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Aus den Tagebüchern eines

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Ist die Bahncard ein Bürgerrecht?
Der Krimi des Jahres!
KLAUS WANNINGER
WANNINGER
Sie ist unrentabel. Aber wer die wichtigste Rabattkarte KLAUS
anrührt, riskiert den Kulturkampf SEITE 18–20
SCHWABEN-FINSTERNIS
AUSGABE BERLIN | NR. 10664 | 11. WOCHE | 37. JAHRGANG | € 3,50 AUSLAND |
€ 3,20 DEUTSCHLAND
SCHWABEN-
FINSTERNIS
Kriminalroman
| SONNABEND/SONNTAG, 14./15. MÄRZ 2015
taz.thema
Anthroposophie SEITE 29–33
Aus den Tagebüchern
eines
s
l
e
k
n
O
n
e
t
u
g
Verfassungsurteil
Konflikt um das
Kopftuch geht weiter
Die Karlsruher Richter
haben das pauschale
Kopftuchverbot an
Schulen gekippt. Mehr
Glaubensfreiheit – wie
setzt die Politik das
nun um? SEITE 9
Der stärkste Satz
Was früher
fünf Minuten
dauerte,
dauert jetzt
drei Tage
BODO RAMELOW, Ministerpräsident der Linkspartei in Thüringen, über den Unterschied zwischen
Opposition und Regierungsapparat SEITE 7
„Sie wollen mich mal wieder
zum Rektor machen. Nur daß
ich diesmal nicht grundsätzlich nein sage. Ab Herbst
Schulwechsel und neue Aufgabe: Fünfjährige.“
b  taz.berlin
Männerwelt Frauen sind
selten auf Lesebühnen.
Und nun tritt auch noch
eine ab SEITE 41, 44, 45
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MISSBRAUCH Über Jahrzehnte verging sich ein Lehrer in Darmstadt an seinen
Schülern. Minutiös führte er darüber Protokoll. Heute kämpfen die Opfer
um Aufklärung und Rehabilitation Reportage SEITE 3–5
Jetzt anmelden!|
Fotos: privat; DB Systel (oben)
60611
4 190254 803208
TAZ
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SEIN
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Servicenummer
(0711) 699 49 100
kirchentag.de
02
Kompass
SONNABEND/SONNTAG, 14./15. MÄRZ 2015  TAZ.AM WOCHENENDE
Aus dem Inhalt
......................................................................
Politik
Eingewöhnung Bodo
Ramelow über seine ersten
Tage als Ministerpräsident
von Thüringen Seite 7
Religion Nach dem Kopftuchurteil: Muss Bayern die
Kruzifixe in den Schulen
abhängen? Seite 9
Kultur
True Crime Richter Giancarlo
De Cataldo belebt den
Mafiaroman neu Seite 12
Kuratieren Auch Ausstellen
ist eine Kunst. In seinem
neuen Buch gibt Hans Ulrich
Obrist einen Einblick Seite 15
Dinnertalk Lagebesprechungen von der Leipziger
Buchmesse Seite 16
Gesellschaft
Streit Die Grillsaison
beginnt: mit Gas oder mit
Kohle? Seite 17
Ferguson kommt
nicht zur Ruhe
Rabatt Die Bahncard
rentiert sich nicht mehr.
Aber traut sich jemand, sie
abzuschaffen? Seite 18–20
Auch gut Das Leben nach
„Supergeil“. Gesamtkunstwerk Friedrich Liechtenstein
im Gespräch Seite 21
Foto: Jeff Roberson/ap
LEKTIONEN
Fünf Dinge, die
wir diese Woche
gelernt haben
Sachkunde
Drohnen Wie sieht die
Zukunft des unbemannten
Krieges aus? Ein Besuch auf
der Waffenmesse von Abu
Dhabi Seite 25–27
Medien
Reduktion In der Öffentlichkeit wird ein virtuelles
Islambild gepflegt Seite 35
Reise
Beats Das Mekka der
Freunde elektronischer
Musik liegt in der Wüste
Tunesiens Seite 36
Leibesübungen
Olympia Barcelona konnte
1992 von den Spielen
profitieren. Heute sind die
Zeiten anders Seite 39
LESERINNENBRIEFE SEITE 28
TV-PROGRAMM SEITE 34
DAS TAZ.LAB SEITE 38
WAHRHEIT SEITE 40
1. Die Ukraine schlägt alles
Ein Sieg ist der Ukraine nicht
mehr zu nehmen. Der Konflikt
hat im vergangenen Jahr die
deutschen TV-Nachrichten mit
Abstand beherrscht, wie das Institut für Empirische Medienforschung (Ifem) in Köln herausgefunden hat. Überhaupt sei 2014
durch internationale Entwicklungen stark wie nie geprägt gewesen. Ausländische Politiker
hätten fast ebenso viele Auftritte
in den Nachrichten gehabt wie
deutsche. Und fast hätte einer in
der Zahl der Nennungen sogar
in Strohfeuer hat EU-Kommissionspräsident JeanClaude Juncker vor ein paar
Tagen entfacht. Er hat sich
für die Gründung einer gemeinsamen europäischen Armee
ausgesprochen. Das ist zwar kein
neuer Einfall, wird aber immer
wieder gern genommen, wenn
man möglichst billig die eigene
Europabegeisterung demonstrieren möchte. So haben denn
auch viele – darunter Kanzlerin
Angela Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der
Leyen – schnell erklärt, dass sie
die Idee ganz prima finden, und
damit war das Thema erst einmal
wieder erledigt. Was schade ist.
