close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Inhalt Melsungen Teil1 - Städtepartnerschaftsverein Melsungen e. V.

EinbettenHerunterladen
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 112
gegenüber. Sie sind aufgeteilt auf acht ortskundige
Damen und Herren, die die Zeit ihres Ruhestandes
mit dieser reizvollen Aufgabe verkürzen. Das variabel gestaltete Angebot bietet Stadtführungen für
Jedermann, Stadtführungen in fremden Sprachen,
für Kinder, Stadtführungen mit Bartenwetzer oder
mit Einkehr bei „ahler Wurscht“, Fettenbrot, Kaffee
und Kuchen, es bietet gar die „Erlebnisführung“
durch den Stadtstreicher Lupus in mittelalterlicher
Tracht und altertümlicher Sprache. Senioren-Wanderwochen führen in die umgebenden Wälder, wo
der Kunstpfad „Ars Natura“ einen besonderen
Akzent bietet. Jüngere Gäste werden auch weiterhin nicht ausgeklammert. „Faszination Mountainbike“ bietet geführte Geländetouren auf Leihrädern, „Handball – live“ lädt zu einem Bundesligaspiel mit Beiprogramm ein, „Nordic Walking“ ist
als aufblühender Sportzweig auch im Programm.
Das neue Melsunger Hallenbad ist für alle Altersgruppen ein Pfund, mit dem auch der Fremdenverkehr wuchern kann.
Was den finanziellen Aspekt angeht, errechnet Tourist-INFO, dass ein Tagestourist etwa zwanzig Euro,
ein Übernachtungsgast etwa siebzig Euro pro Tag
in Melsungen ausgibt. Nicht zu übersehen ist auch,
dass die besonderen Melsunger Ereignisse, wie
Weinfest, Speichenfest, Heimatfest, Schützenfest,
die Frühlings- und Herbstmärkte des Einzelhandels
Tausende von auswärts in die Stadt ziehen. Durch
ein erstmals 2005 in Szene gesetztes „Event“ soll
„Melsungen aus seinem kulinarischen Dornröschenschlaf wach geküsst werden.“ Hatte die Gastronomie auf Anregung der Tourist-INFO schon in
der Vergangenheit gelegentlich einheimische Spezialitäten wie Gefülltes Kraut, Grüne Soße oder
Dieppchen in Schustersoße angeboten, so präsentieren nun auf dem Marktplatz fünfundvierzig
regionale Erzeuger Brot, Käse, Fisch, Apfelsaft und
die ewig attraktive „Ahle Wurscht“. Mit Verkostung
und Schaukochen wollen die Veranstalter einen
Gegenpol zum „Fast Food“ unserer Zeit setzen.
Die beiden Campingplätze in Obermelsungen und
Röhrenfurth runden das Angebot des Melsunger
Fremdenverkehrs ab (s.d.). In einem TourismusTest, veranstaltet von der HNA, der besonders Service und Selbstdarstellung berücksichtigt, belegt
der Melsunger Fremdenverkehr mit Abstand den
besten Platz (03). Allerdings muss Geschäftsführerin Christina Wismach 2005 erneut ein Minus an
Übernachtungen von zwölf Prozent bekannt
geben. Man will stärker auf „Erlebnisorientierung“
112
setzen, z. B. mit den Projekten „Verzauberter
Schlossgarten“ oder „Nordhessisches Spezialitätenfestival“.
Städtepartnerschaften
Partnerschaften mit Städten anderer Länder, ein bis
1966 für Melsungen unbekanntes Phänomen,
haben das gesellschaftliche Leben dieser Stadt
ganz wesentlich bereichert, haben nicht wenigen
Bürgerinnen und Bürger enge Kontakte und anhaltende Freundschaften geschenkt.
Die Verbrechen des Naziregimes und der von
Deutschland angezettelte Weltkrieg mit seinem
unendlichen Leid machten die Deutschen 1945 zu
Parias der Weltgesellschaft. Ausgestoßen und geächtet, geteilt, verelendet vollziehen sie die Abkehr
von der Vergangenheit, versuchen Tritt zu fassen in
einer friedliebenden, demokratischen Gesellschaft
der Völker. Die Konstellation des beginnenden Kalten Krieges bezieht auch Westdeutschland ein,
weist ihm eine Position im Bündnis gegen den Ostblock zu und ermöglicht im Westen eine noch
zögerliche Bereitschaft, den Deutschen im Geiste
der Völkerverständigung die Hand zu reichen. Sie
wird von den demokratischen Kräften der Nachkriegsgeneration dankbar ergriffen.
Zuallererst richtet sich der Blick auf Frankreich. Ins
Land des „Erbfeindes“ hatten in nur einem Jahrhundert dreimal deutsche Soldaten Leid und Zerstörung gebracht. 1966 gelingt nach einigen Bemühungen der Abschluss eines Partnerschaftsvertrages
mit der nordfranzösischen Stadt Dreux, nicht weit
von Paris gelegen. Aus diesem Abschluss entwickelt sich die reichste und lebendigste Beziehung
unter allen Partnerschaften, die noch folgen. Niemals wieder wird der Grad an Begeisterung
erreicht, wie beim 10. Jahrestag 1976, der nahezu
tausend Französinnen und Franzosen nach Melsungen bringt. Auch nach dem Fest bleiben die
Kontakte mit dieser Stadt lebhaft. Heinrich Tollhopf, Motor und Vorsitzender des Partnerschaftsvereins, registriert für 1977 vierhundert Begegnungen, für 1978 gar fünfhundert. Sprachschwierigkeiten werden durch herzliche Atmosphäre kompensiert, wenn Vereine mit gleichen Zielsetzungen,
Schülerinnen und Schüler sich entsprechender
Schulen oder offizielle Delegationen von Kommunalpolitikern und Vorstandsmitgliedern des Partnerschaftsvereins aufeinander treffen. Die größte Aus-
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 113
dauer und Regelmäßigkeit weist der Schüleraustausch der Geschwister Scholl-Schule mit dem
„Lycee Rotrou“ auf, dem Gymnasium in Dreux.
Unter Führung der Pädagogen Heinrich Tollhopf
und Gerhard Riedemann nehmen alljährlich Schülerinnen und Schüler die lange Reise auf sich und
empfangen ihre jungendlichen Partner noch im
gleichen Jahr in Melsungen. Den Schüleraustausch
der Melsunger Gesamtschule und der Privatschule
„St. Pierre – St. Paul“ setzt ein wenig später Dr.
