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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Wach mit Crystal Meth, high mit
Badesalz
Designerdrogen und ihre gefährlichen Wirkungen
Von Doris Maull
Sendung: Mittwoch, 11. März 2015, 08.30 Uhr
Redaktion: Sonja Striegl
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
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MANUSKRIPT
Musik
O-Ton 1 - Sebastian Caspar:
Crystal Meth potenziert die eigene Persönlichkeit mindestens doppelt, also im
positiven Sinne. Man ist absolut präsent, es ist als wenn ein Vorhang vor einem
weggezogen wird und die Welt liegt einem irgendwo zu Füssen oder man steht unter
zwei Sonnen und wird da angestrahlt, man ist immens leistungsfähig.
Musik
O-Ton 2 - Volker Auwärter:
Knister, knister - das ist ganz schön gemacht, also hier mit schönen Mustern drauf,
es gibt die wildesten Bezeichnungen und Namen - Sweet, Mandala, Bonsai, der
Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Musik
O-Ton 3 - Annegret Sievert:
Aufklärung, Aufklärung, dass die Menschen wissen, was sie dort konsumieren, denn
viele Menschen, die angefangen haben zu konsumieren, gerade im höheren Alter,
die wissen das gar nicht und die jungen Leute, die in der Partyszene reinrutschen,
die muss man stark machen, ´nen selbstbewusster junger Mensch, der braucht keine
Droge.
Ansage:
„Wach mit Crystal Meth, high mit Badesalz - Designerdrogen und ihre
gefährlichen Wirkungen“. Eine Sendung von Doris Maull.
O-Ton 4 - Patient Michael:
Ich bin auf der Therapie seit knapp fünf Monaten und hab jetzt noch knapp sechs,
sieben Wochen offen. Ich bin abhängig geworden durch Crystal, Amphetamine und
Ecstasy und es ging dann soweit bergab, dass es nur noch ´nen Ausweg gab durch
die Therapie.
Autorin:
Der 21-jährige Michael ist blass und wirkt ein wenig nervös, während er seine
Geschichte erzählt.
O-Ton 5 - Patient Michael:
Ich hab damals angefangen aus Depression, weil meine Freundin Schluss gemacht
hat und mein Opa is an Krebs gestorben, meine Oma auch, meine Familie hatte
große Geldprobleme, ich musste viel leisten zuhause und wenn man dann irgendwo
in so ´nem Loch drin ist und dann denkt, das geht nicht mehr weiter und irgendwann
kam ´nen Freund zu mir und der sagte mir, ich hab´ was, dass es Dir besser geht
und dann hört man eben auf die Hilfe, obwohl es keine Hilfe ist, im Gegenteil.
2
Autorin:
In der Suchtklinik Hochstadt in Oberfranken erhält Michael jetzt die Hilfe, die er
braucht. Hochstadt war die erste Suchtklinik in Deutschland, die sich auf Crystal
Meth-abhängige Patienten spezialisiert hat. Die 50 Therapieplätze, die es dort gibt,
reichen jedoch bei Weitem nicht - denn der Bedarf wächst ständig. Laut
Bundesdrogenbericht ist die Zahl der erstmalig auffällig gewordenen CrystalKonsumenten 2013 um rund sieben Prozent gestiegen. Michael war einige Jahre
abhängig.
O-Ton 6 - Patient Michael:
Die Depression kam immer mehr nach, die Droge hat dann nicht mehr gewirkt und
die Probleme wurden immer größer. Ich hab´ eigentlich alles verloren, meine
Ausbildung, meine Familie fast, mein Auto konnte ich nicht mehr finanzieren und
dann habe ich gesagt, das kann nicht mehr so weitergehen, meine Gesundheit war
richtig unten, ich lag ein-, zweimal im Krankenhaus - und dann hab ich wirklich
gesagt, jetzt ist Schluss´.
Autorin:
Crystal Meth ist ein großes Geschäft, die Produktion der Droge erschreckend
einfach. Ephedrin oder Pseudoephedrin, also Stoffe, die auch in Husten- oder
Grippemedikamenten enthalten sind, werden durch Jodwasserstoffsäure oder durch
Jod und rotem Phosphor reduziert. Anschließend wird das Ganze in die weißen
Crystal- Kristalle umgewandelt. Die werden dann geschnupft oder geraucht und sind
extrem gefährlich, betont der Psychotherapeut und ehemalige Oberarzt der
Hochstädter Suchtklinik, Prof. Roland Härtel-Petri.
