürlich wirft dieses Denken auch genug brauchbare Sätze ab.
Brauchbar für die Sprachgestaltung, für die Existenz selber wohl nicht, da ihr mit Sprache nicht bei zukommen
ist.
*
Müssen Sätze durch Kursivsetzung Nachdruck und Aufmerksamkeit verliehen werden, sprechen sie wohl nicht
für sich selbst.
*
Wie wäre ein Teil und ein Ganzes miteinander verbunden? Das Teil dürfte nie losgelöst vom Ganzen sein, muss
eine Schnittstelle haben und zwar als Ganzes. Also das ganze Teil muss mit dem Ganzen verbunden sein. Wie
findet der Halt dieser Verknüpfung statt? Oder anders: Das Teil ist nie ein Teil, sondern immer im Ganzen, da es
sonst getrennt vom Ganzen sein müsste. Würde das Ganze sich zersplittern wäre es nicht mehr das Ganze. Der
Begriff Teil ist daher im Zusammenhang mit dem Ganzen etwas schwierig zu verwenden. Da das Teil immer
schon mit dem Ganzen verbunden ist/bleibt, ist es nie zum Teil geworden.
*
Differenz Nähe und Fremde funktioniert nicht bei der Fremde, da sie ortlos alles ist. Wäre sie ein fester Ort, wäre
sie keine Fremde mehr?
*
Menschen beschäftigen sich mit Aufbau und Ausbau von Systemen/Ideen, während die Existenz die Beschäftiger
real abbaut. Abbauchliches (Abbauliche Schriften) trifft nach wie vor die Existenz als Individualität besser,
unabhängig davon, ob daraufhin neue Lebewesen aufgebaut werden.
*
Wenn es heißt die Philosophie von Person x ist weder liberal noch demokratisch und Person x untersucht in
seinen Schriften das Sein, wird es doch etwas absurd. Ist das Sein liberal und demokratisch in dem Sinne was die
Menschen darunter verstehen? Geht es der Philosophie um die Ursprünge der Existenz, entstehen andere Fragen
als jene, die sich eine Gesellschaft der reinen Gegenwärtigkeit stellt. Philosophie ist idealtypisch (wenn auch nie
real) wertfrei. Liberal, demokratisch, humanistisch und auch rational sind alles schon Wertvorgaben und
ermöglichen keine freien Untersuchungen mehr. Das Universum ist übrigens auch nicht sehr humanistisch,
sondern tötet alle, oft sehr grausam. Wenn man schon jemand Anti-Humanismus vorwerfen will, dann zu erst
"dem" Universum, dass die Struktur der Existenz gelegt hat.
(Ich klammere die reine Heidegger-Problematik aus, da dazu ohnehin schon alles nötige gesagt ist. Wer
Denkanregungen schätzt wird ihn immer wieder lesen, wer hingegen seine eigene Dummheit schätzt wird ihn
wegen seinen persönlichen Verfehlungen nicht lesen (und fein säuberlich die eigenen persönlichen Verfehlungen
ausblenden). Wer etwas gegen Heidegger als Denker hat muss sich schon die Mühe machen ihn wegen seinen
Inhalten konkret zu widerlegen und ihn denkerisch zu bekämpfen, sofern dafür die Notwendigkeit gesehen wird
(Und manche haben dies ja auch legitim getan, teilweise überzeugend, teilweise nicht). Heidegger pauschal
abzuurteilen ist bei einem 102-Bändigen Werk in vielfältiger Bandbreite und weitem Entstehungszeitraum
ohnehin unmöglich.
*
(Die) Logik* arbeitet mit Methode, (das) Universum arbeitet vermutlich nicht, schon gar nicht mit "Methode", es
geschieht.
Erst durch dem Urknall wurde sehr verspätet (schätzungsweise 13 Milliarden Jahre später) Menschenlogik
geschaffen. Es lässt sich mit Logik nicht die Anfänge der Logik untersuchen, geschweige den Anfang des
Universums, wenn die Anfänge in der Nicht-Logik liegen. Logik arbeitet mit einem Gedankenstartpunkt, den sie
nicht mehr reflektiert. Sie agiert nicht vorannahmefrei. Die Logik ist kein ausgewogenes Denken. Was sich nicht
in all seinen Bezügen reflektiert ist kein umfassendes Denken, sondern ein einseitiges Denken. Genau dies will
die Methode, eine Seite der Herangehensweise. Logik ist eine Methode. Logik ist ein Abbruch des Denkens, da sie
nicht mehr alle Fragen stellt, sondern das Universum als für logisch untersuchbar befindet, das Universum
folglich als Logikwerk wertet, so wie nicht mehr reflektiert (reflektieren kann?), dass Nicht-Logik die Basis für
Logik ist und was dieser Sachverhalt über den Wert der Logik aussagt. Wer das Denken sucht, darf sich nicht
ausschließlich in der Logik verstecken. Wer das Denken will, muss (das) Denken wagen. Logik ist nicht
ausgewogenes Denken. Denken geht weiter als die Logik, allein weil es Fragen kann, ob das Universum vielleicht
gar nicht mit Menschenlogik in seinem "Wesen/Nicht-Wesen" eingefangen werden kann. Logik ist EINE
Denkmethode. Wer das Denken will, verlässt sich nicht auf eine einzige Methode. Wer in Paradoxien und
Widersprüchen denkt, sogenannt Nicht-Logisch, könnte durchaus dem Universum in seinem "Wesen" gerechter
werden.
* Da es eine Vielzahl von Logiken gibt, ist auch dieser Text noch eine Form der Logik, nur nicht unbedingt jene
des akademischen Betriebes. Eine Logik, die die Vielzahl der Logiken erkennt ist verstärkt ihrer eigenen
Theorielastigkeit begegnet und hat allein damit schon ein breiteres Denkfundament geschaffen.
*
Angst ist ein Überschuss an Energie.
*
Naturwissenschaft startet mit der Theorie das es so etwas wie Wahrheit gibt. Die Basis der Naturwissenschaft ist
Theorie. Sowie Wertsetzung. Wahrheit als oberster Wert. Naturwissenschaft ist nie Wertfrei. (Vgl. Martin
Heidegger: Zur Bestimmung der Philosophie. Frankfurt am Main, 1999, S. 175)
*
„Der Systematiker muss nun einmal intolerant sein.“ (Heidegger zitiert Rickert, S. 180)
*
„Dadurch, daß er das Theoretische als wertartig erweist, zwingt er uns, wissenschaftlich „das Gebiet des
theoretischen Sinnes als ein Wertgebiet anzuerkennen“, d.h. die Logik (die theoretische Philosophie) ist
Wertwissenschaft und damit die ganze Philosophie. Für die Logik als „reine Wertlehre“[…] Die Logik hat es
nirgends mit einem Sein, sondern nur mit Wertgebilden zu tun. (Heidegger nimmt Bezug auf Rickert, S. 192)
*
„Wenn Wahrheit ein Wert ist, […] dann kann ich zeigen, daß Urteilsakte, wenn sie Erkenntnis enthalten sollen,
Anerkennen oder Verwerfen bedeuten müssen.[,,,] Erkennen ist Werten und nicht Schauen.“ (Heidegger, S. 193)
*
Notizen aus und zu Cioran: Die verfehlte Schöpfung, Frankfurt am Main 1979
S. 43 „Auf die Furcht, daß nichts ist, folgt die Furcht, daß etwas sei. Man findet sich besser mit dem Abschied von
Nicht-Sein als vom Sein ab.“
S. 50 Um frei zu sein, muss sich auch noch von der Freiheit befreit werden.
Zu S. 62 Wenn man zu Jean Paul gesagt hätte dann töte dich jetzt sofort, dann hätte er es nicht gemacht, da es
eben doch einen Unterschied macht. Für das eigene temporäre Ich, aber natürlich nicht real für die Existenz.
S. 73 Buddha „Der Tod wohnt allen zusammengesetzten Dingen inne.“
S. 89 Hass nicht Liebe erhält das Leben aufrecht. Hass ist auch leichter von jedem zu „bedienen“, während Liebe
einen hohen Anforderungsgrad hat.
S. 94 Schon das Delphi damals wurde für nichtige Fragen benutzt (Kaufberatung usw.). Weisheit für Dummheit
nutzen ist der Antrieb vieler Menschen.
S.99 „Jeder Beginn einer Idee entspringt einer unmerklichen Verletzung des Geistes.“
S. 105 „Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat.“
Allerdings können auch Gespräche mit Leidenden schnell zum Geschwätz werden. Besonders jene die sich als
Heilung eine noch größere Krankheit aussuchen. Oder: Mit jene, die das Leid nicht als Lehrmeister zulassen und
sich mit Ideen kurieren/heilen - oder einfach ihre Krankheit verschlimmern: Siehe Religion aller Art. Aber auch
Philosophie. Siehe einfach Mensch und die Rezeptionsgeschichte der Hoffnung und des Wortes Glück.)
Geschwätz ist daher fast schon jede Konversation und meist auch Ich-Konversation, solange man in die
Begrifflichkeit Hoffnung abgleitet.
S. 119-120 „ Das Wort und das Schweigen. Man fühlt sich eher in Sicherheit bei einem Irren, der redet, als bei
einem Irren, der den Mund nicht auftun kann.
*
Notizen und Anmerkungen zu: Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1967.
S.101-102 „Im besonderen muß gezeigt werden, wie das Umhafte der Umwelt, die spezifische Räumlichkeit des
in der Umwelt begegnenden Seienden selbst durch die Weltlichkeit der Welt fundiert und nicht umgekehrt die
Welt ihrerseits im Raum vorhanden ist.“
Umhafte der Umwelt klingt etwas wie Luhmanns Gesellschaft der Gesellschaft. Heidegger meint aber wohl das
Wesenhafte der Umwelt. wobei es ja fraglich ist ob es so etwas wie Umwelt gibt, für sich ist jedes Gas, jede Zelle
das "Subjekt" für sich gibt es keine Umwelt, nur aus der Sicht des Subjekts als Konstruktion.
S. 126-128 „Das Wer ist nicht dieser und nicht jener, nicht man selbst und nicht einige und nicht die Summe Aller.
Das »Wer« ist das Neutrum, das Man. Früher wurde gezeigt, wie je schon in der nächsten Umwelt die öffentliche
»Umwelt« zuhanden und mitbesorgt ist. In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des
Nachrichtenwesens (Zeitung) ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein
völlig in die Seinsart »der Anderen« auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und
Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man
seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen
über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie
man sich zurückzieht; wir finden »empörend«, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und
das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor. Das Man hat selbst eigene
Weisen zu sein. Die genannte Tendenz des Mitseins, die wir die Abständigkeit nannten, gründet darin, daß das
Miteinandersein als solches die Durchschnittlichkeit besorgt. Sie ist ein existenzialer Charakter des Man. Dem
Man geht es in seinem Sein wesentlich um sie. Deshalb hält es sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen,
was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt, dem man ihn versagt. Diese
Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, wacht über jede sich
vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als
längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Die Sorge der
Durchschnittlichkeit enthüllt wieder eine wesenhafte Tendenz des Daseins, die wir die Einebnung aller
Seinsmöglichkeiten nennen.Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des
Man das, was wir als »die Öffentlichkeit« kennen. Sie regelt zunächst alle Welt- und Daseinsauslegung und
behält in allem Recht. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses zu den
»Dingen«, nicht weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf
Grund des Nichteingehens »auf die Sachen«, weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und
der Echtheit. Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem
Zugängliche aus. Das Man ist überall dabei, doch so, daß es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das
Dasein auf Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem
jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß »man« sich ständig auf
es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das
Man »war« es immer und doch kann gesagt werden, »keiner« ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins
wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es. Das Man entlastet so das jeweilige Dasein
in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern
in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung
dem jeweiligen Dasein ständig entgegenkommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft. Jeder ist
der Andere und Keiner er selbst. Das Man, mit dem sich die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins
beantwortet, ist das Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.“
Im Prinzip ist die ganze Man-Passage bereits bei Kierkegaard zu finden dort unter dem Thema "Der Einzelne"
Nur stehen sie da noch besser geschildert.
S. 131 „Weg bahnen zur Erfassung des ursprünglichen Seins des Daseins selbst, der Sorge.“ Auch das geht in
Richtung Kierkegaards Verzweiflung. Ich bin vermutlich nicht der erste dem dies auffällt.
Im Allgemeinen: Dasselbe was ich über Kant sagte trifft auf Heidegger zu. Viele Passagen ließen sich als Absurd
oder zumindest fraglich behaupten. (nicht beweisen, weil was lässt sich schon durch Sprache beweisen?). Aber
ich fokussiere mich lieber auf überwiegend jene, denen ich etwas abgewinnen kann. Luhmann sagte einmal über
Habermas so sinngemäß, dass er interessiert alles von ihm lese, aber für sein eigenes Denken dafür nichts
gebrauchen kann. Ich lese vieles was ich inhaltlich für fraglich befinde auch aufgeschlossen und interessiert, aber
es bleibt dann zu wenig davon übrig als, dass es einen großen Einfluss auf mein Denken gehabt hätte. Zumindest
in gestalterischer Hinsicht. Aber sicherlich werden einzelne Denkanregungen ihren Weg finden. Aber nicht in
dieser Summe, als dass man je zum Schüler von Person x oder y werden könnte oder wollte.
S. 153 „Weil Verstehen seinem existenzialen Sinn nach das Seinkönnen des Daseins selbst ist, übersteigen die
ontologischen Voraussetzungen historischer Erkenntnis grundsätzlich die Idee der Strenge der exaktesten
Wissenschaften. Mathematik ist nicht strenger als Historie, sondern nur enger hinsichtlich des Umkreises der für
sie relevanten existenzialen Fundamente.“
S. 165 „Das Dasein hat Sprache.“
Nur insofern der Mensch als Teil Sprache hat. aber DAS Dasein als Ganzes hat keine Reflexion wie Sprache, das
würde Gott unterstellen, Bewusstseinsentiät.
S. 186 „Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt-sein als solches.“
Angst zielt auf den größtmöglichen Rahmen, Furcht auf das Innenliegende des Rahmens.
S. 186-187 „Das Wovor der Angst ist völlig unbestimmt. Diese Unbestimmtheit läßt nicht nur faktisch
unentschieden, welches innerweltliche Seiende droht, sondern besagt, daß überhaupt das innerweltliche Seiende
nicht »relevant« ist. Nichts von dem, was innerhalb der Welt zuhanden und vorhanden ist, fungiert als das,
wovor die Angst sich ängstet. Die innerweltlich entdeckte Bewandtnisganzheit des Zuhandenen und
Vorhandenen ist als solche überhaupt ohne Belang. Sie sinkt in sich zusammen. Die Welt hat den Charakter
völliger Unbedeutsamkeit. In der Angst begegnet nicht dieses oder jenes, mit dem es als Bedrohlichem eine
Bewandtnis haben könnte.Daher »sieht« die Angst auch nicht ein bestimmtes »Hier« und »Dort«, aus dem her
sich das Bedrohliche nähert. Daß das Bedrohende nirgends ist, charakterisiert das Wovor der Angst. Diese »weiß
nicht«, was es ist, davor sie sich ängstet. »Nirgends« aber bedeutet nicht nichts, sondern darin liegt Gegend
überhaupt, Erschlossenheit von Welt überhaupt für das wesenhaft räumliche In-Sein. Das Drohende kann sich
deshalb auch nicht aus einer bestimmten Richtung her innerhalb der Nähe nähern, es ist schon »da« – und doch
nirgends, es ist so nah, daß es beengt und einem den Atem verschlägt -und doch nirgends. Im Wovor der Angst
wird das »Nichts ist es und nirgends« offenbar. Die Aufsässigkeit des innerweltlichen Nichts und Nirgends
besagt phänomenal: das Wovor der Angst ist die Welt als solche. Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im Nichts
und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Weltabwesenheit, sondern besagt, daß das innerweltlich Seiende an ihm
selbst so völlig belanglos ist, daß auf dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen die Welt in ihrer
Weltlichkeit sich einzig noch aufdrängtWas beengt, ist nicht dieses oder jenes, aber auch nicht alles Vorhandene
zusammen als Summe, sondern die Möglichkeit von Zuhandenem überhaupt, das heißt die Welt selbst. Wenn die
Angst sich gelegt hat, dann pflegt die alltägliche Rede zu sagen: »es war eigentlich nichts«. Diese Rede trifft in der
Tat ontisch das, was es war.Die alltägliche Rede geht auf ein Besorgen und Bereden des Zuhandenen. Wovor die
Angst sich ängstet, ist nichts von dem innerweltlichen Zuhandenen. Allein dieses Nichts von Zuhandenem, das
die alltägliche umsichtige Rede einzig versteht, ist kein totales Nichts. Das Nichts von Zuhandenheit gründet im
ursprünglichsten »Etwas«, in der Welt. Diese jedoch gehört ontologisch wesenhaft zum Sein des Daseins als Inder- Welt-sein. Wenn sich demnach als das Wovor der Angst das Nichts, das heißt die Welt als solche
herausstellt, dann besagt das: wovor die Angst sich ängstet, ist das In-der-Welt-sein selbst.“
Angst hat nicht die Möglichkeit, sondern die Wirklichkeit der Existenz wie des Nichts im "Blick". Da sind (Todes)garantien. Je nachdem wie man das Leben wertet, verursacht das Leben den Tod und ist daher Ort der Angst
oder eben das Nicht-Sein als Tod. Kierkegaard beschreibt es etwas besser als Heidegger, wenn mich meine
Erinnerung nicht trügt. Angst ist ja nicht nur wegen dem In der Welt sein, sondern noch mehr wegen dem bald
wieder aus der Welt sein. Angst hat also das Nichts im Fokus und es ängstigt noch mehr, dass dieses Nichts nie
ein klares Bild erzielen kann bzw nicht einmal den Bildansatz. Dennoch sind Heideggers Aussagen zur Angst
brauchbar. In der Schlusspassage wertet Heidegger die Welt als ein Nichts. Dazu würde aber nicht sein In-derWelt-sein-passen. Sowieso, immer wenn Heidegger vom Nichts redet passt es nicht zu seinen Textäußerungen.
Vermutlich weil seine Textbasis auf Göttlichkeit ausgelegt ist (Mensch als Lichtung, Sprache als Seinsbewahrer
usw.) Heidegger kann keinen richtigen Existenz-Text schreiben, da er sein katholische (?) Prägung nicht ganz
abwerfen kann. Er hat es nie mit dem Nichts zu tun. Daher fehlen seinen Texten auch oft die Anschaulichkeit der
Existenzverzweiflung. Bei ihm kann alles in Lot kommen. Durch die Sprache, den Menschen oder zur Not durch
Gott.
S. 188 „Daß die Angst als Grundbefindlichkeit in solcher Weise erschließt, dafür ist wieder die alltägliche
Daseinsauslegung und Rede der unvoreingenommenste Beleg. Befindlichkeit, so wurde früher gesagt, macht
offenbar, »wie einem ist«. In der Angst ist einem »unheimlich«. Darin kommt zunächst die eigentümliche
Unbestimmtheit dessen, wobei sich das Dasein in der Angst befindet, zum Ausdruck: das Nichts und Nirgends.
Unheimlichkeit meint aber dabei zugleich das Nicht-zuhause-sein. Bei der ersten phänomenalen Anzeige der
Grundverfassung des Daseins und der Klärung des existenzialen Sinnes von In-Sein im Unterschied von der
kategorialen Bedeutung der »Inwendigkeit« wurde das In- Sein bestimmt als Wohnen bei..., Vertrautsein mit...1
Dieser Charakter des In-Seins wurde dann konkreter sichtbar gemacht durch die alltägliche Öffentlichkeit des
Man.
Ja, die Angst zeigt man ist nicht auf vertrautem Gelände, ist nicht daheim. Sein bietet keine Heimat. Die eigene
Leiblichkeit ist keine Heimstätte. Man wird dazu noch aus dieser Leiblichkeit durch die Leiblichkeit vertrieben.
Existenz ist ein Herausfallen aus der Existenz. Aber erst einmal in die Existenz ist hereinfallen ist ebenso kurios.
S. 192 „Anders gewendet: Existieren ist immer faktisches. Existenzialität ist wesenhaft durch Faktizität
bestimmt.“ Hm naja die Wirklichkeit ist ja eher unbestimmt als faktisch, aber H. meinte ja eh was anderes?
S. 201 „Dasein ist auch wie anderes Seiendes real vorhanden. So erhält denn das Sein überhaupt den Sinn von
Realität.“ Das eben ist aber sehr fraglich. Sicherlich ist da Begwegung, Augenblicklichkeit, ob aber als ein festes
das dann das Dasein genannt werden könnte ist zu bezweifeln. Da ist etwas Vorhanden, nur bleibt es nach wie
vor ein x. Und dieses x lässt sich eben auch nicht konkret ausfüllen, da es keine eindeutige Zuordnung a la "das"
Dasein hat.
