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Kurzkonzept DE - Bayerische Landeszentrale für politische

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Bayerisches Staatsministerium für
Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNGSARBEIT
Kurztext Konzept Erinnerungsort Olympia-Attentat
Der geplante Erinnerungs- und Informationsort erinnert an das Attentat auf die israelische
Olympiamannschaft bei den XX. Olympischen Sommerspielen 1972 in München. Das
besondere Augenmerk liegt auf den Biographien der Opfer. Ohne eine (kultur-)historische
und politische Einbettung kann eine angemessene Informationsvermittlung jedoch nicht
stattfinden. Für ein tieferes Verständnis der Ereignisse am 5. und 6. September 1972 sollen
folgende Themenschwerpunkte innerhalb des neu zu schaffenden Ortes erläutert werden.
1. Das Attentat
2. Die Opfer
3. Kontextualisierung
•
Die politische Dimension Olympias allgemein und die besondere Bedeutung der
Sommerspiele 1972 für die Stadt München, für Bayern und für Deutschland
•
Das deutsch-israelische Verhältnis zu dieser Zeit
•
Internationaler Terrorismus in dieser Zeit und die Attentäter des Schwarzen
Septembers
•
Nachwirkungen des Attentats und das Erinnern an die Opfer weltweit
Die Punkte werden im Folgenden skizziert.
Das Attentat
Am Morgen des 5. September 1972 drangen acht Angehörige der terroristischen
Organisation Schwarzer September in das Olympische Dorf ein. Ihr Ziel war die
Connollystraße 31, wo Mitglieder der israelischen Mannschaft untergebracht waren. Als die
Terroristen in das Appartement 1 eindrangen, gelang es Tuvia Sokolowsky, Trainer der
Gewichtheber, über den Balkon zu fliehen. In Appartement 3 wurden weitere Geiseln
genommen. Dem Ringer Gad Tsabary gelang ebenfalls die Flucht. Am Ende befanden sich
elf israelische Sportler als Geiseln im Zimmer des Fechttrainers André Spitzer: er selbst,
Jacob Springer (Gewichtheber-Kampfrichter), Joseph Romano (Gewichtheber), Joseph
Gutfreund (Ringer-Kampfrichter), Moshe Weinberg (Ringer-Trainer), Ze'ev Friedman
(Gewichtheber), David Berger (Gewichtheber), Eliezer Halfin (Ringer), Amitzur Shapira
(Leichtathletik-Trainer), Kehat Shorr (Schützen-Trainer) und Mark Slavin (Ringer).
Appartement 2, in dem sich die zwei Fechter Dan Alon und Yehuda Weinstain, die
Sportschützen Henry Hershkowitz und Zelig Shtorch als auch der Geher Dr. Shaul Ladany
befanden, wurde von den Geiselnehmern verschont.
Moshe Weinberg und Josef Romano – beide versuchten sich gegen die Terroristen zur Wehr
zu setzen – wurden noch in der Connollystraße 31 ermordet.
Nach mehreren gescheiterten Befreiungsaktionen beschloss der politische Krisenstab,
bestehend aus Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, Polizeipräsident Dr. Manfred
Schreiber und dem Bayerischen Innenminister Dr. Bruno Merk, alle Beteiligten an den
Flughafen nach Fürstenfeldbruck zu bringen, da man vorgab, die Terroristen nach Kairo
ausfliegen zu wollen. Die Verantwortlichen planten jedoch einen Befreiungsversuch auf dem
Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck. Diese Aktion endete in einer Katastrophe: Alle Geiseln wie
auch der deutsche Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer sowie fünf der Terroristen starben.
Nicht nur das Sportereignis selbst war ein weltweit beachtetes Medienspektakel, auch das
Attentat wurde zu einem globalen Medienereignis. Fernsehstationen aus der ganzen Welt
berichteten live über die Ereignisse des 5. und 6.Septembers 1972. Erstmals konnten
Zuschauer an ihren Bildschirmen ein Attentat in Echtzeit mitverfolgen. In der öffentlichen
Wahrnehmung gilt das Olympia-Attentat daher gemeinhin als die Geburtsstunde des
internationalen Terrorismus.
Die Opfer
Die Biographien der elf israelischen Opfer bilden das zentrale Narrativ der geplanten
Ausstellung. Durch den entstehenden Erinnerungsort soll den Opfern ein Gesicht gegeben
und damit die individuelle Menschenwürde zur Geltung gebracht werden.
