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Andreas Rebholz

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SÜDKURIER NR. 53 | LR
DONNERSTAG, 5. MÄRZ 2015
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Hochrhein 29
Hochrhein 29
Der Grenzgänger
Arbeitsrecht
Arbeitsplatz Schweiz (2):
Andreas Rebholz ist seit
25 Jahren gerne Grenzgänger, sieht jedoch auch arbeitsrechtliche Nachteile.
VON ISABELLE ARNDT
................................................
Arbeiten sei in der Schweiz ein Geben
und Nehmen, sagt Andreas Rebholz.
Der 49-jährige Logistik-Manager pendelt täglich vom Waldshut-Tiengener
Ortsteil Gurtweil ins
schweizerische Baden-Dättwil. Vorbehalte teilt er grundsätzlich nicht: „Ich
finde, man kann
auch das Positive
mal hervorheben,
Andreas Rebholz
‚hire and fire’ ist definitiv kein Schweizer Merkmal.“ In seinen 25 Jahren als
Grenzgänger sind Andreas Rebholz einige Unterschiede zur Arbeit in
Deutschland aufgefallen: „Die Schweiz
hat im Allgemeinen weniger Urlaubsund Feiertage, von den Stunden her arbeitet man meist mehr.“ Dazu kommt
die Fahrtzeit: „Das ist Zeit, die man auf
der Straße lässt und anders nutzen
könnte“, sagt er. Zwei Stunde sei er täglich unterwegs.
Aber er schätzt sich nach eigener Aussage glücklich mit seinem Arbeitgeber.
Branchenbedingt habe er zwar schon
viele private Feiern verpasst, doch er arbeitet normalerweise 40 Wochenstunden bei 30 Urlaubstagen pro Jahr. Oftmals wird in der Schweiz länger gearbeitet. Und häufiger: Angefangen habe
er vor 25 Jahren mit 21 Urlaubstagen
pro Jahr, gesetzliches Mindestmaß sind
20 Urlaubstage. Kollegen aus deutschen Niederlassungen müssten aber
teilweise nur 35 oder 37,5 Wochenstunden arbeiten, sagt er. Arbeitsrecht ist
Ländersache, dafür profitiere er etwa
von anderen Sozialleistungen.
Ein positiver Nebeneffekt der
Schweizer Ferienzeit: Wenn seine beiden Kinder Ferien haben, sind eidgenössische Sommerferien bereits vorbei
und Urlaub problemlos möglich. Verträge seien in der Schweiz übrigens immer Verhandlungssache, sagt Rebholz.
Ein Nachteil von schweizerischen Regelungen ist laut Rebholz die geringe
Absicherung. „Meine Firma wird aktuell von einem Mitbewerber übernommen und ich weiß trotz 25 Jahren Betriebszugehörigkeit nicht, wie es weitergeht“, sagt der Logistik-Manager.
Während er hierzulande nach eigener
Aussage nahezu unkündbar wäre und
eine hohe Abfindung zu erwarten hätte,
stünde er in der Schweiz nach drei Monaten auf der Straße. Wenn es bei den
Eidgenossen einen Betriebsrat gebe,
dann, laut Rebholz, mit einem weitaus
geringerem Einfluss.
Arbeiten in der Schweiz ist für Andreas Rebholz eine Mischung aus internationalen Möglichkeiten und guten Verdienstmöglichkeiten, die er nicht mehr
missen möchte: „Einen Wechsel könnte
ich mir nur schwer vorstellen.“
Das sagt die
Arbeitsrecht-Expertin
Barbara Marquardt ist
Fachanwältin für Arbeitsrecht
und berät in ihrer Kanzlei in
Auggen häufig Grenzgänger. Sie
sagt, dass Arbeitnehmer auch
in der Schweiz geschützt sind.
Frau Marquardt, mit welchen Themen
kommen Grenzgänger zu Ihnen?
In der Regel mit Kündigungen, gegen
die sie vorgehen wollen. Oder wenn ein
nachvertragliches Konkurrenzverbot
vereinbart ist, das dem Grenzgänger einen Jobwechsel massiv erschweren
könnte. Anders als in Deutschland ist
eine Entschädigung während der Karenzzeit nicht vorgeschrieben.
Wie unterscheidet sich das Schweizer
Arbeitsrecht vom deutschen?
Das deutsche Schuldrecht und das
schweizerische Obligationenrecht sind
relativ ähnlich, wobei in der Schweiz
die Vertragsfreiheit ausgeprägter ist.
