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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (22.02.2015)

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NR. 8 R
D3499C
22.2.2015
Schrei-Babys
Die Branche bremst
Energieträger
Oscar-Favorit
Deutsche Mütter
Der absolute
Horror
Freiheit für
die Formel 1
Aus Wind mach
Wasserstoff!
Ist Clint
Eastwood böse?
Entfremdung
vom Kind
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FEUILLETON
POLITIK
Die Ächtung
Eine Frau schreibt einen
Tweet, danach ist ihr Leben
ruiniert. Eine Geschichte
über die unheimliche Macht
der sozialen Medien.
Leben
Illustration F.A.S.
Brüsseler Spitze
Bahn-Streik
weiter möglich
Duell mit Athen? In Wahrheit wurden Kompromisse geklöppelt
VO N T H O M A S G U T S C H K E R U N D
PETER CARSTENS
High Noon in der Main Street:
Der deutsche Finanzminister tritt
an zum Duell mit seinem griechischen Kollegen. Wer zieht zuerst? Wer setzt den entscheidenden
Treffer? So haben Millionen Europäer das Drama um Griechenland
und den Euro in den vergangenen
Wochen erlebt. Mit Toten wurde
gerechnet – bei der entscheidenden
Sitzung der Euro-Finanzminister
am Freitagabend in Brüssel. Und
dann das: Viel früher als erwartet
traten die Duellanten vor die Kameras, sie hatten sich geeinigt. Keine
Toten. Wie war das möglich?
Zunächst: Das Duell war keine
Täuschung, es fand tatsächlich statt.
Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Wolfgang Schäuble fand
wirklich unerträglich, dass sein Kollege Giannis Varoufakis, ein Universitätsprofessor, der Eurogruppe vor
zehn Tagen eine einstündige Ökonomie-Vorlesung hielt – ohne konkrete Vorschläge zu machen, wie
Athen künftig mit seinen Partnern
zusammenarbeiten wolle. Nachdem
endlich eine gemeinsame Erklärung
ausgehandelt war und Schäuble den
Raum schon verlassen hatte, kassierte der griechische Regierungschef
Alexis Tsipras sie wieder. Für den
deutschen Finanzminister und seine
Leute war klar: So würde es nie
eine Übereinkunft geben.
Am Freitag lief es deshalb ganz
anders: Schäuble hatte schon einen
Entwurf von Jeroen Dijsselbloem,
dem niederländischen Vorsitzenden der Euro-Finanzminister, in
der Tasche, als er das Flugzeug
nach Brüssel bestieg. Dieser Entwurf ging deutlich weiter als alles,
was vorher zwischen Brüssel und
Athen besprochen worden war. In
Brüssel sprach Schäuble zuerst mit
Dijsselbloem. Sie waren schnell einig. Danach rief der Niederländer
den griechischen Premier Tsipras
an und stellte ihn vor die Wahl: diese Vereinbarung oder keine. Ver-
handlungen im großen Kreis, ein
Feilschen um Worte werde es
nicht geben. Tsipras stimmte zu.
Seinem Finanzminister blieb bloß
die Statistenrolle mit hochgeschlagenem Anzugkragen. Die folgende
Ministerrunde war Formsache.
Für Schäuble ist das Ergebnis
ein Erfolg. Er hat am Donnerstag
einiges riskiert, als er den Brief, mit
dem Athen um eine Verlängerung
der Finanzhilfen gebeten hatte,
barsch zurückwies. Wirtschaftsminister Gabriel ging sogleich auf Distanz, die Sprecherin der Kanzlerin
schlug einen versöhnlicheren Ton
an als Schäuble, auch Merkel äußerte sich freundlicher. Doch Schäuble
und seine Leute konnten kaum fassen, was sie da gelesen hatten: Der
Brief war ein Meisterwerk diplomatischer Formulierungskunst. Er
nannte alles, was den Geldgebern
wichtig war – und öffnete überall
Hintertüren. Die EU-Kommission
hatte das Schreiben begrüßt. Im Finanzministerium dachten sie: Entweder wir schlagen sofort Alarm,
oder wir werden von einer Konsenswelle überrollt. Es machte laut
bums – und das passte wieder zum
Duell mit Schießeisen.
Was Schäuble allenfalls ahnte:
Der Brief aus Athen war weitgehend in Brüssel geschrieben worden, und zwar von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Eurogruppen-Chef Dijsselbloem und
ihren engsten Mitarbeitern. Mehrfach gingen Entwürfe zwischen
Brüssel und Athen hin und her, am
vergangenen Sonntag reisten Abgesandte nach Hellas. Der gesamte
Austausch lief über private MailAdressen, um offizielle Festlegungen zu vermeiden. Juncker allein telefonierte 18 Mal mit Tsipras, teilweise stundenlang. Er sprach auch
mit dem französischen Präsidenten
und der Kanzlerin – und bekam
das Signal: Wir wollen die Griechen in der Eurozone halten.