Dabei werden individuelle Erinnerungen an die einzelnen Menschen und ihre jeweilige Rolle
beim Ereignis berücksichtigt, so dass diese Darstellung grundlegende Fragen der
Menschenwürde im Sinne einer Selbstverständigung im freiheitlichen Rechtsstaat
anzusprechen vermag. Gleichzeitig öffnen die Biographien der Opfer in der Darstellung von
Herkunft, Lebensstationen und Nachwirkungen Perspektiven auf die israelische Gesellschaft,
ihre Vielfalt und Heterogenität. Zudem weisen die Einzelbiographien selbstredend
Schnittmengen zur Sportgeschichte auf.
Ebenso sollen die Erinnerungen der Angehörigen der Opfer, wie auch der überlebenden
israelischen Mannschaftskameraden der elf israelischen Sportler berücksichtigt werden.
Gleiches gilt für die teils gravierenden Aus- und Nachwirkungen des Attentats auf diese
Personen in ihrem weiteren Leben.
Ausgehend von den Biographien der Sportler wird auch ein Einblick in die israelische
Gesellschaft seinerzeit gegeben und damit auch das – bis heute gültige – plurale
gesellschaftliche Profil Israels abgebildet. Die Biographien der Sportler spiegeln
beeindruckend die heterogene israelische Gesellschaft wider, die auch heute noch
vorwiegend aus Einwanderern besteht und die Fragen nach Identität und Zusammenleben
immer wieder neu verhandeln muss.
Kontextualisierung
Die politische Dimension Olympias
Die Idee der Olympischen Spiele der Neuzeit wurde getragen von dem Gedanken der
Überwindung nationaler Egoismen im Geiste internationaler Verständigung. Die Olympischen
Spiele präsentieren sich ohnedies seit ihrer Gründung als ein Gegenentwurf zu den der
geschichtlichen Welt inhärenten Gesetzmäßigkeiten. Dieser Gedanke hält sich bis heute und
– neben dem sportlichen Ereignis – kann die Bedeutung für die Imagepflege des jeweiligen
Austragungsortes kaum hoch genug eingeschätzt werden.
Auf internationaler Ebene boten die Olympischen Sommerspiele für die Bundesrepublik
Deutschland eine Chance, international kulturelles Kapital als weltoffenes, freiheitliches Land
zu generieren. Bis 1972 war die internationale Bedeutung und Wahrnehmung der
Bundesrepublik nicht besonders stark ausgeprägt bzw. der Einordnung in klare
außenpolitische Festlegungen unterworfen. Dabei stand das politische Handeln der
Bundesrepublik stets unter dem Aspekt der Bewährung nach dem Zivilisationsbruch durch
den Nationalsozialismus.
Für Westdeutschland waren die Sommerspiele 1972 unter diesem Gesichtspunkt von
größter Bedeutung: Der NS-Vergangenheit und im Besonderen den Olympischen Spielen
von Berlin 1936 stellte man eine moderne Bundesrepublik im Rahmen heiterer und
friedlicher Spiele gegenüber.
Für die Entwicklung der Stadt München hatte die Entscheidung für den Standort eine
beschleunigende Wirkung. Olympia löste in München einen Modernisierungsschub aus, der
zwar schon vor der Entscheidung, die Sommerspiele hier zu veranstalten, spürbar war,
jedoch nach der Entscheidung nochmals an Dynamik gewann. Der Zuschlag für die
Olympischen Spiele 1972 führte beispielsweise zu einer Verkürzung des Münchner
Stadtentwicklungsplanes von 30 auf sechs Jahre.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Tragweite des Attentates von und für München;
deshalb soll die Idee der Heiteren Spiele besonders beschrieben werden. Sie konnotierten
sowohl das Selbstbild einer splendid isolation als auch den Versuch eines Abschlusses der
Nachkriegsära. München stellte sich offen und modern dar, die Veranstalter wollten ein
neues, demokratisches Deutschland präsentieren. Das Sicherheitskonzept der Spiele sollte
in keinem Fall an die Vergangenheit erinnern und – etwa mit offensiver Präsenz der
Sicherheitsbehörden – polizeistaatliche Assoziationen evozieren. Dieser gute Wille hat sich
als fatale Fehleinschätzung der realen Koordinaten erwiesen.