Das bedeutet auch, dass Arbeitnehmer
mit geringem Aufwand gekündigt werden können. Es ist aber nicht so, dass
Schweizer nicht geschützt sind! Krankheit ist in der Schweiz etwa kein Kündigungsgrund, in Deutschland schon. Es
herrschen aber keine amerikanischen
Verhältnisse, auch wenn etwa der Mutterschutz signifikant anders ist.
Wie geht man gegen Kündigung vor?
Mit Rechtsfragen musste sich Grenzgänger Andreas Rebholz bisher nicht beschäftigen. Unterschiede im Arbeitsrecht
des Nachbarlandes sind ihm dennoch aufgefallen. B I L D : I S A B E L L E A R N DT
Mehr Lohn im Tausch gegen Freizeit und Schutz
Wer in der Schweiz arbeitet,
unterliegt dem Schweizer
Arbeitsrecht und damit Regelungen, die in der Vergangenheit mit dem amerikanischen „hire and fire“ verglichen
wurden: eine Arbeitsstelle kann
fast so schnell verloren wie
gefunden werden.
➤ Arbeitsvertrag: „Drin stehen
muss, was über das Gesetz
hinausgeht“, sagt Fachanwältin
Barbara Marquardt und nennt
etwa ein 13. Monatsgehalt oder
eine längere Kündigungsfrist.
Gesetzliche Mindestlöhne gibt
es in der Schweiz nicht, manche Branchen haben sogenannte Gesamtarbeitsverträge
(GAV) mit typischen Löhnen.
➤ Arbeitszeit: Trotz einer erlaubten Höchstarbeitszeit von
50 Wochenstunden sind in der
Schweiz 42 Arbeitstunden pro
Woche üblich. Also zwei mehr
als nach deutschen Gewohn-
heiten. In beiden Ländern
besteht Anspruch auf vier
Urlaubswochen pro Jahr, also
20 oder 24 Tagen abhängig von
den Arbeitstagen pro Woche. In
der Schweiz verfallen Urlaubstage aber nicht. In Deutschland
gibt es meist 28 Urlaubs- und
mehr Feiertage.
➤ Krankheit: Krankheit steht in
der Schweiz bis zu 180 Tage
lang unter Kündigungsschutz.
Während dieser Zeit wird laut
Marquardt meist der volle
Lohn gezahlt. Bei großen Firmen sind KrankentagegeldVersicherungen möglich, die
eventuell 75 Prozent des Lohns
zahlen, dafür bis zu 720 Tage.
➤ Kündigung: Beide Parteien
können in der Schweiz mündlich und schriftlich kündigen,
jeweils zum Ende eines Monats. Die Kündigungsfrist beträgt nach der Probezeitbis
Ende des ersten Dienstjahres
einen Monat, bis zum neunten
Jahr zwei Monate und anschließend drei Monate. Auf
Nachfrage muss der Arbeitgeber einen Kündigungsgrund
nennen, was aber keine Auswirkungen auf deren Gültigkeit
hat. Kündigungsschutz besteht
bei Krankheit oder Schwangerschaft. Besondere Fristen können im Personalverleih bestehen.Fristlose Kündigungen
sind möglich.
➤ Mutterschutz: Frauen haben
insgesamt das Recht auf
16 Wochen Mutterschaftsurlaub, dazu zählen auch freie
Tage kurz vor der Entbindung.
Während dieser Zeit darf die
Arbeitnehmerin nicht gekündigt werden, eine Arbeitsplatzgarantie gibt es anschließend
aber nicht. Bis zur Entbindung
stehen ihr eventuell mehr
Pausen sowie andere Arbeitszeiten und –bereiche zu.
Das Amt für Industrie und Gewerbe
bietet eine kostenlose Rechtsberatung,
außerdem erhalten auch Grenzgänger
vor Gericht Prozesskostenhilfe. Wer
Recht bekommt, hat damit kein Recht
auf Wiedereinstellung sondern erhält
meist eine finanzielle Entschädigung.
FRAGEN: ISABELLE ARNDT
Die Serie
Die achtteilige Grenzgänger-Serie des
SÜDKURIER Medienhauses und der
Volksbank Rhein-Wehra beantwortet
wichtige Fragen rund um die Beschäftigung in der Schweiz. Dabei erklären
Experten und Grenzgänger in folgenden
Teilen, worauf ein Arbeitnehmer im
Nachbarland unbedingt achten muss:
➤ 3. März: Steuern
➤ 5. März: Arbeitsrecht
➤ 10. März: Versicherung
➤ 12. März: Altersvorsorge
➤ 17. März: Kinder- und Elterngeld
➤ 19. März: Baufinanzierung
➤ 24. März: Bildung
➤ 26. März: Knigge
Alle bisher erschienen
Serienteile zum Nachlesen
im Internet:
www.suedkurier.de/
grenzgänger 2015
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