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Bündner Tagblatt vom 04.03.2015

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E-Paper: buendnertagblatt.ch
163. Jahrgang, Nr. 61
Mittwoch, 4. März 2015 CHF 3.30
www.buendnertagblatt.ch
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INSERAT
«Zurück in die
Zukunft!»
Zweitwohnungsgesetz: Schlechter
Deal oder guter Kompromiss?
Das Zweitwohnungsgesetz wird nicht weiter gelockert. Der Nationalrat stimmte gestern dem Kompromissvorschlag von
SVP und FDP zu. Es lohne sich, gewisse Kompromisse einzugehen, sagt auch die Bündner Regierung.
musregionen haben sonst schon
Schwierigkeiten, überhaupt eine
Umnutzung zu kreieren», meint Andreas Züllig, Präsident von Hotelleriesuisse, und fügt an: «Wie die anderen 50 Prozent umgenutzt werden sollen, ob in Erstwohnungen
oder etwa Personalzimmer, muss
zuerst noch definiert werden.»
▸ F L AV I O B U N D I , LU Z I B Ü R K L I
U N D NO R B E RT WA S E R
Im Rahmen einer Tagung des Vereins Mutterkuh
Schweiz haben die drei Kandidaten für das Präsidium des Bündner Bauernverbands, Hans Peter Michel, Curdin Capeder und Thomas Roffler, gestern
an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Alle
drei waren sich einig, dass der zunehmende Verlust
des Kulturlands eine grosse Herausforderung für
die Landwirtschaft darstellt. Eine mögliche Lösung
des Problems sehen sie im verdichteten Bauen.
«Wir müssen primär in die Höhe und nicht mehr in
die Breite bauen. So kann wertvolles Land erhalten
werden», meinte etwa Hans Peter Michel.
Eine Zukunftsperspektive sehen die Kandidaten in der Bio-Landwirtschaft. Graubünden sei heute bereits ein Bioland – 57 Prozent der Bauern produzieren nach Bio-Standard. Ebenso wichtig sei es
aber, dass die Landwirte ihre Produktionsrichtung
frei wählen könnten. (MM)
Nachdem sich am Montagabend die
Fraktionsspitzen von SVP und FDP
mit Vera Weber, Initiantin der
Zweitwohnungsinitiative, zu einem
Kompromiss durchgerungen haben, folgte eine deutliche Mehrheit
der Nationalräte an der gestrigen
Sitzung diesen Vorschlägen. Demnach sollen Wohnungen, die dauerhaft im Internet ausgeschrieben
werden, nicht mehr gebaut werden
dürfen. Zudem können Hotels, die
älter als 25 Jahre sind, nur noch zur
Hälfte zu Zweitwohnungen umfunktioniert werden. Ebenso wurde
die Regel fallen gelassen, sämtliche
erhaltenswerte Gebäude umzunutzen. Neu sollen nur noch geschützte
oder ortsbildprägende Bauten zu
Zweitwohnungen umfunktioniert
werden dürfen. Im Gegenzug sicherten die Initianten zu, von der
Ergreifung eines Referendums abzusehen.
G R AU B Ü N D E N ..... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 6
Meinungen sind geteilt
EXKLUSIV IM BT
Die Sorge um
das Kulturland
Alpenstimmung in der Stadt
Nachdem der Verein khur.ch im Sommer 2014 das
Fussballfieber aus Brasilien nach Chur brachte,
wird in diesem Winter Alphüttenstimmung in der
Alpenstadt verbreitet. Einen Monat lang steht ein
grosses Maiensäss mitten in der Stadt.
C H U R . ................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 7
Davos verliert, Chur gewinnt
Der HC Davos hat gestern Abend seinen
Heimvorteil wieder verspielt. Er verlor zu Hause
das zweite NLA-Play-off-Viertelfinale gegen den
EV Zug mit 0:1; es steht somit 1:1 in der Serie. Chur
hingegen feierte in Dübendorf zum Auftakt des
1.-Liga-Play-off-Halbfinals einen 3:1-Sieg.
«Ich erachte die vorgeschlagene Lösung eher als Deal zugunsten des
Berggebiets. Wenn es gelungen ist,
mit diesem Kompromiss ein Referendum abzuwenden, haben wir für
den Kanton viel gewonnen», ist
SVP-Nationalrat Heinz Brand überzeugt. Zudem wäre gemäss Brand
damit zu rechnen, dass eine Neuauflage des Gesetzes mit Sicherheit
ein strengeres Gesetz zur Folge hätte. «Dies wäre mit Sicherheit nicht
im Interesse des Kantons Graubünden gewesen», so Brand.
Anders sieht dies CVP-Nationalrat Martin Candinas. Die CVP ihrerseits versuchte vergeblich, gegen
Gute Chancen im Ständerat
Noch heute wird sich der Nationalrat mit den ausstehenden Entscheiden rund um das Zweitwohnungsgesetz befassen, bevor das Geschäft
im Rahmen der Differenzbereinigung zurück in den Ständerat geht.
Dabei steht insbesondere noch aus,
ob die Vorlage dringlich in Kraft gesetzt werden soll. Martin Schmid,
FDP-Ständerat, ist überzeugt, dass
der vorgeschlagenen Kompromiss
des Nationalrats eine Mehrheit im
Ständerat finden wird: «Ich hoffe,
dass der Ständerat nicht Arbeitsverweigerung begeht, und die Gesetzesvorlage noch in dieser Session
verabschiedet werden kann.»
