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Deutsch-LK Vorschlag C (Nachtermin 2013)

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Hessisches Kultusministerium
Landesabitur 2013 (Nachtermin)
Deutsch
Leistungskurs
Thema und Aufgabenstellung
Vorschlag C
Hinweise für den Prüfling
Auswahlzeit:
Bearbeitungszeit:
45 Minuten
240 Minuten
Auswahlverfahren
Wählen Sie von den drei vorliegenden Vorschlägen einen zur Bearbeitung aus. Die nicht ausgewählten
Vorschläge müssen am Ende der Auswahlzeit der Aufsicht führenden Lehrkraft zurückgegeben
werden.
Erlaubte Hilfsmittel
1.
2.
3.
4.
ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
eine Liste der fachspezifischen Operatoren
Kleist: Die Marquise von O…
Wolf: Medea. Stimmen
Sonstige Hinweise
keine
In jedem Fall vom Prüfling auszufüllen
Name:
Vorname:
Prüferin / Prüfer:
Datum:
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Hessisches Kultusministerium
Deutsch
Leistungskurs
Landesabitur 2013 (Nachtermin)
Thema und Aufgabenstellung
Vorschlag C
Umgang mit sozialen Normen
Aufgaben
1.
Geben Sie den Inhalt der Szene aus Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel „Maria Magdalena“ wieder und analysieren Sie diese Szene unter Berücksichtigung von sprachlich-formalen
und inhaltlichen Aspekten. (Material)
(30 BE)
2.
Vergleichen Sie den Umgang der Figuren mit sozialen Normen in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“ und in Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ mit der vorliegenden Szene aus „Maria Magdalena“.
(45 BE)
3.
In literarischen Texten spielen Verstöße gegen soziale Normen häufig eine wichtige Rolle.
Diskutieren Sie anhand eines der Werke aus Aufgabe 2, aus welchen Gründen Normenverstöße
in der Literatur für Leser interessant sein können.
(25 BE)
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Hessisches Kultusministerium
Landesabitur 2013 (Nachtermin)
Deutsch
Leistungskurs
Thema und Aufgabenstellung
Vorschlag C
Material
Friedrich Hebbel: Maria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerspiel
(Uraufführung 1846)
Klara, die Tochter des Tischlers Meister Anton, erwartet ein Kind von Leonhard, den sie nicht liebt.
Ihre Jugendliebe, der Sekretär, den sie immer noch liebt, kehrt nach längerer Abwesenheit zurück und
kann sich nicht darüber hinwegsetzen, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwartet. Ihr Vater
droht sich umzubringen, wenn sie ihm Schande bereitet. Leonhard, den sie schließlich in ihrer Verzweiflung anfleht, sie zu heiraten, weist sie ab, weil er inzwischen eine bessere Partie in Aussicht hat.
Der Sekretär fordert Leonhard zum Duell. Von diesem Duell kommt der Sekretär in der folgenden Szene verwundet in Meister Antons Haus. Klara hat das Haus kurz zuvor verlassen, angeblich um ihrem
Bruder Karl frisches Wasser vom Brunnen zu holen. Davor hatte sie verschiedentlich die Möglichkeit
des Selbstmords erwogen, um ihrem Vater die Schande zu ersparen, dass seine Tochter ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Die folgende Szene ist die letzte des Dramas.
3. Akt, 11. Szene
DER SEKRETÄR (tritt bleich und wankend herein, er drückt ein Tuch gegen die Brust). Wo ist
Klara? (Er fällt auf einen Stuhl zurück.) Jesus! Guten Abend! Gott sei Dank, dass ich noch
herkam! Wo ist sie?
KARL. Sie ging zum – Wo bleibt sie? Ihre Reden – mir wird angst! (Ab.)
5
SEKRETÄR. Sie ist gerächt – Der Bube1 liegt – Aber auch ich bin – Warum das, Gott? – Nun kann
ich sie ja nicht –
MEISTER ANTON. Was hat Er? Was ist mit Ihm?
