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Autor: - Landesmedienzentrum Baden

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Autor: Zehrt, Wolfgang.
Titel: Hörfunk-Nachrichten. Kap. 3: Formulierung der Meldung; Kap. 4: Auswahl - die
unterschiedlichen Meldungen.
Quelle: Wolfgang Zehrt: Hörfunk-Nachrichten. Konstanz 1996. S. 31-108, S.218-221.
Verlag: UVK Medien.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Wolfgang Zehrt
3. Formulierung der Meldung
3.1 Grundregel
Verständlich und lebendig schreiben - kein Lexikon-Eintrag, keine Diplomarbeit keine
Fremdwörter, aber auch keine Umgangssprache. Meldungen sollten in normalem Deutsch
für Menschen mit durchschnittlichem Bildungsstand verfaßt werden. Normales Deutsch
meint unsere Alltagssprache, aber eben keine Slang-, Mode- oder Szeneausdrücke.
Darüber hinaus muß ein Nachrichtensatz einfach und übersichtlich formuliert werden,
damit die Meldung gut verständlich ist.
Komplizierte und unübersichtliche Sätze werden manchmal von Politikern bewußt
eingesetzt - z.B., wenn etwas verschleiert werden soll. Diese Verschleierungstaktik sollte
uns Journalisten davon abhalten, ebenfalls mit chaotischen Satzungetümen Hörer und
Leser zu verwirren. Überlassen wir dies den Politikern.
Das Meisterstück einer solchen Verschleierungstaktik wurde 1978 vom damaligen
Regierungssprecher Klaus Bölling formuliert. Es ging um den Rücktrittsgrund von
Verteidigungsminister Leber, die Frankfurter Rundschau dokumentierte diesen Satz am
3.Februar 1978:
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»Bundesminister Leber hat heute dem Kabinett vorgetragen, daß er die von ihm im Verlauf der
Debatte über den Verteidigungshaushalt am 26.Januar 1978 vor dem Deutschen Bundestag
abgegebene Erklärung, der Lauschmitteleinsatz des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) in
der Privatwohnung einer Mitarbeiterin sei der einzige dieser Art gewesen, nach seinem
nunmehrigen tatsächlichen Kenntnisstand und aufgrund einer erneuten rechtlichen Beurteilung
der Frage, ob unter bestimmten Umständen auch nicht zu Wohnzwecken dienende Räume im
rechtlichen Sinne als Wohnung anzusehen seien, nicht aufrechterhalte.«
Solche verschachtelten Satzkonstruktionen finden sich in abgeschwächter Form in vielen
Zeitungen, in noch schwächerer Ausprägung zum Ärger der Hörer aber auch im
Rundfunk.
Eine einfache Regel verbietet solche Zumutungen schon im Ansatz:
Verschachtelte Sätze, eingeschobene Nebensätze, Nominal- -und
Partizipialkonstruktionen sollten ebensowenig in einer Meldung stehen wie
schwierige Ausdrücke oder Fremdwörter.
3.2 Lead-Satz
Die Regel, einfach und übersichtlich zu schreiben, gilt ganz besonders für den Lead-Satz
(kurz Lead). Der Lead der Meldung ist wie die Schlagzeile der Straßenverkaufs-Zeitung
am Kiosk. Wenn der Lead nicht stimmt, nicht verstanden wird oder schlicht langweilt
schaltet der Hörer - zumindest geistig - ab.
Zeitungsleser entscheiden spätestens nach dem ersten Satz einer Meldung, ob sie diese
ganz lesen wollen. Wenn nicht, wenden sie sich der Meldung daneben zu. Wenn aber
Hörer nach dem ersten Satz einer Meldung abschalten, ist es fraglich, ob sie darauf
hoffen, die nächste zu verstehen. Fazit: Auch bei interessanten Inhalten kann ein
langweilig oder unverständlich formulierter Lead-Satz ausreichen, um den Hörer
abzuschrecken. Dies gilt - wie das folgende Beispiel zeigt - auch für Zeitungsmeldungen.
Das folgende Beispiel stammt aus einer Lokalzeitung und ist wegen seiner
Schachtelkonstruktion für Print- und Funkmedien gleichermaßen ungeeignet.
Beispiel:
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»Nach vier Jahren ist am Freitag einer der letzten großen NS-Prozesse in Deutschland, der
gegen den 90jährigen Boselvav Maikowski, in Münster wegen Verhandlungsunfähigkeit des
Angeklagten ohne Urteil zuende gegangen.«
Im Lead-Satz darf genau eine Hauptinformation stehen. Darüber hinaus nur die ein oder
zwei Nebeninformationen, die zum Verständnis des Lead-Satzes notwendig sind. In dem
Beispiel »NS-Prozeß« ist der Lead-Satz ein Sammelbecken vieler Nebeninformationen,
die auch weiter hinten in der Meldung folgen könnten. Auch für den Zeitungsleser wäre
ein einfacherer Lead-Satz schneller aufzunehmen gewesen, für den Radiohörer wäre ein
solcher Lead-Satz nahezu unverständlich.
Besser:
»Einer der letzten großen NS-Prozesse in Deutschland ist heute in Münster ohne Urteil zu Ende
gegangen. Zu einem Urteilsspruch kam es nicht weil das Gericht den Angeklagten für
verhandlungsunfähig hält. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen...«
Lesen Sie immer ihren Lead-Satz noch einmal durch und markieren dabei (im Geiste)
jede Information mit einem dicken, schwarzen Punkt - wenn Ihr Lead-Satz anschließend
aussieht wie eine dichtgereihte Perlenkette, schreiben Sie ihn schleunigst um. Eine
solche Perlenkette wird von keinem Hörer verdaut.
Beispiel:
»Beim Absturz einer Sportmaschine am Nachmittag in der Nähe des kleinen Flughafens von St.
Michaelisdonn im Kreis Dithmarschen sind zwei Menschen getötet und zwei weitere schwer
verletzt worden. Die Bergung der verletzten Pilotin dauert noch an. Über die Identität der Toten
und Verletzten wurden keine Angaben gemacht. Die Maschine hatte Schwierigkeiten beim
Landeanflug und startete durch. Kurze Zeit später stürzte sie ab.«
Eine umständliche Satzkonstruktion kann man diesem Autoren nicht vorwerfen - dieser
Lead-Satz ist in der Tat ein einfach konstruierter Hauptsatz ohne eingeschobene
Nebensätze. Daran wird deutlich, daß auch ein einfacher Hauptsatz schwer verständlich
sein kann. Listet man die Informationen des Lead-Satzes auf, wird die Überfrachtung
deutlich:
Beim Absturz
einer Sportmaschine
am Nachmittag
in der Nähe des kleinen
Flughafens
1. Information
2. Information
3. Information
4. Information
+ Nebeninformation (»klein«)
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von St. Michalisdonn
im Kreis Dithmarschen
sind zwei Menschen
getötet
und zwei weitere
schwer verletzt worden
5. Information
6. Information
7. Information
8. Information
9. Information
10. Information.
Der Redakteur läßt den Hörer die Arbeit machen, die eigentlich seine eigene Aufgabe ist:
das Herausfiltern der Hauptinformation.
Besser:
»Bei dem Absturz eines Sportflugzeuges im Kreis Dithmarschen sind heute nachmittag zwei
Menschen getötet worden. Zwei weitere Insassen der Maschine wurden schwer verletzt. Die
Maschine stürzte in der Nähe des Flughafens von St. Michaelisdonn ab.
Nachrichtenredakteure sollten hinsichtlich des Satzbaus nicht Kant und Hegel nacheifern.
Eine durchschnittliche Hörfunk-Meldung ist nach 35 Sekunden vorbei. In dieser Zeit
müssen die Hörer alles verstanden haben. Das wird vor allem erschwert, wenn schon der
Lead-Satz erfordert, daß sich die Hörer Informationen vom Beginn des Satzes merken,
um den letzten Teil noch verstehen zu können.
Beispiel:
»Nach zwei ausverkauften und vom Publikum stürmisch gefeierten Gastspielen der sächsischen
Staatskapelle Dresden in der Carnegie Hall, hat das Management des Hauses das Dresdner
Orchester spontan zu regelmäßigen Konzerten in Nordamerikas Konzertsäle eingeladen. Wie
Konzertdramaturg Eberhard Steindorf in Washington mitteilte, wurden bereits konkrete
Angebote für 1996 und 1998 unterbreitet. Heute abend wird das renommierte Orchester zu
einem Gastspiel im Kennedy Center von Washington erwartet. Die sächsische Staatskapelle
weilt seit Mittwoch vergangener Woche zu einer dreiwöchigen Tournee in den USA.«
Dieser Lead-Satz ist so schlecht formuliert, daß ein Umformulieren nicht mehr möglich ist
- zu vieles ist unklar. Denn auch die Hörer werden sich - wenn sie nicht abgeschaltet
haben - einige Fragen nicht beantworten können (und daß nicht nur wegen der Länge des
Satzes). Der Grund: Die Bezüge in dem Lead-Satz sind für den Hörer nicht
nachvollziehbar.
»Das Management des Hauses« hat das Dresdner Orchester zu Konzerten eingeladen.
Vorsicht - warum sollte denn das Management der Carnegie Hall in der Lage sein, ein
Dresdner Orchester zu Konzerten in ganz »Nordamerika« einzuladen? Und wenn diese
ehrenvolle Einladung in Washington bekanntgegeben wird, dann wird ja auch die
einladende Carnegie Hall in Washington stehen - könnte man jedenfalls denken ...
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3.3
Nebensatz im Lead-Satz
Ein Nebensatz ist im Lead-Satz erlaubt, wenn sonst Abstriche an der Verständlichkeit
gemacht werden müßten. Dies ist z. B. der Fall, wenn Prädikat und Objekt zu sehr
voneinander getrennt werden.
Beispiel:
»Der Kanzlerkandidat der SPD, Rudolf Scharping, besteht bei Koalitionsverhandlungen seiner
Partei in Sachsen-Anhalt nicht auf einen Unvereinbarkeitsbeschluß gegenüber der PDS.«
Besser:
»Der Kanzlerkandidat der SPD, Rudolf Scharping, besteht nicht darauf, daß seine Partei bei den
Koalitionsverhandlungen in Sachsen-Anhalt einen Unvereinbarkeitsbeschluß gegenüber der
PDS trifft.«
3.4 Zusammenfassender Lead-Satz
Fehler beim Aufbau einer Nachrichten-Meldung sind vor allem dann ärgerlich, wenn sie
beim Hörer Verwirrung auslösen - sei es durch unverständliche, sei es durch überflüssige
Informationen. Auch komplizierte Sachverhalte lassen sich zwar - wie im folgenden
Beispiel - grammatikalisch korrekt ausdrücken, erfordern aber einen kleinen »Kunstgriff«,
der hier nicht angewendet wurde.
Beispiel:
»Politiker aus Nordirland haben heute das Angebot des irischen Ministerpräsidenten Reynolds
zurückgewiesen, in einem künftigen gemeinsamen Irland dem derzeit britischen Norden ein
Drittel aller Regierungsposten in Dublin zu garantieren. Reynolds hatte das Angebot gestern in
der irischen Hauptstadt verkündet. Der Regierungschef der Republik Irland wollte sein Angebot
als Versuch des Brückenbaus verstanden wissen.«
Diese Nachrichten-Meldung enthält drei Fehler, die sie hörerunfreundlich macht:
1. Der Lead-Satz ist viel zu lang und kompliziert.
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Durch vermeintliche Präzision werden die in den irischen Verhältnissen nicht
bewanderten Zuhörer in die Irre geführt: Wie soll jemand innerhalb der vier Sekunden,
die der Lead-Satz dauert, begreifen, daß Dublin die Hauptstadt Irlands sein muß, in der
die nordirischen Politiker, wenn sie denn wollten und es ein gemeinsames Irland geben
sollte, ein Drittel aller Regierungssitze bekommen könnten, was sie aber bereits
abgelehnt haben?
2. Auf im Hörfunk sinnvolle Wortwiederholungen wird verzichtet:
Ministerpräsident Reynolds - Reynolds - der Regierungschef der Republik Irland. Der
Redakteur hätte konsequent bei »irischer Ministerpräsident Reynolds« bleiben müssen.
3. Der letzte Satz läßt einen grübelnden Hörer zurück.
»Der Regierungschef wollte sein Angebot als Versuch des Brückenbaus verstanden
wissen«. Hat das der Regierungschef nun selbst gesagt oder bietet uns ein hilfreicher
Redakteur eine Interpretation dieses Angebotes an? Wenn auch etwas verklausuliert,
ist dieser letzte Satz der Kern der Meldung - wieder einmal ist ein »BrückenbauVersuch« fehlgeschlagen. Diese Information wird in der Meldung aber nicht ausreichend
unterstrichen, sie muß am Anfang stehen. Dann kommen erst die Details: Wie sah das
Angebot aus, und auf welchem Wege ist es abgelehnt worden.
Zeitungskollegen arbeiten ständig mit einem zusammenfassenden Meldungseinstieg, dem
Summary-Lead. Dieser Einstieg stellt die Quintessenz der Meldung dar. Dies sollte bei
Hörfunk-Meldungen aber nur bei komplizierten Sachverhalten passieren. Ein weiterer
Unterschied zum Summary-Lead der Zeitungsmeldung: Bei einer Rundfunkmeldung
handelt es sich immer nur um einen Summary-Lead-Satz, die Zusammenfassung geht
also nie über mehr als den ersten Satz der Meldung hinaus.
Beispiel:
»Ein weiterer Vermittlungs-Versuch im Nord-Irland-Konflikt ist gescheitert. Der irische
Ministerpräsident Reynolds hatte den Politikern des britischen Nord- Irlands angeboten, sich an
der Regierung eines vereinigten Irlands zu beteiligen. Reynolds hatte vorgeschlagen, daß die
nordirischen Politiker im Falle einer Vereinigung ein Drittel der Kabinettssitze übernehmen
sollten. Die nordirischen Politiker lehnten den Vorschlag Reynolds heute ab.«
Die Funktion eines Summary-Leads kann auch von Inhaltsmarken übernommen werden,
die z. B. beim zweiten Programm des NDR vor die Meldung gestellt werden. Wie
Zeitungsüberschriften formuliert fassen sie das Ereignis bereits grob zusammen. Dadurch
sind die Hörer vorgewarnt und können die nachfolgenden Detailinformationen gleich
dieser Basisinformation zuordnen.
Bei komplizierten Sachverhalten bietet es sich also an, das Ereignis in einem Satz
zusammenzufassen. Vor allem bei Gerichts- oder Politikerentscheidungen ist oft nicht das
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eigentliche Ereignis das Interessanteste, sondern die Auswirkung, die Konsequenz. Wenn
das Ereignis selbst nur bei bereits informierten Hörern einen Aha-Effekt auslösen würde,
sollte man die Zusammenfassung, die Bedeutung des Ereignisses an den Anfang stellen.
Beispiel:
»Der Bundesrat hat heute das Planungsgesetz für die Magnetschwebebahn Transrapid in den
Vermittlungsausschuß überwiesen.«
Ein völlig korrekter Lead-Satz - aber, wird sich der Hörer vielleicht fragen, was ist daran
denn so interessant, ist das nicht vielleicht das übliche Verfahren?
Besser:
»Der Bundesrat hat heute dem Planungsgesetz für die Magnetschwebebahn Transrapid nicht
zugestimmt.«
Noch hörerfreundlicher - denn unter Planungsgesetz können sich mit Sicherheit viele
Menschen überhaupt nichts vorstellen - wäre diese Version:
»Der Bundesrat hat heute dem notwendigen Gesetz zum Bau der Magnetschwebebahn
Transrapid nicht zugestimmt.«
Es ist hilfreich, wenn sich der Redakteur/die Redakteurin als Dienstleistungsunternehmen
versteht - als Anbieter eines Informations-Service, den die Hörer jederzeit abwählen
können. Sachlich richtige Meldungen erwartet der Konsument von jedem Sender, aber mit
dem Bemühen um größtmögliche Verständlichkeit kann sich eine Station auch bei den
Nachrichten positiv von den Konkurrenten absetzen. Gerade bei den sogenannten
Service-Meldungen, deren Inhalte für Hörer einen hohen Nutzwert haben, würde es
verärgern, wenn die Botschaft nicht glasklar transportiert wird. Diese Meldungen haben
den höchsten Aufmerksamkeitsgrad und werden entsprechend kritisch gehört. Das kann
z. B. für komplizierte Gerichtsentscheidungen gelten.
Beispiel:
»Das Oberlandesgericht Hamburg hat heute in einer Revisionsverhandlung die Klage eines
Urlaubers abgewiesen, der aufgrund der Lärmbelästigung durch einen nahegelegenen
Flughafen seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen und vom Veranstalter Schadensersatz verlangt
hatte.«
Sachlich ist diese Meldung richtig - der Kern des Ereignisses wird im Lead-Satz
dargestellt. Aber welcher Hörer ist schon in der speziellen Situation, während des Urlaubs
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ausgerechnet in einer Einflugschneise zu wohnen? Dieser Kern der Meldung würde also
an 99 Prozent der Hörer vorbeigehen. Die Bedeutung dieses Urteils dagegen würde einen
weitaus größeren Anteil der Hörer interessieren.
Besser:
»Eine Entscheidung des Oberlandesgerichtes Hamburg hat die Rechte von Urlaubern bei
Schadenseratz-Forderungen eingeschränkt. Das Gericht entschied heute, daß auch bei
erheblicher Lärmbelästigung durch einen Flugplatz nicht unbedingt vom Veranstalter
Schadensersatz gezahlt werden muß.«
Aber aufpassen: Solche Interpretationen müssen selbstverständlich fachlich abgesichert
sein, sei es durch einen schnellen Anruf beim Grundeigentümer- oder Mieterverband, bei
der Gerichtspressestelle oder bei dem juristisch versierten Kollegen, am bestem dem
Gerichtsreporter. Interpretationen dürfen keinesfalls »auf dem eigenen Mist gewachsen«
sein. Ein Lob den Nachrichten-Agenturen: Immer mehr Dienste gehen dazu über, eben
solche Einordnungshilfen und Interpretationen anzubieten. Doch auch hier gilt für die
bearbeitenden Nachrichten-Redakteure: Solche Hilfen stehen - beim Aufbau der AgenturMeldung konsequent - oft im letzten Absatz.
3.5 Langweiliger Lead-Satz
Die Lead-Sätze einer Nachrichten-Sendung haben die Funktion der Überschriften in einer
Straßenverkaufszeitung: Wer die Überschriften langweilig findet, kauft keine oder eine
andere Zeitung und wer den ersten Satz der jeweiligen Meldung langweilig findet, hört
nicht hin. Bei der kritischen Beurteilung, ob der eben niedergeschriebene Satz interessant
und gut verständlich ist, kann nie von dem eigenen Hörverhalten ausgegangen werden:
Daß Journalisten bemüht sind, eine Nachrichten-Sendung vollständig zu hören, hat wenig
mit dem alltäglichen Hörverhalten ihrer Kunden gemeinsam. Lead-Sätze wie in den
folgenden - authentischen - Beispielen sollten vermieden werden:
Beispiel:
»Der Bundestag hat heute in einer lebhaften Diskussion über Bundeswehreinsätze außerhalb
des Nato-Gebietes diskutiert.«
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Allgemeiner und nichtssagender geht es kaum. Nun könnte der Autor argumentieren, dies
sei ein Summary-Lead, der das gesamte Ereignis in einem Satz wiedergibt. Deswegen sei
noch einmal daran erinnert: Zusammenfassende Leadsätze haben in Hörfunk-Meldungen
wirklich nur etwas zu suchen, wenn der eigentliche Kern die Quintessenz des Ereignisses
ist und der Kern der Handlung allein nichts über die Bedeutung des Ereignisses aussagen
würden.
Die Kriterien für einen Summary-Lead sind bei der Bundeswehr-Debatte nicht erfüllt.
Weder ist das Ereignis besonders kompliziert noch gibt es einen Sachverhalt, dessen
Bedeutung erst durch eine Zusammenfassung ersichtlich würde.
Bei solchen Ereignissen muß schlaglichtartig das wichtigste Detail in den Lead-Satz
gerückt werden, um das Interesse der Hörer zu wekken. Schon in der nächsten Stunde
kann ein anderes wichtiges Detail aus dieser Debatte im Lead-Satz stehen.
Besser:
»Außenminister Klaus Kinkel hat der SPD vorgeworfen, in der Frage von Bundeswehreinsätzen
im Ausland völlig zerstritten zu sein. In der Bundestagsdebatte sagte Kinkel heute vormittag ... «
Sicher ist dieser Vorwurf nicht neu, aber so erhalten die Hörer schon im ersten Satz einen
kleinen Einblick in den Plenarsaal, sie hören, was dort eben von wem gesagt wurde. Ein
Eindruck bildet sich, und mit etwas Mühe kann sogar eine optische Vorstellung entstehen.
Nachrichten können und sollen anschaulich sein.
Auch ein anderer Lead-Satz ist oft zu hören (und in Lokalzeitungen zu lesen), der kaum
Hörer einer Lokal-Station fesseln wird:
Beispiel:
»In Memmingen hat gestern der Gemeinderat getagt. Es ging unter anderem«
Stop - wenigstens einen Beschluß wird dieser Gemeinderat doch gefaßt haben. Und wenn
er keinen gefaßt hat, wird es vermutlich interessanter sein, das Warum-nichtsbeschlossen-wurde in den Lead-Satz zu nehmen. Wenn auch das nichts hilft, sollte die
Meldung in Reichweite des Papierkorbs gerückt werden ...
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Der Anfang einer Meldung ist auch langweilig, wenn die Hörer gleich zu Beginn von einem
bürokratischen Fachwort erschlagen werden, das niemals auch nur in den Verdacht
geraten könnte, etwas mit der Alltagssprache der Hörer zu tun zu haben.
