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V E R A N S TA LT E R
Stadt Fellbach – Kulturamt
Programm, Text und Redaktion: Christa Linsenmaier-Wolf
Mörike-Preis
der Stadt Fellbach
V E R A N S TA LT U N G S O R T E
22. April
2015
Rathaus Fellbach
Marktplatz 1
StadtMuseum Fellbach
Hintere Straße 26
Stadtbücherei Fellbach
Berliner Platz 5
Galerie der Stadt Fellbach
Marktplatz 4
Gärtnerei Roos (Inhaber Helmut Seibold)
Cannstatter Straße 36
VO RV E R K AU F
Für die meisten Veranstaltungen ist der Eintritt frei. Karten für die
Vorträge im StadtMuseum (S. 6, 7), für die Veranstaltung „Im
Grünen Salon“ (S. 8) und für die Lesung mit Wolfgang Höper (S. 13)
sind ab 21. März im Vorverkauf beim i-Punkt und an der Abendkasse erhältlich. i-Punkt Fellbach, Marktplatz 7, Telefon 0711/580058.
P R O G R A M M U N D I N F O R M AT I O N E N
Stadt Fellbach – Kulturamt, Marktplatz 1, 70734 Fellbach
Telefon: 0711 / 58 51-364, Telefax: 0711 / 58 51-119
E-Mail: kulturamt@fellbach.de, Internet: www.moerike-preis.de
FÜHRUNGEN
durch die Ausstellung „Mörike und seine Freunde“ an folgenden
Sonntagen: 19. und 26. April, 3. Mai, 7. Juni, 5 Juli, jeweils um 15 Uhr,
sowie auf Anfrage
Bildnachweise:
Titel: Mörike, Lithografie von Bonaventura Weiss, 1851, DLA
Jan Wagner © Villa Massimo, Alberto Novelli
S. 9: Jan Wagner © Jürgen Bauer
Grafik-Design:
GrafikDesignStudio Bürkle, Fellbach
Herstellung:
Offizin Scheufele, Stuttgart
15
für
Jan Wagner
Förderpreis: Andre Rudolph
Preisverleihung mit Literaturtagen
vom 16. April bis 4. Juni 2015
VO RWO RT
giersch
nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.
kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes widerstandsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch
geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.
JA N WAG N E R
Aus: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin, 2014
Kluge, kundige und glückliche Entscheidungen prägen die fast
25-jährige Geschichte des Mörike-Preises der Stadt Fellbach. Mit
einem Paukenschlag wurde 1991 der erste Mörike-Preis an Wolf
Biermann vergeben. Es folgten Sigrid Damm (1994), W.G. Sebald
(1997), Robert Schindel (2000), Brigitte Kronauer (2003), Michael
Krüger (2006), Ernst Augustin (2009) und Jan Peter Bremer (2012)
– alle auf je eigene Weise herausragende Schriftsteller. Der MörikePreis verlangt nicht, dass die Ausgezeichneten eine Mörike-Nähe
aufweisen. Dennoch ist es schön, wenn sich Bezüge herstellen lassen. Und spätestens in den Reden der Preisträger wird deutlich, wie
Mörikes poetischer Genius seine Kollegen von heute anspricht. Und
wie seine literarische Kunst, die Kunstfertigkeit voraussetzt, aber
tiefer reicht, locker die rund 200 Jahre überdauert.
Jan Wagner heißt der Mörike-Preisträger 2015. Die Wahl traf der
Publizist Dr. Lothar Müller gemeinsam mit den Co-Juroren Prof.
Ulrich Raulff und Prof. Kai Kauffmann. Dafür sind wir überaus
dankbar. Denn Jan Wagner ist eben ein Dichter, und seine Lyrik, oft
dem Unscheinbaren zugewandt, verfügt so souverän über Formen
und Traditionen, dass Mörike seine helle Freude gehabt hätte. Den
Förderpreis hat Jan Wagner dem Lyriker und Übersetzer Andre
Rudolph zuerkannt, dessen wacher Blick auf die Gegenwart eine
kühne Sprache hervorbringt.
