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Landtag von Baden-Württemberg Antrag Stellungnahme

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Landtag von Baden-Württemberg
Drucksache 15 / 6456
15. Wahlperiode
04. 02. 2015
Antrag
der Abg. Karl Traub u. a. CDU
und
Stellungnahme
des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport
Die baden-württembergischen Realschulen brauchen eine
echte Zukunft – eine Umwandlung in Gemeinschaftsschulen
ist nicht zielführend
Antrag
Der Landtag wolle beschließen,
die Landesregierung zu ersuchen
zu berichten,
1.welche Differenzierungsmöglichkeiten es nach ihrem Konzept für die Realschulen gibt und wie diese sich zum bestehenden Konzept der etablierten Realschule
im Land unterscheiden;
2.welche Auswirkungen das grün-rote Realschulkonzept im Blick auf die regionale Schulentwicklungsplanung auf die Haupt-/Werkrealschulen und Verbundschulen aus Haupt-/Werkreal- und Realschule haben wird;
3.ob sie in der Ausstattung mit Förderstunden (Realschulen nach Stoch-Konzept
lediglich 2,6 Förderstunden pro Zug, Gemeinschaftsschulen zwölf Stunden)
eine Ungleichbehandlung der Schularten und somit ein Lockangebot für die
Realschulen, sich zur Gemeinschaftsschule zu entwickeln, erkennen kann;
4.wo sie das originäre Profil der erfolgreichen baden-württembergischen Realschule erkennen kann, wenn diese – wie die Gemeinschaftsschule – praktisch
keine Möglichkeiten der äußeren Leistungsdifferenzierung mehr hat, aber zugleich auf grundlegendem und mittlerem Niveau unterrichten soll (aber nicht
auf erweitertem) und einer hohen Heterogenität in den Eingangsklassen ausgesetzt ist;
5.weshalb sie die in hohem Maße anerkannte baden-württembergische Realschule
nicht wirklich stärken will, sondern deren „Weiterentwicklung“ zur Gemeinschaftsschule forciert;
6.weshalb ihr Konzept für die Realschule lediglich auf die Verschmelzung mit der
Gemeinschaftsschule zielt, um so die angestrebte Zweisäuligkeit herzustellen;
1
Eingegangen: 04. 02. 2015 / Ausgegeben: 05. 03. 2015
Drucksachen und Plenarprotokolle sind im Internet
abrufbar unter: www.landtag-bw.de/Dokumente
Der Landtag druckt auf Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen „Der Blaue Engel“.
Landtag von Baden-Württemberg
Drucksache 15 / 6456
7. welche Rückmeldungen bei ihr zu ihrem Ende November 2014 veröffentlichten Konzept zur Weiterentwicklung der Realschule seitens der Realschulen,
der Realschuleltern, deren Interessensverbänden sowie sonstigen Akteuren
eingegangen sind;
8. ab welchem Schuljahr die Realschulen Schülerinnen und Schüler mit dem Ziel
des Hauptschulabschlusses aufnehmen dürfen;
9. weshalb Realschulen, deren Absolventen bislang zu rund 40 Prozent an die
beruflichen Gymnasien wechseln, künftig kein erweitertes Niveau mehr unterrichten dürfen;
10. wie die bestehenden Sorgen und Ängste an den Realschulen, der Elternschaft,
der Wirtschaft sowie bei den Schulträgern aufgenommen werden sollen und
welche Anpassungen des Konzepts sie sich vorstellen kann.
04. 02. 2015
Traub, Wacker, Wald, Kurtz, Müller CDU
Begründung
Mehr und mehr wird klar, dass es sich beim Realschulkonzept, welches Kultusminister Stoch Ende November 2014 präsentierte, um eine reine Mogelpackung
handelt und keineswegs auf eine Weiterentwicklung der baden-württembergischen
Realschule als Schulart mit eigenständigem originärem Profil abzielt. Stattdessen
wird versucht, die Realschulen durch die Hintertür zu Gemeinschaftsschulen zu
machen. Die Pädagogik der Gemeinschaftsschule – „längeres gemeinsames Lernen“, „individualisierte Lernformen“, „zieldifferenter Unterricht“ – soll in die Realschulen eingepflanzt werden. Das Realschulkonzept des Kultusministers setzt in
den Klassen 5 und 6 ausschließlich auf ein längeres gemeinsames Lernen, von
passgenauen Förder- und Unterstützungsangeboten für leistungsstärkere bzw. leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler keine Spur.