Bündner Regierung zufrieden
Hans Grunder (BDP, Bern), die beiden Bündner Nationalräte Silva Semadeni
und Hansjörg Hassler sowie Martin Landolt (BDP, Glarus) befassen sich mit
der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative im Nationalrat. (KEYSTONE)
die ungewöhnliche Koalition aus
rechtem und linkem Block vorzugehen. «Dieser Deal erfolgt ganz klar
zulasten der Bergregionen», sagt
Candinas. Die Mehrheit des Parlaments gebe bei diesem Geschäft zu
schnell nach: «Leichtfertig unnötige Kompromisse einzugehen, die
massive Folgen für die Entwicklung
der Berggebiete haben, ist verantwortungslos.» Wie aus einer Me-
dienmitteilung von Hotelleriesuisse hervorgeht, erschwere der Nationalrat mit seinen Entscheiden den
Strukturwandel der Hotellerie. Die
Kompromisslösung des Nationalrates erlaube neu nur noch die Umnutzung unrentabler Hotels bis zu
50 Prozent in Zweitwohnungen.
Dieser Entscheid werfe Fragen zur
Umsetzung dieser Regelung auf.
«Vor allem die kleineren Touris-
G R + S C H W E I Z . . . . . . . . . . Seiten 3, 5, 15
Unterwegs mit Wiedemann und Mettler
Als wiedemann/mettler sorgen Pascale Wiedemann und Daniel Mettler immer wieder für Überraschungen. Nach einer
grossen Ausstellung in Uri und einer eigenen T-Shirt-Kollektion war das Bündner Künstlerduo kürzlich in Asien unterwegs.
Die mehrwöchige Reise führte
Pascale Wiedemann, Daniel
Mettler und Sohn Tim nach Tokyo,
Schanghai, Hongkong und
Bangkok, wo sie das Leben in den
Megastädten fotografiert haben.
«Wir haben jeden Tag stundenlange
Wanderungen durch die Städte
unternommen und unsere Eindrücke
abgebildet», so Wiedemann
gegenüber dem BT. Dabei ist die
Bilderreihe «wild east» entstanden,
die jeweils die Sicht der beiden auf die
gleiche Situation spiegelt. Daraus
wird eine Fotoserie aus Bildpaaren
entwickelt. Im vergangenen Jahr
haben wiedemann/mettler zudem
ihre erste eigene T-Shirt-Kollektion
«1/1 (one out of one)» lanciert, die sie
mittlerweile um neue Produkte
ergänzt haben. Dem BT hat das Paar
im Vorfeld einen Einblick in sein
Zuhause in Zürich gewährt, das nicht
nur Wohn-, sondern auch Arbeitsort
ist. (FM/FOTO WIEDEMANN/METTLER)
S P O R T . .................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seiten 13 und 14
Emser Hallenbad moderner
Der Gemeinderat von Domat/Ems hat einem
Kredit von 90 000 Franken zugestimmt, um eine
Erneuerung von Turnhalle und Hallenbad im
Schulhaus Tuma Platta in die Wege zu leiten.
G R AU B Ü N D E N ..... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 5
INSERAT
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Für die Bündner Regierung zentrale
Punkte in der Zweitwohnungsgesetzgebung sind, dass bestehende
Wohnungen keiner Nutzungseinschränkung unterliegen werden
und dass ortsbildprägende Bauten
in Dorfkernen zu Zweitwohnungen
umgenutzt werden können. Es lohne sich daran festzuhalten und gewisse Kompromisse einzugehen,
sagte Regierungsrat Mario Cavigelli
gestern. Eine dringliche Inkraftsetzung der Gesetzgebung lehnt die
Regierung entschieden ab.
K U L T U R .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Seite 9
GRAUBÜNDEN Seite 3
CHUR Seite 7
KULTUR Seite 9
SPORT Seite 11
SCHWEIZ Seite 15
WELT Seite 16
RADIO/TV Seite 17
WETTER Seite 20
GRAUBÜNDEN
M i ttwo c h , 4 . M ä r z 2 0 1 5
B T- S TA M M T I S C H
Die Zweitwohnungsbesitzer wehren sich dagegen, nur als Kostenverursacher betrachtet zu werden. Sie fordern
von den Gemeinden mehr Transparenz und möchten sich mehr (ein-)heimisch fühlen.
D
darzulegen, dann werde es schwierig, einen Dialog zu führen. Es würden doch alle im gleichen Boot sitzen. Wenn das Dorf an Attraktivität
einbüsse, würden alle Wohnungen
an Wert verlieren.
Fehlende Transparenz
Reto Fehr vermisst in Flims vor allem die Transparenz. Es würde bei
jeder Gelegenheit betont, dass die
Zweitwohnungsbesitzer die von ihnen verursachten Kosten nicht tragen würden. Wenn diese transparent ausgewiesen würden, wären
die Zweitwohnungsbesitzer sicher
auch bereit, diesen Anteil zu übernehmen. Heute herrsche leider die
Mentalität, dass die Eigentümer ohnehin nicht fortgehen könnten und
diese auch genug Geld hätten.
Gemeindepräsident Adrian Steiger gibt zu bedenken, dass die Kapazität auf die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ausgerichtet
werden muss, wenn alle Betten belegt sind. Das verursache Kosten,
die nicht mit leeren Betten im November kompensiert werden könnten. Was die Transparenz anbelange, sei diese bei den tatsächlichen
Kosten gegeben, anders sei das für
ADRIAN STEIGER
«Wenn man zwei Stunden nur Haue kassiert, ist
es schwierig, einen Dialog zu führen.»
«Für die 90 Tage in Flims bezahle ich mehr
Wassergebühren als für die 270 Tage im
Unterland.»
RETO FEHR
«Es waren doch die Einheimischen, die diesen
Gigantismus in die Welt gesetzt, das Land verkauft
und Wohnungen gebaut haben.»
Die Organisationen von Zweitwohnungsbesitzern und Stammgästen
sind in den Tourismusorten eine
wichtige Stimme. Und diese wird
immer lauter. Adrian Steiger, Gemeindepräsident von Flims, relativiert die Kritik, die unter anderem
auf der Plattform «Tourismussparsäuli.ch» publiziert wird. Von all jenen, die Flims Laax Falera als innovative Destination loben würden,
höre man nichts. Was die SparsäuliAufrufe im Internet anbelange,
möchte Steiger eine Lanze für das
einheimische Gewerbe brechen.
