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Die Sinngebung menschlichen Daseins

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Die Sinngebung
menschlichen Daseins
und verantwortlichen Handelns
aus christlicher Motivation
Oberstufe
Sandra Bertl
Ernst Klett Verlag
Stuttgart · Leipzig
DO01_3-12-006670_KiR_Sinngebung_CS5.indb 1
13.06.2013 18:32:21
1. Auflage
5 4 3 2 1
1 | 17 16 15 14 13
Alle Drucke dieser Auflage sind unverändert und können im Unterricht nebeneinander verwendet werden. Die letzte Zahl bezeichnet das Jahr des Druckes.
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf
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© Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2013. Alle Rechte vorbehalten. www.klett.de
Redaktion: Julia Scherer
Herstellung: Antje Heusing
Autorin: Sandra Bertl, Apelern
Gestaltung: Ernst Klett Verlag GmbH
Umschlaggestaltung: Ernst Klett Verlag GmbH
Satz: Markus Schmitz, Büro für typographische Dienstleistungen, Altenberge
Reproduktion: Meyle + Müller, Medien-Management, Pforzheim
Druck: Mediahaus Biering GmbH, München
Printed in Germany
ISBN 978-3-12-006670-5
DO01_3-12-006670_KiR_Sinngebung_CS5.indb 2
13.06.2013 18:32:21
Inhalt
1 Ethik – Die Lehre vom guten Handeln 4
1.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2 Ethische Ansätze bzw. Theorien 8
2.1 Deontologische Ethik: Die Pflichtethik Immanuel Kants . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.2 Gesinnungs- und Verantwortungsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.3 Utilitarismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
3 Biblische Grundlagen 16
3.1
3.2
3.3
3.4
3.5
3.6
3.7
Die Schöpfungserzählungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der sogenannte ‚Sündenfall‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Zehn Gebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prophetische Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Jesusüberlieferung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heilungswunder Jesu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bergpredigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
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4 Medizinethische Konfliktfelder 40
4.1 Sterbehilfe/Euthanasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.1 Umgang mit Tod und Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.2 Exkurs: Geschichte der Euthanasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.3 Sterbehilfe in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.4 Euthanasie in den Niederlanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.5 Theologische Positionen zum Umgang mit dem Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2 Organspende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Die postmortale Organspende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2 Das Hirntod-Kriterium in der Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.3 Kritische Stimmen zur derzeitigen Explantationspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.4 Wie entscheiden Sie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.5 Werbung für die Organspende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Exkurs: Ethische Konflikte zu Beginn des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
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5 Methoden 74
6 Operatoren 76
Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
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1 Ethik – Die Lehre vom guten Handeln
1.1 Einführung
M 1 Georg Laurisch, 2006
M 2 Ralf Ludwig: Die Frage nach dem richtigen Handeln
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Mensch sein heißt handeln müssen. Mit diesen Zeilen
beginnt ein uraltes Ethik-Schulbuch seine erste Seite. Der
Satz stimmt. Menschliches Leben ist nichts anderes als
eine notwendige Aneinanderreihung von Entscheidungen.
Nur: sich nicht entscheiden, ist nicht möglich.
Klingelt der Wecker in der Frühe, und ich kann mich nicht
entscheiden, aufzustehen, habe ich bereits trotz Schläfrigkeit eine Entscheidung getroffen: nämlich die, nicht aufzustehen.
Will ich mein ganzes Leben ohne Entscheidungen schleifen
und durchhängen lassen, ist dies bereits eine Entscheidung, sich nicht entscheiden zu wollen. Vielleicht ist die
einzige Möglichkeit, sich nicht mehr entscheiden zu müssen, der Selbstmord. Und selbst dazu brauche ich eine Entscheidung. Aber ist dies richtig?
Genau mit dieser Frage sind wir beim nächsten Schritt. Wir
werden fragen müssen: Welches Handeln betrachten wir
als richtig bzw. welche Entscheidung ist richtig? Dies zu entscheiden ist die Aufgabe der Ethik.