Beispiel:
»Schwerin. Die Funktionalreform kann in Mecklenburg-Vorpommern wie geplant am 12. Juni in
Kraft treten. Der Landtag verabschiedete heute mit den Stimmen der Koalition einen
entsprechenden Gesetzesentwurf des Innenministeriums. Die erste Funktionalreform in
Ostdeutschland regelt die Neuverteilung der Aufgaben zwischen Land, Kommunen und
Gemeinden nach der Landkreisneuordnung. Innenminister Rudi Geil will mit der Reform die
kommunale Verwaltung straffen und so Geld einsparen. Kernpunkt des Gesetzes ist die
Übertragung von Aufgaben des Landes an die zwölf Landkreise und sechs kreisfreien Städte.«
Welcher Hörer wird gespannt am Lautsprecher sitzen bleiben, um zu erfahren, was sich
hinter einer »Funktionalreform« verbirgt? Zumal diese merkwürdige Reform ja erst in zwei
Monaten in Kraft treten soll. Der Verdacht liegt nahe, daß hier direkt von einer PresseMitteilung oder Agentur-Meldung abgeschrieben wurde. Dieses Ereignis wäre ein
klassisches Beispiel für die Anwendung des Summary-Leads - was bedeutet diese
Reform eigentlich? Dazu würde es reichen, daß unsägliche Wort »Funktional-Reform«
anschaulicher zu umschreiben. So, wie es der Autor im letzten Satz der Meldung getan
hat.
Besser:
»Im Juni werden zahlreiche Aufgaben des Landes an die zwölf Landkreise und sechs kreisfreien
Städte übertragen. Die Übertragung dieser Aufgaben ist der wichtigste Bestandteil der
sogenannten Funktional-Reform, die heute vom Landtag beschlossen wurde.«
Mut zur eigenen Formulierung fehlt manchmal, wenn es um scheinbar schwierige
juristische Vorgänge geht. Doch während bedauerlich wenige Journalisten Hemmungen
haben, aus mutmaßlichen Tätern Täter zu machen, werden heiße Eisen lieber wörtlich
von Presse-Agenturen abgeschrieben. Das Resultat: Die Hörer können sich unter dem
Geschilderten erst etwas vorstellen, wenn sie die Meldung in die Alltagssprache übersetzt
haben.
Beispiel:
»Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt will auch die Gläubigerbanken der im
Konkursverfahren stehenden Schneider-Gruppe in Ermittlungen einbeziehen. Dabei soll geprüft
werden, ob die Banken an Betrugshandlungen mitgewirkt haben. Angeblich soll der ... «
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Mit 30 Sekunden Nachdenken wäre auch der Redakteur darauf gekommen, was
eigentlich gemeint ist: »in Ermittlungen einbeziehen« heißt: Auch gegen die
Gläubigerbanken wird ermittelt. Nicht als Hauptverdächtige, aber wenn eine Bank
Bestandteil eines Ermittlungsverfahren wird, heißt das nicht, daß die Bank in einer
Zeugen- oder Opferrolle ist. Dies wird spätestens mit dem zweiten Satz deutlich: »... ob
die Banken an Betrugsverhandlungen mitgewirkt haben ... «
Besser:
»Die Frankfurter Staatsanwaltschaft prüft, ob Banken im Zusammenhang mit dem SchneiderKonkurs Betrügereien begangen haben. Die Generalstaatsanwaltschaft will ... «
Zu plakativ? Zu drastisch? Nein - sachlich völlig richtig und vor allem für jeden beim
ersten Hören zu verstehen. Natürlich folgt unter »weitere wichtige Informationen«, um
welche Banken es sich handelt und eine kurze Erläuterung des SchneiderKonkursverfahrens.
Oft genug berichten Nachrichten über Ereignisse, deren ganze Handlung aus
»Entschließungen«, »Abstimmungen«, »Empfehlungen«, »Erklärungen« oder
»Gesprächen« besteht. Wenn dann ein Ereignis einmal eine wirklich dramatische,
plastische, greifbare Handlung ist, dann muß das auch so dargestellt werden. Das gilt
besonders, wenn es um ein noch laufendes Ereignis geht, also wenn die ganze
Schnelligkeit des Mediums Radio ausgespielt werden kann.
Zu allgemein formulierte Lead-Sätze können jede sachlich begründete »Action«
unkenntlich machen.
Beispiel:
»Die Situation im Gebiet des Alberner Hafens in Wien, wo Umweltschützer die Rodung des
Auwaldes im sogenannten Sauhaufen verhindern wollen, hat sich heute zugespitzt. Am frühen
Morgen haben etwa 50 Arbeiter mit vier Schaufelbaggern unter dem Schutz der Polizei mit einer
großangelegten Holzschlägerunsaktion begonnen. Eine Gruppe von Umweltschützern
versuchte sie daran zu hindern. Sie haben sich vor Lastfahrzeuge gelegt und sind auf Bäume
geklettert. Die Polizei hat mehrere Personen festgenommen. Das gesamte Gebiet des
Sauhaufens ist von Polizisten abgeriegelt. Die Wiener Hafengesellschaft beansprucht das
Gebiet als Schüttgutdeponie.« (Beispiel aus: Benedikt, 1987)
Erst im vierten Satz erfährt der Hörer, was jetzt passiert: Umweltschützer blockieren
Lastwagen und sitzen demonstrierend auf Bäumen. Darunter kann sich der Hörer etwas
vorstellen, das macht Appetit auf den Rest der Meldung - aber nicht die farb- und saftlose
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»Zuspitzung« im Original-Lead-Satz. Dieses Ereignis ist auch nicht so kompliziert, daß es
eines erläuternden, zusammenfassenden Lead-Satzes bedarf. Doch in dieser Meldung
stecken abgesehen von dem falschen Aufbau noch weitere Fehler:
1. Ein Grazer oder Innsbrucker wird sich nicht dafür interessieren, daß das besagte
Auwäldchen den Namen »Sauhaufen« trägt überflüssiger Ballast.
2. »etwa 50 Arbeiter« - eine unwichtige und unpräzise Zahlenangabe, auch die
Anzahl der Schaufelbagger ist unerheblich.
3. »Holzschlägerungsaktion« - Nominalstil, zuhörerfeindlich (warum nicht einfach: ...
beginnen Bäume zu fällen ... )
4. »großangelegt« - im waldreichen Österreich dürfte dies nicht unbedingt eine
»großangelegte« Rodung sein, für Wien möglicherweise schon - warum darf der Hörer
nicht selbst anhand der Meldungen beurteilen, ob es aus seiner Sicht eine kleine, große
oder mittlere »Aktion« ist. Überflüssiges Adjektiv.
5. »beansprucht das Gebiet als Schüttgutdeponie« - blutleeres Verb, zudem
irreführend: »beansprucht als« würde wörtlich genommen bedeuten, daß diese Deponie
auf diesem Gelände bereits existiert. Da aber die Rodungsarbeiten erst begonnen
haben, ist anzunehmen, daß die Deponie erst entstehen soll.
Doch am wichtigsten wäre es gewesen, diese Meldung spannender (und richtiger)
aufzubauen.
Besser:
»Umweltschützer blockieren im Alberner
Hafen von Wien die Rodung eines
Auwaldes. Die Demonstranten haben
Kern des Ereignisses
Aktualität
sich vor Lastwagen gelegt und sind auf
die Bäume geklettert, die gefällt werden
Weitere wichtige Informationen
sollen. Inzwischen hat die Polizei das
gesamte Gelände abgeriegelt und erste
Demonstranten festgenommen
Heute morgen hatten etwa 50 Arbeiter
Beginn des Ereignisses
mit Beginn des Schaufelbaggern
begonnen, die ersten Ereignisses Bäume
zu fällen
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Die Wiener Hafengesellschaft will auf
Hintergrund
dem Waldgebiet eine Deponie für
Schüttgut errichten.«
In derselben Nachrichten-Sendung des Österreichischen Rundfunks wird eine andere
Meldung ebenfalls mit einem zusammenfassenden, erläuternden Lead-Satz aufgemacht.
Diesmal ist diese Zusammenfassung inhaltlich auch gerechtfertigt, aber der gute Ansatz
erstickt in umständlichen Satzkontruktionen:
Beispiel:
»Tunesien. Die nach der drastischen Erhöhung der Brotpreise ausgebrochenen schweren
Unruhen bedrohen nach Ansicht von Diplomaten den vor kurzem von der Regierung
eingeleiteten Liberalisierungsprozeß. ... «
Besser:
»Tunesien. Die gerade eingeleiteten liberalen Reformen werden nach Ansicht von Diplomaten
von den Unruhen im Land bedroht. Die Unruhen waren ausgebrochen, nachdem die Regierung
die Brotpreise drastisch erhöht hatte. ...«
Es muß nicht - wie in der Original-Meldung - betont werden, daß die Reformen von der
Regierung eingeleitet worden sind, dafür kommt keine andere Institution in Frage. Der
verhängnisvolle Griff zum Adjektiv »schwere« ist auch in dieser Meldung ungebrochen.
Der Lead-Satz sollte ein einfacher Hauptsatz sein, der nicht mit Informationen
überladen ist, sondern nur den Kern der Meldung enthält. Ein einfacher Nebensatz
ist erlaubt.
3.6 Zeitwahl
Für alle Sätze, die nach dem Lead-Satz folgen, gilt natürlich nicht, daß sie schlichte und
einfache Hauptsätze sein sollten. Eine Meldung, die aus fast gleich langen Sätzen ohne
Nebensätzen besteht, wäre für die Hörer unerträglich, weil sie nicht unserem normalen
Hör- und Sprachverhalten entspräche. So wird die gut geschriebene Nachrichten-Meldung
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immer unterschiedlich lange Sätze haben und auch zwischen einfachen Hauptsätzen und
Nebensatz-Konstruktionen abwechseln.
Wollte man versuchen, dies auf eine Formel zu bringen, müßte diese etwa so lauten
(»Klemmkonstruktion«):
Lead-Satz
Meldungs-Satz
Meldungs-Satz
Meldungs-Satz
= Hauptsatz (im Notfall mit Nebensatz)
= Hauptsatz
= Hauptsatz + Nebensatz
= Hauptsatz + Nebensatz + Hauptsatz
Ein Großteil aller deutschen Nachrichten-Leadsätze enthält ein »hat«: Der
Bundesgerichtshof hat entschieden, die Bundesanstalt für Arbeit hat heute die neueste
Statistik bekanntgegeben und der FC. St. Pauli hat heute wieder verloren - alles LeadSätze, die im Perfekt geschrieben sind. Das Perfekt kann getrost benutzt werden, um all
die Vorgänge zu schildern, die zwar abgeschlossen sind, aber deren Bedeutung oder
Auswirkung noch anhält. Denn die Schilderung dieser Ereignisse im Imperfekt würde von
der Alltagssprache weit weg führen: »Ich arbeitete heute sehr viel« ist gekünstelt, »ich
habe heute viel gearbeitet« entspricht dagegen dem normalen Sprachgebrauch.
Gebraucht wird das Imperfekt dagegen, wenn ein tatsächlich abgeschlossenes Ereignis
von dem Ereignis unterschieden werden soll, das noch Auswirkungen in die Gegenwart
hinein hat. Also:
»Der FC St. Pauli hat heute wieder verloren. Die Dresdner Mannschaft erzielte bereits in der
ersten Minute den Führungstreffer gegen die Hamburger.«
Gerade am Ende der Meldungen wird dann oft noch ein weiterer Schritt in die
Vergangenheit notwendig: Wenn es darum geht, den Sachverhalt »hochaufzulösen«, also
Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen. Dann kommt das Plusquamperfekt zum
Einsatz:
»Der FC St. Pauli hat heute wieder verloren. Die Dresdner Mannschaft erzielte bereits in der
ersten Minute den Führungstreffer gegen die Hamburger. Der Trainer der Sankt Paulianer hatte
bereits vor dem Spiel gesagt, daß er von seinem Amt zurücktreten werde.«
Auch die Verwendung von Gegenwarts- und Zukunftsform dürften unproblematisch sein.
Die Zukunftsform (Futur) gehört allerdings zu den nicht häufig benutzten Formen in der
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Nachrichten-Sprache, auch für erst noch erwartete Ereignisse wird normalerweise die
einfachere und übersichtlichere Gegenwartsform benutzt.
»Der FC St.Pauli spielt heute nachmittag gegen die Mannschaft aus Dresden.«
anstelle von:
»Der FC St.Pauli wird heute nachmittag gegen die Mannschaft aus Dresden spielen.«
Die Verwendung der Gegenwartsform verhindert hier, daß das Verb in zwei Hälften
zerrissen wird.
3.7 Schachtelsatz und Klemmkonstruktion
Beide Begriffe stehen für eine Krankheit, die Nachrichten-Sätze zu verschwommenen,
orientierungslosen Ungetümen macht, die von niemanden mehr so richtig verstanden
werden, den Journalisten aber die Arbeit erspart, um die verständlichste Formulierung zu
ringen.
Zur Erinnerung: Die Nachrichtensprache muß der Alltagssprache möglichst ähnlich sein.
All das, was von unseren Hörern subjektiv als gestelzt oder geschraubt empfunden wird,
ist verboten. Wenn ein Satz nicht klar strukturiert wird, haben die Hörer Probleme, den
Inhalt aufzunehmen. Unter dem einprägsamen Begriff Klemmkonstruktion läßt sich alles
zusammenfassen, was den Handlungsstrang im Satz unterbricht und damit das
Verständnis erschwert - also eingeschobene Nebensätze oder grammatikalisch korrekte,
aber hörerunfreundliche Konstruktionen. Eine Mixtur aus Hauptsatz-Teilen, Nebensätzen
und Rückbezügen ist auch mit dem Begriff Schachtelsatz zutreffend beschrieben.
Führe den Hörer klar und geradlinig durch die Meldung - so verlangt es die BBC von ihren
Nachrichtenschreibern. Schon lange vor der BBC fluchte Arthur Schopenhauer über die
redaktionelle Unverschämtheit der Schachtelsätze:
»Wenn es eine Impertinenz ist, andere zu unterbrechen, so ist es nicht minder eine solche, sich
selbst zu unterbrechen.«
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Daß ein »eingeklemmter« Nebensatz nicht die wünschenswerte Gradlinigkeit eines
Satzes im Sinne Schopenhauers fördert ist leicht einzusehen. Schon ein angehängter
Nebensatz läßt aus dem Satz einen Schachtelsatz werden, der allerdings nicht
zwangsläufig unverständlich sein muß. Wenn die Hauptsache im Hauptsatz, der eher
nebensächliche Aspekt im Nebensatz steht, können die Hörer meistens problemlos
folgen. Aber wer würde z. B. seinem Arbeitskollegen so über einen gerade gesehenen
Verkehrsunfall berichten:
»Der Lastwagen, der offenbar mehrere schwere Stahlträger und Zementsäcke geladen hatte,
fuhr direkt in die Seite des Taxis.«
Der Arbeitskollege möchte natürlich zunächst erfahren, wie der Unfall passierte - die
andere Information mitten im Satz lenkt ab und unterbricht die Schilderung eines
Ereignisses. Eingeschobene Nebensätze verringern im Gegensatz zu einfachen
Satzkonstruktionen mit angehängten Nebensätzen die Verständlichkeit. Es heißt also
korrekt:
»Der Lastwagen hatte Vorfahrt und fuhr direkt in die Seite des Taxis. Der Lastwagen hatte
offenbar Zementsäcke geladen.«
Noch geht es um die leichteste Form des Regelverstoßes - um den eingeschobenen
Nebensatz. Dieser Verstoß - also die vorsätzliche oder unbeabsichtigte Konstruktion
eines Schachtelsatzes - ist beim sorgfältigen Durchlesen der Meldung schnell
auszubügeln.
Beispiel:
»Morgen werden die fünften Leipziger Juristentage eröffnet. Rund 450 Teilnehmer, vor allem
Experten zu Eigentumsfragen in Ostdeutschland, werden erwartet. Themen sind Probleme der
kommunalen Wohnungswirtschaft und die neuen Regelungen zur Nutzung von
Wohngrundstücken.«
Besser:
»Morgen werden die fünften Leipziger Juristentage eröffnet.Viele der erwarteten 450 Teilnehmer
sind Experten für Eigentumsfragen in Ostdeutschland.«
oder:
»Morgen werden die fünften Leipziger Juristentage eröffnet. Rund 450 Teilnehmer werden
erwartet, darunter werden vor allem Experten für Eigentumsfragen in Ostdeutschland sein.«
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Die Sünde aus dem obigen Beispiel gehört noch zu den kleinen je mehr Worte den roten
Faden im Satz unterbrechen, desto größer wird die Gefahr, daß die Hörer eben diesen
verlieren. Dies ist besonders dann der Fall, wenn das zentrale Verb brutal zweigeteilt wird.
Dazu kommt es fast zwangsläufig, wenn ein Nebensatz mitten in den Hauptsatz
eingebaut wird. In den bisherigen Beispielen war zwar der Hauptsatz unterbrochen
worden, aber das Verb blieb intakt.
3.8 Zerrissene Verben
Einer der über diese sehr deutsche Erscheinung stolperten, war Mark Twain. Er schrieb in
»Bummel durch Europa« (1990, S. 459):
»Im Deutschen hat man die Angewohnheit, die Verben auseinanderzusetzen und zu zerreißen.
Man stellt die eine Hälfte an den Anfang irgendeines aufregenden Satzbaus und die zweite
Hälfte ans Ende. Etwas Verwirrenderes kann man sich nicht vorstellen.«
Wer mit zerrissenen Verben operiert, der erwartet von den Zuhörern, daß sie sich den
ersten Teil des Verbes gut merken - denn sonst können sie den entscheidenden zweiten
Teil des Verbes und damit die Satzaussage nicht verstehen. Ein Hilfsverb allein ist
schließlich nicht in der Lage, den Satzinhalt zu transportieren.
Beispiel:
»Rußlands Präsident Jelzin hat die bosnischen Serben zum Abzug aus Gorazde aufgefordert. ...
«
Bei diesem Satz sind die Hörer noch nicht unbedingt überfordert aber schon haben sich
acht Wörter zwischen dem ersten und den zweiten Teil des Verbes gedrängt. Doch in
diesem Fall ist der Verstoß noch nicht so schwerwiegend, weil bereits nach dem ersten
Teil des Satzes erkannt wird, welches Verb folgen muß. Niemand wird vermuten, daß
Präsident Jelzin die bosnischen Serben zum Abzug eingeladen oder beglückwunscht hat.
Trotzdem wäre die folgende Variante noch übersichtlicher:
Besser:
»Rußlands Präsident Jelzin hat die bosnischen Serben aufgefordert, aus Gorazde abzuziehen.«
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Ein Nachrichten-Satz darf keine Rätsel aufgeben - das passiert aber, wenn das
Schlüsselwort - das Verb - erst am Satzende steht, quasi als Auflösung des bereits
Geschilderten.
Beispiel:
»Der Berliner Marathonläufer Gerd Schmidt ist heute nachmittag nach seiner Rückkehr aus New
York von mehreren Tausend begeisterten Fans auf dem Flughafen Tempelhof ... «
... und jetzt folgt erst der alles verständlich machende zweite Teil des Verbes, auf den der
Hörer schon solange warten mußte. Den ganzen Satz über war alles möglich: Schmidt
kann zusammengebrochen, erschossen worden, geehrt worden oder eingeschlafen sein.
Besser:
»Der Berliner Marathonläufer Gerd Schmidt ist heute nachmittag geehrt worden. Tausende
begeisterter Fans hatten den Läufer bei seiner Rückkehr aus New York auf dem Flughafen
Tempelhof empfangen., «
Gerade bei Aufzählungen wird oft vergessen, daß die Hörer noch gar nicht wissen
können, um was es eigentlich geht.
Beispiel:
»Die acht Richter wollen unter anderem über die verfassungsrechtliche Bedeutung des Begriffs
>Verteidigung<, seine Stellung im Völkerrecht sowie über Rechtsgrundlagen für den Einsatz von
Streitkräften verhandeln. Das Gericht berät ... «
Besser:
»Die acht Richter wollen unter anderem darüber verhandeln, was der Begriff >Verteidigung<
verfassungsrechtlich bedeutet und welche Stellung dieser Begriff im Völkerrecht hat. Bei der
Verhandlung wird es auch um die Rechtsgrundlagen für den Einsatz von Streitkräften gehen. «
Zwar bleibt diese Meldung aufgrund des komplizierten Themas weiterhin schwer greifbar,
aber die Entzerrung ermöglicht es, mehr von diesem Ereignis aufzunehmen als in der
Originalfassung. In dieser hätten die Hörer bis zum letzten Wort des Satzes damit
rechnen müssen, daß die Richter nicht etwa »verhandeln« wollen, sondern vielleicht
bereits entscheiden.
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Der unnötig, eingeschobene Nebensatz und das zerrissene Verb sind
Formulierungsfehler, die das Verstehen von Meldungen unnötig erschweren.
Während der Lead-Satz nach Möglichkeit immer ein einfacher Hauptsatz ist, können
sich die anderen Sätze der Meldung aus Haupt- und Nebensatz zusammensetzen.
Satzlängen und Satzbau; sollten variieren, um die Meldung lebendig zu machen.
Hauptsätze mit eingeschobenen Nebensätzen (»Schachtelsätze«) sind in den
Nachrichten-Meldungen nicht erlaubt, Hauptsätze mit angehängten Nebensätzen
dagegen tragen zur Abwechslung im Sprachfluß bei und ermöglichen es, das Verb
zu Beginn des Satzes einzuführen und nicht erst am Ende.
3.9 Partizipialkonstruktionen
Klar und übersichtlich wird die Satzaussage präsentiert - bei einer Partizipialkonstruktion
passiert genau das Gegenteil. Die Hörer werden mit brachialer Gewalt vom
Satzgegenstand vertrieben und schaffen es nur mit großer Konzentration, dem Satz
weiter zu folgen.
Die ständige Gefährdung unbescholtener Nachrichten-Redakteure durch überall lauernde
Partizipialkonstruktionen ist besonders dramatisch, weil diese Konstrukte durchaus die
Form eines Hauptsatzes haben können. Kein Nebensatz ist erforderlich, um mit Hilfe
einer Partizipialkonstruktion einen Hauptsatz zu basteln, der viel unverständlicher ist als
es selbst ein Satz mit ein oder sogar zwei eingeklemmten Nebensätzen je sein könnte.