Dieses zeige hohe Einsatzbereitschaft und stehe jederzeit bereit.
BT-Stammtisch
«Von all jenen, die unsere innovative Destination
mit einem Reto Gurtner loben, hört man nichts.»
CLAUDIA TRONCANA
▸ N O R B E RT WA S E R
Claudia Troncana bedauert, dass es
in der Gemeinde Silvaplana keine
Vereinigung der Zweitwohnungsbesitzer gibt und damit ein direkter
Ansprechpartner fehlt. Wenn es an
Infoveranstaltungen kaum möglich
sei, die Sichtweise der Gemeinde
3
WORTWÖRTLICH
«Wir verursachen nicht nur Kosten»
Wenn der Ansprechpartner fehlt
B ü n d n e r Ta g b l a tt
ROLF HINTERMANN
«Man kann nicht Alteigentümer dafür strafen, dass
eine Mehrheit in der Schweiz die Zweitwohnungsinitiative angenommen hat.»
RETO FEHR
«Es geht nicht nur um Infrastrukturkosten, für den
Zweitwohnungsbesitzer ist das Gesamtpaket
entscheidend.»
CHRISTOPH SIEVERS
«Die einheimischen Handwerker sind auch am
24. Dezember zur Stelle, wenn die Heizung
ausfällt.»
ADRIAN STEIGER
«Die Destination Engadin St. Moritz übersteht
mit dem aktuellen Budget keine weitere Volksabstimmung mehr.»
CLAUDIA TRONCANA
Am BT-Stammtisch im Hotel «ABC» in Chur sitzen Zweitwohnungsbesitzer und Gemeindepräsidenten an einem Tisch:
Reto Fehr (IG Flims Laax Falera), Claudia Troncana (Silvaplana) und Adrian Steiger (Flims). (FOTOS OLIVIA ITEM)
jene Bereiche, die dem Steuergeheimnis unterliegen würden.
Christoph Sievers lobt die Transparenz in Sachen Gebühren in der
Gemeinde Arosa. Zudem gebe es
Studien, die transparent aufzeigen
würden, was die Zweitwohnungsbesitzer in der Gemeinde beisteuerten. Für den Zweitwohnungsbesitzer sei das Gesamtpaket entscheidend. Für den Viv-Arosa-Präsidenten wäre die von seinem Vorgänger
Georg Ganz ins Spiel gebrachte Tourismusgemeinde, bei der die Zweitwohnungsbesitzer miteinbezogen
sind, ein möglicher Ansatz. Ein Ansatz, der auch aus Sicht von Gemeindepräsident Lorenzo Schmid
«Die Bergbahnen
müssen mit
Einheimischtarifen
selber rechnen»
LORENZO SCHMID
durchaus diskussionswürdig ist. Es
gebe aber zwischen Einheimischen
und Zweitwohnungsbesitzern auch
unterschiedliche Ansichten. Als
Beispiel nennt er die Skigebietsverbindung mit Lenzerheide, die wohl
nicht zustande gekommen wäre,
wenn man die Zweitwohnungsbesitzer gefragt hätte.
Zur Entwicklung stehen
Zweitwohnungsbesitzer Rolf Hintermann stellt sich die Frage, wer
denn diesen Gigantismus in die Berge gebracht habe, den Boden verkauft und die Wohnungen gebaut
habe. Das seien doch meistens Einheimische gewesen. Nun müsse
man auch zu dieser Entwicklung
stehen. Er habe die Wohnung ge-
kauft, weil es im Engadin so schön
sei. Ein Dorn im Auge sind Hintermann die 275 Franken pro Bett, die
er in La Punt an die Tourismusorganisation Engadin St. Moritz bezahlt.
Er hofft, dass sich bei der Beseitigung des Kreises auch bei den Tourismusstrukturen etwas ändert. Im
Moment fliesse 80 Prozent des Geldes in den Gigantismus des «schillernden St. Moritz», wie es Tourismusdirektorin Ehrat bezeichne, davon hätten die umliegenden Gemeinden aber gar nichts. Ferien im
Engadin könnten sich Durchschnittsfamilien gar nicht mehr
leisten. Viele wollten es aus Imagegründen auch gar nicht mehr tun.
Claudia Troncana kann den Unmut betreffend der Tourismusorganisation teilweise nachvollziehen.
Mit der Aufhebung der Kreise muss
die Tourismusorganisation im
Oberengadin nochmals eine Volksabstimmung durchlaufen, das aktuelle Budget hätte dort keine Chance. Die Gemeindepräsidentin von
Silvaplana wehrt sich aber auch dagegen, dass man immer auf den Einheimischen herumhacke. In den
Sechzigerjahren sei es für viele pickelhart gewesen. Es habe zwar
auch Einheimische gegeben, die das
«Eine Tourismusgemeinde mit den
Eigentümern wäre
ein Lösungsansatz»
CHRISTOPH SIEVERS
grosse Geld gemacht hätten, viele
seien aber auch von aussen gekommen, hätten gebaut und verkauft.
Die Massnahmen der Politik seien
da leider oft zu spät gekommen. Als
sie sich als einzige Bürgerliche in
einem Komitee für eine Kontingentierung eingesetzt habe, sei sie noch
fast gesteinigt worden. Heute sei
klar definiert, unter welchen Bedingungen eine Erstwohnung bewohnt
werden darf, diese Regeln gelte es zu
akzeptieren.
Alteigentümer nicht abstrafen
Aroser unter sich: Christoph Sievers, Präsident von VivArosa (l.) und
Gemeindepräsident Lorenzo Schmid.