Die Literaturtage sind wie stets den Preisträgern und dem Namensgeber des Preises gewidmet. Eine Ausstellung im StadtMuseum beleuchtet – korrespondierend zum ständigen MörikeKabinett – das Thema „Mörike und seine Freunde“. In der Galerie
werden Fotoarbeiten von Maria Sewcz gezeigt, die von Jan Wagner
vorgeschlagen wurde. Lyrik-Workshops, Lesungen an Schulen und
eine Schülerausstellung zu Mörike beteiligen auch die junge
Generation an dem literarischen Ereignis.
Mein Dank gilt allen Mitwirkenden für die wunderbare Zusammenarbeit, die der Dichtkunst als „größtmöglicher Freiheit auf engstem Raum“ (J. Wagner) die verdiente Aufmerksamkeit verschafft.
C H R I S TO P H PA L M
Oberbürgermeister
3
DONNERSTAG
16. 4.
19 U H R
AUSSTE LLU NG S E RÖFFN U NG
Dauer der Ausstellung: bis 19. Juli 2015
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach
S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
Öffnungszeiten: täglich (außer Mo) 14-18 Uhr
Eintritt frei
„Mein Herz hat sozusagen zwei Taschen …“
MÖRIKE UND SEINE FREUNDE
Grußwort: Dr. Thomas Schmidt, Deutsches Literaturarchiv Marbach
Einführung: Christa Linsenmaier-Wolf, Kulturamt Fellbach
Musikalische Umrahmung: Gisela Strub, Querflöte,
Wolfgang Sehringer, Gitarre
Drei Freunde in einem Mantel
Zeichnung Mörikes auf der Rückseite eines Urlaubsgesuchs aus
dem Stift von der Hand Johannes Mährlens, 1824, DLA
Beischrift Mörikes zu einer ähnlichen Zeichnung Bauers auf dem
nämlichen Blatt: „Wir wollten uns alle in Einen Mantel stecken und
gleichsam Einen Mann vorstellen, um leichter durchzukommen.“
4
Korrespondierend zum
MörikeKabinett als Teil der
Dauerausstellung wird eine
Sonderausstellung gezeigt,
die sich mit dem Dichter
Eduard Mörike im Beziehungsgeflecht seiner Freundschaften befasst. Kuratoren
sind Christa LinsenmaierWolf und Irene Ferchl.
Eduard Mörike war zeitlebens ein begabter und vielseitig engagierter Freund,
dessen poetische Genialität
ihn zum bewunderten Mittelpunkt künstlerischer Kreise machte. Mörike liebte die
Maskerade und das Spiel.
Eine Festlegung auch hinsichtlich seiner Freunde ließ
er nicht zu. So pflegte er einerseits engen Kontakt mit
dem Pfarrer aus Überzeugung Wilhelm Hartlaub und
seiner Familie. Andererseits
unterhielt er lebhafte, vom
geistigen Austausch geprägte
Beziehungen mit dem Ästhe-
„Studentischer
Freundeskreis in
Lohbauers Tübinger
Gartenhaus“,
kolorierte Tuschzeichnung von Lohbauer,
um 1826, DLA
Mörike hinten mit Hut und Kranz
tikprofessor Friedrich Theodor Vischer und dem linkshegelianischen Theologen David Friedrich Strauß. Aus der Fülle der Freunde
und Bekannten, von denen viele der württembergischen Ehrbarkeit entstammten, werden einige für Mörike wichtige Persönlichkeiten näher vorgestellt, darunter die Jugendfreunde Wilhelm
Waiblinger, Ludwig Bauer, Rudolf Lohbauer und Johannes Mährlen sowie der Schriftsteller Hermann Kurz, der Komponist und
Radikaldemokrat Ernst Friedrich Kauffmann, der Schriftsteller
und Literaturkritiker Vischer, die Scherenschneiderin Luise
Walther und Mörikes Altersfreund, der Künstler Moritz von
Schwind. Besonderes Augenmerk gilt der Frage, welche wechselseitigen Einflüsse in den Werken der Freunde
nachweisbar sind.
Gegenstände, Briefe, Gedichte, Widmungen und Publikationen zeigen Mörike
biografisch und dichterisch in die intellektuelle Elite und die Geselligkeitskultur
seiner Zeit eingebunden.