Jochen Sturm erfolgreich in Gang. Die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten der französischen
Familien, das andere Lernen in der Schule bringen
den Schülerinnen und Schülern vielfältige Erfahrungen. Sie werden gezwungen, ihre Fremdsprache im Gespräch einzusetzen, sie schreiben Briefe
an neue Freundinnen oder Freunde, bis man sich
wiedersieht, in Deutschland oder Frankreich. Meist
führen besondere Fahrten ins nahe Paris, in die Bretagne und Normandie oder gar zu den Schlössern
der Loire.
Die Partnerschaft kann bis zur Eheschließung führen. Vor dem Standesamtbeamten in Melsungen
verbinden sich 1982 Thierry Dodin aus Dreux und
Birgit Büttner aus Melsungen. Es folgt ein Sohn des
französischen Partnerschaftspräsidenten Emmanuel
Goujard (einer seiner Vornamen ist „Heinrich“!),
der den Weg ins Melsunger Standesamt findet, um
sich mit der Melsungerin Caroline Hafer zu verbinden.
Innerhalb der Städtepartnerschaft wird kein Jubiläum ausgelassen. Die Jahrestage gelten als Höhepunkte der jeweiligen Beziehung. Das fünfzehnjährige Jubiläum wird in Dreux gefeiert. Diesmal
treffen nahezu tausend Melsungerinnen und Melsunger am letzten Maiwochenende 1981 dort ein.
Sechshundertfünfzig sind mit einem Sonderzug
zwölf Stunden lang unterwegs gewesen und werden herzlich empfangen durch Francoise Gaspard,
die junge „maire (Bürgermeisterin) de Dreux“. Der
vierundfünfzigjährige Günsteröder Fritz Kühlborn
bewältigt die neunhundertsiebenundzwanzig Kilometer auf dem Fahrrad.
Neben den direkten Freundschaften zwischen
Menschen oder Familien tragen ganz wesentlich
die Vereine das Miteinander beider Städte. Feuerwehr, Rotes Kreuz, Turngemeinde, Technisches
Hilfswerk, Heimkehrer, Musikantengilde, Polizei,
Gesamtschule und Gymnasium, sie alle sind vertreten, als im „Saal des Sports“ 3500 Menschen
verschiedener Nationen fröhlich und unkompli-
Ankunft der Franzosen am Melsunger Bahnhof
ziert miteinander feiern oder in einem locker gruppierten Festzug durch die Stadt marschieren.
Melsungen ist nicht die erste Partnerstadt von
Dreux. Zum Jahrestag sind auch die anderen Partner eingeladen: Evesham aus England, Todi aus Italien und Koudougou aus Zentralafrika. Dieser
Umstand hat Folgen für Melsungen. Es werden
erste Freundschaften geschlossen, die bald darauf
zum Abschluss von Partnerschaftsverträgen führen,
sich zu einer Partnerschaftsfamilie summieren.
Kurze Zeit nach dem Fest erregt die Bürgermeisterwahl in Dreux vorübergehend die Gemüter des
Partnerschaftsvereins. Der gewählte Monsieur Hieaux ist dem eher rechten, nationalistisch geprägten
Spektrum zuzurechnen, und es erhebt sich die
Frage, ob er die Sache der Völkerverständigung
ebenso intensiv betreiben würde, wie seine Vorgängerin. Diese Befürchtung trifft nicht ein.
Gilbert Goujard war lange Jahre Vorsitzender des
französischen Partnerschaftsvereins. Sein Wirken
hat der Freundschaft mit Melsungen starke Impulse
verliehen. Als erster Ausländer erhält Goujard 1990
die Ehrenplakette der Stadt Melsungen. Sein Nachfolger, Alain Foussier, ist Leiter der Oberstufe des
privaten Gymnasiums. Häufig weilt der beliebte
Pädagoge in Melsungen im Rahmen des Schüleraustausches. Große Betroffenheit löst daher die
Nachricht aus, dass Alain Foussier in noch jungen
Jahren beim Baden in der Schweiz ertrunken ist
(97). Posthum wird seiner Witwe die Ehrenplakette
der Stadt Melsungen ausgehändigt.
Etwa fünfhundert Melsungerinnen und Melsunger
machen sich im Mai 1991 erneut auf den Weg. Es
steht bereits das fünfundzwanzigjährige Jubiläum
an. Fritz Kühlborn aus Günsterode, inzwischen
zehn Jahre älter, fährt wiederum mit dem Fahrrad
113
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 114
zum Fest. Heinrich Tollhopf erhält die Ehrenplakette
der Stadt Dreux. Als dreißig Jahre Partnerschaft vollendet sind, werden im Rahmen des Heimatfestes die
Urkunden erneut vor aller Augen auf dem Marktplatz unterzeichnet. Auch das 35. Jubiläum wird
nicht ausgelassen und mit einer Jedermannfahrt
nach Dreux und offizieller Delegation gewürdigt.
Den Austausch der Kulturen sollen „Kulturtage“
fördern, die Melsungen einige Jahre lang veranstaltet. Sie sind jeweils einer Partnerstadt gewidmet
und präsentieren entsprechende Künstler einem
Melsunger Publikum (s. Kultur). Selbstverständlich
ist die Eröffnung dieser Reihe 1989 Frankreich und
Dreux, der ersten Partnerin, gewidmet.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Städtepartnerschaft das kulinarische Niveau in Melsungen erweitert und positiv beeinflusst hat. Dies gilt
besonders für die ersten Jahrzehnte, als der
gemeinsame europäische Markt noch nicht jedwedes Produkt in die Regale der Supermärkte
schwemmt. Die Franzosen zweigen einen weit
höheren Anteil ihrer Einkünfte für Essen und Trinken ab als die Deutschen und schon gar die Nordhessen. Von daher sind die vielen deutschen Gäste
tief beeindruckt vom mehrgängigen, Stunden
andauernden Schmausereien mit dem passenden
Wein zum jeweiligen Gang. So sind beim Melsunger Publikum französisch ausgestattete Stände,
gelegentlich auch vom Melsunger Einzelhandel
mitgestaltet, durchaus beliebt, finden Wein, Käse,
Cidre und Schalotten ihre Käufer.
2001 werden in beiden Städten Fotowettbewerbe
ausgerufen, wie es heißt: „um die Beziehung wieder etwas zu beleben.“ In jeder langjährigen Beziehung kann es zu Ermüdungserscheinungen kom-
Ankunft der Melsunger Delegation im Bahnhof Dreux
114
men, wovon auch Städtepartnerschaften nicht ausgenommen sind. Die Menschen, die sich anfangs
privat oder über die Vereine begegnet sind, werden
älter. Auch ist der Reiz des Fremden durch vielerlei
Auslandsreisen ein wenig verflogen, ebenso wie
das Pathos um Aussöhnung und Völkerverständigung im gemeinsamen Euroland sich etwas abgenutzt hat. Lediglich die Funktionäre der Partnerschaft pflegen die Rhetorik der frühen Jahre weiter.