Christoph Sievers sieht die aktuelle
Diskussion um die Tourismusgesetze in direktem Zusammenhang mit
der Ausgestaltung des Zweitwohnungsgesetzes. Das sei auch für die
Hotellerie existenziell. Auch Reto
Fehr wirft ein, dass man Alteigentümer nicht durch die Annahme der
Zweitwohnungsinitiative abstrafen
dürfe. Der Aroser Gemeindepräsi-
dent Lorenzo Schmid ärgert sich etwas darüber, dass die Annahme der
Zweitwohnungsinitiative in Arosa
dem vor zwei Jahren eingeführten
Zweitwohnungsgesetz in die Quere
gekommen ist. Dieses habe die Neubaufläche reduziert und einen Ausgleichstopf geschaffen. Ein Hoffnungsschimmer sind für ihn neue
Hotelpläne in Arosa, wie «Valsana»,
«Alpina» und «Carmenna».
Als Mitglied des Grossen Rates
erinnert Adrian Steiger auch an die
Diskussion über den Wirtschaftsentwicklungsbericht. Da sei viel
über einzelbetriebliche Förderung
und Systemrelevanz diskutiert worden. Er verstehe, dass nun möglichst viel als gemeinwirtschaftliche Leistung betrachtet und damit
die Finanzierung der Allgemeinheit
überlassen werden wolle. Das habe
aber Grenzen.
Einheimisch oder nicht?
Ein umstrittenes Thema sind auch
die Einheimischtarife, die auch vielen Zweitwohnungsbesitzern ein
Dorn im Auge sind. Bergbahnpräsident Lorenzo Schmid erinnert daran, dass die Bergbahnen privatwirtschaftlich organisiert sind und
in der Tarifgestaltung ihre eigene
Rechnung machen. Zweitwohnungsbesitzer seien die wichtigsten
Jahreskartennutzer und von entsprechend grosser Bedeutung.
«Es wird immer behauptet, wir würden die verursachten Kosten nicht tragen, da würde allein schon
RETO FEHR
etwas mehr Transparenz helfen.»
«Wir haben uns von Boykottaufrufen immer
distanziert»: Reto Fehr.
«Wenn Zweitwohnungsbesitzer das einheimische
Gewerbe boykottieren, sind sie auf dem Holzweg.»
CHRISTOPH SIEVERS
«Ohne Laden und Hotels wird das Dorf sowohl für
Einheimische als auch Zweitwohnungsbesitzer
CLAUDIA TRONCANA
unattraktiv.»
«Der 1. Januar entspricht dem, was ingenieurmässig in der Gemeinde abgedeckt werden muss.»
ADRIAN STEIGER
«Wir bezahlen in La Punt 275 Franken pro Bett an
die Tourismusorganisation, damit Frau Ehrat
Chinesen suchen kann, die im November ins
Engadin kommen.»
ROLF HINTERMANN
Die Stammtischteilnehmenden
Am BT-Stammtisch zum Thema
Zweitwohnungen diskutierten im
Hotel «ABC» in Chur: Reto Fehr,
Präsident der Interessengemeinschaft der Zweitwohnungseigentümer Flims Laax Falera, Christoph
Sievers, Präsident von Viv Arosa,
der Vereinigung der Stammgäste
und Ferienwohnungsbesitzer in
Arosa, Rolf Hintermann, Präsident
von Viv La Punt, dem Verein der
auswärtigen Ferienwohnungsund Ferienhausbesitzer von
La Punt Chamues-ch und von
weiteren Gemeinden des
Oberengadins, Adrian Steiger,
Gemeindepräsident von Flims,
Lorenzo Schmid, Gemeindepräsident von Arosa und Verwaltungsratspräsident der Arosa
Bergbahnen, sowie Claudia
Troncana, Gemeindepräsidentin
von Silvaplana. Das Gespräch
leitete BT-Redaktor Luzi Bürkli,
Aufzeichnung Norbert Waser,
stv. BT-Chefredaktor. (LUB)
«Problematisch ist es, wenn man bezahlen muss
und nicht weiss wofür»: Rolf Hintermann.
«Die Zweitwohnungsbesitzer sind die billigste
Marketingorganisation der Gemeinden, entsprechend sollte die Wertschätzung sein.» RETO FEHR
«Man darf die Diskussion über die Tourismusgesetze nicht losgelöst vom Zweitwohnungsgesetz
betrachten.»
CHRISTOPH SIEVERS
«Wenn durch den Vermietungszwang noch mehr
Wohnungen auf den Markt kommen, dann sinken
die Preise, und darunter leiden vor allem auch
einheimische Vermieter.»
ROLF HINTERMANN
«Versprechen kann man viel, wenn an der Budgetversammlung der Gemeinde eine Mehrheit
dagegen ist, nützt alles nichts.» ADRIAN STEIGER
M i ttwo c h , 4 . M ä r z 2 0 1 5
GRAUBÜNDEN
Islam mit europäischem Gesicht?
Der Luzerner Religionspädagoge Professor Stephan Leimgruber sprach an der
Theologischen Hochschule Chur über die Integration des Islam in Europa.
D
▸ CHRISTIAN CEBULJ
Die Aula der Theologischen Hochschule war gut gefüllt, denn es war
ein hochaktuelles Thema, zu dem
der bekannte Religionspädagoge
Prof. Stephan Leimgruber aus Luzern referierte. Leimgruber griff eingangs die islamistischen Gewaltanschläge von Paris und Kopenhagen
auf. Von hier aus entwickelte er die
Frage, ob die Religion des Islam mit
der europäischen Kultur und ihren
Wertvorstellungen vereinbar sei.
Obwohl die jüngsten Anschläge
Grund zu der Annahme geben
müssten, dass es im Moment tatsächlich so etwas wie einen „Kampf
der Kulturen“ gibt, war Leimgrubers
Bemühen erkennbar, Islam und
Europa in ein positives Verhältnis
zu bringen. Ein solches erkannte er
bereits im Mittelalter, als christliche
und islamische Gelehrte aufgeklärte Disputationen miteinander führten, aber auch in der Gegenwart des
Christlich-Islamischen Dialogs.