Merke: Ein Hauptsatz allein macht noch lange keinen guten Nachrichten-Satz. Von der
Theorie in die Praxis:
Beispiel:
»Der durch die dem NATO-Rat unterstehende Eingreiftruppe in Bedrängnis geratene
Generalsekretär wird morgen dem nach seinen eigenen Worten von der Entscheidung
überraschten US-Verteidigungsminister seinen Rücktritt erklären.«
Besser:
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»Der Generalsekretär wird morgen dem US-Verteidigungsminister seinen Rücktritt erklären. Der
US-Verteidigungsminister ist nach seinen eigenen Worten von dieser Entscheidung überrascht.
Der Generalsekretär war durch die Eingreiftruppe in Bedrängnis geraten, die dem NATO-Rat
untersteht.«
Es gibt in der Nachrichten-Sprache keinen Grund, Partizipialkonstruktionen zu verwenden.
Sie erschweren den Hörern, die Meldung zu verstehen - und weniger Zeit beim
Präsentieren als normale, klar strukturierte Sätze nehmen sie auch nicht in Anspruch. Es
gibt noch ein weiteres gewichtiges Argument diesen Konstruktionen den Kampf
anzusagen: Die Gefahr ist groß, daß der Präsentierende selbst den roten Faden verliert
und ins Stocken gerät.
Partizipialkonstruktionen können immer durch einen Haupt- mit einem angehängten
Nebensatz ersetzt werden - dies macht die Meldung verständlicher
.
3.10 Stellung von Subjekt, Prädikat und Objekt
Fast, aber auch nur fast selbstverständlich ist die Gliederung eines Satzes: Subjekt vor
Prädikat, Prädikat vor Objekt. Es gibt eine Gelegenheit, die viele Redakteure ergreifen,
um diese sinnvolle und logische Satzbauweise umzukehren: Die Quellenangabe. Vor
allem bei ARD-Nachrichten-Redaktionen ist dies oft zu hören. Eine mögliche Erklärung:
Ein Profi-Sprecher mag es schaffen, ohne in eine hörbare Kunstsprache zu verfallen, den
Satzinhalt - den Kern der Aussage - auch dann noch ausreichend zu betonen, wenn
dieser am Anfang des Satzes steht. Dann wird das Subjekt am Satzende eben nur noch
gehaucht gesprochen, schließlich ist es ja auch nicht das Entscheidende. Nur normalerweise betonen wir am Satzende. Wenn dort wider Erwarten das Subjekt steht,
muß man sich entgegen der eigenen Sprechgewohnheit bemühen, das Satzende weniger
stark zu betonen als den Anfang.
Beispiel:
»Vor einem Mißbrauch der kommenden Wahlen durch rechtsextreme Parteien und
Splittergruppen hat auf dem Hamburger Parteitag der CDU Fraktionschef Wolfgang Schäuble
gewarnt.«
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Die kursiv gedruckten Worte machen ohne Zweifel den zu betonenden Satzinhalt aus, die
Stimme muß also nach den »Splittergruppen« nach unten gehen. Wenn dies nicht
geschieht, wird fast automatisch der »Fraktionschef« über Gebühr betont. Dies wäre
gerechtfertigt, wenn es ganz besonders interessant gewesen wäre, daß Schäuble und
nicht etwa ein anderer CDU-Politiker diese Aussage gemacht hat.
Besser:
»CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble hat davor gewarnt, daß rechtsextreme Parteien und
Splittergruppen die kommenden Wahlen mißbrauchen. Auf dem Hamburger Parteitag der CDU
sagte Schäuble ... «
3.11 Substantivierungen
Bei der Formulierung eines Nachrichten-Satzes ist es immer als Optimierung anzusehen,
wenn die Substantivierung eines Verbes einer Umkehrung unterzogen wird und somit eine
Rückführung in die ursprüngliche Form erfolgt.
Also: Ein Nachrichten-Satz wird verständlicher formuliert, wenn fälschlicherweise in
Substantive umgewandelte Verben umgekehrt und wieder zu Verben gemacht werden.
Ganz deutlich wird der Sinn dieser Regelung, wenn man anstelle des Wortes »Verb« den
deutschen Ausdruck benutzt: »Tätigkeitswort«. Von diesen Tätigkeitswörtern kann es in
einer Nachrichten-Meldung nie genug geben. Da Nachrichten über das Geschehen in der
Welt berichten, sollte eine Meldung auch ausdrücken, daß etwas passiert, etwas
geschieht. Das vor allem, wenn Tätigkeitswörter eingesetzt werden.
Beispiel:
»Das Bundeskabinett will noch in dieser Woche eine Entscheidung über die Erhöhung der
Mehrwertsteuersätze erreichen.«
Besser:
»Das Bundeskabinett will noch in dieser Woche entscheiden, ob die Mehrwertsteuer erhöht
werden soll.«
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Selten taucht ein Fehler beim Formulieren von Nachrichten-Meldungen allein auf meistens handelt es sich um Kettenreaktionen. Der inflationäre Einsatz von Substantiven
verursacht oft, daß das Verb an der falschen Stelle des Satzes steht.
Beispiel:
»Die FDP hat eine Festlegung der Bonner Regierungskoalition auf die Pläne von
Verteidigungsminister Volker Rühe /CDU zur Verkleinerung der Bundeswehr abgelehnt.«
Besser:
»Die FDP hat es abgelehnt, sich auf die Pläne von Verteidigungsminister Volker Rühe /CDU
festzulegen. Rühe will die Bundeswehr verkleinern.«
Nicht jedes Verb ist geeignet, eine Nachrichten-Meldung anschaulicher und lebendiger zu
machen. Auch Verben können nichtssagend sein, vor allem, wenn sie ihren Ursprung in
der Behörden- und Politikersprache haben:
»erreichen, anstreben, erwägen, befinden, unterstreichen, erklären ... «
Das Lieblingsverb aller Politiker ist sicher »erklären«. Können Sie sich daran erinnern,
wann das letzte Mal ein Politiker an seine Rede erinnerte, ohne die Wendung »wie ich
bereits erklärte« zu benutzen?
Dieses »erklären« ist ein unsinniges Verb mit Blähfunktion - etwas soll sich bedeutender
anhören als es eigentlich war. Denn in Wirklichkeit erklären Politiker höchst selten etwas;
genau wie ganz normale Menschen »sagen« sie meistens etwas mehr oder weniger
Intelligentes. Wenn der Bürgermeister zu einer Kritik etwas sagt, dann erklärt er nicht, daß
er mit der Kritik nicht einverstanden ist, sondern er sagt es. Wenn der Bürgermeister aber
für den Bau einer teuren Sporthalle eintritt, dann erklärt er hoffentlich auch in der
Ratssitzung, woher das Geld dafür kommen soll.
3.12 Aktiv und Passiv
Die Nachricht wurde von den Redakteuren verbreitet - passiv. Die Redakteure
verbreiteten die Nachricht - aktiv.
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Einsichtig und logisch - die Aktiv-Form belebt, die Meldung bekommt, um es neudeutsch
auszudrücken, mehr »drive«. Mit der Verwendung des Passivs sinkt die Verständlichkeit,
dies haben Sprachwissenschaftler nachgewiesen. Wenn also die nächste Meldung eines
Handtaschen-Diebstahles von der Presse-Stelle der Polizei kommt, heißt es nicht mehr:
»Der Frau wurde ihre Handtasche von unbekannten Tätern entrissen.«
Besser:
»Unbekannte Täter entrissen der Frau ihre Handtasche.«
Abgesehen davon, daß Passiv-Konstruktionen ungeeignet sind, Handlungen darzustellen,
führen sie auch zu den kritisierten Satz-Klammern.
»Durch Wirbelstürme im Mittleren Westen der USA sind im vergangenen Jahr Schäden in Höhe
von rund zwei Milliarden Mark angerichtet worden.«
Besser:
»Wirbelstürrne haben im Mittleren Westen der USA im vergangenen Jahr Schäden in Höhe von
zwei Milliarden Mark angerichtet.«
Auch wenn sprachwissenschaftlich unumstritten ist, daß Passiv-Konstruktionen HörfunkMeldungen unverständlicher machen, bestätigen Ausnahmen die Regel. In bestimmten
Fällen wäre es irreführend, den Satz im Aktiv zu formulieren.
Beispiel:
»Ein Reaktorblock im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich nach einem Störfall
abgeschaltet. Die Sicherheitsautomatik stoppte das Anfahren des Reaktors, weil im Kühlsystem
zuwenig Wasser war. «
Nun wird sich dieser Reaktorblock nicht verstört am Kinn gekratzt haben, um dann
kurzentschlossen den eigenen Stecker aus der Steckdose zu ziehen. Selbst wenn
Technik-Freaks anführen, daß es in einem Reaktorblock sehr wohl einen
»vollautomatischen Abschaltmechanismus« gibt ist dieser Reaktorblock nur mittelbar die
ausführende »Person« - er kann keine aktive Rolle spielen. Eine solche »Handlung« muß
im Passiv formuliert werden.
Besser:
»Im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist ein Reaktorblock nach einem Störfall
abgeschaltet worden. Die Sicherheitsautomatik stoppte das Anfahren des Reaktors, weil im
Kühlsystem zu wenig Wasser war.«
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Der in der Original-Meldung folgende zweite Satz kann dagegen im Aktiv bleiben, denn
nun ist bereits klar, daß ein technischer Vorgang in Gang gesetzt wurde. Damit ist die
aktive Rolle, die der »Sicherheitsautomatik« im zweiten Satz zugestanden wird, inhaltlich
richtig einzuordnen. Stünde dieser zweite Satz isoliert in der Meldung, hätte auch er im
Passiv formuliert werden müssen:
»Das Anfahren des Reaktors wurde von der Sicherheitsautomatik gestoppt weil im Kühlsystem
zu wenig Wasser war.«
Nicht immer steht die aktive Person gleichzeitig für den Sinnkern des Satzes - auch dann
ist es angebracht im Passiv zu formulieren. Der falsch eingesetzte Aktiv:
»Dr. X. operierte heute nachmittag den Papst am Bein.«
Ohne Zweifel ist es in diesem Fall wichtiger, den Akzent auf die passive Haltung des
Papstes zu legen:
»Der Papst wurde heute (von Dr. X.) am Bein operiert.«
3.13 Wortgleiche Wiederholungen
Was in der Reportage oder dem Feature erlaubt und manchmal sogar sinnvoll ist ist in
den Nachrichten tabu: Die Synonym-Suche. In einer Nachrichten-Meldung kann vor allem
der zentrale Begriff nicht beliebig ausgetauscht werden. Auch diese Regel ist dadurch
begründet, daß Hörer in den seltensten Fällen Radionachrichten mit einem Höchstmaß an
Konzentration verfolgen (können). Hören sie nun den Lead-Satz, gießen sich während
des zweiten Satzes aber einen frischen Kaffee ein und hören erst beim dritten Satz wieder
zu, müssen sie dort erneut auf den »zentralen Begriff« stoßen. Dies gilt natürlich ganz
besonders bei schwierigen Sachverhalten.
Beispiel:
»Erst gegen Ende des Jahres wird der Landkreis Garmisch- Partenkirchen über eine mögliche
Privatisierung des Kreiskrankenhauses entscheiden. Doch schon jetzt macht Landrat Helmut
Fischer den 935 Beschäftigten die Zusage, daß sich keinerlei Nachteile durch eine veränderte
Rechtsform für sie ergeben wird. Für den Landkreis steht dennoch die Wirtschaftlichkeit des
Kreiskrankenhauses im Vordergrund. «
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Viele Hörer werden in der Kürze der Zeit Schwierigkeiten haben, sich den Begriff
»Privatisierung« klar zu machen. Zwar ist dieses Wort durch die Treuhandanstalt in den
vergangenen Jahren relativ populär gemacht worden, trotzdem ist es von unserer
Alltagssprache noch weit entfernt. Doch nun kommt eine unüberwindbare Hürde: Es
gehört schon Phantasie dazu, zu entdecken, daß sich hinter der »veränderten
Rechtsform« im dritten die »Privatisierung« des ersten Satzes verbirgt. Eine »veränderte
Rechtsform« ist für viele Hörer überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, der Autor hätte sich
also zumindest für den zentralen Begriff »Privatisierung« entscheiden müssen. Auch
wenn man bei dem Begriff »Privatisierung« bleiben möchte, könnte man die Meldung
verständlicher formulieren.
Besser:
»Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen wird erst Endes des Jahres darüber entscheiden, ob
das Kreiskrankenhaus privatisiert wird. Landrat Helmut Fischer machte den fast 1000
Beschäftigten die Zusage, daß es für sie bei einer Privatisierung keine Nachteile geben würde.«
Noch besser:
»Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen wird Ende des Jahres darüber entscheiden, ob das
Kreiskrankenkaus in Privatbesitz übergehen soll. Landrat Helmut Fischer versprach den fast
1000 Beschäftigten, daß durch eine solche Entscheidung keine Nachteile für sie entstehen
würden.«
Die Wortwiederholung (Redundanz) macht vieles erst verständlich.
Also nicht:
»Der Elefant trampelte in der Fußgängerzone drei Menschen zu Boden. Anschließend zog der
Dickhäuter weiter.«
Sondern:
»Der Elefant trampelte in der Fußgängerzone drei Menschen zu Boden. Anschließend zog der
Elefant weiter.«
Ebenfalls beliebt:
Ägypten - das Nilland
Köln - die Rheinstadt
Bundesrat - die Länderkammer
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Beim zentralen Begriff bleiben, heißt auch, das Substantiv nicht durch ein
Personalpronomen zu ersetzen. Die Personalpronomen (er, sie, es), sollten nur anstelle
der Person oder des konkret benannten Substantives treten, wenn keine
Verständnisschwierigkeiten zu befürchten sind.
Beispiel:
»Das erste Aachener Kompostwerk soll jetzt doch in Fletschau entstehen. Die rot-grüne
Ratsmehrheit hat sich beim gestrigen Umweltausschuß für die Variante A entschieden. Sie sieht
... «
STOP - wie könnte der Satz weitergehen?
Vielleicht:
» ... keine Schwierigkeiten, den Ratsbeschluß umzusetzen.«
oder:
» ... vor, daß das Kompostwerk kleiner als geplant wird.«
Auflösung:
»Das erste Aachener Kompostwerk soll jetzt doch in Fletschau entstehen. Die rot-grüne
Ratsmehrheit hat sich beim gestrigen Umweltausschuß für die Variante A entschieden. Sie sieht
ein Kornpostwerk in Fletschau sowie Kompostanlagen in Brandt und in der Sörs vor.
Voraussetzung für den Beschluß ist jedoch, daß die Anlage ausschließlich über einen
Autobahnanschluß angefahren wird.
Besser:
»Das erste Aachener Kompostwerk soll jetzt doch in Fletschau entstehen. Die rot-grüne
Ratsmehrheit hat sich beim gestrigen Umweltausschuß für die sogenannte Variante A
entschieden. Die Variante A sieht ein Kompostwerk ... «
Stellen Sie sich im nächsten Beispiel einmal vor, der Hörer würde im zweiten Satz bei
dem zusammengesetzten Hauptwort »Spielzeug-LKW« den ersten Teil des Wortes nicht
verstanden haben.
Beispiel:
»Gestern abend gegen 19 Uhr geriet in Mainertshagen auf der Birkershöhestraße ein
vierjähriger Junge unter ein Auto. Er kam mit seinem Spielzeug-LKW aus dem abschüssigen
Drosselweg auf die Straße gerollt. Der Vierjährige wurde vom Hinterrad des PKW überfahren
und schwer verletzt.«
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Wenn die Hörer nicht erfassen, daß ein Spielzeug-LKW auf die Straße gerollt kam,
sondern nur »LKW« verstehen, ist die Verwirrung komplett. Denn bei »Er ... « hätten die
Hörer davon ausgehen müssen, daß der Autofahrer gemeint ist, der den Jungen
angefahren hat.
Auch hier wurde ein überflüssiges und verwirrendes Personalpronomen benutzt.
Abgesehen davon, daß die Meldung falsch aufgebaut ist, hätte es heißen müssen:
»Der Vierjährige (oder zumindest Der Junge) kam mit seinem Spielzeug-LKW ... «
3.14 Direkte und indirekte Rede
Da selten über das Handeln von Politikern berichtet werden kann, informieren die meisten
Nachrichten-Sendungen ihre Hörer über das, was die Politiker gesagt haben. Wenn der
Politiker dies nicht gegenüber dem Sender oder auf einer Pressekonferenz gesagt hat,
liegt auch kein O-Ton vor: Wir müssen also zitieren. Dazu wird der Konjunktiv der
indirekten Rede benötigt: Der Konjunktiv 1. Obwohl der Konjunktiv I schon immer die
unverzichtbare grammatikalische Form der Nachrichten-Redakteure war, ist seine
Anwendung in vielen Fällen nicht unumstritten. Ist in der einen Redaktion der Konjunktiv
in bestimmten Fällen zwingend vorgeschrieben, handhaben andere Chefredakteure seine
Anwendung großzügiger. Der Stoßseufzer des Sprachwissenschaftlers Wolfgang Kayser
(Bern 1973, S. 86):
»Ein schwieriges Gebiet der Untersuchung ist der Konjunktiv. In allen Sprachen entzieht er sich
einer letzten Festlegung, und die Diskrepanzen zwischen dem, was in der Grammatik fixiert
wird, und dem Gebrauch in den verschiedensten Schichten des sprachlichen Lebens sind
beträchtlich.«
Zunächst die unumstrittene Regel für Journalisten: Wenn Aussagen in der indirekten
Rede wiedergegeben werden, kann der Konjunktiv fast immer angewendet werden - er
muß es aber nicht
Ohne Zweifel ist das folgende Beispiel korrekt:
»Der Bürgermeister sagte, er habe keine Möglichkeit gehabt, die Versammlung aufzulösen.«
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Doch schon folgt der Streitfall. Es wird nämlich nach Auffassung der deutschen
Sprachwissenschaftler immer häufiger so formuliert:
»Der Bürgermeister sagte, er hat keine Möglichkeit gehabt, die Versammlung aufzulösen.«
Vorsicht - die Sprachberatungsstelle der Duden-Redaktion läßt diese Indikativ-Variante
ausdrücklich nur für das Schriftdeutsch zu. Radio-Journalisten müssen also ganz
eindeutig bei der ersten Variante (»er habe keine Möglichkeit gehabt«) bleiben.
Eine wiedergegebene, also indirekte Rede, die im Indikativ steht ist trotzdem immer öfter
im Radio zu hören. Das ist schlicht falsch, weil allein aus der Pronominaltransformation
nicht eindeutig genug hervorgeht, daß es sich um eine zitierte Aussage handelt. Die
Transformation im zweiten Beispiel, also die Veränderung des »Bürgermeisters« in ein
schlichtes »er«, macht nicht hinreichend deutlich, daß es sich um ein Zitat handelt.
Für das Schriftdeutsch - und immer mehr Zeitungen verfahren so - ist die Transformation
des Bürgermeisters in das »er« ausreichend, die Leser merken, daß der Redakteur hier
zitiert. So können schreibende Kollegen argumentieren und wie gesagt erlaubt wird es
von den Sprach-Experten auch. Trotzdem - der Konjunktiv »er habe« im ersten Beispiel
ist eindeutiger als der Indikativ »er hat« im zweiten Beispiel. Gerade im Nebenbei-Medium
Radio sollten keine Sprach-Mißverständnisse möglich sein.
Die Anwendung der direkten Rede dagegen ist immer eindeutig, Fehler können kaum
passieren. Es heißt nicht:
»Der Bürgermeister sagte wörtlich, es habe keine Möglichkeit gegeben, die Versammlung
aufzulösen.«
Sondern:
»Der Bürgermeister sagte wörtlich (Stockpause): Es hat keine Möglichkeit gegeben, die
Versammlung aufzulösen.«
Unweigerlich steht jede Hörfunk-Nachrichten-Redakteurin, die ganz korrekt die indirekte
Rede immer im Konjunktiv formuliert, früher oder später vor einem Problem: Denn in
vielen Fällen entspricht der Konjunktiv I dem Indikativ - der Unterschied zwischen
Wirklichkeits- und Wahrscheinlichkeitsform wäre dann also nicht mehr hörbar.
Beispiel:
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»Der Bürgermeister sagte, die Einsatzleiter kommen noch heute zu einer Sondersitzung
zusammen.«
Zwar wäre dieses »kommen« der korrekte Konjunktiv I, aber in diesem Fall identisch mit
dem Indikativ. Wir könnten also nicht unterscheiden, ob die Möglichkeits- oder
Tatsächlichkeitsform gemeint ist. Aus dieser Zwangslage befreit uns der Konjunktiv II.
Also:
»Der Bürgermeister sagte, die Einsatzleiter kämen noch heute zu einer Sondersitzung
zusammen.«
Also - während sich die Kollegen der gedruckten Medien auch bei der Wiedergabe von
Zitaten in der indirekten Rede des Indikatives bedienen dürfen, sollten HörfunkJournalisten stets den Konjunktiv verwenden. Wer ganz sicher sein will, verwendet selbst
die indirekte Rede im Konjunktiv nicht, ohne einen ganz klaren Bezug zur Quelle, also zu
der zitierten Person herzustellen. Dann kann auch bei abgelenkten Hörern kein Zweifel
daran aufkommen, von wem diese Aussage stammt.
Beispiel:
»Düsseldorf. Mit der Vernehmung des vierten Angeklagten ist heute der Prozeß um den
Mordanschlag von Solingen fortgesetzt worden. Der 21jährige Christian B. bestritt erneut jede
Beteiligung an der Tat. Er sei in der fraglichen Nacht auf einem Polterabend gewesen und habe
sich anschließend von seiner Mutter abholen lassen. Auch der 16jährige Felix K. und der
17jährige Christian R. hatten vor Gericht abgestritten, den Anschlag verübt zu haben.«
Für eine Zeitungs-Nachricht ist diese Formulierung nicht zu beanstanden, aber im
Rundfunk könnte es noch deutlicher sein. Denn inzwischen wissen die Hörer, daß bei
Rundfunk-Nachrichten die Quelle oft erst nach der Satzaussage kommt - in vielen LeadSätzen beispielsweise.