S. 211 „»Realitätsbewußtsein« ist selbst eine Weise des In-der-Welt-seins.“
Wer sich für realitätsbewusst hält, verkennt seine Theorie der Realität.
S. 215 „Die neukantianische Erkenntnistheorie des 19. Jahrhunderts hat diese Wahrheitsdefinition vielfach als
Ausdruck eines methodisch zurückgebliebenen naiven Realismus gekennzeichnet und sie für unvereinbar erklärt
mit einer Fragestellung, die durch die »kopernikanische Wendung« Kants hindurchgegangen sei. Man übersieht
dabei, worauf Brentano schon aufmerksam gemacht hat, daß auch Kant an diesem Wahrheitsbegriff festhält, so
sehr, daß er ihn gar nicht erst zur Erörterung stellt: »Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die
Enge zu treiben vermeinte..., ist diese: Was ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die
Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt...« »Wenn
Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser
Gegenstand von anderen unterschieden werden; denn eine Erkenntnis ist falsch, wenn sie mit dem Gegenstande,
worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie gleich etwas enthält, was wohl von anderen Gegenständen
gelten könnte.« Und in der Einleitung zur transzendentalen Dialektik sagt Kant: »Wahrheit oder Schein sind nicht
im Gegenstande, sofern er angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht wird.«“
Die Existenz ist Nicht-Sprache, Gehirnbewegungen sind Zelle und kommt beim Menschen als Sprachgefühl an.
Über das Denken lässt sich nie eine Übereinstmmung mit der Welt erzielen, da das Denken Sprache und die Welt
Nicht-Sprache ist. Denken wäre insofern kein gutes Wahrheitskriterium. Denken erzeugt Kriterien, aber ob die in
der Wahrhaftigkeit liegen ist sehr fraglich.
S. 222 „Zur Faktizität des Daseins gehören Verschlossenheit und Verdecktheit.“
So kann man sich ja herausreden. Man benötigt die volle Offenlegung des Ganzen, des Daseins, um sagen zu
können Verschlossenheit ist sein Kriterium (aber ließe sich das bewerkstelligen, war Offenlegung möglich und
Verschlossenheit doch nicht gegeben - paradox). Vielleicht ist da gar nichts verdeckt, nichts was offenbart werden
könnte. Fremde ist sich selber fremd und kann über sich keinen Aufschluss geben, ohne dennoch abgeschlossen
zu sein.
S. 226 „Das Dasein ist als konstituiert durch die Erschlossenheit wesenhaft in der Wahrheit. Die Erschlossenheit
ist eine wesenhafte Seinsart des Daseins. Wahrheit »gibt es« nur, sofern und solange Dasein ist. Seiendes ist nur
dann entdeckt und nur solange erschlossen, als überhaupt Dasein ist. Die Gesetze Newtons, der Satz vom
Widerspruch, jede Wahrheit überhaupt sind nur solange wahr, als Dasein ist. Vordem Dasein überhaupt nicht
war, und nachdem Dasein überhaupt nicht mehr sein wird, war keine Wahrheit und wird keine sein, weil sie als
Erschlossenheit, Entdeckung und Entdecktheit dann nicht sein kann. Bevor die Gesetze Newtons entdeckt
wurden, waren sie nicht »wahr«; daraus folgt nicht, daß sie falsch waren, noch gar, daß sie, wenn ontisch keine
Entdecktheit mehr möglich ist, falsch würden.“
Hier bindet Heidegger die Wahrheit eindeutig an den Menschen, der sie entdeckt und aufdeckt. Aber Wahrheit
spricht für sich, ist für sich, benötigt nicht den Menschen. Auch wenn der Mensch die Wahrheit nicht erkennt,
kann da durchaus die Wahrheit sein, sofern eine existiert. Sicherlich kann man darüber streiten, ob das Nichts
eine Wahrheit hat, wenn es doch nichts ist. Aber dieses Nichtssein könnte gerade sein "Wesen" und hierbei auch
seine Wahrheit sein. Unabhängig davon ob ein Mensch das so erkennt, oder eben damals erkennen konnte (denn
im Nichts existierten keine Menschen). Wahrheit gilt zu aller Zeit, unabhängig vom Erkennenden. Sonst ist sie
keine Wahrheit. Eine Wahrheit die mit dem Universum wegstirbt war nie Wahrheit, sondern auch nur
Vorübergehendes. Wahrheit als zu Vorübergehendes zu definieren, wäre möglich, aber nicht überzeugend.
Außerdem: Liegt die Basis des Seins im Nichts, liegt auch die Wahrheit des Seins im Nichts und nicht im Sein.
S. 227 „Daß es »ewige Wahrheiten« gibt, wird erst dann zureichend bewiesen sein, wenn der Nachweis gelungen
ist, daß in alle Ewigkeit Dasein war und sein wird. Solange dieser Beweis aussteht, bleibt der Satz eine
phantastische Behauptung, die dadurch nicht an Rechtmäßigkeit gewinnt, daß sie von den Philosophen
gemeinhin »geglaubt« wird.“
Das mag sein. Allerding ist das was dann noch übrig bleibt nicht Wahrheit zu nennen. Wahrheit ist in der Tat seit
je da (wäre sie es nicht, hätte sie die Anfänge nicht mitbekommen und hätte keine Wahrheit von sich selbst personifiziert gedacht. Und was ist das für eine Wahrheit die keine Wahrheit von sich hat?). Geht es um
Temporalität, und sei es auch eine Zeitlichkeit von Milliarden Jahren, geht es um etwas anderes. Etwas das auch
da ist (vorübergehend), aber dennoch nicht Wahrheit zu nennen ist. Sondern zum Beispiel Temporalität. Es kann
durchaus sein, dass die Existenz keine Wahrheit hat. Dazu habe ich ja auch schon hier und da manches
aufgeschrieben. Aber dann sollte auch die Nicht-Existenz der Wahrheit als solche benannt werden und nicht
versucht werden, das wenige was übrig bleibt und der Zeitlichkeit ausgesetzt ist Wahrheit zu nennen. Eine
Wahrheit die keine Möglichkeit in der Wahrheit zu bleiben ist höchstens noch sich selbst gegenüber eine
verzweifelnde Wahrheit (abermals personifiziert gedacht).
S. 228 „Was besagt »voraussetzen«? Etwas verstehen als den Grund des Seins eines anderen Seienden. Dergleichen
Verstehen von Seiendem in seinen Seinszusammenhängen ist nur möglich auf dem Grunde der Erschlossenheit,
das heißt des Entdeckendseins des Daseins. »Wahrheit« voraussetzen meint dann, sie verstehen als etwas,
worumwillen das Dasein ist. Dasein aber – das liegt in der Seinsverfassung als Sorge – ist sich je schon vorweg.“
Allgemein: Wie bei Kant wird auch Heidegger beim zunehmenden lesen interessanter. Einfach, da man (Ich) sich
am Anfang über blödsinnige Definitionen und Behauptungen aufregt. Dann hat man sich etwas damit
abgefunden, ignoriert sie gelassener, und konzentriert sich mehr auf das Brauchbare oder eben Anregende, das
unbestritten vorkommt.
S. 229 „verkannt, daß auch, wenn niemand urteilt, Wahrheit schon vorausgesetzt wird, sofern überhaupt Dasein
ist.“
Nein. Wahrheit kann Aufschluss geben, denn sie kennt für sich die Wahrheit. Ist alles ein Geschenen ohne
Nötiger und doch in Zwang (siehe bisherige Schriften), dann ist da Fremde ohne Auskunftmöglichkeit, da kein
Informationsgehalt vorliegt. Nicht nur, weil bis zum Anfang des Nichts keiner mehr vordringen kann, sondern
dass am Anfang des Nichts, die Basis von allem, keine Information liegt. Und keine Bewusstseinsentität
vorhanden ist die dort Information hineingelegt hätte. Die Null (eigentlich Null durchgestrichen) ließe sich
sicherlich auch noch als Information werten, das liegt dann aber wieder an der Begrifflichkeit Information und an
die Benutzung und Zuschreibung durch den Menschen. Er wertet die 0 als Information, da er sie im Kontext von
anderen Informationen stellt. Der Anfang des Nichts hat aber keinen Kontext in der sich irgendeine Information
stellen ließe.
S. 230 „Das Sein der Wahrheit steht in ursprünglichem Zusammenhang mit dem Dasein. Und nur weil Dasein ist
als konstituiert durch Erschlossenheit, das heißt Verstehen, kann überhaupt so etwas wie Sein verstanden
werden, ist Seinsverständnis möglich. Sein – nicht Seiendes – »gibt es« nur, sofern Wahrheit ist. Und sie ist nur,
sofern und solange Dasein ist.“
Heidegger hat Verstehen als Grundlage, ich Fremde als Nicht-Verstehen (ohne das da die Gegenseite Verstehen
möglich wäre. Fremde gibt das nicht her). Semi-(?)Religiöse wie Heidegger haben für sich schon immer eine Art
Verstehen gefunden, so dass sie sich nie dazu durchringen können Existenz als vollkommene Fremde
auszumachen. Sie gehen immer von Entdeckungen aus dem Verborgenen als Möglichkeit aus. Sie gehen von
Offen-Barungen aus. Fremde bietet das nicht.
S. 236-237 „Die Hoffnungslosigkeit zum Beispiel reißt das Dasein nicht von seinen Möglichkeiten ab, sondern ist
nur ein eigener Modus des Seins zu diesen Möglichkeiten. Nicht minder birgt das illusionslose »Gefaßtsein auf
Alles« das »Sichvorweg« in sich. Dieses Strukturmoment der Sorge sagt doch unzweideutig, daß im Dasein
immer noch etwas aussteht, was als Seinkönnen seiner selbst noch nicht »wirklich« geworden ist. Im Wesen der
Grundverfassung des Daseins liegt demnach eine ständige Unabgeschlossenheit. Die Unganzheit bedeutet einen
Ausstand an Seinkönnen.Seinkönnen. Sobald jedoch das Dasein so »existiert«, daß an ihm schlechthin nichts
mehr aussteht, dann ist es auch schon in eins damit zum Nicht-mehr-da-sein geworden. Die Behebung des
Seinsausstandes besagt Vernichtung seines Seins. Solange das Dasein als Seiendes ist, hat es seine »Gänze« nie
erreicht. Gewinnt es sie aber, dann wird der Gewinn zum Verlust des In-der-Welt-seins schlechthin. Als Seiendes
wird es dann nie mehr erfahrbar. Der Grund der Unmöglichkeit, Dasein als seiendes Ganzes ontisch zu erfahren
und demzufolge in seinem Ganzsein ontologisch zu bestimmen, liegt nicht in einer Unvollkommenheit des
Erkenntnisvermögens. Das Hemmnis steht auf Seiten des Seins dieses Seienden. Was so gar nicht erst sein kann, wie
ein Erfahren das Dasein zu erfassen prätendiert, entzieht sich grundsätzlich einer Erfahrbarkeit. Bleibt aber dann
die Ablesung der ontologischen Seinsganzheit am Dasein nicht ein hoffnungsloses Unterfangen?[…]wurde gar
im Grunde das Dasein nicht unversehens als ein Vorhandenes angesetzt, dem sich ständig ein Noch-nichtvorhandenes vorwegschiebt? Hat die Argumentation das Noch-nicht-sein und das »Vorweg« in einem genuinen
existenzialen Sinne gefaßt?“
Mit der "Strukturlegung" Anfang des Nichts wurde ja alles was darauf aufbaut vorbereitet. Insofern ist das Ganze
als Möglichkeit schon in dieser Basislegung enthalten. Da ist kein Vorweg, alles zieht der Struktur nach. Nur
bedeutet das auch, dass manches erst noch aus der Struktur in späterer Zeitlichkeit entsteht, jedoch als
Möglichkeit bereits in der Struktur daliegt. Der Eindruck des Vorweg-Seins oder Voraus-Seins ist dann für den
Menschen so gegeben, aber nicht für die Basis selbst.
S. 239 „Vor allem aber beruht der Hinweis auf das Sterben Anderer als Ersatzthema für die ontologische Analyse
der Daseinsabgeschlossenheit und Ganzheit auf einer Voraussetzung, die sich als eine völlige Verkennung der
Seinsart des Daseins nachweisen läßt. Diese Voraussetzung liegt in der Meinung, Dasein könne beliebig durch
anderes ersetzt werden, so daß, was am eigenen Dasein unerfahrbar bleibt, am fremden zugänglich werde. Aber
ist diese Voraussetzung wirklich so grundlos?“
S. 243-244 „Das Problem betrifft nicht die Erfassung des daseinsmäßigen Nochnicht, sondern dessen mögliches
Sein bzw. Nichtsein. Das Dasein muß als es selbst, was es noch nicht ist, werden, das heißt sein. Um sonach das
daseinsmäßige Sein des Noch-nicht vergleichend bestimmen zu können, müssen wir Seiendes in Betracht
nehmen, zu dessen Seinsart das Werden gehört. Die unreife Frucht zum Beispiel geht ihrer Reife entgegen. Dabei
wird ihr im Reifen das, was sie noch nicht ist, keineswegs als Noch-nicht-vorhandenes angestückt. Sie selbst
bringt sich zur Reife, und solches Sichbringen charakterisiert ihr Sein als Frucht. Alles Erdenkliche, das
beigebracht werden könnte, vermöchte die Unreife der Frucht nicht zu beseitigen, käme dieses Seiende nicht von
ihm selbst her zur Reife. Das Noch-nicht der Unreife meint nicht ein außenstehendes Anderes, das gleichgültig
gegen die Frucht an und mit ihr vorhanden sein könnte. Es meint sie selbst in ihrer spezifischen Seinsart. Die
noch nicht volle Summe ist als Zuhandenes gegen den fehlenden unzuhandenen Rest »gleichgültig «. Streng
genommen kann sie weder ungleichgültig, noch gleichgültig dagegen sein. Die reifende Frucht jedoch ist nicht
nur nicht gleichgültig gegen die Unreife als ein Anderes ihrer selbst, sondern reifend ist sie die Unreife. Das
Noch-nicht ist schon in ihr eigenes Sein einbezogen und das keineswegs als beliebige Bestimmung, sondern als
Konstitutivum. Entsprechend ist auch das Dasein, solange es ist, je schon sein Noch-nicht1.Was am Dasein die
»Unganzheit« ausmacht, das ständige Sichvorweg, ist weder ein Ausstand eines summativen Zusammen, noch
gar ein Noch-nicht-zugänglich-geworden-sein, sondern ein Noch-nicht, das je ein Dasein als das Seiende, das es
ist, zu sein hat.“
S. 253 „Die ausgesprochene oder auch meist verhaltene »flüchtige « Rede darüber will sagen: man stirbt am Ende
auch einmal, aber zunächst bleibt man selbst unbetroffen. Die Analyse des »man stirbt« enthüllt unzweideutig
die Seinsart des alltäglichen Seins zum Tode. Dieser wird in solcher Rede verstanden als ein unbestimmtes Etwas,
das allererst irgendwoher eintreffen muß, zunächst aber für einen selbst noch nicht vorhanden und daher
unbedrohlich ist. Das »man stirbt« verbreitet die Meinung, der Tod treffe gleichsam das Man. Die öffentliche
Daseinsauslegung sagt: »man stirbt«, weil damit jeder andere und man selbst sich einreden kann: je nicht gerade
ich; denn dieses Man ist das Niemand. Das »Sterben« wird auf ein Vorkommnis nivelliert, das zwar das Dasein
trifft, aber niemandem eigens zugehört. Wenn je dem Gerede die Zweideutigkeit eignet, dann dieser Rede vom
Tode. Das Sterben, das wesenhaft unvertretbar das meine ist, wird in ein öffentlich vorkommendes Ereignis
verkehrt, das dem Man begegnet. Die charakterisierte Rede spricht vom Tode als ständig vorkommendem »Fall«.
Sie gibt ihn aus als immer schon »Wirkliches« und verhüllt den Möglichkeitscharakter und in eins damit die
zugehörigen Momente der Unbezüglichkeit und Unüberholbarkeit. Mit solcher Zweideutigkeit setzt sich das
Dasein in den Stand, sich hinsichtlich eines ausgezeichneten, dem eigensten Selbst zugehörigen Seinkönnens im
Man zu verlieren. Das Man gibt Recht und steigert die Versuchung, das eigenste Sein zum Tode sich zu
verdecken.“
S. 258 „Man sagt: der Tod kommt gewiß, aber vorläufig noch nicht. Mit diesem »aber...« spricht das Man dem
Tod die Gewißheit ab.“
S. 266 „Das Sein zum Tode ist wesenhaft Angst. Die untrügliche, obzwar »nur« indirekte Bezeugung dafür gibt
das gekennzeichnete Sein zum Tode, wenn es die Angst in feige Furcht verkehrt und mit der Überwindung dieser
die Feigheit vor der Angst bekundet.“
S. 326 „Nur sofern Dasein überhaupt ist als ich bin-gewesen, kann es zukünftig auf sich selbst so zukommen, daß
es zurück-kommt. Eigentlich zukünftig ist das Dasein eigentlich gewesen. Das Vorlaufen in die äußerste und
eigenste Möglichkeit ist das verstehende Zurückkommen auf das eigenste Gewesen. Dasein kann nur eigentlich
gewesen sein, sofern es zukünftig ist. Die Gewesenheit entspringt in gewisser Weise der Zukunft.“
S. 334 „Ursprünglichkeit der Seinsverfassung deckt sich nicht mit der Einfachheit und Einzigkeit eines letzten
Aufbauelements. Der ontologische Ursprung des Seins des Daseins ist nicht »geringer« als das, was ihm
entspringt, sondern er überragt es vorgängig an Mächtigkeit, und alles »Entspringen« im ontologischen Felde ist
Degeneration. Das ontologische Vordringen zum »Ursprung« kommt nicht zu ontischen Selbstverständlichkeiten
für den »gemeinen Verstand«, sondern ihm öffnet sich gerade die Fragwürdigkeit alles Selbstverständlichen.“
Eine Behauptung, die es einem bequemer macht.
S. 358 „Nur-sich-umsehen. Damit ist aber noch keineswegs die »theoretische « Haltung der Wissenschaft erreicht.
Im Gegenteil, das mit der Hantierung aussetzende Verweilen kann den Charakter einer verschärften Umsicht
annehmen als »Nachsehen«, Überprüfen des Erreichten, als Überschau über den gerade »still liegenden Betrieb«.
Sich enthalten vom Zeuggebrauch ist so wenig schon »Theorie«, daß die verweilende, »betrachtende« Umsicht
ganz dem besorgten, zuhandenen Zeug verhaftet bleibt. Der »praktische « Umgang hat seine eigenen Weisen des
Verweilens. Und wie der Praxis ihre spezifische Sicht (»Theorie«) eignet, so ist die theoretische Forschung nicht
ohne ihre eigene Praxis. Die Ablesung der Maßzahlen als Resultat eines Experiments bedarf oft eines
verwickelten »technischen« Aufbaus der Versuchsanordnung. Das Beobachten im Mikroskop ist angewiesen auf
die Herstellung von »Präparaten«. Die archäologische Ausgrabung, die der Interpretation des »Fundes«
vorausgeht, erheischt die gröbsten Hantierungen. Aber auch die »abstrakteste« Ausarbeitung von Problemen und
Fixierung des Gewonnenen hantiert zum Beispiel mit Schreibzeug. So »uninteressant« und »selbstverständlich «
solche Bestandstücke der wissenschaftlichen Forschung sein mögen, sie sind ontologisch keineswegs gleichgültig.
Der ausdrückliche Hinweis darauf, daß wissenschaftliches Verhalten als Weise des In-der-Welt-seins nicht nur
»rein geistige Tätigkeit« ist, mag sich umständlich und überflüssig ausnehmen. Wenn nur nicht an dieser
Trivialität deutlich würde, daß es keineswegs am Tag liegt, wo denn nun eigentlich die ontologische Grenze
zwischen dem »theoretischen« Verhalten und dem »atheoretischen« verläuft!“
Wäre jemand ein wirklich reiner Theoretiker, weltfern, dann würde er verhungern. Insofern ist es albern vom
Theoretiker zu reden. Ausgenommen: Er führt ein ganz anderes Leben, als es seine Gedankenhaltungen in den
Texten suggerieren. Dann war er nie ein wirklich guter Theoretiker. Es ließe sich auch das Gegenteil behaupten.
Mir kommt es nur darauf an, dass es unmöglich in Weltferne zu leben und gleichzeitig zu Überleben. Sicherlich,
wenn jemand von Göttern schreibt, ihnen alles zuschreibt, und dann real sein Urin entleert und Acker bepflanzt,
dann lebt er eine Textdifferenz. Anderseits ist es naheliegend, dass rein gedanklich niemand überlebt, der Mensch
sich nicht von Sätzen ernährt. Die Textdifferenz muss sich jeder Autor vorbehalten, um Überleben zu können. Die
Authenzität des Textes hängt dann ausschließlich davon ab, wohin die Textdifferenz ausschlägt. Dieses
Geschriebene ist auch Text, aber verweist bereits auf Körperlichkeit und Textabwesenheit. Mache ich mir nachher
etwas zu essen ist da keine Textdifferenz in Bezug auf den Inhalt. Ich habe Körperlichkeit nie bestritten.
