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Christiaan L. Hart Nibbrig, Was ist eine Nuance?
Walter Grasskamp, Double Andy. Warhol verstehen
Günter Hack, Fasane des Kaisers, Falken der Republik
Stephan Herczeg, Journal (XXIV)
69. Jahrgang, März 2015
Klett-Cotta
12 €
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Double Andy.
Plädoyer für die halbe Aufregung
Von Walter Grasskamp
Die Aufregung war groß, als herauskam,
dass die Landesregierung von NordrheinWestfalen zwei Werke aus Andy Warhols
fleißiger Factory – Triple Elvis (1963) sowie Four Marlons (1966) – diskret zur
Auktionierung nach New York verfrachtet hatte. Mitte der siebziger Jahre für die
landeseigene Spielbank in Aachen angeschafft, waren sie dort über Jahrzehnte
hinweg so wenig wahrgenommen worden,
dass man ihnen lange nicht, wie es der
Wertzuwachs nahegelegt hätte, Schutz
vor den betriebstypischen Ausdünstungen
des Kasinobetriebs angedeihen ließ.
Es kann jedenfalls nicht an einem besonders hohen Vertrauen in die doch eher
risikobereite Klientel solcher Anstalten
gelegen haben, dass man die zusehends
teurer werdenden Werke frei herumhängen ließ, bevor sie 2009 in einen Tresor
gesteckt wurden. Man hätte sie natürlich
auch der »Kunstsammlung NordrheinWestfalen« in Düsseldorf oder einem anderen Museum des Landes überstellen
können, und da man das nicht tat, liegt
der Verdacht nahe, schon bei der Deponierung könnte die Aussicht auf einen lukrativen Verkauf handlungsleitend gewesen sein.
Als dann 2014 der Sprung vom einst
sechsstelligen Einkaufspreis zu einem
neunstelligen Auktionsergebnis realistisch erschien, schöpfte die Landesregierung Hoffnung, aus den Erlösen ihre maroden Spielbanken sanieren zu können,
und so schickte man die beiden Warhols
zurück an den Hudson, um Arbeitsplätze zur Betreuung der Spielsüchtigen an
Rhein und Ruhr zu erhalten. Die schnöde
Preisgabe beflügelte eine Kritik, die sich
in eher hilfloser Rhetorik für die Heimholung der Kulturschätze stark machte. Ungerührt von der unreinen Provenienz der
Double Andys wurden Rettungsformeln
recycelt, wie man sie sonst nur zugunsten von Bildern versammelt, die in Museumsbesitz sind: Die »Meisterwerke« und
»Pop-Art-Ikonen« galten nun als »unver-
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Walter Grasskamp
zichtbares Kulturgut«, die Preisgabe der cken wollte – brachte Konterbande her»extrem raren« Bilder als »Systembruch«, vor, die in einem Kunstmuseum eigentund die Kulturstaatsministerin des Bun- lich wie Antimaterie wirken müsste, weil
des, Monika Grütters (CDU), ließ es sich sie dessen herkömmlichen Führungsannicht nehmen, Hannelore Kraft (SPD) via spruch auf die kulturelle Bildbewertung
Bild am Sonntag einen »Tabubruch mit dementiert. Stattdessen entscheidet heute
fatalen Folgen« vorzuhalten. Der kultur- ein Bildermarktwert, bei dem die Museen
politische Sprecher der CDU-Fraktion am meist nicht mehr mitbieten können, und
Rhein, Thomas Sternberg, sah die SPD- das Marketinggenie Warhol war ein PioLandeschefin gar schon auf einer »schie- nier dieses »Systembruchs«, für den der
fen Bahn, auf der es kein Halten mehr Begriff dann tatsächlich einmal zuträfe.
Wäre das »Enfant terrible« Warhol –
gibt«.