Eine wichtige Brückenfunktion
übernehmen nach Leimgruber heute die alevitischen Muslime, die
einen sehr „Europa-kompatiblen“
Islam vertreten. Auch wenn sich die
Aleviten gegenüber Schiiten und
Sunniten in der Minderheit befinden, ist es doch ihr Verdienst, dass
sie sich für Integration starkmachen, indem sie etwa die deutsch-
sprachige Ausbildung von Imamen
und die Gleichberechtigung von
Frauen unterstützen.
Mit Blick auf die Kirchengeschichte hob der Referent die Verdienste des Zweiten Vatikanischen
Konzils (1962–64) hervor, das sich
sehr wertschätzend über den Islam
äusserte. Er gab aber auch zu bedenken, dass sich das gegenwärtige Klima zwischen Christen und Muslimen merklich abgekühlt habe, seit
Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede 2006 viele Muslime mit seinen missverständlichen
Äusserungen verstört habe. So habe
die ranghöchste theologische Institution im Islam, die Al-Azar-Universität in Kairo, die Gespräche mit
dem Vatikan seitdem ausgesetzt.
Neuerdings gebe es allerdings wieder Versuche, den Dialog neu aufzunehmen. Eine wichtige Aufgabe für
die Integration des Islam hat der
schulische Religionsunterricht. In
Zeiten zunehmender religiöser Pluralität habe dieser die Aufgabe, Ähnlichkeiten zwischen den Religionen
zu entdecken, aber auch Unterschiede wahrzunehmen. Für Kinder
und Jugendliche sei es wichtig,
durch das Lernen an der fremden
Religion auch neue Perspektiven
auf die eigene Religion zu gewinnen. Im Ergebnis war der Referent
vorsichtig optimistisch, dass es
einen „Islam mit europäischem Gesicht“ geben könne, auch wenn die
engagierte Diskussion an der Theologischen Hochschule Chur zeigte,
dass dazu noch einige Anstrengungen nötig sind.
Kurztexte Titel
Kurztext
Renommierter Religionspädagoge: Viele Jahre lehrte der gebürtige
Aargauer Stephan Leimgruber an der Universität München. (FOTO GIANNI PENG)
ST. MORITZ Der Gemeindevorstand von St. Moritz hat beschlossen, den Zugang zur linken Talseite
der Val Suvretta für Wintersportler
zu verbieten. Der Verbot gilt bis Ende April und erfolgt, um die Gämsen
zu schonen, die an der Gämsblindheit erkrankt sind. An diesem Hang
leiden verschiedene Gämsen an der
Gämsblindheit. Diese Krankheit erfordert, dass die Tiere die höchstmögliche Ruhe bekommen. Nur so
haben sie eine Chance, den Winter
zu überleben. Die Blindheit kann in-
BRIGELS In der Gemeinde Breil/
Brigels stehen am 10. Mai die Gesamterneuerungswahlen für die
Amtsperiode 2015-2018 an. Bis Ende
Februar haben verschiedene Amtsträger demissioniert. Gemeindepräsident Richard Caduff und Eugen
Friberg vom Gemeindevorstand
müssen infolge der Amtszeitbeschränkung zurücktreten. Aus dem
Gemeindevorstand demissioniert
hat ebenfalls Daniela Seiler-Albin.
Aus dem 13-gliedrigen Gemeinderat liegen sechs Demissionen vor.
Edvin Cathomas, Adrian Seiler und
Roc Muoth sowie Claudio Caduff
haben ebenfalls die Amtszeitlimite
erreicht. Zudem haben Gieri Cristani und Silvio Schmed als Gemeinderatsmitglieder demissioniert. Bis
Ende April haben die Nachbarschaften Brigels-Dorf, Danis-Tavanasa
und Dardin die Möglichkeit, Vorschläge für Kandidaten einzureichen. Darauf können Gruppen von
fünf Personen bis 15 Tage vor den
Wahlen Vorschläge direkt bei der
Gemeindekanzlei einreichen. (DE)
Hallenbad soll modernisiert werden
Hallenbad und Turnhalle im Schulhaus Tuma Platta in Domat/Ems sollen auf den neuesten Stand gebracht werden:
Der Emser Gemeinderat hiess einstimmig einen Planungskredit gut.
Vorstand und Gemeinderat einig.
Weiterführende Möglichkeiten zur
Steigerung der Attraktivität des
Hallenbades – wie Rutschbahn,
Aussenbad oder Whirlpool – waren
zwar geprüft, aber bald fallen gelassen worden. Dazu reichten die Platzverhältnisse nicht aus, auch stünden die Betriebskosten dazu in keinem Verhältnis. Die Sanierung sei
«kein Luxus», sondern eine «Investition für die Jugend», tönte es aus
den Ratsfraktionen, und der Planungskredit wurde einstimmig gutgeheissen. Eine Planungskommission wird einen Vorschlag erarbeiten, der nach der Behandlung im
Gemeinderat im Oktober dem Volk
vorgelegt werden soll.
Die seit dem Sommer 2007 betriebene Freizeitanlage Vial weist in
den Musikräumen Mängel auf:
Akustikprobleme verzerren die
Darbietungen. Provisorische Massnahmen wie die Verlegung eines
Regierung sieht
Hauptziele auf Weg
Die Bündner Regierung hat gestern erneut auf die
ihr wesentlich erscheinenden Punkte in der
Zweitwohnungsgesetzgebung hingewiesen.
Zentral sind ihrer Ansicht nach die Besitzstandsgarantie sowie die Möglichkeit der Umnutzung
von ortsbildprägenden Bauten.
Kann ohne die «Plattform-Wohnungen» gut leben:
Jon Domenic Parolini. (FOTO MARCO HARTMANN)
Neun vakante Ämter in
der Gemeinde zu besetzen
Zu Beginn des Schuljahres konnte
das sanierte und erweiterte Schulhaus Tuma Platta der Schülerschaft
übergeben werden. Nun steht mit
der Sanierung und Erneuerung der
Turnhalle und des Hallenbades eine
weitere wichtige Etappe an. Der Gemeinderat folgte einstimmig der
Botschaft des Vorstandes, für das
Projekt einen Planungskredit von
90 000 Franken zu sprechen. Damit
soll in Zusammenarbeit mit einem
Architekten und Fachplanern Kostengenauigkeit für die millionenschwere Investition gesichert werden. Gemeindevorstand Armin Tanner (CVP) informierte über das geplante Projekt und Gemeindevorstand Gaby Aschwanden (CVP) erläuterte die Notwendigkeit von Hallenbad und Turnhalle aus der Sicht
der Schule.
