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Münchner Merkur
}
Kultur & Leben
MONTAG, 13. OKTOBER 2014
PREMIERENKRITIK
www.merkur-online.de
Telefon: (089) 53 06-447 Telefax: (089) 53 06-86 55
SEITE 15
kultur@merkur-online.de
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Arme Eierköpfe
Kammerspiele-Intendant Johan Simons inszenierte Jean Genets Ethno-Farce „Die Neger“ allzu solide und brav
bolisiert werden soll, tragen
die Akteure weiße oder pechschwarze Eierschalen über
dem Kopf, die teils an Fechtermasken erinnern, teils an
Mickymäuse. Außerdem stecken sie sämtlich in langen,
altmodischen Frauenkleidern
und groben Handschuhen,
die ebenfalls dem SchwarzWeiß-Schema folgen. Auch
weil man unter den Masken
wohl wenig sieht, tapsen und
VON ALEXANDER ALTMANN
Wie sagt schon Daniel Düsentrieb: „Zwischen Wahnsinn und Verstand ist nur eine
dünne Wand.“ Daran hat
man sich diesmal auch an den
Münchner
Kammerspielen
gehalten: Vom Schnürboden
hängt eine riesige weiße Papierfahne herab und begrenzt
die kleine Spielfläche nach
hinten. Allerdings ist das unbeschriebene Blatt vielfach
Die Handlung
Die Besetzung
Eine Truppe schwarzer Schauspieler soll vor einer weißen
Königin und ihrem Hofstaat ein
Schauspiel aufführen. Darin
wird der rituell-kannibalische
Mord dargestellt, den „die Neger“ an einer weißen Frau begehen. Aber weil die schwarzen
Schauspieler eben auch ganz
normale Menschen sind, fällt
es ihnen schwer, barbarische
Wilde glaubhaft darzustellen.
Darum werden sie von ihrem
Spielleiter immer wieder angefeuert, dümmliche Neger-Klischees vorzuführen. Am Ende
folgt dann unvermeidlich eine
Art Strafgericht des weißen
Hofstaates über die „verbrecherischen“ Neger.
Regie: Johan Simons.
Bühne: Eva Veronica Born.
Kostüme: Greta Goiris.
Darsteller: als „Neger“ Christoph Luser, Benny Claessens,
Felix Burleson, Stefan Hunstein,
Kristof Van Boven, Anja Laïs,
Karoline Bär, Bettina Stucky,
Gala Winter; als Hofstaat: Maria
Schrader, Jeff Wildbusch, Hans
Kremer, Edmund Telgenkämper, Oliver Mallison.
senkrecht aufgeschlitzt, als
wäre da Lucio Fontana am
Werk gewesen – oder ein perverser
Papier-Lustmörder.
Gelegentlich werden auch
von hinten zartbunte Schatten-Figuren in Lila, Gelb und
Grün auf den Papier-Paravent
geworfen, die für poetischen
Schäferspiel-Zauber irgendwo zwischen Rokoko- und
Pop-Anmutung sorgen. Dazu
gibt
es
Bach-Choräle
(„O Haupt voll Blut und
Wunden“) und ganz leisen
Afro-Rap.
Solche Ästhetisierung ist
allerdings die einzige – allzu
dezente – Frechheit, die sich
Johan Simons leistet. Der
Kammerspiele-Intendant inszenierte Jean Genets EthnoFarce „Die Neger“ (1959) so
brav, solide und politisch korrekt, als wäre es schon genug,
dass der Titel heute vielen als
Provokation erscheint (Koproduktion mit den Wiener
Festwochen
sowie
dem
Schauspielhaus Hamburg).
Sind die Zeiten, da das Theater für Tabubrüche, Irritatio-
Die doppelten „Spielleiter“ und die „Weißen“: Felix Burleson (Mi.) und Stefan Hunstein (re.).
nen und Unangepasstheit zuständig war, also endgültig
vorbei? Hat der Mut zum
Skandal, ja die Lust anzuecken, die Theatermacher
völlig verlassen?