Bereits zum Ende des vergangenen Jahres haben die Antragssteller gemahnt, den
Realschulen ausreichend Möglichkeiten und Ressourcen zur Leistungsdifferenzierung zu geben, damit differenzierte Bildungsgänge zum Real- und Hauptschulabschluss möglich sein können und der Hauptschulabschluss nicht nur das Bild eines
gescheiterten Realschulabschluss abgibt.
Allerdings entpuppt sich das grün-rote Konzept zur Weiterentwicklung der Realschule mehr und mehr als Programm zur Abschaffung dieser erfolgreichen, etablierten und allseits anerkannten Schulart. Die Realschulen dürfen lediglich den
Namen behalten, müssen aber künftig praktisch genau das Gleiche tun wie die Gemeinschaftsschulen. Der nun ankündigte Schritt, die Realschulen mit einer Schulgesetzänderung zum Sommer in der Zweisäuligkeit mit der Gemeinschaftsschule zu verschmelzen, würde das endgültige Aus für die baden-württembergische
Realschule bedeuten. Dies ist ein Schlag für das erfolgreiche differenzierte badenwürttembergische Schulsystem, welches in sämtlichen Leistungsvergleichen stets
an der Spitze war.
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Landtag von Baden-Württemberg
Drucksache 15 / 6456
Stellungnahme
Mit Schreiben vom 26. Februar 2015 Nr. 34–6411.4/189/1 nimmt das Ministerium
für Kultus, Jugend und Sport im Einvernehmen mit dem Ministerium für Finanzen
und Wirtschaft zu dem Antrag wie folgt Stellung:
Der Landtag wolle beschließen,
die Landesregierung zu ersuchen
zu berichten,
1.welche Differenzierungsmöglichkeiten es nach ihrem Konzept für die Realschulen gibt und wie diese sich zum bestehenden Konzept der etablierten Realschule
im Land unterscheiden;
Nach dem neuen Konzept sollen die Schülerinnen und Schüler in der Orientierungsstufe in Klasse 5 und 6 gemeinsam im Klassenverband lernen. Dabei soll
eine Schülerin oder ein Schüler in verschiedenen Fächern auf unterschiedlichen
Niveaustufen lernen können. In den Klassenstufen 7 und 8 sollen die Schülerinnen
und Schüler weiterhin im Klassenverband binnendifferenziert und zieldifferent auf
grundlegendem oder mittlerem Niveau unterrichtet werden. Es soll jedoch ermöglicht werden, in den Fächern Deutsch und Mathematik sowie der ersten Fremdsprache in maximal zwei Unterrichtsstunden eine äußere Differenzierung gemäß
den Niveaustufen G und M vorzunehmen. Damit soll den Realschulen bei der Frage, wie sie die Anforderungen der beiden Niveaustufen im Unterricht umsetzen
möchten, ein großer Entscheidungsspielraum eröffnet werden. Im neunten Schuljahr sollen die Prüfungsanforderungen für den Hauptschulabschluss, im zehnten
Schuljahr die Prüfungsanforderungen für den Realschulabschluss verstärkt in den
Blick genommen und die Schülerinnen und Schüler gezielt auf den jeweiligen Abschluss vorbereitet werden.
Derzeit werden die Schülerinnen und Schüler im Bildungsgang der Realschule
ausschließlich auf der Basis des Realschulbildungsplans ohne äußere Differenzierung unterrichtet.