Der Satz in der indirekten Rede »Er sei in der fraglichen Nacht ... « hätte also - ohne die
Hörer zu überraschen - auch ganz anders aufgelöst werden können:
»Er sei in der fraglichen Nacht auf einem Polterabend gewesen und habe sich anschließend von
seiner Mutter abholen lassen. Dies sagte sein Verteidiger, Rechtsanwalt Lehmann.«
In diesem Fall macht der Einsatz des Personalpronomens - »Er« - anstelle des zentralen
Begriffs (Christian B.) den Satz mißverständlich. Auch wenn der Großteil der Hörer
trotzdem verstehen wird, daß mit dem »Er« Christian B. gemeint ist, wäre eine klarere
Formulierung wünschenswert.
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Besser:
»Christian B. gab an, in der fraglichen Nacht auf einem Polterabend gewesen zu sein,
anschließend habe ihn seine Mutter abgeholt.«
oder:
»Er - Christian B. - sei in der fraglichen Nacht auf einem Polterabend gewesen ...
«Zur Erinnerung - es ist in der Tat nicht »verboten«, auch in der indirekten Rede den
Indikativ zu gebrauchen. Bei glasklaren Zuordnungen sei es gestattet, obwohl es im
Hörfunk nicht die eindeutigste Art der Formulierung ist. Wenn aber im Lead-Satz die
Quelle überhaupt nicht erwähnt wird, sollte der Indikativ nur bei unstrittigen Ereignissen
benutzt werden. Die Hörer erfahren im folgenden Beispiel nämlich erst im zweiten Satz,
daß es sich um ein Zitat handelt.
Beispiel:
»Kein Bauarbeiter aus Leipzig wird wegen des Schneider-Desasters seinen Arbeitsplatz
verlieren. Das versicherte Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube heute in Leipzig. Das
Fiasko kann seiner Ansicht nach ... «
Hier hat ein der Redakteur die Behauptung des Bürgermeisters in seinem Lead-Satz zu
einer feststehenden Tatsache gemacht. Es gibt zwar die Regel, daß die sogenannte
»daß-Transformation« (die Einleitung der wiedergegebenen Aussage mit einem »daß«)
reicht, um auf den Konjunktiv verzichten zu dürfen - aber dies gilt nicht, wenn ein »das«
irgendwo im nächsten Satz steht. In diesem Beispiel wäre der Konjunktiv also korrekter
gewesen.
Richtig:
»Kein Bauarbeiter aus Leipzig werde wegen des Schneider-Desasters seinen Arbeitsplatz
verlieren. «
Problemlos wäre die Verwendung des Indikatives dagegen gewesen, wenn der Zitierte
seinen Platz im Lead-Satz gefunden hätte.
»Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube sagte heute, daß kein Bauarbeiter aus Leipzig
seinen Arbeitsplatz wegen des Schneider-Desasters verlieren wird.«
So wird der Indikativ in deutschen Nachrichten-Texten in rund 40 Prozent aller Fälle
eingesetzt (laut Duden-Redaktion). Aber diese Ausnahme-Regelung bezieht sich
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ausdrücklich nur auf die Fälle, bei denen die zitierte Aussage mit einem »daß« eingeleitet
wird. Es darf also auch nicht heißen:
»Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube sagte heute, kein Bauarbeiter wird wegen des
Schneider-Desasters seinen Arbeitsplatz verlieren.«
Wenn die Quelle bereits genannt wurde, kann der darauffolgende Satz im Konjunktiv
stehen, ohne daß die Quelle noch einmal erwähnt werden muß - vorausgesetzt der Satz
ist wirklich eindeutig der bereits genannten Quelle zuzuordnen. Ist diese Zuordnung nicht
eindeutig genug, muß die Quelle auch im zweiten Satz noch einmal genannt werden.
Schließlich können die Hörer sonst nicht erkennen, daß es sich um ein Zitat handelt.
Beispiel:
»Oschatz. Ein Arbeiter ist bei einem Betriebsunfall in der Oschatzer BKN Baustoffwerke mbH
Sachsen ums Leben gekommen. Kurz vor Ende der Nachtschicht wurde der Mann ohne
Lebenszeichen und mit Verletzungen im Brustbereich von Kollegen an seinem Arbeitsplatz
aufgefunden, teilte die Kriminalpolizei mit. Vermutlich hat der Arbeiter den Unfall selbst
verschuldet, als er eine Störung an einer Bandanlage beseitigen wollte.«
Abgesehen vom verbesserungsbedürftigen Meldungsaufbau und dem unschönen LeadSatz ist dem Autor mit dem letzten Satz ein katastrophaler Fehler unterlaufen. Zwar hätte
er auf eine Wiederholung der Quellenangabe verzichten können. Aber nun ist genau das
passiert, was nicht vorkommen darf: Der Nachrichten-Redakteur hat aufgedeckt, wie es
zu dem Betriebsunfall kam. Anders können die Hörer den Schlußsatz ja nicht verstehen.
Seinen Fehler hätte der Redakteur vermutlich in dem Moment bemerkt, in dem er die
Quelle auch noch einmal im letzten Satz nennt. Zwei richtige Formulierungen stehen zur
Auswahl:
• vermutlich habe der Arbeiter den Unfall selbst
• nach Polizeiangaben habe der Arbeiter ...
Fazit: Gewissenhafte Nachrichten-Redakteure arbeiten bei zitierten Aussagen immer
mit dem Konjunktiv, auch dann, wenn der Indikativ erlaubt ist (beispielsweise nach
»daß«-Einleitungen). Schließlich ist die Frage, ob Konjunktiv oder Indikativ benutzt
werden soll, nicht nur ein sprachliches Problem, sondern auch ein journalistisches:
Wer auf den Konjunktiv verzichtet, verringert die Distanz zwischen Journalist und
Zitierten.
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3.15 Adjektive
Es gibt zwei Gründe, Adjektive so selten wie möglich einzusetzen: Adjektive sind fast
immer überflüssiger Wort-Ballast und Adjektive werten. Der Trend, für jedes Ereignis ein
passendes Adjektiv zu finden, ist eine unmittelbare Folge der Informationsüberflutung. In
der Hoffnung, nur so ihre Leser und Hörer noch fesseln zu können, werden Meldungen
mit Hilfe von übersteigerten Adjektiven aufgepeppt. Eine Unsitte, die inzwischen auch bei
den seriösen Nachrichten-Agenturen weit verbreitet ist.
Beispiele:
»... haben die Serben massiv zurückgeschossen ... «
Kann sich der Zuhörer unter einem »massiven« Beschuß etwas anderes vorstellen als
unter einem »Beschuß«? Und - wenn dieser Beschuß nun massiv war, was waren denn
dann die anderen Bombardements, die Hunderte von Menschen töteten? Vielleicht halbmassive oder fast-massive?
»... der schwere Verkehrsunfall ... «
Der Ehrlichkeit halber sollte dieses Wort inzwischen zusammengeschrieben werden:
»Schwererverkehrsunfall« - oder wann haben Sie das letzte Mal von einem Verkehrsunfall
gehört oder gelesen, der nicht »schwer« gewesen wäre? Viele Redakteure scheinen ihre
Kunden für so unbedarft zu halten, daß sie ihnen lieber ganz deutlich sagen, daß ein
Unfall mit drei Toten »schwer« ist, von allein würden die Hörer und Leser ja auch nicht
darauf kommen ... Ein norddeutscher Sender steigerte die sprachliche Katastrophe bis zur
Satire: »Bei einem schweren Verkehrsunfall in Hamburg-Langenhorn sind heute morgen
vier Menschen leicht verletzt worden ... «
»... der heftige Kälteeinbruch ... «
Diese Formulierung kommt mit Sicherheit nicht vom Wetteramt und wie der
Nachrichtenredakteur den Kälteeinbruch empfindet, interessiert niemanden. Reicht es den
Hörern tatsächlich nicht, die Temperaturen zu erfahren, um sich dann ein ganz
subjektives Urteil über diesen Kälteeinbruch zu erlauben?
»... Das Erdbeben hat in mehreren Orten Nord-Algeriens schwere Zerstörungen angerichtet.«
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»Schwere Zerstörungen« - wenn etwas zerstört ist, kann es keine Steigerung mehr
geben. Ein Teil eines Dorfes kann zerstört sein, eine große Kirche kann teilweise zerstört
werden - aber weder ein Teil des Dorfes noch der Kirche kann schwer zerstört werden.
Durch Adjektive lassen sich fast nie zusätzliche Informationen vermitteln, dies wäre aber
der einzige Grund, diese Wortgattung in den Nachrichten einzusetzen. Ohne Zweifel
setzen die meisten Nachrichtenredakteure Adjektive ein, weil sie sich damit eine exaktere
Beschreibung eines Ereignisses erhoffen. Nur eine Minderheit wird die Adjektive
gebrauchen, um zu werten und zu urteilen. Genau das passiert aber automatisch, wenn
Adjektive benutzt werden. Lassen Sie die Hörer selbst entscheiden, wie sie ein Ereignis
einstufen.
Also nicht:
»In Görlitz hat sich gestern abend ein schwerer Raubüberfall ereignet. Zwei bewaffnete Männer
stürmten in einen Drogeriemarkt auf der Luisenstraße und zwangen die Kassiererin zur
Herausgabe der Tageseinnahmen. Mit ihrer Beute ... «
Der durchreisende Berliner oder Frankfurter, der die Meldung im Autoradio hört, wird
schmunzeln müssen: Was für diese Provinzler doch alles ein »schwerer« Raubüberfall
ist ... Mit Adjektiven, die zum Bestandteil eines zusammengesetzten Hauptwortes
gemacht worden sind, sieht es nicht anders aus: Auch sie wollen die Hörer auf eine ganz
bestimmte Fährte locken.
Beispiel:
»Bei einem Großbrand ist in der vergangenen Nacht ein Teil der Inneneinrichtung einer Kirche
in Altona zerstört worden ... «
Wie wird es nun folgerichtig heißen müssen, wenn - wie bereits einmal passiert - eine
Ölraffinerie im Hamburger Hafen in Flammen steht? Vielleicht:
»Bei einem historischen, mörderischen, unglaublichen Riesenuniversumsgroßbrand ist in der
vergangenen Nacht ein Teil einer Abfüllanlage einer stillgelegten Raffinerie abgebrannt.«
Manchmal werden Hörer durch wertende Zusätze vor dem Hauptwort auf eine völlig
falsche Fährte gelockt.
Beispiel:
»Auf der nur fünf Meter breiten Gemeindestraße zwischen Halfern und Anschlag kam heute
morgen in einer leichten Kurve einem VW-Bulli ein LKW entgegen. «
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Man erwartet nun, daß auf die offenbar zu schmale Gemeindestraße noch einmal
eingegangen wird, sonst hätte der Redakteur ja diese Einordnung der Straße nicht
vorgenommen - aber Fehlanzeige. Wenn ein solch eindeutig wertendes Wort eingesetzt
wird, darf man sich über Irritationen bei den Hörern nicht wundern. Auch hier gilt: Der
Redakteur hat in den Nachrichten keine, wirklich überhaupt keine Einschätzungen und
kein Werturteile abzugeben.
Wenn auch Adjektive nicht mehr reichen, um mit Reizwörtern Hörer und Leser zu wecken,
werden Superlative konstruiert:
»Der Rauschgiftfund ist der bislang größte, der bei einer routinemäßigen Straßenkontrolle in
Süd-Kalifornien gemacht wurde.«
Vielleicht werden die Gurus der deutschen Sprache bald das Wort »bislang« zum Unwort
des Jahres erklären. Mit »bislang« läßt sich ein Thema selbst im Sommerloch an den
Mann und an die Frau bringen: So machte die Boulevard-Presse im Sommer 1994 ihre
Titelseite abwechselnd damit auf, daß wir nun den »bislang heißester Sommer seit 1953«,
den »bislang trockensten Sommer seit dem Mai 1912« und die »bislang längste
Sonnenscheindauer« seit diesem einen Tag irgendwann in diesem einen Monat hatten aber das ist ja auch egal ...
Dürfen wir nun überhaupt keine Adjektive mehr benutzen? Doch - wenn der Fluchtwagen
blau, der untergegangene Dampfer weiß und die Chemiewolke am Rhein gelb war, dann
erfüllen die Adjektive ihre eigentliche Aufgabe.
3.16 Satzende
Immer wieder ist in den Nachrichten ein ebenso unnötiger wie ärgerlicher Fehler zu hören:
Die Quelle oder eine Nebensächlichkeit wird an das Satzende gestellt. Dabei ist es in der
Alltagssprache genau umgekehrt, das Wichtigste eines Satzes steht fast immer am Ende.
Es heißt also nicht, wie in vielen Nachrichten-Sendungen zu hören ist:
Beispiel:
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»Die Hannover-Messe habe auch in diesem Jahr wieder gezeigt, daß sich die wirtschaftliche
Entwicklung in Deutschland verstärke, sagte Staatssekretär Martin Mustermann.«
Richtig:
»Staatsekretär Martin Mustermann sagte, daß die Hannover- Messe auch in diesem Jahr
gezeigt habe, daß sich die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland verstärke.«
Der Grund für diese Regel ist einfach: Selten ist die Quelle die eine, zentrale
Satzaussage. Ohne Zweifel ist sie die zweitwichtigste Information eines solchen Satzes,
aber sogar Staatssekretär Mustermann selbst wird einräumen, daß wichtiger ist was er
gesagt hat.
Haben wir erst einmal diese Regel akzeptiert werden wir mit der nächsten überhaupt
keine Probleme haben: Das zweitwichtigste eines Satzes steht nie an dessen Ende.
Lauschen wir probeweise der Alltagssprache, werden wir kaum hören, daß der Arbeiter
dem Kollegen zuruft:
»Ein schrecklicher Autounfall hat sich heute vormittag bei nasser Fahrbahn ereignet.«
Sondern:
»Heute Vormittag, als es so naß war, hat's einen schrecklichen Autounfall gegeben.«
Wir betonen unbewußt am Satzende - deswegen hat dort auch das zu stehen, was
unbedingt beim Hörer ankommen soll. Neben der Annäherung an das normale Sprechund Betonungsverhalten gibt es einen zweiten Grund, das Wichtigste des Satzes an das
Ende zu stellen: Viele Hörer schalten sich erst Sekundenbruchteile nach Meldungsbeginn
in die Meldung ein, nehmen den Inhalt erst auf, wenn die ersten Worte schon gefallen
sind. Diese Einhörzeit wird von den meisten Menschen nicht bewußt registriert, ist aber
hinlänglich nachgewiesen. Wird den Hörern diese minimale Einhörzeit nicht zugestanden,
sondern die entscheidende Satzaussage gleich durch die ersten Worte des Satzes
formuliert, haben die Hörer kein Chance mehr, den Kern zu erfassen.
Dies gilt besonders für den Lead-Satz: Oft schalten sich die Hörer erst nach
Sekundenbruchteilen in eine neue Meldung ein: Wer das Unwichtigste an das Ende, das
Wichtigste aber an den Anfang stellt läßt diesen Spät-Einschaltern keine Chance.
Beispiel:
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»Das Leipziger oder Entcreative-Center soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden, so die
Leipziger Messe-GmbH. Anfang Januar sollen die ersten Mieter einziehen können. Das werden
nach Messe-Angaben ausschließlich Firmen der Mode-Branche sein. Der Bau kostet insgesamt
43 Millionen Mark.«
Nun weiß der geneigte Hörer also, daß »die Leipziger Messe GmbH« irgendetwas gesagt
oder getan haben muß - was genau, das stand bereits am Satzanfang. Auch wenn der
Redakteur seine Meldung am liebsten unverändert lassen würde, wäre ein kleiner Eingriff
doch empfehlenswert.
Besser:
»Das Leipziger-Center soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Nach Angaben der
Leipziger Messe-GmbH sollen in das Center Anfang des Jahres die ersten Mieter einziehen.«
Anstelle der verwirrenden Namensangabe im Original-Lead-Satz reicht es aus, den
prominenteren Begriff zu nehmen. Zur Not kann der zweite Name im Verlauf der Meldung
auch noch genannt werden. Der Satzinhalt, der Kern der Aussage, ist nicht immer das
Objekt. Gleich drei verschiedene Wortgattungen können den Kern der Aussage darstellen
- müssen also am Ende des Satzes stehen:
1. Objekt als Kern der Aussage
»Der Bürgermeister versprach den Anwohnern, so schnell wie möglich einen
Kindergarten einzurichten.«
2. Prädikat als Kern der Aussage
»Der Bürgermeister versprach den Anwohnern, die umstrittene Kläranlage stillzulegen.«
3. Adverbiale Bestimmung (Umstandsbestimmung) als Kern der Aussage
»Der Bürgermeister kündigte seinen Rücktritt wegen der Skandale um den Kindergarten
und der Kläranlage für den nächsten Monat an.«
3.17. Behördensprache, Politikerdeutsch und Fachausdrücke
Abgesehen von dem Sonderfall News-Show ist auch die Umgangssprache für
Nachrichten tabu: Im Gegensatz zur Alltagssprache. Der Unterschied: Während die
Umgangssprache auch Slang- und Modeausdrücke einschließt, ist die Alltagssprache das
normalerweise verwendete Deutsch, bei dem weder Slang- noch Modeausdrücke
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vorkommen. Aber auch keine unerläuterten Fachausdrücke oder Fremdwörter. Gehen Sie
also nie von dem Vokabular eines Akademikers aus.
Auch die zu verwendende sprachliche Form eines Senders muß formatiert sein - es darf
nicht passieren, daß der eine Redakteur mundartliche Ausdrücke einfließen läßt, die
andere Redakteurin wie für eine Universitätszeitschrift schreibt und der studentische, freie
Mitarbeiter im Slang der 20jährigen formuliert. Einige Sender haben allerdings sogar
innerhalb einer Sendung erhebliche Sprünge im sprachlichen Erscheinungsbild: Während
die ersten drei oder vier Meldungen nachrichtlich-sachlich geschrieben sind, wird eine
etwas weniger wichtige Abschlußmeldung »unheimlich locker« in den Computer getippt.
Beispiel:
»In Leipzig geht der Fahrradklau um. Dabei sind nach Angaben der Polizei die Diebe nicht
wählerisch. Billig-Räder sind genauso wie Mountain-Bikes im Rennen. Im letzten Jahr sind über
22.000 Drahtesel entwendet worden. Die Polizei empfiehlt Rahmen und beide Räder an
festverankerte Gegenstände anzuschließen.«
Umgangssprache im Lead-Satz, unsachliche Formulierungen im dritten Satz - so
überzeugt man keine Hörer, daß die Nachrichten dieser Station immer gleichermaßen
kompetent und sachlich sind.
Nicht nur Vokabeln der Umgangssprache beeinflußen das Erscheinungsbild der
Nachrichten, auch Redewendungen.
Beispiel:
»Die Botschafter der 16 NATO-Staaten beraten in Brüssel über weitere Einsätze in Bosnien.
UNO-Generalsekretär Buthros Gali hatte die NATO aufgerufen, die Sicherheitszonen durch
neue Luftangriffe zu schützen. Die USA wollen auf die Forderungen eingehen und einen
härteren Kurs gegen die Serben fahren, wenn möglich gemeinsam mit Rußland.«
»Einen härteren Kurs fahren« - das ist weder sachlich, noch anschaulich, noch
nachrichtlich. Es ist ein Stammtisch-Ausdruck, der nichts in den Nachrichten zu suchen
hat.
Keine Umgangssprache - dieses Gebot darf nun auch nicht dazu führen, daß aus der
schlichten Formulierung eine bürokratische wird. Behördensprache, Begriffe aus dem
Politikerdeutsch oder dem Juristen-Deutsch sind meist unverständlich. Übersetzen ist
Pflicht.
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Beispiel:
»Der Sohn des Steuer-Flüchtlings Eduard Zwick, Johannes Zwick, wird in der nächsten Woche
zwangsweise vor dem Landtags-Untersuchungsausschuß vorgeführt. Außerdem muß er ein
Ordnungsgeld in Höhe von 1.000 Mark zahlen. Das beschloß das Gremium, nachdem ... «
Besser:
»Der Sohn des Steuer-Flüchtlings Eduard Zwick, Johannes Zwick, muß in der nächsten Woche
vor dem Untersuchungs-Ausschuß des Landtages erscheinen. ...«
Vorgänge werden - wann immer es geht - so anschaulich wie möglich geschildert. Und
Ausdrücke, die in den Amtsstuben oder an Universitäten entstanden sind, mögen
beeindruckend anzuhören sein - aber anschaulich sind sie nicht.
Beispiel:
»... Die CSU und die junge Union forderten außerdem in einem Antrag, die Infrastruktur der
heimischen Badeseen zu verbessern. Im Rahmen eines Vereins könnte dies am besten
geschehen. Zu diesem Zweck stellte der Kreisausschuß noch einmal 40.000 Mark zur
Verfügung.«
Was kann sich hinter der »Infrastruktur« eines Badesees verstecken? Grillplätze?
Umkleidekabinen? Parkplätze? Nur eine konkrete Benennung dieser
»Infrastruktur«-Maßnahmen würde die Meldung interessanter und anschaulicher machen.
Daß unverständliche Ausdrücke nichts in Nachrichten-Meldungen zu suchen haben, ist
eigentlich klar. Theoretisch jedenfalls. Die folgenden Ausdrücke stammen aus nur sechs
aufeinanderfolgenden Sendungen eines öffentlich-rechtlichen Senders.
»Polizeiliche Mittel«
Verhaftungen? Promille-Test?
»Planmittel«
zur Verfügung stehendes Geld
»finanzieller Fehlbetrag«
Minus
»defizitäre Entwicklung«
weniger Umsatz
»strukturelle Maßnahmen«
Maßnahmen
»duales Ausbildungssystem«
zweigleisige Ausbildung,
im Betrieb und auf der Berufsschule
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3.18 Bericht und Meinung
Selbstverständlich schleichen sich in Nachrichten-Meldungen auch Wertungen ein. Das
Kommentieren und Analysieren sollten wir aber den Kollegen überlassen. Übrigens dieses Neutralitätsgebot gilt für alle Bestandteile einer Nachrichten-Sendung, auch für die
O-Ton-Berichte der Reporter. Im Eifer des Gefechts vergessen aber Reporter manchmal,
daß sie in den Nachrichten auftreten.