Es ist der Schüleraustausch, der sich als stabilste
Säule der Partnerschaft erweist.
Der erwähnte Fotowettbewerb spricht eigentlich
gegen die vorausgehenden Sätze, denn es finden
sich über fünfzig Hobbyfotografen, deren Melsunger Bilder in Dreux gezeigt werden. Auch die in
der Kreissparkasse gezeigten Exponate aus Dreux
finden Zuspruch. Verstärkt soll das Interesse füreinander belebt werden, um das vierzigjährige Jubiläum 2006 mit der nötigen Begeisterung feiern zu
können.
Erste Kontakte zur mittelenglischen Stadt Evesham
liegen beim Abschluss der Partnerschaft schon einige Jahre zurück. Bob Turner, Motor der Städtefreundschaften in der von reizvoller Landschaft
umgebenen, historisch geprägten Kleinstadt, weilt
im Herbst 1978 in Melsungen, begleitet von Bürgermeister Stephen Baldwyn. Der Kontaktmann
des Melsunger Vereins, Hermann Schmid, sieht
hierin den ersten Grundstein zur späteren Partnerschaft. Weitere Begegnungen folgen. Lehrer aus
Evesham weilen in Melsungen, eine Delegation
aus Magistrat und Partnerschaftsverein macht sich
auf in Richtung England und findet herzliche Aufnahme in Familien. Musikalisch untermauert werden diese ersten Begegnungen durch ein Konzert
der „Avonbank Brass Band“ in der Schlothhalle
und durch einen Gegenbesuch des „Vokalensembles Walter Edeling“ in Evesham.
Einmütig beschließt dann das Melsunger Parlament
den Abschluss eines Vertrages. Das 25. Heimatfest
im Mai 1982 steht im Zeichen der neuen Partnerschaft. Zwar wird hier die Zahl von tausend ausländischen Besuchern nicht erreicht, aber die gesamte
„Partnerschaftsfamilie“ Dreux, Todi, Koudougou ist
präsent. Zwei Radfahrer haben es sich nicht leicht
gemacht, holen, von England kommend, zunächst
drei Freunde in Dreux ab und bewältigen von dort
aus die ansehnliche Strecke nach Melsungen per
Rad. Sie bringen sogar noch acht Apfelbäumchen
aus dem „Evesham-Valley“ mit, die im Hospitalgarten als Symbol der neuen Freundschaft einge-
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 115
pflanzt werden. Am Samstag des Heimatfestes
unterschreibt Bürgermeister John Kay, geschmückt
mit festlichem Talar, Barett und Amtskette, an
einem Tisch vor dem Rathausportal den Partnerschaftsvertrag. Volker Wagner, der neue Kontaktmann zu Evesham, spricht von einem „Dreierbund
Dreux – Evesham – Melsungen“.
Zwei Busse und viele Pkws machen sich im April
1983 auf nach Evesham, wo die Partnerschaft noch
einmal besiegelt wird. „Rückverschwisterung“
nennt die Presse diesen Akt. Ein Bartenwetzer,
geschnitzt von Andreas Tollhopf, geht mit auf die
Reise. Zwei Wochen vor dem Fest stimmt die Schülerkapelle aus Melsungen die Bürger von Evesham
musikalisch ein. Kurz vor der Abfahrt der Melsunger Delegation zaubern die Stadtverordneten eine
„Evesham-Allee“ aus dem Hut, ein Verlängerungsstück der „Dreux-Allee“.
Nicht so heftig und umfassend wie mit Dreux, aber
dennoch stetig nimmt die Beziehung ihren Fortgang. Der „Working Men‚s Club“ ist zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum des Melsunger Fußballvereins 08 zu Gast, nicht nur zum Fußballspiel.
Bald gibt es einen drahtlosen „Plausch“, jeweils am
Mittwoch, zwischen Funkamateuren aus Evesham,
Dreux und Melsungen. Bob Turner hatte die Melsunger Funkamateure Horst Löwer und Willi Weinhold entdeckt, die seit etlichen Jahren einen Verein
in Melsungen führen, der sogar 1983 deutscher
Vizemeister im Amateurfunken geworden ist und
sich im Melsunger Rathaus Ende 1984 der Öffentlichkeit erstmals vorstellt.
Seit Oktober 1984 steht auf dem Marktplatz eine
knallrote Telefonkabine mit eingravierter Königskrone über der Glastür. Der Lehrer John Chaplin,
aktiv im Schüleraustausch, hat die ehrwürdige
„Call Box“ aus den dreißiger Jahren mitgebracht.
Dr. Appell spricht zur Einweihung mit der Frau des
Bürgermeisters im fernen England, und am Ostermontag wird das schmucke Häuschen in Anwesenheit des englischen Bürgermeisters für den allgemeinen Telefonverkehr freigegeben.
Der Schüleraustausch zwischen der Evesham
Highschool und der Gesamtschule läuft auch in
den nächsten Jahren lebhaft. Dafür sorgen Volker
Wiegand aus Melsungen und John Chaplin aus
Evesham. Bob Turner taucht immer mal wieder mit
verschiedenen Gruppen hier auf und behauptet, er
kenne nun bereits die Hälfte aller Melsunger Einwohner. Eine „Jedermannfahrt“ führt unter Leitung
von Ullrich Blum 1989 eine stattliche Schar in die
Eine Telefonzelle aus England für den Marktplatz
Partnerstadt. Die Melsunger Schülerkapelle reist zu
verschiedenen Anlässen nach England. 1992 gastiert sie beispielsweise mit einer Konzertreihe in
Evesham und seiner Region.
Angeführt von Bürgermeister Dr. Appell, reisen
achtzig Melsungerinnen und Melsunger im Mai
1992 zum zehnjährigen Jubiläum in die englische
Stadt. Ein bemerkenswerter Gegenbesuch erfolgt
Ende desselben Jahres. Die Melsunger Stadtkirche
wird Schauplatz eines qualitätvollen Konzerts des
„Evesham Arts Centre Choir“. Im weiteren Programm treten aus Melsungen die Musikantengilde
und der Schul- und Jugendchor auf. Inge-Karin Seidel, die „Evesham-Beauftragte“ des Partnerschaftsvereins, kann 1998 eine ansehnliche Gruppe in
Melsungen begrüßen, die durch den erst achtundzwanzigjährigen Bürgermeister Robert Raphael
angeführt wird. In Evesham wird das Bürgermeisteramt ehrenamtlich und in jährlichem Wechsel
wahrgenommen. Trotz einiger mehr privater Treffen, die „ohne großen Bahnhof“ abgewickelt werden, ist es in den vergangenen Jahren ein wenig
ruhig geworden, heißt es im Jubiläumsjahr 2002.
