close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Christ_und_Welt_2015_02_27

EinbettenHerunterladen
Ein Recht auf Blasphemie?
Segen genug
RELIGION Wirkliche oder vermeintliche Gotteslästerung
und Religionsbeschimpfung:
Der Umgang damit variiert je
nach Land und Konfession.
Jacqueline
Keune
Z
wei Bischöfe wollen einen Pfarrer
bestrafen, weil er ein Liebespaar
gesegnet hat. Bestünde das Paar aus
einer Frau und einem Mann, dann
sähe die Sache ganz anders aus. Nun
sind es aber zwei Frauen, die sich
Segen gewünscht haben, und für die
sieht das Kirchenrecht keinen vor.
JOSEF TUTSCH
redaktion@luzernerzeitung.ch
«Always look on the bride sight of life»,
liessen die Monty Pythons 1979 in der
Schlussszene ihres Films «Das Leben des
Brian» eine Gruppe von Gekreuzigten
singen. Eine respektlose Verhöhnung des
christlichen Glaubens? Viele sahen es
damals so. Heute wird der Song gern bei
Begräbnissen gespielt; aber damals war
in manchen Ländern eine Aufführung
des Films gar nicht erst möglich. Eine
Blasphemie-Affäre, bei der immerhin
niemand an Leib und Leben geschädigt
wurde. Eine uralte Tradition in vielen
Religionen will es jedoch anders. 399 vor
Christus wurde Sokrates zum Tod verurteilt, weil er angeblich die Götter, die
in Athen heilig gehalten wurden, nicht
akzeptierte und etwas anderes an ihre
Stelle setzen wollte. Im 3. Buch Moses
heisst es: «Wer den Namen des Herrn
schmäht, wird mit dem Tod bestraft, die
ganze Gemeinde soll ihn steinigen.» Der
Hohepriester Kaiphas im MarkusEvangelium fasste Jesu Selbstbekundung
«Ich bin es» auf die Frage nach dem
Messias als Schmähung Gottes auf.
Schutz des öffentlichen Friedens
Zwei Jahrtausende später gibt es etwa
in Deutschland einen solchen Blasphemie-Paragrafen, jedoch mit einer entscheidenden Differenzierung: Wer ein
«religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis» oder auch eine «Kirche oder
Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung» beschimpft, wird nur
unter der Voraussetzung bestraft, dass
diese Beschimpfung «geeignet ist, den
öffentlichen Frieden zu stören». Umgangssprachlich wird der Tatbestand
weiterhin «Gotteslästerung» genannt;
aber geschützt wird nicht so sehr das
religiöse Empfinden des Einzelnen,
schon gar nicht Gott selbst, sondern der
«öffentliche Frieden».
Der vielleicht berühmteste Blasphemieprozess in Deutschland fand bereits
in der Weimarer Republik statt. 1927
wurde der Künstler George Grosz angeklagt, weil er einen Christus mit Gasmaske gezeichnet hatte. Nach jahrelangem Prozess wurde Grosz freigesprochen.
Das Bild treffe nicht den christlichen
Glauben, sondern vielmehr die politi-
Papst-Rücktritt:
Zweiter Jahrestag
ROM red. Morgen Samstag jährt sich
der Amtsverzicht Papst Benedikts
XVI. zum zweiten Mal. Seit seinem
Rücktritt ist es ruhig geworden um
das ehemalige Kirchenoberhaupt.
Sorgen müsse man sich nicht machen, beruhigte kürzlich der Vatikan.
Benedikt XVI. geht es laut Erzbischof
Georg Gänswein dem Alter entsprechend gut. Über den Gesundheitszustand des emeritierten Papstes
würden oft böswillige Gerüchte verbreitet, sagte Gänswein in einem
Interview mit der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera».
Demgegenüber stellte der Privatsekretär des emeritierten Papstes klar:
«Benedikt XVI. ist ein Mann von
beinahe 88 Jahren, und wie es normal
ist für sein Alter, hat er gelegentlich
Probleme mit den Beinen. Das ist
alles.» Sein Kopf funktioniere noch
hervorragend, sein Gedächtnis sei
ausgezeichnet. In letzter Zeit spiele
Benedikt XVI. auch wieder verstärkt
Klavier, vor allem Stücke von Mozart.