Nachrichtensprecher:
»Während einer Demonstration von Bosniern in Hamburg flogen Steine gegen das
Konsulatsgebäude des ehemaligen Jugoslawiens.«
Reporter:
»Jetzt zieht der Demonstrationszug weiter, die Situation hat sich beruhigt. Das liegt
vermutlich daran, daß die Demonstranten erkannt haben, daß man Gewalt eben
nicht mit Gewalt bekämpfen darf.«
Pastorale Zeigefinger-Mentalität ist (schlechten) Kommentaren vorbehalten, in
Nachrichten darf sie nie vorkommen. Während die Fehler in dem Demonstrations-Beitrag
offensichtlich sind, hat dieser bayrische Privatsender weniger deutlich, aber trotzdem
unzulässig gewertet:
Nachrichtensprecher:
»Auch heute gab es wieder Warnstreiks im öffentlich Dienst. Die Gespräche
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern waren gestern nacht abgebrochen worden.«
Reporter:
»In der Innenstadt von Berlin herrschte den ganzen Tag über Chaos. Am härtesten
traf es aber Bremen. Dort ... «
»Chaos« ist ein Begriff, mit dem die meisten Menschen Negatives assoziieren. Chaoten
sind fast immer die, die das Chaos anrichten. Über diese Verwandtschaft mit - von der
konservativen Presse so bezeichneten - Hausbesetzern oder Atomkraftgegnern wären mit
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Sicherheit die wenigsten gestandenen Gewerkschafter einverstanden. Mehr Sachlichkeit
wäre hier seriöser gewesen.
Auch »am härtesten traf es Bremen« ist ein nicht akzeptabler Verstoß gegen NachrichtenRichtlinien: Ein Herzinfarkt ist ohne Zweifel ein harter Schicksalsschlag, aber diese
gesetzlich erlaubte Arbeitskampfmaßnahme kann höchstens den Straßenverkehr, kaum
aber eine ganze Stadt »hart treffen«.
Vor allem Berufseinsteiger sollten bei Live-Berichten vorsichtig sein und vor dem Beginn
ihres Beitrages im Geiste noch einmal mögliche Klippen im Manuskript durchgehen. Ein
Reporter bei einem Hamburger Privatsender durchlitt die längsten Minuten seines
Lebens, als unerwartet der Geschäftsführer, der Chefredakteur und der Programmdirektor
in den Nachrichten-Raum stürzten und nach dem Mitschnitt-Band der vergangenen
Sendung griffen. Der Grund: Einer der Gesellschafter des Kommerz-Senders (in diesem
Fall sei die abwertende Bezeichnung gestattet) hatte sich beschwert, daß der Reporter in
seinem Bericht angeblich Sympathien für eine Demonstration auf dem Rathausplatz hatte
erkennen lassen. Hätte der Mitschnitt nicht belegt, daß der Reporter lediglich eine mit den
Demonstranten sympathisierende Politikerin zitiert hatte, wäre dieser Reporter das letzte
Mal für diesen Sender unterwegs gewesen.
Eine der größten Nachteile der O-Ton-Nachrichten ist ohne Zweifel, daß die saubere
Trennung von Bericht und Meinung schnell verwischen kann, vor allem bei Live-Auftritten
unerfahrener Reporter. Dabei muß es oberstes, unumstößliches Prinzip aller NachrichtenRedaktionen sein, daß die Neutralität und Objektivität selbstverständlich auch für O-TonBerichte innerhalb von Nachrichten gilt. Die zunehmende Skepsis in der Bevölkerung
gegenüber sich selbst in Sensationsmacherei überbietenden Medien sollte für jeden
Redakteur Anlaß genug sein, die Nachrichten sozusagen nach einem unbestechlichen
»Reinheitsgebot« zu machen - ohne fremde Zutaten wie Wertung, Tendenz oder
Kommentar. Berichte wie der folgende haben in Nachrichten nichts zu suchen.
Nachrichtensprecher:
»Schwerin. Der Landtag kommt heute zu einer insgesamt dreitägigen Sitzung
zusammen. 46 Punkte stehen auf der Tagesordnung.«
Reporter:
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»Begonnen wird die 101. Sitzung der Parlamentarier mit einer aktuellen Stunde
zum Thema >Wirtschaftliche Lage in MecklenburgVorpommern<. Redner unter
anderem: der Ministerpräsident und der Wirtschaftsminister. Weitere heutige
Punkte sind die Verabschiedung der neuen Landesbauordnung und die der
Funktionalreform. Im Zuge der Landkreisneuordnung regelt die Funktionalreform
die Aufgabenverteilung zwischen Land, Kreisen und Gemeinden neu. Abzuwarten
bleibt, ob angesichts der bevorstehenden Wahlen dieses Jahres, die Abgeordneten
wieder einmal die Polemik vor die sachliche Auseinandersetzung setzen, oder ob
es wieder ziviler und angenehmer im Schweriner Schloß zugehen wird.«
Nicht immer fließen Werturteile vorsätzlich in die Berichte ein. Manchmal wird auch
aufgrund von Flüchtigkeitsfehlern das Neutralitätsgebot mißachtet.
Beispiel:
»Der neue Landesvorstand der Hamburger SPD hat gestern seinen vier abtrünnigen Mitgliedern
vom rechten Parteiflügel die weitere Mitarbeit in der Parteiführung angeboten. Vier Vertreter des
rechten SPD-Lagers hatten in den vergangenen Tagen aus Protest gegen einen erheblichen
Linksruck bei der Wahl des neuen Landesvorstandes ihre Mandate zurückgegeben. Der neue
Landesvorstand bedaure diese Entscheidung, sagte Parteichef Kuhbier ... «
Diesen Gefallen sollten wir als Journalisten den »vier Vertretern des rechten SPD-Lagers«
nicht tun - ihnen einfach glauben, daß sie wegen eines »erheblichen Linksrucks« die
Mandate zurückgegeben haben. Vielleicht haben die Vier in Wirklichkeit ja ganz andere
Gründe? Vielleicht geben sie schon morgen zu, daß sie ihre Mandate zurückgegegeben
haben, um endlich in die CDU eintreten zu können? Und wie würden wir als »objektiv und
sachlich« berichtende Journalisten dann dastehen? Als leichtgläubiges Sprachrohr von
Politikern. Es kann also nur heißen:
»Vier Vertreter des rechten Parteilagers hatten in den vergangenen Tagen ihre Mandate
zurückgegeben. Als Grund gaben sie - so wörtlich - den erheblichen Linksruck ihrer Partei bei
der Wahl des Landesvorstandes an.«
Ein »Linksruck« in einer Partei kann schließlich kaum eine feststehende Tatsache sein,
jeder wird so einen Vorgang anders bewerten. Dann aber dürfen die Berichterstatter auch
nicht die Interpretation einer der beteiligten Fraktionen einfach übernehmen.
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Generell gilt, daß das Gebot der absoluten Überparteilichkeit Vorrang vor allen anderen
Kriterien hat. Wenn eine Formulierung auch nur in den Verdacht geraten könnte, zu
gewichten, Stellung zu beziehen oder tendenziös zu sein, muß sie ausgetauscht werden.
Dies geht in vielen Fällen mit ganz einfachen sprachlichen Hilfsmitteln:
Nicht:
»Nach Auffassung der CDU hat die PDS Gelder in Millionenhöhe unterschlagen ... «
Sondern:
»Nach Auffassung der CDU soll die PDS Gelder ... «
Nicht:
»Aufgrund der von der FDP befürchteten Unruhe ... «
Sondern:
»Aufgrund einer von der FDP befürchteten Schäden ... «
Umstrittene Ausdrücke müssen immer als Wort-Kreation des Zitierten kenntlich gemacht
werden: Wer von einem »vollen Boot« angesichts steigender Flüchtlings-Zahlen spricht,
muß als Urheber der Wortschöpfung klar zu erkennen sein.
Nicht erlaubt ist es dabei, über das Ziel hinauszuschießen: Die Einleitung eines Zitates mit
»... angeblich soll ... « ist zuviel des Guten: Dies bewertet das Gesagte als
wahrscheinliche Lüge, zumindest aber als sehr unwahrscheinliche Behauptung.
Weil heute auch in Zeitungs- und Hörfunkredaktionen Rassismus und Neo-Nazismus
anzutreffen sind, sollten Journalisten besonders sensibel sein, wenn es um
»Minderheiten« geht. Das ethische Gebot ist dabei recht einfach umzusetzen: Wenn eine
Straftat nicht im Zusammenhang mit der Nationalität des mutmaßlichen Täters steht,
braucht die Herkunft auch nicht herausgestellt zu werden. Schließlich berichten wir ja
auch nicht darüber, ob der Bankräuber Hesse, Sachse oder Berliner ist. Wenn die
Nationalität aber eine Rolle spielt - z. B. bei organisierter Kriminalität, bei der ein
bestimmtes Delikt von einer bestimmten Ausländer-Gruppe begangen wird - wäre es
unseriös, dies zu unterschlagen. Doch bei der Mehrzahl der Kriminal-Fälle spielt es
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überhaupt keine Rolle, aus welchem Land der mögliche Täter ursprünglich stammt - eine
Zuordnung kann also entfallen.
Angesichts der Unterstützung des Nationalsozialismus durch die überwältigende Mehrheit
der damaligen Journalisten in Deutschland sollte das Gebot, Nachricht und Meinung
voneinander zu trennen, über jedem Redaktionsschreibtsich hängen - symbolisch
zumindest. Die Leichtfertigkeit, mit der mit diesem Gesetz umgegangen wird, ist
erschreckend. So wird eine Errungenschaft verspielt, die die deutschen Journalisten nach
1945 bzw. nach 1989 als Geschenk der alliierten Verwaltungen erhielten - die Objektivität.
Peter von Zahn, der den Vorgänger des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg mit
aufbaute:
»Das deutsche Erbübel, die Vermischung von Nachricht und Meinung, bekämpfte er (der
Sender-Leiter der Alliierten, W.Z.) mit Zähnen und Klauen. Er wies seinen Schützlingen nach,
wieviel Meinung und Vorurteil in einem harmlos klingenden Adjektiv stecken kann.«
3.19.
Zahlen und Abkürzungen
Es gibt Abkürzungen, die wirklich nicht mehr erklärt werden müssen: NATO, UNO oder
USA sind längst in die Alltagssprache übernommen worden. Aber der Begriff »KSZE«
sollte am Ende einer Meldung erläutert werden; die Hörer werden Ihnen dankbar sein.
Es gibt einen Privatsender in der Nähe von Aachen, der nicht von einer verhängnisvollen
Abkürzung abzubringen ist: Dort taucht immer wieder ein »OB Peter Meier« in den
Nachrichten auf. Nicht nur wegen der Verwechslungsgefahr mit der gleichnamigen
Tampon-Marke »OB« empfiehlt es sich dringend, die zwei Sekunden Zeit zu finden, die
der »Oberbürgermeister« in Anspruch nimmt.
Auch bei Abkürzungen, die einem Großteil Ihrer Hörer bekannt sein dürften, muß einmal
in der Meldung der vollständige Name der Institution genannt werden - dies gebietet die
journalistische Korrektheit schließlich reden wir in Meldungen ja auch nicht nur von
»Kohl«, obwohl 99 Prozent der Hörer den Vornamen des Kanzlers kennen. In der
folgenden Meldung wurde gleich zweimal mit nicht erklärten Abkürzungen gearbeitet.
Beispiel:
»Wismar. In wenigen Tagen will die EU-Kommission über die Verlagerung der MTW-Werft
entscheiden. In der Stadt wächst die Sorge um einen möglichen negativen Bescheid aus
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Brüssel. Deshalb wurden gestern Politiker und Werft-Mitarbeiter nochmals aktiv. Wismars
Bürgermeisterin Rosemarie Wilken und die MTW-Betriebsratvorsitzende Inge Pohlmann
appellierten in einem offenen Brief, den Erhalt des Werkes zu garantieren.«
Das Gebot »Tell one story only« bezieht sich in abgeschwächter Form auch auf Zahlen:
Das Aufnahmevermögen Ihrer Hörer ist begrenzt, auch bei solch wichtigen Ereignissen
wie Wahlen. Es macht keinen Sinn, neben den bundesweiten Wahlergebnissen der
Parteien in Prozent und deren voraussichtlicher Abgeordnetenzahl auch noch die
Entwicklung der Wahlbeteiligung in Prozent zu melden, wenn möglicherweise auch noch
die Ergebnisse einer gleichzeitig stattgefundenen Landtagswahl präsentiert werden
müssen. Wenn Sie wirklich alle Zahlen verlesen müssen: Absätze bilden und ganz
besonders auf die klare Strukturierung achten.
3.20 Zeitangaben
Nachrichten sind aktuell - die Hörer müssen es nur merken. Erstaunlich oft wird
vergessen, beim Formulieren der Meldung den konkreten, aktuellen Anlaß zu nennen.
»In Ostdeutschland mußten im letzten Jahr über die Hälfte der Stellenvermittlungen durch die
Arbeitsämter subventioniert werden. Diese Bilanz stellte der Deutsche Gewerkschaftsbund in
Berlin auf.«
Das reicht nicht - die Hörer müssen zumindest erfahren, ob die Bilanz »heute vormittag«
oder »heute nachmittag« vorgestellt wurde. Noch weniger konkret ist die Angabe im
nächsten Beispiel:
»Für den Neubau des Bundeskanzleramtes in Berlin ist ein europaweiter Architektenwettbewerb
angelaufen. Ein Preisgericht entscheidet Mitte Dezember über die eingereichten Unterlagen.
>Wir liegen damit voll im Zeitplan<, so der Chef der Berliner Senatskanzlei, Volker Kiehne.«
Nur Insider könnten vermuten, daß diese Meldung aus dem »Stehsatz« kommt - also tief
in die Altpapierablage gegriffen wurde, weil gerade eine Meldung aus Berlin fehlte. Denn
es müßte möglich sein, einen aktuellen Anlaß zu finden: Wann hat der Chef der
Senatskanzlei Stellung genommen? Seit wann können interessierte Architekten die
Wettbewerbsunterlagen anfordern - seit heute?
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Doppelt notwendig wäre eine Zeitangabe im nächsten Beispiel gewesen:
»Der Kulturausschuß hat die Verwaltung in seiner letzten Sitzung beauftragt, ein Konzept für die
zukünftige Nutzung des alten Kurhauses zu erstellen. Wenn das Museum Ende des Jahres
auszieht, soll das alte Kulturhaus für die Aachener Kulturszene nutzbar gemacht werden.«
Moment - die »letzte« Sitzung des Kulturauschusses? Vermutlich die letzte Sitzung vor
der Sommerpause - oder sollte dieser honorige Ausschuß tatsächlich in Aachen
abgeschafft werden? Und auch die Aachener möchten wissen, wann der Ausschuß getagt
hat.
»Ich kann doch nicht schreiben, daß das schon gestern war« - das klagen
Lokalredakteure, die auf eine Geschichte durch die örtliche Zeitung aufmerksam werden,
das Ereignis liegt dann manchmal schon 24 Stunden zurück. Da bleibt nur der Ausweg,
die Zeitangabe etwas unpräziser ausfallen zu lassen. Wenn also vor der Sechs-UhrSendung auf der Titelseite der Lokalseite entdeckt wird, daß es am Vortag zur selben Zeit
einen Chemie-Unfall gegeben hat, dann darf allgemein von »gestern« gesprochen
werden. Denn das ist die Kehrseite des schnellsten Mediums Radio: Die Hörer erwarten
auch von Lokalsendern, daß sie Ereignisse nicht erst 24 Stunden später melden.
4. Auswahl - die unterschiedlichen Meldungen
4.1
Was ist eine Meldung?
Viele Journalisten schätzen ihren Beruf, weil es nicht für jedes Problem einen genau
vorgegebenen, wissenschaftlich fundierten Lösungsweg gibt. So läßt sich auch diese
Frage nicht eindeutig beantworten, aber die Antwort läßt sich zumindest einkreisen.
Zunächst mit der Definition der Gebrüder Grimm: Eine Nachricht ist »eine Mittheilung zum
Darnachrichten«.
Diese Definition ist noch nicht veraltet und sie bringt uns der Antwort ein Stück näher: Die
Grimmsche Definition beschreibt auch heute noch eine wichtige Kategorie von Meldungen
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- nämlich die Meldungen, die die Hörer interessieren, weil die mitgeteilten Ereignisse eine
Bedeutung für sie haben, weil sie möglicherweise Auswirkungen auf ihren Alltag haben.
So gesehen haben die Gebrüder Grimm frühzeitig die Bedeutung von Service-Meldungen
erkannt. Ob Wetter-Prognose, Steuer- und Kaffeepreiserhöhung - in gewisser Weise
werden sich die Hörer danach richten: Sie kaufen vielleicht weniger Kaffee, und bei der
Steuererklärung sind sie noch sorgfältiger als sonst.
Auch die Rundfunkanstalt BBC, die über Jahrzehnte für alle Radio-Stationen in Europa
prägend war, hat diese Kategorie der Meldungen ausdrücklich in den
Programmgrundsätzen verankert: Meldungen sind danach Informationen, die für die
Zuhörer von persönlichem Belang sind.
Zumindest für diese Meldungskategorie gibt es ein fast schon objektives Kriterium. Denn
ob ein Ereignis für eine größere Zahl von Menschen Auswirkungen haben kann oder nicht
ist nicht von subjektiven Erwägungen des Redakteurs abhängig.
Und all die anderen Meldungen? »News is whats different?« Ein vielzitierter Satz und ein
wenig hilfreicher Allgemeinplatz, der aus dem US-amerikanischen Radio-Journalismus
stammt. Schließlich haben wir es bei dem Krieg in Bosnien, bei dem Kieler SchubladenUntersuchungsauschuß, der Stagnation der Arbeitslosenzahlen, der anhaltenden
Hitzewelle ständig mit Meldungen zu tun, die eben nicht aufgrund einer Veränderung ins
Programm kommen - im Gegenteil.
In den folgenden Abschnitten geht es um »Mittheilungen zum Darnachrichten«, »um
Meldungen von persönlichem Belang« und um Ereignisse, die »different« sind. Welche
der beschriebenen Meldungs-Kategorien in Ihrer Redaktion besonders berücksichtigt
werden sollen, muß jeder Sender im Detail selbst festlegen. Aber es gibt Kategorien von
Meldungen, die unabhängig von der Zielgruppe der jeweiligen Station zu einem
ansprechenden Nachrichten-Angebot dazu gehören.
4.2 Service-Meldungen
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Ob Sie diese Meldungs-Art als Service-, Nutzwert- oder News-youcan-use-Nachricht
bezeichnen, ist einerlei: Es geht um Ereignisse, die Auswirkungen auf den Alltag Ihrer
Hörer haben oder haben können.
Beispiel:
• Steuern wieder erhöht!
• Benzinpreise steigen!
• Mietrecht erweitert!
• Ozonbelastung steigt!
Immer, wenn es um finanzielle Ent- oder Belastungen geht wenn gesundheitliche Risiken
oder medizinische Fortschritte zu melden sind, wenn es um die Stauprognose für das
Wochenende oder den Skiwetterbericht für den Harz geht - immer, wenn die Hörer oder
zumindest ein nicht unerheblicher Teil von ihnen die Informationen konkret für den Alltag
verwerten können, kann mit einer besonderen Aufmerksamkeit für diese Sendung
gerechnet werden. Angesichts der Informationsflut werden Nachrichtenangebote
besonders dann honoriert, wenn sie sich mit dem Alltag praktisch auseinandersetzen.
So ist die Meldung über die neue Mietrechtsregelung nicht nur eine Top-Meldung, weil die
Pressekonferenz zu diesem Thema zufällig in der eigenen Stadt tagt, sondern weil viele in
der Zielgruppe des eingeschalteten Senders selbst von allen Änderungen im Mietrecht
betroffen sein werden.
Stauprognosen zum Wochenende, die Sperrung wichtiger Straßen, der Ausfall wichtiger
Zugverbindungen, Wetterlagen mit möglichen gesundheitlichen Folgen (Ozon, Smog),
sich ändernde Steuergesetze, gesundheitsgefährdende Lebensmittel, die Meldung von
TUI, daß alle Mallorca-Reisen im Sommer ausgebucht sind, die Meldung des ADAC, daß
Fährplätze nach Griechenland kaum noch zu bekommen sind - das alles sind Themen,
die die Hörer als Service-Meldungen in der Sendung erwarten dürfen. Wenn manchmal
auch nicht die gesamte Original-Meldung der Presse-Agentur oder einer Presse-Stelle
diesen Service-Charakter hat, so gibt es doch oft einzelne Aspekte, die eine ServiceInformation darstellen.
In der folgenden Nachrichten-Sendung wurde die Service-Meldung nicht prominent
plaziert und der Service-Charakter einer anderen nicht herausgestellt.
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Beispiel:
• Keine Nato-Flüge gegen Serben
• Neue Übergangsverfassung in Südafrika
• SPD bietet Abtrünnigen Mitarbeit an
• Strompreise und Sozialmieten steigen
• Bürgerschaft berät Haushalt 1994
• Demo gegen Bildungsabbau
• Wetter
Zum Zeitpunkt dieser Nachrichten-Sendung war erst kurze Zeit bekannt, daß es
tatsächlich eine Erhöhung der Strompreise und Sozialmieten geben wird. Dies wäre die
Aufmacher-Meldung der Sendung gewesen.
Die beiden ersten internationalen Meldungen behandeln Sachverhalte, die im Fall Serbien
seit Tagen unverändert bzw. im Fall Südafrika eine reine Vollzugsmeldung sind.