Auch mit Schäuble hatte Juncker mehrmals gesprochen, beide
kennen sich seit Ewigkeiten. Der
In vielen Bächlein helle
Die bunte Vielfalt
der Forelle.
Wissenschaft
Luxemburger fürchtete, dass
Schäuble die Griechen diesmal aus
der Eurozone drücken wollte - um
ein Exempel zu statuieren und die
Währungsunion nicht weiter aufzuweichen. Juncker sah die Zukunft
der Europäischen Union in Gefahr. Und Dijsselbloem fürchtete,
dass die EU sich in der angelsächsischen Welt bis auf die Knochen
blamieren würde, wenn Athen ausschiede. So entwarfen sie jenen
„griechischen“ Brief, der in Athen
nur noch abgeschickt wurde.
Mit einer Ausnahme: Tsipras
strich in letzter Minute ein wichtiges Wort, es bezog sich auf die
Spar- und Reformauflagen, an die
Athen gebunden war. Ohne dieses
Wort waren nurmehr die finanziellen Zusagen der Geldgeber verbindlich – ein Unterschied wie Tag
und Nacht. In Brüssel hatten sie
das zähneknirschend bemerkt, im
Berliner Finanzministerium sprachen sie es offen aus.
Nun war die Eurogruppe am
Zug. Am Freitagabend mussten die
Griechen einlenken: Athen gestand
zu, jedes einzelne Reformvorhaben
für die nächsten vier Monate aufzulisten und finanziell von den – früher Troika genannten – Institutionen IWF, EZB und EU-Kommission bewerten zu lassen. Die letzte
Entscheidung liegt bei der Eurogruppe. Zum ersten Mal wird das
Verfahren am Anfang der neuen
Woche praktiziert: Bis Montagabend muss Athen eine Liste schicken, am Dienstag folgt die Bewertung, nachmittags eine Telefonkonferenz der Eurogruppe. Selbst deut-
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sche Diplomaten sagen: Hätten die
Griechen schon vor zehn Tagen
eingelenkt, wären sie billiger davongekommen. Trotzdem, sie leben
noch. Tsipras, der sich zum Sieger
erklärte, wird dennoch Mühe haben, seinen Wählern die Brüsseler
Spitze als Erfolg zu verkaufen.
Aber auch Schäuble muss seine
Kollegen im Bundestag noch überzeugen. Dabei hat er es in den eigenen Reihen schwerer als beim Koalitionspartner SPD. Die Fraktionsführung der Union will an diesem
Sonntag tagen, um sich auf die kommende Plenarwoche vorzubereiten.
Am Freitag soll der Bundestag entscheiden. Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende und Haushaltspolitiker Ralph Brinkhaus sagte
am Samstag, eine Zustimmung der
Union zum Brüsseler Kompromiss
sei nicht selbstverständlich: „Der
Drops ist noch nicht gelutscht.“
Sein Fraktionskollege Hans-Peter Friedrich von der CSU deutete
die Ergebnisse so: „Die Griechen
haben hoch gepokert und verloren.
Aber dies dürfte noch lange nicht
das Ende des griechischen Dramas
sein.“ Entscheidend seien die konkreten Maßnahmen. „Wir werden
sehen, ob die Griechen aus den letzten drei Wochen gelernt haben
oder weiter auf Tricks und dreistes
Auftreten setzen. Damit haben sie
ihrem Land schon zu viel geschadet.“ Fraktionschef Kauder von der
CDU äußerte sich vorsichtig: „Politik beginnt mit dem Betrachten der
Wirklichkeit. Das haben zu guter
Letzt auch die Griechen eingesehen. Jetzt hat die Regierung in
Athen einige Wochen Zeit, der
griechischen Bevölkerung zu erklären, dass eine Kurskorrektur notwendig war.“ SPD und Grüne lobten Athen. „Griechenland braucht
mehr Luft zum Atmen“, forderte
Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Mit der „Halsstarrigkeit“
von Merkel und Schäuble würden
Probleme nicht gelöst. So sieht die
Welt aus, wenn man nur das Duell
auf offener Straße kennt und nicht
das Klöppeln hinter den Fassaden.
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Geld & Mehr
Widerstand gegen die
„Stromautobahn“ in
Hessen. Rhein-Main
T.G. Frankfurt. Bahnfahrer müssen in der kommenden Woche weiter mit einem Streik der Lokführer-Gewerkschaft GDL rechnen.
