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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE,
SWR2
DIE BUCHKRITIK
Martin Suter: „Montecristo“
Diogenes Verlag
320 Seiten
23,90 Euro
Rezension von Pascal Fischer
Mittwoch, 25. Februar 2015 (14:55 – 15:00 Uhr)
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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Von Pascal Fischer
Jonas Brand ist frustriert: Alleinstehend, Ende 30, träumt er davon, ein Drehbuch namens
„Montecristo“ umzusetzen, das auf dem Klassiker von Alexandre Dumas basiert.
Tatsächlich aber verdingt sich Brand als Videojournalist für Klatschmagazine im
schweizerischen Fernsehen. Sein oberflächlich bunter, innen aber fader Alltag ändert sich
schlagartig, als Brand im Intercity nach Basel sitzt und es zu einem „Personenschaden“
kommt. Angeblich hat ein Banker eine Zugtür aufgerissen und sich in den Tod gestürzt.
Dann flattern Jonas Brand einige Wochen später zwei Geldscheine mit identischen
Seriennummern ins Portemonnaie. Beide seien echt, bestätigt ihm seine Hausbank, und
hinter beiden ist jemand her, bestätigen ein Einbruch in Brands Wohnung und ein Überfall
mitten auf der Straße.
Jonas legt seine journalistische Trägheit auf Eis und fängt ernsthaft an zu recherchieren.
Bald findet er heraus: Der Selbstmord am Zug war wahrscheinlich ein Mord. Es geht um
Milliardenverluste bei Banken und den Versuch, das durch illegales Gelddrucken
wettzumachen. Schweizer Banker, Politiker und Chefredakteure wissen Bescheid!
Kein Zweifel, Suter will das bombastische Szenario, möchte für die Hochfinanz sein, was
Ferdinand von Schirach fürs Juristische ist: ein unterhaltsamer Volksaufklärer. So erklärt
Brands Kollege schließlich die Eigenkapitalsummen, welche die Banken hinterlegen
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müssen, und meint: Sie seien viel zu mickrig, um die Banken im Krisenfall nicht doch in
den Abgrund zu reißen. Was der kundige Zeitungsleser weiß, dem Romanleser aber
offensichtlich per Kurzreferat eingebimst werden muss.
Martin Suter, ein Stilist oder doch ein Schnellschreiber? Vermutlich werden Gegner wie
auch Befürworter in diesem Roman wieder Munition finden. Einerseits sind die Dialoge oft
kunstvoll kondensiert. Die Seifenblase der Finanzwelt, heißt es einmal schön, schwebt wie
ein monumentales Luftschiff dicht über der Wirklichkeit, immer um Haaresbreite an deren
Zacken vorbei.
Doch da sind auch verunglückte erotische Szenen, in denen z. B. Jonas' neue Freundin
Marina auf dem Bett liegt, Zitat: „Arme und Beine von sich gestreckt wie ein Hündchen,
das am Bauch gekrault werden möchte.“
Der Wechsel vom Klatschjournalisten zur investigativen Bulldogge scheint sehr gewagt.
Vielleicht lagert Suter wichtige Recherchen deshalb an Nebenfiguren aus, oder gleich an
Kommissar Zufall. Dann wiederum bewilligt ein bankenfinanzierter Kulturfonds auffällig
plötzlich Brands Filmprojekt – als wolle man ihn von seinen Recherchen ablenken. Und
tatsächlich: Zeitweilig ignoriert er die Weltverschwörung und widmet sich seinem Film.
Doch die mysteriösen Machenschaften gehen weiter, Suter steigert stetig die Spannung:
Unbekannte machen sich an Brands Computern zu schaffen, am Ende jagen ihn
hochgerüstete Gegner durch die Schweizer Provinz.
Die Hochfinanz ist mit wenigen Pinselstrichen ironisch oder böse entworfen: Der eine
Banker schlürft distinktionsversessen seinen Lung Ching Tee; die Bosse und
Bankenaufseher tagen in Räumen mit Namen wie „Liliensaal“ und „Drachenhaus“. Mal
militärisch, mal gemächlich, immer im Maßanzug, das macht ihre Aura aus.
Dabei sind das keine absoluten Bösewichte. Eher ächzen sie unter einem monströsen
moralischen Problem: Um einen Finanz-Tsunami abzuwenden,– wie viel Verbrechen wäre
dafür erlaubt? Verwandt scheint auch Jonas Brands Grunddilemma, das Teile seines
Berufsstandes sehr realistisch abbildet: Jonas hasst sich dafür, „Gossenjournalismus“
unter seinem Niveau zu betreiben. Für echten Investigativjournalismus ist er meistens zu
feige.
Und manchmal nutzt er auch dreckige Tricks bei der Recherche: Er täuscht seine
Interviewpartner z. B. über den Zweck von Interviews und schützt Aufträge von
Redaktionen vor, die von seinen Vorhaben gar nichts wissen. Als er schließlich mutig
Skandalöses im Bankensektor aufdeckt, beginnt er seine Gegner gar zu verstehen. Was
nun? Die Welt retten oder Filmregisseur bleiben? Schlussendlich entscheidet Jonas sich
überraschend.
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Suter stellt in diesem Roman wieder die großen Fragen nach Gut und Böse, nach einem
integeren Leben und dem Balken im eigenen Auge. Spannende und elegante
Unterhaltungsliteratur mit einer Prise Gesellschaftskritik. Nicht mehr, aber auch nicht
weniger.
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