In der letzten Meldung wird eine Möglichkeit verschenkt, diese bloße Vorab-Meldung für
den Hörer interessanter zu gestalten. Der durchaus enthaltene Service-Aspekt der
Meldung ist nicht erkannt worden:
Beispiel:
»Mit einer Demonstration durch die Hamburger Innenstadt wollen gegen Mittag Lehrer, Schüler
und Eltern gegen Bildungsabbau protestieren. Der Protest richtet sich vor allem dagegen, daß
inHamburg trotz rapide steigender Schülerzahlen in den nächstenJahren keine zusätzlichen
Lehrerstellen geschaffen werden sollen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rechnet
mit 50.000 Demonstrationsteilnehmern. Geplant ist zunächst ein Sternmarsch aus
verschiedenen Stadtteilen zur Moorweide. Ab elf Uhr wird esdaher im gesamten Stadtgebiet zu
Verkehrsbehinderungen kommen.«
Allein die Tatsache, daß (vom Zeitpunkt der Nachrichten-Sendung an gerechnet) in mehr
als sechs Stunden eine Demonstration beginnt, ist keine Meldung. Zur Meldung würde
diese Vorausschau werden, wenn zwei interessante Faktoren an die Spitze gerückt
würden: Die ungewöhnlich große Zahl der erwarteten Teilnehmer (»Gesprächswert«)
oder/ und die dadurch zu erwartenden erheblichen Verkehrsbehinderungen (»ServiceMeldung«).
Besser:
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»Zu einer Demonstration gegen die Bildungspolitik des Hamburger Senates werden heute bis zu
50.000 Menschen erwartet. Diese Zahl nannte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft,
die zu dem Protestmarsch aufruft. Wegen der Demonstration muß bereits ab elf Uhr im
gesamten Stadtgebiet mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden. Der Protest richtet sich
vor allem dagegen, daß an den Schulen aufgrund fehlender Lehrer immer mehr
Unterrichtsstunden ausfallen.«
Obwohl es mehrere denkbare Leads gibt, wurde die Original-Meldung unverändert in allen
drei Morgen-Sendungen so präsentiert. Dabei hätte man die Meldung in der nächsten
Stunde durchaus mit den erwarteten Verkehrsbehinderungen beginnen können, also mit
dem Service-Aspekt.
Noch besser:
»In der Hamburger Innenstadt muß heute ab elf Uhr mit erheblichen Verkehrsbehinderungen
gerechnet werden. Die Behinderungen werden aufgrund einer Demonstration erwartet, an der
nach Angaben der Veranstalter bis zu 50.000 Menschen teilnehmen werden. Die Demonstration
richtet sich gegen Einsparungen im Bildungsbereich; an dem Protestzug wollen sich Lehrer,
Eltern und Schüler beteiligen.«
Es gibt auch Service-Meldungen, die keine sind: jeder Autofahrer weiß, daß es sich im
Herbst empfiehlt, frühzeitig das Abblendlicht einzuschalten, darauf muß man niemanden
aufmerksam machen - auch nicht, wenn der Automobilverband die dritte Presse-Mitteilung
dazu veröffentlicht.
Service-Meldungen, die über Ereignisse berichten, die den Alltag der Zuhörer
unmittelbar betreffen und ihm unter Umständen hilfreiche Informationen anbieten,
sollten besonders berücksichtigt werden. Dies gilt auch für Service-Bestandteile
innerhalb einer Meldung.
4.3 Gesprächswert-Meldungen
Erna sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung, Erwin steht in der Küche und wäscht ab,
dabei hört er Nachrichten - Ihre Nachrichten! Nach dem Abwasch geht er in das
Wohnzimmer zu seiner Frau - und wenn er jetzt seiner Frau nicht eine einzige
interessante Meldung aus Ihrer Nachrichten-Sendung zu erzählen hat, haben Sie bei der
Auswahl Ihrer Meldungen etwas falsch gemacht. Eine Nachrichten-Sendung, bei der nicht
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eine Meldung vorkommt, über die es wert wäre zu sprechen, ist - eine Sendung ohne
jeden Gesprächswert.
Gesprächswert-Meldungen sind dabei nicht mit den bunten Meldungen zu verwechseln »bunt« sind auch Kuriositäten aus Italien oder den USA, die in dem Sendegebiet einer
Station in Thüringen oder Bayern kaum zum Gesprächsthema werden. Einen hohen
Gesprächswert haben dagegen Themen, die sich auch in der Boulevard-Presse
niederschlagen. Der Umstand, daß über ein Verbrechen auch in der unter Journalisten
weniger angesehenen - Straßenverkaufszeitung berichtet wird, darf nicht dazu führen,
daß die eigenen Nachrichten dieses Thema nicht aufgreifen.
»Das melde ich nicht, daß ist mir zu blutig« - niemand erwartet von einem Redakteur, daß
er unnötig blutige Einzelheiten detailliert beschreibt. Aber ein blutiges Verbrechen, einen
grauenhaften Unfall nicht zu melden, weil eine persönliche Abneigung gegen solche
Berichte besteht, ist Zensur: Auch diese Ereignisse gehören zum Alltag und beschäftigen
die Menschen weit mehr als die dreiundreißigste Pressekonferenz in Bonn zur
Gesundheitsreform.
Es versteht sich von selbst, daß ein ernstzunehmender Radio-Sender bei solchen
Meldungen dem Voyeurismus keinen Vorschub leistet. Einzelheiten, die nicht nötig sind,
um das Ereignis zu verstehen und lediglich Emotionen auslösen sollen, sind unseriös. Im
Übrigen gehen inzwischen die ersten US-amerikanischen Fernseh- und Radio-Stationen
wieder davon ab, besonders blutige Ereignisse marktschreierisch zu verbreiten. Die
Publikums- und Hörerreaktionen deuten immer mehr darauf hin daß der Schock- und
damit Werbeeffekt solcher Meldungen längst erschöpft ist. Im folgenden zwei Beispiele für
schlechte Nachrichten-Meldungen.
Ein Hamburger Privatsender zu einem tödlichen Unfall:
»Der 12jährige lag in einer riesigen Blutlache«
Ein schleswig-holsteinischer Privatsender zu der tödlichen Attacke eines Hundes gegen
ein Baby:
»Durch den heftigen Biß zersplitterte der Schädelknochen«.
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Solche Sätze sind unseriös und haben nur die Absicht, bei den Hörern einen Schock- und
Gruseleffekt auszulösen. Es reicht, zu schreiben:
»Der 11jährige starb noch an der Unfallstelle«
und:
»Der Hund fügte dem Baby tödliche Bißverletzungen zu«
In beiden Fällen ist es ausnahmsweise angebracht, sich der Behördensprache
anzunähern, um nicht als »Revolver«-Sender belächelt zu werden.
Gesendet werden müssen diese Informationen auf jeden Fall. Anstelle marktschreierisch
Details der blutigen Ereignisse auszugraben, gibt es durchaus Möglichkeiten, auch bei
diesen Themen mit Hilfe von O-Tönen Sachkompetenz zu beweisen.
Im Fall des tödlich verletzten Babys entschied eine andere Nachrichtenredaktion nach
heftigen Diskussionen schließlich, auf einen sehr detaillierten und farbenfrohen Bericht
eines freien Reporters vom Ort des Geschehens zu verzichten. Dafür wurde folgende
Alternative gefunden.
Nachrichtensprecher:
»Hamburg. Der Hund einer Familie in Hamburg-Bergstedt hat heute nachmittag das Kleinkind
der Familie angefallen und tödlich verletzt. Der Bernhardiner ist bei der Familie aufgewachsen
und galt nach Polizeiangaben als völlig friedlich. Gegenüber radio X. nahm der Berliner
Tierpsychologe Y. zu diesem Fall Stellung:«
O-Ton:
»Es ist durchaus möglich, daß bei einem Tier völlig unerwartet Aggressionen auftreten, das ist
keine Seltenheit ... «
Entsprechend des von der Redaktion übereinstimmend festgestellten hohen
Gesprächswertes - bei gleichzeitigem Unbehagen, dies überhaupt zu melden - entschied
man, eine »neue Drehe« für dieses Thema zu finden. Während sich andere Privatsender
damit beschäftigten, den Abtransport des Kindersarges zu schildern, berichtete man hier
über mögliche Ursachen und Konsequenzen.
Einige Sender wählen Meldungen gezielt aus, die nichts mit ihrem Verbreitungsgebiet
oder ihrer Zielgruppe zu tun haben, sondern ausschließlich nach dem Vorbild der
Straßenverkaufszeitungen einen Werbe- und Hinhöreffekt haben sollen. Skurrile
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Ereignisse um den Preis journalistischer Seriösität gehen auf Kosten der Glaubwürdigkeit
der eigenen Nachrichten - irgendwann erwarten die Hörer keine ernsthaften Informationen
mehr.
Beispiel (aus Hamburg):
»Ein blutiges Ende nahm gestern am späten Abend ein Fischessen unter Freunden und
Bekannten in Frauenau im bayrischen Wald. Ein 43jähriger Arbeitsloser erschoß eine 27jährige
Frau, mit der er befreundet war, und deren Mutter. Weitere Schüsse trafen einen Urlauber.
Anschließend erschoß der Täter sich selbst.«
Keine Frage - wenn dieses Ereignis im Empfangsgebiet dieses Hamburger Senders
stattgefunden hätte, wäre es selbstverständlich zu melden gewesen. So aber handelt es
sich um eine reine Boulevard-Meldung, die in Hamburg kaum jemanden interessieren
wird. »Was soll das?« ist aber eine Reaktion bei Hörern, die zum Umschalten führen kann
- zunächst bei den Nachrichten.
Auch bei Katastrophenmeldungen muß die Information im Vordergrund stehen. Dazu
gehört auch, auf Schicksale aufmerksam zu machen, ohne in einen »BoulevardJournalismus« abzugleiten wie in der folgenden Meldung.
Beispiel:
»Durch das Hochwasser in Thüringen ist erneut ein Mensch ums Leben gekommen. Die Leiche
des 64jährigen Rentners wurde im Schwarzatal im Wasser treibend entdeckt. Der Mann wurde
seit zwei Tagen vermißt. Er hatte sich in seinem Schuppen aufgehalten, als dieser von den
Wassermassen unterspült und weggerissen wurde. Am Donnerstag war bereits die Leiche eines
59jährigen Mannes gefunden worden. Inzwischen sinken die Wasserstände in Thüringen
wieder.«
Der kursive Teil dieser Meldung hat in der Sendung eines seriösen Senders nichts zu
suchen, solange dieses Ereignis nicht in der eigenen Stadt oder der eigenen Region
spielt. Nur dann würden die genauen Umstände des Todes zu einer wichtigen Information
werden. In der obigen Meldung erfüllen sie nur den Zweck, beim Zuhörer einen
Gänsehaut-Effekt zu erzielen.
Andere wichtige Informationen zu diesem Thema werden dafür in dieser Meldung nicht
erwähnt, weil die Zeit nicht reicht. Dabei gab es zu diesem Zeitpunkt und zu diesem
Thema durchaus eine ganze Fülle sachlicher Informationen, wie die folgende Meldung
zeigt die zur selben Zeit bei dem Konkurrenzsender lief. Auch dieser Sender hat das
tragische Einzelschicksal des 64jährigen Rentners aufgegriffen, es aber nicht plakativ
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ausgewalzt - denn die Nachricht ist die gesamte Hochwasser-Situation und nicht der
Todesfall eines Einzelnen.
Beispiel:
»In Sachsen-Anhalt steigt das Hochwasser in der Region Sachsen-Anhalt und im Landkreis
Stassfurt bedrohlich. Am Pegel Halle-Trotte hat das Hochwasser einen neuen Rekordstand
erreicht.Auch das Hochwasser der Bode stieg weiter an. Aus Thüringen, Niedersachsen und
Baden-Württemberg wird dagegen ein Stillstand beziehungsweise Rückgang des Hochwassers
gemeldet. In Thüringen haben Rettungsmannschaften heute ein weiteres Todesopfer geborgen,
der 64jährige Rentner war in der Schwarza ertrunken. «
Ohne Gesprächswert-Meldungen ist ein Radio-Sender nicht denkbar: Das, was die Hörer
morgens beim Bäcker, zu Arbeitsbeginn oder in der Pause besprechen, macht das
Lebendige einer Stadt, einer Region oder eines ganzen Landes aus. Daraus folgt, daß
Themen wie »Innere Sicherheit«, »Verkehr« oder auch »Verbrechen« ein ganz normaler
Bestandteil einer Nachrichten-Sendung sein müssen.
Auch bei Gesprächswert-Meldungen gelten alle Formulierungsregeln, aber eine ganz
besonders: Wenn ein solches Ereignis in die Sendung aufgenommen wird, dann weil der
Redakteur überzeugt ist, daß die Menschen aufgrund der Fakten der Meldung über dieses
Thema reden werden. Dann muß dem Ereignis auch nicht mit unnötigen Adjektiven noch
mehr Farbe gegeben werden.
Beispiel:
»Wippoldeswalde. In einer dramatischen Aktion haben Mitarbeiter der Feuerwehr, des
Rettungsamts und Beamte der Polizei das Leben eines Neugeborenen gerettet. Nach
Polizeiangaben hatte die hochschwangere Mutter auf der Toilette eine Sturzgeburt erlitten, die
sich nicht durch Wehen angekündigt hatte. Das Baby war dabei durch das Fallrohr von der
ersten Etage des Hauses bis ins Erdgeschoß gerutscht, wo es steckenblieb und von
Rettungskräften befreit wurde. Der kleine Junge kam zur Behandlung in ein Dresdner
Krankenhaus.«
Das Adjektiv »dramatisch« ist überflüssig wie ein Kropf - wer diese Meldung hört, ist von
der Dramatik der Ereignisse durch die nüchternen Fakten hinreichend überzeugt.
In derselben Sendung wird auch der umgekehrte Fehler gemacht - eine gar nicht so
uninteressante Meldung wird so geschrieben, daß sie fade und trocken wirkt. Dann reden
die Leute selbstverständlich nicht darüber, was sie in diesem Sender gerade gehört
haben, der Werbeeffekt ist verschenkt worden.
Beispiel:
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»Dresden. Die sächsische Landeshauptstadt will sich im Juli in Japan offiziell um die Austragung
des magischen Weltkongresses 1997 bewerben. Die Chancen schätzt der Präsident des
magischen Zirkels von Deutschland, Wolfgang Sommer, als sehr gut ein. Bei dem Weltkongress
würden sich rund 2.000 Magier aus allen Nationen in Dresden treffen.«
Daß sich die Landeshauptstadt um die Austragung eines Kongresses bewirbt - das wird
bei den meisten Hörern nach dieser Meldung hängenbleiben (oder auch nicht). Mit einem
nachrichtlich völlig korrekten Umbau dieser Meldung läßt sich aber das Hörer-Interesse
viel eher wecken:
Besser:
»Dresden. In vier Jahren werden möglicherweise rund 2.000 Zauberer in die Landeshauptstadt
kommen. Die Voraussetzung dafür ist, daß Dresden in vier Jahren Gastgeber des magischen
Weltkongresses ist. Der Präsident des magischen Zirkels von Deutschland, Wolfgang Sommer,
schätzt die Chancen einer Bewerbung Dresdens um diese Gastgeber-Rolle als sehr gut ein.
Offiziell wird sich die Landeshauptstadt im Juli bewerben.«
Fragen Sie sich wirklich bei jeder Meldung, die Sie auswählen wollen: Wen könnte das
interessieren und warum? Oder halte nur ich die Meldung für so wichtig, daß ich sie
unbedingt bringen muß?
Die Chefin eines wenig erfolgreichen norddeutschen Privatsenders wurde während einer
Krisensitzung gefragt, warum sie nicht das Musikformat ändere. Antwort: »Weil ich jetzt
endlich mal die Musik spielen kann, die ich selbst am liebsten höre.«
Senden Sie nicht die Nachrichten, die Sie selbst am liebsten hören würden - senden Sie
die Meldungen, die die Mehrheit Ihrer Hörer interessieren könnten.
Ereignisse aller Art, die erwartungsgemäß in der Öffentlichkeit und damit unter den
Zuhörern diskutiert werden, sind ein wichtiger Bestandteil der Nachrichten. Dazu
gehören ausdrücklich auch Meldungen über Verbrechen oder Unglücksfälle.
Entscheidend ist der voraussichtliche Gesprächswert. Berichtet werden sollte aber
sachlich und im Zweifelsfall eher zurückhaltend.
4.4. »Provinz«-Meldungen
Was passiert mit dem Brand in der Bäckerei oder im Keller eines Mietshauses? Was mit
der Kreistagssitzung, die mal wieder nichts Spannendes zu bieten hatte? Muß ich das
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melden oder wirken meine Nachrichten dann provinziell? Während der Kellerbrand,
solange es wirklich nur ein auf den Keller beschränktes Feuer war, getrost den
kostenlosen Anzeigenblättern überlassen werden kann, sieht es bei dem Brand in der
Bäckerei anders aus. Und eine Kreistags-Sitzung ist journalistische Pflichtübung: Alle
Sender - ob öffentlich-rechtlich oder privat - müssen sich bemühen, in die Öffentlichkeit zu
transportieren, wie Politik funktioniert (vgl. 4.6 »Chronistenpflicht«). Aber - sowohl den
Kellerbrand als auch die langweilige Sitzung muß man so anschaulich und lebendig
aufbereiten wie möglich.
Es geht darum, auch durch das Informieren über kleinere Ereignisse in der Stadt oder der
Region den Hörern das sichere Gefühl zu vermitteln, daß der eigenen Station nichts
entgeht und daß garantiert auch dann berichtet wird, wenn einmal in ihrem Stadtteil oder
ihrem Landesteil etwas passiert. Der Brand in einer Bäckerei ist Stadtteilgepräch des
Tages. Und die Kreistags-Sitzung gehört zu den Themen, die Ihre Hörer - wenn auch
manchmal nur der Vollständigkeit halber von einem ernstzunehmenden Sender erwarten allerdings erwarten sie auch die Ehrlichkeit, nichts zu melden, wenn »nix los war«. Erst
die Summe dieser kleineren Ereignisse in den Nachrichten schafft bei den Hörern das
Vertrauen, mit Sicherheit etwas zu erfahren, wenn in ihrem Stadtteil, in ihrer Nähe etwas
passiert ist.
Es müssen keineswegs immer die spektakulären Geschichten sein. Bei einem LokalSender beispielsweise geht es darum, möglichst viele interessierende Facetten der Stadt
abzubilden.
Beispiele:
• 20 Parkuhren aufgebrochen
• Vollsperrung der Stadt-Brücke
• Überfall auf Zeitungskiosk
• Bürgermeister trifft Boris Becker
• Radstreifen Hochallee fertiggestellt
• Neo-Naziaufkleber an der Uni
• Sparkasse kündigt drei neue Filialen an
• Schuldenberg des Fußballvereins wächst
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Der Kerngebietsausschuß, die Bezirksversammlung, der Ortsausschuß, die
Kreisversammlung - alles öffentliche Sitzungen. Nur sind die Zuhörer- und
Zuschauerbänke meistens leer. Es sei denn, es geht um eine umstrittene
Verkehrsberuhigung, einen Bebauungsplan an prominenter Stelle des Stadtteils oder um
die Verlagerung eines Schrebergartens. Dann sind die Initiativen und Anwohner auf den
Beinen. Dies sollte ein Anhaltspunkt für die Berücksichtigung stadtteilpolitischer Themen
sein. Die meisten Zuhörer wissen über die Bezirksversammlungen und die
angeschlossenen Institutionen zumindest eines: Daß diese kaum etwas Wichtiges
entscheiden dürfen.
Zu der - teilweise von den Medien erfundenen - Politikverdrossenheit trägt auch bei, daß
ausführlich und langatmig über politische Ereignisse berichtet wird, deren Belanglosigkeit
schnell zu durchschauen ist. Bei Meldungen aus Kreis- und Bezirksversammlungen, aus
Fachausschüssen und Senioren-Beiräten gibt es eine ganz wichtige Regel: Nehmen Sie
Ihre Hörer nicht auf den Arm. Wenn es nun einmal aus untergeordneten politischen
Gremien überhaupt nichts zu berichten gibt dann lassen Sie die Presse-Mitteilung liegen.
Wünschen Sie dem Verbandssprecher, der Ihnen eine 100zeilige Meldung diktieren will,
freundlich einen schönen Tag.
Wenn Sie an einem Sonntag vormittag oder an einem Freitag abend nur eine solche
belanglose Meldung haben und sonst gar nichts, dann formulieren Sie so knapp und
interessant wie irgend möglich. Bei solchen Meldungen ist weitaus mehr Mühe
erforderlich als bei Gesprächswert-Meldungen, Service-Meldungen oder nationalen/
internationalen Meldungen. Sonst langweilen Sie Ihre Hörer.
Beispiel:
»Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Stadtdirektor. Diese Möglichkeit will jetzt der Vorstand der
Mendener SPD überprüfen. Nachdem der Fraktionsvorstand Protokolle einer DezernentenKonferenz vom 20. September vergangenen Jahres eingesehen hatte, sah er sich in der
Meinung bestätigt, daß Stadtdirektor Franz-Josef Lohmann ohne entsprechende
Rechtsgrundlage gehandelt habe. Lohmann habe gegen einen Beschluß des Bauausschusses
überprüfen lassen, ob auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne an der Bismarckstraße eine
Schule eingerichtet werden könne.«
Wer soll damit etwas anfangen können? Nichts stimmt: Der Lead-Satz soll offenbar durch
die Themenmarke ersetzt sein, die Dienstaufsichtsbeschwerde aus der Themenmarke ist
aber noch gar keine (wird ja erst geprüft), die Hörer rätseln über ominöse Protokolle einer
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Konferenz, über deren Funktion man nichts erfährt, ein Satz bricht mit einer Länge von 27
Wörtern munter Rekorde, und erst im letzten Satz wird vorsichtig angedeutet, um was es
eigentlich geht - so wird Lokalpolitik zur Provinzposse. Man kann nur versuchen, diese
Meldung zu retten.
Besser:
»Möglicherweise Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Stadtdirektor. Eine solche Beschwerde will
möglicherweise die Mendener SPD gegen Stadtdirektor Franz-Josef Lohmann einreichen. Der
Fraktionsvorstand der SPD wirft Lohmann vor, sich nicht an einen Beschluß des
Bauausschusses gehalten zu haben. Nach Überzeugung des SPD-Vorstandes hat Lohmann
eigenmächtig geprüft, ob auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne an der Bismarckstraße eine
Schule eingerichtet werden kann. Eine solche Prüfung hatte der Bauausschuß ausdrücklich
abgelehnt.«
Immerhin vier Informationen in der Originalmeldung sind überflüssig: »Protokolle«,
»Dezernenten-Konferenz«, »20. September«, »Rechtsgrundlage« Ehrlich währt auch in
Lokal-Nachrichten am längsten, selbst bei Themenmangel und Sommerloch. Nicht jeder
Hörer kennt sich in kommunalpolitischen Institutionen so gut aus, daß eine Einordnung
eines Ereignisses möglich wäre. Das müssen die Hörer auch nicht, denn dies ist die
Aufgabe der Journalisten. Die diese Aufgabe nicht immer erfüllen.