O-Ton 7 - Roland Härtel-Petri:
Das kristalline Methamphetamin wird eben nicht über den Magen aufgenommen und
nicht in der Leber verstoffwechselt, sondern wenn es nasal aufgenommen wird, ist es
ganz schnell über Lunge und Herz im Hirn, hochdosiert, schlagartig ganz viel da - es
sorgt dafür, dass das vorhandene Dopamin und Serotonin, also Glückshormon und
Motivationsbotenstoff nicht wieder in die Nervenzelle zurück resorbiert werden
können, stattdessen wird das Methamphetamin in die Nervenzelle aufgenommen und
dort sorgt es dafür, dass auf der Gegenseite ein Feuerwerk ist an „alles macht
Freude, alles macht Spaß. Gier auf Sex.
Autorin:
Der Suchtmediziner beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit der synthetischen
Droge. Er hat ein Buch zum Thema geschrieben - „Crystal, wie eine Droge unser
Land überschwemmt“, ist bei diversen Expertenanhörungen aufgetreten und warnt
beharrlich vor den dramatischen Folgen des Crystal-Konsums.
O-Ton 8 - Roland Härtel-Petri:
Dadurch, dass diese Substanz in die Nervenzelle, also in das Axom eindringt,
versucht dort ein Enzym, die Monoaminoxidase, diese wieder abzubauen. Dadurch
entstehen die berühmten Sauerstoffradikale und die sorgen dafür, dass die
Membranen der Zelle selber und der Kraftwerke der Zelle, der Mitochondrien,
absterben und dadurch stirbt dann auch die ganze Nervenzelle, das Axon ab, und
dann braucht das bis eineinhalb Jahre, bis das wieder ausgewachsen ist, bis der
Mensch sich wieder richtig motivieren kann.
3
Autorin:
Parallel zu diesen neurologischen Veränderungen in der Zelle, hat Crystal Meth
diverse Nebenwirkungen, darunter Gewichtsverlust, Hautentzündungen, Haar- und
Zahnausfall und in vielen Fällen Magenschmerzen, Herzrhythmusstörungen und
Muskelschwäche. Eine lange Liste also, die durch gravierende psychische Folgen
der Droge ergänzt wird. Durch die Schädigung bestimmter Hirnbereiche, haben
Crystal-Konsumenten häufig nicht nur Wortfindungsschwierigkeiten oder Probleme
mit dem Zahlengedächtnis, warnt Roland Härtel-Petri, sie entwickeln außerdem
ausgeprägte Psychosen.
O-Ton 9 - Roland Härtel-Petri:
Wenn jemand drei Tage am Stück wach ist, dann sieht er mal einen Menschen hinter
dem Busch hervorspringen, aber irgendwann wird das dann zu einem richtigen
Verfolgungswahn und die Menschen hören auch Stimmen oder deuten Geräusche,
die irgendwo sind, komplett um. Und dann passiert es, dass die Menschen sich
bewaffnen, dass die Menschen meinen, sich schützen zu müssen oder in ihrer
Verzweiflung sich vor die Eisenbahn werfen.
O-Ton 10 - Annegret Sievert:
Schritte…Schlüssel-Klappern…Fernsehräume, bei uns gibt es keine Computer und
keine Fernseher im Zimmer, weil die Patienten ja dann wieder nur konsumieren,
deswegen ist das hier reduziert, sie sollen ja lernen, sich anders zu beschäftigen und
sich selbst auszuhalten.
Autorin:
Die Psychologin Annegret Sievert hat die Crystal-Therapie in der Suchtklinik
Hochstadt 2008 zusammen mit Roland Härtel-Petri entwickelt. Eine erste CrystalWelle hatte Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern, also die Bundesländer
an der Grenze zu Tschechien schon Ende der 90er Jahre erreicht. In der ehemaligen
Tschechoslowakei wurde bereits vor der Wende mit dem Kochen des
Methamphetamins experimentiert. Die zweite Crystal-Welle kam dann ab 2007 - als
das Land Teil des Schengen-Raums wurde und damit die Grenzkontrollen zwischen
Deutschland und Tschechien wegfielen. Da hätten sie einfach schnell reagieren
müssen, weil es einen dringenden Bedarf gab, erinnert sich Annegret Sievert.
