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Auch bei eingeschränkter Alltagskompetenz
haben Bewohner das Recht, die Gestaltung
der sozialen Betreuung mitzubestimmen.
21
>
Altenpflege Titelthema
Demenz Sich herausfordernd zu verhalten ist oft
der verzweifelte Versuch, sein Handeln selbst bestimmen
zu können. Für Pflegende kommt es darauf an, die Motive
hinter diesem Verhalten zu erkennen. Text: Claudia Heim
Das Bedürfnis zählt
>
In der Pflege und Betreuung von
„Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz“, also beispielsweise
Menschen mit einer demenziellen Erkrankung, begegnen wir häufig dem sogenannten herausfordernden Verhalten.
Dies umschreibt bestimmte Verhaltensweisen, die im sozialen Gefüge nicht angenommen und negativ bewertet werden.
Die Formen können ganz unterschiedlich
sein – auf jeden Fall fühlen sich andere
Menschen dadurch häufig gestört, ärgern
sich, werden möglicherweise ihrerseits
ungehalten.
In Ihrer Arbeit sind Sie gefordert, mit
den Bewohnern umzugehen und professionell zu handeln. Dies ist jedoch nicht
einfach, da es kein „Rezept“ für richtiges
adäquates Verhalten gibt. So unterschiedlich die Menschen sind, mit denen Sie es
zu tun haben, so vielschichtig sind die
Gründe für ihr Auftreten. Dies erfordert
ein hohes Maß an Toleranz und Einfühlungsvermögen. Als Pflege- und Betreuungskräfte gefragt wurden, welche Verhaltensweisen am herausforderndsten für
sie sind, waren die häufigsten Nennungen:
• das Abwehrverhalten bis hin zu verbalen und tätlichen Übergriffen,
• Orientierungsprobleme,
• Wandering und Umhergehen.
Dies Ergebnis überrascht nicht und ist
leicht nachvollziehbar. Bemerkenswert
ist in diesem Zusammenhang jedoch,
dass außergewöhnliches Verhalten wie
depressive Verstimmung, Rückzug und
Apathie überhaupt nicht genannt wer-
www.altenpflege-online.net
den. Bewohner, die solch ein Verhalten
zeigen, „stören“ den Arbeitsablauf nicht
und lösen auch bei anderen Bewohnern
keine Reaktion aus. Wenn hingegen jemand laut zu rufen beginnt, fordern die
Personen in der Umgebung sofort eine
Bereinigung der Situation.
Faktoren für herausforderndes
Verhalten
Wie kommt es nun zu herausforderndem Verhalten? Welche Gründe gibt es,
dass Bewohner zu schreien beginnen, mit
Händen und Füßen abwehren, auf Mitbewohner losgehen oder stundenlang um-
• 2. Psychische Faktoren
Wenn sich ein Mensch nicht mehr ausdrücken kann, Wortfindungsstörungen hat oder einem Gespräch zu folgen
nicht mehr in der Lage ist, dann wird er
mit Frustration und Unzufriedenheit reagieren. Er hat mit starken Gefühlen wie
Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Angst und
Verzweiflung zu tun. Durch die verminderte oder fehlende Fähigkeit, seinen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen, erlebt
der Betroffene den Verlust der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Er fühlt
sich minderwertig und stark von anderen
abhängig.
Bewohner können fachlich gebotene Maßnahmen im
Rahmen ihres Selbstbestimmungsrechts ablehnen. hergehen, ohne zur Ruhe zu kommen?
Dazu gibt es viele Veröffentlichungen, in
denen sich vier wesentliche Kriterien erkennen lassen:
• 1. Körperliche Faktoren
Das Wohlbefinden eines Menschen ist
ein wesentliches Kriterium, das ausschlaggebend ist, wie er sich fühlt und
auf seine Umwelt reagiert. Wenn Personen mit einer demenziellen Erkrankung
beispielsweise Durst oder Hunger haben
oder Schmerzen verspüren, werden sie
dies in irgendeiner Form zeigen. Auch
Angsterkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten führen möglicherweise zu abweichendem Handeln.