S. 364 „In welcher Weise muß Welt sein, damit das Dasein als In-der-Welt-sein existieren kann?“
S. 369 „Die Welt ist nicht im Raum vorhanden; dieser jedoch läßt sich nur innerhalb einer Welt entdecken.“
S. 374 „Die stillschweigende ontologische Ansetzung dieses Seienden als eines »in der Zeit« Vorhandenen läßt
aber jeden Versuch einer ontologischen Charakteristik des Seins »zwischen« Geburt und Tod scheitern. Das
Dasein füllt nicht erst durch die Phasen seiner Momentanwirklichkeiten eine irgendwie vorhandene Bahn und
Strecke »des Lebens« auf, sondern erstreckt sich selbst dergestalt, daß im vorhinein sein eigenes Sein als
Erstreckung konstituiert ist. Im Sein des Daseins liegt schon das »Zwischen« mit Bezug auf Geburt und Tod.
Keineswegs dagegen »ist« das Dasein in einem Zeitpunkt wirklich und außerdem noch von dem Nichtwirklichen
seiner Geburt und seines Todes »umgeben«. Existenzial verstanden ist die Geburt nicht und nie ein Vergangenes
im Sinne des Nichtmehrvorhandenen, so wenig wie dem Tod die Seinsart des noch nicht vorhandenen, aber
ankommenden Ausstandes eignet. Das faktische Dasein existiert gebürtig, und gebürtig stirbt es auch schon im
Sinne des Seins zum Tode. Beide »Enden« und ihr »Zwischen« sind, solange das Dasein faktisch existiert, und sie
sind, wie es auf dem Grunde des Seins des Daseins als Sorge einzig möglich ist. In der Einheit von Geworfenheit
und flüchtigem, bzw. vorlaufendem Sein zum Tode »hängen« Geburt und Tod daseinsmäßig »zusammen«. Als
Sorge ist das Dasein das »Zwischen «.“
S. 381 „Primär geschichtlich – behaupten wir – ist das Dasein. Sekundär geschichtlich aber das innerweltlich
Begegnende, nicht nur das zuhandene Zeug im weitesten Sinne, sondern auch die Umweltnatur als
»geschichtlicher Boden«. Wir nennen das nichtdaseinsmäßige Seiende, das auf Grund seiner Weltzugehörigkeit
geschichtlich ist, das Weltgeschichtliche. Es läßt sich zeigen, daß der vulgäre Begriff der »Weltgeschichte« gerade
aus der Orientierung an diesem sekundär Geschichtlichen entspringt. Das Weltgeschichtliche ist nicht etwa erst
geschichtlich auf Grund einer historischen Objektivierung, sondern als das Seiende, das es, innerweltlich
begegnend, an ihm selbst ist.“
S. 401 „»Mit der Geschichte ists so, daß was Spektakel macht und augenfällig ist nicht die Hauptsache ist. Die
Nerven sind unsichtbar wie das Wesentliche überhaupt unsichtbar ist.“ (Graf York)
*
Notizen aus/zu Heinrich Rickert: Der Gegenstand der Erkenntnis
S. 8 „Daß es Erkenntnis gibt, muß auch die Theorie des Erkennens, ja gerade sie voraussetzen, denn was sollte sie
sonst untersuchen?“
S. 12 „Die empirischen Disziplinen müssen vielmehr ,,dogmatisch" sein, d. h. eine Anzahl von Voraussetzungen
ungeprüft hinnehmen, denn sie würden nicht vorhanden sein, wenn sie es nicht getan hätten.“
S. 13 „Allerdings, nicht absolut voraussetzungslos, denn ein Denken, das mit Nichts beginnen wollte, würde auch
niemals von der Stelle kommen.“
Jede vorausgesetzte Grundannahme ist eben eine Theorie und somit ist das Fundament aller Wissenschaften wie
Alltagsmenschen Theorie, egal wie praxisnah sie sich gebärden.
S. 20 „Dagegen, zu behaupten, mein Körper existiere gewisser als seine körperliche Umgebung, die Außenwelt,
ist erkenntnistheoretisch sinnlos. Daher täte man gut, in der Erkenntnistheorie nicht von einer Frage nach der ,,
Realität der Außenwelt" zu sprechen, denn jeder wird bei diesen Worten an die eigentliche Außenwelt, d. h. an
die das psychophysische Subjekt räumlich umgebenden Körper denken, und dann ist der Ausdruck nur
verwirrend.“
S. 21 „Das Grundproblem der Erkenntnistheorie ist demnach das Problem der transzendenten Realität. Nur sie
scheint die Unabhängigkeit zu besitzen, die weder die uns räumlich umgebende Welt noch der
Bewußtseinsinhalt aufweist.“
Nunja, Erkennen hat unterschiedliche Qualitäten. Ich mag teilweise die Außenwelt erkennen, aber wie die
Lichtbrechung, manches nur verzerrt, obwohl mir die Verzerrung nicht unmittelbar auffällt + blinder Fleck. Daher
bleibt nach wie vor fragenswert, wie viel der Mensch in seinem Erkennen wirklich erkennt, und was er nicht sieht,
dass er es nicht sieht.
„Daher bleiben wir dabei, nur die Ansicht als Realismus zu bezeichnen, die behauptet, daß es außer der logisch
undurchdringlichen, dem Bewußtsein immanenten Realität noch eine andere ,,dahinter" liegende, transzendente
Wirklichkeit gibt. Diese ist dann nicht unmittelbar gewiß, sondern falls sie mit Recht angenommen wird,
erschlossen. Also muß die Erkenntnistheorie prüfen, auf welche Gründe der Schluß sich stützt, der zu ihr
hinführt. Am Anfang kann sie nur den Idealismus vertreten, genauer den Vorstellungsidealismus, der
versuchsweise das Reale mit dem unmittelbar gegebenen oder vorgestellten Sein zusammenfallen läßt. Mehr
brauchen wir nicht, um zu sehen, daß es ein Problem der Transzendenz gibt Wir stellen fest, daß alles Wirkliche,
das wir mit unbezweifelbarer Gewißheit kennen, aus Bestandteilen zusammengesetzt ist, die man als
Bewußtseinsinhalte auffassen muß, und daß ohne Weiteres nichts verbürgt, daß die Realitäten noch etwas
anderes sind. Es ergibt sich daraus der ,,Satz der Phänomenalität", wie Dilthey ihn genannt hat, oder der Satz der
Immanenz, wie man besser sagen wird, wonach alles, was für mich da ist, unter der allgemeinsten Bedingung
steht, Tatsache des Bewußtseins zu sein. Er ist der einzige Ausgangspunkt für eine Erkenntnistheorie, die vom
erkennenden Subjekt so voraussetzungslos wie möglich zum Gegenstand der Erkenntnis vordringen will. Mit
welchem Rechte man einen wirklichen Gegenstand annimmt, der nicht Bewußtseinstatsache ist, sondern
transzendent existiert, muß gefragt werden.“
*
Notizen zu: Julius Bahnsen: Der Widerspruch im Wissen und Wesen der Welt
S. 281 „Mathematiker hätten sich überhaupt nicht mit Zeit und Raum zu befassen, weil diese beiden grade
vermöge ihrer Unendlichkeiten aufhörten, ein Messbares, also eine Größe zu sein.“
S. 293 Der Begriff Unendlichkeit ist ein Endlichkeitsbegriff, da er nie zu Ende gedacht werden kann, also in seiner
Unendlichkeit, sondern immer nur in seiner Endlichkeit.
S. 298 Aristoteles schrieb der Übergang gehörte schon ganz der Bewegung an.
*
Notizen zu Konrad Lorenz: Das sogenannte Böse, München 1998
S. 37 „Der Laie, mißleitet vom Sensationsbedürfnis der Presse und des Films, stellt sich das Verhältnis zwischen
den »wilden Bestien« der »grünen Hölle« des Dschungels erfahrungsgemäß als einen blut-dürstigen Kampf aller
gegen alle vor. Noch jüngst gab es Filme, in denen man zum Beispiel einen Bengaltiger mit einem Python und
gleich darauf diesen mit einem Krokodil kämpfen sah. Ich darf mit gutem Gewissen versichern, daß dergleichen
unter natürlichen Bedingungen nie vorkommt. Welches Interesse hätte auch eines dieser Tiere daran, das andere
zu vernichten? Keines von ihnen stört die Lebensinteressen des anderen! Auch denken Fernerstehende
erfahrungsgemäß bei Darwins Aus-druck »Kampf ums Dasein«, der zum oft mißbrauchten Schlagwort wurde,
irrtümlicherweise meist an den Kampf zwischen verschie-denen Arten. In Wirklichkeit aber ist der »Kampf«, an
den Darwin dachte und der die Evolution vorwärts treibt, in erster Linie die Konkurrenz zwischen
Nahverwandten.“
Wenn A1 mit A2 kämpft und B1 mit B2 usw. sind dennoch am Ende ALLE in einem Kampf verstrickt. Ein Jeder
gegen Jeden als Aussage lässt sich daher aufrechterhalten. Schließlich kämpft am Ende auch jede eigene interne
Zelle gegen einen (bzw. sie kann es von ihrer Struktur her nicht verhindern). Und man darf nicht nur die direkten
Attacken werten. Jemand der auf der Autobahn ein Tier überfährt tut dies vielleicht nicht absichtlich, aber das
Resultat ist dennoch dasselbe: Tod. Und so wirken sich implizit alle Lebewesenhandlungen auch auf andere aus. Es
mag ein ungewollter Kampf sein, dennoch auch hier mit demselben Resultat: Immer nur Tod. Ich verstehe warum
Lorenz seinen Punkt betont und in der Exaktheit hat er zwar Recht, aber er nicht im Resultat der Sache. Lorenz
scheint auch an einem Gott zu glauben, von daher ist ein "natürlicher " Tod kein Gewaltakt für ihn. Während dies
für mich jeder Tod ist. Daher die Natur in JEDEM Schritt zur unausweichlichen Grausamkeit hinführt.
S. 39 „Was eine Tierart unmittelbar in ihrer Existenz bedroht, ist nie der »Freß-feind«, sondern, wie gesagt, immer
nur der Konkurrent. Als in grauer Vorzeit der Dingo, ein primitiver Haushund, vom Menschen nach Australien
gebracht wurde und dort verwilderte, rottete er keine einzige Art seiner Beutetiere aus, wohl aber die großen
Beutelraubtiere, die auf die gleichen Tiere Jagd machten wie er. An Kampfeskraft waren ihm die einheimischen
großen Beutelraub-tiere, der Beutelwolf und der Beutelteufel, erheblich überlegen, aber die Jagdart dieser
altertümlichen, verhältnismäßig dummen und langsamen Wesen war der des »modernen« Säugetieres unterlegen. Der Dingo verminderte die Populationsdichte der Beutetiere so sehr, daß die Methoden der Konkurrenten
nicht mehr »lohnten«. So leben sie heute nur mehr in Tasmanien, wo der Dingo nicht hingekommen ist.“
S. 39 „Aber auch in anderer Hinsicht ist die Auseinandersetzung zwischen Raubtier und Beute kein Kampf im
eigentlichen Sinne des Wortes. Zwar mag das Zuschlagen der Tatze, mit dem der Löwe seine Beute ergreift, in
seiner Bewegungsform demjenigen gleichen, mit dem er seinem Nebenbuhler eins auswischt, wie ja auch ein
Jagdgewehr und ein Militärkarabiner einander äußerlich ähneln. Aber die inneren, verhaltensphysiologischen
Beweggründe des Jägers sind von denen des Kämpfers grundverschieden. Der Büffel, den der Löwe
niederschlägt, ruft dessen Aggression so wenig hervor, wie der schöne Truthahn, den ich soeben voll Wohlgefallen in der Speisekammer hängen sah, die meine erregt. Schon in den Ausdrucksbewegungen ist die
Verschiedenheit der inneren Antriebe deutlich abzulesen. Der Hund, der sich voll Jagdpassion auf einen Hasen
stürzt, macht dabei genau dasselbe gespannt-freudige Gesicht, mit dem er seinen Herrn begrüßt oder ersehnten
Ereignissen entgegensieht. Auch dem Gesicht des Löwen kann. man, wie aus vielen ausgezeichneten
Photographien zu entnehmen ist, im dramatischen Augenblick vor dem Sprunge ganz eindeutig ansehen, daß er
keineswegs böse ist: Knurren, Ohrenzurücklegen und andere vom Kampfverhalten her bekannte
Ausdrucksbewegun-gen sieht man von jagenden Raubtieren nur, wenn sie sich vor einer wehrhaften Beute
erheblich fürchten – und selbst dann nur in Andeutungen.Näher mit echter Aggression verwandt als der Angriff
des Jägers auf seine Beute ist der interessante umgekehrte Vorgang, die »Gegenoffensive« des Beutetieres gegen
den Freßfeind. Besonders sind es gesellschaftlich lebende Tiere, die zu vielt das sie gefähr-dende Raubtier
angreifen, wo immer sie ihm begegnen. Deshalb nennt die englische Sprache den in Rede stehenden Vorgang
»mobbing«, der deutschen Umgangssprache fehlt ein entsprechen-des Wort, nur die alte Jägersprache hat eins,
die sagt: Krähen oder andere Vögel »hassen auf« den Uhu, die Katze oder sonst einen nächtlich jagenden
Freßfeind, wenn sie seiner bei Tageslicht ansichtig werden. Man würde indessen selbst bei Hubertusjüngern
Anstoß erregen, wollte man etwa sagen, eine Rinderherde habe »auf« einen Dackel »gehaßt«, obwohl es sich
tatsächlich, wie wir sogleich hören werden, um einen durchaus vergleichbaren Vorgang handelt.Die
arterhaltende Leistung des Angriffs auf den Freßfeind ist offensichtlich. Selbst wenn der Angreifer klein und
waffenlos ist, tut er dem Angegriffenen sehr fühlbaren Schaden. Alle einzeln jagenden Tiere haben ja nur dann
Aussicht auf Erfolg, wenn ihr Angriff die Beute überrascht. Dem Fuchs, dem ein Eichelhäher laut kreischend
durch den Wald folgt, dem Sperber, hinter dem ein Schwarm zwitschernder, warnschreiender Bachstelzen
herfliegt, ist die Jagd für heute gründlich verdorben. Durch das Hassen vieler Vögel auf Eulen, die sie bei Tage
entdeckt haben, soll offenbar der nächtliche Jäger so weit vertrieben werden, daß er am nächsten Abend
anderswo jagt. Besonders interessant ist die Funktion des Hassens bei manchen sehr sozialen Vögeln, wie bei den
Dohlen und vielen Gänsen. Bei ersteren liegt der wichtigste Arterhaltungs-wert des Hassens darin, den
unerfahrenen Jungen beizubringen,wie der gefährliche Freßfeind aussieht. Angeborenermaßen wissen sie dies
nämlich nicht. Ein für Vögel einzigartiger Fall von traditionell weitergegebenem Wissen!Die Gänse »wissen«
zwar auf Grund recht selektiver angeborener Auslösemechanismen, daß etwas Pelziges, Rotbraunes, langgestreckt Dahinschleichendes höchst gefährlich ist, aber dennoch ist auch bei ihnen die arterhaltende Leistung des
»mobbing« mit all seiner ungeheuren Aufregung und dem Zusammenströmen vieler, vieler Gänse von weither
im wesentlichen lehrhafter Natur. Wer es noch nicht gewußt hat, lernt dabei: Hier kommen Füchse vor! Als an
unserem See nur ein Teil des Ufers durch ein fuchssicheres Gitter vor Raubtieren geschützt war, mieden die
Gänse jegliche Deckung, die einen Fuchs hätte verbergen können, auf einen Abstand von 15 und mehr Meter,
während sie im geschützten Gebiet furchtlos in die Dickichte junger Fichten eindrangen. Neben dieser
didaktischen Leistung hat das Hassen auf Raubsäugetiere bei Dohlen wie bei Gänsen selbstverständlich auch
noch seine ursprüngliche Wirkung, dem Feinde das Leben sauer zu machen. Dohlen stoßen nachdrücklich und
tätlich auf ihn, und die Gänse scheinen ihn durch ihr Geschrei, ihre Menge und ihr furchtloses Auftreten
einzuschüchtern. Die schweren Kanadagänse gehen dem Fuchs sogar zu Lande in geschlossener Phalanx nach,
und nie habe ich gesehen, daß er dabei versucht hätte, einen seiner Quälgeister zu fangen. Mit zurückgelegten
Ohren und ausgesprochen geekel-tem Gesicht sieht er über die Schulter weg nach der trompetenden Gänseschar
und trollt sich langsam, sein »Gesicht wahrend«, von dannen.“
Seite vergessen: Das mit dem Django ist auch ein gutes Beispiel, was ich mit der inirekten Grausamkeit meine die
sich immer sehr direkt auswirkt. Die Opfer des Django sterben ohnehin, nun haben aber auch noch die
Konkurrenten das Nachsehen und Verhungern. Gehäufte Grausamkeit. Für Opfer und Konkurrent. Und die
Djangos vermehren sich rasch, sterben aber weiterhin einen grausamen Einzeltod. Die Natur als geschlossenes
Erdsystem ist Grausamkeit, auch wenn nicht jedes einzelne Lebewesen unmittelbar das andere attackiert. Und
letztlich wird jedes Lebewesen durch die eigene Leiblichkeit attackiert, die eigenen Zellen, und real getötet.
S. 45 „Die Frage nach dem Arterhaltungswert des Kämpfens hat bekanntlich schon Darwin selbst gestellt und
auch schon eine einleuchtende Antwort gegeben: Es ist für die Art, für die Zukunft, immer von Vorteil, wenn der
stärkere von zwei Rivalen das Revier oder das umworbene Weibchen erringt. Wie so oft, ist diese Wahr-heit von
gestern zwar keine Unwahrheit, aber doch nur ein Spezial-fall von heute, und die Ökologen haben in jüngerer
Zeit eine noch viel wesentlichere arterhaltende Leistung der Aggression nachge-wiesen. Ökologie kommt von
griechisch οικοσ, das Haus, und ist die Lehre von den vielfältigen Wechselbeziehungen, die zwischen dem
Organismus und seinem natürlichen Lebensraum, seinem »Zu-Hause«, bestehen, zu dem natürlich auch alle
anderen, eben-falls dort lebenden Tiere und Pflanzen zu rechnen sind. Wenn nicht etwa die Sonder-Interessen
einer sozialen Organisation ein enges Zusammenleben fordern, ist es aus leicht einsehbaren Gründen am
günstigsten, die Einzelwesen einer Tierart möglichst gleichmäßig über den auszunutzenden Lebensraum zu
verteilen. In einem Gleichnis aus dem menschlichen Berufsleben ausgedrückt: Wenn in einem bestimmten Gebiet
auf dem Lande eine größere Anzahl von Ärzten oder Kaufleuten oder Fahrradmechanikern ihr Auslangen finden
soll, werden die Vertreter jedes dieser Berufe gut daran tun, sich möglichst weit weg voneinander
anzusiedeln.Die Gefahr, daß in einem Teil des zur Verfügung stehenden Biotops eine allzu dichte Bevölkerung
einer Tierart alle Nahrungs-quellen erschöpft und Hunger leidet, während ein anderer Teil ungenutzt bleibt, wird
am einfachsten dadurch gebannt, daß die Tiere einer Art einander abstoßen. Dies ist, in dürren Worten, die
wichtigste arterhaltende Leistung der intraspezifischen Aggression.“
Setzt aber voraus, dass das Individuum für die Art "denkt" und nicht doch bloß für sich.
S. 48 „Da sind, noch verrück-ter, andere Fische, die als Parasiten von großen Fischen leben, denen sie Stücke aus
der Oberhaut stanzen, und unter diesen sind, was das Verrückteste ist, solche, die den vorerwähnten Putzerfisch
in Farbe, Form und Bewegungsweise täuschend nachahmen und sich so unter Vorspiegelung falscher Tatsachen
an ihre Opfer heranmachen. Wer zählt die Völker, nennt die Namen?“
Das Beispiel hatte ich aus einem anderen Buch schon einmal festgehalten. Jedoch: Aus diesem
Ablaufsmechanismus lassen sich nahezu so viele Fragen der sogenannten Evolution unterbringen, das es wichtig
ist, dies klare und einfache Beispiel für später erneut festzuhalten.
