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MITTWOCH, 25. FEBRUAR 2015  TAZ.DIE TAGESZEITUNG
VON TIM ENGARTNER UND
BALASUNDARAM KRISANTHAN
„Der Bildungspuls schlägt in
Hannover“ – so heißt der Slogan
der diesjährigen Didacta. Auf der
größten europäischen Fachmesse für Bildungswirtschaft werden sich erneut mehrere 10.000
Besucher tummeln und dabei
auch den Puls der Wirtschaft
spüren. Seit mehr als 20 Jahren
ebnen die Kultusministerien immer mehr Unternehmen und ihren Verbänden den Weg in das
einst ausschließlich staatlich
verantwortete Schulsystem.
Mit der salonfähig gewordenen Forderung nach der
„Öffnung von Schule“
haben privat-öffentliche „Bildungs- und
Lernpartnerschaften“ ein historisches Ausmaß
erreicht.
So offenbarte die Pisa-Studie
2006, dass mehr
als 87 Prozent der 15Jährigen hierzulande eine Schule besuchen, an der
Industrie und Wirtschaft Einfluss auf die Lehrinhalte ausüben, was selbst im OECD-Vergleich an einen „Negativrekord“
grenzt. Dabei beschränkt sich
der Einfluss privater Akteure im
Bildungssektor nicht mehr nur
auf Geld- und Sachspenden anlässlich von Schulfesten sowie
gelegentliches Schulsponsoring.
Längst hat die Privatwirtschaft
den Markt für Unterrichtsmaterialien entdeckt – und flächendeckend geentert. Jahr für Jahr
drängen mehr Unternehmen in
Richtung Schule. So produzieren
inzwischen 16 der 20 umsatzstärksten
Unternehmen in
Deutschland Unterrichtsmaterialien.
Dubiose Angebote
Auch dieses Jahr nutzen zahlreiche Aussteller die bei Lehrerinnen und Lehrern äußerst beliebte Messe, um für ihre teils dubiosen (Fort-)Bildungsangebote zu
werben. Dazu gehören etwa die
My Finance Coach Stiftung oder
das vom Bundeswirtschaftsministerium initiierte Projekt „Unternehmergeist macht Schule“,
zu dem unter anderem die Initiative „business@school“ der Boston Consulting Group, das Network For Teaching Entrepreneurship und das Bankenplanspiel „Schul/Banker“ gehören.
Nahezu täglich greifen Lehrerinnen und Lehrer auf Bücher,
Broschüren und Bildbände privater Bildungsanbieter zurück,
obwohl ersichtlich ist, dass die
1.000 Initiativen, die vorgeben,
sich um die schulische Allgemeinbildung verdient zu machen, mehrheitlich nur mit ihr
verdienen wollen, indem sie die
Jüngsten an ihre Marken binden.
Weil in Zeiten klammer kommunaler Kassen die Schulbuchetats sinken, die Kopierkontingente gedeckelt und neue Schulbücher immer seltener angeschafft werden, gelingt es den
Unternehmen immer breitenwirksamer, die Schulen mit selektiven, tendenziösen und manipulativen Unterrichtsmateria-
BILDUNG
Im Wissen darum, dass ein in
jungen Jahren erlangtes Weltbild
besonders nachhaltig prägt,
drängen immer mehr privatwirtschaftliche Akteure auch
deshalb in die Schulen, weil sie
eine Kultur des unternehmerischen Denkens und Handelns
verankern wollen. Während bis
in die 1980er Jahre hinein
die Humanisierung
und Demokratisierung der Arbeit aus der
Perspektive
der
Arbeitnehmerschaft
beleuchtet wurde, sieht sich die
Analyse, Deutung
und Erkundung arbeitsweltlicher Phänomene seit einiger Zeit einer
Vereinnahmung durch arbeitgeberorientierte Initiativen wie
„business@school“, „Schüler im
Chefsessel“, „Gründerwoche“
oder „Junior – Schüler erleben Wirtschaft“ ausgesetzt, die mit dem
Aufbau von Schülerfirmen das betriebswirtschaftliche Denken zum
Dreh- und Angelpunkt
sozialwissenschaftlicher Lehrund Lernprozesse erklären.
Freimut Wössner/dieKLEINERT.de
Kampf um die Köpfe
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SCHULMARKETING Der Einfluss der Wirtschaft auf die Schulen wächst. Mit kostenlosen
Bildungsangeboten ziehen Unternehmen SchülerInnen als Kunden von morgen heran
lien zu speisen. Selbst etablierte
Markenartikelhersteller scheuen nicht davor zurück, kostenfreie Schulhefte mit Firmenlogos zu verteilen, Mitarbeiter in
Schulen zu entsenden oder Produktproben an Kindertagesstätten in Umlauf zu bringen, um
Kinder und Jugendliche zu manipulieren.
Ein „mustergültiges“ Beispiel
für das noch immer verkannte
Ausmaß von „Schulmarketing“.
liefert der Schokoladenhersteller
Alfred Ritter GmbH & Co. KG. Auf
der als Unterrichtsmaterial deklarierten Ritter-Sport-Werbemappe mit dem Titel „Von der
Kakaobohne zur Schokolade“
prangt derselbe Schrifttyp wie
auf der handelsüblichen Schokoladenverpackung. In der Aufgabenstellung zum Unterrichtseinstieg, der als Entspannungs- und
Konzentrationsübung erfolgt,
heißt es: „Ein Stück Genuss: Bildet einen Stuhlkreis in der Klasse. Jeder bekommt von der Lehrkraft ein Stückchen Schokolade.