• 3. Soziale Faktoren
Der Bewohner fühlt sich ausgegrenzt,
ohne Teilhabe, wird möglicherweise im
gegenseitigen Miteinander ignoriert und
übergangen. Es kommt zu Konflikten mit
anderen Personen, die kein Verständnis
für bestimmte Verhaltensweisen und eingeschränkte Fähigkeiten haben. Situationen sind für den Betroffenen oft kränkend und verletzend.
• 4. Umgebungsfaktoren
Die Umwelt erscheint hektisch, laut, hell,
und der Bewohner erlebt eine subjektive
Reizüberflutung. Sowohl Gerüche, für
die betreffende Person unangenehme
Wärme und Kälte als auch eine wenig
Checkliste
So vermeiden Sie Eskalationen
21 Tipps zum professionellen Umgang mit Demenzkranken
»» Wenn Sie merken, dass der Bewohner
unruhig wird, gehen Sie mit ihm zur Toilette.
»» Lassen Sie den Bewohner im Rahmen seiner
Fähigkeiten Entscheidungen treffen.
»» Reichen Sie ihm ein Getränk und etwas
zu Essen.
»» Richten Sie sich nach den Bedürfnissen
des Bewohners.
»» Möglicherweise hat der Bewohner
Schmerzen. Beobachten Sie ihn unter
Einbezug der BESD (Beurteilung der
Schmerzen bei Demenz).
»» Stellen Sie sofort Kontakt her, wenn Sie
Spannungen wahrnehmen. Warten Sie
nicht ab.
»» Wenn Sie vermuten, dass der Bewohner
Schmerzen hat, verabreichen Sie ihm in
Absprache mit dem Arzt ein Schmerzmittel.
»» Reduzieren Sie nach Möglichkeit die
Umgebungsreize.
»» Sprechen Sie den Bewohner immer von
vorne an.
»» Wenn die Situation zu eskalieren droht:
Bitten Sie als Frau einen männlichen
Kollegen oder als Mann eine Kollegin
um Unterstützung.
»» Bieten Sie Rückzugsmöglichkeiten an.
»» Seien Sie einfühlsam und nehmen Sie sich
Zeit, wenn Sie den Bewohner berühren.
»» Seien Sie wertschätzend in Ihrer
Kommunikation.
»» Korrigieren Sie nicht ständig.
»» Denken Sie daran, dass herausforderndes
Verhalten ein Signal für ein Leid des
Bewohners ist.
»» Bleiben Sie ruhig.
Vincentz Network GmbH & Co KG, Altenpflege 4.2014
»» Lassen Sie dem Bewohner
Ausweichmöglichkeiten (räumlich sowie
als Verhaltensalternative).
»» Lassen Sie bestimmte Dinge zu, auch wenn
sie nicht der Norm entsprechen (mit den
Fingern essen, ungewöhnliche Kleidung,
einen Gegenstand mit sich tragen).
»» Nehmen Sie herausforderndes Verhalten
nicht persönlich.
»» Suchen Sie nach der Emotion im
abweichenden Verhalten.
»» Versuchen Sie, den Auslöser für
herausforderndes Verhalten zu finden.
Wichtig!
• Die Maßnahmen sind Anregungen, die Sie individuell auf
die einzelnen Bewohner anwenden können.
Altenpflege 4.14
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persönliche Atmosphäre können zu ihrem Unwohlsein beitragen. Sie hat keine
Möglichkeit, sich zurückzuziehen, Privatheit und Ruhe sind kaum möglich.
Dies ist schon alleine dadurch bedingt,
dass dieser Mensch nicht in der Lage ist,
seine Bedürfnisse zu äußern und darüber
hinaus nicht alleine sein Zimmer oder eine andere Rückzugsmöglichkeit findet.
Recht auf Selbstbestimmung
Die genannten Faktoren schränken den
Bewohner in seiner Selbstständigkeit,
seinem Selbstausdruck und seiner Selbstbestimmung ein. Die Folge ist, dass andere Personen die Entscheidungen für ihn
treffen. Dies übernehmen in der Regel die
Pflegekräfte für ihn – und hier lauert die
Gefahr: Durch die Routine und den alltäglichen Arbeitsaufwand, der bewältigt
sein möchte, besteht das Risiko, abzu-
>
Altenpflege Titelthema
stumpfen. Entscheidungen werden nicht
mehr herbeigeführt, sie werden gefällt.