Dass die Emser Schülerschaft
auch künftig solle schwimmen lernen können, darüber waren sich
5
ZWEITWOHNUNGEN Mit «grosser Spannung»
erwartet die Bündner Regierung die Ausgestaltung
der Zweitwohnungsgesetzgebung bis Ende der laufenden Märzsession des Bundesparlamentes. Die
Vorlage zur Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative wird derzeit vom Nationalrat beraten. Jon Domenic Parolini sowie Mario Cavigelli nutzten die
Möglichkeit am gestrigen Medientreffen der Regierung in Chur, um die für Graubünden zentralen Elemente der Vorlage zu betonen. Wie Cavigelli als Präsident der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) sagte, macht es derzeit den Anschein,
dass sich die «Hauptziele retten lassen». Dabei geht
es zum einen um das Absichern der Besitzstandsgarantie. Das heisst, für altrechtlich gebaute Wohnun-
Gämsblindheit: Zugang zur Val Suvretta
für Wintersportler geschlossen
nert zweier bis dreier Monate verschwinden, sie kann jedoch auch
ein tödliches Ende nehmen, je nachdem in welchem Stadium sie sich
befindet. Platzen die Augen, muss
die Wildhut die Gämsen erlegen.
Durch den Verlust der Sehkraft
kommt es häufig zu Stürzen und Todesfällen. Voraussetzung für eine
Ansteckung ist eine Begegnung auf
sehr kurze Distanz und Übertragung des Erregers durch Fliegen.
Ausserhalb des Auges stirbt der Erreger schnell ab. (DE)
B ü n d n e r Ta g b l a tt
Teppichs hätten nichts gebracht:
Der Rat sprach sich nun einstimmig für einen Nachtragskredit von
59 000 Franken aus, um mit Stellwänden und schweren Vorhängen
die Probleme in den Griff zu bekommen. Einstimmig wurde auch der
Leistungsvereinbarung mit einer
Defiziterhöhung für die Kinderkrippe Tripiti zugestimmt. Die Krippe
wird vom heutigen Standort bei der
Ems-Chemie ins Dorfzentrum bei
der Plazza Staziun verlegt und erweitert werden können. CLAUDIO WILLI
Das neu sanierte Schulhaus Tuma Platta wird mit der Erneuerung von
Turnhalle und Hallenbad für die Zukunft fit gemacht werden. (HAM)
gen soll keine Nutzungsbeschränkung eingeführt
werden. Bestehende Wohnungen sollen frei von
Erst- in Zweitwohnungen umgenutzt werden können. Zum anderen ist aus Sicht der Regierung zentral, dass auch aus ortsbildprägenden Bauten in
Dorfkernen allenfalls Zweitwohnungen entstehen
können. «Damit kann verhindert werden, dass
Dorfkerne verlottern», erklärte Cavigelli. Für die
Bündner Regierung hingegen kein Kernanliegen ist
die vom Nationalrat gestern gestrichene Ausnahme
für sogenannte «Plattform-Wohnungen». Diese
Möglichkeit zum Bau von touristisch bewirtschafteten Zweitwohnungen, die auf Vertriebsplattformen zur Vermietung hätten ausgeschrieben werden müssen, war für Parolini «nie ein grosses Bedürfnis», wie er sagte. Cavigelli erklärte die Bereitschaft zum Kompromiss, welche nun erforderlich
sei, wie folgt: «Es ist ein Akt der Vernunft, Pfeiler zu
offerieren, um darüber eine Brücke zu bauen.» Kein
Verständnis hätte die Regierung allerdings dafür,
wenn die Gesetzgebung sofort in Kraft gesetzt werden würde. Sie befürwortet den ordentlichen Weg
mit einem fakultativen Referendum. Alles andere
wäre laut Parolini «schwierig zu begründen».
16 Betriebe in Graubünden mit Kurzarbeit
Im Zuge des Medientreffens wurde weiter bekannt,
dass im Kanton aktuell 16 Betriebe mit 136 Arbeitskräften von Kurzarbeit betroffen sind. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Betriebe des Bauhaupt- und Baunebengewerbes. Laut dem Volkswirtschaftsdepartement lässt sich allerdings kein
eigentlicher Trend feststellen, «wonach die Unternehmen die Kurzarbeit mit dem ungünstigen EuroKurs begründen». LUZI BÜRKLI
INSERAT
«Die Quellen der Wahrheit –
und das seit 1896.»
www.passugger.ch
47 cl 77 cl
SCHWEIZ
M i ttwo c h , 4 . M ä r z 2 0 1 5
Die SVP schluckt die Kröte und wählt
damit das kleinere von zwei Übeln
Es kommt selten vor, dass sich SP-Vertreter im Nationalrat bei der SVP bedanken. Es kommt aber auch selten vor, dass die
SVP so bereitwillig links-grüne Anliegen unterstützt wie gestern bei der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative.
E
▸ NICOLAS HEHL
«Es geschehen noch Zeichen und
Wunder», sagte der Basler SP-Nationalrat Beat Jans im Nationalrat.
«Bei der SVP ist der Groschen gefallen, die SVP sucht den Kompromiss.» Sein Aargauer Fraktionskollege Cédric Wermuth twitterte ironisch: «Novum für Adrian Amstutz.
Er benutzt im Parlament Wörter wie
‘Lösung’, ‘Kompromiss’, ‘Rechtssicherheit’. Hoffe, er hat Aspirin dabei.» Was war geschehen?