S. 48-49 „Jeder dieser Fische aber ist ausschließlich daran interessiert, daß sich in seinem kleinen Revier kein
anderer der gleichen Art ansiedelt. Die Spezialisten anderer »Berufe« schädigen seinen Geschäftsgang genauso
wenig, wie in unserem weiter oben gebrauchten Gleichnis die Anwesenheit eines Arztes im gleichen Dorf dem
des Fahrradmechanikers Eintrag tut.In weniger dicht besiedelten Biotopen, in denen die gleiche Einheit des
Raums nur für drei oder vier Arten Lebensmöglich-keiten bietet, kann es ein ortsbeständiger Fisch oder Vogel
»sich leisten«, auch alle andersartigen und seinen Unterhalt eigentlich nicht beeinträchtigenden Lebewesen
fernzuhalten. Wollte nun ein reviertreuer Korallenfisch Gleiches versuchen, so würde er sich völlig erschöpfen
und doch nicht imstande sein, das eigene Territorium von dem Gewimmel der Nicht-Konkurrenten verschiedener Professionen freizuhalten. Es ist im ökologischen Interesse aller ortsansässigen Arten, daß jede von ihnen
die räumliche Ver-teilung ihrer Individuen für sich und ohne Rücksicht auf andere Arten vollzieht.Die im ersten
Kapitel beschriebenen bunten »Plakat«-Farben und die durch sie selektiv ausgelösten Kampfreaktionen
bewirken, daß jeder Fisch jeder Art nur von dem gleich-artigen Nahrungskonkurrenten gemessenen Abstand
hält. Dies ist die sehr einfache Antwort auf die viel und oft diskutierte Frage nach der Funktion der Farben der
Korallenfische.“
S. 50 „Jagdgebiet das Hinterbein zu heben. Zweitens aber besteht die von Leyhausen und Wolff nachgewiesene,
sehr interessante Möglich-keit, daß eine räumliche Verteilung gleichartiger Tiere über den verfügbaren Biotop
nicht nur durch einen Raumplan, sondern ebensogut durch einen Zeitplan bewirkt werden kann. Sie haben an
freilaufenden, auf offenem Lande lebenden Hauskatzen gefunden, daß mehrere Individuen dasselbe Jagdgebiet
benutzen können, ohne je miteinander in Streitigkeiten zu geraten, indem sie seine Benutzung nach einem festen
Stundenplan einteilen, ganz wie die Hausfrauen unseres Seewiesener Instituts die Benützung der gemeinsamen
Waschküche. Eine zusätzliche Sicherung gegen unliebsame Begegnungen besteht in den Duftmarken, die diese
Tiere – die Katzen, nicht die Hausfrauen – in regelmäßigen Abständen, wo immer sie gehen und stehen,
abzusetzen pflegen. Diese wirken genau wie das Blocksignal auf der Eisenbahn, das ja in analoger Weise darauf
abzielt, ein Zusammenstoßen zweier Züge zu verhindern: Die Katze, die auf ihrem Pirschweg das Signal einer
anderen vorfindet, dessen Alter sie sehr wohl zu beurteilen vermag, zögert oder schlägt einen anderen Weg ein,
wenn es frisch abgesetzt ist, bzw. setzt ruhig ihren Weg fort, wenn es ein paar Stunden alt ist.“
Organisation? Nicht ganz.
S. 51 „Wenn dann der Besiegte flieht, so führt die Trägheit der Reaktio-nen beider Tiere zu jenem Vorgang, der
immer dann eintritt, wenn ein sich selbst regelndes Geschehen sich mit einer Verzögerung abspielt, nämlich zu
einer Schwingung. Dem Verfolgten kehrt mit Annäherung an sein Hauptquartier der Mut wieder, während der
des Verfolgers in dem Maße sinkt, in dem er ins Feindesland vordringt. Schließlich macht der eben noch
Fliehende kehrt und greift ebenso unvermittelt wie energisch den vorherigen Sieger an, den er nun völlig
voraussagbarerweise schlägt und vertreibt. Das Ganze wiederholt sich dann noch mehrere Male, bis die beiden
Kämpfer schließlich ausgependelt sind und an einer ganz bestimm-ten Stelle zum Stillstand kommen, an der sie,
nunmehr im Gleich-ge-wicht, gegeneinander drohen ohne anzugreifen.Diese Stelle, die Revier-»Grenze«, ist also
keineswegs auf dem Erdboden eingezeichnet, sondern ausschließlich durch ein Kräfte-gleichgewicht bestimmt
und kann, wenn sich dieses im geringsten ändert, sei es auch nur, daß einer der Fische gerade vollgefressen und
daher faul ist, an einer anderen Stelle, etwas näher dem Hauptquartier des Gehemmten liegen.“
S. 55 „Die rein intra-spezifische Zuchtwahl kann zur Ausbildung von Formen und Verhaltensweisen führen, die
nicht nur bar jedes Anpassungswertes sind, sondern die Arterhaltung direkt schädigen können. Deshalb habe ich
auch im vorangehenden Absatz so ausdrücklich erwähnt, daß die Familienverteidigung – also eine Form der
Auseinandersetzung mit der außer-artlichen Umwelt – den Rivalenkampf herausgezüchtet hat und dieser erst
seinerseits die wehrhaften Männer. Wenn geschlechtliche Rivalität allein, ohne funktionelle Beziehung zu einer
auf die Außenwelt gerichteten arterhaltenden Leistung, in bestimmter Richtung Zucht-wahl treibt, kann es unter
Umständen zu bizarren Bildungen kommen, die der Art als solcher durchaus nicht nützlich sind. Das Geweih der
Hirsche zum Beispiel wurde ausgesprochen im Dienste des Rivalenkampfes entwickelt, ein Exemplar, das seiner
entbehrt, hat nicht die geringste Aussicht, Nachkommen zu erzeugen. Sonst ist das Geweih bekanntermaßen zu
nichts gut. Gegen Raubfeinde verteidigen sich auch männliche Hirsche nur mit den Vorderhufen, nie mit dem
Geweih. Daß die verbreiterte Augensprosse des Rentieres zum Schneeschaufeln verwendet wird, hat sich als
Märchen erwiesen. Sie dient vielmehr dem Schutz der Augen bei einer ganz bestimmten ritualisierten
Bewegungsweise, bei der der Rentierhirsch sein Geweih heftig gegen niedere Büsche schlägt.“
S. 55 „Genau wie der Rivalenkampf wirkt sich oft die vom Weibchen getriebene geschlechtliche Zuchtwahl aus.
Wo immer wir extreme Ausbildung bunter Federn, bizarrer Formen usw. beim Männchen finden, liegt der
Verdacht nahe, daß die Männer nicht mehr kämpfen, sondern daß das letzte Wort in der Gattenwahl vom
Weibchen gesprochen wird und daß dem Mann gegen diese Entscheidung keine »Rechtsmittel« zur Verfügung
stehen. Paradiesvögel, Kampfläufer, Mandarinente und Argusfasan sind Beispiele solchen Verhaltens. Die
Argusfasanhenne reagiert auf die großen, mit wunderschönen Augenflecken gezierten Armschwin-gen des
Hahnes, der sie in der Balz vor den Augen der Umworbe-nen spreizt. Sie sind so riesig, daß der Hahn kaum mehr
fliegen kann, und je größer sie sind, desto stärker wird die Henne erregt. Die Zahl der Nachkommen, die ein
Hahn in einer gewissen Zeit-einheit erzeugt, steht im geraden Verhältnis zur Länge jener Federn. Selbst wenn
ihm deren extreme Ausbildung in anderer Hinsicht zum Nachteil gereicht, wenn er beispielsweise viel früher von
einem Raubtier gefressen wird als ein Rivale mit weniger verrückter Übertreibung des Balzorgans, wird er doch
ebensoviel oder mehr Nachkommenschaft hinterlassen als jener, und so erhält sich die Anlage zu gewaltigen
Armschwingen völlig entgegen den Interessen der Arterhaltung. Es wäre genausogut denkbar, daß die
Argushenne auf einen kleinen roten Fleck auf den Armschwingen des Männchens reagierte, der beim
Zusammenfalten der Flügel verschwände und weder der Flugfähigkeit noch der Schutzfärbig-keit des Vogels
Eintrag täte. Aber die Evolution des Argusfasans hat sich nun einmal in die Sackgasse verrannt, die darin besteht,
daß die Männer in bezug auf möglichst große Armschwingen miteinander konkurrieren, mit anderen Worten, die
Tiere dieser Art werden niemals die vernünftige Lösung finden und »beschließen«, diesen Unsinn hinfort sein zu
lassen.Wir stoßen hier zum ersten Mal auf ein stammesgeschichtliches Geschehen, das uns befremdlich und bei
tieferem Nachdenken geradezu unheimlich anmutet. Zwar ist uns der Gedanke vertraut, daß die Methode des
blinden Versuchs und Irrtums, die von den großen Konstrukteuren angewandt wird, notwendigerweise manchmal zu Bauplänen führt, die nicht gerade die zweckmäßigsten sind. Ganz selbstverständlich gibt es im Tier- und
Pflanzenreiche neben dem Zweckmäßigen auch alles, was nicht so unzweckmäßig ist, daß die Selektion es
ausmerzt. Hier aber liegt etwas völlig anderes vor. Der strenge Wächter über die Zweckmäßigkeit »drückt nicht
nur ein Auge zu« und läßt eine zweitklassige Konstruktion passie-ren, nein, die Selektion selbst ist es, die sich
hier in verderben bringende Sackgassen verirrt. Sie tut dies immer dann, wenn der Wettbewerb der Artgenossen,
ohne Beziehung zur außer-artlichen Umwelt, allein Zuchtwahl treibt.Mein Lehrer Oskar Heinroth pflegte im
Scherz zu sagen: »Neben den Schwingen des Argusfasans ist das Arbeitstempo des westli-chen
Zivilisationsmenschen das dümmste Produkt intraspezifischer Selektion.« Die Hast, in die sich die
industrialisierte und kommer-zialisierte Menschheit hineingesteigert hat, ist in der Tat ein gutes Beispiel einer
unzweckmäßigen Entwicklung, die ausschließlich durch den Wettbewerb zwischen Artgenossen bewirkt wird.
Die heutigen Menschen kriegen die Managerkrankheit, arteriellen Hochdruck, genuine Schrumpfnieren,
Magengeschwüre und quälende Neurosen, sie verfallen der Barbarei, weil sie keine Zeit mehr für kulturelle
Interessen haben, und all dies unnötigerweise, denn sie könnten ja eigentlich ganz gut ein Abkommen treffen,
hinfort etwas langsamer zu arbeiten, d. h., sie könnten das theore-tisch, denn praktisch bringen sie es
offensichtlich ebensowenig fertig, wie Argushähne beschließen können, sich weniger lange Schwungfedern
wachsen zu lassen.“
S. 135-137 „Derartige Hemmungen, dem Artgenossen Schaden anzutun, gibtes im Reiche der höheren Wirbeltiere
in unermeßlicher Zahl. Sie spielen oft auch dort eine wesentliche Rolle, wo der vermensch-lichende Beobachter
tierischen Verhaltens gar nicht vermuten würde, daß Aggression vorhanden ist und besondere Mechanismen zu
ihrer Unterdrückung nötig seien. Daß beispielsweise Tiermütter durch besondere Hemmungen daran verhindert
werden müssen, gegen ihre eigenen Kinder, besonders gegen die neugeborenen oder frisch aus dem Ei
geschlüpften, aggressiv zu werden, wird demjenigen geradezu paradox erscheinen, der an die »Allmacht« des
»untrüglichen« Instinktes glaubt.
In Wirklichkeit sind diese besonderen Hemmungen der Aggres-sion deshalb sehr nötig, weil ein brutpflegendes
Elterntier gerade zu der Zeit, zu der es kleine Junge hat, ganz besonders aggressiv gegen jegliches andere
Lebewesen sein muß. Eine brütende Vogelmutter muß in Verteidigung ihrer Brut jedes sich dem Neste nähernde
Lebewesen angreifen, dem sie einigermaßen gewachsen ist. Eine Pute muß, solang sie auf dem Neste sitzt,
dauernd bereit sein, Mäuse, Ratten, Iltisse, Krähen, Elstern usw. usw. mit höchstem Krafteinsatz anzugreifen,
ebenso aber auch ihre Artge-nossen, den rauhbeinigen Hahn wie die nestsuchende Henne, die für die Brut fast
ebenso gefährlich sind wie jene Freßfeinde. Sie muß zweckmäßigerweise um so aggressiver sein, je näher die
Bedrohung dem Mittelpunkt ihrer Welt, d. h. ihres Nestes, ist. Nur dem eigenen Küken, das gerade in diesem
Brennpunkt ihrer Aggression aus der Schale schlüpft, darf sie nichts tun! Wie meine Mitarbeiter Wolfgang und
Margret Schleidt herausfanden, wird diese Hemmung bei der Pute ausschließlich akustisch ausgelöst. Zwecks
Untersuchung gewisser anderer Reaktionen des Truthahns auf akustische Reize hatten sie eine Anzahl Puten
durch Operation am inneren Ohre taub gemacht. Da man dies nur am frisch geschlüpften Küken tun kann und
zu diesem Zeitpunkt die Geschlechter nicht sicher zu unterscheiden sind, befanden sich ungewolltermaßen unter
den tauben Vögeln auch einige Weibchen. Diese boten sich, zumal sie zu nichts anderem gut waren, zu
Versuchen über die Funktion des Antwort-Verhaltens an, das eine so wesentliche Rolle in den Beziehungen
zwischen Mutter und Kind spielt. Wir wissen z. B. von Graugänsen, daß diese kurz nach dem Ausschlüpfen
dasjenige Objekt als Mutter betrachten, das mit Lautäußerungen auf ihr »Pfeifen des Verlassenseins« antwortet.
Die Schleidts wollten nun frischgeschlüpfte Putenküken zwischen einer hörenden und ihr Piepen richtig
beantwortenden Henne und einer ertaubten wählen lassen, von der zu erwarten war, daß sie ihre Lockrufe
Zufalls verteilt, ohne Reaktion auf das Pfeifen des Kükens, ertönen lassen werde.
Wie so oft in der Verhaltensforschung, ergab das Experiment etwas, das niemand erwartete, aber das weit
interessanter war als das erhoffte Ergebnis. Die tauben Truthennen brüteten völlig normal, wie auch vorher ihr
soziales und geschlechtliches Ver-halten durchaus der Norm entsprach. Als aber ihre Küken schlüpf-ten, zeigte
sich das mütterliche Verhalten der Versuchstiere in höchst dramatischer Weise gestört: alle tauben Hennen
hackten alle ihre Kinder sofort nach dem Schlüpfen kurzerhand tot! Wenn man einer tauben Henne, die ihre
normale Brutperiode auf Kunsteiern abgesessen hat und demnach zur Annahme von Küken bereit sein müßte,
ein Eintags-Putchen zeigt, so reagiert sie keineswegs mit mütterlichem Verhalten, läßt keine Locktöne hören,
sondern spreizt beim Herannahen des Jungen schon auf meterweite Entfer-nung abwehrbereit ihr Gefieder,
faucht wütend und hackt, sowie das Putchen in Reichweite ihres Schnabels kommt, so scharf und hart nach ihm,
wie sie nur kann. Wenn man nicht annehmen will, daß die Pute noch in anderen Belangen und nicht nur in ihrer
Hörfähigkeit gestört sei, läßt dieses Verhalten nur eine einzige Deutung zu: sie besitzt angeborenermaßen nicht
die geringste Information darüber, wie ihr Junges auszusehen hat. Sie hackt nach allem, was sich in Nestnähe
bewegt und nicht so groß ist, daß Fluchtreaktionen die Aggression übertönen. Einzig und allein die
Lautäußerung des piependen Putchens löst angeborenermaßen mütterliches Verhalten aus und setzt die
Aggression unter Hem-mung.
Nachf Nachfolgende Experimente an normalen, hörenden Puten bestäti-gen die Richtigkeit dieser Interpretation.
Nähert man einer brüten-den Pute ein naturgetreu ausgestopftes Küken als Marionette aneinem langen Draht, so
hackt sie genauso nach ihm, wie die taube es tut. Läßt man aber durch einen in die Attrappe eingebauten kleinen
Lautsprecher das auf Tonband aufgenommene »Weinen« eines Putenkükens ertönen, so wird der Angriff durch
das Eingreifen einer offensichtlich gewaltig starken Hemmung ebenso plötzlich abgebremst, wie ich es oben von
Cichliden und Damhirschen geschildert habe; die Henne beginnt die typischen Führungslaute zu äußern, die bei
der Pute dem Glucken der Haushenne entsprechen.
