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Leseprobe zum Titel: Süddeutsche Zeitung (21.02.2015)

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A M WO C H E N E N D E
HF1
MÜNCHEN, SAMSTAG/SONNTAG, 21./22. FEBRUAR 2015
71. JAHRGANG / 8. WOCHE / NR. 43
FOTOS: AFP/GREGORIO BORGIA, FRANK BAUER; ILLUSTRATIONEN: BENE ROHLMANN, @ILLUTROV
WWW.SÜDDEUTSCHE.DE
Merkel und der Papst
Das Elend der Welt, der Trost der Gemeinschaft, die Einsamkeit an
der Spitze – was verbindet die mächtige Frau und den obersten Katholiken?
Thema der Woche, Seite 2
/ 2,60 EURO
EIN HOCH AUF DIE KULTUR
Nirgendwo wird Kunst
stärker subventioniert
als in Deutschland - Chapeau!
Buch Zwei, Seite 11
STUMPF
(SZ) Leider ist der gute alte Brauch des
Raufens, mit dem Meinungsverschiedenheiten auf unbürokratische Weise verhandelt und abschließend geklärt werden, in
bayerischen Wirtshäusern so gut wie ausgestorben. Der Verlust wiegt umso schwerer, als die Rauferei einst der Höhepunkt
einer jeden Geselligkeit war, dem man
von der ersten Minute an entgegenfieberte. Wie der Schriftsteller Ludwig Thoma
berichtet, erweiterte man die Schlagkraft
auch gerne mit Waffen: „Als Wurfgeschoss dient ein irdener Krug mit Henkel,
der ihn auch zum Hiebe tauglich erscheinen lässt.“ Dass es mit der Raufkultur
bergab ging, liegt nicht zuletzt an der Verunsicherung des Mannes durch die seiner ungestümen Natur zuwiderlaufenden Friedenspädagogik. Aber auch die Politik hat versagt. Nicht einmal die Abgeordneten des Bayerischen Landtags haben sich in jüngerer Zeit dazu durchringen können, die Gesetzgebung einfach
mal per Handgemenge zu erledigen.
Überhaupt täten deutsche Parlamentarier gut daran, vor der nächsten Parlamentsreform einen Blick ins Ausland zu
werfen. Dort ist man längst weiter.
Jüngstes Beispiel ist das türkische Parlament, wo die Debatte über erweiterte
Polizeibefugnisse gleich mit zwei Prügeleien angereichert wurde. Neben Griffen
aus dem in der Türkei höchst populären
Ringkampf sowie Nasenstübern und Ohrwaschl-Reißern kamen auch Waffen zum
Einsatz, allerdings nicht die in Bayern beliebten Masskrüge, sondern Hammer
und Glocke des Parlamentspräsidenten.
Vor allem der Hammer verfehlte seine
Wirkung nicht, es gab fünf Verletzte.
Auch in anderen Ländern pflegt man diese leidenschaftliche Form des politischen
Diskurses vorbildlich. In Südafrika kloppten sich die Abgeordneten wegen Korruptionsvorwürfen gegen Präsident Zuma,
im ukrainischen Parlament prügelte
man sich um die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache, und als
Berlusconi noch das schöne Italien regierte, wurden Gesetze mit der bloßen Faust
durchgeboxt. In Deutschland muss man
Eishockey-Spiele besuchen, um derlei
herzerfrischende Szenen zu erleben.