Denn die Idee ist gar nicht prima.
Geredet werden sollte über
das Verständnis von Demokratie,
nicht über technische und finanzielle Argumente für oder gegen
eine europäische Streitmacht.
Die lassen sich nämlich ziemlich
schnell abräumen, was ja auch
der Grund dafür ist, dass das Projekt seit Jahrzehnten als „langfristig“ bezeichnet wird: Der Aufbau von Doppelstrukturen mit
E
Kanzlerin Angela Merkel überholt. Wer? Die Auflösung steht in
der nächsten Zeile.
2. Putin sagt die Wahrheit
Bleiben wir also beim Thema.
Mit seinen Worten hat sich Russlands Präsident 2014 eher den
Titel „Nebelwerfer von der
Moskwa“ verdient. Anfang der
Woche präsentierte er auf einmal
schonungslos die Wahrheit. In einem TV-Trailer bekennt Wladimir Putin, er habe den Befehl für
die Annexion der Halbinsel im
Schwarzen Meer gegeben, und
zwar schon am 23. Februar 2014,
als wegen der Straßenkämpfe
der ukrainische Präsident Janukowitsch aus Kiew floh. „Wir
müssen beginnen, die Krim zurück zu Russland zu holen“, habe
er schon damals gesagt, zitiert
sich Putin selbst. Wir sind sicher,
er hat noch mehr Enthüllungen
auf Lager.
3. Putin ist nicht allein
Man könnte vermuten, Putin ist
ein Narzisst. Dann haben seine
Eltern vielleicht auch den Fehler
gemacht, vor dem Wissenschafter Eltern von heute warnen: den
Nachwuchs auf Wolken zu heben.
Kinder, die angebetet werden,
fühlten sich irgendwann wie
Götter, so lässt sich das Ergebnis
einer Studie zusammenfassen,
die die US-Akademie der Wissenschaften veröffentlicht hat. Die
Forscher sagen: Dauernde Sonderbehandlung macht Kinder
nicht glücklich, einfache emotionale Wärme reicht.
4. Impfgegner sind unbekehrbar
Wenn wir schon bei krankhafter
Rechthaberei sind: Die kommt
einen Impfgegner teuer zu stehen. Er hatte 100.000 Euro gewettet, dass niemand belegen
könne, dass das Masernvirus
existiert. Vor dem Landgericht
Ravensburg kam es am Donnerstag zu einem kuriosen Prozess.
Ein Arzt, der auf die Wette eingegangen war, stritt um seinen Gewinn – und bekam Recht. Der unbelehrbare Impfgegner jedoch
will in Berufung gehen. Wetten,
es gibt einen Virus namens Prozesseritis?
5. Der IS wird moderat
Anderswo geht es Richtern an
den Kragen. Laut Twitter, der offiziellen Nachrichtenagentur der
Islamisten, ist IS-Chef Abu Bakr
al-Baghdadi der eigene Topjurist
al-Hattab zu viel geworden. Dessen Ansichten waren so streng,
dass er zu Ungläubigen erklärte,
wer andere Ungläubige nicht als
ungläubig bezeichnete. Der
Bannstrahl traf sogar Al-QaidaChef al-Sawahiri. Nun die Nachricht von der Hinrichtung: Terror
schlägt Scharia.
JÖRN KABISCH
..................................................................................................................
MACHT
Wer den Marschbefehl gibt
IMMER WIEDER GERNE ALS IDEE INS FELD GEFÜHRT: DIE GRÜNDUNG
EINER EUROPÄISCHEN ARMEE. DIE IDEE IST SCHLECHT
der Nato wäre kaum vermeidbar.
