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20150304 Ayelet Gundar-Goshen Löwen wecken

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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 04.03.2015
A. Gundar-Goshen: „Löwen wecken“
Rezensentin: Barbara Geschwinde
Redaktion: Terry Albrecht
Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Kein & Aber Verlag, Zürich 2015
432 Seiten, 22.90 Euro
Internettext
„Löwen wecken“ ist ein spannender Roman über die Zerbrechlichkeit des
menschlichen Lebens und die scheinbar allgemeingültigen moralischen Kategorien.
Anmoderation
Kann man sein Leben einfach so weiter leben als wenn nichts gewesen wäre, wenn
man ein Menschenleben auf dem Gewissen hat? Nachdem der Neurochirurg Etan
Grien einen illegalen Einwanderer überfahren hat, begeht er Fahrerflucht. Doch die
Witwe des Opfers spürt ihn auf und erpresst ihn. Sein bisher so geordnetes Leben
gerät in Gefahr.
Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen hat einen Roman geschrieben,
der die Kategorien Gut und Böse oder Schuld und Sühne in seinen Fundamenten
erschüttert. Und am Ende bleibt nur eine Gewissheit: jeder von uns kann jederzeit das
versteckte Raubtier, den Löwen in sich, wecken.
Beitrag
Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er
diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch
an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze
ausgeblasen. Er hörte die Tür des Jeeps aufgehen und weiß, er ist derjenige, der sie
öffnet, er derjenige, der nun aussteigt. Aber dieses Wissen ist nur lose mit seinem
Körper verbunden, wie das Wandern der Zunge übers Zahnfleisch kurz nach der
Betäubungsspritze, alles da, aber anders.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht) werden.
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 04.03.2015
A. Gundar-Goshen: „Löwen wecken“
Etan Grien ist ein angesehener Neurochirurg. Er ist verheiratet und liebt und begehrt
seine Frau nach vielen Ehejahren immer noch. Sie haben zwei gesunde Söhne. Etan
Griens Moralvorstellungen sind hoch, so dass er bereit ist, dafür Opfer zu bringen.
Nachdem er entdeckt, dass sein Chef und Mentor gegen Geld Operationen durchführt,
will er die Korruption aufdecken. Die Konsequenz ist, dass er dafür in die Wüste
versetzt wird. Auch das trägt er mit Fassung. Seine Frau steht zu ihm.
Als er eines nachts zur Entspannung noch eine kleine Spritztour mit seinem Jeep in die
Wüste macht, passiert ein Unglück. Auf der unbeleuchteten Straße überfährt er einen
Fußgänger. Etan Grien erkennt, dass der schwarze Einwanderer sterben wird, lässt ihn
liegen und fährt weiter.
Er war ein Eritreer. Oder ein Sudaner. Oder weiß Gott was. Ein Mann von dreißig,
vielleicht vierzig Jahren, er konnte das Alter dieser Menschen nie gut schätzen. Jetzt
lag dieser Mann, von vierzig oder vielleicht dreißig Jahren, auf der Straße, mit
geborstenem Schädel.
Hätte er den Mann auch liegen lassen, wenn es ein Israeli, ein Weißer gewesen wäre?
Diese Frage drängt sich unweigerlich auf. Ebenso wie die Frage, ob die Schuld
weniger schwer wiegt, wenn es sich bei dem Getöteten um einen illegalen Einwanderer
handelt, also einen Menschen, der ja eigentlich gar nicht dort sein darf, wo er ist.
Bevor Etan Grien sich mit seiner Flucht aus der Verantwortung auseinandersetzen
kann, bekommt er Besuch von Sirkit, der Frau des Verstorbenen. Er hat am Unfallort
seinen Ausweis verloren. Nun hat Sirkit den Aufrichtigen und stets Korrekten in der
Hand. Sie zwingt ihn, in einer verlassenen Autowerkstatt andere Illegale medizinisch zu
versorgen. Etan Grien hat keine Wahl als sich auf diese Erpressung einzulassen.
Seit seiner Tat kann Etan Grien nicht mehr richtig schlafen. Zu seinen eigenen
Gewissensbissen hinzu kommt, dass seine Frau Liat, eine Kriminalbeamtin, diesen Fall
auf ihrem Schreibtisch hat und ihm in ihren Gesprächen ihre Verachtung für den Täter
spiegelt.
„Aber weißt du, wo Marzianos Irrtum liegt? Er hält das für einen Einzelfall, begreift
nicht, dass jemand, der einen Eritreer so überrollen und dann weiterfahren kann, eines
Tages auch ein kleines Mädchen überrollt und danach weiterfährt.“
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht) werden.
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 04.03.2015
A. Gundar-Goshen: „Löwen wecken“
Währenddessen arbeitet Ethan beinahe Nacht für Nacht seine Schuld ab, indem er
Flüchtlinge kostenlos behandelt. Der Preis für ihn ist hoch: er ist erschöpft, sieht seine
Familie kaum noch und belügt sie, ebenso wie die Kollegen, bei denen er sich einfach
krank meldet. Es ist eine Gratwanderung zwischen Gut und Böse, zwischen Moral,
Schuld und Wiedergutmachung, die der Roman erzählt. Darüber hinaus wird auf
beklemmende Art deutlich, wie schwer es ist, den anderen, den eigenen Lebenspartner
wirklich zu kennen und eindeutige Charakterisierungen vorzunehmen. Je nach
Situation kann jeder in alle möglichen Rollen gedrängt werden. Die Witwe, die ja
eigentlich Opfer ist, wird zur Täterin, indem sie den Arzt ausbeutet. Zugleich wird
deutlich, dass ihr Mann sie geschlagen hatte und sie erleichtert ist über dessen Tod.
Und auch Liat, die Kriminalbeamtin profitiert vom Bösen:
Sie dankte nur Gott für Morde und Diebstähle und Ermittlungen, die es einem
erlaubten, sich den Geheimnissen anderer zu widmen, statt den eigenen
nachzuforschen.
„Löwen wecken“ ist ein Krimi, eine Liebesgeschichte und ein psychologischer Roman.
Die 1982 geborene Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen zeichnet ihre Figuren sehr
genau, liebevoll und ambivalent. Das Spannende an dem Roman ist, dass es keine
Kategorisierungen oder Festlegungen auf Gut und Böse, Held oder Anti-Held gibt.
Jeder Einzelne trägt alle Facetten und Möglichkeiten in sich. Und beim Leser bleibt das
Gefühl zurück, dass jeder von uns jederzeit das versteckte Raubtier, den Löwen, in
sich wecken kann.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
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