Die Pathosfloskeln des Kulturgutschut- auch so eine unerträgliche Floskel aus
zes wirkten in diesem Fall besonders tri- dem Auktionsvorgeplänkel – noch für
vial, weil die beiden zweifellos museums- ein Interview verfügbar gewesen, hätte
überreifen Werke selber den Umgang mit er sicher gerne bestätigt, nie besser verBildern thematisieren, und zwar, wie standen worden zu sein als in der herzbei Warhol üblich, in der oberflächlichen losen Wiederverwertung seiner Bilder
Bearbeitung von als solchen erkennba- durch Hannelore Kraft, der er gleich
ren Reproduktionen aus Massenmedien. auch ein Prominentenporträt im geniMan konnte sich also fragen, ob die ge- alen Polaroid-Glitzerramsch-Stil seines
rasterte Abbildung der beiden Werke auf Spätwerks angedient hätte. Denn wie
dem knistrigen Papier einer Tageszeitung sie es schaffte, in der Vermarktung die
nicht viel besser der Denkweise Warhols intendierte Bedeutung eines jeden Warentsprach, als es die Dauerpräsentation hol-Kunstwerkes noch einmal hell aufauf einer keimfreien Museumswand je scheinen zu lassen – dafür hätte sie eine
hätte leisten können, weil die journalis- Extraportion Diamantenstaub auf der
tische Skandalisierung des Verkaufs die Leinwand verdient gehabt.
»Pop-Ikonen« dorthin zurückführte, wo
sie herkamen – in die Massenmedien.
Bildergier
Thema der beiden Bilder sind jedenfalls nicht nur die Porträts von Elvis Pres- Wie es der Zufall wollte, war gleichzeiley oder Marlon Brando, sondern vor al- tig im Kölner Museum Ludwig eine Zulem die Einsicht, dass der Medienumgang sammenschau der inzwischen weltweit
mit Bildern um die Mitte des letzten Jahr- verstreuten Pop-Art-Sammlung von Pehunderts eine solche Dimension erreicht ter Ludwig zu sehen, in der auch ein Warhatte, dass ihre traditionelle Nobilitie- hol-Bild von 1963 hing, das dem Muserung durch Musealisierung dagegen ver- um sogar gehört und auf dem Two Elvis
blasst. Warhols Werk – dem man seine in- zu sehen sind. Durfte man angesichts dietellektuelle Komplexität nicht auf Anhieb ses Bestands den Verkauf des Triple Elansieht, weil der kluge Geschäftsmann vis sinnvoll beklagen und dieses Werk als
seine Klientel nicht unnötig verschre- »extrem rar« ausgeben? Und wie konn-
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Double Andy. Plädoyer für die halbe Aufregung
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te man übersehen, wie sehr sich Warhol gemeinen Zeitung, Andreas Rossmann,
gerade in solchen Werken über die Bil- keinen Versuch unkommentiert, die bedergier unserer Mediengesellschaft lus- neidenswert reiche Museumssubstanz dietig macht? Deren ständige Überbietung ses nicht mehr ganz so reichen Landes
war sein Werkprinzip, seit er 1963 zu dem anzutasten, und er ist, siehe oben, damit
nachvollziehbaren Schluss kam, dass 30 gut beschäftigt.
Die beste Entscheidung wäre es vielMona Lisas auf einer Leinwand besser
leicht gewesen, den Triple Elvis auf ewig
sind als eine.
Nun gibt es keine Institution, die un- neben den Kölner Double Elvis zu hänsere kulturtypische Bildergier so gepflegt gen – nicht, um im direkten Vergleich die
verkörpert wie ein Kunstmuseum, und Eigenhändigkeit der Bildwerke zu disso schlossen sich 26 Museumsleiter an kutieren, sondern um Warhols verschlaRhein und Ruhr zu der Forderung nach ei- gene Thematisierung unserer Bildergier
ner Überstellung der Bilder an ein NRW- in das Mantra der rheinischen Lebensart
Museum zusammen – über die sie sich so- zu übersetzen: »Darf’s auch ein bisschen
fort hätten zerstreiten müssen, wenn ihr mehr sein?«
Mit der Eigenhändigkeit als besondenachgekommen worden wäre. Denn wo
hätten die Bilder hingehen sollen – nach rem Wertnachweis des Triple Elvis zu arBochum, wo unlängst noch eine Schlie- gumentieren, war auch nur eine Parodie
ßung des Kunstmuseums ins Gerede kam? des Werkprinzips von Warhol. Zwar gibt
Nach Krefeld, wo man einen Monet zur es Filmaufnahmen, die ihn beim amateurMuseumssanierung hatte verkaufen wol- haften Siebdruckschrubben einer Marlonlen? Nach Hagen, wo 1998 ein Bild von Leinwand auf dem Boden seines Ateliers
Gerhard Richter aus dem Osthaus Mu- zeigen, aber daneben turnt auch schon
seum so stickum, wie man dort sagt, Gerard Malanga herum, Prototyp jener
zur Versteigerung bei Sotheby’s über- »Assistenten«, die späterhin die Herstelführt worden war, dass die Öffentlichkeit ler manchen »Meisterwerks« der Factory
erst Monate später Wind von der Prove- waren, während der Meister anderweinienz bekam? Nach Essen, wo man sich tig beschäftigt war und sich erst zum
den maroden Stadthaushalt mit der Folk- Signieren einfand. Warhols kunsthistowang-Sammlung schönrechnet? Nach rische Bedeutung liegt ja nicht zuletzt daWuppertal, wo erst kurz zuvor das natur- rin, dass er das moderne Primat der Eikundliche Fuhlrott-Museum geschlossen genhändigkeit demonstrativ aufweichte
und oft genug preisgab, was den Marktworden war?