Beim Musizieren brauche er keine
Noten.
Benedikt XVI. hatte sich nach
seinem Rücktritt im Februar 2013 in
ein umgebautes Kloster in den vatikanischen Gärten zurückgezogen.
Georg Gänswein ist als Präfekt des
Päpstlichen Hauses auch für Papst
Franziskus tätig.
MEIN THEMA
«Das Leben des Brian» von Monty Python – hier die Schlussszene – wurde von
vielen als respektlose Verhöhnung des christlichen Glaubens empfunden.
PD
schen Äusserungen der Kirchenvertreter.
Heute sind deutsche Gerichte mit Bestrafungen wegen «Gotteslästerung» in
aller Regel sehr zurückhaltend. 1993
wurde am Kölner Karneval auf der sogenannten «Stunksitzung» ein Kruzifix
gezeigt, auf dem statt «INRI» «Tünnes»
(Narr, einfältiger Mensch) zu lesen war.
Nach einer Strafanzeige wegen Gotteslästerung wurde das Schild polizeilich
beschlagnahmt, der Strafbefehl vom Gericht jedoch aufgehoben: Die Kunstfreiheit habe in diesem Fall Vorrang. Eine
wachsende Zahl von Prozessen betrifft
nicht das Christentum, sondern den Islam. Zum Beispiel 2006 in Lüdinghausen:
Ein Frührentner hatte Toilettenpapier mit
dem Aufdruck «Koran» bedruckt und
öffentlich zum Verkauf angeboten. In
diesem Fall lautete das Urteil auf zwölf
Monate Haft auf Bewährung.
«Beleidigung des höchsten Wesens»
Die übrigen westlichen Länder sind
mit dem Problem ganz unterschiedlich
umgegangen. In Österreich sind die
«Herabwürdigung religiöser Lehren» und
die «Störung einer Religionsausübung»
strafbar; ein Tatbestand, der sich Beleidigung «des höchsten Wesens» nannte, wurde 1975 gestrichen. In Grossbritannien wurde der Blasphemieparagraf
2008 abgeschafft, in den Niederlanden
im Jahr 2012. In Irland dagegen hat er
sogar Verfassungsrang, wird jedoch seit
Jahrzehnten nicht mehr angewendet.
Anders in islamischen Ländern. In
Saudi-Arabien und Pakistan sowie im
Sudan und Iran droht bei Blasphemie
die Todesstrafe; in Pakistan ist ausdrücklich auch die Schändung des Korans
und die Beleidigung des Namens von
Mohammed unter Strafe gestellt. 2005
veröffentlichte die dänische Zeitung
«Jyllands-Posten» ihre Mohammed-Karikaturen. Die Staatsanwaltschaft in
Viborg vermochte keine Hinweise auf
eine Straftat nach dem dänischen Blasphemieparagrafen zu erkennen. In der
islamischen Welt jedoch kam es zu
gewalttätigen Protesten. Auch im Westen war die Haltung keineswegs einheitlich. «Es war eine bewusste und
geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes», schrieb Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Sprecher des
Heiligen Stuhls, um den interreligiösen
Dialog bemüht, erklärten, für Mohammed und den Koran sei ein ähnlicher
Schutz angebracht wie für die Bibel und
Christus. Aber die Pariser Tageszeitung
«France Soir» beharrte darauf: «Ja, wir
haben das Recht, Gott zu karikieren!»
«Kritische Kunst»
Der Anschlag auf die «Charlie»-Redaktion im Januar hat die Diskussion aufflammen lassen. Der öffentliche Frieden,
so der Philosoph Michael Schmidt-Salomon, werde «niemals durch kritische
Kunst bedroht, sondern vielmehr durch
religiöse oder politische Fanatiker, die
nicht in der Lage waren, die künstlerische
Infragestellung ihrer Weltanschauung rational zu verarbeiten». Die Formel von der
Störung des «öffentlichen Friedens» könnte ausgerechnet Gruppen privilegieren,
die ihrem Glauben besonders aggressiv
Geltung zu verschaffen versuchen, indem
sie selbst diesen Frieden in Frage stellen.