Die Kosten für Militärausgaben
würden deshalb vermutlich
nicht sinken, sondern steigen.
Zumal Arbeitsteilung innerhalb
eines Bündnisses – ob nun Nato
oder EU-Armee – und gemeinsame Manöver ja auch ohne Neugründung möglich sind und
längst praktiziert werden.
Worum also geht es, wenn
nicht um Geld und Effizienz? Um
die Demonstration von Macht,
wie Juncker gerade dankenswert
deutlich betont hat: Eine gemeinsame Armee würde „Russland den Eindruck vermitteln,
dass wir es ernst meinen mit der
Verteidigung der Werte der Europäischen Union.“
Ach, so sind die Verhältnisse
inzwischen wieder? Dass Werte
mit dem Schwert vermittelt wer-
.......................................................
BETTINA GAUS ist politische
Korrespondentin der taz
.......................................................
den müssen, weil man sonst
nicht glaubwürdig ist? Da waren
wir schon mal weiter. Eigentlich
sollte doch gerade die Gründung
der Europäischen Union friedensstiftend wirken und den Abschied von dem Konzept bedeu-
ten, dass Krieg die Fortsetzung
der Politik mit anderen Mitteln
ist. Wie schnell sich die Zeiten ändern.
Aber was würde die Schaffung
einer europäischen Armee denn
konkret für die Bevölkerung Europas bedeuten? Unter den gegenwärtigen Umständen nichts
anderes als die Abschaffung der
Demokratie. Nein, das ist keine
Übertreibung. Leider nicht.
Das Haushaltsrecht wird als
„Königsrecht“ des Parlaments
bezeichnet. Wie schnell das innerhalb der EU im Krisenfall
geschleift werden kann, war im
Falle Griechenlands zu besichtigen. Eine europäische Streitmacht mit gemeinsamem Oberkommando beendete jedes Mitspracherecht eines nationalen
Parlaments über die Frage von
Das Zitat
„Mir hat hier
im Ort einfach der
Rückhalt gefehlt,
aus der Bevölkerung
und vor allem
aus der
Politik“
MARKUS NIERTH nach
seinem Rücktritt als
Bürgermeister von
Tröglitz in Sachsen-Anhalt. Er
hatte für die
Aufnahme von
Flüchtlingen
geworben
Foto: dpa
Essay Die Politisierung der
Lust. Dagmar Herzog über
die Liebesdoktrin in der
Psychoanalyse Seite 22
Blut schimmert auf dem Visier. Der Tatort wird in der Nacht zu Donnerstag inspiziert. Wieder sind in
der Kleinstadt Ferguson im US-Bundesstaat Missouri Schüsse gefallen. Sie trafen zwei Polizisten. Die
gesellschaftliche Debatte über Polizeigewalt und Rassismus hatte mit der Erschießung des unbewaffneten Jugendlichen Michael Brown im August 2014 begonnen. Nun entbrennt sie neu – überall in
den USA. Mehr dazu unter www.taz.de/!156375.
Krieg und Frieden. Sofort. Aus
realpolitischen Gründen, was
immer Staatsrechtler dazu sagen. Die Europäische Union würde implodieren, sollte ein Staat
ausscheren, wenn der große Rest
des Kontinents marschieren
möchte.
Die Aushöhlung des Haushaltsrechts und die faktische Abschaffung des Rechts, über Krieg
und Frieden zu entscheiden, wäre die Übertragung der Souveränität des Volkes auf europäische
Institutionen, die allenfalls von
Regierungen, nicht jedoch von
Parlamenten kontrolliert werden. Und das reicht nicht für eine
breite Diskussion? Was soll denn
noch kommen? Wo versteckt sich
eigentlich die Friedensbewegung?
Viele derjenigen, die Interventionen ohne Mandat der Vereinten Nationen prinzipiell ablehnen, halten es für ein Verdienst,
sich nicht für Details der Militärpolitik zu interessieren. Das
mag sich noch bitter rächen. Die
Frage, wer den Marschbefehl
gibt, ist keine Fußnote der Demokratie.