Gleichwohl erscheint im Herbst eine Delegation
mit Bürgermeisterin Diana Raphael und begleitet
von einem Schulchor, um den zwanzigsten Jahrestag der Partnerschaft zu begehen.
Welche Stadt in der Welt bietet ihren Bürgerinnen
und Bürgern die höchste Lebensqualität? Dies zu
ermitteln war das Ziel einer aufwändigen amerikanischen Studie. Das Ergebnis heißt Todi. Diese
Stadt in Umbrien, unweit von Rom, liegt hoch auf
einem Berg in prachtvoller Landschaft, bei angenehmem Klima. Sie besitzt eine wertvolle historische Bausubstanz. Die „Piazza Vittorio Emmanuel115
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 116
le II.“ ist einer der schönsten Marktplätze Italiens.
Die Straßen des Zentrums sind von mittelalterlichen Palästen, Renaissancebrunnen und antiken
Mauerresten gesäumt. Natur und Gewerbe fügen
sich zu einem harmonischen Einklang in einem
urbanen Zusammenleben der Menschen. Soweit
die Studie.
Der schnell erwachende weltweite Ruf bekommt
jedoch Todi nicht besonders gut. Man klagt, dass
der Massentourismus die Stadt überschwemme,
die Preise explodierten, besonders für Bauland.
Eine Verdrängung der angestammten Bevölkerung
greift um sich.
Dreux ist mit Todi verschwistert. Über diese Schiene
nähert sich Melsungen schon Ende der siebziger
Jahre dem attraktiven Gemeinwesen. Eine Gruppe
von Lehrerinnen und Lehrern des Gymnasiums
besucht unter Führung von Heinrich Tollopf die
Stadt. Das „Vokalensemble Walter Edeling“ gastiert
hier 1979. Schüleraustausch steht zunächst nicht in
Aussicht, denn an keiner Schule in Todi wird
Deutschunterricht erteilt. Bald zeigt ein junger Fotograf aus Todi Bilder in der Melsunger Kreissparkasse,
und die Presse in Todi konstatiert, dass die offizielle
Verschwisterung wohl nicht mehr weit sei.
Die FDP stellt Ende 1983 den entsprechenden
Antrag im Stadtparlament, und nach einer Inspektionsreise des Magistrats wird im April 1985 in Todi
der erste offizielle Akt mit der Unterzeichnung des
Partnerschaftsvertrages vollzogen. Wieder sind es
Radfahrer, die für Aufsehen sorgen. Die ersten starten in Evesham. Die Gruppe vergrößert sich in
Dreux und Melsungen, sie trifft nach Überquerung
der Alpen pünktlich in Todi ein. Auch hier wird
eine „Filiale Melsungen“ (Melsunger Straße)
getauft. Höhepunkte der Feierlichkeiten sind die
Predigt des Bischofs in der Kathedrale und ein historisches Spektakel auf dem Marktplatz, das vom
italienischen Fernsehen übertragen wird. Ein Melsunger Stand mit Bier und „Ahler Wurscht“ findet
entsprechenden Anklang. Valfiero Budassi, der
freundliche Bürgermeister Todis, wird von den eher
redseligen Offiziellen der anderen Partnerstädte als
„Schweiger“ empfunden, da er in diesen Tagen nur
ein einziges Mal das Wort ergreift. Eine „Rückverschwisterung“ findet im Rahmen des 27. Heimatfestes (86) vor dem mal wieder mit Gerüst ummantelten Melsunger Rathaus statt. Die Flaggen sind
nur notdürftig an den Holzsparren befestigt, aber
„das Quartett ist nun komplett“. In vier Sprachen
werden die Grüße der Partnerstädte bei einem
116
Bankett im Stadtwaldpark ausgesprochen, werden
die Gastgeschenke ausgetauscht. Dr. Appell kann
seinem anwesenden Kollegen aus Koudougou
einen Scheck für den Bau eines Brunnens überreichen.
Trotz eines Besuches von Bürgermeister Buconi
1988 und einer Rockband, die den Melsungern
beim Heimatfest tüchtig einheizt, verläuft die
Beziehung Todi-Melsungen in relativ ruhigen Bahnen. Ausgeprägte Beziehungen auf der Ebene der
Vereine entstehen nicht, scheitern auch an der
Sprachbarriere. Da kein regelmäßiger Schüleraustausch in Gang kommt, fehlt der Beziehung ein
wenig das jugendliche Element. Als dort 1995
Dreux, Melsungen und Todi mal wieder das Jubiläum feiern, schreibt eine mitreisende Journalistin
bedauernd: „Die Städtepartnerschaften leben,
doch sind es immer wieder dieselben Gesichter,
die sich wie jetzt in Todi begegnen. Eine Zukunft
hat die Partnerschaft aber nur, wenn jetzt die
Jugend für sie gewonnen wird. Die Feierlaune auf
der wunderschönen Piazza ergriff nur einen Teil
der Bevölkerung.“
Fasziniert sind jugendliche Besucher dagegen vom
Projekt „La Romita“ und Pater Bernardino. Ein
Geistlicher baut auf einem entlegenen Berg in der
Nähe Todis ein verfallenes Franziskanerkloster wieder auf. Vier Stunden Fußmarsch führen auf den
Berggipfel, wo man unter einfachsten Lebensbedingungen ohne Elektrizität tägliche Mühsal auf sich
nimmt. Einzelne junge Menschen aus Melsungen
arbeiten hier, und Pater Bernardino weiß auch in
Melsungen zu beeindrucken, als er von seinem
Schaffen auf den Bergen Umbriens in den Schulen
erzählt.
Für „Jedermannfahrten“ muss „Todi-Beauftragter“
Dr. Sturm nicht intensiv werben. Die Stadt gilt als
attraktives Reiseziel, der Bus ist schnell gefüllt.