Die deutsch-israelischen Beziehungen
Das im Zentrum stehende Ereignis des Überfalls bzw. des Attentats stellt eine Zäsur in der
jüngeren Geschichte der internationalen Politik dar. Terror wird erstmals zu einem globalen
Medienereignis, mediale Vermittlung ist eine seiner Funktionen. Nachkriegsdeutschland wird
nunmehr offenkundig zu einem Akteur im Geflecht international ausgetragener Konflikte und
gleichzeitig im eigenen Land mit einem neuen Antisemitismus konfrontiert, der zu
Neudefinitionen der eigenen Rolle zwingt. Das Attentat verwickelte Deutschland von Neuem
in grundsätzliche Verantwortlichkeiten.
Mit der Darstellung dieser Ausgangssituation soll hier vor allem zentral die besondere
Beziehung zu Israel beschrieben werden. Erst seit 1965 gab es offiziell diplomatische
Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel. Die Zeit bis 1972 war
einerseits durch Spannungen und andererseits durch Annäherungsversuche geprägt.
Außenpolitisch fiel das Attentat in eine Zeit zwischen den zwei wichtigsten Kriegen, die Israel
seit dem Unabhängigkeitskrieg mit seinen arabischen Nachbarn ausfocht. Der
Sechstagekrieg 1967 stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Israelis, deren
Gesellschaft sich zuvor in einer bedrohlichen Identitätskrise befand. Israel ging aus dem
Krieg als eindeutiger Sieger hervor. Die Nachbarländer waren schwer erschüttert und umso
angespannter war die Lage im Nahen Osten bis zum Jom-Kippur-Krieg 1973. Der Sieg
Israels 1967 und die Eroberung neuer Gebiete verschärfte den Konflikt mit den
Palästinensern. Hunderttausende kamen im Westjordanland, in Jerusalem und im
Gazastreifen unter israelische Besatzung und Militärverwaltung.
Der Sechstagekrieg von 1967 stellt in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und Israel eine deutliche Zäsur dar. Während die westdeutsche Regierung sich
während des Krieges „neutral“ verhielt, lösten die Kampfhandlungen im Nahen Osten eine
Reihe von Solidaritätsbekundungen gegenüber Israel in der deutschen Bevölkerung aus. In
Israel nahm man dies als Bewährungsprobe der deutsch-israelischen Beziehungen wahr.
Während man wirtschaftliche Beziehungen schon länger pflegte, machte nach Ende des
Krieges auch der Austausch kultureller Beziehungen beachtliche Fortschritte.
Ende der 60er Jahre rief allerdings der Anstieg des antiisraelisch und antisemitisch
grundierten Radikalismus in Westdeutschland, sowohl von rechts als auch von links,
Besorgnis in Israel hervor und fand ein beachtliches negatives Echo in der israelischen
Öffentlichkeit. Aufgrund seiner Vergangenheit traute man Deutschland ohnehin nur bedingt,
zudem hatte Israel Sorge, dass Deutschland sich an die arabischen Länder annähern würde.
In dieser schwierigen Gemengelage sandte Israel eine so große Delegation zu den
Olympischen Spielen nach München wie noch nie zuvor in ein anderes Austragungsland.
Internationaler Terrorismus
In dieser Kontextualisierungsebene soll erläutert werden, in welchem Zusammenhang das
Olympia-Attentat in München mit dem internationalen Terrorismus steht. Das
palästinensische Täterspektrum soll genauer beleuchtet werden. Die weitere Arbeit an der
Realisierung dieses Konzeptes wird sich mit der angemessenen Form des Umgangs mit
dem Täterspektrum zu befassen haben.
Nach dem Attentat auf die israelischen Teilnehmer der Olympischen Spiele sprach
Bundesinnenminister Genscher von einer „neuen Form der Kriminalität, nämlich dem
internationalen Terrorismus“. Ausgeübt wurde das Attentat durch die Organisation Schwarzer
September, die 1971 als Tochterorganisation der Fatah und der Volksfront zur Befreiung
Palästinas (PFLP) gegründet wurde. Es ist deshalb zu zeigen, inwiefern der Angriff auf die
israelische Mannschaft eine Zäsur in der jüngeren Geschichte der internationalen Politik
darstellte.