O-Ton 11 - Annegret Sievert:
Wir haben eben die Patienten gehabt und haben in der Therapie gesehen, dass wir
denen nicht gerecht werden. In Deutschland gab es nichts und dann haben wir in die
USA geguckt und dort ist von der Gesundheitsbehörde ein Manual veröffentlicht
worden, was in den 80ern für Kokain-User entwickelt wurde, das Matrix-Modell. Wir
haben es dann auf Crystal-Patienten umgestellt, übersetzt und auf die deutschen
Verhältnisse angepasst.
Autorin:
Von den 50 Therapieplätzen für über 18-jährige Erwachsene, sind 70 bis 80 Prozent
mit Männern besetzt. Frauen werden erstens sehr viel später auffällig im Hilfesystem
- außerdem brauchen sie frauenspezifische Einrichtungen, in die sie gegebenenfalls
auch ihre Kinder mitbringen können. In Hochstadt behandelt Annegret Sievert die
überwiegend männlichen Crystal-Abhängigen mit Methoden der kognitiven
Verhaltenstherapie.
4
O-Ton 12 - Annegret Sievert:
Drogen nehmen ist Verhalten und verstehen, warum ich mich so verhalten habe und
dann erarbeiten, wie ich mich anders verhalten kann, dass ich die Droge nicht mehr
brauche. Es geht um die Wirkungserwartung, welche Erwartung habe ich daran, es
geht um die Selbstwirksamkeit, die muss normalisiert werden - Patienten mit Crystal
haben eine überhöhte Selbstwirksamkeit. Ich kann alles, damit fällt man auf die Nase
und ´ne ganz geringe Selbstwirksamkeit, ohne Crystal überstehe ich den Tag nicht,
würde auch zum Rückfall führen.
Autorin:
Um einen Rückfall zu verhindern, wird den Patienten ein strenges Tagesprogramm
auferlegt - Langeweile soll erst gar nicht aufkommen, erzählt der 21-jährige Michael.
O-Ton 13 - Patient Michael:
Früh ist es meistens Arbeitstherapie, die dauert drei Stunden - Ergotherapie,
Schreinerei, Hausputz oder Instandhaltung vom Garten und danach sind die
Gruppengespräche meistens, die dauern eine Stunde, dann individuell einmal in der
Woche Einzelgespräche, also man ist schon beschäftigt über den Tag.
Autorin:
Neben der straffen Organisation des Alltags, haben Annegret Sievert und ihre
Kollegen in der Hochstädter Suchtklinik ein Belohnungssystem eingeführt, das mit
einer Punkte-Währung funktioniert - wer den Fitnessraum putzt, Betten macht oder
das Laub im Garten hakt, erhält dafür Punkte.
O-Ton 14 - Patient Michael:
Das Punktesammeln sieht so aus, das fängt mit hundert Punkten an, dann darf man
selbstständig einkaufen gehen ohne die Pfleger, 150 Punkte wären zwei Stunden
Ausgang, 250 Punkte wären acht Stunden Ausgang und wenn man dann 380 Punkte
hat, das ist meistens nach acht oder zehn Wochen Therapie, darf man ein
Wochenende nach Hause.
Autorin:
Diese extreme Reglementierung muss sein, ist Annegret Sievert überzeugt - von
„Safer-Use“-Projekten bei Crystal-Abhängigen hält die Therapeutin nichts.
O-Ton 15 - Annegret Sievert:
Wenn die Patienten zu uns kommen, dann ist die Diagnose Abhängigkeit und
Abhängigkeit heißt Kontrollverlust. Die werden nie wieder die Droge kontrollieren
können. Bei Leuten, die einen Drogen-Missbrauch haben, kann man noch
kontrollierten Konsum lehren, da kann man noch über die Menge und Dosis
sprechen, das ist genau wie bei Alkoholikern, bei Missbrauch geht das, Abhängige,
da gibt es nur alles oder nichts.
Autorin:
Alles oder nichts - darum ging es auch für den Ex-Konsumenten Sebastian Caspar.
Der Diplom-Pädagoge ist heute seit etwa acht Jahren clean. Er hat eine Frau und
einen kleinen Sohn, lebt und arbeitet in Leipzig - Sebastian Caspar war fast zehn
Jahre lang von Crystal Meth abhängig.