Reportage
SONNABEND/SONNTAG, 14./15. MÄRZ 2015  TAZ.AM WOCHENENDE
03
AUFKLÄRUNG Ein Lehrer missbraucht an einer
hessischen Schule über Jahrzehnte weit mehr als
hundert Schüler. Die Behörden sehen nicht hin
Verlorene Jungs
AUS BERLIN UND DARMSTADT
NINA APIN UND
GABRIELA M. KELLER
obert Collister läuft in
schnellen, ausgreifenden
Schritten über den Schulhof, fast rennt er, in der
einen Hand eine Zigarette, in der
anderen ein Notebook. Der Weg
kostet ihn keine Überwindung,
auch wenn jeder Meter vorwärts
ihn zurückbringt, dorthin, wo alles begann.
Ein paar neue Klettergerüste
stehen vor den flachen Gebäuderiegeln, sonst ist alles wie früher,
die Sporthalle, die Flure, der
Klassenraum, in dem Erich Buß
oft gleich nach dem Unterricht
Schüler zu sich ans Pult zog, um
ihnen in die Hose zu fassen. Den
Holzschuppen, in dem er sein
Moped abgestellt hatte. Er ließ
die Jungen damit fahren, oder er
brachte sie auf dem Rücksitz zu
sich nach Hause, wo er vermutlich weit mehr als hundert Jungen sexuell missbrauchte.
Jetzt, wo Collister auf die weiße Fassade der Schule blickt, kehren all die Szenen zurück wie Gespenster. Aber er spürt keine Beklemmung. „Für mich ist das wie
’ne Therapie“, sagt er in den
Rauch der Zigarette. Er hat den
Eindruck, dass endlich die Wahrheit ans Licht kommt.
Es ist Sonntagmittag. Eiswind
schneidet über den Pausenhof.
In den kahlen Sträuchern rasselt
Schokoladenpapier. Die EllyHeuss-Knapp-Schule liegt im
Südosten Darmstadts. Collister,
ein großer Mann mit etwas zu
langen dunklen Haaren, ist allein. Robert Collister ist nicht
sein richtiger Name. Er hat oft erlebt, wie die Leute auf Distanz gehen, wenn er offenbart, dass er
als Kind Opfer sexueller Gewalt
wurde. Im Gehen klappt er sein
Notebook auf, klickt sich durch
Ordner voll Fotos, von Schulfesten, Sportturnieren. Der Lehrer
Buß, umringt von Kindern, Buß,
wie er Schokoküsse verteilt. Collisters Blick flattert hin und her
R
zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Es geht nicht nur um
den Missbrauch, es geht auch um
das Schweigen“, sagt er.
Robert [Name geändert] ist
[...] ein Kind mit sehr differenzierten Reaktionen. Liebevoll, hat viel zu geben. Bedürftig. Gestern waren wir
Pizza essen, mit dem Rad am
Herrngarten. Sehr enger Kontakt, hautnah. Es rührt mich
zutiefst. [...] Der Junge ist
sogar schön. (Februar 1973)
Mehr als 700 Kilometer entfernt erhebt sich irgendwo in
Mecklenburg eine kleine Holzhütte neben einer Ziegenweide,
durch eine Straße vom Wohnhaus getrennt. Drinnen faltet ein
schlanker Mann mit grauen Haaren und Outdoorkleidung seinen
Körper in einen Korbsessel. Der
Verschlag ist Andreas Ratz’ „Traumazelle“, so nennt er das: Schaffelle, bunte Ölbilder, in der Ecke
bullert ein Ofen. „Ich versuche,
den ganzen Dreck hierzulassen“,
sagt er.
Ratz, 52 Jahre alt, zwei Söhne,
hat zweimal den Nachnamen gewechselt und lebt als Ökobauer
auf dem Land. Die Vergangenheit
hat ihn immer wieder eingeholt,
wie vor drei Jahren, als er tagelang in der dunklen Hütte lag,
mit Depressionen und Selbstmordgedanken. „Ist nicht leicht,
mit einem Beschädigten wie mir
leben zu müssen.“ Er lacht, nicht
bitter, sondern jungenhaft.
Erich Buß, geboren 1928, war
fast 40 Jahre Lehrer. Wie viele
Kinder er sexuell missbraucht
hat, weiß niemand. Verurteilt
wurde er wegen 15 Fällen. Aus der
Urteilsbegründung geht hervor,
dass Buß von Mitte der 60er Jahre an bis über seine Pensionierung 1992 hinaus Kindern „in einer großen Vielzahl“ Gewalt angetan hatte. Man kann von weit
mehr als hundert Opfern ausgehen. Wie strategisch er vorging,
lässt sich anhand seiner Tagebücher nachvollziehen. Er hielt
nicht nur seinen Alltag akribisch
fest, sondern auch die Namen
der Kinder, die er missbrauchte.
Der taz liegen die getippten und
handschriftlichen Dokumente
zum Teil vor.