Ethik: Der Begriff kommt vom griechischen Wort ethos. Es
heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung ‚Weideplatz‘ für
Tiere, auf den Menschen übertragen ‚gewohnter Sitz‘, später
dann Gewohnheit, Sitte und Charakter. Ethos in der Übertragung ins Lateinische ergibt das Wort mos/moris, dessen
Adjektiv-Form zu dem Begriff ‚moralisch‘ führt. So meinen
‚ethisch‘ und ‚moralisch‘ streng genommen dasselbe, allerdings ist man im heutigen Gebrauch übereingekommen,
dass Moral das ist, was menschliches Handeln bestimmt,
und Ethik das, was als philosophische Disziplin die Moral
zum Thema und Gegenstand der Untersuchungen macht.
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Prinzipienethik
Utilitarismus
Pflichtenethik
Gesinnungsethik
Deontologische Ethik
Verantwortungsethik
Teleologische Ethik
Prinzipien/Werte
…
Rationalismus
Philosophische Ethik
…
Konfuzianische Ethik
Buddhistische Ethik
Religiös-philosophische Ethik
…
Hinduistische Ethik
Islamische Ethik
Orthodoxe Ethik
Katholische Ethik
Protestantische Ethik
Christliche Ethik
Sozialethik
Individualethik
Zahl der avisierten Personen
Jüdische Ethik
Theologische Ethik
Begründung ethischer Aussagen
0
Legende
Entsprechung
Gegensätze
Mögliche Einteilung der Ethik
…
…
Technikethik
Wissenschaftsethik
…
Staatsethik
Friedensethik
Politische Ethik
…
Informationsethik
Unternehmensethik
Wirtschaftsethik
…
Tierethik
Umweltethik
Medizinethik
Bioethik
Anwendungsbereiche
…
angewandte Ethik (= Bereichsethik)
normative Ethik
deskriptive Ethik
Metaethik
Behandlung ethischer Aussagen
1 Ethik – Die Lehre vom guten Handeln
M 3 Einteilung der Ethik
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1 Ethik – Die Lehre vom guten Handeln
M 4 Albert Schweitzer: Ethik als Kompass
5
Unbefangen nehmen wir an, dass sie [die Ethik] in dem
Sinne ein Gesetz ist, dass sie in klar festgelegten und begrenzten Geboten gebietet und nur durchaus Zweckmäßiges
und Erfüllbares fordert. […] Die Ethik ist nicht ein Park mit
planvoll angelegten und gut unterhaltenen Wegen, sondern
eine Wildnis, in der jeder von seinem Pflicht- und Verantwortungsgefühl angetrieben sich seinen Pfad suchen und
bahnen muss. […] Fest steht nur die Richtung, in der wir zu
gehen haben.
M 5 Johannes Fischer: Zu den Anfängen ethischen Denkens
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Die Geschichte der Ethik ist von ihren Anfängen an mit sozialen und politischen Entwicklungen und Konstellationen
verknüpft gewesen. Sie ist keine reine Geistes-Geschichte,
die sich lediglich in den Köpfen der Menschen abgespielt
hat, sondern wesentlich Sozial-Geschichte. […]
Der Beginn des ethischen Denkens wird durch die sog.
­Sophistik markiert. Die Sophisten waren philosophische
Wanderlehrer, die im Mittelmeerraum herumkamen. Sie
machten die Entdeckung, dass die Sitten und Bräuche an
verschiedenen Orten sehr unterschiedlich sein konnten
und dass z. B. ‚Gerechtigkeit‘ am einen Ort etwas anderes
bedeuten konnte als an einem anderen. Das warf die Frage
auf, ob das, was unter ‚Gerechtigkeit‘ zu verstehen ist, nur
auf Brauch oder Sitte beruht und ob es daher ‚Gerechtigkeit’
nur in einem relativen Sinne gibt als die Gerechtigkeit, die
in Athen, oder als die Gerechtigkeit, die in Korinth gilt. Oder
gibt es in einem absoluten Sinne die Gerechtigkeit, und
wenn es sie gibt, worin besteht sie?