5
O-Ton 16 - Sebastian Caspar:
Crystal kenne ich seit Mitte der 90er, also ich komme aus dem Burgen-Landkreis,
Sachsen-Anhalt, und dort war Crystal Meth irgendwann da und wurde in meinem
Umfeld konsumiert. Man muss natürlich sagen, damals wusste man eigentlich noch
gar nicht so genau, was das ist.
Autorin:
Nach und nach ist der heute 38-Jährige immer tiefer in die Sucht hineingerutscht irgendwann sei „eine line Crystal ziehen“ für ihn so, wie für andere eine Tasse Kaffee
trinken gewesen, erinnert sich Caspar. Als er mit der Droge anfing war er Anfang 21.
Damals hätte das alles noch super funktioniert. Mit der Leistungssteigerung, dem
Nicht-Schlafen, dem Party-Machen und mit dem Sex. Crystal wirkt nämlich extrem
libidosteigernd.
O-Ton 17 - Sebastian Caspar:
Das war schon toll, einfach so dermaßen seinen Mann zu stehen, das macht ja auch
Eindruck und bringt einen in Sphären ´rein, gerade so im Sexuellen, die man sich
clean überhaupt nicht vorstellen kann. Und das ist dann die zweite Sucht, wenn man
einfach jahrelang Sex gewöhnt ist, der über Stunden geht, der wirklich von ´ner
Potenz besetzt ist, verändert man sich natürlich auch in Bezug auf seine Bedürfnisse.
Autorin:
Drei Tage auf Crystal, dann einen Tag schlafen und danach ging es wieder. Aber mit
zunehmendem Alter und vermehrtem Konsum sei das immer problematischer
geworden, betont Sebastian Caspar. Weil die Dauer des „Abklatsches“, also des
Runterkommens, des „Unten-Seins“ länger wurde, als der Kick.
O-Ton 18 - Sebastian Caspar:
Mir war schon bewusst, dass ich da was nicht richtig mache, meine gesamten
sozialen Kontakte sind ja auch kaputt gegangen dadurch. Irgendwann hat sich das
wirklich verselbstständigt, man kann das gar nicht mehr festmachen, das ist ja ein
Prozess. Wo dann die letzten Phasen wirklich geprägt waren von ´nem Selbsthass,
dass man es einfach nicht im Griff hat, dass man´s trotzdem genommen hat und
nachdem man es genommen hat, zehn Minuten später hat man es schon bereut und
musste dann durch diese Talsohle des Abklatsches. Das sind ja richtig Depressionen
gewesen. Zum Ende hab ich richtig gemerkt, dass so ´ne drogeninduzierte Psychose
hinter mir steht.
Autorin:
Dabei hatte Sebastian Caspar wirklich Glück. Er ist nämlich aus eigener Kraft und
ohne gewalttätig zu werden von der Droge losgekommen. Sehr häufig führen
Psychosen bei Crystal-Patienten zu unkontrollierter Aggression, warnt Roland HärtelPetri:
O-Ton 19 - Roland Härtel-Petri:
Dadurch, dass die Emotionsregulation sehr gestört ist, kommt es dazu, dass die
Patienten nicht mehr in der Lage sind, sich in jemand anderen hinein zu fühlen, also
nicht mehr empathisch sind, auch wenn sie jemanden schlagen, überhaupt nicht
mehr wahrnehmen, dass das dem anderen natürlich weh tut. Und das nicht nur im
intoxikierten Zustand, sondern auch wenn sie nüchtern sind.
6
Autorin:
Schon während er noch von Crystal abhängig war, hat Sebastian Caspar begonnen
zu schreiben. Inzwischen ist sein zweites Buch erschienen - ein Roman mit dem Titel
„Zone C“, in dem er die eigenen Erfahrungen mit der Droge verarbeitet.
O-Ton 20 - Sebastian Caspar:
Nachdem ich wieder im Wohnzimmer angekommen bin, zerreibe ich unter der Folie
einer Zigarettenschachtel etwas von meinem C, genieße das Knirschen, das ein
Zeichen für gute Qualität ist. Ich bringe das Häufchen mit meiner
Krankenkassenkarte in eine Gerade, rolle den Geldschein aus meiner Hosentasche
zu einem Röhrchen und stecke ihn mir ins linke Nasenloch. Das Rechte drücke ich
mir mit meinem Zeigefinger zu, inhaliere kurz und stark und der Stoff schießt
augenblicklich in mein Hirn und reißt auf dem Weg dahin tiefe Furchen in meine
Schleimhäute.