Konzentriert euch nun ganz auf
das Schoko-Stück. Jetzt geht es
reihum und jeder darf sagen, was
ihm zum Thema Schokolade einfällt. Wenn jeder einmal an der
Reihe war, darf das Schoko-Stück
aufgegessen werden.“ Die Lehrkraft soll hierzu eine ausreichende Zahl von Schokoladenstücken
bereithalten. Anschließend lernen die Grundschüler, dass Schokolade mit Belohnung, Glück,
Entspannung oder gar Schmerz-
linderung und Gesundheit
gleichzusetzen ist: Endorphine
„wirken auf deinen Körper
schmerzlindernd und entspannend und geben ein gutes Gefühl. Außerdem ist Schokolade
einfach lecker und damit eine
gute Belohnung.“
Geschäfte anbahnen
Auch immer mehr Banken und
Versicherungen, die nach den
Verwerfungen an den Kapitalmärkten ihre Reputation zurückgewinnen wollen, entwickeln
vergangenen 80 Jahren noch
Kurzfristigkeit und -sichtigkeit
als Maßstab für Geldanlagen
propagiert werden, ist skandalös
genug. Unabhängig davon muss
man zugleich fragen, warum die
Sparkassen in einer zur Neutralität verpflichteten Bildungsinstitution unverblümt um die Sparer von morgen buhlen dürfen.
Diese Frage provoziert auch
der 2010 gegründete Verein
Geldlehrer Deutschland e.V. Darin haben sich zahlreiche „ehrenamtlich“ tätige Versiche-
Selbst etablierte Markenartikelhersteller verteilen
Schulhefte mit Firmenlogos
Unterrichtsmaterialien,
um
Schulen als neues Geschäftsanbahnungsfeld urbar zu machen.
Zu den erfolgreichsten PR-Initiativen zählt das Planspiel Börse
des Deutschen Sparkassen- und
Giroverbandes. Diejenigen Schüler, die binnen zehn (!) Wochen
die größten Anlageerfolge erzielen, werden mit Preisen bedacht.
Dass auch sieben Jahre nach Ausbruch der größten Wirtschaftsund Finanzmarktkrise in den
rungsmakler zusammengefunden, die mittlerweile in mehr als
2.200 Unterrichtsstunden mit
über 3.100 Lernenden „Sparpläne, Darlehen, Ratenkredite, Inflation und sogar ihre eigene Altersvorsorge“ berechnet haben.
Trotz des unlängst verabschiedeten „Ehrenkodex“, wonach Werbemaßnahmen im Unterricht zu
unterlassen sind, liegt der Verdacht nahe, dass die Geldlehrer
auch deshalb 2.900 Euro für ihre
dreitägige Ausbildung aufwenden, um in den Klassenzimmern
gezielt für ihre Finanz- und Versicherungsprodukte zu werben,
indem sie die staatliche Umlagefinanzierung schlecht- und das
privatwirtschaftlich organisierte
Kapitaldeckungsprinzip schönreden.
Auch das schulische Engagement der mit knapp 3,1 Millionen
Euro ausgestatteten Initiative My
Finance Coach wirft die Frage
auf, ob das knappe Zeitkontingent bereits bei 12-Jährigen auf
die Fragen „Wie sorge ich privat
für das Alter vor?“, „Wie betreibe
ich bei meinen Finanzanlagen
Risikodiversifikation?“ und „Wie
versichere ich mich richtig?“ verwandt werden sollte. Eine zu kritischem Bewusstsein erziehende
finanzielle Bildung, die auf die
Gefahren von Missbrauch durch
Finanzintermediäre
verweist
oder vor finanziellen Risiken bei
Geldanlagen warnt, findet dabei
nicht statt.
Zudem erteilen die Finance
Coaches der beteiligten Gründungsunternehmen
Allianz,
Grey und McKinsey auf Basis der
umfassenden Materialsammlung Unterricht. Wollen wir wirklich, dass Vermittler von Strukturvertrieben Schulen besuchen,
um neue potenzielle Kunden zu
werben, indem sie erst deren
Ängste vor Altersarmut schüren
und dann die kapitalgedeckte respektive private Altersvorsorge
als Allheilmittel propagieren?
Aber Schulen sind der Auf- und
nicht der Verklärung verpflichtet, haben folglich nicht die Aufgabe, Verhaltensdispositionen
und Weltbilder heranzuzüchten.
Da Kinder und Jugendliche im
Umgang mit Meinungen vergleichsweise unerfahren sind,
müssen die ihnen vorgetragenen
Inhalte und Standpunkte behutsam ausgewählt und hinsichtlich ihrer Stoßrichtung austariert werden. Denn weder können sich die Umworbenen den
unterrichtlich
eingebetteten
„Werbeveranstaltungen“ entziehen noch wissen Lernende den
im Unterricht vermittelten Eindruck von Seriosität und Neutralität der externen Experten in jedem Einzelfall zu enttarnen.
Längst ist im einstigen
„Schonraum Schule“ ein Kampf
um die Köpfe der Kinder entbrannt, der die Unterrichtsqualität gefährdet und das auf kritische Reflexion zielende emanzipatorische Bildungsverständnis
aushöhlt. Es ist an der Zeit, dass
die bildungspolitischen Entscheidungsträger den schulischen
Allgemeinbildungsauftrag nicht länger auf dem Altar
privatwirtschaftlicher Interessen opfern, sondern die Schultore für dubiose Akteure schließen.
Andernfalls werden Schulen
endgültig zu Werbeplattformen.
Eine Langfassung des Artikels ist
in der Zeitschrift „WestEnd. Neue
Zeitschrift für Sozialforschung“
(11. Jg., Heft 2, 2014) erschienen.
Tim Engartner, geb. 1976, ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt
schulische Politische Bildung an der
Goethe-Universität Frankfurt a. M.
■ Balasundaram Krisanthan, geb.
1987, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Didaktik
der Sozialwissenschaften
■
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