Jede erfahrungslose Pute, die soeben zum ersten Mal gebrütet hat, greift alle Gegenstände an, die sich in
Nestnähe bewegen und deren Größe, grob gesprochen, zwischen der einer Spitzmaus und einer großen Katze
liegt. Wie die zu vertreibenden Raubtiere im besonderen aussehen, »weiß« ein solcher Vogel nicht angeborenermaßen. Er hackt nach einem stumm dargebotenen Wiesel oder Goldhamster auch nicht heftiger als nach einem
ausgestopften Putenküken und ist andererseits sofort bereit, die beiden erstge-nannten mütterlich zu behandeln,
wenn sie sich mittels eines eingebauten Lautsprechers und eines Kükenpiep-Tonbandes als Putenkinder
»ausweisen«. Es ist ein eindrucksvolles Erlebnis zu beobachten, wie eine solche Pute, die eben noch wütend nach
einem stumm genäherten Küken hackte, sich unter mütterlichem Locken breit macht, um einen piependen
Iltisbalg, einen Wechsel-balg in des Wortes verwegenster Bedeutung, bereitwillig unter sich kriechen zu lassen.“
S. 166-168 „Von verschiedenen Soziologen ist die Meinung vertreten worden, die Familie sei die ursprünglichste
Form sozialen Zusammenhaltes und aus ihr seien stammesgeschichtlich alle die verschiedenen For-men der
Vergesellschaftung hervorgegangen, die wir bei höheren Lebewesen vorfinden. Das mag für manche
staatenbildende Insek-ten und möglicherweise auch für einige Säugetiere, einschließlich der Primaten samt dem
Menschen, bedingt richtig sein, darf aber nicht verallgemeinert werden. Die ursprünglichste Form der
»Gesellschaft« im weitesten Sinne des Wortes ist die anonyme Scharbildung, für die uns die Fische des freien
Weltmeeres das typische Beispiel abgeben. Innerhalb des Schwarmes gibt es keinerlei wie immer geartete
Struktur, keine Führer und keine[…]Die rein quantitative, in gewissem Sinne sehr demokratische Auswirkung
dieser Art von Stimmungs-Übertragung bringt es mit sich, daß ein Fisch-Schwarm um so schwerer von Entschluß
ist, je mehr Individuen er enthält und je stärker deren Herdentrieb ist. Ein Fisch, der, aus welchen Gründen
immer, in bestimmter Richtung zu schwimmen beginnt, kann ja nicht umhin, in Bälde aus dem Schwarm heraus
ins freie Wasser zu geraten und gleichzeitig damit unter den Einfluß aller jener Reize, die ihn in den Schwarm
zurückzuziehen trachten. Je mehr Fische auf irgendwelche Außen-reize hin in gleicher Richtung losschwimmen,
desto eher werden sie den Schwarm mitziehen, je größer der Schwarm und damit sein Gegenzug ist, desto
weniger weit werden seine unternehmenden Mitglieder kommen, ehe sie, wie von einem Magneten angezogen,
um- und in den Schwarm zurückkehren. Ein großer Schwarm kleiner und dicht zusammengedrängter Fische
bietet daher ein klägliches Bild der Unentschlossenheit. Immer wieder entsteht ein kleiner Strom
unternehmungslustiger Einzeltiere, der sich wie das Scheinfüßchen einer Amoebe vorschiebt. Je länger solche
Pseudo-podien werden, desto dünner werden sie und desto stärker wirdoffensichtlich der Zug in ihrer
Längsrichtung, und meist endet der ganze Vorstoß mit überstürzter Flucht zurück ins Herz der Schar. Man kann
ganz kribbelig werden, wenn man diesem Treiben zusieht, und man kann nicht umhin, an der Demokratie zu
zweifeln und Vorteile in der Rechtspolitik zu sehen.Daß dies indessen wenig berechtigt ist, zeigt ein sehr
einfaches Experiment von großer soziologischer Tragweite, das Erich von Holst einst mit Elritzen ausführte. Er
operierte einem einzelnen Fischchen dieser Art das Vorderhirn weg, und in diesem stecken, wenigstens bei
diesen Fischen, alle Reaktionen des Schwarmzu-sammenhaltes. Die vorderhirnlose Elritze sieht, frißt und
schwimmt wie eine normale, das einzige Verhaltensmerkmal, durch das sie sich von einer solchen unterscheidet,
besteht darin, daß es ihr egal ist, wenn sie aus dem Schwarm herausgerät und ihr keiner der Genossen
nachschwimmt. Ihr fehlt daher die zögernde Rücksichtnahme des normalen Fisches, der, auch wenn er noch so
intensiv in bestimmter Richtung schwimmen möchte, sich doch schon bei den ersten Bewegungen nach den
Schwarmgenossen umsieht und sich davon beeinflussen läßt, ob ihm welche folgen und wie viele. All dies war
dem vorderhirnlosen Kameraden völlig egal; wenn er Futter sah oder aus sonstwelchen Gründen irgendwohin
wollte, schwamm er entschlossen los, und siehe da – der ganze Schwarm folgte ihm. Das operierte Tier war eben
durch seinen Defekt eindeutig zum Führer geworden. Die Wirkung der intraspezifischen Aggression, welche die
Tiere gleicher Art auseinandertreibt und distanziert, ist derjenigen des Herdentriebes entgegengesetzt, und starke
Aggression und engster Scharzusam-menhalt schließen einander selbstverständlich aus.“
S. 185 „Innerhalb des Rudels herrscht eine rasch funktionierende Nach-richtenübermittlung durch
Stimmungsübertragung und, was am wichtigsten ist, ein Erhalten und Weitergeben einmal gewonnener
Erfahrung durch Tradition. Finden die Ratten eine neue, bisher unbekannte Nahrung, so entscheidet nach den
Beobachtungen Steinigers meist das erste Tier, das sie findet, ob die Großfamilie davon frißt oder nicht. »Sind erst
einige Tiere des Rudels am Köder gewesen, ohne ihn anzunehmen, so geht gewiß kein Rudel-angehöriger mehr
heran. Besonders wenn die ersten den Giftköder nicht annehmen, so verwittern sie ihn durch ihren Urin oder
Kot. Auch wenn es nach den örtlichen Verhältnissen äußerst unbequem gewesen sein muß, den Kot obenauf
zusetzen, findet man oft die Losung auf den so abgelehnten Giftködern.« Was aber das Erstaun-lichste ist: Das
Wissen um die Gefährlichkeit eines bestimmten Köders wird von Generation auf Generation weitergegeben und
überlebt bei weitem jene Individuen, die schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht haben. Die Schwierigkeit, den
erfolgreichsten biolo-gischen Gegenspieler des Menschen, die Wanderratte, wirklich erfolgreich zu bekämpfen,
liegt vor allem darin, daß die Ratte mit grundsätzlich ähnlichen Mitteln arbeitet wie der Mensch, mit traditionsmäßiger Überlieferung von Erfahrung und ihrer „
S. 195-197 „Das anfänglich ängstlich unterwürfige Weibchen verliert mit der Furcht vor dem Männchen auch jede
Hemmung, aggressive Verhaltensweisen zu zeigen. Plötzlich ist es mit ihrer vorherigen Schüchternheit zu Ende,
und sie steht frech und groß mitten im Revier ihres Mannes mit gespreizten Flossen, in vollem Imponier-gehaben
und in einem Prachtkleid, das sich bei den in Rede stehen-den Arten von dem des Männchens kaum
unterscheidet. Das Männchen wird, wie zu erwarten, böse, denn die Reizsituation, die von der imponierenden
Gattin geboten wird, läßt ja nichts vermissen, was wir aus unseren Reiz-Analysen als kampfauslösen-de
Schlüssel-Reize kennen. Der Mann fährt also auf seine Frau los, nimmt ebenfalls die Stellung des Breitseits-
Imponierens an, und es sieht für Bruchteile von Sekunden so aus, als ob er sie rammen würde – und dann
passiert das, was mich veranlaßt hat, dieses Buch zu schreiben. Das Männchen hält sich nicht oder nur Bruch-teile
von Sekunden mit dem Bedrohen des Weibchens auf, es könnte das gar nicht, es wäre zu erregt, es geht
tatsächlich zum wütenden Angriff über – aber nicht gegen seine Frau, sondern scharf an ihr vorüber gegen einen
anderen Artgenossen, unter natürlichen Umständen regelmäßig gegen den Reviernachbarn!Es ist dies ein
klassisches Beispiel des Vorganges, den wir mit Tinbergen eine neu-orientierte oder umorientierte Bewegung
(engl.redirected activity) nennen. Er ist dadurch definiert, daß eine bestimmte Verhaltensweise, die von einem
Objekt ausgelöst wird, aber, weil dieses gleichzeitig hemmende Reize aussendet, an einem anderen als dem
auslösenden Gegenstand abreagiert wird. So haut beispielsweise ein Mensch, der sich über einen anderen ärgert,
eher mit der Faust auf den Tisch als jenem ins Gesicht, eben weil gewisse Hemmungen dies verhindern, während
der Zorn wie ein Vulkan Auslaß begehrt.[…]Man sieht deshalb einem jungverpaarten Bunt-barschmännchen,
besonders wenn die Intensität der ganzen Reak-tion nicht allzu hoch ist, ganz deutlich an, daß es eigentlich seiner
jungen Frau ganz gerne einen kräftigen Rammstoß versetzen möchte, aber im allerletzten Augenblick durch
andersartige Motive daran verhindert wird und nun lieber seine Wut auf den Nachbarn entlädt.“
S. 201 „Ein Vogel richtet sich hoch und dräuend vor dem anderen empor und entfaltet die mächtigen Schwingen,
den Schnabel gegen den anderen gezückt, die Augen scharf auf ihn gerichtet, ein Bild gefährlicher Drohung, und
in der Tat gleicht bis zu diesem Punkte die Befriedungsgebärde durchaus der Vorbereitung zum Angriff. Diese
drohende Darstellung der eigenen Schrecklichkeit wendet der Vogel im nächsten Augenblick von seinem
Gegenüber ab, indem er eine Wendung um 180 Grad vollführt und nun, immer noch mit weit gebreiteten
Flügeln, dem Partner seinen wehrlosen Nacken präsentiert, der bekanntlich beim Europäischen Kranich und
vielen anderen Arten mit einem wunderschönen rubinroten Käppchen geziert ist. Sekundenlang verharrt der
»tanzende« Vogel betont in dieser Stellung und bringt so in verständlicher Symbolik zum Ausdruck, daß seine
Angriffsdrohung nicht gegen den Partner, sondern ganz im Gegenteil geradewegs von diesem weg, gegen die
böse Außenwelt, gerichtet ist, wobei schon das Motiv der Ver-teidigung des Freundes anklingt. Hierauf dreht
sich der Kranich wiederum dem Freunde zu und wiederholt diesem gegenüber die Demonstration seiner Größe
und Stärke, kehrt sich dann sofort wieder ab und vollführt nun bedeutsamerweise einen Scheinangriff gegen
irgendein Ersatzobjekt, am liebsten gegen einen daneben-stehenden nicht befreundeten Kranich, aber auch gegen
eine harm-lose Gans, ja im Notfall gegen ein Holzstückchen oder Steinchen, das dann mit dem Schnabel erfaßt
und drei- bis viermal in die Luft geworfen wird. Das Ganze sagt so klar wie menschliche Worte: »Ich bin groß
und schrecklich, aber nicht gegen dich, sondern gegen den da, gegen den da, gegen den da.«“
S. 239-240 „Wie wir aus dem 8. Kapitel wissen, gibt es Tiere, die der intra-spezifischen Aggression völlig
entbehren und lebenslang in fest gefügten Scharen zusammenhalten. Man sollte meinen, solche Wesen seien
prädestiniert für die Ausbildung dauernder Freund-schaft und brüderlichen Zusammenhaltes einzelner
Individuen, doch findet sich dergleichen gerade unter solchen friedlichen Herdentieren niemals, ihr
Zusammenhalt ist stets völlig anonym. Ein persönliches Band, eine individuelle Freundschaft finden wir nur bei
Tieren mit hoch entwickelter intraspezifischer Aggression, ja, dieses Band ist um so fester, je aggressiver die
betreffende Tierart ist. Es gibt kaum aggressivere Fische als Buntbarsche, kaum aggressivere Vögel als Gänse. Das
sprichwörtlich aggressiv-ste aller Säugetiere, Dantes »bestia senza pace«, der Wolf, ist der treueste aller Freunde.
Wenn Tiere jahreszeitlich abwechselnd einmal territorial und aggressiv sind, das andere Mal aber aggres-sionslos
und gesellig, so beschränkt sich jede etwaige persönliche Bindung auf die Periode der Aggressivität.[…]Ein
persönliches Band aber kennen wir nur bei Knochenfischen, Vögeln und Säugern, bei Gruppen also, von denen
keine vor dem späteren Erdmittelalter auftauchte. Es gibt also sehr wohl intraspezifische Aggression ohne ihren
Gegen-spieler, die Liebe, aber es gibt umgekehrt keine Liebe ohne Aggres-sion.“
S. 246 „Sie verhindern nämlich nur die Erforschung solcher Vorgänge des menschlichen Lebens, die den
Menschen als hohe Werte erscheinen, mit anderen Worten solcher, auf die sie stolz sind. Man kann es nicht scharf
genug sagen: daß uns heute die Funktionen unseres Verdauungstraktes gründlich bekannt sind und daß auf
Grund dieser Kenntnisse die Medizin, besonders die Chirurgie des Darmes, alljährlich Tausenden von Menschen
das Leben rettet, verdanken wir ausschließlich dem glücklichen Umstände, daß die Leistungen dieses Organs in
niemandem besondere Ehrfurcht und Hochachtung erwecken. Wenn die Menschheit auf der anderen Seite der
pathologischen Auflösung ihrer sozialen Struktur macht-los gegenübersteht, wenn sie sich, mit Atomwaffen in
der Hand, in sozialer Hinsicht um nichts vernünftiger zu verhalten weiß als irgendeine Tierart, so liegt dies zum
großen Teil an der hochmüti-gen Überbewertung des eigenen Verhaltens und seiner daraus folgenden
Ausklammerung aus dem als erforschbar betrachteten Naturgeschehen“
S. 249 „Das naive Werturteil, das sich in dem Titel »Niedere Tiere« ausdrückt, den wir in Golddruck auf dem
ersten Bande unseres guten alten ›Brehm’s Tierleben‹ lesen, ist für jeden unvor-eingenommenen Menschen eine
unausweichliche Notwendigkeit des Denkens und des Fühlens. Wer da als Naturforscher um jeden Preis
»objektiv« bleiben und sich dem Zwange des »Nur«-Subjek-tiven um jeden Preis entziehen will, der versuche
einmal – natür-lich nur im Experiment des Denkens und der Vorstellung –, hinter-einander eine Salatpflanze,
eine Fliege, einen Frosch, ein Meer-schweinchen, eine Katze, einen Hund und schließlich einen Schimpansen vom
Leben zum Tode zu befördern. Er wird inne-werden, wie verschieden schwer ihm diese nach verschiedenen
Organisationshöhen abgestuften Morde fallen! Die Hemmungen, die sich jedem von ihnen entgegenstellen, sind
ein gutes Maß für die recht verschiedenen Werte, als die wir diese verschieden hohen Lebensformen empfinden,
ob wir wollen oder nicht.“
S. 256 „Niemand weiß so gut wie gerade der Naturforscher, daß der menschlichen Erkenntnis Grenzen gesetzt
sind, aber er ist sich dauernd bewußt, daß wir nicht wissen, wo diese Grenzen liegen.“
S. 259-260 „Die vernünftige und unlogische menschliche Natur läßt zwei Nationen miteinander wetteifern und
kämpfen, auch wenn keine wirtschaftlichen Gründe sie dazu zwin-gen, sie veranlaßt zwei politische Parteien
oder Religionen trotzerstaunlicher Ähnlichkeit ihrer Heilsprogramme zu erbittertem Kampf, und sie treibt einen
Alexander oder Napoleon, Millionen von Untertanen dem Versuch zu opfern, die ganze Welt unter seinem
Zepter zu einen. Merkwürdigerweise lernen wir in der Schule, Menschen, die diese und ähnliche Absurditäten
begangen haben, mit Respekt zu betrachten, ja als große Männer zu verehren. Wir sind dazu erzogen, uns der
sogenannten politischen Klugheit der für die Staatsführung Verantwortlichen zu unterwerfen, und wir sind an
alle hier in Rede stehenden Phänomene so gewöhnt, daß die meisten von uns sich daraus nicht klar darüber
werden, wie ungemein dumm und menschheitsschädlich das historische Verhal-ten der Völker ist.“
S. 260 „Wie Hegel sagt, lehrt uns die Erfahrung der Geschichte, daß Menschen und Regierungen nie aus der
Geschichte gelernt oder Folgerungen aus ihr gezogen haben.“
S. 260-261 „Nehmen wir nun aber an, unser extraterrestrischer Beobachter sei ein erfahrener Ethologe, der alles
gründlich weiß, was in den vorangehenden Kapiteln kurz dargestellt wurde – er müßte un-vermeidbar den
Schluß ziehen, die menschliche Sozietät sei sehr ähnlich beschaffen wie die der Ratten, die ebenfalls innerhalb der
geschlossenen Sippe sozial und friedfertig, wahre Teufel abergegen jeden Artgenossen sind, der nicht zur eigenen
Partei gehört. Wüßte unser Beobachter vom Mars außerdem noch von der explo-siven Bevölkerungszunahme,
der ständig anwachsenden Furchtbar-keit der Waffen und von der Verteilung der Menschheit auf einige wenige
politische Lager – er würde ihre Zukunft nicht rosiger beurteilen als diejenige einiger feindlicher Rattensozietäten
auf einem beinahe leergefressenen Schiff. Dabei wäre diese Prognose noch optimistisch, denn von den Ratten läßt
sich voraussagen, daß nach dem großen Morden immerhin genug von ihnen übrig bleiben werden, um die Art zu
erhalten, was vom Menschen nach Ge-brauch der Wasserstoffbombe gar nicht so sicher ist.“
Ratte = Zelle. Mensch = Zelle. Zellen können Differenen in der "Anordnung" und daher auch in der Wirkung
haben. Aber eben auch Ähnlichkeiten.
S. 262-263 „Wir haben in dem Kapitel über moralanaloges Verhalten von den Hemmungsmechanismen gehört,
die bei verschiedenen sozialen Tieren die Aggression zügeln und ein Beschädigen und Töten von Artgenossen
verhindern. Wie gesagt, sind diese natürlicherweise bei solchen Tieren am wichtigsten und daher auch am
höchsten ausgebildet, die imstande sind, ungefähr gleichgroße Lebewesen ohne weiteres umzubringen. Ein
Kolkrabe kann einem anderen mit einem Schnabelhieb das Auge aushacken, ein Wolf einem anderen mit einem
einzigen Zuschnappen die Halsvenen aufreißen. Es gäbe längst keine Raben und keine Wölfe mehr, wenn nicht
verläßliche Hemmungen solches verhinderten. Eine Taube, ein Hase und selbst ein Schimpanse sind nicht
imstande, durch einen einzigen Schlag oder Biß ihresgleichen zu töten. Dazu kommt noch die Fluchtfähig-keit
solcher nicht besonders bewaffneter Wesen, die hinreicht, um selbst den »berufsmäßigen« Raubtieren zu
entkommen, die im Nachjagen, Einfangen und Abschlachten weit tüchtiger sind als ein noch so stark überlegener
Artgenosse. In freier Wildbahn besteht also für gewöhnlich gar nicht die Möglichkeit, daß ein solches Tier ein
gleichartiges wesentlich beschädigt. So ist auch kein Selek-tionsdruck wirksam, der Tötungshemmungen
herauszüchtet. Daß solche tatsächlich nicht vorhanden sind, merkt der Tierhalter zu seinem und seiner Pfleglinge
Schaden, wenn er die innerartlichen Kämpfe völlig »harmloser« Tiere nicht ernst nimmt. Unter den unnatürlichen
Bedingungen der Gefangenschaft, in der ein Besieg-ter dem Sieger nicht in schneller Flucht entkommen kann,
kommt es immer wieder vor, daß dieser ihn in mühevoller Kleinarbeit langsam und grausam umbringt. Ich habe
in meinem Buch ›Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen‹ im Kapitel ›Moral und Waffen‹
geschildert, wie das Sinnbild alles Friedlichen, das Turteltäubchen, ohne jede Hemmung seinesgleichen zu Tode
schinden kann.Man kann sich lebhaft vorstellen, was geschehen würde, wenn ein nie dagewesenes Naturspiel
jählings einer Taube den Schnabel eines Kolkraben verleihen würde. Der Lage dieser Mißgeburt scheint die des
Menschen genau zu entsprechen, der eben den Gebrauch eines scharfen Steines als Schlagwaffe erfunden hat.
Man schaudert bei dem Gedanken an ein Wesen von der Erreg-barkeit und dem Jähzorn eines Schimpansen, das
einen Faustkeil in der Hand schwingt.“
S. 264-265 „In Wirklichkeit ist es tief beklagenswert, daß der Mensch eben gerade keine »Raubtiernatur« hat. Ein
Großteil der Gefahren, die ihn bedrohen, kommen daher, daß er von Natur aus ein verhältnismäßig harmloser
Allesfresser ist, dem natürliche, am Körper gewachsene Waffen fehlen, mit denen er große Tiere töten könnte,
denn eben deshalb fehlen ihm ja auch jene stammesge-schichtlich entstandenen Sicherheitsmechanismen, die alle
»berufs-mäßigen« Raubtiere daran verhindern, ihre Fähigkeiten zum Töten großer Tiere gegen Artgenossen zu
mißbrauchen. Löwen oder Wölfe töten zwar manchmal fremde Artgenossen, die ins Grup-penterritorium ihres
Rudels eingedrungen sind, es mag vielleicht sogar vorkommen, daß ein solches Tier einen Gruppengenossen in
plötzlich aufwallendem Zorne durch einen unglücklichen Biß oder Prankenschlag ums Leben bringt, wie dies
zumindest in Gefangen-schaft manchmal vorkommt. Solche Ausnahmen dürfen indessen nicht die wichtige
Tatsache vergessen lassen, daß, wie schon im Kapitel über moralanaloge Verhaltensweisen gesagt, bei allen
derartigen schwerbewaffneten Raubtieren hochentwickelte Hem-mungsmechanismen vorhanden sein müssen,
die eine Selbstver-nichtung der Art verhindern.In der Vorgeschichte der Menschen waren keine besonders hochentwickelten Hemmungsmechanismen zur Verhinderung plötzli-chen Totschlages nötig, da ein solcher sowieso
nicht möglich war. Der Angreifer konnte sein Opfer ja sowieso nur durch Kratzen, Beißen und Würgen ums
Leben bringen, und dabei hatte dieses reichlich Gelegenheit, durch Demutgebärden und Angstschreie an die
Aggressionshemmung des Angreifers zu appellieren. Bei einem nur schwach bewaffneten Tier war
begreiflicherweise kein Selek-tionsdruck am Werke, der jene starken und verläßlichen Hemmun-gen des
Waffengebrauches hervorbringen konnte, die für das Über-leben einer mit gefährlichen Waffen ausgestatteten
Tierart unbe-dingt notwendig sind. Als dann die Erfindung künstlicher Waffen mit einem Schlage neue
Tötungsmöglichkeiten eröffnete, wurde das vorher vorhandene Gleichgewicht zwischen den verhältnis-mäßig
schwachen Aggressionshemmungen und der Fähigkeit zum Töten von Artgenossen gründlich gestört.“
S. 265 „Die Entfernung, auf die alle Schußwaffen wirken, schirmt den Tötenden gegen die Reizsituationen ab, die
ihm anderenfalls die Gräßlichkeit der Konsequenzen sinnlich nahebringen würden. Die tiefen gefühlsmäßigen
Schichten unserer Seele nehmen es einfach nicht mehr zur Kenntnis, daß das Abkrümmen eines Zeige-fingers zur
Folge hat, daß unser Schuß einem anderen Menschen die Eingeweide zerreißt. Kein geistig gesunder Mensch
würde auch nur auf die Hasenjagd gehen, müßte er das Wild mit Zähnen und Fingernägeln töten. Nur durch
Abschirmung unserer Gefühle gegen alle sinnfälligen Folgen unseres Tuns wird es möglich, daß ein Mensch, der
es kaum fertig brächte, einem unartigen Kind eine verdiente Ohrfeige zu geben, es sehr wohl über sich bringen
kann, den Auslöseknopf einer Raketenwaffe oder einer Bombenabwurf-Vorrichtung zu betätigen und damit
Hunderte von liebenswerten Kindern einem gräßlichen Flammentod zu überantworten. Gute, brave, anständige
Familienväter haben Bombenteppiche gelegt.“
S. 270 „Wie der Waffen- und Werkzeuggebrauch und die aus beiden erwachsene Weltherrschaft des Menschen,
so hat auch die dritte und schönste Gabe des begrifflichen Denkens Gefährliches im Gefolge. Alle kulturellen
Errungenschaften des Menschen haben den einen großen Haken: sie betreffen nur solche seiner Eigen-schaften
und Leistungen, die durch individuelle Modifikation, durch Lernen beeinflußbar sind. Sehr viele unserer
arteigenen, angeborenen Verhaltensweisen sind das nicht; das Tempo ihrer Veränderlichkeit im Artenwandel ist
das gleiche geblieben wie dasjenige irgendwelcher körperlichen Merkmale, das gleiche, in dem sich alles Werden
vollzog, ehe das begriffliche Denken auf den Plan trat.“
S. 270 „Was sich wohl abgespielt haben mag, als zum erstenmal ein Mensch einen Faustkeil in der Hand hatte?
Sehr wahrscheinlich etwas Ähnliches, wie man es an zwei- und selbst drei- und mehr-jährigen Kindern
beobachten kann, die durch keinerlei instinktive oder moralische Hemmung daran gehindert werden, einander
schwere Gegenstände, die sie kaum zu heben vermögen, mit aller Kraft auf den Kopf zu hauen. Ebensowenig hat
wahrscheinlich der Erfinder des ersten Faustkeiles gezögert, damit nach einem Genossen zu schlagen, der eben
seinen Zorn erregte. Gefühlsmäßig wußte er ja nichts von der furchtbaren Wirkung seiner Erfindung, die
angeborenen Tötungshemmungen des Menschen waren damals wie heute auf seine natürliche Bewaffnung
abgestimmt. Ob er betreten war, als der Stammesbruder tot vor ihm lag? Wir dürfen es mit Sicherheit annehmen.