Ein anderes Beispiel für diese Art des Fragens betrifft das
Wort „gut“. Bei Homer begegnet es im 8. Jahrhundert in
einem funktionalen Sinn, wie er etwa in der Wendung
aner agathos – ein guter, trefflicher Mann – zum Ausdruck
kommt. Gut ist jemand in einer bestimmten Funktion. In
diesem Sinn ist uns auch das Wort „gut“ geläufig, etwa in der
Rede von einem guten Messer, das gut ist im Hinblick auf
seine Funktion zu schneiden. Ersichtlich ist dies eine andere Bedeutung des Wortes „gut“ als in der Aussage „Mutter
Theresa war ein guter Mensch“. Mit dem „gut“ in der zweiten
Aussage verbinden wir einen moralischen Sinn und diesen
verstehen wir offensichtlich in einem absoluten und nicht in
einem relativen Sinne bezogen auf eine bestimmte Funktion.
[…]
M 6 Günter Altner: Konzentrische Typisierung der Ethik
N atur
L eb e n
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ß g ru p p e, Et h
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b i o z e nt r i s c h e
p h y s i o ze n t ri s c h e
M 7 Konrad Hilpert: Die theologische Dimension in der
ethischen Urteilsfindung
Wo bleibt nun eigentlich das Theologische in der ethischen
Urteilsfindung? Zunächst einmal ist daran zu erinnern, dass
die Schriften des Neuen Testaments, namentlich Paulus in
seinen Briefen, nicht nur Erinnerung an Altbekanntes und
den Verweis auf die grundlegenden Gebote des Alten Testaments und der Verkündigung Jesu kennen, sondern auch
den Aufruf an die Christen beinhalten, sich selber ein ethisches Urteil zu bilden. Diese Aufforderung setzt voraus, dass
das, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige
und Vollkommene (vgl. Röm 12,2), nicht schon klar definiert
vor ihnen liegt, jedenfalls nicht vollständig und nicht für
jede ­Situation verfügbar wie eine „Ordnung“ für sämtliche
Lebenssituationen. Insofern ergeben sich aus der Verkündigung keine spezifischen Erkenntnisse und Kriterien für
die konkreten ethischen Probleme. Das schließt natürlich
nicht aus, dass in den Texten, in ihrer theologischen Auslegung und in der Tradition viel Erfahrungswissen aufbewahrt
ist. Das ist der tiefere Grund, weshalb die Christen immer
wieder aufgefordert werden, zu prüfen bzw. – wie man verschärfend übersetzen könnte – selbst zu prüfen (Röm 12,2;
Phil 1,10; 4,8; 1 Thess 5,21; Lk 12,56 f.; Apg 4,19).
„Durch das Kommen des Glaubens haben die Christen also
die Vollmacht, mitten in einer von Sünde gezeichneten Welt
zu prüfen, zu urteilen und entsprechend zu handeln.“ (Heinz
E. Tödt) […] Das Theologische ist der Horizont und die Gesamtsicht, aus der der Urteilende seine Situation und die
Notwendigkeit zu handeln deutet, gewichtet, ordnet und
sortiert. […]
Zum Kernbestand des christlichen Glaubens gehört die Überzeugung, dass das Leben ein Geschenk ist, ferner, dass der
Mensch im Rahmen seines Weltauftrags auch in der Verantwortlichkeit für Weitergabe, Gestaltung und Sorge für das
Leben steht, und schließlich, dass jeder Mensch Ebenbild
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1 Ethik – Die Lehre vom guten Handeln
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Gottes ist. Er besitzt eine unverlierbare Würde und darf deshalb nicht zum Objekt von Manipulation gemacht werden.
Zum christlichen Glauben gehört aber auch die elementare
Einsicht, dass menschliche Existenz auf Erden endlich und
obendrein fehlbar ist, sogar dass das Projekt der Weltgestaltung von daher prinzipielle Grenzen hat.