Dabei ist Genets vor dem
Hintergrund der Entkolonialisierung
entstandene
„Clownerie“, wie der Autor es
nannte, doch gerade alles andere als rassistisch. Sie ist
vielmehr eine ziemlich komplexe Spiel-im-Spiel-Konstellation, bei der eine Gruppe
Schwarzer vor einem weißen
„Hofstaat“ (Königin, Richter,
Gouverneur) ein Stück auf-
Hauch von Frivolität
Münchner Orgelherbst mit Wagner, Gounod, Liszt
VON MARKUS THIEL
Dort, wo das Ewige Licht flackert, wo die Märtyrer ernst
und die Engelein etwas entspannter schauen, haben diese falschen Heiligen, so meint
man, wenig zu suchen. Wagner, Gounod und Liszt auf
der Kirchenorgel, das ist nicht
Es dauerte etwas, bis sich
Tharp mit seinen größtenteils eigenen Transkriptionen
auf den Riesenraum eingestellt hatte. Der „Walkürenritt“ war eine Spur zu schnell,
zu wenig auf Struktur gespielt. Ein bisschen hätte der
Gast der Überakustik nachgeben können.
führt oder probt, das den Ritualmord der „Neger“ an einer weißen Frau darstellt. Es
soll also die dümmlichen Vorurteile und Klischees der Hofgesellschaft über Schwarze
als barbarische Menschenfresser bestätigen: „Wir müssen uns die Missbilligung der
Weißen gewinnen“, ruft der
„Spielleiter“ (Felix Burleson
als einziger schwarzer Schauspieler, gedoppelt von Stefan
Hunstein) seiner Truppe zu,
weil die Schwarzen viel zu
normal, menschlich und liebenswert agieren. Also muss
er sie immer wieder dazu an-
feuern, entmenschte Wilde
darzustellen, die dem Zerrbild entsprechen, das sich
herrschaftliche
Zuschauer
von ihnen machen: „Die Neger sollen sich vernegern; ich
befehle Ihnen, schwarz zu
sein!“
Im Grunde geht es bei Genet also gar nicht um Rassismus, sondern um jede Form
von Rechtfertigungs-Ideologie, mit der die Beherrschung
der Unterdrückten und Gedemütigten legitimiert werden
soll: Unsere „Neger“ heutzutage sind nicht mehr die
Schwarzen, sondern ver-
FOTO: JU/OSTKREUZ
meintliche Hartz-IV-„Schmarotzer“
oder
„Faulenzer“-Griechen, die von der
landläufigen Propaganda als
besonders abstoßend dargestellt werden.
Solche Zusammenhänge
sichtbar zu machen, die doch
das Wesentliche des Stücks
wären, versäumt Simons, gerade indem er es in eine abstrakte, unverbindliche Puppenwelt verlegt, aus lauter
Angst davor, dass sich die
selbsternannten Blockwarte
der „political correctness“
schwarz ärgern könnten. Je
nach der Hautfarbe, die sym-
purzeln all diese Eierköpfe
den ganzen Abend lang um
eine Altar-artige Bahre herum. Darauf liegt die Leiche
der gemeuchelten weißen
Frau:
eine
naturalistisch
nachgebildete Nackte aus
Wachs, die, buchstäblich lasziv hingegossen, dem Publikum ihren Hintern entgegenreckt – und während der Vorstellung deutlich tropfend vor
sich hin schmilzt.
Für die Zuschauer war Johan Simons’ Theater-Denkmalpflege zwar nicht grade
zum Dahinschmelzen, trotzdem dankten sie mit langem
Applaus.
Weitere Aufführungen
UNSERE
KURZKRITIKEN
BUCH
Mit Kampfflieger Cleve
Connell, dem Protagonisten seines ersten Romans
von 1957, hat James Salter
ein literarisches Porträt geschaffen. In „Jäger“ verarbeitet er seine Erfahrungen
im Koreakrieg. Doch der
scheint zu verblassen hinter dem unbedingten Streben der Figuren, ein „As“
zu werden, also fünf feindliche Maschinen abzuschießen. Connell wird
vollkommen von diesem
Gedanken beherrscht; die
Angst zu versagen droht,
ihn zu zerstören. Salters
Talent für Beschreibungen
besticht bereits im Erstling.