Dies führt unweigerlich zu einer Reaktion durch den Betroffenen.
Nun ist die Selbstbestimmung aber
nicht nur ein Bedürfnis des Menschen,
Situatives Handeln ist gefordert, also eine individuell
angepasste Vorgehensweise. sondern auch sein Recht. Dies gilt auch
für Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, wie es bei einer demenziellen Erkrankung der Fall ist. Das
Selbstbestimmungsrecht ist zudem in der
Pflege-Transparenzvereinbarung stationär (PTVS) eindeutig verankert. So heißt
es in den Ausfüllanleitungen für die Prüfer: „Auch Bewohner mit eingeschränkter
Unser Maßstab:
UNABHÄNGIGE
FORSCHUNG
FÜR MEHR QUALITÄT
Wir vernetzen Wissenschaft und Pflegepraxis. Unsere gemeinnützige Stiftung
gilt bereits als nationales Kompetenzzentrum. Sie stellt ihr Wissen kostenlos
zur Verfügung. Damit setzen wir Maßstäbe. Und machen Pflege für alle besser.
www.pkv.de
www.altenpflege-online.net
Alltagskompetenz haben ein Recht, bei
der Ausgestaltung der Pflege und sozialen
Betreuung aktiv mitzuentscheiden, auch
wenn sie dies nur durch ihr Verhalten
zum Ausdruck bringen können. Dies bedeutet auch, dass Bewohner im Rahmen
ihres Selbstbestimmungsrechts Maßnahmen ablehnen können, selbst wenn diese
fachlich geboten sind.“
Diese Forderung mag zunächst schwierig erscheinen. Sie ist jedoch in vielen
Fällen zu erfüllen und stellt gleichzeitig
eine Maßnahme dar, wie herausforderndes Verhalten möglicherweise schon im
Vorfeld verhindert bzw. unterbrochen
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werden kann. Wie Sie im pflegerischen
Handeln angemessen und professionell
reagieren können, liegt im Verhalten
des Bewohners begründet. Seine Handlungen sind nicht das Ergebnis einer gezielten Aktion, mögen sie auf Sie auch
noch so provozierend wirken. Es ist der
verzweifelte Versuch, Einfluss auf die
Umgebung zu nehmen, selbstbestimmend zu wirken, sich auszudrücken.
Bewältigungsstrategie gegen
Angst, Verzweiflung und Trauer
Dieser Mensch möchte etwas sagen, er
hat eine Mitteilung zu machen. Nachdem
ihm die Möglichkeiten fehlen, wählt er
die herausfordernde Haltung als Bewältigungsstrategie gegen Angst, Verzweiflung und Trauer. Jetzt ist es an Ihnen,
>
Altenpflege Titelthema
dem Bewohner Halt und Sicherheit zu
geben. Es gibt nicht „die eine, gute Methode“, die auf alle Situationen passt. Situatives Handeln ist gefordert, also eine
individuell angepasste Vorgehensweise.
Neueste Forschungsergebnisse gehen
davon aus, dass bei der AlzheimerDemenz Störungen in einer bestimmten Gehirnregion (Entorhinaler Kortex)
vorhanden sind. Dies hat zur Folge, dass
Personen mit dieser Erkrankung häufig
mit Emotionen nicht so umgehen können, wie andere Menschen dies tun. Das
bedeutet im Lebensalltag, dass Freude
und Trauer sowie weitere Emotionen im
Gesicht des Anderen nicht mehr erkannt
werden. Sind die sogenannten Spiegelneuronen betroffen, wie bei der frontotemporalen Demenz, kann der Betroffene
nicht in passender Art und Weise auf die
Gefühle anderer reagieren. Diese Menschen erscheinen uns dann als gefühlskalt und emotionslos.