Autorin:
Sebastian Caspar besucht heute sächsische Schulen und liest dort aus seinen
Büchern. Er will damit Jugendliche vor der gefährlichen Droge Crystal warnen.
Solche Aufklärungs-Initiativen seien ganz wichtig, um die Ausbreitung der Droge
einzudämmen, erklärt Sascha Milin vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung
in Hamburg. Das Hamburger Zentrum hat im Februar 2014 im Auftrag der
Bundesregierung eine erste, nicht repräsentative Studie zu Konsum-Mustern und
Konsumenten-Typen von Amphetaminen und Methamphetaminen vorgelegt. Danach
sind es sieben unterschiedliche Personengruppen, die zu Crystal greifen. Darunter
Konsumenten mit ausschließlich Freizeit-bezogenem Konsum oder auch solche, die
Crystal im beruflichen Umfeld nutzen.
O-Ton 21 - Sascha Milin:
Es gibt einmal Konsumenten, die das nur ein-, zweimal ausprobiert haben und denen
die Wirkung überhaupt nicht zugesagt hat. Die Leute, die das im Freizeitbereich
konsumiert haben, die sind da meist eher zufällig rangekommen, das waren jüngere
Leute, dann wurde häufig eher sporadisch konsumiert, so ein zwei Monate und dann
wurde der Konsum einfach häufiger, dann wurde auch vom nasalen Konsum auf das
Rauchen umgestiegen und einige Konsumenten haben dann auch angefangen, IV zu
konsumieren, also sich das zu spritzen.
Autorin:
Die Annahme, dass es sich bei dem Stoff ausschließlich um ein PartydrogenPhänomen handele, wurde durch die Studie eindeutig widerlegt. Nicht nur
Jugendliche konsumieren das Methamphetamin, sondern auch LKW-Fahrer oder
Bauarbeiter. In ihrer Untersuchung sind die Hamburger Forscher auf ein ganzes
Motivbündel gestoßen - laut Milin geht es dabei vorrangig um eine vermeintliche
Leistungssteigerung, die auch irrationale Vorstellungen von Leistung beinhalten
kann.
O-Ton 22 - Sascha Milin:
Ich muss einfach 24 Stunden arbeiten, ich muss den krank gewordenen Kollegen
ersetzen, sonst geht die Welt unter. Das zweite Motiv wäre die Euphorie die entsteht,
also das Methamphetamin löst einfach eine starke Initial-Euphorie aus, ein
Allmachtsgefühl. Und ein drittes Motiv ist der Versuch der Selbstbehandlung von
7
Erkrankungen, es macht Leute, die zum Beispiel sexuellen Missbrauch erlebt haben,
anfänglich viel selbstbewusster und es hilft natürlich anfänglich erst mal gegen
Depressionen.
Autorin:
Jeder Zweite der 400 in der Hamburger Studie Befragten konsumiert die Droge bei
der Arbeit, ebenso viele erleichtern sich die Hausarbeit mit den Kristallen, ein Viertel
der Probanden nimmt sie in der Schule oder in einer anderen Ausbildungsstätte. Die
Betroffenen selbst wünschen sich weniger Abschreckung und mehr sachliche
Informationen. Die Meth-Faces-Kampagne aus den USA etwa, in der CrystalAbhängige mit aufgekratzter Haut im Gesicht und ausgefallenen Zähnen gezeigt
werden, lehnen die meisten Betroffenen als übersteigerte Darstellung komplett ab.
Die Soziologin und Sozialpädagogin Gundula Barsch von der Fachhochschule
Merseburg kann das nachvollziehen. In Zeitungen, Funk und Fernsehen sieht sie
häufig einen Hang zur unsachlichen Crystal-Berichterstattung.
O-Ton 23 - Gundula Barsch:
Man kann nicht pauschal sagen, wie das ja leider in den Medien permanent passiert,
das ist die Monsterdroge, einmal konsumiert, sofort abhängig, das sind ja
Geschichten, die uns die Konsumenten immer wieder zurückgemeldet haben, die
höchst destruktiv sind, weil wir eben unglaublich viele Konsumenten finden, für die
das genau so nicht läuft.