SEKRETÄR. Es ist gleich aus! Gebʼ Er mir die Hand darauf, dass Er Seine Tochter nicht verstoßen
will – Hört Er, nicht verstoßen, wenn sie – […]
10
MEISTER ANTON. Nein! (Steckt beide Hände in die Tasche.) Aber ich werde ihr Platz machen, und
sie weiß das, ich hab’s ihr gesagt!2
SEKRETÄR (entsetzt). Er hat ihr – Unglückliche, jetzt erst versteh ich dich ganz!
KARL (stürzt hastig herein). Vater, Vater, es liegt jemand im Brunnen! Wenn’s nur nicht –
15
MEISTER ANTON. Die große Leiter her! Haken! Stricke! Was säumst du? Schnell! Und ob’s der
Gerichtsdiener wäre!
KARL. Alles ist schon da. Die Nachbarn kamen vor mir. Wenn’s nur nicht Klara ist!
MEISTER ANTON. Klara? (Er hält sich an einem Tisch.)
KARL. Sie ging, um Wasser zu schöpfen, und man fand ihr Tuch.
SEKRETÄR. Bube, nun weiß ich, warum deine Kugel traf. Sie ist’s.
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MEISTER ANTON. Sieh doch zu! (Setzt sich nieder.) Ich kann nicht! (Karl ab.) Und doch! (Steht
wieder auf.) Wenn ich Ihn (zum Sekretär) recht verstanden habe, so ist alles gut.
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Gemeint ist Leonhard.
Meister Anton erklärt hier, dass er Klara mit Selbstmord gedroht hat, sollte sie schwanger werden, ohne verheiratet zu sein.
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Landesabitur 2013 (Nachtermin)
Deutsch
Leistungskurs
Thema und Aufgabenstellung
Vorschlag C
KARL (kommt zurück). Klara! Tot! Der Kopf grässlich am Brunnenrand zerschmettert, als sie, – Vater,
sie ist nicht hineingestürzt, sie ist hineingesprungen, eine Magd hat’s gesehen!
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MEISTER ANTON. Die soll sich’s überlegen, eh sie spricht! Es ist nicht hell genug, dass sie das mit
Bestimmtheit hat unterscheiden können!
SEKRETÄR. Zweifelt Er? Er möchte wohl, aber Er kann nicht! Denkʼ Er nur an das, was Er ihr gesagt hat! Er hat sie auf den Weg des Todes hinaus gewiesen, ich, ich bin schuld, dass sie nicht
wieder umgekehrt ist. Er dachte, als Er ihren Jammer ahnte, an die Zungen, die hinter Ihm
herzischeln würden, aber nicht an die Nichtswürdigkeit der Schlangen, denen sie angehören, da sprach Er ein Wort aus, das sie zur Verzweiflung trieb; ich, statt sie, als ihr Herz in
namenloser Angst vor mir aufsprang, in meine Arme zu schließen, dachte an den Buben, der
dazu ein Gesicht ziehen könnte, und – nun, ich bezahl’s mit dem Leben, dass ich mich von einem, der schlechter war, als ich, so abhängig machte, und auch Er, so eisern Er dasteht,
auch Er wird noch einmal sprechen: Tochter, ich wollte doch, du hättest mir das Kopfschütteln
und Achselzucken der Pharisäer3 um mich her nicht erspart, es beugt mich doch tiefer, dass du
nun nicht an meinem Sterbebett sitzen und mir den Angstschweiß abtrocknen kannst!
MEISTER ANTON. Sie hat mir nichts erspart – man hat’s gesehen!
SEKRETÄR. Sie hat getan was sie konnte – Er war’s nicht wert, dass ihre Tat gelang!
MEISTER ANTON. Oder sie nicht!
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(Tumult draußen.)
KARL. Sie kommen mit ihr – (Will ab.) […]
SEKRETÄR. Ihr entgegen! (Will aufstehen, fällt aber zurück.) O! Karl!
KARL (hilft ihm auf und führt ihn ab).
MEISTER ANTON. Ich verstehe die Welt nicht mehr! (Er bleibt sinnend stehen.)
Friedrich Hebbel: Maria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Akten, Stuttgart 2002, S. 93 ff.
Hinweise:
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Friedrich Hebbel (1813–1863) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker des
19. Jahrhunderts.
3
Pharisäer, hier: hochmütige, selbstgerechte Heuchler
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