Die Lektüre lohnt.
tp
Lesenswert #
James Salter: „Jäger“.
Berlin Verlag, 304 Seiten;
19,99 Euro.
CD
Leipzig? Niemals würde
man angesichts dieser feingesponnenen Klangcollagen zwischen Electro und
Pop auf eine deutsche Band
kommen. Claudia Göhlers
und Florian Sievers klingen
viel eher nach Omaha,
Azure Ray oder den MariaTaylor-Songs. In der Tat
waren bei der Entstehung
dieser Platte die soundbildenden Personen jenes
Ecks der Musikwelt beteiligt – was der Platte sehr gut
tut. So schön das Album
der beiden geschätzten
Klangmaler auch ist: Ein
wenig mehr Wumms würde
ihm gut tun.
cu
Annehmbar ##
am 20. Oktober und erst wieder am 30. November; Karten unter der Telefonnummer 089/ 233 966 00.
Alles darf dabei sein
Das Münchner „Rodeo“ hat sich zu einer grenzüberschreitenden Biennale gemausert
VON MALVE GRADINGER
Auf wilden Pferden oder Stieren wurde beim Münchner
„Rodeo“ nicht geritten. Aber
an Risikolust und Wettkampfgeist hat das Kulturreferat sicher gedacht, als es 2010 dieses Festival – lobenswert: für
ausschließlich ortsansässige
Künstler! – initiierte. Was sich
Anzeige in der dritten Ausgabe nur bestätigte: „Rodeo“ hat sich, neMünchens Trauringhaus – seit 150 Jahren!
ben der Dance- und der Musik-Biennale, zu Münchens
www.fridrich.de
anderer, zu einer grenzüberTRAURINGHAUS
SCHMUCK · JUWELEN · UHREN
schreitenden
Biennale gemauJ.B. Fridrich GmbH & Co. KG · Sendlinger Straße 15 · München
sert. Tanz, Theater, (Perfornur Pfeifengebraus und ExpeDoch die Fassungen von mance-)Kunst – alles darf dariment, das hat auch einen Dukas’
„Zauberlehrling“, bei sein.
Hauch von Frivolität – und Brahms’ A-Dur-Intermezzo
Drei gesehene Urauffühtrotzdem Platz bei einem Fes- und Gounods „Trauermarsch rungen sind in sich schon
tival wie dem Münchner Or- für eine Marionette“ brachten grenzgängerisch: Anna Kongelherbst. Mit Bach wurde tatsächlich neue klangliche jetzkys „Chipping“ (abschladas Glaubenspensum im dies- Aspekte, gerade dank der fan- gen/abspänen) flackerte in
jährigen Durchgang ja schon tasievollen Registrierung. Am splitternden Bildern über die
zweimal erfüllt, jetzt galt’s in stärksten „Temora“ von Jean Bühne des KammerspieleSt. Michael dem Rausch.
Guillou, bei dem Tharp der Werkraums. Die lag zunächst
Wobei Stephen Tharp, Or- Michaelsorgel Neontöne und im Dunkeln. Nur in einem
ganist aus New York, völlig Skurriles bis zu einer Art ana- schmalen hin- und herfahrenuneitel ans Werk geht. Gera- logem Synthesizer entlockte. den Lichtstreifen erahnte man
de auf der Leinwand im Kir- Grandios gesteigert der „To- ein nervös herumhuschendes
chenschiff war zu verfolgen, tentanz“ von Liszt. Der Be- Kapuzenshirt-Wesen. Sahra
mit welcher Selbstverständ- ginn von Händels „Feuer- Huby erwies sich bald als
lichkeit der Amerikaner dem werksmusik“ wirkte wie aus drahtig-zähe Einzelkämpferin
Instrument immer neue Far- den Fingern geschüttelt. Das in Anton Lukas’ Landschaft
ben entlockte und wie abge- hätte gern noch mal 60 Minu- aus vier verschieden großen
klärt er Virtuoses absolvierte. ten so weitergehen können. auf Schienen hin- und herglei-
tenden Kuben. Umdröhnt von
einem rhythmisch ratternden
Räderwerk-Sound (Brendan
Dougherty) hangelte sie sich
hoch auf das Kuben-Gebirge,
oben stumm Gesten rappend,
ausdauernd,
autoaggressiv,
selbstzerstörerisch. Wieder hinuntergefallen, wurde sie von
den Kuben wie Treibgut geschoben und, so die Suggestion, zwischen ihnen zerrieben.