Für Sie als Pflegekraft ist es – je nachdem, wie weit die Erkrankung des Bewohners fortgeschritten ist – möglicherweise nicht einfach, das Verhalten und
das Gefühl, das damit verbunden ist,
einzuordnen. Für den Bewohner selbst
scheint es jedoch weitaus schwieriger, da
ihm komplexe Situationen begegnen, die
er nicht mehr erkennen kann. Personen
mit einer leichten bis mittelschweren Demenz reagieren dahingegen noch gut auf
Emotionen. Wie gut die Pflege gelingt,
hängt von drei Faktoren ab:
• Das sind zunächst die Bewohner
selbst, deren Verhalten durch die de-
Altenpflege 4.14
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menzielle Erkrankung nicht der Norm
entspricht und „herausfordernd“
wirkt.
• Der zweite Faktor ist das Agieren der
Pflegenden, die immer wieder belastenden Situationen ausgesetzt sind.
• Und als dritter Faktor dasUmfeld, das
durch organisatorische Gegebenheiten
mehr oder weniger Raum für Bezugspflege und emotionales Miteinander
zulässt.
Wie lassen sich nun konkrete Situationen
im Zusammensein mit demenzerkrankten Menschen gestalten? Wenn wir davon
ausgehen, dass der Kontrollverlust und
die verlorengegangene Selbstbestimmung
Auslöser sein können für ein Entgegenhandeln der betroffenen Person, ist hier
ein wichtiger Ansatz zu sehen. Oft sind
es nur kleine Gesten, die es möglich machen, dass ein Bewohner seine Entscheidung selbst trifft.
Ein Beispiel: Die Pflegerin möchte,
dass Frau Sieber mit ihr geht. Zu diesem
Zweck geht sie auf Frau Sieber zu, schaut
sie an, nimmt die Hand der Bewohnerin
in die ihre und sagt freundlich: „Kommen
Sie bitte mit, Frau Sieber, wir wollen gemeinsam ins Bad gehen.“ Gleichzeitig be-
ginnt die Pflegerin, langsam zu gehen und
Frau Sieber sanft mit sich zu ziehen. Da
die Pflegerin voran geht, wendet sie sich
körperlich von Frau Sieber ab. Die ist mit
der Situation überfordert und reagiert ungehalten. Für sie waren es zu viele Informationen auf einmal, zudem hat sie nicht
selbst entschieden, mitzugehen.
Es ist nur eine kleine, aber wirkungsvolle Veränderung des Vorgehens der
Pflegerin nötig. Statt Frau Sieber an der
Hand zu nehmen, sollte sie ihr die offene Hand entgegenstrecken mit den Worten: „Frau Sieber, kommen Sie mit?“ Dabei blickt sie ihr in die Augen und wartet
auf die Reaktion. Nun hat die Bewohnerin die Möglichkeit, die Hand zu fassen,
wenn sie dies möchte. Zudem gibt ihr die
Pflegerin Zeit, das Gesagte zu verstehen
und zu entscheiden. Auch wenn sie möglicherweise den Inhalt des Satzes nicht
versteht, signalisiert ihr die Hand, dass
sie diese fassen kann – oder eben nicht.
Damit Kommunikation in solchen Situationen gelingt, ist es erforderlich, Ablenkungen zu vermeiden – etwa durch
Fernsehen oder Radio. Zudem sollten Sie
kurze und einfache Sätze sprechen und
sich auf „Ja-Nein-Fragen“ beschränken.
Auch wenn diese Aufforderungen ein-
fach klingen, sie umzusetzen bedarf einiger Übung. Und was ist, wenn Frau Sieber
doch nicht mit Ihnen geht, selbst wenn
Sie alles „richtig“ gemacht haben? Dann
nehmen Sie es nicht persönlich. Manchmal ist es einem an Demenz erkrankten
Menschen wichtig, sich zu behaupten –
zu spüren, dass er als Individuum wichtig
ist und seine Anliegen ernst genommen
werden. Gehen Sie auf sein Bedürfnis ein,
nicht auf sein Verhalten.
Mehr zum Thema
Kontakt: info@claudiaheim.de,
www.claudiaheim.de
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Text „Toleranz leben“ von Claudia
Heim ab Seite 26
Claudia Heim
ist Altenpflegerin, Coach und
Supervisorin, TQM-Auditorin,
Buchautorin und Autorin
zahlreicher Fachbeiträge
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