Autorin:
Zusammen mit ihren Studierenden hat auch Gundula Barsch 2014 eine empirische
Studie zum Lebens- und Konsumalltag mit der Modedroge Crystal vorgelegt. Obwohl
viele Kollegen skeptisch waren, ob Crystal-Abhängige tatsächlich als verlässliche
Interviewpartner auftreten können, hat die persönliche Befragung der Konsumenten
funktioniert.
O-Ton 24 - Gundula Barsch:
Die größte Überraschung war für mich tatsächlich, dass zu dieser Substanz, die ja in
diesen Freizeitbezügen mindestens drei, vier Jahre kursiert, dass zu dieser Substanz
eigentlich ganz wenig Informationen unter den Konsumenten sind, das geht schon
damit los, dass die eigentlich nicht wissen, wie sollen sie Crystal Meth dosieren.
Autorin:
Für Gundula Barsch steht fest - das gegenwärtige Drogenhilfesystem ist mit den
Crystal-Patienten eindeutig überfordert. Während sich für Opiat-Abhängige
mittlerweile ein verlässliches Angebot etabliert habe, sei das bei Crystal ganz anders.
O-Ton 25 - Gundula Barsch:
Die Kollegen aus Sachsen sagen, zwischen dem ersten Konsum und dem
Ankommen im Drogenhilfesystem vergehen sieben Jahre - solange sind die Leute
ganz unauffällig und auch ganz kontrolliert. Dennoch können sich, weil das ja sehr
stark in das Dopaminrezeptor-System eingreift (mit all seinen Folgen), können
daraus ernsthafte gesundheitliche Folgen entstehen, auch wenn der Mensch weiter
sozial sehr angepasst ist, d. h., man müsste diese Konsumenten sehr viel eher
erreichen.
8
Atmo O-Ton 26: Leipzig - Bimmellim
Autorin:
Roßplatz 5-6 Leipzig - Hier liegt eines der Büros der Leipziger Straßensozialarbeit.
Die Stadt ist schon seit einigen Jahren eine Crystal-Hochburg, erzählt Sozialarbeiter
Willie Wildgrube.
O-Ton 27 - Willie Wildgrube:
Das is halt ´ne Metropole, die ´ne gewisse Historie hat. Nach der Wende ist es hier
´reingeschwappt, hat uns alle überfahren, die Drogenhilfe und Jugendhilfe und das
ist halt so geblieben auf hohem Niveau. Ich denke, wir haben gute Hilfeangebote,
´nen gut vernetztes System hier in Leipzig, aber es wäre falsch zu behaupten, dass
wir das Drogenproblem im Griff hätten.
Autorin:
Im November 2014 ist der Polizei ein größerer Coup in Leipzig gelungen:
O-Ton 28 - Nachrichten:
Leipzig. Fahnder aus mehreren Bundesländern und Tschechien haben einen
Rauschgiftring in Leipzig und Prag zerschlagen. Wie das Bundeskriminalamt am
Donnerstag in Wiesbaden mitteilte, wurden dabei 2,9 Tonnen der Chemikalie
Chlorephedrin sichergestellt, mit der rund 2,3 Tonnen der Droge Crystal mit einem
geschätzten Straßenverkaufswert von 184 Millionen Euro hergestellt werden können.
Autorin:
Es sind riesige Mengen Crystal, die im grenznahen Gebiet zwischen Deutschland
und Tschechien kursieren. Noch sind vor allem die Bundesländer Bayern, Thüringen,
Sachsen und Sachsen-Anhalt von der Crystal-Schwemme betroffen. Das liegt an der
Nähe zu Tschechien und an der liberalen Drogengesetzgebung in dem ehemaligen
Ostblock-Land. An der deutsch-tschechischen Grenze kocht die Vietnam-Mafia ihr
„Crystal-Süppchen“ - Sechs bis zehn Tonnen Methamphetamin werden jährlich
hergestellt, 40 Prozent davon für den deutschen Markt. Dabei beobachtet der
Sozialarbeiter Willie Wildgrube in jüngster Zeit eine Entwicklung, die er für
ausgesprochen problematisch hält - den Trend zum multiplen Gebrauch
unterschiedlicher Substanzen.