Soziale höhere Tiere reagieren oft in höchst dramatischer Weise auf den plötzlichen Tod eines Art-genossen.
Graugänse stehen zischend, in äußerster Verteidigungs-bereitschaft über dem toten Freund, wie Heinroth
berichtet, der einst eine Gans im Beisein ihrer Familie erschoß. Ich erlebte dasselbe, als eine Nilgans ein
Graugansjunges auf den Kopf geschlagen hatte, das taumelnd zu seinen Eltern lief und dort alsbald an
Hirnblutung starb. Die Eltern hatten den Totschlag nicht sehen können und reagierten dennoch in der
beschriebenen Weise auf das Hinstürzen und Sterben ihres Kindes. Der Münchner Elefant Wastl, der ohne jede
aggressive Absicht im Spiel seinen Wärter schwer verletzt hatte, geriet in die größte Erregung, stellte sich
schützend über den Verwundeten und verhinderte dadurch leider, daß diesem rechtzeitig ärztliche Hilfe
gebracht werden konnte. Bernhard Grzimek erzählte mir, daß ein Schimpansen-mann, der ihn gebissen und
erheblich verletzt hatte, sofort nach Abklingen seines Zornes versuchte, die Wundränder mit den Fingern
zusammenzudrücken“
S. 279-280 „Es ist indessen nicht schwer, einzusehen, weshalb sich die Meinung durchsetzen konnte, daß alles
Gute, und nur das Gute, der menschlichen Gemeinschaft Dienliche, der Moral zu danken sei und alle
»egoistischen«, mit den Anforderungen der Sozietät unvereinbaren Handlungsmotive des Menschen den
»tierischen«Instinkten entsprängen. Wenn man sich nämlich Kants kategori-sche Frage stellt: »Kann ich die
Maxime meines Handelns zum Naturgesetz erheben, oder ergäbe sich bei diesem Versuch etwas der Vernunft
Widersprechendes?«, so erweisen sich alle Verhal-tensweisen, auch rein instinktive, als durchaus vernünftig,
voraus-gesetzt, daß sie die arterhaltende Leistung vollbringen, zu der sie von den großen Konstrukteuren des
Artenwandels geschaffen wurden. Vernunftwidriges ergibt sich nur bei der Fehlfunktion eines Instinktes. Sie
aufzuspüren ist die Aufgabe der kategorischen Frage, sie zu kompensieren, die des kategorischen Imperativs.
Instinkte, die richtig »im Sinne der Konstrukteure« funktionieren, vermag die Selbstbefragung nicht von
Vernunftmäßigem zu unter-scheiden. Fragt man in einem solchen Falle: »Kann ich die Maxime meines Handelns
zum Naturgesetz erheben?«, so erhält man deshalb eine deutlich bejahende Antwort, weil sie sowieso schon ein
solches ist!Ein Kind fällt ins Wasser, ein Mann springt ihm nach, zieht es heraus, prüft die Maxime seines
Handelns und findet, daß sie, zum Naturgesetz erhoben, etwa folgendermaßen lauten würde: Wenn ein
erwachsener Mann von Homo sapiens L. ein Kind seiner Art in Lebensgefahr sieht, aus der er es zu erretten
imstande ist, so tut er dies. Enthält diese Abstraktion vernunftmäßige Widersprüche? Ganz sicher nicht! So klopft
sich der Retter innerlich auf die Schulter und ist stolz darauf, so vernunftmäßig und moralisch gehandelt zu
haben. Hätte er das wirklich getan, so wäre das Kind-chen längst tief versunken gewesen, bevor er ins Wasser
gesprun-gen wäre. Dennoch hört der Mensch, woferne er unserem westli-chen Kulturkreis angehört, nur recht
ungern, daß er rein instinkt-mäßig gehandelt hat und daß jeder Pavian in analoger Lage zuver-lässig dasselbe
getan hätte.“
S. 283 „Die ganze Kombination von Körperstellung und Haaresträuben dient also genau wie bei der buckel-machenden
Katze einem »Bluff«, nämlich der Aufgabe, das Tier größer und gefährlicher erscheinen zu lassen, als es tatsächlich ist.
Unser »heiliger Schauer« aber ist nichts anderes als das Sträuben unseres nur mehr in Spuren vorhandenen Pelzes. Was der
Affe bei seiner sozialen Verteidigungsreaktion erlebt, wissen wir nicht, wohl aber, daß er ebenso selbstlos und
heldenhaft sein Leben aufs Spiel setzt wie der begeisterte Mensch. An der echten stammesgeschichtlichen
Homologie der schimpanslichen Hordenverteidigungsreaktion und der menschlichen Begeisterung ist nicht zu
zweifeln, ja man kann sich recht gut vorstellen, wie eins aus dem anderen hervorgegangen ist. Auch bei uns sind
ja die Werte, für deren Verteidigung wir uns begeistert einsetzen, primär sozialer Natur. Wenn wir uns an das im
Kapitel »Gewohnheit, Zeremonie und Zauber« Gesagte erinnern, scheint es beinahe unausbleiblich, daß eine
Reaktion, die ursprünglich der Verteidi-gung der individuell bekannten, konkreten Sozietäts-Mitglieder diente,
mehr und mehr die überindividuellen, durch Tradition überlieferten Kulturwerte unter ihren Schutz nahm, die
dauerhafter sind als Gruppen von Einzelmenschen.[…]Wenn mich beim Hören alter Lieder, oder gar von
Marschmusik, ein heiliger Schauer überlaufen will, wehre ich der Verlockung, indem ich mir sage, daß auch die
Schimpansen schon, wenn sie sich zum sozialen Angriff aufsta-cheln wollten, rhythmische Geräusche
hervorbringen. Mitsingen heißt dem Teufel den kleinen Finger reichen.“
S. 288-289 „Auch auf seinem heutigen, bescheidenen Stande ist unser Wissen über die Natur der Aggression nicht
ganz ohne Anwendungswert. Als solcher ist es schon zu werten, wenn wir mit Sicherheit zu sagen vermögen,
was nicht geht. Zwei naheliegende Versuche, der Aggression zu steuern, sind nach allem, was wir über Instinkte
im allgemeinen und die Aggression im besonderen wissen, völlig hoffnungslos. Man kann sie erstens ganz sicher
nicht dadurch ausschalten, daß man auslösende Reizsituationen vom Menschen fernhält, und man kann sie
zweitens nicht dadurch meistern, daß man ein moralisch motiviertes Verbot über sie verhängt. Beides wäre
ebenso gute Strategie, als wollte man dem Ansteigen des Dampfdruckes in einem dauernd geheizten Kessel
dadurch begeg-nen, daß man am Sicherheitsventil die Verschlußfeder fester schraubt.“
S. 289 „Wir wissen nicht, in wie vielen und wie wichtigen Verhaltensweisen des Menschen Aggression als motivierender Faktor mit enthalten ist. Ich vermute, daß deren sehr viele sind. Das »Aggredi« im ursprünglichsten
und weitesten Sinne, das Anpacken einer Aufgabe oder eines Problems, die Selbstachtung, ohne die vom
täglichen Rasieren bis hinauf zum sublimsten künstlerischen oder wissenschaftlichen Schaffen so ziemlich alles
wegfallen würde, was ein Mann von morgens bis abends tut, alles, was mit Ehrgeiz, Rangordnungsstreben zu tun
hat, und unzähliges anderes, ebenso Unentbehrliches würde wahr-scheinlich mit der Ausschaltung des
Aggressionstriebes aus dem menschlichen Leben verschwinden. Ebenso verschwände sehr wahrscheinlich eine
sehr wichtige und spezifische menschliche Fähigkeit, nämlich das Lachen!“
S. 290-293 „Neu-Orientierung der Aggression ist der nächstliegende und hoffnungsvollste Weg, sie unschädlich zu
machen. Leichter als die meisten anderen Instinkte nimmt sie mit Ersatzobjekten vorlieb und findet an ihnen volle
Befriedigung. Schon die alten Griechen kannten den Begriff der Katharsis, des reinigenden Abreagierens, und die
Psychoanalytiker wissen sehr genau, wieviele höchst lobenswerte Handlungen aus »sublimierter« Aggression ihren
Antrieb gewinnen und zusätzlich Nutzen durch deren Minderung stiften. Sublimierung ist selbstverständlich
durchaus nicht nur einfache Neuorientierung. Es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem Manne, der
mit der Faust auf den Tisch, statt dem Gesprächspartner ins Gesicht haut, und jenem anderen, der aus
unausgelebtem Zorne gegen seinen Vorgesetzten begeisterte Streit-schriften mit edelster Zielsetzung verfaßt.
Eine im menschlichen Kulturleben entwickelte, ritualisierte Sonderform des Kampfes ist der Sport.Wirkungen der
Aggression und erhält gleichzeitig ihre arterhalten-den Leistungen unverändert aufrecht. Außerdem aber
vollbringt diese kulturell ritualisierte Form des Kämpfens auch die unver-gleichlich wichtige Aufgabe, den
Menschen zur bewußten und verantwortlichen Beherrschung seiner instinktmäßigen Kampfreak-tion zu erziehen.
Die »Fairness« oder Ritterlichkeit des Sports, die auch unter stark aggressionsauslösenden Reizwirkungen aufrecht
erhalten wird, ist eine wichtige kulturelle Errungenschaft der Menschheit. Außerdem wirkt der Sport segensreich,
indem er wahrhaft begeisterten Wettstreit zwischen überindividuellen Gemeinschaften ermöglicht. Er öffnet nicht
nur ein ausgezeich-netes Ventil für gestaute Aggression in der Form ihrer gröberen, mehr individuellen und
egoistischen Verhaltensweisen, sondern gestattet ein volles Ausleben auch ihrer höher differenzierten kollektiven
Sonderform. Kampf um die Rangordnung innerhalb der Gruppe, gemeinsamer harter Einsatz für ein begeisterndes
Ziel, mutiges Bestehen großer Gefahren und gegenseitige Hilfe unter Mißachtung des eigenen Lebens usw. usf.
sind Verhaltensweisen, die in der Vorgeschichte der Menschheit hohen Selektionswert besaßen. Unter der schon
geschilderten Wirkung intraspezifischer Selektion (S. 55) wurde sie weiter hochgezüchtet, und bis in die jüngste
Zeit waren sie sämtlich in gefährlicher Weise geeignet, vielen mannhaften und naiven Menschen den Krieg als
etwas keineswegs ganz Verabscheuenswürdiges erscheinen zu lassen. Deshalb ist es ein großes Glück, daß sie
sämtlich in den härteren Formen des Sports, wie Bergsteigen, Tauchen oder Expeditionen und dergleichen, ihre
volle Befriedigung finden. Die Suche nach weiteren, möglichst internationalen und möglichst gefährlichen
Wettbewerben ist nach Ansicht Erich von Holsts das wichtigste Motiv für die Raumflüge, die eben deshalb so sehr
im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Mögen sie das auch weiterhin tun!
Wettkämpfe zwischen Nationen stiften indes nicht nur dadurch Segen, daß sie ein Abreagieren nationaler
Begeisterung ermögli-chen, sie rufen noch zwei weitere Wirkungen hervor, die der Kriegsgefahr entgegenwirken:
sie schaffen erstens persönliche Bekanntschaft zwischen Menschen verschiedener Nationen und Parteien, und
zweitens rufen sie die einigende Wirkung der Be-geisterung dadurch hervor, daß sie Menschen, die sonst wenig
gemeinsam hätten, für dieselben Ideale begeistern. Dies sind zwei machtvoll der Aggression entgegentretende
Kräfte, und es muß kurz besprochen werden, in welcher Weise sie ihre segensreiche Wirkung entfalten und
durch welche weiteren Mittel sie auf den Plan gerufen werden können.Aus dem Kapitel über ›Das Band‹ wissen
wir schon, daß persön-liches Sich-Kennen nicht nur die Voraussetzung für komplexere, aggressionshemmende
Mechanismen ist, sondern an sich schon dazu beiträgt, dem Aggressionstrieb die Spitze zu nehmen. Anony-mität
trägt viel dazu bei, die Auslösung aggressiven Verhaltens zu erleichtern. Der Naive empfindet besonders echte
und warme Gefühle des Zornes und der Wut für »die« Preißen, »die« chaibe Schwobe, »die« Katzelmacher, »die«
Juden und wie die freundli-chen, meist mit der Vorsilbe »Sau-« kombinierbaren Bezeichnun-gen für
Nachbarvölker alle heißen. Er mag am Stammtisch gegen sie wettern, aber er denkt gar nicht daran, auch nur
unhöflich zu sein, wenn er einem Einzelwesen der gehaßten Nation von Ange-sicht zu Angesicht gegenübersteht.
Der Demagoge kennt die aggressionshemmende Wirkung der persönlichen Bekanntschaft selbstverständlich
ganz genau und trachtet daher folgerichtig, jeden persönlichen Kontakt zwischen den Einzelmenschen jener
Sozietä-ten zu verhindern, die er in treuer Feindschaft erhalten will. Auch der Stratege weiß, wie gefährlich alles
»Fraternisieren« zwischen den Gräben für die Aggressionslust der Soldaten ist.Ich habe schon gesagt, wie hoch
ich das praktische Wissen der Demagogen über das menschliche Instinktverhalten einschätze. Ich weiß nichts
Besseres vorzuschlagen als die Nachahmung der von ihnen erprobten Methoden zur Erreichung unseres Zieles
der Befriedung. Wenn Freundschaft zwischen Individuen feindlicher Nationen dem Nationalhaß so abträglich ist,
wie die Demagogen – offensichtlich mit gutem Grunde – annehmen, so müssen wir eben alles tun, um
individuelle, internationale Freundschaften zu för-dern. Kein Mensch kann ein Volk hassen, von dem er mehrere
Einzelmenschen zu Freunden hat.Wenige »Stichproben« dieser Art genügen auch, um ein gebührendes
Mißtrauen gegen jene Abstraktionen zu erwecken, die »dem« Deutschen, Russen oder Engländer typische
Nationaleigenschaften – in erster Linie natür-lich hassenswerte – anzudichten pflegen.“
*
Notizen zu: Klaus Dammann: wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?
Vgl. S. 34 Weisheit als gelebtes Risiko, dass die Weisheit nicht stimmt. Der Theoretiker geht das Praxis-Risiko so
nicht ein. (Mein Satz ist sehr eigenständig und geht nur zaghaft aus der Textvorlage hervor, als eigenständiger
Gedanke)
Zu S. 55 und Herr Eyseneck: Ich sage ja auch jede Theorie hat eigentlich keine Differenz als Basis, da alles
Gehirnphänomen ist.
S. 103 Religiöse die Atheisten töten geben auf eine theologische Frage eine biologische Antwort.
*
Notizen zu; Literatur im historischen Prozeß: Die Fremdheit der Sprache (Hamburg, 1988)
S. 30 Ist das Ende einer Fliege eine Banalität, dann ist es auch der Tod des Menschen. Es ist derselbe
Zellenvorgang. Für mich ist das keine Banalität und auch der Unterschied, warum ich tiefer auf das Leben blicke
als die meisten. Kein Ereignis des Universums ist banal, da dazu der Ablauf des GESAMTEN Universums
benötigt wird. (Der Autor hatte behauptet der Tod einer Fliege sei banal)
S. 117 Hegel zitiert: „Etwas ist nur in seiner Gränze und durch seine Gränze das, was es ist. Man darf somit die
Gränze nicht als dem Daseyn bloß äußerlich betrachten, sondern dieselbe geht vielmehr durch das ganze Daysen
hindurch.“
S. 120 Sprache als Strafe. Wer in Sprache lebt, lebt in etwas das nicht ist.
*
Würden die Menschen die Pole der Existenz näher betrachten, würden sie für das temporäre Mittendrin nicht so
einen verschwenderischen Energieaufwand der Schändung betreiben. Sie würden sehen, dass es sich nicht lohnt.
Aber sie bemühen sich nicht um das Sehen, das Nicht-Sehen treibt sie an.
*
Twitter Stichprobe: Norbert Bolz: „Die Ungerechtigkeiten der Welt kann man nicht aufheben, sondern nur
umverteilen.“
Klingt erst einmal gut, stimmt aber in dieser Eindeutigkeit nicht. Krankheiten lassen sich zum Beispiel nicht
umverteilen. Und alles Biologische ist das zuerst prägendste. Geld ist insofern sekundär. Wer Aids als Kind hat,
hat dies theologiefrei immer unverdient. Und diese Krankheit lässt sich dann nicht umverteilen.
*
IN sagte, „Dort wo du bereits stehst, musst du dir auch nicht jede Minute antun.“ – im Sinne von, dass ich ethisch
usw. schon gut positioniert bin. Aber ich muss darauf ablehnend erwidern: Wer im Leben steht, steht nie
sonderlich gut. Von daher kann es nie schaden das volle Informationsprogramm mitzunehmen.
IN geht, wie so manche auch von Interaktionsschulden aus, die Pflicht sich brieflich zu melden. Meine Antwort,
die für jeden gilt: Schulden hat nur, wer Gläubigern ausgesetzt ist. Ich fordere nichts ein. Bei mir stehst du nicht
in der Schuld, du bist frei
*
Um nicht mit Gedanken schwanger gehen zu müssen, haben die Menschen das Verhüttungsmittel Smartphone
erfunden.
*
Nichts am Smartphone ist klug. Es hat keine eigenen Gedanken.
*
Sein oder Nicht-Sein ist nicht die Frage. Für das Sein kann sich nie (!) entschieden werden. Die eigene
Körperlichkeit garantiert (!) bereits das Nicht-Sein. Die klassische Frage ist: Warum?
*
Michael Wollmann schreibt, "Man richtet sein Streben am bereits vorgefassten Glücksbegriff aus, statt das Glück
für sich überhaupt erst fassbar zu machen." Mein Gedanke dazu: Mir scheint der Aphorismus fügt sich bereits in
die vorgefasste Einstellung. Siehe Volksspruch "Jeder ist seines Glückes Schmied". Ein paar unvollständige Sätze
von mir aus der ausführlichen Diskussion mit Michael Wollmann: Mich bringt der vorgefasste Glücksbegriff
immer aus der Fassung. Ich würde darauf zielen, dass dieses Glück nicht existent ist. MW geht davon aus, dass
man „sein“ Glück finden kann. Ich erwiderte: Nur wenn man sich an die übliche isolierte Begriffsvorstellung hält
und Glück nicht in Bezug auf die Gesamtlage anwendet. Weiter: Ich selber benötige Glück, da die Existenz. in
ihrer Zielfolge eine Notlage ist. Aber solch ein Glück gibt es ja nicht, das die Abfolge ändert. Manche würden ja
auch sagen geboren sein ist bereits ein Unglück, das darauf kein Glück mehr wachsen kann. Weiter: Es ließe sich
wohl so lesen (habe MWs Erklärung nun ausgelassen).Nur schreibst du auch von "das Glück" und unterstellst
somit, dass es das gibt. Ablehnen wäre anders. Ich hatte es zuerst so verstanden, dass man nicht den gängigen
Glücksidealen hinterherlaufen soll, sich sein eigenes Glück schaffen soll. Und daher meinte ich, dass dies ja genau
das gängige Ideal ist, siehe Volksspruch. Aber okay, du zieltest auf etwas anderes. Ich hatte das so nicht
herausgelesen.
Einseitig zusammengefasst, MW hat seinen Satz dahingehend noch erklärt, dass meine Lesart nicht die einzige
sein muss und in seiner Erklärung konnte ich auch zustimmendes finden usw. – dennoch finde ich meine
Einwände generell relevant und habe sie daher festgehalten. Und wer glaubt, dass ich selbstverliebt jeden Satz
von mir festhalte, der irrt. Zum Beispiel habe ich zur jetzigen Monatsmitte zwei weitere Bücher gelesen mit ein
paar Notizen, keine davon hat Eingang in das GB gefunden (Nitsche: Backsteingiebel und Systemtheorie, sowie
Fuchs: Die Verwaltung der vagen Dinge) Sie haben keine Relevanz für ein womöglich späteres Buch. Und meine
Gedankentagebücher sollen nur jene Notizen festhalten, die vielleicht zum Weiterdenken, noch nicht bedacht
haben, wichtig sein könnten. Und falls mein Citavi-Archiv verloren geht. Dann habe ich immer noch alle für mich
primär relevanten Gedanken in irgendeiner Form durch mein Gedankentagebuch/bücher verfügbar.