Der theologische Beitrag hört sich noch ziemlich allgemein
an. Und tatsächlich wirkt er sich nicht in der Weise aus, dass
es ganz bestimmte christliche Sondernormen für das konkrete Handeln gibt. Wohl aber spielt er in der Urteilsbildung
eben doch eine Rolle, am deutlichsten dort, wo es um die
ethischen Kriterien, die impliziten anthropologischen Vorannahmen und die Einschätzung der Handlungsalternativen
geht. Der religiöse Bezug ermöglicht Hoffnung und Annahme und Vertrauen darauf, von der Güte Gottes getragen zu
sein – auch dort und dann, wo sich eine schwierige Situation
nicht beheben lässt oder die Versuche scheitern, das, was
wehtut und schmerzt, zu beseitigen.
M 8 Martin Honecker: Deontologische und Teleologische
Ethik
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Die teleologische Argumentation (abgeleitet von télos, Ziel)
misst ein Handeln am Ziel: am Ergebnis, das es bewirkt. […]
Die deontologische Argumentation ist begrifflich abgeleitet
von tó déon, die Pflicht, das Erforderliche, das Geforderte.
Eine deontologische Ethik orientiert sich an Grundsätzen.
Ihre Leitfrage ist: Was wird gesollt? Was soll ich wollen, und
zwar unabhängig von empirisch-pragmatischen Erwägungen,
ob es realisierbar ist? Das Beispiel einer deontologischen
Argumentation ist Kants Ethik mit dem Pflichtgedanken und
der Forderung des Kategorischen Imperativs. ­Deontologie
beruft sich auf Gebote, Verbote, Moralprinzi­pien. […]
Vor allem die theologische Ethik gilt traditionell als deontologische Ethik. Denn sie geht aus von Fragen wie den folgenden: Was ist der unbedingt geltende Wille Gottes? Was ist
Gottes Gebot? Was ist die Forderung der Natur?
Wenn freilich die metaphysische Begründung der Ethik,
also eine Ableitung konkreter Einzelforderungen aus Gottes
Willen, Gottes Gebot, aus der Ordnung der Natur problematisiert wird, dann erhält die teleologische Argumentation den
Vorzug. Ethik kann man dann nicht mehr aus der Struktur
einer ewigen Seinsordnung, eines unveränderlichen Naturrechts, aus dem Naturgesetz begründen. Ethisches Handeln
hat sich an seinen eigenen sittlichen Zwecken zu legitimieren. […]
Aufgrund der Diskussion um die Alternative von Teleologie
oder Deontologie stellt sich die Frage, ob diese Alternative
zwingend ist. […] Man wird in einer argumentierenden Ethik
deshalb vorrangig teleologisch verfahren, also ein Prüfen
der Handlungsfolgen vornehmen. Aber es gibt Grenzen der
teleologischen (und utilitaristischen!) Argumentation. So
kann beispielsweise kein noch so guter Zweck die Verletzung
der Menschenwürde als oberster Norm rechtfertigen: Das
Folterverbot als oberster Grundsatz gilt unbedingt, „deontologisch“. Oder: Gute Folgen für viele können nicht eine einzelne schlechte Tat erlauben (Joh 11,50: „besser ein Mensch
stirbt, als ein ganzes Volk verdirbt“). Keine Güterabwägung
legitimiert die Vernichtung eines Einzelnen in der Absicht,
andere abzuschrecken. Eine gemäßigte Deontologie, wonach auch die Folge einer Pflichterfüllung zu prüfen ist, und
eine teleologische Argumentation, die nicht alle Handlungen
ausschließlich von ihren Folgen her bestimmt, bilden keinen
kontradiktorischen Gegensatz. […]
Ethik zielt auf das, was man gut bzw. sittlich gut, wertvoll
nennt. Das ist ihr Telos. Sie hat für die Erreichung dieses Ziels
freilich plausible ethische Argumente beizubringen. Man
kann also von einer „deontologisch begründeten ­Teleologie“
[…] sprechen. „Deontologisch“ ist der unbedingte Anspruch,
die Verpflichtung auf das sittlich Gute, die Grundentscheidung für das Sittliche; „teleologisch“ ist dann die Anwendung
der Grundsätze auf konkrete Situationen. Die sittliche Grundentscheidung kann deontologisch verstanden werden; die
jeweilige Einzelentscheidung ist teleologisch zu begründen.