5
BEG LE ITPROG RAM M Z U R AUSSTE LLU NG:
M I T T WO C H S VO R T R ÄG E M I T E I N E M G L A S W E I N
JOHANNES MÄHRLEN
Mörikes Jugendfreund, Lebensfreund und Berater
Vortrag von Peter Huber, Stuttgart
S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
MITTWOCH
29. 4.
19 U H R
S Y M P AT H I E M I T F E U E R R E I T E R N
Mörike und die Dämonie der Freundschaft
Vortrag von Prof. Dr. Mathias Mayer, Universität Augsburg
S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
Eintritt: 3 €, Schüler und Studenten frei
Der Mörike-Forscher und -Herausgeber geht der Frage nach,
welche Einflüsse auf Mörike in seinen Jahren am Tübinger Stift
einwirkten und wie er darauf dichterisch reagierte. In dieses Umfeld
gehören u. a. der genialische Wilhelm Waiblinger und Rudolf Lohbauer, der in die Peregrina-Affäre
verwickelt war. Das Verhältnis zum
kranken Dichter Hölderlin und
Mörikes Schlüsselerlebnis mit der
Friedrich Hölderlin,
Eduard Mörike,
Oper
„Don Giovanni“ werden ebenZeichnung von Johann
Zeichnung von Johann
falls thematisiert.
Georg Schreiner, 1823, DLA Georg Schreiner, 1824, DLA
MITTWOCH
6. 5.
19 U H R
RISKANTE FREUNDSCHAFT
Eduard Mörike und Friedrich Theodor Vischer
Vortrag von Prof. Dr. Hermann Bausinger, Tübingen
S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
(bei Andrang: Rathaus – Großer Saal)
Eintritt: 3 €, Schüler und Studenten frei
Der Doyen der Empirischen Kulturwissenschaft beleuchtet das
von gegenseitiger kritischer Wertschätzung geprägte Verhältnis
der beiden Söhne Ludwigsburgs und ausgebildeten Theologen.
Im Gegensatz zu Mörike machte Vischer eine wissenschaftliche
Karriere, war 1848 Abgeordneter
der Frankfurter Paulskirche und tat
sich u. a. durch seine satirisch-parodistischen Veröffentlichungen
hervor. Vischer begleitete Mörikes
Schaffen mit Anregungen und
Kommentaren. In seiner Grabrede
Scherzzeichnung Mörikes auf Friedrich Theodor
Vischer, der Mörike 1867 und 1869 in Lorch besuchte.
attestierte Vischer dem Dichter
In Bild und Text Anspielung auf Vischers 1862 erschie„wunderbare, helle und selige
nene Parodie „Faust. Der Tragödie dritter Teil“,
Lorcher Hausbuch, DLA
Träume“.
6
MITTWOCH
13. 5.
19 U H R
Eintritt: 3 €, Schüler und Studenten frei
Mörike und Mährlen verband eine lebenslange Freundschaft –
vom gemeinsamen Besuch des theologischen Seminars in
Urach bis zu Mährlens Tod 1871 in Stuttgart. Neben Bauer und
Hartlaub war Mährlen Mörikes vertrautester Freund. Anders
als Mörike gelang es dem handfesteren Mährlen, der „Vikariatsknechtschaft“ zu entrinnen und sich zunächst als Publizist,
später als erfolgreicher Nationalökonom zu etablieren. Er
unterstützte Mörike beruflich, privat und finanziell. Der
Referent Peter Huber ist ein Nachfahr von Mährlen.
„Aber wie ein Aal entwandest du dich wieder meinen Händen“
E R N ST FR I E DR ICH KAU FFMAN N
Mörikes politischer Freund
Vortrag von Prof. Dr. Barbara Potthast, Universität Stuttgart
S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
MITTWOCH
20. 5.
19 U H R
Musikalischer Ausklang: Rabea Kramp, Sopran, Elisabeth Föll am
Tafelklavier. In Zusammenarbeit mit LiedKunst KunstLied e. V.