Es ist schon betrüblich, in einem Land
zu leben, wo parlamentarische Debatten
so gesittet verlaufen wie die Tagung einer
Evangelischen Akademie. Nicht einmal
zu denkwürdigen Beleidigungen reicht
es, da gelten noch immer die rund 50 Jahre alten Invektiven Herbert Wehners als
das Maß aller Dinge. Dabei sind Kerle wie
Sigmar Gabriel oder Peter Altmaier doch
wie geschaffen für den politischen Schlagabtausch. Aber sie rühren keinen Finger,
obwohl so eine Keilerei auch Labsal für
die Seele wäre. Dies ist den Jugenderinnerungen Ludwig Ganghofers zu entnehmen: „Eine ganze Woche lang war ich
schrecklich traurig – und um mich wieder zu mir selbst zu bringen, bedurfte es
einer fürchterlichen Rauferei.“
Medien, TV-/Radioprogramm
Forum & Leserbriefe
München · Bayern
Rätsel & Schach
42-44
14
41
59
61008
4 190655 802602
Satiriker dürfen nicht
nur alles – seit kurzem
gelten sie auch als
Helden. Dabei kommen
Humorarbeiter selten
über dumme Klischees
und Stereotype hinaus
Am Beispiel Pussy Riot:
Revolte im Pop ist beliebt,
bleibt aber meist nur Pose
Gesellschaft, Seite 45
Feuilleton, Seite 15
MISS TÖNE
Europäische Vertrauensfrage
Staatsanwalt
unter Verdacht
Beim Streit mit Griechenland geht es bei Weitem nicht nur um Kredite und Reformen. Die Regierungen
der Mitte befürchten, dass zu viele Zugeständnisse die Radikalen begünstigen und am Ende die EU gefährden
Frank Lüttig soll Interna aus dem
Fall Wulff weitergegeben haben
von cerstin gammelin
Brüssel – Durch die Machtübernahme radikal-populistischer Linker und Rechter
im dramatisch verschuldeten Griechenland steht Europas Währungsunion vor
der größten Krise ihrer Geschichte. Die Regierung von Premier Alexis Tsipras beharrt darauf, der Euro-Politik eine neue
Richtung zu geben. Die Euro-Partner, regiert von Parteien der gemäßigten Mitte
und angeführt von Deutschland, lehnen
dies ab. Alle Versuche, einen Kompromiss
zu finden, scheiterten bisher an einem
grundsätzlichen Problem: Die gemäßigten Parteien in Europa können den seit
2011 immer mehr Zuspruch erfahrenden
radikalen Parteien keine Zugeständnisse
machen, ohne die EU in ihrer jetzigen
Form zu riskieren. Man ringe nicht um
Zahlen oder Reformen, sagt ein hoher EUDiplomat, sondern „darum, dass die Regeln der Währungsunion eingehalten werden“. Also um Glaubwürdigkeit.
Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der sich zuletzt zu erstaunlich undiplomatischen Auftritten hinreißen ließ, lieferte am Freitag unmittelbar
zu Beginn des dritten Krisentreffens binnen zehn Tagen in Brüssel seine Sicht auf
den Streit. „Es geht nicht um einzelne Länder. Es geht um Europa. Darum, dass wir
uns gegenseitig vertrauen können. Und
dass wir das Vertrauen in allen europäischen Ländern für den Fortgang dieses europäischen Einigungswerks bestärken.“ Der Streit über weitere Kredite für
Griechenland, das nach fünf Jahren Rettungspolitik auf finanzielle Hilfe angewiesen ist, läuft auf eine Entscheidung über
den Verbleib des Landes in der Währungsunion hinaus. 2011 und 2012, als erstmals
Für ein Kind im Jahr 2015 ist es anscheinend so: Entweder man liest die äußerst
schwer auffindbaren Allgemeinen Geschäftsbedingungen im Handy – und
stellt dann fest, dass man das Chat-Programm Whatsapp gar nicht installieren
darf, weil man noch nicht 16 Jahre alt ist.
Oder man pfeift drauf und beginnt munter zu chatten. Mit Freunden, Fremden
oder den Jungen aus der letzten Reihe, die
über Whatsapp auch solche Videos verschicken, die ein flaues Gefühl im Magen
auslösen und die man zu Hause nie sehen
dürfte. Wer hätte es gedacht: Der Nachwuchs entscheidet sich in aller Regel für
die zweite Möglichkeit. 82 Prozent aller
Kinder, die ein Handy mit Apps besitzen,
haben Whatsapp installiert.
Das belegt eine Untersuchung, die sogenannte KIM-Studie 2014, zum Umgang
von sechs- bis 13-jährigen Kindern mit
Medien, die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest kommende Woche veröffentlicht. 1200 Kinder und ihre
Eltern wurden befragt. Die Studie zeigt
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in vertraulichen Runden über das Ausscheiden Griechenlands beraten wurde,
entschied Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Athen bleiben solle. Gründe waren der Druck von Finanzmärkten und Investoren und die unvorhersehbaren Folgen. Drei Jahre später ist der Euro gegen
Krisen gewappnet, sind die Finanzmärkte
beruhigt. Das Problem ist jetzt aber: Die
Zahl derer, die die Rettungspolitik ablehnen, weil sie als zu streng oder zu lasch
empfunden wird, wächst. Populisten und
Radikale sind auf dem Vormarsch.