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Anregungen zur Weiterarbeit
1. Beschreiben Sie das Bild M 1 und überlegen Sie sich
einen passenden Titel.
2. Vergleichen Sie M 1 und M 2 und versuchen Sie,
­Gemeinsamkeiten zu finden.
3. Orientieren Sie sich in der Grafik M 3 , sodass Sie die
Grafik kurz erläutern können.
a) Notieren Sie dazu zunächst für sich allein, welche
Bereiche Ihnen bereits bekannt sind, aus welchen
Bereichen Sie z. B. bereits gearbeitet haben. Ergänzen Sie ggf. Autoren, deren Texte Sie z. B. bereits
gelesen haben.
b) Notieren Sie dann, was Sie nicht verstehen/wozu
Sie sich keine Vorstellung machen können.
c) Tauschen Sie nach der Stillarbeitsphase mit Ihrem
Tischnachbarn/Ihrer Tischnachbarin Ihre Ergebnisse
aus.
4. Formulieren Sie zu M 3 ethische Fragestellungen, die
Sie unter ‚Anwendungsbereichen‘ den jeweiligen ethischen Bereichen/Zuständigkeiten zuordnen (z. B. die
Frage nach der ethischen Zulässigkeit von Tierversuchen – Tierethik – Bioethik). Ergänzen Sie ggf. in Ihren
Notizen die Grafik um weitere Bereiche.
5. Fassen Sie die Informationen aus den vier Materialien
M 1 bis M 4 zu einem gut verständlichen Lexikonartikel zusammen.
6. Diskutieren Sie Fischers Frage M 5 , ob es in absolutem Sinne Gerechtigkeit gibt und definieren Sie, worin
eine absolute Gerechtigkeit bestehen müsste.
7. Ergänzen Sie die Grafik M 3 auf S. 5 im Bereich der
„Prinzipien/Werte“ mithilfe von M 8 .
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2 Ethische Ansätze bzw. Theorien
2.1 Deontologische Ethik: Die Pflichtethik Immanuel Kants
M 1 Immanuel Kant: Ethik der Pflicht – Der kategorische
Imperativ
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Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer
derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung
für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.
Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes
sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments
sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich
werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist. […]
Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung irgend
eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich gut. […] Wenngleich durch eine besondere
Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung
einer stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an
Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei
seiner größten Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich nicht etwa als
ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel,
soweit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er
wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas, das
seinen vollen Wert in sich hat. […]
Eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht
in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt
also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloß vom Prinzip des Wollens. […]
Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung
fürs Gesetz. […]
Alle Imperative werden durch ein Sollen ausgedrückt. […]
Alle Imperative nun gebieten entweder hypothetisch oder
kategorisch. Jene stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas anderem, was
man will […], zu gelangen vor. Der kategorische Imperativ
würde der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst,
ohne Beziehung auf einen anderen Zweck, als objektivnotwendig vorstellte. […]
Wenn ich mir einen hypothetischen Imperativ überhaupt
denke, so weiß ich nicht zum Voraus, was er enthalten werde: bis mir die Bedingung gegeben ist. Denke ich mir aber
einen kategorischen Imperativ, so weiß ich sofort, was er
enthalte. […]
Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und
zwar dieser: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch
die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz
werde […]. [Es] könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht
auch so lauten: Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze
werden sollte.
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M 2 Ralf Ludwig: Guter Wille und Pflicht
Den wohl am häufigsten zitierten Text in Kants Ethik finden
wir gleich zu Beginn der ‚Grundlegung‘. Ohne große Umschweife sagt Kant, was Sache ist. [vgl. Z. 1–3 in M 1 ] […]
Warum sind eigentlich bestimmte menschliche Eigenschaften, unabhängig von Kants unwichtiger Unterscheidung in
Talente des Geistes, Charakter oder Glücksgaben nicht von
Haus aus gut? Die Antwort liegt auf der Hand.