Eintritt: 3 €, Schüler und Studenten frei
Der in Ludwigsburg geborene Jugendfreund Mörikes studierte an der Universität Tübingen Mathematik und arbeitete als Lehrer. Verheiratet mit Lohbauers
Schwester Marie, schloss er sich wie dieser 1831 einem revolutionären Kreis an,
wurde auf dem Hohen Asperg inhaftiert
und erhielt nach der Entlassung Berufsverbot, das 1839 aufgehoben wurde. Der
spätere Professor für Mathematik am
Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium vertonte zahlreiche Mörike-Gedichte. Mörike selbst hielt sich – wiewohl
politisch interessiert – von den radikaldemokratischen Umtrieben seiner Freunde fern. Die Germanistin Prof. Barbara
Potthast von der Universität Stuttgart erklärt, warum.
Luise Walther,
„Scherenschnittfächer“ mit
Silhouetten
schwäbischer
Schriftsteller,
um 1890, DLA
Ernst Friedrich
Kauffmann,
Zeichnung von
Mörike, DLA
7
SONNTAG
I M G R Ü N E N SALO N –
19. 4.
L I T E R AT U R U N D M U S I K I M G E W Ä C H S H A U S
16 U H R
F E S TA K T Z U R P R E I S V E R L E I H U N G
22. 4.
mit Eva Scheurer und Rudolf Kowalski
GÄRTNEREI ROOS
R AT H A U S F E L L B A C H – G R O S S E R S A A L
Musikalische Intermezzi: Dirk Altmann, Klarinette,
und Anne-Maria Hölscher, Akkordeon
Textauswahl: Christa Linsenmaier-Wolf
Eintritt: 18 €, Schüler und Studenten 10 €
„ROSENZEIT“. LIEBESGEDICHTE
VO N E D UAR D M Ö R I K E
M ITTWOCH
19 U H R
Eintritt frei
Mörike-Preis-Verleihung
PROGRAMM
So ist die Lieb! so ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst Du an die tausend Jahr,
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.
Eva Scheurer
und Rudolf
Kowalski
Bild oben:
Annäherung,
Zeichnung von
Mörike, WLB
Gern gesehene Gäste und wunderbar
vielseitige Schauspieler sind Eva Scheurer
und Rudolf Kowalski, die zuletzt in Fellbach mit kriminellen
Geschichten erfreuten. Für das Mörikekabinett im StadtMuseum
haben die beiden das „Liebesalphabet“ eingelesen, das auch als CD
erhältlich ist. Die musikalische Begleitung ist vom Feinsten. Es
musizieren Dirk Altmann, mehrfach ausgezeichneter Soloklarinettist des RSO, und Anne-Maria Hölscher, die zu den führenden
Interpreten auf dem Akkordeon zählt.
Die Fellbacher Weingärtner e. G. spendieren einen Lemberger Rosé
trocken.
8
Laudatio auf Jan Wagner
Dr. Lothar Müller
Übergabe der Preise
Jan Wagner ©Jürgen Bauer
Begrüßung
Christoph Palm
Oberbürgermeister der Stadt Fellbach
Laudatio auf Andre Rudolph
Jan Wagner
Lesung des Förderpreisträgers
Andre Rudolph
Mörike-Rede des Preisträgers
Jan Wagner
Andre Rudolph
Eduard Mörikes Liebesgedichte gehören zum Schönsten, was in
dieser Gattung geschrieben wurde. Sein reiches Repertoire kennt
unterschiedlichste Tonlagen – unverhüllt erotisch, amourös verspielt, humoristisch, elegisch und melancholisch. Mit dem
„Peregrina“-Zyklus, einem „Gedicht auf Leben und Tod“ (Peter
von Matt), hat sich Mörike in die großen Liebestexte der Weltliteratur eingeschrieben. Auch sind ihm ungewöhnlich viele
Rollengedichte aus weiblicher Perspektive geglückt. Die Liebe
passt zum Frühling wie die Melancholie zum Herbst. „Im Grünen
Salon“ ist deshalb der passende Ort für die Lesung mit Liebeslyrik.
Musikalische Umrahmung
Marin Smesnoi, Violoncello, und
Alexandra Neumann, Klavier
Stehempfang mit Mörike-Wein
der Fellbacher Weingärtner
Sie sind alle herzlich eingeladen! Um Antwort auf beigefügter
Antwortkarte wird gebeten bis spätestens 12. April 2015.