Gestern Morgen wurde mithilfe
der SVP die Ausnahme für touristisch bewirtschaftete Zweitwohnungen, die zur Vermietung ausgeschrieben werden, aus dem Zweitwohnungs-Gesetz gekippt. Den
gleichen Weg ging die freie Umnutzung erhaltenswerter Gebäude und
nicht mehr rentabler Hotels. Die Beratung wird heute fortgesetzt. Offen
ist insbesondere noch, ob die Vorlage dringlich in Kraft gesetzt werden
soll.
Teuer erkaufte Rechtssicherheit
Diese Schlupflöcher hatten die Vorlage für die Initianten der Fondation
Franz Weber unverdaulich gemacht, sie drohten mit dem Referendum. Ein solches hätte die Ungewissheit für das Baugewerbe
und seine Zulieferer, die Immobilienbranche und den Tourismus
aber bloss verlängert. «Wir wollen
Rechtssicherheit herstellen, das ist
matchentscheidend für die Bergregionen und für das Gewerbe», begründete Amstutz die Kehrtwende
seiner Fraktion. «Es nützt nichts,
wenn wir jetzt noch zwei, drei Jahre
herumeiern.»
Rechtssicherheit ist wohl im Interesse der betroffenen Branchen.
Doch gleichzeitig zahlen diese auch
einen Preis für die Beschlüsse des
Nationalrats: Die eine oder andere
Möglichkeit, das Bauverbot für
Zweitwohnungen zu umschiffen,
fällt damit weg. Bei vielen Handwerksbetrieben, Hotels und einigen
Bauern –wichtigen Wählersegmenten der SVP – schlägt dies direkt auf
den Umsatz.
Ob zwei oder drei Jahre Rechtssicherheit diesen Preis wert sind,
kann dahingestellt bleiben. Denn
die SVP hat die Konzessionen an die
Initianten fast geschlossen unterstützt. In der Ratsdebatte lieferte
Amstutz einen weiteren Hinweis
für die Gründe: «Es geht hier darum,
den Volkswillen umzusetzen», sagte er. «Die SVP ist eben die Partei, die
das Volk ernst nimmt und nicht nur
so tut, als ob.»
Angriffsfläche vermeiden
Dafür habe die SVP ein «Gewerbleropfer» gebracht, sagte der Politgeograf Michael Hermann gestern
gegenüber der Nachrichtenagentur
SDA. Dieses war nötig, weil die Ver-
fassungsmässigkeit einiger Bestimmungen des Zweitwohnungsgesetzes höchst umstritten war. Hätte
sich die SVP darüber hinweggesetzt,
wäre sie dem Vorwurf ausgesetzt
gewesen, den Volkswillen nicht
ernst zu nehmen, sagte Hermann.
Angesichts der Projekte, welche die
SVP selber in der Pipeline hat, wollte die Partei das laut Herrmann offenbar nicht riskieren. Sie habe es
deshalb in Kauf genommen, einen
Teil ihrer Wählerschaft zu verärgern, um glaubwürdiger für die Umsetzung von Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative eintreten zu können, sagte
Hermann.
In beiden Fällen hält die SVP den
übrigen Parteien vor, den Volkswillen nicht umsetzen zu wollen. Hermann betont des Weiteren auch,
dass es sich bei den beiden Initiativen um Kernthemen der Partei handelt, nämlich Europa und Zuwanderung. Bei der Zweitwohnungsinitiative sei das nicht der Fall.
B ü n d n e r Ta g b l a tt
15
PANORAMA
Geld für die Prättigauerstrasse
Der Bund investiert 2015 rund 1,95 Milliarden
Franken ins Nationalstrassennetz. 630 Millionen
Franken sind für neue Abschnitte vorgesehen, 1,24
Milliarden Franken für den Ausbau und Unterhalt
des bestehenden Netzes und 75 Millionen Franken
für die Engpassbeseitigung. Das Departement für
Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation
(Uvek) bewilligte die Bauprogramme 2015 nach
den entsprechenden Kreditentscheiden im
Parlament, wie das Bundesamt für Strassen
gestern mitteilte. Schwerpunkte des Neubauprogramms sind die Weiterführung begonnener
Projekte etwa an der A9 im Oberwallis, an der
Transjurane zwischen Bern und dem Jura, an der
Umfahrung von Biel und an der Prättigauerstrasse
in Graubünden. Die 630 Millionen Franken dafür
stammen aus dem Infrastrukturfonds.
Über Stilllegung von AKW orientiert
Mit dem AKW Mühleberg wird in der Schweiz
erstmals ein Leistungsreaktor stillgelegt. Der
Rückbau beginnt 2019 und dauert 15 Jahre. Wie
man ein AKW samt radioaktivem Abfall
fachgerecht entsorgt, erklärten BKW- und
Behördenvertreter gestern Abend der lokalen
Bevölkerung. Rund 450 Personen aus Mühleberg
und Umgebung hatten sich für den ersten von
insgesamt drei Informationsanlässen in der
Region angemeldet. Das grosse Interesse zeige,
wie wichtig es sei, mit der Bevölkerung in Kontakt
zu treten, erklärte BKW-Chefin Suzanne Thoma.
430 000 Tote wegen Feinstaub
Feinstaub in der Luft verursacht nach dem
Jahresbericht der Europäischen Umweltagentur
(EUA) pro Jahr etwa 430’000 vorzeitige Todesfälle
in der EU. Lärm sei die Todesursache bei
mindestens 10’000 Europäern, die vorzeitig an
Herzerkrankungen und Herzinfarkten sterben.
Laut der Umweltagentur sorgen schmutzige Luft
und Lärm nach wie vor für «ernsthafte Gesundheitsprobleme, insbesondere in städtischen
Gebieten». Der steigende Einsatz von Chemikalien
in vielen Produkten führe zudem zu mehr
Hormonstörungen, heisst es in dem gestern in
Brüssel veröffentlichten Bericht.