O-Ton 29 - Willie Wildgrube:
Was ganz mit Sorge betrachtet werden muss, die die wirklich alles durcheinander
nehmen, Heroin, Crystal und was verfügbar ist, also von Pilzen bis Ecstasy oder
Legal Highs. Die quasi alles einwerfen, was irgendwie geht.
O-Ton 30 - Volker Auwärter:
Knister, knister… schön gemacht, also hier, mit schönen Mustern drauf, gibt’s also
die wildesten Bezeichnungen mit Namen, „Sweet“, „Mandala“, „Bonsai“ - Fantasie
sind keine Grenzen gesetzt.
Autorin:
Volker Auwärter kennt Drogen in all´ ihren Formen. Der Laborleiter der Forensischen
Toxikologe an der Universität Freiburg gilt als der maßgebliche Experte für Legal
Highs in Deutschland. Dort, wo es Symposien oder Sachverständigenanhörungen
9
zum Thema gibt, ist auch er. Unter dem Begriff Legal Highs werden sogenannte
Räuchermischungen, Badesalze und Research Chemicals zusammengefasst - alles
synthetisch hergestellte Drogen, die zu kleinen Preisen im Internet angeboten
werden und deren Konsum und Verkauf nicht strafbar ist.
O-Ton 31 - Volker Auwärter:
In den letzten beiden Jahren waren es jeweils fast 80 neue Substanzen, die da auf
den Markt gekommen sind, ein großer Anteil eben diese sogenannten synthetischen
Cannabinoide, die als Cannabis-Ersatzstoff konsumiert werden, aber auch ein großer
Anteil aus dem Bereich der Stimulanzien, teilweise auch mit einer halluzinogenen
Komponente.
Autorin:
Die synthetischen Drogen, die jeder für kleines Geld im Internet kaufen kann, werden
„Legal Highs“ genannt, weil sie irgendwo zwischen gesetzlich verbotenen Drogen
und regulierten Arzneimitteln angesiedelt sind. Die Hersteller ändern die
Zusammensetzung der Substanzen nur geringfügig - und schon hat der Gesetzgeber
keine Handhabe mehr. Ein Urteil, des Europäischen Gerichtshofs vom Juli 2014 hat
diese Ohnmacht noch verstärkt. Danach fallen Kräutermischungen, die synthetische
Cannabinoide enthalten, nicht unter das Arzneimittelgesetz. Insofern kann der
Verkauf der Legal Highs auch weiterhin nicht strafrechtlich verfolgt werden.
O-Ton 32 - Volker Auwärter:
Hier haben wir typische Räuchermischungen, also schön bunt bedruckte Päckchen,
in denen dann augenscheinlich Pflanzenmaterial ist, aber da sind eben diese in
weißer Form und in kristalliner Form vorliegenden Substanzen dann aufgebracht
worden, das wird einfach in nem Lösungsmittel gelöst und dann aufgesprüht und
wenn das Lösungsmittel verdampft ist, dann kann man das optisch gar nicht mehr
erkennen - das sieht aus wie Pflanzenmaterial, aber der Wirkstoff ist dann darin
versteckt.
Autorin:
Von Kopfschmerzen und Übelkeit bis hin zu Herzrasen, Muskelkrämpfen,
Angstzuständen, Bewusstlosigkeit und Sucht ist alles möglich. Auch
nervenschädigende und krebserregende Wirkungen, sind bei den unerforschten
Stoffen nicht auszuschließen.
O-Ton 33 - Volker Auwärter:
Rauschen… Das ist ein Gaschromatographie-Massenspektronomie-Gerät und da
kann man ein Substanzgemisch in flüssiger Form praktisch einspritzen in den
Injektionsblock. Dann erhält man Massenspektren anhand derer man dann die
Substanzen identifizieren kann, sofern man schon ein Vergleichsspektrum hat.
Autorin:
Auwärter und sein Team analysieren die Räuchermischungen, aber auch die
sogenannten Badesalze und Research Chemicals.