Auch die preiswerte und reizvolle Unterbringung
in einem Kloster mitten in Todi schätzt man. Luciana Fioroni, eine Künstlerin aus der Partnerstadt,
und eine weitere Malerin, Anna Maria dell`Aria,
stellen ihre farbenfrohen Bilder in der Kreissparkasse aus. Erwachsene und jugendliche Mitglieder der
Katholischen Kirchgemeinde aus Melsungen besuchen die Stadt und werden im nahen Rom vom
Papst empfangen. Der Schul- und Jugendchor unter
Rainer Schmidt gibt Konzerte in Todi (92), ebenso
die Musikantengilde (02). Die „Banda de Todi“
empfiehlt sich musikalisch in der überfüllten Melsunger Stadthalle, anlässlich der Deutsch-Italieni-
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 117
schen Kulturtage (93). Seit 1998 gibt es Ansätze
eines Schüleraustauschs. Der 20. Geburtstag Todi –
Melsungen wird in ungewohnt bescheidenen Rahmen begangen. Bürgermeister Runzheimer empfängt einige Offizielle zu einer Feierstunde im Rathaus ( 05 ).
Die Stadt Koudougou liegt in Obervolta, dem heutigen Burkina Faso. Der zentralafrikanische Staat
gehört zu den ärmsten Regionen der Welt und ist
massiv von Aids bedroht. Da Dreux mit Koudougou verschwistert ist, erwacht Interesse auch in
Melsungen. Dr. Appell und Heinrich Tollhopf starten als erste ins Innere Afrikas, begleitet von einigen Damen und Herren aus Melsungen. Dies
bleibt der einzige Besuch eines Melsunger Stadtoberhauptes in der afrikanischen Stadt. Es entwickelt sich zwar eine enge Beziehung, die sich nach
dem Willen des Melsunger Stadtparlaments
zunächst noch nicht in einem Partnerschaftsvertrag
niederschlagen soll. Die Entfernung sei sehr groß
und ein zwangloses Hin und Her gegenseitiger
Besuche schwer vorstellbar. Hier stehe das Helfen
im Vordergrund. Tragische Konsequenz hat der
erwähnte Besuch für Oberstudienrat Bernhard
Modes, der auf dieser Reise von einer schweren
und dauerhaften Krankheit befallen wird, die ihn
lebenslang ans Bett fesselt.
Koudougou braucht in erster Linie Hilfe aus dem
reichen Europa. Anhaltende und intensive Spendenaktionen zeichnen in den kommenden Jahren
die Melsunger Bürgerinnen und Bürger aus. Sie
können nur an Beispielen deutlich gemacht werden. Eine Schar von Hauswirtschaftsmeisterinnen
erarbeitet im Hause von Waltraud Oetzel einen
Adventsbasar mit Kunstgewerbe, dessen Erlös nach
Afrika fließt. Achthundert nicht mehr benötigte
Brillen sammelt Willi Rüppel in seiner Bezirksgeschäftsstelle der Deutschen Angestelltenkrankenkasse. Gisela Witzel stößt 1981 ein segens- und
folgenreiches Projekt an. Sie spendet fünfunddreißig DM im Monat für ein bestimmtes, namentlich
benanntes Kind in Koudougou und möchte damit
eine Ungewissheit beenden, die mit anonymen
Spenden einhergeht.
Die edle Tat von Frau Witzel hat ungeahnte Folgen.
Schon bald finden sich weitere Bewerber um eine
Kinderpatenschaft, darunter auch Institutionen wie
die Schülervertretung des Gymnasiums oder das
Rote Kreuz. Schnell entsteht in Koudougou eine
Warteliste. Mindestens einmal im Jahr erhalten die
Spenderinnen und Spender einen handgeschriebe-
nen Brief nebst Foto ihres Patenkindes. Sie wissen,
dass ihre Spende nicht irgendwo versickert. Bald
schon übernimmt Frau Monique Schulte-Baukloh,
eine in Melsungen verheiratet Französin, die Organisation des rasant wachsenden Projekts und
schreckt auch, begleitet von Ehemann Wolfgang,
vor regelmäßigen Fahrten nach Koudougou nicht
zurück. Stolz kann man im Jahre 1988 die 100.
Patenschaft melden. Mit etwa dreihundert DM im
Jahr wird einem Kind in Koudougou ein Schulbesuch ermöglicht. Die Schülerinnen und Schüler der
Geschwister-Scholl-Schule, inspiriert von ihren
Lehrern Tollhopf und Riedemann, bringen sich
intensiv ein, organisieren eine Wohltätigkeitsveranstaltung in der Stadthalle, sammeln Spenden und
übernehmen selbst Kinderpatenschaften.
Zur Weihnachtszeit 1987 sticht ein großer Container in See, der in Melsungen mit vielen Paketen
angefüllt wurde. Das Modell der Melsunger Kinderpatenschaften entwickelt sich weiterhin permanent und positiv, findet bundesweite Beachtung.
Die überaus aktive Monique Schulte-Baukloh kündigt mit dem 300. Patenkind zugleich ihren Umzug
nach Frankreich an. Nach kurzer Phase der Ratlosigkeit findet sich aber in Dommique Schmidt eine
adäquate Nachfolgerin, die, unterstützt von ihrem
Ehemann und weiteren Damen, das gute Werk fortsetzt, und im Jahr 2005 auf stolze 379 Patenschaften verweisen kann. Das adressenbezogene System
wird während etlicher Besuche Frau Schmidts in
Afrika weiter verbessert. Die Spenderinnen und
Spender erhalten inzwischen Einblick in Schuldokumente, können sich über Schulbesuch und Leistungen ihrer Schützlinge informieren. Mithilfe der
Container kann man die guten Leistungen auch
durch ein Paket honorieren.
In Melsunger Geschäften werden durchsichtige
Spendenköfferchen aufgestellt, in die die KäuferInnen ihr Wechselgeld zu Gunsten Koudougous einwerfen können. Dies geht auf eine Anregung des
Ersten Stadtrats Jürgen Schmidt zurück, der im
Herbst 1988 auch Siaka Barro, den Bürgermeister
von Koudougou, im Rathaus begrüßen kann. In
diplomatischer Weise hat er ihm nach dem Eintrag
in das Goldene Buch der Stadt den Willen der Melsunger Kommunalpolitik schmackhaft zu machen,
einen Freundschaftsvertrag abzuschließen, nicht
eine „Vollpartnerschaft“, wie dies die Afrikaner
gern sähen. Es kommt aber anders. Im Vertrag, der
beim Stadtjubiläum 1990 von beiden Bürgermeistern unterzeichnet wird, erscheint der französische
117
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 118
Ausdruck „amitié“, der sowohl Freundschaft wie
auch Partnerschaft bedeutet. Stillschweigend toleriert Melsungen die Gegebenheiten.
