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Meine lieben Mitchristen,
der November ist nicht nur der Monat der
Totengedenktage. Die Kirche erinnert auch an zwei
große Heilige der Nächstenliebe – an Martin von Tours
am 11. und an Elisabeth von Thüringen am
19.November.
So
unterschiedlich
diese
beiden
Menschen sind – Frau und Mann, Martin lebte in der
Spätantike
im
4.
Jahrhundert,
Elisabeth
im
Hochmittelalter des 13. Jahrhundert – so gibt es doch
auch manche Gemeinsamkeit. Nicht nur, dass beide –
die ungarische Prinzessin und spätere Landgräfin und
der römische Offizier und spätere Mönch und Bischof –
historisch greifbare Persönlichkeiten mit gesicherten
Lebensdaten sind, gemeinsam ist ihnen auch die
spezielle Art der Christusbegegnung in den Armen und
Hilfsbedürftigen.
Ihre Lebensgeschichten erzählen davon. In der
Elisabethlegende ist das Christuserlebnis mit grellen
dramatischen Effekten verbunden: einmal habe
Elisabeth während der Abwesenheit ihres Mannes einen
Aussätzigen in ihr Ehebett gelegt. Daraufhin bezichtigte
ihre Schwiegermutter sie des Ehebruchs. Als man in
ihrem Bett nachsah, lag dort statt des Aussätzigen ein
Bild des Gekreuzigten.
Biblischer Hintergrund dieser Szene ist das Gleichnis
vom Weltgericht im Matthäus Evangelium (25,31-46),
wo sich Christus in unüberbietbare Nähe zu den Armen
und Notleidenden rückt und wo es am Ende heißt:
„Was ihr diesem Geringsten getan habt bzw. nicht
getan habt, das habt ihr mir getan bzw. nicht getan.“
Das gleiche Thema spielt bekanntlich in der Legende
von Martins Mantelteilung eine entscheidende Rolle,
wird aber hier sehr viel handfester und weniger grell
erzählt.
Spekulationen
darüber,
ob
ein
römischer
Soldatenmantel weit genug war, um zwei Menschen zu
wärmen,
übersehen
den
Charakter einer Legende. Ihr
springender Punkt ist, dass
Martin in der Nacht darauf
Christus im Traum als Bettler
erschien, bekleidet mit der
Mantelhälfte. Auch hier also
wieder im Sinnes des Matthäus
Evangeliums: „Was ihr dem
Geringsten getan habt, das habt
ihr mir getan.“
Der
Unbekannte,
der
die
Martinstatuette des Titelbildes
Der Bettler als Christus –
„Wenn das Leid jedes
geschaffen hat, war sicher
Armen uns Christus
keiner
der
ganz
großen
zeigt . . . Gotteslob 470, 2.Str.
Künstler. Was er geschaffen hat,
ist einfache Bauernkunst. Und doch hatte er sehr genau
verstanden, worauf es bei der Legende von der
Mantelteilung ankommt: in dem Armen Christus zu
erkennen.
Und wer genau hinschaut, erkennt, dass der Bettler von
Bart- und Haartracht niemand anders als Christus
selbst ist!
Kaum ein Heiliger hat zu allen Zeiten eine solche
Wertschätzung
erfahren
wie
Martin.
Der
Merowingerkönig Chlodwig – der erste Herrscher
nördlich der Alpen, der sich taufen ließ - erhob ihn zum
Schutzpatron der Franken. Noch lange führten die
fränkischen Könige den Mantel Martins (bzw. das, was
sie dafür hielten) als Feldzeichen mit in die Schlacht.
Seine Grabstätte in Tours an der Loire war bis ins
Spätmittelalter Ziel großer Wallfahrten. Und selbst in
unserem entchristlichten Umfeld ist Martin bis in die
Gegenwart ein populärer Heiliger geblieben – vielleicht
auch, weil die Mantelteilung ein so einfaches und doch
so eindruckvolles Zeichen der Menschlichkeit ist.
Die schlichte unpathetische Geste der Mantelteilung ist
eine der großen Schlüsselszenen für die Identität des
christlichen Europas. Die Spiritualität Europas muss sich
auch heute an der Geste des Teilens messen lassen,
nicht mehr allein, aber auch am Teilen von Mänteln;
mehr aber noch am Teilen von Wohlstand, Werten,
Freiheit und Sicherheit. Die Bettler sitzen heute nicht
mehr in erster Linie an den Stadttoren von Amiens wie
zu Zeiten Martins. Sie kommen heute aus Afrika, aus
Bulgarien und Rumänien und neuerdings auch aus dem
Nahen und Mittleren Osten.
Ein kleiner Schritt im Sinne Martins und
Elisabeths
ist
schon
die
Errichtung
der
Kleiderkammer im ehemaligen Pfarrheim in der
Richard-Wagner-Straße.
Georg Späh
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Seele and Geist
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