Beispiel:
»Der Kerngebietsausschuß Stellingen hat sich gestern gegen eine Aufhebung des
Landschaftsschutzgebietes Niendorfer Gehege ausgesprochen. Der Antrag war von der SPD,
der CDU und den Grünen gemeinsam eingebracht worden. Die Baubehörde will quer durch das
Niendorfer Gehege eine Verbindungsstraße zum Flughafen bauen. «
Der ganz normale Hörer wird sich nun zu seinem Arbeitskollegen umdrehen und sagen
»nu kommt das Ding doch nicht durch«. Und schon hat der Sender ein Stückchen
Informationskompetenz verloren. Denn selbstverständlich muß am Ende dieser Meldung
der wichtige, legendäre »hochauflösende« Satz stehen:
»Der Beschluß des Kerngebietsausschusses hat für die Planungen der Baubehörde keine
Auswirkungen«.
und wenn die Zeit reicht:
»..., weil das Niendorfer Gehege ausschließlich von der Stadt und nicht dem Bezirksamt
verwaltet wird.«
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So ist die notwendige Erklärung mit einer Selbstkontrolle verbunden: Denn, wenn der
Beschluß des Kerngebietsauschusses keine Auswirkungen hat, sollte man überlegen, ob
diese Meldung nicht in den Papierkorb gehört.
Es gibt aber auch Meldungen, die bei allen Formulierungskünsten, aller Anstrengung und
bei aller Verzweifelung über nicht vorhandene Themen nicht in die Sendung gehören.
Meldungen, die Hörer langweilen und die nach keinem einzigen Kriterium der
Nachrichten-Auswahl eine Existenzberechtigung haben.
Beispiel:
»Kunststoffverarbeiter tauschen Erfahrungen aus. Rund 50 Unternehmen aus Hagen, dem
Ennepe-Ruhr-Kreis und dem Märkischen Kreis haben sich in Hagen zu einer Gruppe
zusammengeschlossen. Der Kreis will sich in loser Folge über Fachthemen aus dem
Kunststoffbereich austauschen. Organisiert werden die Veranstaltungen von der Industrie- und
Handelskammer und dem Kunststoffinstitut in Lüdenscheid.«
Sind wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden, aus diesem Langweiler noch eine
passable Meldung zu machen? Hat man gefragt, ob die Kunststoff-Industrie im
Sendegebiet wirtschaftliche Schwierigkeiten hat? Oder ob sie vor ungeahnten
Umsatzsteigerungen steht? Wenn auch das alles nichts erbracht hat, um diesem
substanzlosen Sechszeiler Leben einzuhauchen - ab in den Papierkorb.
Dieses Beispiel soll aber keine Aufforderung sein, auf die ganz große Story zu warten. Es
ist eine Aufforderung, an den anderen Geschichten »dran« zu bleiben. Das rettet über
meldungsschwache Zeiten hinweg, verhindert, daß man »KunstoffverarbeiterArbeitsgruppen« melden muß und demonstriert Kompetenz durch Kontinuität.
Beispiel:
»Rabiater Autofahrer ermittelt. Der Fahrer des VW-Bulli der vor zwei Wochen eine 27jährige
Frau auf der Felsenmehrstraße angegriffen hatte, konnte von der Polizei ausfindig gemacht
werden. Es handelt sich um einen 28jährigen Hemaraner. Die Polizei ermittelt zur Zeit noch die
näheren Tatumstände.«
Das ist keine große Geschichte, aber sicher haben vor zwei Wochen viele Hörer dieses
Lokal-Senders am Abendbrottisch oder am Arbeitsplatz über diesen Fall gesprochen. Und
jetzt dreht sich Erwin wieder um und ruft zu seiner Frau im Wohnzimmer: »Erna, nu haben
sie diesen ollen Schlägertypen« Und wo hat Erwin das erfahren - in seinem Lokalsender.
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Auch kleine Geschichten im Lokalen oder der Region können meldenswert sein wenn man journalistisch korrekt alles aus der Meldung herausholt. Nachfragen!
Nachhaken! Dran bleiben! Wirkliche Null-Meldungen gehören dagegen in den
Papierkorb.
4.5 »Bonner«- oder Parlaments-Meldungen
Eine Meldung aus der unmittelbaren Umgebung der Hörer muß bei den Nachrichten fast
immer Priorität vor Bonner Politik-Meldungen haben. Für landesweite Sender gilt dies mit
Einschränkungen: Eine Top-Story aus dem Bundesland schlägt eine wichtige Meldung
aus Bonn, aber von den Landes-Sendern werden in aller Regel Nachrichten-Angebote
erwartet, die am ehesten mit der ARD-Tagesschau oder ähnlichen Sendungen zu
vergleichen sind (siehe auch »Landes-Magazine«).
Meldungen aus Bonn (das heißt alle bundespolitischen Meldungen) sind für das
Programm eines Stadt- oder Regionalsenders nur von entscheidender Bedeutung, wenn
sie zweifelsfrei einen gewissen Stellenwert im Tagesgespräch der Zuhörer haben oder
das eng auszulegende Kriterium der Chronistenpflicht erfüllen. So wird über eine
Bundestagsdebatte zum §218 auch berichtet werden, wenn die bevorstehende Diskussion
noch nicht das Interesse der breiten Öffentlichkeit hat.
Aber im Gegensatz zu den 50er und 60er Jahren hat das Radio und damit auch die
Radio-Nachricht eine Funktion weitgehend eingebüßt: Was Tagesgespräch ist,
bestimmen heute weitgehend die Fernsehmagazine und (nach wie vor) die Zeitungen. Es
ist nicht aussichtsreich, mit dem Medium Rundfunk ein Thema ins Gespräch bringen zu
wollen, daß von den anderen Medien nicht beachtet wird.
Im Zweifelsfall - »Nehme ich diese bundespolitische Meldung mit oder nicht?« - sollten
Sie sich fragen, ob dieses Ereignis auch auf den ersten drei Seiten einer renommierten
Zeitung stehen könnte oder ob die ARD-Tagesschau die Meldung am Abend ebenfalls
aufgreifen würde.
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Kein Hörer wird sich für einen privaten oder regionalen Sender entscheiden, weil er dort
etwas über bundespolitische Themen erfahren will. Die Hörer wollen zwar auch das
Wichtigste aus Bonn, Berlin oder Frankfurt hören, aber eben nicht in erster Linie. Bei
landesweiten privaten Sendern wird erwartet, daß zumindest das nationale und
internationale Pflichtprogramm der Nachrichtenversorgung erfüllt wird.
Der hohe Anteil an solchen »Bonner« oder zukünftig Berliner Meldungen in allen
Nachrichten-Agenturen kann keine Orientierungshilfe für die Zusammenstellung der
eigenen Sendung sein. Der Kellerbrand im Dortmunder Kaufhaus ist für die Nachrichten
von Radio Dortmund und der S-Bahn-Ausfall in München für Radio Gong wichtiger als die
FDP-Präsidiums-Sitzung zu Bundeswehreinsätzen im Ausland, solange diese keine
unmittelbaren Auswirkungen hat.
Eine besondere Unterart der »Bonner« oder Parlaments-Meldungen sind die
Verlautbarungs-Meldungen, die aber inzwischen auch bei den ARD-Anstalten immer mehr
am Aussterben sind: Daß Herr Bundeskanzler ohne jeden aktuellen Anlaß meint, die
Wirtschaftslage als überragend darstellen zu müssen, ist sein gutes Recht - nur sollte das
kein Journalist melden, der von seinen Hörern ernst genommen werden will.
Bonner und internationale Politik ist für die Nachrichten lokaler und regionaler
Sender wichtig, wenn sie einen objektiv anzunehmenden Gesprächswert unter den
Zuhörern hat oder eine aus journalistischer Sicht jederzeit begründbare, wichtige
Entwicklung dokumentiert (»Chronistenpflicht«).
4.6 Chronistenpflicht
Die Pflicht, wirklich wichtige politische oder gesellschaftliche Prozesse auch dann zu
dokumentieren, wenn sie nicht gerade abgeschlossen oder abgebrochen werden, gilt für
alle Nachrichten-Sendungen. Doch die Auswahlkriterien sind dabei ebenso streng
auszulegen wie bei den Bonner Meldungen. Die x-te ergebnislose Sitzung des StolpeUntersuchungsausschusses ist keine Meldung, der vorläufige Abschlußbericht zur
»Schubladen«-Affäre selbstverständlich. Zu dieser Chronistenpflicht gehört auch,
Themen, die einst mit größter Aufmerksamkeit dargestellt wurden, sporadisch wieder
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aufzunehmen. Auch wenn es vielleicht nicht gerade einen wirklich zwingenden Anlaß gibt:
Was ist aus dem großen Prozeß geworden, der am Anfang so stark beachtet wurde?
Was ist aus der Gesetzes-Initiative geworden, die einst so lautstark begrüßt wurde? Was
ist mit den Verbotsanträgen gegen die rechtsextremen Parteien, die vor neun Monaten
eingereicht wurden?
Erkundigen Sie sich einmal in der Presse-Stelle des Bundestages, wieviele
Untersuchungssauschüsse noch tagen und wann das letzte Mal jemand über einen dieser
Ausschüsse berichtet hat ... Das ist keine Nachricht? Doch - das gehört zum NachrichtenGeschäft genauso dazu wie der Untergang eines Ozean-Dampfers.
Es gibt auch eine falsch verstandene Chronistenpflicht - das Sendungsbewußtsein einiger
ARD-Redaktionen, frei nach dem Motto: Ich halte es für wichtig, also müssen die Leute
jetzt zuhören. Diese Berufsauffassung berücksichtigt nicht, daß die Hörer jederzeit zu
einem Konkurrenzprogramm ausweichen können. Nachrichten sollen weder Schul- noch
Bildungsfunk sein.
Auf die lokale oder regionale Politik bezogen, ist das Kriterium der Chronistenpflicht
selbstverständlich großzügiger anzulegen: Auch die lllte Stunde der
Koalitionsverhandlungen ist dann Gegenstand der Berichterstattung (wenn auch in der
gebotenen Kürze).
Nachrichten dokumentieren Ereignisse abgesehen von allen anderen Kriterien, wenn
sie für die politische oder gesellschaftliche Entwicklung eine tatsächliche
Veränderung bedeuten oder bedeuten könnten. Das Kriterium ist mit wachsender
Entfernung zum Sendegebiet immer enger auszulegen.
4.7 Bunte Meldungen
Eine bunte Meldung ist noch lange keine Gesprächswert-Meldung:
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AP
AP
AP
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AP
AP
AP
AP
AP
AP
EILT
ZNV-Nr: 28.6.00554
Eingang: 09:07
REAG.NORD. TIER, WASS
AP-071
2 vm 61
APD 3258
Alligator-1 VORRANG
Vorrang
Kaiman lebend gefangen
Im Sommer 1994 berichteten alle Medien tagelang über den Kaiman »Sammy«, der
seinem Besitzer entwischt und in einem Baggersee untergetaucht war. Darüber sprach
die Nation, das war ein Gesprächs-Thema. Einer bunten Meldung hätte die Agentur ap
auch nie die Einstufung »Vorrang« verliehen, die normalerweise z. B. bei dem Tod
prominenter Persönlichkeiten eingesetzt wird.
Bunte Meldungen dagegen sind meistens skurril, oft makaber und haben eines
gemeinsam: Sie sind selten Gesprächsstoff, sie sollen die Hörer nur für einige Sekunden
zum Schmunzeln oder zum Schaudern bringen.
Als Ende der 80er Jahre die betuliche Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der ersten Seite
die Meldung »Bauer sah Ufo-Schwarm« druckte, war dies noch ein Medien-Ereignis:
Bunte Meldungen wurden lange Zeit verschämt auf der letzten Seite der Zeitung
untergebracht, durchaus mit dem Wissen der Redaktionsleiter, daß die »vermischte«
Seite zu den meistgelesenen Abschnitten seines Blattes gehört. Inzwischen schreibt die
Süddeutsche Zeitung auf der Titelseite »Deutsche werden immer fetter! « und
unterhaltende Meldungen ziehen von ihren Plätzen in der Magazin-Sendung immer
stärker in die Nachrichten-Sendung ein. Doch während der Leser einer Zeitung die
Möglichkeit hat eine ihn nicht interessierende »lustige« Meldung zu überlesen, ist der
Radio-Hörer der Nachrichten-Auswahl des Redakteurs ausgeliefert.
Kaum etwas ist peinlicher als eine bunte Meldung, die von den Zuhörern weder als
originell noch als witzig betrachtet wird. Es gibt nur einen Ausweg: Die bunten Meldungen
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bleiben der Magazin-Sendestrecke vorbehalten, in den Nachrichten haben sie nichts zu
suchen, schon gar nicht als Pflichtveranstaltung. Es gibt ohnehin selten ausreichend gute
bunte Hörfunk-Meldungen, wenn aber der »lustige Aussteiger« zur Pflicht wird, kommen
Redakteure bei der Suche nach einem entsprechenden Ereignis in größte
Schwierigkeiten. Als Aussteiger aus längeren Nachrichten-Magazinen können sie
allerdings durchaus gebraucht werden, weil hier ohnehin eine lockerere Präsentation
angebracht ist.
Bunte Meldungen sollten im Gegensatz zu den Gesprächswert-Themen den
Unterhaltungsmagazinen vorbehalten bleiben.
4.8 Wetter-Meldungen
Die Wetter-Meldung ist Service und Gesprächswert zugleich - die Hörer werden sich
vielleicht nicht mehr an die dritte Meldung erinnern können, aber mit Sicherheit daran, ob
Regen zu erwarten ist oder nicht. Am Ende der Nachrichten wird das Wetter ausführlicher
präsentiert: Ist eine höhere Ozonbelastung oder sogar Smog zu erwarten? Wie wird das
Wetter zum Feierabend? Muß mit winterlichen Straßenverhältnissen gerechnet werden?
Wie wird es in den nächsten 48 Stunden, besonders am Wochenende?
Bei Sendern, die ihre Nachrichten mit Schlagzeilen beginnen, sollte als letzte Schlagzeile
eine Wetter-Schlagzeile stehen.
Beispiel:
»Heute nachmittag um 13 Grad, schwachwindig und trocken. Die Meldungen ... «
Auch eine noch plakativere Plazierung ist denkbar:
>JINGLE: >Nachrichten!«<
»Das Wetter: Schwachwindig, gelegentlich leichter Sprühregen, um 13 Grad.«
»Die Schlagzeilen: Ozon-Alarm in Frankfurt/ Oder ausgelöst.«
»In Frankfurt /Oder ist heute nachmittag der sogenannte Ozon-Alarm ausgelöst worden.«
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Der Wetterbericht hat viel von seinem Verlautbarungs-Charakter verloren und ist zum
wichtigen Service-Element geworden. Inzwischen bemüht sich sogar die ARDTagesschau darum, einen allgemeinverständlichen Wetterbericht zu präsentieren. Wenn
wir akzeptieren, daß die Wettervorhersage für viele Hörer sehr wichtig ist, dann müssen
wir uns entsprechend bemühen, eine interessante und nutzwertorientierte Vorhersage
anzubieten.
Also nicht:
»Ein Grönlandtief über dem Baltikum verändert seine Lage nur langsam, an seiner Rückseite
gelangt zunächst mäßig warme Luft in den Vorhersagebereich, die später unter
Hochdruckeinfluß gerät ... «
Diese Form des Wetterberichtes gehört auch bei den meisten ARD-Nachrichten der
Vergangenheit an. Zu Recht: Der Autor hält sich ja nicht einmal an die grundlegende
Regel, daß das Wichtigste am Anfang einer Meldung stehen muß. Im Gegenteil - dieser
Aufbau ist chronologisch, so wurden Zeitungsmeldungen um die Jahrhundertwende
formuliert.
Stattdessen:
»Heute werden die Temperaturen bis auf 15 Grad steigen. Gegen nachmittag wird es noch
wärmer, dann können bis zu 20 Grad erreicht werden.«
Die neueste Errungenschaft ist die prozentuale Regenwetter-Prognose: Wer denkt, daß
diese Angaben die Erfindung des jeweiligen Nachrichten-Redakteurs sind, der irrt. Diese
Daten werden neuerdings vom Wetterdienst geliefert. Ob die Angabe
»Regenwahrscheinlichkeit 30 Prozent« wissenschaftlich haltbar ist, mag dahingestellt
bleiben. Aber es hört sich auf jeden Fall sachlicher, nachrichtlicher an als »am Nachmittag
kann es vereinzelt regnen«.
Daß in den Wetterbericht auch Warnungen vor Smog und Ozon gehören - solange diese
nicht ohnehin als normale Meldung am Anfang der Sendung stehen - versteht sich von
selbst.
Einige Sender leisten sich einen »Wetter-man« oder eine »Wetter-woman« Als O-Ton
über Telefon oder im Studio stellt er oder sie die Wetteraussichten vor. Diese Form der
Wetterberichterstattung hat zwei Vorteile, wenn sie professionell erfolgt:
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1. Der Wetter-man ist wesentlich schneller als der Wetterdienst, er/ sie kann aktuell
auf Veränderungen reagieren und den Bericht immer genau dem Programm-Format
anpassen.
2. Ein Wetter-O-Ton-Bericht kann lockerer präsentiert werden als der normale
Meldungsteil. So kann der Wetter-Berichterstatter als Bindeglied wirken, eine
unauffällige Verknüpfung zwischen Nachrichten und der anschließend beginnenden
Magazin-Sendung ist möglich.
Bei O-Ton-Nachrichten spricht nichts dagegen, mit einem Wetter-Reporter zu arbeiten.
Bei den landesweiten Sendern liegen die Kosten für einen Wetter-man kaum höher als für
das Abonnement beim Deutschen Wetterdienst.
Die Wetter-Schlagzeile zu Beginn der Sendung unterstreicht die Bedeutung, die der
Hörer diesem Nachrichten-Bestandteil beimißt. Entsprechend hörerorientiert wird der
Wetterbericht am Ende der Sendung formuliert. Unverständliche Fachausdrücke sind
auch im Wetterbericht nicht erlaubt. Wann immer dies möglich ist, werden
Wetterberichte serviceorientiert aufgebaut, damit Hörer einen möglichst großen
Nutzen von dieser Vorhersage haben. Die Menschen wollen nicht wissen, ob ein
Grönlandtief kommt, sondern ob sie den Regenschirm mitnehmen müssen.
4.9 Exklusiv-Meldungen
Wenn sich ein Politiker / Prominenter / Experte in einem Exklusiv-Interview geäußert hat,
ist ein entsprechender Interview-Ausschnitt selbstverständlich Bestandteil der nächsten
Nachrichten-Sendung. Wird das aufgezeichnete Interview erst nach den Nachrichten
gesendet, darf ein entsprechender Hinweis auf die Sendezeit des vollständigen Interviews
nicht fehlen.
»Das vollständige Interview hören Sie um ... « »Weitere Informationen zu diesem Thema ... «
Da der Hörer erwarten darf, nur aussagekräftige und relevante Interviews auf der
Frequenz zu hören, sollten entsprechende Meldungen dazu in den Nachrichten prominent
plaziert werden.
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Das Interview oder der Interview-Ausschnitt müssen als eigene journalistische Leistung
gekennzeichnet werden:
•
»... in einem Radio X Interview ... « (o.ä.)
•
»... XY sagte in Radio X: ... «
Nachrichtensprecher:
»Für eine private Hochschule in Görlitz hat sich jetzt der Universitätsverein ausgesprochen. Wie
der Vorsitzende Ralf K. gegenüber Radio X erklärte, überlege man derzeit, wie ein solches
Projekt zu realisieren sei.
Wir wissen um die finanziellen Nöte und Schwierigkeiten im Freistaat. Wir können nur
annehmen, daß sich das in den nächsten zehn Jahren verändern wird, so daß irgendwann mal
wieder jemand die Möglichkeit sieht, eine solche private Hochschuleinrichtung mitzutragen und
mitzufinanzieren, sofern in dem Freistaat bis dahin nicht solche Bedingungen sind, daß wir
unser eigentliches Ziel, die Gründung einer staatlichen Universität erreichen.«
Bei aller Liebe zur Exklusiv-Meldung: »Gegenüber« einem Sender mag sich alles
mögliche befinden, aber nur selten der Interviewpartner - auch der Interviewpartner erklärt
meistens nichts. Also korrekt: »Wie der Vorsitzende Ralf K. Radio X sagte ... / ... unserem
Sender sagte ... «
Für selbstrecherchierte Geschichten gelten andere Gesetze: Hier ist es erlaubt, ein
Thema »höher zu hängen« als es normalerweise - wenn es von einer NachrichtenAgentur stammen würde - der Fall wäre. Schließlich wollen wir für unsere Nachrichten
werben, wie könnte das besser geschehen als mit der eigenen, exklusiven Story? Dazu
gehört auch die »eigene Drehe«. Wenn also aus Ruanda gemeldet wird, daß deutsche
Helfer vorzeitig aus den Flüchtlingslagern zurückkehren werden, wird in der NachrichtenRedaktion sofort die rote Warnlampe angehen: Wann kommen die Helfer zurück und vor
allem - ist ein Helfer aus unserer Region / Stadt / unserem Bundesland dabei?
Ein Reporter wird die zurückkehrenden Helfer am Bahnhof oder Flughafen empfangen
und sich ihre Version der Geschichte erzählen lassen. Für die Hörer Ihrer Station ist es
viel spannender, wenn ein Mitbürger aus Ruanda erzählt, als wenn es der Sprecher dieser
Hilfsorganisation in Bonn tut.