Drei Jahre nach der Unterzeichnung in Melsungen
wird die Verschwisterungsurkunde in Koudougou
unterzeichnet. Eine Delegation von zweiundzwanzig mutigen Frauen und Männern haben sich unter
Führung von Stadtrat Martin Gille aufgemacht in
die sengende Sonne Zentralafrikas. In Anwesenheit
der Frau des Staatspräsidenten von Burkina Faso
unterzeichnet Gille, gehüllt in ein afrikanisches
Der Botschafter von Burkina Faso trägt sich in das
„Goldene Buch“ ein
Gewand, die Urkunde. Das „Haus der Frau“,
errichtet aus Spenden von Melsungen und Dreux,
wird während der feierlichen Tage eingeweiht. Die
Druckerei Bernecker stiftet vierzig Nähmaschinen,
vierzig Webstühle und fünf Strickmaschinen für das
neue Zentrum. Eine Allee in Koudougou heißt
zukünftig „Avenue Melsungen“. Hier braucht man
sechs Jahre, bis eine Koudougou-Allee gefunden
ist. Sie erschließt das Neubaugebiet am „Apfelweg“ unterhalb des Schulzentrums.
Mitte der neunziger Jahre trifft man hier und da in
Melsungen auf zwei überaus freundliche junge
Männer aus Koudougou. Désiré Nikiema und
Kouilbi Yameogo werden in Deutschland ausgebildet, sie leben, familiär betreut, bei Familie SchulteBaukloh. Nach Abschluss ihrer Studien kehren sie
als Berufsschullehrer in ihre Heimat zurück.
Oussmane Gaudema bringt drei zentnerschwere
Koffer mit, als er 1999 Melsungen seinen Besuch
abstattet. In der Pension Bergland stellt er bronzene Plastiken aus und wartet auf Kundschaft. Die
118
Plastiken gleichen denen, die schon in manchen
Melsunger Stuben ihren Platz fanden und die sein
Vater Mannadou etliche Jahre zuvor geschaffen
hatte.
Auch in der jüngsten Zeit registriert Martin Gille,
der „Koudougou-Beauftragte“ des Partnerschaftsvereins, nicht nachlassende Spendenfreudigkeit,
die zu hilfreichen Aktionen führt. Neben den Containern, die allerlei enthalten (Pflaster, Binden,
Werkzeug, Fahrräder, Kinderspielzeug), ist eine
Wasserentkeimungsanlage zu nennen, die 1996
Partnerschaftsverein und Stadt gemeinsam finanzieren. Eine dreiköpfige Delegation aus Melsungen
installiert sie vor Ort. Der Stärkung eigener Initiativen dient ein bescheiden ausgestatteter Geldtopf,
aus dem „Mikro-Projekte“ von Kleinstunternehmern gefördert werden. Sechzehn Solarkocher finden ihren Weg zu Familien von Patenkindern.
Dominique Schmidt und Annemarie Brübach übergeben sie persönlich. Große Anerkennung verdient
die niemals nachlassende Hilfsbereitschaft von
Schülerinnen und Schülern, die nicht nur durch
Kuchenverkauf an Projekt- und Sporttagen, vielmehr mit vielen weiteren kreativen Einfällen Geld
für Koudougou auftreiben. Die Menschen in Melsungen haben ein ansehnliches Stück Entwicklungshilfe geleistet.
Vor der Partnerschaft mit Bad Liebenstein liegen
etliche erfolglose Bemühungen mit dem Blick auf
Ostdeutschland. Selbstverständlich ist der Wunsch
stark, mit den Menschen im „anderen Teil Deutschlands“, sprich der DDR, Kontakte zu knüpfen, im
besten Falle eine Partnerstadt zu finden. Das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Dreux ist „halboffiziell“ mit Bautzen verschwistert, einer alten,
schönen Stadt, behaftet jedoch mit dem schlechten
Ruf ihres Zuchthauses für politische Häftlinge.
Dennoch wäre auch diese Stadt aus der Partnerschaftsfamilie Melsungen genehm. Die Bemühungen des Bürgermeisters im Jahre 1983 sind allerdings erfolglos, ein Brief „nach drüben“ bleibt
ohne Antwort.
Neue Hoffnung keimt auf, als man vom Abschluss
einer Städtefreundschaft zwischen Saarlouis, der
Heimat Erich Honeckers, mit Eisenhüttenstadt hört.
Die Diskussion in Melsungen erwacht zu neuem
Leben. In Schmalkalden, nicht allzu weit im grenznahen Bereich gelegen, sieht man eine Stadt ähnlicher Größe, Anlage und Tradition. Der Magistrat
macht sich auf zu einer geheimen Erkundungsfahrt.
Anschließend formuliert Dr. Appell einen Brief an
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 119
den „Rat der Stadt Schmalkalden“. Als eine Antwort ausbleibt, richtet der Bürgermeister seinen
Brief nun an den „Herrn Staatsratsvorsitzenden
Honecker“. Aber auch hier bleibt die Antwort
zunächst aus. Als dann im März 1987 doch ein
Brief ins Rathaus flattert, kann man diesem nur die
lakonische Bemerkung entnehmen, der gegenwärtige Stand der Beziehungen zwischen BRD und
DDR gestatte Städtepartnerschaften auf breiter
Basis derzeit nicht. Groß ist allerdings in Melsungen die Enttäuschung, als ruchbar wird, dass
Schmalkalden noch 1988 eine Partnerschaft mit
Recklinghausen eingegangen ist.
In der Freude über die Grenzöffnung und die Veränderungen in der DDR keimt auch sogleich die
Hoffnung, eine Partnerstadt in Ostdeutschland zu
finden. Der Blick fällt auf Bad Liebenstein. Der Ort
hat sich dank seiner kohlensaueren Mangan-EisenArsenquelle zu einem führenden Heilbad der DDR
entwickelt, günstig für Herz-Gefäß- und Nervenkrankheiten. Bad Liebenstein hat 9 000 Einwohner,
liegt etwa fünfundzwanzig Kilometer von Eisenach
entfernt am Südrand des Thüringer Waldes. Nach
Melsungen sind es um die hundert Kilometer. Dr.