2.welche Auswirkungen das grün-rote Realschulkonzept im Blick auf die regionale Schulentwicklungsplanung auf die Haupt-/Werkrealschulen und Verbundschulen aus Haupt-/Werkreal- und Realschule haben wird;
Das Konzept zur Weiterentwicklung der Realschulen trägt dem Ziel der regionalen Schulentwicklung, allen Schülerinnen und Schülern in zumutbarer Erreichbarkeit von ihrem Wohnort einen Bildungsabschluss entsprechend ihren Begabungen
und Fähigkeiten zu ermöglichen, Rechnung. Der Weg, dass alle Realschulen ab
2016/2017 auch das grundlegende Niveau anbieten sollen und somit mit dem Aufwachsen ab dem Schuljahr 2019/2020 neben dem Realschulabschluss auch die
Hauptschulabschlussprüfung, fügt sich in diese Systematik ein.
3.ob sie in der Ausstattung mit Förderstunden (Realschulen nach Stoch-Konzept
lediglich 2,6 Förderstunden pro Zug, Gemeinschaftsschulen zwölf Stunden)
eine Ungleichbehandlung der Schularten und somit ein Lockangebot für die
Realschulen, sich zur Gemeinschaftsschule zu entwickeln, erkennen kann;
Die Gemeinschaftsschule fördert Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen
Begabungen. Mit ihrem pädagogischen Konzept des individualisierten und kooperativen Lernens ermöglicht sie, dass alle Schülerinnen und Schüler bestmöglich
gefördert werden. Als einzige Schulart in Baden-Württemberg bietet sie die Standards der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums an und bereitet auf
drei verschiedene Schulabschlüsse vor. Die Umsetzung dieser Aufgaben und das
besondere pädagogische Konzept der Gemeinschaftsschule erfordern ein höheres
Stundenpotenzial. Insofern ist dies keine Ungleichbehandlung von Schularten.
Die Landesregierung beabsichtigt, die Zahl der Poolstunden zur Förderung
und Differenzierung an den Realschulen in einem ersten Schritt zum Schuljahr
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Landtag von Baden-Württemberg
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2015/2016 von derzeit 2,2 auf 6 Lehrerwochenstunden je Zug zu erhöhen. Weitere
Ressourcen sollen in einem zweiten Schritt zum Schuljahr 2016/2017 erfolgen.
4.wo sie das originäre Profil der erfolgreichen baden-württembergischen Realschule erkennen kann, wenn diese – wie die Gemeinschaftsschule – praktisch
keine Möglichkeiten der äußeren Leistungsdifferenzierung mehr hat, aber zugleich auf grundlegendem und mittlerem Niveau unterrichten soll (aber nicht
auf erweitertem) und einer hohen Heterogenität in den Eingangsklassen ausgesetzt ist;
Die Realschule soll wie bisher eine erweiterte allgemeine Bildung, künftig aber
auch eine grundlegende Bildung, die sich an lebensnahen Sachverhalten und
Aufgabenstellungen orientiert, vermitteln. Sie soll die Grundlage für eine Berufsausbildung und für weiterführende, insbesondere berufsbezogene schulische Bildungsgänge schaffen. Im Übrigen wird auf die Antwort zu Ziffer 1 verwiesen.
5.weshalb sie die in hohem Maße anerkannte baden-württembergische Realschule
nicht wirklich stärken will, sondern deren „Weiterentwicklung“ zur Gemeinschaftsschule forciert;
Die Landesregierung beabsichtigt – wie in der Antwort zu Ziff. 3 ausgeführt – ,
die Zahl der Poolstunden zur Förderung und Differenzierung zu erhöhen. Damit
sollen für die Realschulen hervorragende Rahmenbedingungen geschaffen werden, um sich in Vorbereitung auf das neue Konzept verstärkt mit individualisierten
Lernformen auseinanderzusetzen. Angesichts der sich seit Längerem abzeichnenden zunehmenden Heterogenität der Schülerinnen und Schüler ist aus Sicht des
Kultusministeriums eine verstärkte Auseinandersetzung aller Schularten mit individualisierten Lernformen erforderlich.