Der Ausgang des Streits mit Griechenland ist enorm wichtig, weil Europa vor einem außergewöhnlichen Wahljahr steht
und die Entscheidung in Athen sich direkt
in den Nachbarländern auswirken kann.
In zehn der 28 Staaten der Europäischen
Union wird 2015 ein neues Parlament gewählt – überall kämpfen gemäßigte Parteien um ihre traditionellen Wähler. Die
erste Wahl in Griechenland hat Populisten
haushohe Gewinne beschert und zu einer
Regierung geführt, die radikale Parteien
vereint, die wiederum aber nur in einem
Punkt übereinstimmten: Die Sparpolitik
im hoch verschuldeten Euro-Krisenland
muss sofort beendet werden.
Der Sieg und der wachsende Zuspruch
der Griechen für ihre Regierung, die mit aller Macht mit den Euro-Partnern für die
17
Athens Last
Der Druck auf Griechenland ist groß:
Allein in diesem Jahr muss Athen rund
17 Milliarden Euro an Krediten und Zinsen
begleichen. Nicht eingerechnet sind
Schulden bei griechischen Banken in
zweistelliger Milliardenhöhe.
Milliarden
Euro, fällig
in 2015
bei der Europäischen Zentralbank EZB
7,0
Milliarden
Euro
Milliarden
Euro
Zinsen
6,68
bei dem Internationalen Währungsfonds IWF
0,32
9,42
Zinsen
0,76
8,66
SZ-Grafik; Quelle: Bloomberg & IWF
Klick-Clique
Smartphone-Nutzer werden immer jünger, die Geräte
prägen spätestens von der fünften Klasse an die Kindheit.
Ohne klare Regeln der Eltern ist das riskant
deutlich, dass Smartphones inzwischen
von immer jüngeren Kindern genutzt werden – jene Handymodelle also, die Apps
und Internetzugang bieten. Der Anteil
der Sechs- bis 13-Jährigen, die ein Smartphone haben, ist innerhalb der vergangenen zwei Jahre von sieben auf 25 Prozent
gestiegen.
Innerhalb dieser Gruppe sind es die älteren, die Fünftklässler, die richtig loslegen – unter den Zwölfjährigen hat heute
fast jeder ein Handy, die Hälfte ein Smartphone. Wer gerade erst eingeschult wurde, besitzt laut der Studie eher noch kein
Gerät, viele ältere Grundschüler müssen
mit wenig opulenten Modellen, oft den alten Handys der Eltern, Vorlieb nehmen.
Dabei ist ein eigenes Gerät nicht nur
der Wunsch vieler Kinder, sondern häufig
auch einer der Eltern. Das vermutet Sabine Feierabend von der SWR-Medienforschung, die an der Studie beteiligt war. Je
größer der Aktionsradius eines Kindes
wird, desto wichtiger ist eine gute Erreichbarkeit für Eltern – denn sie bietet ihnen
ein Gefühl von Sicherheit. Der Sprung
zum Smartphone, der oft zeitlich mit dem
Wechsel auf eine weiterführende Schule
zusammenfällt, ist allerdings Segen und
Fluch. Möglich wird dadurch nämlich
Umsetzung
ihrer
Wahlversprechen
kämpft, hätten den gemäßigten großen
Parteien „einen Schock versetzt“, sagt ein
hoher EU-Diplomat. Der Kampf um Wähler verlaufe nicht mehr zwischen Sozialdemokraten und Christdemokraten, sondern zwischen Populisten und Radikalen
einerseits und allen Parteien der Mitte.
Der Bundesregierung geht es im Streit
um Hilfen nicht in erster Linie um weitere
Kredite, sondern darum, die Politik der gemäßigten Regierungen durchzusetzen.