Appell geht schnell und noch per Visum auf Erkundungsfahrt. Die Bürgermeisterin Gisela Schneider
aus Bad Liebenstein wird kurz darauf im Melsunger
Hallenbad gesichtet, wohin sie mit Mann und Kindern gereist ist – inkognito! Bald dringt die Kunde
nach Melsungen, dass der Rat der Stadt einen einstimmigen Beschluss gefasst habe, eine Partnerschaft mit Melsungen einzugehen. Zehn Städte
waren zu diesem Zeitpunkt bereits um Bad Liebenstein bemüht, vor allem natürlich Heilbäder. Nach
Melsungen aber, so Frau Schneider, könne man
bequem mit einer „Trabbifüllung“ kommen. Hier
gerät die Kommunalpolitik in Bewegung. Die CDU
knüpft mit der entsprechenden Ortsgruppe erste
Kontakte, bietet Zusammenarbeit an. Die SPD
schlägt vor, beim Stadtfest 1990 auf einen Festzug
zu verzichten, stattdessen ein Projekt in Bad Liebenstein zu finanzieren. Die FDP mahnt zur Vorsicht, solange das SED-Regime noch herrsche, solle
man allenfalls einen Freundschaftsvertrag abschließen, so Fraktionssprecher Braun. Nach der Vorstellung Dr. Appells könnte das Fest „800 Jahre Melsungen“ im Juni 1990 ein würdiger Rahmen für
den Abschluss eines Vertrages sein. Die Kommunalwahlen in der DDR solle man noch abwarten.
Staatssekretär Dieter Posch aus Melsungen nimmt
als Redner an einer Wahlversammlung in Bad Lie-
benstein teil. Bürgermeister Dr. Appell und Stadtverordnetenvorsteher Schicker sind anwesend, als
sich Ende Mai die neue Stadtverordnetenversammlung Bad Liebensteins konstituiert.
Auf verschiedenen Ebenen werden die Kontakte
enger. Im Rathaus wird eine „Kontaktbörse“ eröffnet, für alle, die eine persönliche Beziehung
suchen. Davon machen zunächst nur wenige Melsunger Gebrauch. Dagegen treten Zahnärzte und
Ärzte beider Städte in Kontakt. Die Stadt Melsungen verschenkt ein Feuerwehrauto nach Bad Liebenstein. Das Tragkraftspritzengerät der Günsteröder Feuerwehr aus dem Jahre 1973 wird zu jener
Zeit ausgetauscht und ist somit frei zum Verschenken. Nachdem die Zollformalitäten erledigt sind,
kann das durchaus noch brauchbare Gerät im
Januar 1990 überführt werden. Die Liebensteiner
nehmen es schon am Grenzübergang in Empfang.
Zum Neujahrsempfang 1990 zählt man in der Melsunger Stadthalle über fünfzig Köpfe aus Thüringen.
Nachdem der Ausgang der Kommunalwahl in Bad
Liebenstein letzte Bedenken zerstreut hat, stimmen
alle vier Fraktionen des Melsunger Parlaments für
einen Vertragsabschluss. Der neue Bürgermeister
von Bad Liebenstein, Fritz Eberhard Reich (CDU),
legt in Melsungen letzte Hand an den Vertragsentwurf. So kann zum Stadtjubiläum 1990 (s.d.) die
Partnerschaft durch die Unterschriften der beiden
Bürgermeister aktenkundig gemacht werden.
Melsunger und Liebensteiner feiern den ersten „Tag
der Deutschen Einheit“ (3. Oktober 1990) gemeinsam im Kurtheater der Badestadt. In zwei Bussen
und zahlreichen Pkws sind Bürger und Kommunalpolitiker aus Melsungen angereist. Beide Bürgermeister geben ihrer Freude über die wundersame
und schnelle Entwicklung in Deutschland Ausdruck. Sie verkennen nicht, „wie groß die Aufgaben noch sein werden, um den mitteldeutschen
Landsleuten Anschluss an den Lebensstandard der
westlichen Bundesländer zu verschaffen.“
So wird die Partnerstadt auch im Jahre 1991 weiter
durch Melsungen unterstützt. Mitarbeiter der Stadtverwaltung begleiten die Schritte des Liebensteiner
Rathauses in ein neues Verwaltungssystem. Aus
dem städtischen Etat werden 100 000 DM für die
Modernisierung der Heizung im Liebensteiner Kindergarten abgezweigt.
Ein weiteres Feuerwehrauto geht nach Thüringen.
Am ersten verkaufsoffenen Samstag im Dezember
1991 übergibt die Melsunger Feuerwehr ein Löschgruppenfahrzeug vor dem Liebensteiner Rathaus.
119
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 120
Es ist zwar vierundzwanzig Jahre alt, wird aber von
den Thüringern gern übernommen. Die Melsunger
trennen sich leicht von dem Gefährt, sie haben
gerade ein nagelneues Löschfahrzeug für 400 000
DM in Dienst genommen. Bald darauf führen die
Feuerwehren beider Städte eine gemeinsame
Übung durch. Ältere Bürgerinnen und Bürger aus
Bad Liebenstein besichtigen das Melsunger Seniorenzentrum, lassen sich die Fachwerkstadt zeigen.
Lebhaft laufen die Beziehungen zwischen den Parteien.
Nach der aufregenden und spannenden Wendezeit
biegt auch diese Partnerschaft bald in ruhige Bahnen ein. Zwei jährlich wiederkehrende Ereignisse
haben Bestand. Alljährlich startet an einem Septembersonntag an der Bad Liebensteiner Stadthalle
ein Stafettenlauf. Die meisten Athleten kommen
von der „Melsunger Turngemeinde“. Liebensteiner
und Angehörige des thüringischen „TSV Barchfeld“
Heimatfest in Bad Liebenstein
schließen sich an, wenn es auf die 114-KilometerStrecke Richtung Melsungen geht. Pkws begleiten
den Pulk. Wer müde ist, kann einsteigen und sich
nach einiger Zeit wieder dem Lauf anschließen.
Nur einmal schafft ein Läufer die volle Distanz,
Frank Dietrich, 2003. Nach etwa elf Stunden
erwarten Melsungens Bürgermeister und Organisator Horst Diele (Abteilung Jedermannsport der MT)
das Feld im Waldstadion. In gemütlicher Runde
wird der Abschluss des Kräfte raubenden Tages
begangen.
„Thüringer Tag“ heißt es ein wenig anspruchsvoll,
wenn die Partnerstadt sich auf dem Marktplatz
zeigt, einige Stände mit kulinarischen Kleinigkeiten
anbietet, z. B. den beliebten „Röster“. Hier sagt
man Bratwurst. Dazu gibt es Musik und Informatio120
nen zum Kuraufenthalt in der Badestadt. Ähnliches
bietet der Partnerschaftsverein den Liebensteinern
einmal im Jahr mit „ahler Wurscht“ und Malsfelder
Bier.