Aber ob bei einer Streichung des Paragrafen womöglich auch wirkliche Hetze
gegen Religionsgemeinschaften dem Zugriff des Strafrechts entzogen würde? Etwa
Karikaturen, wie sie im Dritten Reich der
«Stürmer» veröffentlichte. Die Schwierigkeit zeigt sich in einer Stellungnahme des
Menschenrechtskomitees der Vereinten
Nationen von 2011, das die Staaten dazu
aufforderte, Äusserungen von «nationalem, rassistischem oder religiösem Hasse,
welche zur Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt anstiften», zu verbieten.
In einem Kommentar heisst es dann
aber auch gleich, dadurch dürfe die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der
Religion nicht beeinträchtigt werden. Man
sollte es sich doch wohl nicht so leicht
machen wie jener Stadtrat in East Devon,
der zum «Leben des Brian» sagte: «Man
muss keinen Schweinestall sehen, um zu
wissen, dass er stinkt.»
Ich liebe einen Mann, und wir
haben uns auch einmal Segen gewünscht. Niemand hat vor dem Segen gefragt, ob wir im Rohstoffhandel tätig sind, der mit Ausbeutung
verstrickt ist. Niemand hat gefragt,
ob mein Lebensgefährte mich
schlägt, ob wir einer Partei angehören, die gegen Fremde hetzt, oder
ein Konto bei einer Bank haben, die
parallel zu Milliardengewinnen Dutzende von Mitarbeitenden entlässt.
Das hat die Kirche nicht interessiert.
Damit wir den Segen bekommen
haben, hat es gereicht, dass wir eine
Frau und ein Mann sind. Auch beim
Menschenhändler und beim Oligarchen und ihren Gattinnen reicht es.
Von all den Vorlesungen, die ich
besucht habe, ist mir eine besonders
geblieben. Neues Testament bei Prof.
Schelbert. Er hat uns aufgefordert,
eine bestimmte Paulus-Stelle zu lesen. Dann hat er gemeint, dass wir
die Sätze direkt in unseren Bibeln
durchstreichen sollen. Antisemitismus habe nirgendwo Platz.
Es ist Zeit, schon ewig Zeit, dass
wir endlich die Kirchenstifte hervornehmen und alles aus diesem Kirchen«recht» durchstreichen, was
Frauen und Männer allein aufgrund
ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung ausgrenzt und sie
tief verletzt. Und es ist Zeit, dass
sich kein einziger Bischof mehr anmasst, Besitzer und Verwalter von
Gottes Segen zu sein.
Jacqueline Keune, freischaffende
Theologin, Luzern
Konferenz will keine Politik von der Kanzel
RELIGION Die katholische
Kirche ist politisch aktiv.
Bischöfe mahnen aber zur
Zurückhaltung.
Die katholische Kirche gibt mit ihrer
Politik zu reden. Unfreiwillig, wenn es
etwa um die Absetzung des Pfarrers
Wendelin Bucheli in Bürglen UR geht,
weil dieser ein lesbisches Paar gesegnet
hat. Freiwillig, wenn die katholische Kirche beispielsweise meinungsstarke Jugendliche zum politischen Schlagabtausch einlädt – so wie in der Stadt Luzern. «Stimmen zur Abstimmung» heisst
die Podiumsdiskussion, die dort seit
letztem Sommer jeweils vor eidgenössischen Abstimmungen im Pfarreiheim
Barfüsser stattfindet.
Rein organisatorische Rolle
Zuletzt stritt man sich über die Familieninitiative und die Energieinitiative, die
am 8. März zur Abstimmung stehen. «Wir
wollen den Meinungsaustausch unter den
Jungen stärken und ihr rhetorisches Talent fördern», meint Urban Schwegler,
Mediensprecher der katholischen Kirche
Stadt Luzern. Die Kirche habe zusammen
mit dem Jugendparlament eine rein organisatorische Rolle übernommen und
mische sich nicht in die Diskussion zwischen den Vertretern der Jungparteien
ein. Die Schweizer Bischofskonferenz
nimmt keine Stellung zu den beiden
Initiativen – auch nicht zur Familieninitiative, bei der es nebst Steuerfragen auch
um das Familienbild geht. «Es geht darum, wie Steuern berechnet werden. Dazu
Empfehlungen abzugeben, liegt nicht im
Aufgabengebiet der Bischöfe», sagt Walter
Müller, Informationsbeauftragter der Bischofskonferenz.