Daraus ergibt sich das Bild eines peniblen, fast zwanghaften
Mannes, der zu Selbstverklärung
und Wehleidigkeit neigte. Erich
Buß dokumentierte seine Taten
mit der Akkuratesse eines Buchhalters.
Heute waren in bunter Reihenfolge da: Hajo (30 Min.), Roland (15 Min.), Ursula (40
Min.), Dieter F. (20 Min.),
Ernst (3 Std.), Roland (1
Std.). Dazu zwei Telefonate
mit Müttern: N. und Qu. (September 1970)
In einem einzigen Jahr waren
seiner eigenen Statistik zufolge
1.500 Kinder bei ihm zu Gast.
Zwar hat ihn das Landgericht
Darmstadt 2005 zu vier Jahren
Haft verurteilt. Aber der Großteil
seiner Taten war lange verjährt.
2008 starb der Täter. Jetzt versuchen die Opfer noch einmal, ihre
Geschichte zu Gehör zu bringen.
Eine kleine Gruppe hat sich
formiert. Männer, die gemeinsam zur Schule gingen. Kinder
ohne Halt, die dasselbe Trauma
verbindet. Der
Missbrauch
brachte sie zusammen und wieder auseinander, weil sie alle andere Antworten auf eine Frage
fanden: Welche Gerechtigkeit
kann es für die Opfer sexueller
Gewalt geben?
Einer will Rache. Einer will seinen Frieden. Einer will Anerkennung. Alle wollen, dass der Staat
reagiert.
Die Elly-Heuss-Knapp-Schule
ist nur 36 Kilometer von der
Odenwaldschule entfernt. An
dem renommierten reformpädagogischen
Landerziehungsheim in Ober-Hambach wurden
in den 1960er bis 1990er Jahren
mindestens 132 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht.
Die Täter um Schulleiter Gerold
Becker wurden nie verurteilt, da
die Taten als verjährt galten. Be-
Urlaub auf Korsika: Buß fotografierte Foto: privat
Die Kinder von damals
Einer will Rache. Einer will
seinen Frieden. Einer will
Anerkennung. Alle wollen,
dass der Staat reagiert
Auf dem Hof der Elly-Heuss-Knapp-Schule wirkt für Robert Collister – oben als Junge – fast alles wie früher. Sein Name ist hier geändert Foto: Gabriela M. Keller
troffene warfen den hessischen
Kontrollbehörden mangelnden
Aufklärungswillen vor, es seien
sogar Akten verschwunden. Für
beide Schulen ist dasselbe Kultusministerium zuständig.
Auch im Fall der Elly-HeussKnapp-Schule versuchten hessische Ämter lange, die Opfer abzuwimmeln. Gerade erst ändert
sich das. Am kommenden Mittwoch wird es ein Treffen in Wiesbaden geben. Hessens Kultusminister Alexander Lorz und ein
Landtagsabgeordneter wollen
mit Betroffenen sprechen. Zehn
Jahre nach der Verurteilung des
Täters beginnt jetzt vielleicht die
Aufarbeitung.
Robert Collister ist an diesem
Tag zurückgekehrt in die Stadt
seiner Kindheit. Er arbeitet seit
ein paar Jahren als Hausmeister
in Heidelberg. Jetzt ist er hier, um
zu recherchieren, was genau damals geschehen ist. „Mein
Hauptziel ist, Erich Buß vom
Thron zu stoßen“, sagt er. Es gibt
noch viele, die den Lehrer in
höchsten Ehren halten.
Collister wirft seine Zigarette
halb aufgeraucht weg und lässt
sich hinters Steuer seines 80erJahre-Mercedes fallen. Die Sitze
quietschen leise, aus dem Radio
dudelt Jazz, leere Vorortstraßen
ziehen am Fenster vorbei.
Sein Vater war GI, mit der USArmee in Darmstadt stationiert.
Bis er sechs war, lebte der Junge
mit den Eltern in den USA. Dann
trennten die sich, der Vater
machte sich davon. Auf dem
deutschen Schulhof stand Robert meist alleine. Die anderen
riefen: „Ami, go home!“ Eine Lehrerin wies Buß auf den Jungen
hin. Es war ja bekannt, dass der
sich solcher Kinder annahm.
Nach allem, was man über das
Missbrauchssystem an der
Odenwaldschule weiß, traf es
dort die sogenannten Jugendamtskinder besonders hart. Das
Eliteinternat nahm ein Kontingent von Kindern aus zerrütteFortsetzung auf Seite 4
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