Kulturpolitiker wie Thomas Sternberg, wert der folgenden Machwerke kaum
die glauben, das Museumswesen in Nord- schmälerte, ihre Bedeutung aber enorm
rhein-Westfalen sei erst auf eine schie- hob, weil damit auch die allerletzte Basfe Bahn geraten, als die zwei Kasinobil- tion der Museumsreife eines Bildes in der
der versteigert wurden, lesen offenbar Mediengesellschaft geschleift wurde – die
die Zeitungen nicht, in denen sie so ger- eigenhändige Faktur.
Und so konnte man angesichts der aufne vorkommen. Denn seit Jahren lässt der
NRW-Korrespondent der Frankfurter All- geregten Auseinandersetzung bedauern,
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dass so gut wie alle Pointen verschenkt
wurden, auch die, dass ein Spielkasino
mit Bildern saniert werden musste, weil
auf dem Kunstmarkt inzwischen besser
ausgestattete Spieler unterwegs sind als
in den einschlägigen Anstalten. Und dass
Kunst gerade durch einen Verkauf noch
einmal jene Bedeutung erlangen konnte,
die ihr viel zu oft zugute gehalten wird,
nämlich ein Seismograf der Gesellschaft
zu sein – daran hätte Warhol seine reine
Freude gehabt, falls der stets emotionskontrolliert auftretende Marketingfreak
dazu je in der Lage gewesen sein sollte.
Selten hat die Kunstbörsenredeweise vom
blue chip jedenfalls eine so passende Bedeutung gehabt, wie als Hannelore Kraft
die beiden Kunstjetons an ihrer eigenen
Kasinokasse einlöste.
Gleichwohl blieb die Debatte nicht
ohne einen geistigen Ertrag, weil man
nebenbei, trotz plumper Blendversuche,
einiges über das Zusammenspiel von
Landesspielbanken, Landesbanken und
Landesregierung an Rhein und Ruhr erfuhr. Lag der wahre Skandal nicht vielmehr darin, wie kurzatmig hier halböffentlicher Kunstbesitz gegen langfristige
Geschäftsverluste eines halböffentlichen
Spielbetriebs ausgespielt werden sollte,
ohne dass gleichzeitig ein belastbarer Sanierungsplan für die kriselnde Branche
diskutiert wurde? Werden die guten Bilder nur schlechtem Geld hinterhergeworfen? Dafür wären sie in der Tat zu schade gewesen.
Und wie passend, dass im Zusammenhang mit dem Kunstbesitz der Spielbank
auch eine andere Landesbank wieder in
Erinnerung gerufen wurde, die einstige
WestLB, die ihre Milliardenverluste sportlicher erwirtschaftet haben muss, als es
selbst dem verzweifeltsten Roulette-Junkie im Aachener Kasino je verstattet worden wäre. Nun wurde bekannt, dass auch
der Kunstbesitz der veritablen Verspielbank WestLB zur Disposition steht und
die Sparkommissare des Landes den kulturpolitischen Ansehensverlust der Regierung auch für die Auflösung jener
Sammlung nutzen könnten, die der Westdeutsche Rundfunk in besseren Zeiten aufgebaut hat, weil Kunstsammlungen nun
mal der beste Indikator für bessere Zeiten sind.
Ob das einst reiche und heute nur noch
bevölkerungsreichste Bundesland es sich
dann wird leisten können und sollen, die
Kunstwerke der früheren WestLB oder
des WDR aus Steuermitteln für die vielen Museen der Region zu sichern – darüber wird man vielleicht erst entscheiden
können, wenn die Zahlen auf dem Tisch
liegen, was die Unterbringung und Versorgung der noch lange nicht beendeten
Flüchtlingsströme auf Dauer kosten werden und wie eine dadurch besonders beanspruchte Region damit fertig werden
soll, die sich mit dem Nachbarn Rheinland-Pfalz die zehn höchstverschuldeten
Kommunen teilt. Wenn diese Zahlen vorliegen, dann werden auch Elvis und Marlon, die beiden Hollywoodhelden, keine
große Hilfe mehr sein, egal wo sie hängen.