Allerdings hatte es schon vor 1972 mehrere Anschläge transnationaler, terroristischer
Vereinigungen gegeben – auch in Deutschland. Beispielsweise wurde im September 1969
ein Handgranaten-Anschlag auf die israelische Botschaft in Bonn verübt. Im Februar 1970
griffen palästinensische Terroristen in München Riem Passagiere und Besatzung einer
Maschine der israelischen Fluggesellschaft El-Al an, wobei ein Israeli ermordet wurde.
Knapp zwei Wochen später explodierte eine Bombe in einem Flugzeug der Austrian Airlines
von Frankfurt am Main nach Wien. Alle Insassen überlebten. Tötlich verlief allerdings ein
Anschlag auf eine Swiss Air-Maschine von Zürich nach Tel Aviv am gleichen Tag. Nach der
Explosion eines Sprengsatzes starben alle 47 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Zu
beiden Anschlägen bekannte sich die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).
Vor der Folie dieser Attentate stellte das Olympia-Attentat die entscheidende Zäsur im Blick
auf die öffentliche Wahrnehmung des gesamten Verbrechenszusammenhangs dar: Die
umfassende Schockwirkung im Zusammenhang mit der medial und politisch konstruierten
wie auch öffentlich so rezipierten Präsentation der heiteren Spiele begründete für die
Bundesrepublik Deutschland wie auch international einen fundamental neuen Bezugspunkt
für die Definition und Wahrnehmung von Terrorismus.
Nachwirkungen
Das Attentat auf die israelischen Sportler während der Olympischen Sommerspiele 1972
hatte weitreichende, bis heute anhaltende Nachwirkungen.
Es soll hier nochmals – auch anschließend an die beschriebene Repräsentativität der Opfer
für die israelische Gesellschaft – verständlicher werden, warum dieses Attentat bis heute
eine so nachhaltige Bedeutung für Israel hat. Die wechselvolle Geschichte des Landes seit
seiner Gründung 1948 ist geprägt durch permanente kriegerische Auseinandersetzungen mit
seinen Nachbarn, die Israel mit dem Tag der Staatsgründung angegriffen haben und seine
Existenz bis heute vielfach nicht akzeptieren. Umso größer war das Entsetzen darüber, dass
ein Attentat auch außerhalb des Nahen Ostens – und ausgerechnet in Deutschland –
stattfand. Das Entsetzen und die Trauer über die Vorkommnisse in München unmittelbar
nach der Tat waren enorm, und rasch wurden Stimmen nach Vergeltung laut. Israels
damalige Ministerpräsidentin Golda Meir setzte eine geheime israelische Einheit ein, die den
Auftrag erhielt, die Drahtzieher und überlebenden Täter des Münchner Attentates zu töten.
Gleichzeitig trug auch die Bundesrepublik der Tatsache Rechnung, dass sie mit einem
akribisch geplanten terroristischen Akt konfrontiert war, der mit äußerster Gewalt
durchgeführt wurde: Der damalige Bundesinnenminister Genscher veranlasste noch im
September 1972, eine reine Anti-Terror Einheit – die Grenzschutzgruppe 9 – zu gründen.
Das International Olympic Committee (IOC) ließ nach einem Tag Unterbrechung die Spiele
fortführen. Nach der fehlgeschlagenen Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck und dem Tod
aller elf Geiseln und des Polizeimeisters Anton Fliegerbauer wurde im Olympiastadion eine
Trauerfeier abgehalten. Bei dieser Trauerfeier für die Opfer forderte der IOC-Präsident Avery
Brundage: „The Games must go on!“ Bis heute sperrt sich das IOC dagegen, diese
Entscheidung in Frage zu stellen oder der Attentatsopfer regelmäßig und angemessen
öffentlich zu gedenken. Die Angehörigen der Opfer, allen voran die Witwen Ankie Spitzer und
Ilana Romano, setzen sich seither vehement dafür ein, bei den Olympischen Spielen eine
Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer von 1972 abzuhalten. Bisher hat sich das IOC
bei den nachfolgenden Olympischen Spielen immer dagegen entschieden.
Ausgelöst durch das Attentat 1972 und ein erneutes Attentat bei den Olympischen
Sommerspielen 1996 in Atlanta, bei dem es zwei Tote und 111 Verletzte gab, sind die
Sicherheitsvorkehrungen bei Olympia immens gestiegen. Die Olympischen Sommerspiele in
London 2012 wurden zur größten britischen Militäroperation seit dem Koreakrieg.
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