Nicht ganz den Rang einer Städtepartnerschaft hat
die Freundschaft zu dem Berliner Stadtteil Spandau. Sie wurde in den sechziger Jahren begründet
zwischen dem Berliner Stadtrat Alfred Blödorn, der
später nach Melsungen zieht, und einigen hiesigen
SPD-Politikern. Ausgangspunkt war die Einladung
an Berliner Kinder zu einem Ferienaufenthalt in
Nordhessen. Jährlich wird über lange Jahre eine
Fichte aus dem Stadtwald zu Weihnachten nach
Berlin transportiert. Eine Reihenhausstraße in Spandau trägt den Namen Melsungens, und gelegentlich reist der Bürgermeister oder der „Bund der Berliner“ zu einem Fest oder Jubiläum in die „provisorische Partnerstadt“. Eine Wohnanlage in Spandau
ist mit dem Namen „Melsunger Hof“ geschmückt.
Es kommen acht Familien aus diesem Ressort im
Mai 1988 in die Bartenwetzerstadt, um hier das
Heimatfest mitzufeiern. Erstmals, nachdem die
Freundschaft weit über zwanzig Jahre besteht,
erscheint ein Spandauer Bürgermeister in Melsungen, um dem verstorbenen Initiator und ehemaligen Berliner Stadtrat Alfred Blödorn das letzte
Geleit zu geben (91). Von Spandau hat man lange
nichts mehr gehört.
Es gab Überlegungen, die Partnerschaft mit einer
türkischen Stadt zu suchen. Angesichts des hohen
Anteils türkischer Mitbürger schien dies ein sinnvoller Schritt zu sein. Vorsichtige Bemühungen führen allerdings zu keinem Ergebnis.
Internationalen Besuch erhält Melsungen nicht nur
aus den Partnerstädten. Regelmäßig schauen Gruppen aus Sedgemoor, dem englischen Partnerschaftsdistrikt des Schwalm-Eder-Kreises und der
finnischen Partnerstadt Kajaani vorbei. Weit größer
ist der Anteil informeller Besucher aus anderen
Ländern. Reisenden aus dem Norden ist Melsungen ein beliebter Haltepunkt auf dem Weg in den
südlichen Urlaub. Für manche ist auch das historische Fachwerkstädtchen ein Anlaufpunkt. Seit
1983 stehen an den Ortseingängen Schilder, die
über die Partnerschaftsfamilien Auskunft geben,
dem Autofahrer einen Eindruck vermitteln von der
Weltoffenheit der Stadt.
All die beschriebenen Erfolge auf dem Felde der
Freundschaft zwischen den Städten waren nur
möglich durch das unermüdliche Wirken des Partnerschaftsvereins, ganz besonders aber durch das
Inhalt Melsungen Teil1
04.12.2007
10:11 Uhr
Seite 121
Nachdem die vorbildliche Arbeit des Partnerschaftsvereins bereits mit der Europafahne ausgezeichnet wurde (90), folgt 1996 mit der Verleihung
der Europaplakette die höchstmögliche Auszeichnung auf europäischer Ebene. Die Schweizerin
Leni Robert, Mitglied der Europäischen Versammlung, reist 1996 zum Heimatfest an, um im Kreise
von Delegationen der vollzähligen Partnerschaftsfamilie die verdienten Melsunger auszuzeichnen.
Auf jeden Glanz fallen auch Schatten. „Der Part-
Der neue Vorsitzende, Gerhard Riedemann, verabschiedet Heinrich Tollhopf (2. v. links) und Helmut Ruhl
(4. v. links)
übergroße Quantum an Aktivität und Kontaktbegabung seines Vorsitzenden Heinrich Tollhopf. Der
Gründungspräsident lebt für die Partnerschaft, führt
sie stets im Munde, ist dank vielseitiger Sprachbegabung umlagerter Gesprächspartner und beliebter
Anlaufpunkt, wo immer sich Begegnung in den
Partnerstädten ereignet. Heinrich und Inge, seine
Frau, öffnen ihr Melsunger Haus für alle aus allen
Himmelsrichtungen, wie dies anschließend auch
Gerhard und Illona Riedemann tun. Tollhopf begibt
sich 1992 in den mehr als verdienten Ruhestand,
mit ihm sein Stellvertreter Helmut Ruhl, dessen
Arbeit ebenso dem Verein seit Anbeginn galt. Seit
der Gründung bis ins hohe Alter führt Kurt Köthe
die Kassengeschäfte. Riedemann, der schon
genannte, unermüdlicher Organisator des Schüleraustausches mit Dreux, bekleidet das Amt des Vorsitzenden ebenfalls lange Zeit. Der Gymnasiallehrer mit dem Fach Französisch weiß mit Charme
und ruhiger Hand Tollhopfs Erbe fortzusetzen und
es durch eigene, neue Akzente am Leben zu erhalten. Auf Riedemann folgt Dr. Jochen Sturm, der
ebenfalls im Schüleraustausch der Gesamtschule
seine Erfahrungen in der Städtepartnerschaft erworben hat.
Der Verein hat inzwischen über dreihundert Mitglieder und arbeitet eng mit der Stadt zusammen,
deren zentrales Anliegen der Verschwisterung ihr
durch die ehrenamtliche Vereinsarbeit weitgehend
abgenommen wird. Nach langen Jahren verschafft
die Stadt dem Verein eine eigene Heimstatt im Vorderen Eisfeld.
Der Bürgermeister präsentiert die Europafahne für Verdienste um die Völkerfreundschaft
nerschaftsgedanke scheint ein bisschen aus der
Mode gekommen zu sein“, so lautet jedenfalls der
Tenor der Jahreshauptversammlung 2005. Dr.
Sturm konfrontiert die Versammlung mit rückläufigen Begegnungen zwischen den Städten und geringerem Schüleraustausch. Die Gruppen, die sich in
die Partnerstädte aufmachen, werden kleiner. Private Unterkünfte finden sich so gut wie nicht mehr.
Über mögliche Gründe für diesen Abschwung
wurde bereits am Beispiel Dreux nachgedacht
(s.d.). Unbestritten aber sind die vierzig Jahre Städtepartnerschaft ein herausragendes Kapitel der
Stadtgeschichte. Sie hat den Melsunger Bürgerinnen und Bürger den Blick in die Welt geöffnet, hoffen wir auf zukünftigen Bestand.
Medien
Bis in die Mitte der achtziger Jahre hinein empfängt
der Melsunger sein Fernsehen über drei Kanäle:
die ARD, das ZDF und das Dritte Programm. 1983
121
Autor
Document
Kategorie
Uncategorized
Seitenansichten
15
Dateigröße
2 835 KB
Tags
1/--Seiten
melden