*
*
Ist nicht jedes Wort ein Bemühen um Aufmerksamkeit, um Anerkennung? Um anschlussfähig zu sein in der
Kommunikation muss mein Wort vom anderen (an-)erkannt und aufgenommen werden, damit der andere
darauf Bezug nehmen kann und weiterspricht. Jedes Wort ist ein Kampf um Anerkennung.
*
Manche kaufen sich ein Auto für 30.000 Euro, was, wenn sie es auf Raten kaufen, mit Zinsen usw. am Ende nicht
selten einen Zwei-Jahres-Verdienst entspricht. Sie gehen zwei Jahr dafür arbeiten, dass am Ende, ein Auto, was
auf ihren Namen eingetragen ist, überwiegend auf dem Parkplatz steht.
*
Zeit ist das Gegenteil von Ewigkeit. Ewigkeit hat keine Zeit, kein Vorher/Nachher.
*
Die Angst ist ein Krieg mit Unbekannten (?) oder doch bekannt als Körper? Wobei Körper = Fremde. Angst ist ein
Krieg mit nur einem Verwundeten. Der eigene Körper.
*
Ist überhaupt Erkenntnis das Problem? Grausamkeit wird zu Genüge erkannt. Dass Problem ist, dass man sie
nicht ändern kann, da es sich hierbei um die Existenzstruktur handelt.
+
Natur ist kein Funktionieren, wenn am Ende das Individuum stirbt. Der Tod als Endprodukt ist für mich kein
Funktionieren.
*
Man wird „überrascht sein, wie wenig Gesellschaftskritik man üben kann, wenn man tot ist. So viel zum
Schwerpunkt Tod. Manche halten ja die Gesellschaft für wichtiger als den Tod. Aber bin ich tot, sind alle
Möglichkeiten weggebrochen. Wer die Gesellschaft als wichtigsten Schwerpunkt der Existenz verkündet hat so
gar nichts von der Existenz verstanden.
*
Als ich in Berlin war, stieg jemand in die Bahn und spielte ein eigenes Lied, sozialkritisch angehaucht, aber auch
mit Ironie. Für Spenden. Heutzutage wohl weitverbreitet. Er machte das auch ganz gut. Am Ende sagte er so
etwas sinngemäß (als Reim verpackt, alles war Reim) wie: Auch wer kein Geld geben kann, Beifall bringt ihn
auch gelegentlich durch den Tag. Mit leeren Händen klatscht man am besten. Also als Aufforderung an jene die
zwar kein Geld geben können/wollen, aber zumindest Beifall spenden können.
Mit leeren Händen klatscht man am besten – das gefällt mir. Da sich die meisten über ihre leeren Hände
beklagen, statt auch darin noch einen temporären Vorteil zu sehen, je nach Situation.
*
Man kann nie sagen Gutes und Böses hält sich die Waage. Gut/Böse = Zuschreibung. Außerdem: 1-2=-1. Und 21=1. Wer es fertig bringen könnte Gut/Böse zu verrechnen würde nie zu einer 0 kommen. So ausgewogen ist es
nun nicht. Schwer fällt die Bewertung. Was für den einen Leid/Böses ist das Gefressenwerden vom Wurm, ist für
den Wurm selber wohl wieder etwas Gutes, das Ende des temporären Nahrungskampfes.
Sollte Böses definiert werden als ein absichtliches Verursachen, dann gibt es das wohl nicht, da die
Strukturlegung im Urknall wohl keine Absicht aufweist. Aber dann gibt es auch nichts Gutes! (als
Absichtlichkeit, sondern es ist ebenso Nötigung durch die Strukturlegung).
Wertet man Tod als Böses, dann kommt man immer zu einer Minusrechnung, schließlich hat jeder seinen Tod.
Erfahre ich Gutes (sagen wir im Wert 2) und der Tod hat -5, dann kommt immer am Ende des Lebens ein Minus
heraus. Bloß dass man diese Schlussrechnung nicht mehr erlebt. Aber unterm Strich war das Leben ein
Minusgeschäft, die ganze Existenz wurde einem abgezogen. Und wer kann das als ein Gewinn verbuchen? Die
Leute übersehen das so gleich, weil eben keiner mehr berichten kann, wie fürchterlich das Leben als
Endabrechnung ist. Das schützt die noch lebenden Menschen das Leben als Minusgeschäft zu betrachten. Sie
sehen die Endabrechnung nie als Erfahrung. Aber sie ist real „da“ durch ihr Nicht-mehr-Da-Sein.
*
Höhenangst ist eine Vergleichsangst, dass man ein Normalpunkt setzt. Und über den Normalpunkt (Ebene) hat
man Angst. Aber die Erde selber hat ja eine „Höhe“ Im Universum oder ist gar bodenlos im Universum. Es ist
daher weniger eine Höhenangst, sondern eine Vergleichsangst.
Angst hat nie vor der Möglichkeit des Todes Angst, sondern dass der Tod eine Wirklichkeit ist! Der Tod wird
zwar als Wirklichkeit nie erfahren oder erlebt, aber darin besteht ja gerade sein reales Wirken.
*
Das Problem ist wohl weniger sich nicht vom anderen verstanden zu fühlen, sondern Verständlichkeit zu
erwarten von einer Welt, in der gar nichts zum Verstehen da ist. Die Forderung/Enttäuschung „Du verstehst mich
nicht“ ist eigentlich nur der Beleg, dass man die Existenz nicht sehr genau beobachtet hat, in der gar keine
Verstehensmöglichkeit vorliegt. Die Forderung „Du sollst mich Verstehen“ ist automatisch eine Überforderung
für den anderen. Verstehen ist ja etwas ganz anderes als bloß die Worte identifizieren zu können.
Ich verstehe tatsächlich nicht wie der andere in seinen Prozessen abläuft und wie das Universum abläuft. Ich
vernehme Worte und habe/generiere da Bedeutungszusammenhänge, allein dieser Vorgang ist nicht sehr
verständlich, umso weniger wenn Nichts oder Gase als Anfang dieser Generierung gesetzt werden.
*
Menschen sind nicht fortschrittlich, sie gehen auch nur mit dem Schritt der Existenz, sie gehen von dieser
Strukturlegung nicht weg-schreiten. Auch nicht woanders hinschreiten. Wenn Existenz nicht nur Wirklichkeiten,
sondern auch Möglichkeiten vorgibt, siehe Urknall, siehe Mutationen, dann ist jeder Schritt von der Existenz in
der Struktur zumindest als Möglichkeit bereits erfasst. Nicht als Schicksal, nur als Kombinationsmöglichkeit.
Anderseits klingt das nach Entität, insofern wird das Universum sich eher in jedem Schritt von sich selbst
überrascht. Aber auch dieses Überrascht-Sein spielt sich im Radius der Strukturlegung ab. Atomenergie ist dann
weder Fortschritt, noch Rückschritt, es ist einfach eine Schrittmöglichkeit der Existenz. Wenn die Sonne sich
wegsprengt oder andere Sterne aufgesprungen werden, werden da ganz andere Energien freigesetzt wie bei einer
Atombombe. Das Universum ha das alles schon längst „gesehen“.
*
Tiere können auch Neurosen/Zwänge entwickeln, siehe dazu Konrad Lorenz und das Beispiel mit der Graugans
und dem Fenster. Ritualisierende Gewohnheiten habe ich selber auch schon bei einigen Tieren beobachten
können.
*
Wer das Leben weg-steckt, platziert sich außerhalb des Lebens. Das Leben darf nicht (gut) weggesteckt werden,
um am und im Leben zu bleiben.
*
Denkend lässt sich der Mensch nicht erfahren, wenn der „Grund“ für das Denken Nicht-Denken ist, siehe Nichts
zu Sein usw.
*
Erkenntnis wäre nur vorhanden, würde das Universum ein Bekenntnis ablegen können.
*
Sätze erhalten für viele erst eine Bedeutung, wenn das Leben der Satzsprecher eine Bedeutung erhalten hat.
Insofern hat kein Satz eine Bedeutung. Nietzsche sagt ohne Musik ist das Leben ein Irrtum. Nun zitieren alle, bloß
weil er Nietzsche ist. Aber durch diesen Satz wurde er nicht Nietzsche, sondern durch sein Gesamtwerk. Wurde
jemand unbekanntes (Nietzsche war natürlich damals auch unbekannt, daher hat ihn ja auch niemand zitiert)
denselben Satz sagen würde niemand dem Satz große Aufmerksamkeit schenken. Zu Recht! Denn der Satz ist
nichts Besonders. Denker werden immer schlecht behandelt, wenn von ihnen nur einzelne Sätze zitiert werden,
denn ihr Denken liegt im Gesamtwerk. Im Gesamtkontext entsteht erst der Denker. In einzelnen Sätzen sind sie
nichts Besonderes. Wer also Denker „ehren“ will, muss nicht Zitate von ihnen sammeln, sondern sie als
Gesamtsumme lesen und bedenken. Zitatensammlungen sind daher so albern.
*
Fuck People – ist das Motto aller Pornos und Pornographiegucker. Mehr Misanthropie geht nicht.
So schlechte ironische Witze müssen auch mal sein, aber nun geht es weiter.
*
Seligkeit lässt sich produzieren, Wahrheit nicht. Wer in der Beruhigung angekommen ist, hat die Wahrheitssuche
aufgegeben.
*
Das Leben ist ein stetiges Re-agieren auf die erstmalige Strukturlegung durch das Nichts/Gase/eigene
Körperlichkeit. Der Mensch kommt nie zum Handeln, zum reinen agieren, da er im reagieren eingesperrt ist.
Wenn ich eine Banane hole, agiere ich nicht, ich reagiere auf mein Hungergefühl usw. Reagiere auf die Entstehung des
gesamten Universums!
Der Mensch kommt erst gar nicht zum Handeln. Dieser Punkt ist wichtig, da so der Nötigungscharakter des
Universums besser zum Ausdruck kommt.
*
Es wird von Maßhalten gesprochen, aber ein Maß benötigt einen Vergleich zwischen zwei Dingen. Aber dieses
Leben hat keine erfahrbare andere Seite, es ist einmalig. Im Leben lässt sich kein Maß halten, da dieses einmalige
Leben mit nichts anderem verglichen werden kann. Zur Erfahrbarkeit gehört die Wahrnehmungsmöglichkeit.
Wahrnehmungs-Sein.
*
Die Psyche lässt sich nicht austricksen, das ist selber der erste Trick des Gehirns. Wer nun glaubt seine Psyche
ausgetrickst zu haben, der wurde vom Gehirn bloß ausgetrickst.
*
Alles was ich über den Zustand der Welt/Existenz wissen muss, erfahre ich in den Todesanzeigen.
*
Vertrauen kann man nur was man versteht. Der Existenz als Fremde kann man daher nie vertrauen.
*
Man redet solange ausschließlich über Gesellschaftsprobleme und Zustände, bis man erahnt, dass
Gesellschaftsprobleme Existenzprobleme sind. Man es folglich mit einer viel größeren Schwierigkeit zu tun hat.
Das minimalisiert nicht die Tragik der Gesellschaftsgegenwärtigkeit, sondern weist ihr erst ihren richtigen Platz
zu und erhöht die Tragik. Oft wird gesagt, wir leben in einer haltlosen Zeit. Das wird seit tausenden von Jahren
zu Recht auf die jeweilige Gegenwart angewandt. Jede Zeit ist haltlos, Zeit an sich ist haltlos. Der Tod kann
keinen Halt geben, schließlich bricht nahezu alles mit ihm weg. Man sollte sich durchaus Gedanken machen über
die Verbesserungsfähigkeit der Gesellschaft, aber man sollte nie darauf verfallen, zu glauben dies sei das
Hauptproblem der Existenz. Geboren und zu Sterben hat eine größere Reichweite, als die Abläufe des
Mittendrins. Gäbe es keinen Tod wäre dieses Mittendrin das entscheidende (und wäre eine reine Zentralität und
nicht nur ein Übergang). Die Problemlagen liegen auf den Polen, nicht auf dem Mittendrin, dieses Mittendrin
leitet sich nur daraus ab. Wer Mut zum Weit-Blick beweisen will, schaut weiter als die Menschen der Gesellschaft
(die Gesellschaft selber kann nicht schauen, sie steht ja nach Luhmann konkret außerhalb des Menschen. Was ja
auch die Gefahr jedes Gesellschaftsgeredes ist, da für die Gesellschaft alles ein blinder Fleck ist, was nicht
Gesellschaft ist).
Der Mensch hat auch keine Berufung zum Beruf. Ein Beruf ist ein künstliches Menschenabstraktum. Der Blick für
die weitreichenden Fragen geht abhanden, wenn versucht wird sich in etwas einzurichten, das als Richtung nach
wie vor nicht vernommen wird. Wer von sich glaubt seine Identität ist am Buchhändler-Sein geknüpft, oder
Philosophen-Sein, übersieht, dass er konkret Zelle ist, die abstirbt. Das ist seine Existenzberufung. Manche halten
das für eine trostlose Sicht, aber wenn sich jemand über die Trostlosigkeit der Existenz beschweren will, sollte er
sich bei der Existenz beschweren, die es so handhabt, und wird vermutlich bald noch trostloser werden, da er
keinen Ansprechpartner für seine Beschwerde finden wird. Die Gesellschaft ist immer nur ein abgeleitetes
Problem, vom Hauptproblem oder der Hauptschwierigkeit Existenz. Die Expansion des Seins ins Nichts hinein
oder die Expansion des Nichts zum Sein sind die bisher bekannten (Nicht-)Grundlagen, manche nennen das
Urknall. Wer sich also nicht nur mit zweitrangigen, also abgeleiteten Fragen herumplagen will (Ableitung ist
zweitrangig, da nicht primär), sondern mit dem Hauptproblem sich beschäftigen will, der landet bei ganz
anderen Fragen, als Fragen nach Outsourcing usw.
Primäre Fragen müssen nicht abgeleitete Fragen ausblenden, sie weisen ihr nur den entsprechendem Ort. Gerade
jüngere Menschen ereifern sich oft über das Elend der Welt, sehen alles kritisch, und wenn sie älter werden, sind
sie geschwächt vom ewigen Anrennen und arrangieren sich. Aber wer sich mit dem Elend der Welt
auseinandersetzen will, darf seine Frage nicht mit dem Elend der Welt beginnen, sondern muss seine Frage auf
den Anfang für das Elend der Welt richten. Und dieser liegt nie in der Welt selbst. Wer folglich das Elend der
Welt kritisch angehen will, muss seine Fragen über die Gesellschaft hinaus ausdehnen, nur so gelangt er auch zu
einer angemessenere Beschreibung und Wertung des Elends, die nicht bloß im vereinfachten Gut/Böse-Schema
stecken bleibt. Denn der Anfang für das sogenannte Gute ist weder gut gewesen, so wie der Anfang für das
sogenannte Böse nicht böse gewesen ist, sofern der Anfang im Nichts liegt. Usw.
*
Wohl ein Diffamierungsbuch mehr."Great Philosophers Who Failed at Love"- Wer scheitert nicht an der Liebe?
Wer scheitert nicht an der Existenz? Wer behauptet seine Liebe sei durch und durch als Auslebung geglückt, dem
glaube ich kein Wort und zweifle seine eigene Selbstkritik an.
Auf solche Buchtitel falle ich natürlich nicht (mehr) herein und werde solchen Ansatz nicht damit honorieren
auch nur eine Seite zu lesen.
*
Wer nur den Mainstream kritisiert, kritisiert einseitig. In Seitengassen geschehen keine geringe Zahl an
Verbrechen.
*
Jeder will zum Besten geben, was er weiß, was die Probleme sind. Aber bei Existenz als Fremde müsste man
vielmehr eingestehen, dass man nicht weiß was das Problem ist, was diese Fremde ist.
*
So wie viele ein Buch weglesen, schauen sie auch eine Dokumentation weg. Sie schauen sich die an, damit sie
danach vom Problem das die Dokumentation abbildet, bald schon wieder wegschauen können.
*
Die meist geschätzten Witze sind jene über die Poritze. Das klingt zwar albern, aber Fart-Jokes funktionieren
immer bei jedem, da jeder sich sofort damit identifizieren kann. Daher greift jeder zweite Sketch oder alberne
Teenie-Film darauf zurück. Fart-Jokes werden recycelt und recycelt, aber es wird immer wieder drüber gelacht.
Hier reizt nicht das Neue am Witz, sondern das schon Bekannte.
*
Begierde übertrifft Angst.
*
Nicht Mainstream ist das Problem, sondern der Stream of Existence überhaupt. Es kommt nicht auf Haupt- oder
Nebenpfade an, sondern die Pfadlegung überhaupt.
*
Idee ist eine Gehirnaktivität. Aber das Universum hat keine Idee im Sinne einer Gehirnaktivität. Man kann daher
mit einer Idee nie das Universum erfassen/nachbilden.
*
Manche Philosophen sind Grabschänder, sie graben alte Bücher aus um zu sehen, ob sich in diesen Gräbern noch
lebendige Gedanken befinden. Wer nur nach Gedanken anderer gräbt, begräbt seine eigenen Gedanken.
*
Wer glaubt Philosophen schwadronieren nur, der sollte mal Literaturwissenschaftler lesen. Der Roman ist das
Erst-Schwadronieren und dann kommt der Literaturwissenschaftler und schwadroniert über das
Schwadronieren. Der Professor der Philosophie liest wenigstens noch die Originalgedanken der Denker und
sperrt sich dann in diese Fremdgedanken ein. Aber der Literaturwissenschaftler liest Romane die meist
sprachreich, aber gedankenarm sind, und kombiniert diese Gedankenlosigkeit mit seiner eigenen
Gedankenverarmung. Daraus werden umfassende Sprachtexte. Aber das zeigt, wie wenig an Sprache, auch
poetischer Sprache liegt.
*
Menschen wollen nicht die Existenz beschreiben, sondern eine neue herbeischreiben und sind dann enttäuscht,
wenn sich die Existenz nicht nach Worten ausrichtet. Sondern wie gewohnt bloß alles hinrichtet.
*
Wie schwer das reine beschreiben ist merkt man daran, wie sehr die Menschen immer wieder in die Hoffnung
abgleiten. Immer versuchen sie alles zurechtzubiegen, es gut enden zu lassen. Sie wollen etwas gut enden lassen,
von dem sie noch nicht einmal den Anfang kennen.
Das reine Beschreiben gelingt fast niemanden, wie soll man auch Fremde beschreiben können, also etwas, dass
man gar nicht versteht.
*
Schwadronieren ist herumlabern, insofern tut dies jeder Roman da er an der Welt vorbeischreibt. Und insofern
sind 2000 Seiten Schopenhauer weniger Schwadronieren als ein 100seitiger Beststeller-Krimi, da er die
Existenztatsachen besser in Angriff nimmt und besser in den begriff bringt.
*
Mit Menschen zu argumentieren setzt voraus, dass sie überhaupt in der Lage sind diese Argumente zu verstehen.
Dass sie sich schon einen gewissen ausgewogenen Denkrahmen aufgebaut haben. Fehlt der, prahlen die besten
Argumente ab. Besonders bei jenen, die von Gefühlen geleitet werden, Liebe, und noch mehr Hass. Der eine
General (?) mit der Narbe in dem Film Paths of Glory ist ein gutes Beispiel dafür.
Es ist schon richtig, dass Menschen gebildet werden müssen, damit dieser ganze Kriegsunsinn nicht immer
wieder ausbricht, aber dabei bleibt die Frage offen Bildung wohin? Auch heute heißt es ja noch als Beschimpfung:
Person A ist überintellektuellisiert (falsch geschrieben, ich bin schon mal nicht überintellektualisiert), man müsse
mehr die Gefühle zulassen. Aber diese Ablehnung des ausgeprägten Denkens bildet den Rahmen für den Pathos
der Dummheit, wie bei den Nazis, wo eben die Gefühle im Vordergrund standen, zum Beispiel der Hass auf
Juden usw. Bei Paths of Glory ist es ähnlich, der Ankläger fühlt sich betrogen und will alle auslöschen von denen
er sich hintergangen fühlt. Er ist ein oberster Militärführer und agiert mit Gefühlen, nicht mit Denken. Sein
Gefühl ist Hass. Wer also sagt man müsse Gefühle ins Zentrum stellen und nicht Denken, der gibt Nazis eine
Chance. Die begünstigen Katastrophen. Gleichzeitig ließe sich sagen, gerade da sie im Denkparadigma Militär
gefangen sind, haben sie dieses Militärdenken und sie benötigen Gefühle um das zu durchbrechen. Aber klar ist
ja, dass ich kein Paradigmadenken meine, sondern ausgewogenes Denken. Daher würde mich dieses
vermeintliche Gegenargument nicht überzeugen bzw, wer ausgewogen denkt muss sich keiner Gefühle sperren,
sondern kann mit ihnen umgehen, sie einordnen. Liebe wie Hass. Er läuft ihnen nicht blind nach, lässt sich nicht
blind von ihnen antreiben. Aber das sagt sich immer so leicht, solange der Mensch blinde Flecken hat, wird er
eben doch von Blindheit immer wieder angetrieben.