Mehrmals breitwandig projizierte Plattenbau-Szenerien
verwiesen auf die unlebbaren
Vorstadt-Öden. Um die Hälfte
zu lang, ist „Chipping“ dennoch Konjetzkys bisher beste
Arbeit, in der sie auch ihre
Handschrift als „Architektin
des bewegten Raums“ gefestigt hat.
Die Israelin Zufit Simon dagegen ist eine, wie schon ihre
beiden jüngsten Arbeiten zeigten, wunderbar hartnäckige
Bewegungsforscherin. Unablässig fragt sie: Was kann der
Körper? Und was alles kann er
mit unendlich vielen mitspielenden Muskeln ausdrücken?
Auch „Piece of Something“ ist
zu lang – eher als Recherche zu
werten. Aber wie sie und zwei
Kollegen in klug variierter
Raum-Dramaturgie alle Möglichkeiten des Winkens, Grüßens, Lächelns durchspielten,
„Piece of Something“ von
Zufit Simon.
FOTO: HARTWIG
wie
sie
Schulter-bebend
schluchzten, mit Händen vor
dem Gesicht trauerten, sich
mit synchron vibrierendem
Torso gegenseitig trösteten
oder fingerzeigend Schuld zuwiesen, das ist, typisch für Simon (nie liefert sie Talmi), mit
einmalig konsequenter Ernsthaftigkeit durchgearbeitet.
Die Deutsch-Syrerin Mey
Seifan sammelte über Facebook Träume ihrer Landsleute
seit der Revolution, die sie mittels einer „Traumlogik“ inszenierte. Was eine doppelte surreale Distanzierung der aktuellen Kriegsrealität bedeutet.
Seifans Bühne ist mit Schuhen, Kleidern und japani-
schen Sonnenschirmen chaotisch bestückt. Eine blond perückte Frau kehrte mechanisch mit Straßenbesen. Ein
Ritter stapfte lautverstärkt herein, der dann von zwei Sirenen armschlängelnd umgarnt
wurde. Außer zwei aus dem
Off kommenden auf Deutsch
übersetzten Träumen, die szenisch aber gar nicht integriert
waren, gab es noch mehr solch
bizarrer Aktivitäten. Ein Syrer
als Gast saß mit auf der Bühne
diese „Traum-Show“ durch,
auf die wir uns – bei allem Suchen nach historischen Bezügen, bei allem Verständniswillen für Traumata und Sehnsüchte dieses geschundenen
Volkes – absolut keinen Reim
machen konnten.
Auf jeden Fall sind Künstler
aus anderen Ländern eine Bereicherung für die Münchner
freie Szene. Gleiches erhofft
man sich vom neu berufenen
Kurator Jonas Zipf, Regie-Absolvent der Münchner Theaterakademie und ab 2014/ 15
Schauspieldirektor am Staatstheater Darmstadt. Er hat neben neun bereits existierenden
Produktionen und fünf Uraufführungen mit Einführungsworkshops und Diskussionen
schon für Nachdenken und
Lernen gesorgt.
Talking To Turtles: „Split“
(Devil Duck Records).
DVD
Wer sich fragt, warum wieder eine Louis-de-FunèsDVD-Kollektion vom Stapel gelassen wird, bekommt die Antwort hier:
Der große kleine Filmkomiker erblickte vor 100 Jahren das Licht der Welt. Eine
Hommage? Schöne Idee,
dachten sich wohl die Macher der fünfteiligen „Louis
de Funès Edition“. Nicht so
schön jedoch, wenn die 16
Komödien die Bildqualität
der Originalfilme aufweisen. Und weil kein Bonusmaterial vorhanden ist,
kommt die Würdigung
recht lieblos daher.
bsz
Annehmbar ##
Jacques Besnard u.a.:
„Louis de Funès Edition 1–5“
(Universum).
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