Schwunghafter Handel
Kurios war schließlich auch, wie man die
Kasinobilder als öffentliches Kulturgut
behandelt sehen wollte, das auf gar keinen Fall wieder auf den Markt geworfen
werden durfte. Obwohl sie nie ein Museum von innen gesehen hatten, sollte auch
für sie der unbedingte Besitzerhalt als un-
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Double Andy. Plädoyer für die halbe Aufregung
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hintergehbare Voraussetzung dieses Tra- beitsplatzes, der Hamburger Kunsthalle,
ditionsbetriebs gelten. Ein weiteres Mal für den Zeitraum von 1919 bis 1944 nachzeigte sich, dass Tabus verlässliche Indi- weisen.2
katoren für hysterisches, aber eben nicht
Kürzlich hat zudem die Provenienzforfür historisches Denken sind. Denn in- scherin Andrea Bambi an das lange Zeit
zwischen könnte man es besser wissen, gut vergessene Beispiel des Münchner
selbst wenn man in diesem Feld immer Museumsleiters Ernst Buchner erinnert.
noch viel zu wenig weiß, haben doch ver- Dieser war von 1933 bis 1945 und dann
schiedene Autoren in den letzten Jahren wieder von 1953 bis 1957 Generaldireknachgewiesen, dass Verkäufe aus Muse- tor der Bayerischen Staatsgemäldesammumsbesitz immer schon üblich gewesen lungen gewesen und hat, Bambis Rechersind, und nicht nur wenn es, wie bei der chen zufolge, in seiner ersten Dienstzeit
Aktion »Entartete Kunst«, um politkrimi- Werke im Wert von über zwei Millionen
nelle Zensur ging.
Reichsmark für die Pinakotheken erworSo konnte Werner Hilgers in seiner 2010 ben, obwohl er praktisch keinen Ankaufserschienenen Einführung in die Museums- etat hatte.
ethik Anweisungen für das Vorgehen bei
Um an Gemälde von sogenannten altMuseumsverkäufen für die preußischen deutschen Malern zu kommen, die er beMuseen schon für 1835 nachweisen und sonders liebte, bot er daher Werke aus
James J. Sheehan zitieren, der die erste öf- dem Museumsbestand an, vor allem Niefentliche Kritik in das Jahr 1845 datiert, derländer des 16. und 17. Jahrhunderts,
als der Münchner Museumsleiter, Histo- die er nicht besonders schätzte oder von
rienmaler und Akademieprofessor Cle- denen sich, wie im Fall von Jan Bruegmens von Zimmermann 1500 Werke aus hel dem Älteren, noch weitere Werke in
der Pinakothek veräußert haben soll.1 den Sammlungen befanden. So brachte
Und schon bei einer nur kursorischen er unter anderen zehn Werke des LetztDurchsicht des Lugt’schen Verzeichnis- genannten auf den Markt sowie sieben
ses von Verkaufsausstellungskatalogen ist von Gerard Dou und drei von Peter Paul
die Provenienzforscherin Ute Haug auf 55 Rubens. Dafür erhielt er Bilder von Hans
Auktionen gestoßen, die für die Zeit zwi- Baldung Grien, Jost Haller und Jan Polschen 1901 und 1925 ganz oder teilweise lack, die sich heute im Depot oder an
mit Besitz aus deutschen Museen bestrit- Zweigstellen der Pinakotheken befinden.
ten worden waren; weitere Beispiele kann
Insgesamt hat Buchner demnach 112
sie aus der Geschichte ihres heutigen Ar- Museumswerke auf den Markt gebracht,
wovon einige über die eingeschalteten
1
Vgl. das Kapitel »Aussonderung von Museumsgut« in: Werner Hilgers, Einführung
in die Museumsethik. Berliner Schriften
zur Museumsforschung, Bd. 28. Berlin:
G + H Verlag 2010; James J. Sheehan,
Geschichte der deutschen Kunstmuseen. Von
der fürstlichen Kunstkammer zur modernen
Sammlung. München: Beck 2002.