*
Wenn man das Ver-trauen in die Existenz verliert, dann traut man sich auch nichts mehr zu, hat keine Traute.
Wem die Existenzangst überfährt, verfügt über nichts und niemand mehr dem er sich an-vertrauen kann.
Eine Trauung ist eine Vereinigung. Wem das Vertrauen fehlt kann keine Einheit mehr sein/werden. Wer mit der
Existenz nicht mehr ver-traut ist, der ist geschieden. Sich selber kann auch nicht an-vertraut werden, das Ich ist
ebenso Fremde.
*
Wer Sportmensch ist bemerkt den Alterungsprozess viel einprägender als jene Menschen, die am liebsten auf
dem Sofa vor dem TV hocken. Letzteres bewerkstelligt der Körper noch mühelos mit 50. Wer Sport macht, spürt
seine Gelenke schneller, spürt die Abnahme der Leistungsmöglichkeiten. Der Sportler beobachtet unweigerlich
seinen Körper mehr, der Sofamensch nicht. So ist es mit allem und der generellen Welt-Anschauung. Manche
Menschen benutzen die Existenzanwesenheit zur Beobachtung, andere zur Zerstreuung. Wer die Zerstreuung
wählt und dann weniger von der Existenz beunruhigt ist, ist es eben nur, da er wie der Sofamensch ist, der seinen
Körper (oder als Analogie sein Gehirn) nicht voll ausnutzt und daher weniger Existenzintensität verspürt.
*
Die Menschen sehen das eigentliche Drama nicht. In den ganzen Autobiographien (heute schreibt ja jeder eine,
auch schon gerne mit 12…) geht es um persönliche Niederschläge, Enttäuschungen. Zum Beispiel wurde die
Goldmedaille nicht gewonnen. Der Boxkampf wurde verloren usw.
Daher sind diese Bücher meist recht blutlos, da sie auf das eigentliche Existenzdrama gar nicht aufmerksam
machen. Sie zielen auf den kleinstmöglichen Rahmen und nicht den größtmöglichen. Jeder Mensch hat ja eine
interessante Biographie zu erzählen, sofern sie mit allem verknüpft ist. Der Schicksalsschlag ist nicht der einzelne
isolierte Augenblick, in Sieg wie vermeintlicher Niederlage, sondern der einschneidenste Punkt ist die Geburt in
die Existenz, da dort die Struktur für alles Kommende gelegt wird. Ebenso die Entstehung des Universums. Eine
Biographie die die ganze Tragweite der Existenz erfassen will, auch der eigenen, muss schon das ganze DaseinSzenario im Blick aufnehmen und nicht nur einen einzelnen Boxkampf oder Fußballmatch. Es geht nicht
persönlicher als der Urknall, da erst dadurch Persönlichkeit möglich wurde.
*
Wer Ideologien erklären will, zeigt an, warum derjenige die Welt so sieht, wie er sie sieht. Aber da wird immer zu spät
angesetzt, da eben die Strukturlegung im und durch das Universum begründet liegt/ist und nicht in der Lesung von zum
Beispiel Karl Marx oder irgendeines kapitalistischen Werkes. In den Gasen, in den Zellentstehungen, dort liegen die
Ideologien begründet. Wer das für absurd hält, hält nichts von Anfängen. Durch die Strukturlegung als Zelle, muss ich die
Welt sehen und denken, ich muss, werde zur Welt-Anschauung genötigt, zu jener die mir kein Körper zur Verfügung stellt.
All dieses Müssen ist die Determinierung zu mindestens einer Weltsicht hin, an Weltanschauung kommt folglich kein
Lebender vorbei, bleibt nur noch übrig wie die Art der Weltanschauung ausfällt. Geburt/Leiblichkeit zwingt zur
Weltanschauung. Und wer kann schon ausschließen, dass nicht bloß gewisse Triebe einen dazu zwingen Dinge so zu denken,
wie man sie eben denkt? Wer das ausschließt ist ebenso schon in einer Ideologie gefangen, der Ideologie des freien Willens. In
den Fragen wird meist zu spät angesetzt, der Mensch in all seinen Abläufen als selbstverständlich vorausgesetzt, wird er als
gegeben hingenommen. So wird nie dazugekommen die Existenz korrekt als Phänomen, Erscheinung, einzuordnen. Wer das
eine Denken als Ideologie bekämpft, und ein anderes als korrekt darstellt, der verweist nicht darauf, dass auch dieses letztere
Denken noch ein Zwang ist, der aus dem Zellgeschehen resultiert. Auch ein fiktiv humanes und gerechtes Denken ist nicht
selbst-verständlich. Es kann nicht aus sich heraus verstanden, kann, wenn überhaupt, erst aus dem ganzen Universum
heraus verstanden werden. Alles andere ist einfach verkürztes Denken, da es nicht die ganze Länge des Denkweges angibt,
der eben im Nichts (?)/Urknall beginnt. In einer Existenz die alles zulässt, kann ein sogenanntes humanes Denken sogar
gerade nicht-verständlich sein, unverständlich sein. Es mag aus eigenen Bedürfnissen heraus (woher dieses Bedürfnis?) zwar
gewollt werden, aber als Denkresultat ist auch das ein Nicht-Verstehen. Man kann nie sagen, dass man eine gerechte Welt
für alle will, versteht sich von alleine. Das tut es eben nicht. Nichts versteht sich von alleine, was in der Ablauffolge erst
Milliarden Jahre nach der Erstentstehung von Etwas (Urknall) greift. In einer Existenz in der alles wegstirbt und sich
gegenseitig niedermetzelt ist ein gerechter Trieb das unverständlichste überhaupt. Die Letztbehauptungen lassen sich eben
nie verstehen, sondern nur behaupten, da man die Anfangsgründe nicht kennt, daher nicht verstehen kann, gar nicht weiß,
ob da überhaupt Gründe vorhanden sind. Ohne einen Anfangsgrund kann das Mittendrin nie ein Verstehen haben (der
Mensch ist 14 Milliarden Jahre nach Universumsbeginn da, er ist ein Mittendrin). Es kann keine Verstehensgründe dann
geben, nur Überzeugungen und Glauben, aber eben kein Verstehen. Daher auch nichts selbst-verständliches. Sondern:
Nichts-Verständliches. Die schönsten und besten Absichten, an die muss man glauben, sie muss man behaupten, sie kann
man nicht verstehen, daher auch nicht erklären/begründen. Man kann sich nur dazu bekennen. Nichts lässt sich begründen,
in ein Erklären, in ein Verstehen fügen, wenn Sein keinen Anfangsgrund hat. Aus Nicht-Gründe können keine Gründe
erwachsen. Für manche mag daran glauben schon genügen, für manche aber eben nicht. Man kann daher nie sagen „Ich habe
meine Gründe dafür, dass ich dies und das tue“ – nein, eben nicht, du hast nur ein Tun, ein Geschehen!
*
Wenn das Universum keinen (Anfangs-)Grund hat lässt sich Zeit auch nie nutzen, hat Zeit nie einen Nutzen. Die Zeit kann
nie genutzt werden, sie ist einfach nur da.
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Um Ab-Stand einnehmen zu können, müsste zuerst gewusst werden, wo man genau steht, wenn man in der
Existenz steht.
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Noch einmal zu Philosophie ist kostenlos, und sie kostet nichts als Zeit (gewollte Doppeldeutigkeit): Als Antwort
auf AS, der sinngemäß sagte um ein Philosophiestudium komme man nur herum, wenn man sich einen
Bibliotheksausweis besorgt (Seine Referenz zu meinen Bibliotheksberichten usw.): Von mir aus kann man es ja
studieren, es gibt sicherlich schlechtere Zeitinvestitionen. Aber es ist nur ein Weg zur Philosophie. Und vielleicht
nicht der beste, aber sicherlich auch nicht der schlechteste. Ein Bibliotheksausweis für 20 Euro im Jahr ist
hilfreich. Ich habe da hunderte Bücher entliehen. Aber ein Sokrates hatte keine Bibliothek, er hat sich die Welt
angesehen. Philosophie ist idealtypisch kostenlos. Es wird weder ein Studium noch Bibliothek benötigt, siehe
Sokrates. Aber es KANN hilfreich sein. Zum Beispiel wären Sokrates dann vielleicht ein paar Denkfehler
aufgegangen und ein paar neue wären Systembedingt (Uni als System wie Denkparadigma) neu
hinzugekommen.
*
„Niklas Luhmann gehörte zu jenen Autoren, die sich weder durch Bücher noch durch Vorträge beeindrucken
ließen. Gleichgültig, ob er las oder zuhörte, er stellte sich, abgesehen davon, dass er gelungene Formulierungen
zu schätzen wusste und auch gerne die eine oder andere von ihnen in seinem Zettelkasten festhielt, immer nur
eine einzige Frage: Welches Problem wird hier wie gestellt und gelöst? Alle anderen Aspekte eines Textes oder
eines Vortrags interessierten ihn nur unter den Gesichtspunkten der gelungenen Formulierung, der Fähigkeit,
einen Gedanken nicht nur zu denken, sondern auch durchzuhalten, und der Frage, wie zeitraubend oder
zeitersparend ein Autor sein Pensum bewältigt.[…]Dabei kam es ihm darauf an, mit jeder dieser
Problemstellungen nicht nur ein Problem zu lösen, sondern auch das Denken davon zu entlasten, über unklare,
weil unzureichend gestellte Probleme nachzudenken. Wenn man ihm zuhörte, sollte man daher nicht nur darauf
achten, was er sagte, sondern auch darauf, was nicht mehr gesagt zu werden brauchte, wenn man seinem
Gedanken folgte. Luhmann ging davon aus, dass man nur kommuniziert, wenn man sich nicht auskennt. Seine
Kommunikation in seinem kaum noch zu überschauenden Gesamtwerk wie auch in seinen Vorträgen und
Vorlesungen sollte dazu beitragen, sich auszukeimen und sich damit viel Kommunikation zu ersparen. Das lief
interessanterweise nie auf ein Plädoyer für die Ersetzung der Kommunikation durch das Schweigen hinaus,
sondern verfolgte vielmehr die Absicht, Zeit zu gewinnen, um über anderes, mit dem man sich noch nicht
auskennt, kommunizieren zu können.“ (Niklas Luhmann: Einführung in die Theorie der Gesellschaft, 2004 –
Vorwort Dirk Baecker)
Daher werde ich auch nie dazu übergehen können vom Tod zu schweigen. Da hier so gar nichts gelöst ist.
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Die großen Sätze der Menschheit wurden für Bücher geschrieben und werden heute auf Twitter, dem Anti-Buch,
breit getreten.
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Die Menschen haben schon lange verstanden worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Doch durch ihre
Taten bezeugen sie, dass es ihnen nicht auf ein Verstehen ankommt, sondern auf ein Tun.
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Wer seine Weisheit kund gibt, ist in seiner Dummheit angekommen.
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Sprache mutiert die Gedanken ins Semantische.
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Die Menschen haben schon lange verstanden worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Doch durch ihre
Taten bezeugen sie, dass es ihnen nicht auf ein Verstehen ankommt, sondern auf ein Tun.
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"Die Sonne" haben vor drei zahlenden Gästen gespielt, und für die hatte ich allein, inklusive meiner selbst,
gesorgt. Die Gesamtzahl 10 im Publikum wurde durch die Veranstaltungsmitarbeiter erreicht. Dennoch war "Die
Sonne" daran gelegen, für diese wenigen Zuschauer, eine gute Performance abzuliefern. Und es ist ihnen
gelungen. Ich war in letzter Zeit etwas schlampig und Twitter hat mich über das Jahr hinweg noch schlampiger
werden lassen. In 140 Zeichen zu denken heißt das Denken in gewisser Weise einzustellen. Ich werde nun einen
neuen Versuch unternehmen und in Isolierung schreiben, auch mit dem Wissen, dass es am Ende vielleicht nur
ein Mensch liest oder sogar keiner. Aber dieser eine Leser hat es umso mehr verdient, dass man sich für ihn ins
Zeug legt, denn er hat alle "Gesetze" des menschlichen Instinkts überwunden, sich am Populären, am Bekannten,
auszurichten. Er wagt die Begegnung mit etwas Unbekanntem, ja etwas Unpopulären. Er hat ein anderes
Qualitätsmaß. Als Analogie in der Musik ließe sich sagen: Stehe ich auf Lyrik-Plattitüden? Auf Rhythmen der
Beliebigkeit? Auf eine Show in der das Phänomenale alles überragt und kein Innenbereich mehr zur Geltung
kommt? Stehe ich auf Kostüme? Dann gehe wie ich tausend andere in ein Lady Gaga Konzert. Oder eben in die
Lesung eines Precht-Buches. Oder kommt es mir auf den Augenblick und seine Einzigartigkeit an, dann suche ich
die Augenblicklichkeit des Augenblicks, das nicht austauschbare. Dann gehe ich dorthin, wo einzelne Menschen
jene Tätigkeiten verrichten, die ihnen eine Herzensangelegenheit sind, die sie auch nicht aufgeben, wenn ihnen
niemand zu hört. Im Musik-Geschäft (Siehe Geschäft) sind viele um Geld zu verdienen, verdient es sich dort
nicht allzu gut, versuchen sie es anderswo zu verdienen. Musik ist ihnen nur ein Mittel, zum Beispiel zur
Aufmerksamkeit oder eben Gelderwerb. Wer ein Jahrzehnt alles in seine Art der Musik legt und genau weiß, dass
er damit kaum Aufmerksamkeit erfährt und davon auch kaum leben kann, und dennoch nicht sich versucht an
die Rhythmen der Beliebigkeit anzupassen, dem zolle ich mein Respekt. Manche halten es für klug opportun zu
sein. In einer Existenz der Kürze halte ich es für klug, die wenige Zeit, die einem ohnehin nur zur Verfügung
steht, genau für das zu nutzen, was einem ein Anliegen oder zumindest die bevorzugte Existenztätigkeit ist. Es ist
leicht sich demotivieren zu lassen von mangelndem Zuspruch. Aber wer sich mit sich selber im Gespräch
befindet, wird immer den entscheidensten Zuspruch erhalten. Von sich selber. Jeder hat andere Ansprüche, das
ist klar. Manche träumen davon eine Show namens Lady Gaga zu sein. Ich kenne diese Person nicht, was ich in
Auszügen vernommen habe, ist sie wohl eine nette, angenehme Persönlichkeit. Was aber nichts über die
Wertigkeit der Musik aussagt. Es ist daher in Ordnung Lady Gaga oder ein Precht sein zu wollen. Sprich: Alles
dafür zu tun Zu Hörer zu bekommen, schon weniger dafür zu tun, die Sache selber gut auszuführen. Meine
Angelegenheit ist das Denken. Das ist meine (fatale) Leidenschaft. Fatal, da in einer lethalen Existenz das Leben
immer zu kurz ist, um das Denken zu Ende zu führen, überhaupt auch nur ansatzweise in die Richtung eines
Endes zu kommen. Ganz davon abgesehen, dass Ende und Denken in einem semantischen Widerspruch stehen.
Denken ist immer ein Anfang. Jedenfalls nutze ich immer wieder gerne auch externe Anregungen um mich an
meine internen Bestrebungen zu erinnern. Das Konzert gestern war ein solches. Ich hatte schon einige Tage zuvor
damit angefangen, mit Sätze II - Fremde zu beginnen. Vielleicht wäre es besser dies erst in 10 Jahren zu schreiben
oder in 20, mit noch mehr Denkeindrücken. Aber ich weiß nicht, ob mir diese Existenzzeit zugestanden wird. Ich
habe immer nur ein Jetzt. Daher versuche ich dieses Jetzt zu einem "Für-Immer" für nachkommende Leser
umzugestalten. Es ist nicht schlimm, sein Denken später zu ändern oder zu erweitern. Es ist erstrebenswert, wenn
es die Denksache erfordert. Daher stelle ich mir vor ein offenes Buch zu schreiben, dass es strukturell erlaubt,
spätere Hinzufügungen genuin in den Text hineinzulassen. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Ich werde mich
jedenfalls redlich bemühen und in meiner sich sicherlich temporär einstellenden Erschöpfung an den einen,
geduldigen, Leser denken, der dafür dankbar ist, dass sich noch jemand die Mühe macht - trotz mangelnder
Popularität des Themas - die Existenz ALS Existenz zu beschreiben und nicht die Existenz ALS Zerstreuung oder
die Existenz ALS Hoffnung. Das ist nun also meine selbstgestellte Aufgabe als Versuch. Aus dem 1.9 wie 20.
Jahrhundert gibt es einige lesenswerte Texte, die kaum noch jemand liest, die schon zu ihrer Erscheinung kaum
jemand gelesen hat. Einfach, da sie nicht den Zeitgeist treffen, sondern in eine Zeit hineingeschrieben sind, die
Zerstreuung hat, aber keinen Geist. Ein gutes Existenzwerk beschäftigt sich nicht mit der Zeitlichkeit der
Gegenwartsgesellschaft, sondern mit der Zeitlichkeit wie Nicht-Zeitlichkeit der Existenz. Jedes Buch, das ich noch
schreiben werde, wird eines dieser Bücher sein, die schon in der Gegenwart kaum einer gelesen hat. Nun könnte
ich mit diesem Wissen das Schreiben aufhören, statt Jahre meines knappen Lebens darin zu investieren,
ungelesene Bücher zu fabrizieren. Wenn es mir um Aufmerksamkeit geht, müsste ich einen anderen Weg
einschlagen. Wenn es mir um Geld geht, müsste ich wohl eher ins Bankwesen einsteigen, statt mich mit dem
"Wesen" der Existenz herumzuplagen. Aber ich bin letztlich eben wie jene Band, die auch dann noch ihre
Gesänge und Klänge spielt, selbst wenn ihnen niemand zu hört. Auch vor einem gänzlich leeren Saal würde ich
noch mein Textlied aufführen. Im Mai habe ich das Schweigen gesucht wie versucht und es gar nicht finden
können, da jedes Schweigen, erst einmal ein gehöriges aussprechen, überhaupt sprechen zu können voraussetzt.
Mein Themenschwerpunkt mit der Existenz als Existenz spricht nicht für sich und sperrt sich gegen
Sprachzuschreibungen. Das führt nicht zu einem Schweigen, da eben die Gegenseite gar nicht möglich ist. Es
führt zu einem Weitersprechen mit dem Ich-Versprechen die Textlichkeit nicht für die Welt zu nehmen, aber
deswegen noch lange nicht das Bemühen um eine brauchbare Textlichtkeit einzustellen, die der Existenz ALS
Existenz gerecht wird. Bisher hat solch ein Text noch niemand gelungen vorgelegt, wenn auch einige wenige (!)
Autoren sich um mehr Aufrichtigkeit verdient gemacht haben als andere. Auch mir wird der Text wohl nicht als
solches gelingen, aber wenn er mit noch mehr Aufrichtigkeit als bisher endet, dann ist auch dies bereits ein
Verdienst - den niemand erfahren wird, da ungelesene Bücher keine Leseerfahrung für andere aufwerfen. Nur
der eine einzige Leser, der sich nicht abschrecken lässt, wird vielleicht den Text für das schätzen können, was er
dann ist.
Also ein neuer Versuch. Und sollte es mir nicht gelingen meine Isolierung aufrechtzuerhalten, brauche ich mich
auch nicht schämen, denn wer hat schon mein Scheitern vernommen? Ich. Und darin liegt oft die größte Scham.
Ekel erwächst, wenn die eigenen Anliegen gegen Zerstreuungen ausgetauscht werden. Die Wüste mag wachsen,
aber wenn der Ekel wächst, ist nicht der Mangel an Werten das Problem, sondern, dass Werte vorliegen (Jede
Zerstreuung ist eine Wert-Setzung) die die eigene Wertigkeit herabsenken. Im Universum hat vermutlich nichts
einen Eigenwert. Werte entstehen durch Zuschreibung. So kann es nicht darum gehen, sich als wert-voll zu
beschreiben, sondern als wert-leer. Aber diese Leere in eine akkurate Beschreibung der Existenz ALS Existenz
einzubinden. Wert-Leere ist vielleicht nicht angenehm, aber hinnehmbar. Wert-Völle die sich aus schäbigen
Werten zusammensetzt, jedoch nicht. Nun nachdem dies gesagt wurde, kann der Versuch beginnen. Mit jedem
verdienten Spott, wenn solch ein klares Anliegen, schon bei der ersten Abbiegung zusammenbricht.
Bremen, 16. Oktober 2014
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