9
eule
„Schwebe ohne Eile, Eule,
Durchs Dunkel, deine Aula, Eule,
Für dich und mich, uns alle, Eule...“
still wie eine urne – bis die rufe
hoch über den köpfen
uns stocken lassen, sonderbar, als rufe
etwas durch sie hindurch; im braunen oder kupfern-
en federkleid zwischen den zweigen sitzend,
mit einem weißen schleier, zart wie mehltau
und brüsseler spitze,
verstreut sie die grazilen amulette
L E S U N G U N D G E S P R ÄC H
ihrer gewölle,
kaum mehr zu sehen, eher noch zu spüren;
der schlußstein in dem großen laubgewölbe;
S TA D T B Ü C H E R E I F E L L B A C H
ein gelber spalt und noch ein gelber spalt,
zwei augen hinter den tapetentüren
aus borke, dann der wald. der wald. der wald.
Jan Wagner, „eule“,
Handschrift
DONNERSTAG
23. 4.
19.30 U H R
Eintritt frei
JA N WAG N E R U N D A N D R E R U D O L P H
– GEDICHTE
Von der erzählenden Literatur unterscheiden sich Gedichte dadurch, dass sie auf kleinstem Raum ein Maximum an Bedeutungen
bergen, wobei Sinn und Form eng miteinander verwoben sind.
Auch setzen sie einen Leser bzw. Hörer voraus, der sich durch
Bilder und Klänge berühren lässt. Den angrenzenden Gattungen –
Musik und Malerei – ist die Lyrik näher verwandt als die Prosa.
Die Gedichte Jan Wagners versetzen den Leser mit ihrer konzentrierten Bildlichkeit und Musikalität in einen Zustand der
Anschauung und der Offenheit für neue Zusammenhänge. Oft gilt
seine Aufmerksamkeit dem Unscheinbaren – den Mücken, der
Regentonne, dem Giersch –, dem er ungeahnte Bedeutungen abgewinnt. Von Gedichten wünscht sich Wagner, dass sie etwas sagen,
„wie es zuvor noch nie gesagt worden ist und sie dabei doch so
wirken, als sei es das Selbstverständlichste, es auf diese und nur
diese eine Weise zu sagen“. An Mörike erinnert Wagners souveränes Spiel mit tradierten Formen, die er zugleich beherrscht und
elegant unterläuft.
„Mit bewundernswerter Konsequenz und nie versiegendem Einfallsreichtum verjüngt Jan Wagner in Lyrik und Essay die Traditionen der Poesie von der Antike bis zur klassischen Moderne.
Seine Gedichte leben ebenso sehr vom freien Spiel mit der Sprache
wie von der Lust an der strengen Form, sie öffnen die Augen für die
Natur wie für die Rätsel der Dinge, scheuen weder den unreinen
Reim noch die barocke Gelehrsamkeit, weder die Sonettform noch
die abgegriffene Redewendung. Nur eines sind sie nicht: selbstgenügsam. Sie rechnen mit dem Leser, und was sie ihm anbieten, ist
Spracherkundung und Welterkundung zugleich.“
1971 in Hamburg geboren, studierte er Anglistik in Hamburg,
Dublin und Berlin, wo er seit vielen Jahren lebt. Seit 2001 ist er als
freier Schriftsteller und Übersetzer tätig. Der vielfach ausgezeichnete Lyriker hat sechs Gedichtbände vorgelegt – zuletzt „Regentonnenvariationen“ (2014 bei Hanser Berlin).
Der Förderpreisträger Andre Rudolph wurde 1975 in Warschau
geboren und lebt in Leipzig. Nach dem Studium der Germanistik,
Philosophie und Slawistik promovierte er über den Philosophen
Johann Georg Hamann. Seine Gedichtbände „fluglärm über den
palästen unserer restinnerlichkeit“ und „confessional poetry“
beeindrucken durch die reflektierte Formensprache und den nicht
selten groovenden Ton. In Fellbach stellt Rudolph seinen neu
erscheinenden Lyrikband vor.
Lothar Müller, Vertrauensperson für den Mörike-Preis 2015
10
11
DONNERSTAG
23. 4.