Teuerer als in Zürich ist es nirgends
Nach dem Wegfall des Euromindestkurses sind
Zürich und Genf die teuersten Städte der Welt. Sie
überholen damit das auf der vorher erstellten Liste
Die Bündner Nationalräte Martin Candinas (Mitte) und Josias Gasser (rechts) diskutieren die Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative. (FOTO KEYSTONE)
Kantone, die sich verschulden, profitieren
Schulden machen und dafür Geld erhalten: Das ist für die Kantone nun möglich. Ausländische Banken zahlen ihnen
Zinsen, wenn sie kurzfristige Darlehen aufnehmen. Grund dafür ist der Negativzins der Schweizerischen Nationalbank.
Mindestens sechs Kantone (AG, BE,
GR, BS, BL, OW) haben sich fürs
Schuldenmachen bezahlen lassen,
wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur SDA zeigt. So zum Beispiel
der Kanton Aargau: Er hat bei einer
ausländischen Bank ein Darlehen
von 50 Millionen Franken mit einer
Laufzeit über drei Monate aufgenommen. Statt dafür Zinsen zu zahlen, erhält der Kanton einen Zins
von 0,9 Prozent. Roland Hofer, Sprecher des Departements Finanzen
und Ressourcen des Kantons Aargau, bestätigte auf Anfrage eine entsprechende Meldung der «Sonntags-Zeitung». Eine «renommierte
Bank» habe das Darlehen gewährt.
Auch die Kantone Bern, Graubünden, Obwalden und die beiden
Basel haben bereits von Darlehen
mit Negativzinsen profitiert. Bern
nahm ein Darlehen über 100 Millionen Franken auf mit einem Negativzins von 0,5 Prozent, Obwalden
eines über 20 Millionen Franken.
Die anderen Kantone gaben keine
Zahlen bekannt.
Janom Steiner: «Courant normal»
Graubünden nahm drei kurzfristige
Vorschüsse mit einem Negativzins
auf. Die Darlehen seien zur Überbrückung aufgenommen worden,
bis die Steuererträge eintreffen. Das
sei «courant normal», sagte die
Bündner Finanzdirektorin Barbara
Janom Steiner auf Anfrage.
Auch Obwalden betonte, der
Kanton habe das Darlehen nicht
aufgenommen, um dank Negativzinsen Geld zu verdienen. Vielmehr
benötige der Kanton immer wieder
kurzfristige Darlehen – und wähle
dabei das jeweils beste Angebot.
«Wir besorgen uns das Geld, wo es
am günstigsten ist», sagte auch Roger Keller, Sprecher der Finanzdirektion des Kantons Zürich. Ob
kurzfristige Darlehen bei einer ausländischen Bank oder bei einem inländischen Institut aufgenommen
werden, sei zweitrangig. «Da können wir keinen Heimatschutz betreiben,» so Keller. Der Kanton Zürich hat nach der Aufhebung des
Euro-Mindestkurses keine Darlehen bei ausländischen Banken aufgenommen, wie Keller sagte. Das
Aufnehmen von Darlehen mit Negativzinsen gehöre nicht zum «Geschäftsmodell» des Kantons.
Mehrere Kantone gaben an, derzeit über genügend liquide Mittel zu
verfügen und deshalb keine Darlehen mit Negativzins aufgenommen
zu haben, so zum Beispiel St. Gallen.
Ob diese Option interessant wäre,
käme auf die genauen Konditionen
an, sagte Flavio Büsser, Generalsekretär des St. Galler Finanzdepartements. Zudem müsste das Geld irgendwo parkiert werden, und dies
könnte Strafzinsen kosten. Auch die
Kantone Zug, Solothurn, Nidwalden, Luzern, Schwyz, Appenzell
Ausserrhoden, Waadt und Thurgau
haben keine Darlehen mit Negativ-
zinsen aufgenommen. Der Kanton
Tessin wollte keine Auskunft geben.
Strafzinsen gegen Frankenstärke
Dass Kantone für die Aufnahme von
Darlehen Geld bekommen, hängt
mit der Geldpolitik der SNB zusammen. Diese erhebt seit dem 22. Januar Negativzinsen auf Einlagen,
um die Aufwertung des Frankens zu
bekämpfen. Der Strafzins beläuft
sich auf 0,75 Prozent. Für ausländische Banken kann es noch teurer
sein, da die SNB Banken mit Sitz im
Ausland nur sehr restriktiv ein Girokonto gewährt. Ausländische Banken, die kein Girokonto bei der SNB
haben, können nur indirekt über
eine andere Bank Geld bei der SNB
parkieren. Dadurch können sie
noch stärker zur Kasse gebeten werden – was Darlehen mit Negativzinsen an sichere Kreditnehmer wie
Kantone attraktiv macht. Die SNB
wollte das Thema gestern nicht
kommentieren. MAJA BRINER
vom «The Economist» noch an erster Stelle
rangierte Singapur. Zürich gelte seit dem
15. Januar, als die Schweizerische Nationalbank
den Euromindestkurs aufgab, mit Abstand als
teuerste Stadt der Welt, teilte das beim britischen
Wochenmagazin «The Economist» für diese Studie
zuständige Institut am Dienstag mit. Als Massstab
für den Index gelten mit einem Wert von 100 die
Lebenshaltungskosten von New York. Zürich
kommt neuerdings auf 136 Punkte, Genf auf 130.
«20 Minuten» geht über die Grenze
Das Verlagshaus Tamedia prüft eine Expansion der
Onlineausgabe seines Pendlerblatts «20 Minuten»
nach Deutschland. Dazu soll zunächst einmal ein
Pilotversuch laufen. Wann es so weit ist, blieb
offen. Das Angebot in Deutschland würde sich an
ein Nischenpublikum richten. Die Konzentration
auf eine Nische besonders im Mobile-Bereich
geschehe angesichts des breiten Angebots bereits
etablierter Onlinemedien in Deutschland, sagte
Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage
der Nachrichtenagentur SDA zu einer Meldung der
«Handelszeitung» von gestern.
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