Kirche tagespolitische Themen aufgreift
und Stellung bezieht, wenn es um Fragen
der Gerechtigkeit geht», meint sie. «Nur
so ist die Kirche für die Menschen relevant.» Es komme auf eine «sorgfältige
Wortwahl» an.
Abstimmungskampf in der Kirche
Nicht immer kann oder will sich die
Kirche fein raushalten. Im vergangenen
August hielt der Luzerner Bäuerinnenund Bauernverband seine traditionelle
Sommertagung mit einer Messe im Freien
ab. Prompt machte Verbandspräsident
Jakob Lütolf-Arnold (CVP) während des
Gottesdienstes Werbung in eigener Sache,
indem er die Ernährungsinitiative des
Bauernverbandes pries. Auch Silvia Huber, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Karl
in Luzern, machte letzten November
keinen Hehl aus ihrer politischen Meinung und empfahl am Schluss des Gottesdienstes ein Ja zum Bau der Luzerner
Gütschbahn, der zur Abstimmung stand.
Ihr Votum sorgte bei politischen Gegnern
für Unmut. «Es ist ja wirklich komisch,
wenn man in einer Kirche eine Parole
herausgibt», meinte damals FDP-Grossstadträtin Sandra Felder-Estermann. Für
Gemeindeleiterin Silvia Huber ist der Fall
mittlerweile abgeschlossen. «Aber ich
finde es nach wie vor wichtig, dass die
«Redner sollten sich
im Gottesdienst der
Tagespolitik
enthalten.»
WA LT E R M Ü L L E R ,
B I S C H O F S KO N F E R E N Z
Müller von der Bischofskonferenz findet dazu klare Worte: «Im Zentrum des
Gottesdienstes stehen das Evangelium
und die Eucharistiefeier. Daher sollten
sich Redner im Gottesdienst der Tagespolitik enthalten.» Die Kirche engagiere
sich bereits auf anderen Wegen politisch,
wenn ethische und gesellschaftliche
Grundwerte auf dem Spiel ständen, so
Müller. Missbräuche des Gottesdienstes
für tagespolitische Botschaften kämen
aber seines Wissens nur selten vor.
Reformierte als Politpioniere
Zu einem ähnlichen Befund kommt
auch Stefan Sägesser, Informationsbeauftragter der reformierten Kirche des
Kantons Luzern: «Es gab eine Zeit vor
30 oder 40 Jahren, da diente die reformierte Kirche als Plattform für damals
progressive Themen wie Frauenstimmrecht, Nuklearwaffen oder Umweltschutz. Doch dafür gibt es mittlerweile
viele andere Kanäle.» Er betont aber,
dass die reformierte Kirche nicht grundsätzlich gegen politische Stellungnahmen im Gottesdienst sei.
Einen neuen Kanal hat nun die katholische Kirche in Luzern mit den Podiumsdiskussionen eröffnet. Es kämen jeweils
15 bis 20 Besucher, so Urban Schwegler:
«Es könnten mehr sein, aber wir freuen
uns dennoch schon auf die nächste Abstimmungsdebatte.» Bei den eidgenössischen Abstimmungen vom 14. Juni wird
es unter anderem um Fortpflanzungsmedizin gehen – ein heisses Eisen gerade für die katholische Kirche. Der Zeitpunkt und Einzelheiten der Podiumsdiskussion ständen aber noch nicht fest,
so Schwegler.
SIMON BORDIER
HINWEIS
Informationen zu den politischen Podiumsveranstaltungen der katholischen Kirche der
Stadt Luzern unter www.sinnbildung.ch
Autor
Document
Kategorie
Uncategorized
Seitenansichten
1
Dateigröße
183 KB
Tags
1/--Seiten
melden