21 U H R
K Ü N S T L E R G E S P R ÄC H
Ausstellung „Fotografien und Videos, ROMA 2011-12“
G A L E R I E D E R S TA D T F E L L B A C H
Eintritt frei
JA N WAG N E R I M G E S P R ÄC H
MIT MARIA SEWCZ
LITERARISCH-MUSIKALISCHE SOIREE
DONNERSTAG
in Zusammenarbeit mit der Kulturgemeinschaft Fellbach
4. 6.
R AT H A U S F E L L B A C H – G R O S S E R S A A L
18 U H R
Eintritt: 12 €, Schüler, Studenten und Mitglieder
der Kulturgemeinschaft Fellbach 8 €
M OZ A R T AU F D E R R E I S E N AC H P R AG
mit Wolfgang Höper und dem Trio Château
In guter Tradition erhält der Mörikepreisträger Gelegenheit,
einen Künstler seiner Wahl für eine Ausstellung vorzuschlagen. Jan
Wagner entschied sich für Maria Sewcz, die er bei seinem Aufenthalt in der Villa Massimo 2011 in Rom kennenlernte.
Heute in aller Frühe kamen die römischen Gärtner,
Stutzten vorm Haus die Kakteen, schnitten die Enden ab,
Denen zu helfen nicht war, und retteten so das Ganze.
So beginnt die „Erste Elegie“, die Jan Wagner dem von ihm erfundenen, „verborgenen Dichter“ Philip Miller zuschreibt. Dieser habe
zwölf formvollendete Huldigungsgedichte an Rom verfasst, genau
halb so viele wie einst Goethe,
dessen Römische Elegien die
Folie von Millers Dichten bilden. Dem fiktiven Herausgeber und eigentlichen Verfasser Jan Wagner gelingt es,
ähnlich wie Goethe, die berückende Anwesenheit antiker
Überlieferung mit der eigenen zeitgenössischen Erfahrung zu verschmelzen.
Maria Sewcz hat in ihren Fotografien das römische Jahr ebenfalls mit wachen Augen für Geschichte und Gegenwart festgehalten.
„Zu Fuß flanierend, kreuzt sie auf ihren Passagen durch die Stadt
Raum und Zeit, erfasst mit ihrem Objektiv Erhabenes und Banales,
Altertum und Alltag“ (Eckhart J. Gillen) und durchbricht mit ihrer
Mischung aus unbefangener Sichtweise und bildnerischer Systematik die touristische, eingefahrene Sicht auf die „ewige Stadt“. Im
Gespräch erinnern sich der Schriftsteller und die Künstlerin an ihre
Rom-Blicke und sprechen über die Impulse für ihre Arbeit.
Maria Sewcz, 1960 in Schwerin geb./ Meisterschülerin an der HGB
Leipzig/ lebt und arbeitet in Berlin/ Ausstellungen u. a. Sprengel
Museum Hannover (2008)/ Publikationen u. a. „inter - esse“ – Fotos
aus Ostberlin 1987 (2014 bei Steidl)
12
„Wenn sein Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt,
dann ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten“. Dies schrieb
Gottfried Keller anlässlich Mörikes Tod am 4. Juni 1875. Just an
Mörikes 140. Todestag liest Wolfgang Höper, Stuttgarts großer
Staatsschauspieler, Mörikes berühmte Novelle. Unter einer eleganten, wunderbar orchestrierten Erzählschicht blitzt in ihr das
Todesmotiv immer wieder auf wie die Hufeisen jener schwarzen
Rösslein im Gedicht „Denk es, o Seele“, das den Schluss des beliebten Erzählwerks bildet. 1855 erschienen, schildert der Text eine
fiktive Episode aus dem Leben des von Mörike verehrten Komponisten. Sie ist angesiedelt
im Herbst 1787 während
Mozarts und Constanzes
Fahrt zur Uraufführung des
„Don Giovanni“ in Prag.
Die Erzählung erwähnt einzelne Kompositionen Mozarts und ist als Ganzes wie
ein Musikstück strukturiert.
Folgerichtig erklingen passende Werke von Mozart.
Wiedersehen mit Wolfgang Höper – ist in Fellbach stets ein
Anlass zur Freude. Seit 1964 Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart, wurde er 1976 zum Staatsschauspieler und 1998 zum
Ehrenmitglied ernannt. Bekannt aus Funk und Fernsehen, war er
zudem Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Stuttgart.
