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Halb Worte sind`s, halb Melodie

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SWR2 Cluster 25.02.2015, Musikmarkt: Buch-Tipp
Dringende Empfehlung
Christian Gerhaher
„Halb Worte sind’s, halb Melodie“
Gespräche mit Vera Baur
Henschel ISBN 978-3-89487-942-6, 22,95 €
Autor: Jürgen Kesting
Das Buch von Christian Gerhaher trägt, einen Vers aus Joseph von Eichendorffs Gedicht
„Das Lied“ aufnehmend, den Titel „Halb Worte sind’s, halb Melodie“. Daraus leitet sich ein
zentrales Thema der elf Kapitel ab: das Wechselspiel von Musik und Sprache in den Liedern
von Beethoven, Schubert, Brahms und insbesondere von Robert Schumann, den Gerhaher
wegen des Gespürs für die Qualität der Texte über alles schätzt und über alle stellt. In
einigen Zyklen oder Gruppen Schumanns sieht er die Vorstufe zu einer Konzept-Kunst – so
etwa in den „Kerner“-Liedern, die in Schumanns Œuvre eine Stellung haben wie die
„Winterreise“ im Werk Schuberts.
Damit gibt Christian Gerhaher implizit einen Hinweis auf sein Verständnis von der Rolle des
Interpreten. Die wichtigste Aufgabe eines Sängers sei das sinnliche Begreifen einer Idee. In
der Technik, der ein eigenes Kapitel über Fragen der Stimmphysiologie gewidmet ist, sieht
Gerhaher die Voraussetzung, das abzubilden, was die Phantasie entstehen lässt. Für den
Interpreten müssen deshalb die Inhalte das höchste Ziel sein. Dazu gehört auch das
Absehen vom eigenen ICH – also der Verzicht auf die sogenannte Identifikation des Sängers
mit dem in einem Lied dargestellten Gefühl. Wichtig sei eine „gewisse Distanz des
Darstellers zum Darzustellenden“. Gerhaher bekennt, dass auch er in jungen Jahren glaubte,
vor einer Aufführung der „Winterreise“ Weltschmerz tanken zu müssen. Dann habe er in
einer Situation, die „heiter und glücklich war“ – er hatte gerade seine Frau kennengelernt –
die „Winterreise“ gesungen, eine besonders gut gelungene. „Ich bemühe mich“, so seine
Konsequenz „eigene Emotionen nicht mit auf die Bühne zu bringen; hingegen versuche ich
dringend, aus den Musikstücken Emotionen für mich von der Bühne mitzunehmen.“ Liest
man seine Interpretationsanalyen, fühlt man sich als Leser immer wieder aufgefordert, die
jeweilige Musik sogleich zu hören.
Skeptisch wendet sich Gerhaher gegen den künstlichen Volksliedton bei Brahms, überaus
kritisch gegen Richard Strauss. Dessen frühe Lieder seien „in ihrer emotionalen Anmaßung,
ihrer Schwülstigkeit und in ihrer geistigen Einfachheit eigentlich nicht hinzunehmen“.
Gerhaher verweigert sich dem pseudodemokratischen Gerede, daß die sogenannte
klassische Musik den „Menschen nahebracht“ werden müsse, gerade dann, wenn sie „auf
gefährdende Weise popularisiert wird“. Vielmehr verteidigt er ihren elitären Charakter. Nur
versteht er „elitär“ als Herausforderung an den Hörer, sich den Zugang zu erarbeiten. „Das
Meisterwerk“, sagt er, „schult den Geist, es schult die Phantasie.“ Von der „Event- und lightKultur“ hält er sich fern, die „Sendungen mit volkstümlicher Musik schrecklichsten Niveaus“
sind für ihn „kaum erträglich“.
Vera Baur hat es verstanden, den Sänger mit behutsamen Fragen anzuregen: zum
ernsthaften Sprechen über das Lied und dessen Texte; über die Oper und das energisch
verteidigte Regietheater; über die geistigen und körperlichen Anforderungen der Profession;
über die quälenden und verheerenden Ängste vor dem Vergessen in schwierigen TextPassagen. In ihrem Geleitwort weist sie darauf hin, dass Gerhaher mit der ihm eigenen
Gründlichkeit nachträgliche Präzisierungen vorgenommen hat. Es ist ein anstrengendes
Buch. Aber ohne Anstrengungen ist ernsthafte Kunst eben nicht zu haben.
Schumann ist, wie erwähnt, dem Kopf und dem Herzen des Sängers am nächsten. Seine
Lieder seien, so schreibt Christian Gerhaher, keine „Gefälligkeitskomplexe, aus denen sich
jeder etwas herausgreifen kann. Sie stellen nicht das eigene Erleben in den Vordergrund,
sondern machen das Begreifen zum Erlebnis“. So sei die dringende Empfehlung für sein
Buch – „Halb Worte sind’s, halb Melodien“ – unterstützt durch Robert Schumanns „Zwielicht“
aus dem „Liederkreis“ op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. Gerhahers
Klavier-Partner ist Gerold Huber.
Robert Schumann: Liederkreis op. 39, Zwielicht
Christian Gerhaher (Bariton), Gerold Huber (Klavier)
RCA 88697-168172
3‘30
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