Diese Stoffe begegnen auch den Drogenberaterinnen Nicole Benz und Friedlinde
Kimuli von der Suchtberatungsstelle Release in Stuttgart. Im Alltag hätten sie
durchaus Klienten, die Legal Highs konsumierten, erzählt Nicole Benz:
10
O-Ton 34 - Nicole Benz:
Ich erlebe, dass die Klienten sehr schlechte Erfahrungen machen mit Legal Highs,
sehr unerwünschte Nebenwirkungen, manchmal auch Psychose-ähnliche Zustände,
wo die dann schnell wieder davon abkommen, das also nur über einen kurzen
Zeitraum genutzt wird.
Autorin:
In Bayern, Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg leben die meisten Nutzer der
Legal Highs, weil die strafrechtliche Verfolgung von Cannabiskonsum in diesen
Bundesländern am restriktivsten ist. Dennoch befürworten die beiden Stuttgarter
Drogentherapeutinnen keine komplette Legalisierung von Cannabis nach
amerikanischem Vorbild, wie sie in Deutschland seit einiger Zeit diskutiert wird.
O-Ton 35 - Friedlinde Kimuli:
Wenn ich von Klienten höre, die haben mit neun den ersten Joint geraucht, dann
denke ich schon, wenn man dann sagt, man legalisiert einfach noch ne weitere
Substanz, ohne geeignete Maßnahmen zu ergreifen, würd ich das als sehr kritisch
empfinden.
Autorin:
„Crystal Meth erreicht Stuttgart“ - so war im August vergangenen Jahres ein Artikel in
den Stuttgarter Nachrichten überschrieben. Nicole Benz und Friedlinde Kimuli aber
können nicht bestätigen, dass Crystal tatsächlich im Südwesten angekommen ist.
O-Ton 36 - Friedlinde Kimuli:
Das spielt keine große Rolle bei den Klienten, die bei uns in der Beratungsstelle
ankommen. Wenn die hier ankommen, dann haben die in der Regel ´nen
vereinzelten Konsum, also ´nen Probierkonsum mit Crystal und ganz vereinzelt gibt
es Menschen, die auch ´ne Abhängigkeit haben, aber das ist nicht ´ne große Masse.
Autorin:
Wenn die Vietnam-Mafia an der deutsch-tschechischen Grenze weiter so emsig
produziert und auch die holländischen und belgischen Dealer auf Crystal setzen, weil
es eben schneller süchtig macht und teurer zu verkaufen ist, dann könnte das
Methamphetamin schon bald über die Grenzen von Bayern, Sachsen, Thüringen und
Sachsen-Anhalt hinaus verfügbar sein. In jedem Fall gilt: Nur wer die Gefährlichkeit
der Substanzen kennt, die er konsumiert, kann richtig handeln. Der Toxikologe
Volker Auwärter plädiert deshalb für das „Drugchecking. Leute, die Drogen
konsumieren, sollen diese abgeben und überprüfen lassen können. In Österreich und
in der Schweiz ist dieses Verfahren bereits zugelassen, in Deutschland nicht.
Auwärter findet das definitiv falsch.
O-Ton 37 - Volker Auwärter:
Was von der politischen Seite immer wieder wiederholt wird ist, dass man damit
staatlich sanktionierten Drogenkonsum einführen würde nach dem Motto, das ist jetzt
geprüft, das könnt ihr ruhig nehmen und dass das Ganze verharmlost würde in
irgendner Form. Davon kann ja aber nicht die Rede sein, es geht ja lediglich darum,
dass die Leute, die das ohnehin konsumieren, eine Möglichkeit haben, ihr
individuelles Risiko zu minimieren.
11
Autorin:
Auch der Bayreuther Suchtmediziner Roland Härtel-Petri will das Drugchecking“ in
Deutschland legalisieren - als ein Baustein der Aufklärung. Die ist nach Meinung aller
befragten Experten extrem wichtig. Nur so kann verhindert werden, dass die
hochgefährliche Droge Crystal Meth und die von ihren Wirkungen her völlig
unkalkulierbaren Legal Highs von immer mehr Menschen konsumiert werden.
O-Ton 38 - Roland Härtel-Petri:
Wir müssen uns fragen, inwiefern in unserer Gesellschaft dieses immer höher, immer
schneller, immer weiter, dieses Dynamische, so schick geworden ist, ob das nicht
vielleicht auch Menschen verleitet, die nicht die Leistungsfähigkeit haben, auf
Substanzen zurückzugreifen, weil das die Anderen ja auch machen.
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