Für die Analyse der EU-Diplomaten
spricht, dass die linken Regierungen in Paris und Rom die Linie der großen Koalition aus Berlin stützen. Zwar wurde Tsipras
in beiden Hauptstädten freundlich empfangen – mehr als einen Händedruck gab
es für den Linksradikalen aber nicht. In
der Sache stehen Staatspräsident François Hollande und Italiens Premier Matteo Renzi hinter Merkel. Sie wollen nicht
die Schulden erlassen; sie bestehen auf Reformen – kein Geld ohne Gegenleistung.
Der nächste Markstein in Europa wird
der 19. April sein – in Finnland. Dort strebt
die rechtspopulistische Partei Die Finnen
in die Regierung. Am 7. Mai wählen die Briten. Siege der Populisten in den Euro-Ländern könnten die europhobe Ukip-Partei
stärken. Nach dem Sommer wählen Polen, Dänemark, Portugal; im November
die Spanier. Dort haben Pablo Iglesias und
dessen junge linke Protestpartei gute
Chancen, den konservativen Premier Mariano Rajoy abzulösen. Die viertgrößte Euro-Wirtschaftsmacht stünde vor einem extremen politischen Farbwechsel. Der europäische Wahlkalender wird neben innenund parteipolitischen Überlegungen der
Grund dafür sein, dass Merkel nicht nachgeben kann.
Seiten 4 und 7
nicht nur der brave Anruf bei den besorgten Eltern, sondern auch die besagte
Whatsapp-Kommunikation und jeder
Blödsinn, der im Internet vorhanden ist.
Und davon gibt es eine ganze Menge.
Spätestens dann sind im Elternhaus
Gespräche angebracht, über die Risiken
des Alleskönners in der Hosentasche. Neben den Inhalten, die auf die Kinder einströmen, von anderen Schülern, von Facebook, Twitter und Instagram, muss es
auch um die Daten gehen, die Kinder
selbst zurück ins Netz schicken. Die meisten Apps und Handys sind neugierig und
interessieren sich für die Aufenthaltsorte
und Bewegungen der Nutzer – die Technik macht dabei keinen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern. Angebote wie schau-hin.info helfen mit Rat; so
sollten Eltern und Kinder etwa gemeinsam die Einstellungen zum Datenschutz
festlegen. Ein Anfang. Man muss ja nicht
gleich verlangen, dass der Nachwuchs die
Allgemeinen
Geschäftsbedingungen
liest.
juliane von wedemeyer
Hannover – Die Staatsanwaltschaft Göttingen hat Ermittlungen wegen Geheimnisverrats in den Fällen Wulff und Edathy gegen den Celler Generalstaatsanwalt
Frank Lüttig eingeleitet. „Ihm wird vorgeworfen, als früherer Leiter der Strafrechtsabteilung im niedersächsischen
Justizministerium sowie als Generalstaatsanwalt in acht Fällen in strafbarer
Weise Geheiminformationen an Dritte
weitergegeben zu haben“, sagte Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) am Freitag. Sieben Fälle beträfen die Weitergabe von geheimen Informationen aus dem Korruptionsverfahren gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Ein Fall
beziehe sich auf das noch laufende Verfahren gegen den früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy. In
beiden Fällen waren interne Vorgänge
und Details aus den Ermittlungen bekanntgeworden. sz Seiten 4 und 8
Mehr Kleinkinder
gehen in die Kita
Wiesbaden – Nach Inkrafttreten des
Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz ist
in Westdeutschland die Betreuungsquote bei Kindern unter drei Jahren merklich
gestiegen. Zum Stichtag 1. März 2014 lag
sie bei 27,4 Prozent in Westdeutschland
und bei 52 Prozent in Ostdeutschland.
2013 hatte die Quote im Westen noch bei
24,2 Prozent, im Osten bei 49,8 Prozent
gelegen. sz
Wirtschaft
MIT STELLENMARKT
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10986Punkte
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17928Punkte
16.30 h
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- 0,15%
- 0,34%
- 0,0055
DAS WETTER
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NACHTS
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gebietsweise Regen oder Schnee. Im Südosten und in Ostsachsen bleibt es noch
trocken und es zeigt sich die Sonne.
Höchsttemperaturen zwischen vier und
zehn Grad.
Seite 14
Süddeutsche Zeitung GmbH,
Hultschiner Straße 8, 81677 München; Telefon 089/2183-0,
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