2
Ute Haug, Deakzession und Provenienzforschung und Provenienzforschung und
Kulturpolitik. In: Julius H. Schoeps /
Anna-Dorothea Ludewig (Hrsg.), Eine
Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum. Berlin:
Hentrich & Hentrich 2014.
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Kunsthändler ihren Weg in die Sammlung dass auch politisch gestützte, in den Kritevon Hermann Göring fanden. Eines dieser rien aber eher unpolitische Vorlieben von
Werke, gemalt von Jan Brueghel dem Älte- Museumsdirektoren empfindliche Lücken
ren und Hendrik van Balen, das nach der schlagen können, was wiederum für eine
Auflösung der Sammlung Görings wieder generelle Aufrechterhaltung des Tabus
nach München zurückgelangt war, wurde spräche, freilich auch auf eine Musealisie1966 sogar ein zweites Mal verkauft, denn rung der Museen hinauslaufen würde.
unter dem Nachfolger Buchners, HallUnd so plädiert auch keine der Autodor Soehner, »wurde ein Teil der Göring- rinnen für die »Aussonderung von MuSammlung veräußert, und so kam das seumsgut«, die »Deakzession«, aber sie
Werk im Auktionshaus Lempertz zum fühlen sich dem Ethos einer KunstwisAufruf und ging über den Kunsthandel in senschaft verpflichtet, die der Öffentlichdie Bestände des Louvre in Paris ein und keit nicht vorgaukeln will, Verkäufe aus
befindet sich heute im Musée de la Chasse. Museen und öffentlichem Besitz seien etAus heutiger Sicht wäre es als eines der ei- was völlig Ungewöhnliches oder gar Abgenhändigen Brueghel-Werke eine Zierde artiges. Es gilt eben doch zu unterscheider Alten Pinakothek.«3
den, ob man dieses Thema moralisch oder
Auch Werke der Moderne fanden ihren historisch behandeln will, und die historiWeg aus den Bayerischen Staatsgemälde- sche Arbeit ist, wie stets, die anstrengensammlungen, aber nicht weil Buchner sie dere Variante, aber auch die ergiebigere.
für »entartet«, sondern für »unbedeuAls »Nebenprodukte« der Provenienztend« hielt, darunter Gemälde von Re- forschung, wie sie durch die Raubkunstnoir und Monet, für die er sich ein Werk und Restitutionsdebatte angestoßen
von Hans Thoma einhandelte, das heute worden ist, sind jedenfalls weitere Erebenfalls im Depot ruht. Der Renoir ent- kenntnisse auch über den sozusagen unstammte, ein besonders unangenehmes politischen Handel mit Museumsgütern
Detail, einer privaten Stiftung im Rah- zu erwarten. Die süße Illusion vom Musemen der 1911 eingeworbenen »Tschudi- umsbesitz als einer marktfreien Zone wird
Spende«, mit welcher die Staatsgemälde- nicht aufrechtzuerhalten sein. Tradition,
sammlungen auf den Stand der Moderne wie sie sich mancher als stetige Besitzgebracht werden sollten.
mehrung und verlässliche BestandswahDie Missachtung der Stiftungsherkunft rung zurechtlegen möchte, hat eine ganz
spricht für eine nicht nur politisch moti- eigene Kinetik, die in der Geschichtsvierte Selbstherrlichkeit Buchners. Es war schreibung des Museumswesens gern
seinem Treiben allerdings förderlich, dass ignoriert worden ist, aber der Provenienzer die Transaktionen nicht als Museums- forschung nicht verborgen bleiben kann.
verkäufe, sondern als Tauschhandel ausDamit kommt eine Historisierung der
gab. Sein Vorgehen ist ein Beispiel dafür, Tradition wieder in Schwung, die schon
Walter Benjamin beschäftigt hat, was den
gelernten Philologen verriet, der mit Edi3 Andrea Bambi, Tauschen und Verkaufen.
tionskritik vertraut war. Während dieDas Museum als Kunsthändler während der
se die Wanderungen und Veränderungen
NS-Zeit. In: Arsprototo, Nr. 3, 2014.
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der Texte durch die Bücher nachzeichnet, ist die Wanderung der Bilder durch
die Sammlungen und Museen noch zu erforschen. Denn jede Tradition hat ihre ei-
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gene Geschichte, und die ist selten so erbaulich wie die schönen Stücke, die wir
ihr verdanken.
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