Die Gewerkschaft hatte einen neuen Ausstand am Mittwoch beschlossen, aber keinen Termin genannt.
In der Zwischenzeit fanden informelle Gespräche mit dem Bahnvorstand statt, die jedoch noch keinen
Durchbruch gebracht haben. Der
Gewerkschaftsvorsitzende Claus
Weselsky sagte der F.A.S.: „In einem überschaubaren Zeitraum
wird ein Streik unvermeidbar sein,
wenn die Arbeitgeber ihre Haltung
nicht aufgeben.“ Weselsky war
nicht bereit, genauer einzugrenzen,
was „überschaubar“ heißt. Der
GDL-Chef bekam jedoch am
Samstag die volle Unterstützung
des Beamtenbundes ausgesprochen, der als Dachorganisation einen Teil des Streikgelds finanziert.
Der Bundesvorsitzende Klaus Dauderstädt war zuvor auf Distanz zu
neuen Streiks gegangen. Der
F.A.Z. hatte er gesagt, er halte es
„nicht für falsch“, einen Schlichter
zu berufen. Doch nun wies der Beamtenbund darauf hin, ihm seien
„Informationen bekanntgeworden,
die die Verhandlungsführung der
Deutschen Bahn in neuem Licht erscheinen lassen“. Mit „Empörung“
hätten die Gremien darauf reagiert,
dass der Verhandlungsführer der
Arbeitgeber, Werner Bayreuther,
für ein Schweizer Institut „mehrfach Seminare zur Verhandlungstaktik abgehalten hat, deren Schwerpunkte offensichtlich die Prinzipien und Methoden der Deutschen
Bahn gegenüber der GDL geprägt
haben“. Bayreuther hatte etwa im
November 2013 Führungskräften
beigebracht, warum sie in schwierigen Verhandlungen mit „ideologisch geprägten Betriebsräten . . .
nicht mehr argumentieren sollten“
und „warum ein Streik nicht vermieden werden sollte“. Weselsky
wies schon im November den Bundesverkehrsminister darauf hin. Er
nutzte die Information dann am
Freitag, um das Meinungsbild in einer drei Stunden langen Sitzung
mit der Führung des Beamtenbundes zu seinen Gunsten zu drehen.
Heftige Grippewelle
Das Virus ist mutiert, Impfungen wirken nicht
jkoer. Frankfurt. Die Grippewelle hat Deutschland fest im Griff.
Allein in der vergangenen Woche
sind 6250 Neuinfektionen hinzugekommen, meldete das RobertKoch-Institut. Damit sind in dieser Saison schon mehr als 18 300
Menschen an Grippe erkrankt.
Das macht sich im öffentlichen Leben bemerkbar: Arztpraxen sind
überfüllt, und in einigen Großstädten kam es im öffentlichen Nahverkehr zu Ausfällen, weil sich zu
viele Lokführer krankgemeldet
hatten. Das Verwaltungspersonal
springt ein, wo es möglich ist.
„Wie sich die Grippewelle weiterentwickeln wird, lässt sich
schwer vorhersagen“, sagt Susanne
Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Selbst wenn sie den Höhepunkt schon erreicht haben sollte,
wird es noch einige Wochen dauern, bis sie völlig ausgestanden ist.
Die Influenza fällt in diesem Jahr
so stark aus, weil die stark grassierenden Viren des Typs H3N2 mutiert sind. „Damit bietet die Grippeimpfung in diesem Jahr zwar
auch einen Schutz, der fällt allerdings geringer aus als sonst“, sagt
Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen.
Influenza-Viren sind besonders
wandlungsfähig. Daher wird jedes
Jahr ein neuer Impfstoff benötigt,
der sich meist gegen drei der Erreger richtet. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Zusammensetzung im Frühjahr, damit die
Hersteller mit der Produktion
rechtzeitig beginnen können. Experten raten zu einer Grippeschutzimpfung im Oktober oder November eines Jahres. Das Immunsystem benötigt dann etwa zwei Wochen, um einen Schutz aufzubauen. Wer sich jetzt noch impfen lassen möchte, sollte dies mit dem
Hausarzt besprechen. Wirtschaft
Welche Farbe hat Dein Glück?
Belgien 3,80 €; Griechenl. 4,30 €; Luxemburg 3,80 €; Niederlande
3,80 €; Österreich 3,80 €; Frankreich 4,30 €; Italien 4,30 €;
Portugal (Cont.) 4,30 €; Schweiz 5,30 sfrs; Spanien, Balearen und
Kanaren 4,30 €; Ungarn 970 Ft
4<BUADPU=jadiag>:s;V;p;V;t
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