Namhafte Musiker bilden das Trio Château: Norbert Strobel ist
Solooboist am MDR Sinfonieorchester, Peter Fellhauer Soloklarinettist der Stuttgarter Philharmoniker und Albrecht Holder im
selben Klangkörper als Solofagottist tätig und Professor an der
Musikhochschule Würzburg.
Wolfgang
Höper und
Trio Château
13
EINIGE HINWEISE
Mit den Literaturtagen zum Mörike-Preis soll auch die junge
Generation angesprochen und beteiligt werden. Dazu sind verschiedene Aktionen und Veranstaltungen geplant.
DA S M Ö R I K E K A B I N E T T
I M S TA D T M U S E U M F E L L B A C H
LESUNGEN AN SCHULEN
Beide Preisträger haben sich bereit erklärt, Fellbacher Schulen zu
besuchen. Die selbst noch relativ jungen Dichter stellen Auszüge
aus ihren Werken vor und sprechen mit den Schülerinnen und
Schülern. Jan Wagner ist am 23. April vormittags im FriedrichSchiller-Gymnasium zu Gast. Andre Rudolph besucht das GustavStresemann-Gymnasium in Fellbach-Schmiden.
LY R I K - W O R K S H O P
ZU MÖRIKE-GEDICHTEN
Wie entsteht ein Gedicht? Was macht die Qualität eines lyrischen
Gebildes aus? Was unterscheidet Lyrik von Prosa? Und welche Kunstmittel wendete speziell Eduard Mörike an, um seine formvollendeten Gedichte zu verfassen? Um solche und ähnliche Fragen geht es
bei dem mehrtägigen Workshop mit dem Stuttgarter Sprachkünstler Timo Brunke unter dem Titel „Mörikes Verswerkstatt –
ein Streifzug“ am Friedrich-Schiller-Gymnasium.
AUSSTE LLU NG: MÖR I KE BEWEGT!
Eröffnung im Rahmen der Langen Nacht der Kultur
25.7., 19 Uhr (Dauer: bis 13. September 2015)
Gefördert von der Karl Schlecht Stiftung (KSG)
Mörike wandelt im Slalom zwischen den Schülerinnen und Schülern der Zeppelinschule umher und blickt ihnen über die Schultern. Angeleitet von einem Dozenten der Jugendkunstschule, wachsen unter den Händen der Klasse 10 zwei- und dreidimensionale
Arbeiten – visuelle Anmerkungen zu Mörikes Werk und Leben. Es
entstehen Bezüge zu seinen Gedichten: bewegte Vehikel, Buchstabensalate und ein Blick auf Mörike als Migrant.
MÖR I KE-WE I N
Immer aufs Neue passend und schön: die Verbindung von Kultur
und Wein. Zum Mörike-Preis kreieren die Fellbacher Weingärtner
die Sonderauflage eines Mörike-Weins: einen Riesling Goldberg
feinherb des Jahrgangs 2014. Auf dem Etikett das Jugendbildnis
Mörikes von der Hand Johann Georg Schreiners.
14
Das MörikeKabinett im StadtMuseum ist drei Themen gewidmet.
Von Mörikes Aufenthalt in Fellbach wird im ersten Kapitel erzählt.
Die Herzkammer der Ausstellung bildet ein in mystisches Blau getauchter Erinnerungsraum „Mörike und die Frauen“: Originalexponate des Deutschen Literaturarchivs Marbach werden mit
Mörike-Zeichnungen und Gedichten zu einem reizvollen Beziehungsgeflecht verdichtet. Liebesgedichte Mörikes – von A wie
„Agnes“ bis Z wie „Zuviel“ – sind in einer Hörstation erfahrbar.
Ein dritter Bereich mit moderner Anmutung zeigt die MörikePreisträger in originalen Porträts sowie Gegenstände und Autografen, die sie dem Museum überlassen haben. Die Mörike-Reden
der Preisträger, von ihnen selbst gelesen, sind in einer Hörstation
zu hören. Monitore laden zu vertiefender Beschäftigung ein.
StadtMuseum Fellbach,
Hintere Straße 26, 70734 Fellbach
Öffnungszeiten: täglich
(außer montags) 14 bis 18 Uhr
Der Eintritt ist frei.
Führungen auf Anfrage
15
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