Eine Weiterentwicklung zur Gemeinschaftsschule ist für Realschulen weiterhin
eine attraktive Möglichkeit, um Schülerinnen und Schüler noch besser individuell
fördern und auch das gymnasiale Niveau anbieten zu können. Die Realschulen und
ihre Träger entscheiden eigenständig, ob sie einen Antrag auf Einrichtung einer
Gemeinschaftsschule stellen möchten, und – falls ja – welcher Zeitpunkt dafür der
richtige ist.
6.weshalb ihr Konzept für die Realschule lediglich auf die Verschmelzung mit der
Gemeinschaftsschule zielt, um so die angestrebte Zweisäuligkeit herzustellen;
Die Landesregierung strebt, wie wiederholt deutlich gemacht, für die weiterführenden allgemein bildenden Schulen ein Zwei-Säulen-Modell an, das einerseits aus
dem Gymnasium und andererseits aus einem integrativen Bildungsweg besteht,
der sich aus den auf der Grundschule aufbauenden Schularten entwickeln soll. Damit hat die Landesregierung ein tragfähiges Konzept vorgelegt, um auf die demografische Entwicklung, das veränderte Schulwahlverhalten sowie die zunehmende
Heterogenität der Schülerinnen und Schüler angemessen reagieren zu können.
7.welche Rückmeldungen bei ihr zu ihrem Ende November 2014 veröffentlichten Konzept zur Weiterentwicklung der Realschule seitens der Realschulen, der
Realschuleltern, deren Interessensverbänden sowie sonstigen Akteuren eingegangen sind;
Das Kultusministerium erreichten mündliche und schriftliche Rückmeldungen von
Einzelpersonen, Schulen und Verbänden. Die überwiegende Anzahl der Rückmeldungen war äußerst positiv. Viele Äußerungen beinhalteten konstruktive Vorschläge zur Konkretion der Umsetzung des beabsichtigten Konzepts im Rahmen der
untergesetzlichen Regelungen. Auch einzelne Äußerungen mit kritischem Tenor
gingen dem Kultusministerium zu, wobei in diesen Fällen meistens Informationsdefizite vorhanden waren.
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8.ab welchem Schuljahr die Realschulen Schülerinnen und Schüler mit dem Ziel
des Hauptschulabschlusses aufnehmen dürfen;
Das neue Konzept soll mit dem Inkrafttreten des neuen Bildungsplans im Schuljahr 2016/2017 in den Klassenstufen 5 und 6 umgesetzt werden und in den folgenden Schuljahren nach oben wachsen. Die erste Hauptschulabschlussprüfung
an Realschulen soll im Schuljahr 2019/2020 durchgeführt werden. Folglich sollen
die Schülerinnen und Schüler, die zum Schuljahr 2015/2016 an die Realschulen
wechseln, an der ersten Hauptschulabschlussprüfung an Realschulen teilnehmen
können.
9.weshalb Realschulen, deren Absolventen bislang zu rund 40 Prozent an die beruflichen Gymnasien wechseln, künftig kein erweitertes Niveau mehr unterrichten dürfen;
Die Realschulen sollen wie bisher das mittlere Niveau und künftig auch das grundlegende Niveau anbieten. Der neue Bildungsplan wird es Lehrerinnen und Lehrern
jedoch erleichtern, sehr leistungsstarken Schülerinnen und Schülern der Realschulen auch Lernangebote zu machen, die über die mittlere Niveaustufe hinausgehen,
um sie damit in ihrer Leistungsentwicklung individuell zu fördern. Allerdings kann
– wie bislang auch – an Realschulen keine Leistungsbeurteilung auf dem erweiterten Niveau erfolgen.
10. wie die bestehenden Sorgen und Ängste an den Realschulen, der Elternschaft,
der Wirtschaft sowie bei den Schulträgern aufgenommen werden sollen und
welche Anpassungen des Konzepts sie sich vorstellen kann.
Der Landesregierung ist ein konstruktiver Dialog mit allen Beteiligten sehr wichtig. Alle Anregungen werden eingehend geprüft und fließen gegebenenfalls in weitere Überlegungen ein.
In Vertretung
Dr. Schmidt
Ministerialdirektor
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