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4.10 Eil-Meldungen und Agenturgläubigkeit
Nachrichten-Agenturen werden fälschlicherweise als unfehlbare, einzige Instanz
angesehen, wenn es um die Wichtigkeit und die Einordnung von Ereignissen geht. Dabei
wird übersehen, daß auch eine Agentur-Meldung von mehreren Journalisten ausgewählt,
geprüft, gekürzt und redigiert wird. Dieser Weg über vier Stationen macht deutlich, daß die
Regel der zweiten Bestätigung einen Sinn hat: je sensationeller eine überraschende
Meldung erscheint, desto wichtiger ist, die Meldung einer weiteren Nachrichtenagentur als
Bestätigung zu erhalten, oder aber aus einer anderen, sicheren Quelle die Information
bestätigen zu lassen.
Warum diese zweite Bestätigung so wichtig ist, wurde den Journalisten in aller Welt durch
eine Meldung der Nachrichten-Agentur ap deutlich: Als Charles De Gaulle 1958 erneut
französischer Präsident wurde, meldete ein junger Korrespondent der ap, daß Tausende
voller Panik die Hauptstadt Paris verlassen. Der Reporter hatte übersehen und mangels
Sprachkenntnisse auch überhört, daß die Pariser immer mit Sack und Pack und
quietschenden Reifen ihre Stadt verlassen wenn die Ferien beginnen.
Unseriöse Kollegen sollten auch Anlaß genug sein, bei wichtigen Ereignissen niemals nur
einer Quelle zu glauben. Ein freier Journalist verbreitete in einer Situation, in der nur ein
Funke zur Explosion fehlte, eine Meldung, die in Hamburg Geschichte machte. Der
Reporter meinte entdeckt zu haben, daß die Räumung der umstrittenen Häuser an der
Hafenstraße unmittelbar bevorsteht, eine Kolonne mit schweren Polizeifahrzeugen würde
sich bereits nähern. Daraufhin bereiteten sich die Bewohner der Häuser auf »Widerstand
mit allen Mitteln« vor, die Verhandlungen schienen ja gescheitert zu sein. In Wirklichkeit
war die Fahrzeugkolonne gerade dabei, Hamburg zu verlassen ...
Ob und wieviele Radio-Sender den Schnellschuß dieses Kollegen verbreitet haben, ist
nicht überliefert. Heute könnte man leider davon ausgehen, daß die Mehrheit aller Sender
diese Nachricht sofort bringen würden: Die Schnelligkeit, mit der Eil-Meldungen
ausgestrahlt werden, hat sich zu einem Sport unter Programm-Anbietern entwickelt. Dabei
ist es für die Hörer höchst uninteressant, ob sie von dem schweren Erdbeben in Los
Angeles um 6.13 Uhr oder 6.16 Uhr erfahren. Wer einen vermeintlichen Giftunfall in seiner
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Stadt oder sogar einen Störfall im benachbarten Atomkraftwerk meldet, ohne eine sichere
Bestätigung der ersten Meldung oder der ersten Information abzuwarten, handelt
unprofessionell und verantwortungslos.
Verfälschungen und Irritationen entstehen nicht nur, wenn sich Nachrichtenagenturen mit
Ereignissen fernab der Redaktionszentrale beschäftigen. Es kommt durchaus vor, daß die
Meldungen für den Landesdienst einer renommierten deutschen Nachrichtenagentur von
der Sekretärin eines Hörfunk-Studios verfaßt werden, weil die Korrespondentenstelle der
Agentur dort gerade nicht besetzt ist. Hinzu kommt daß bei dieser Agentur der Dienstleiter
des Landesdienstes dermaßen überlastet ist daß ein Überprüfen, ein Nachfassen bei
Ungereimtheiten in zugelieferten Meldungen nur in Ausnahmefällen möglich ist.
Um Korrespondenten-Meldungen der Agenturen aus dem Ausland richtig einschätzen zu
können, darf man einen Umstand nicht vergessen: Auch Agentur-Journalisten unterliegen
in vielen Ländern einer Zensur, die erhebliche Einfluß auf ihre Berichterstattung haben
kann. Nicht daß die Kollegen bewußt die offizielle Regierungsmeinung verbreiten würden,
aber oft bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als bestimmte Informationen wegzulassen dies geschieht oft auf eine »Bitte« der Regierung hin. Auch europäische und USamerikanische Journalisten machten Erfahrungen mit der Zensur, als sie während des
zweiten Golfkrieges von den Vertretern der Anti-Irak-Koalition ausschließlich gefilterte und
verfälschte Informationen geliefert bekamen.
Als US-Außenminister Baker zu Beginn seiner Nahost-Friedensmission in Amman eine
gemeinsame Pressekonferenz mit dem jordanischen König Hussein gab, passierte etwas,
was aus jordanischer Sicht unerhört ist: Nachdem die beiden Staatsmänner ihre kurzen
Statements abgegeben hatten, dankte der Monarch den Journalisten für ihre
Aufmerksamkeit und wollte mit seinem Gast den Raum verlassen. Darauf sprangen die
Korrespondenten auf, die Baker in seinem Troß aus Washington mitgebracht hatte und
riefen den Politikern ihre Fragen zu. Ein sichtlich erschütterter König Hussein beschied
den Journalisten daraufhin, daß diese Pressekonferenz zuende sei, Fragen seien nicht
erwünscht. Die einheimischen Kollegen, die natürlich keine Fragen gestellt hatten, erklärte
daraufhin den verdutzten Amerikanern, daß sich der König nun einmal selbst aussuche,
welche Fragen er sich anhört und welche nicht. Dabei ist nicht zu vergessen, daß
Jordanien im Vergleich zu seinen Nachbarländern schon sehr demokratische Züge trägt.
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Verantwortungsvolle Nachrichten-Redakteure benutzen auch zugelieferte AgenturMeldungen nur mit der gebotenen Sorgfalt. Agentur-Meldungen werden nicht von
unbeeinflußbaren Recherche-Computern geschrieben, sondern von Kolleginnen und
Kollegen, die unter zum Teil schwierigen Bedingungen versuchen, neutral und
unabhängig zu berichten.
Die Bewertungsmaßstäbe und die Einstufung der Meldung durch die Presse-Agentur
können nur ein Anhaltspunkt sein. Die üblichen Kategorien von »4« (Buntes, Vermischtes,
Hintergrund) bis »l« oder »Vorrang« (nur Spitzen-Meldungen) sind inzwischen fast nur
noch für den agenturinternen Arbeitsablauf von Bedeutung. Um die Meldung innerhalb der
eigenen Sendung an den richtigen Platz zu stellen, taugen diese Einstufungen nur selten.
Vor allem bei Eil-Meldungen, die Reaktionen unter den Zuhörern auslösen könnten
oder die presserechtlich schwierig zu beurteilen sind und an deren Inhalt Zweifel
bestehen, muß auf die Bestätigung durch eine weitere Agentur oder eine andere
verläßliche Quellegewartet werden. Agentur-Meldungen allgemein können als
Anhaltspunkt für die Gewichtung der einzelnen Meldungen nur sehr eingeschränkt
herangezogen werden.
4.11 Null-Meldungen
Auch und gerade an nachrichtenschwachen Tagen ist Verzicht oft mehr. Es ist ein Irrtum,
anzunehmen, daß Hörer nicht merken, ob eine Meldung völlig belanglos ist oder nicht. Sie
merken es - und könnten sich für ein anderes Programm entscheiden, das so ehrlich ist,
nur zwei Minuten Nachrichten zu machen, wenn es nichts zu melden gibt. Meldungen wie
im nächsten Beispiel sind Abschaltfaktoren.
Beispiel:
»Die deutschen Firmen im Ausland sollten nach Meinung der Hamburger Handelskammer das
in Deutschland übliche duale Ausbildungssystem exportieren. Damit könnten sie
Auslandsmärkte sichern und die Qualifikation der ortsansässigen Fachkräfte verbessern, sagte
Kammergeschäftsführer Gerhard Schröder auf der »Asien- Pazifik«-Konferenz der deutschen
Wirtschaft in Bangkok.«
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Diese Meinungsäußerung ist von einer solchen Belanglosigkeit, daß es sich um eine
klassische Null-Meldung handelt. »Wen könnte das interessieren?«, diese Frage hat sich
der Redakteur nicht gestellt. Eine Umfrage würde darüber hinaus ergeben, daß viele
Hörer nicht wissen, was mit dem »dualen Ausbildungssystem« gemeint ist. Der Autor hat
sich die Mühe gespart, diesen Begriff zu erklären.
Wo sollen wir denn Meldungen hernehmen - diese Frage wird auf Seminaren häufig
gestellt, vor allem von Mitarbeitern der Lokal-Stationen. Darauf gibt es nur eine Antwort:
Wenn man alles mögliche getan hat, um Kontakte zu Verbänden, Institutionen und
Amtsstellen zu knüpfen, wenn die Reporter jeden Grashalm wachsen hören und der
Geschäftsführer dafür gesorgt hat, daß der Landesdienst von dpa in der Redaktion
aufläuft - dann hat man sich nichts vorzuwerfen, wenn man trotzdem einmal vor einem
Themenloch steht.
Allerdings kann sich kaum ein Lokalsender den Luxus erlauben, mittelmäßig spannende
Meldungen so zu präsentieren, daß der einzige interessante Aspekt dabei verloren geht.
Beispiel:
»Mit einer Jubiläumsmünze würdigt die Peitiger Einrichtung Herzog-Sägmühle anläßlich ihres
einhundertjährigen Bestehens ihren Begründer Adolf von Kahl. 1894 hatte er die Arbeiterkolonie
Herzog-Sägmühle gegründet. Die Peitiger Einrichtung entwickelte sich seit ihrer Gründung zu
einem Ort zum Leben für Kinder, jugendliche und Erwachsene mit Problemen, Krankheit oder
Behinderung. Hilfen zur persönlichen Entwicklung leistet die Einrichtung mit Wohngruppen und
Beratungsdiensten in der Region. Die Vorderseite der Jubiläumsmünze zeigt das Portrait des
Begründers im Profil. Auf der Rückseite ist das Herzog-Sägmühler Wahrzeichen, ein Häuschen
mit dem Kroning-Kreuz abgebildet.«
Die Meldung ist schlecht aufgebaut und einige wichtige, aber recherchierbare Details
fehlen. Der rote Faden ist eher ein rosa Knäuel denn der Hintergrund des Ereignisses
steht im zweiten Satz. Zunächst müßte die Meldung also umgestellt werden.
Besser:
»Die Peitiger Einrichtung Herzog-Sägmühle würdigt ihren Begründer Adolf von Kahl jetzt mit
einer Jubiläumsmünze. Die Vorderseite der Jubiläumsmünze zeigt das Portrait des Begründers
im Profil. Auf der Rückseite ist das Herzog-Sägmühler Wahrzeichen, ein Häuschen mit dem
Kroning-Kreuz abgebildet. 1894 hatte Adolf von Kahl die Arbeiterkolonie Herzog-Sägmühle
gegründet. Die Peitiger Einrichtung entwickelte sich seit ihrer Gründung zu einem Ort für Kinder,
Jugendliche und Erwachsene mit Problemen, Krankheit oder Behinderung. Hilfen zur
persönlichen Entwicklung leistet die Einrichtung mit Wohngruppen und Beratungsdiensten in der
Region.«
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Der Anlaß ist dürftig, der Hintergrund-Teil ist offenbar als Ausgleich ausufernd geworden.
Aber stand wirklich nicht mehr in der Presse-Mitteilung? Ein kurzer Anruf bei der
Einrichtung hätte vielleicht gereicht, um diese sicher nicht für viele Menschen
faszinierende Meldung aufzuwerten.
Besser:
»Die 100 Jahre alte Sozialeinrichtung Herzog-Sägmühle in Peitig hat heute eine
Jubiläumsmünze vorgestellt. Die Münze kann ab morgen in zahlreichen Geschäften des
Landkreises gekauft werden, sie kostet zehn Mark. Von dem Kaufpreis kommen fünf Mark der
Herzog-Sägmühle zugute. Die Vorderseite der Silber-Münze zeigt das Portrait des Gründers,
Adolf von Kahl. Kahl hatte die Sozialeinrichtung vor genau einhundert Jahren gegründet. Die
Einrichtung hilft seitdem Menschen mit Problemen, Krankheiten oder Behinderungen.«
4.12 Vorab-Meldungen anderer Medien
»Wie der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe berichtet« - dieser Satz ist in
vielen Nachrichten-Sendungen am Sonnabend ab 14 Uhr zu hören. Denn
pünktlich zum Wochenend-Themenloch sendet das Magazin seine Vorab
Meldungen an die Agenturen, diese verbreiten sie gerne weiter. Immer mehr
Magazine versuchen mit Vor-ab-Meldungen einen Werbeeffekt zu erzielen.
Jeder, der diese sogenannten »Klapper-Meldungen« verwendet, nimmt das
Risiko in Kauf, daß er für die unkorrekte Arbeit anderer Redakteure später
seinen Kopf hinhalten muß.
Ein Beispiel: Ein Nachrichten-Magazin berichtete in einer solchen Vorab-Meldung 1994
»exklusiv«, daß hinter dem Brandanschlag auf die jüdische Synagoge in Lübeck
vermutlich radikale Palästinenser stehen. Daß diese peinliche Falsch-Meldung nicht
korrigiert wurde, spricht nicht gerade für journalistische Seriösität.
Andere Zeitungen versuchen gerne, mit sensationellen Umfrage-Ergebnissen in die
Nachrichten-Sendungen zu kommen: »Deutsche Männer ab 40 bevorzugen rote Autos«
entspringt nicht der Phantasie; dieses »Umfrage-Ergebnis« wurde tatsächlich als VorabMeldung veröffentlicht. Wer es weiter verbreitet, ist selbst schuld.
Daß sich Zurückhaltung bei Meldungen der Boulevard-Presse besonders auszahlt wurde
im Sommer 1994 deutlich: Eine Boulevard-Zeitung berichtete, daß Jugendliche mit
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gestohlenen Autos gegen Bäume rasen, weil sie es so toll finden, wenn der Air-bag
aufgeht - auch das plakative Schlagwort war schnell gefunden: Air-Bagging. Diese
Geschichte ließ sich mitten im Sommer blendend über andere Medien an die
Öffentlichkeit transportieren. Bis eine andere Zeitung herausbekam, daß es sich bei dem
Air-Bagging um eine Erfindung des Reporters handelte.
Jede Redaktion sollte für sich festlegen, von welchen Medien man Vorab-Meldungen
übernimmt und von welchen nicht. Während Spiegel und Stern sowie die großen
Tageszeitungen und die renommierte Fachpresse ruhigen Gewissens ausgewertet
werden können, ist bei den Hochglanz-Info-Illustrierten und den Boulevard-Blättern
Vorsicht angebracht
.
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Meldungs- Typen
1934
1994
•Unmittelbarkeit eines Ereignisses
•Aktuelle Meldungen
•räumliche Nähe
u.a. Lokal-Meldungen
• Prominenz der beteiligten Personen
•Gesprächswert- Meldungen
•Ungewöhnlichkeit
•diverse Kategorien
•Konflikt
•Human- Interest- Meldungen
•Spannung
•Service Meldungen
•Emotionen
•Auswirkungen
Übereinstimmend gehen die Nachrichtenwert-Theoretiker von diesen oder sehr ähnlichen
Katalogen aus, nach denen ihrer Auffassung nach der Journalist seine AuswahlEntscheidung treffen sollte. Äußere Einflüsse auf diese Auswahl spielen nur eine
untergeordnete Rolle. Allerdings verweisen Laurence R. Campbell/ Roland E. Wolseley
(1961) darauf, daß die objektive Auswahl anhand dieser Prüfsteine durch die redaktionelle
Linie des Mediums und die angestrebte Zielgruppe beeinflußt wird. Die redaktionelle
Leitlinie nehmen sie in einer Überarbeitung ihres Modells später als gleichwertigen
Einflußfaktor auf. Die Faktoren-Tabelle von Warren findet sich auch heute noch in USLehrbüchern für Journalisten - wie »lngredienzien nach Art eines Kochbuchs
zusammengestellt« (Noelle-Neumann (1991, S. 235).
Daß diese Nachrichtenwert-Faktoren nahezu allgemeingültig sind, wurde in mehreren
Versuchen nachgewiesen: Unter anderem wurde so festgestellt, daß indische und USamerikanische Journalisten anhand einer vorliegenden Nachrichtenwert-Tabelle fast
identisches Meldungsmaterial auswählen.
Die in den 60er Jahren entstandene europäische NachrichtenwertForschung geht über die
in den USA formulierten Faktoren-Auflistungen hinaus: Johan Galtung und Mari Holmboe
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Ruge (1970) verweisen auf weitere Auswahl-Faktoren. Ihre Auflistung ist bislang die
Grundlage der europäischen Nachrichtenwert-Theorie:
Nachrichten-Faktoren nach Galtung/Ruge
Nachrichten - Faktoren nach Galtung /Ruge
Nachricht e n - Faktor 1 Frequenz: Je mehr der
Nachricht e n - Faktor 2
Nachricht e n - Faktor 3
zeitliche
Ablauf eines Ereignisses der
Erscheinungs p e ri odik der
Medien entspricht, desto
wahrscheinlicher wird das
Ereigniss zur Nachricht.
Schwellenfaktor: Es gibt einen
bestim m t e n Schwellenwert
der
Auffälligkeit, den ein Ereignis
überschreiten muß, damit es
registriert wird.
Eindeutigkeit: Je eindeutiger
und
überscha u b a re r ein Ereignis
ist,
desto eher wird es zur
Nachricht e n - Faktor 4
Nachricht.
Bedeutsamkeit: Je größer die
Tragweite eines Ereignisses, je
mehr es persö nliche
Betroffenheit
auslöst, desto eher wird es
Nachricht e n - Faktor 5
zur
Nachricht.
Konsonanz: je mehr ein
Ereignis
mit vorha nde n e n
Vorstellungen
und Erwartunge n
übereinstim m t,
desto eher wird es zur
Nachricht e n - Faktor 6
Nachricht.
Überraschung:
Überrasche n de s
hat die größte Chance, zur
Nachricht zu werden,
allerdings
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nur dann, wenn es im Rahmen
der Erwartunge n
Nachricht e n - Faktor 7
überrasc he nd
ist.
Kontinuität: Ein Ereignis, das
bereits als Nachricht definiert
ist,
hat eine hohe Chance, von
den
Medien auch weiterhin
beachtet
zu werden.
Nachrichte n -
Variation: Der Schwellenwert für
Faktor 8
Nachrichte n -
die Beachtung eines Ereignisses
ist niedriger, wenn es zur
Ausbalancieru ng und Variation
des gesamt e n Nachrichte n Bildes beiträgt.
Bezug auf Elite- Nationen:
Faktor 9
Nachrichte n -
Ereignisse, die Elite- Nationen
betreffen (wirtschaftlich oder
militärisch mächtige Nationen)
haben einen überpr op o r tional
hohen Nachrichtenwert.
Bezug auf Elite- Personen:
Faktor 10
Nachrichte n -
Entspreche n d Faktor 9 gilt dies
auch für Persone n, das heißt
promine nt e oder mächtige
Persönlichkeite n.
Personalisierung: Je stärker ein
Faktor 11
Nachrichte n -
Ereignis personalisiert ist, sich im
Handeln oder Schicksal von
Persone n darstellt, desto eher
wird es zur Nachricht.
Negativismu s: Je »negativer« ein
Faktor 12
Ereignis, je mehr es auf Konflikt,
Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod bezogen ist,
desto stärker wird es von den
Medien beachtet.
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Einar Östgaard (1965) betont in seinen Untersuchungsergebnissen, daß diese zwölf
Faktoren und Warrens Nachrichtenfaktoren nicht nur Entscheidungshilfe bei der Auswahl
von Nachrichten-Meldungen sind. Laut Östgaard werden die Meldungsbestandteile, die
dem oder den Faktor/ en entsprechen, besonders herausgestellt. Weil sich diese
Betonung durch die gesamte Informationskette hindurch verstärkt, kommt es zu einer
Verzerrung der Berichterstattung.
Zusammengefaßt laufen alle Modelle der Nachrichtenwert-Theorie darauf hinaus, daß die
objektiven Merkmale eines Ereignisses festlegen, ob es vom Journalisten weiterverbreitet
wird oder nicht. Darüber hinausgehende Thesen dieses Modells würden an dieser Stelle
zu weit vom Praxisbezug wegführen. Nach jahrelangen Kontroversen von
Kommunikationswissenschaftlern über die Bedeutung und Gültigkeit der NachrichtenwertTheorie kommt Staab zu dem Ergebnis, daß sich diese Theorie »nicht als eine Theorie
der Nachrichten-Selektion, sondern als ein Modell zur Beschreibung und Analyse von
Strukturen in der Medienrealität« behauptet hat und in ein »umfassenderes theoretisches
Modell, das auch politische Faktoren berücksichtigt integriert werden muß«.
Fazit für die praktische Arbeit
Der bereits 1934 angefertigte Katalog von Warren ist weitgehend bis heute gültig. Die in
den 60er Jahren in der europäischen Forschung hinzugekommenen Nachrichten-Faktoren
von Galtung / Ruge sind dagegen nicht mehr als Auswahlkriterien zu benutzen, erfüllen
aber eine andere Funktion: Da diese Faktoren aufgrund zahlreicher Untersuchungen
zusammengestellt worden sind, kann man zumindest davon ausgehen, daß sie
tendenziell zutreffend sind. Dann aber wäre es jedem Nachrichten-Redakteur anzuraten,
gelegentlich zu prüfen, ob nicht
• Redakteure wirklich manchmal die Mühe scheuen, einen neuen Einstieg in ein schon
länger auf dem Nachrichtenmarkt befindliches Thema zu finden,
• tatsächlich Ereignisse schneller in die Nachrichten kommen, wenn sie platzsparend
und schnell zu formulieren sind,
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• durch das ständige Melden negativer Ereignisse (Kriminalität, Überfälle, Einbrüche)
eine Scheinwirklichkeit konstruiert wird, die erhebliche gesellschaftliche Auswirkungen
haben kann (bis zu Law-and-order-Rufen, die u.U. zur Wahl extremistischer Parteien
führen),
• Erwartungshaltungen beim Hörer eingelöst werden, obwohl das Ereignis gar nicht so
eingetreten ist wie vielleicht erwartet oder sogar angekündigt war.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des
Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in
elektronischen Systemen.
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