Der Verstand ist natürlich etwas Erstrebenswertes, mag man
einwenden; aber ob er an sich gut ist, muss man spätestens
dann bezweifeln, wenn man daran denkt, dass der Mörder
einen messerscharfen Verstand benötigt, um einen perfekten Mord zu planen.
Jeder weiß, das Witz und Humor nicht nur zur geselligen Erheiterung beitragen können, sondern dass sie auch imstande sind, mit einer negativen Grundeinstellung, den anderen
Menschen bloßzustellen oder fertigzumachen.
Ebenso verhält es sich mit Mut, Entschlossenheit und Beharrlichkeit: als Markenzeichen des Kriminalinspektors sind sie
gut, als Eigenschaften des eiskalten Bankräubers nicht unbedingt. Hier können sie „äußerst böse und schädlich werden,
wenn der Wille … nicht gut ist“, meint Kant zu Recht.
Dass Macht, Reichtum und Ehre nicht an sich gut sind,
leuchtet ein; aber es wird selbst die Gesundheit als etwas
nicht unbedingt Gutes genannt. Die Erläuterung dafür fällt
schon etwas schwerer, aber es ist durchaus vorstellbar, dass
der vor Gesundheit strotzende Mensch in der Lage ist, sich
in selbstherrlicher Selbstsicherheit über den Kranken oder
­Behinderten zu erheben.
So gibt es nun nichts, was ohne Einschränkung für gut erklärt werden kann, außer dem guten Willen, bekräftigt Kant
noch einmal […]. Die entscheidende Frage wird nun lauten
müssen: Wann ist denn ein guter Wille gut? […]
Wir erfahren nur, wodurch er nicht gut wird: durch seine
Tauglichkeit zur Erreichung eines wie auch immer wertvollen
Zwecks. Damit bricht Kant mit der Jahrhunderte alten Tradition, in der Sittlichkeit dadurch bestimmt ist, dass irgendein
als sittlich wertvoll erachtetes Gut oder Zweck (z. B. Tapfer­
keit, Enthaltsamkeit, Glück …) als oberstes Ziel erstrebt
werden soll.
Ja, Kant geht sogar noch einen Schritt weiter: Selbst wenn
der gute Wille unter widrigen Umständen („kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur“) überhaupt nichts
hervorbrächte, würde dieser gute Wille, wenn er ein bisschen mehr ist als bloßes Wunschdenken, wie ein glänzendes
Juwel dastehen. […]
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2 Ethische Ansätze bzw. Theorien
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M 3 Ralf Ludwig: Der kategorische Imperativ
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Jetzt erst, mit diesem zweiten Schritt auf dem Weg zum
kategorischen Imperativ, erfahren wir, wann ein guter Wille
wirklich gut ist: Wenn er allein durch die Pflicht bestimmt
wird. […]
Kants Beispiel vom Krämer eignet sich vorzüglich zur Erläuterung der Unterscheidung zwischen pflichtmäßig [heute:
pflichtgemäß] und aus Pflicht.
Ein Kaufmann berechnet die Preise für seine Ware und entschließt sich, ehrlich zu sein. Er will seine Kunden, ob sie
nun unerfahren sind, oder ob es sich um Kinder handelt,
nicht übers Ohr hauen. Eine solche Handlung geschieht noch
lange nicht aus Pflicht, behauptet Kant, sie ist pflichtmäßig
und äußerlich nicht von derselben Handlung aus ehrlichen
Grundsätzen heraus zu unterscheiden.
Warum? Weil es sein kann, dass er aus einem Vorteilsdenken
heraus ehrlich ist, damit ihm die Kunden nicht davonlaufen.
In diesem Fall geschieht seine Handlung nicht aus Pflicht,
sondern ist nur pflichtmäßig und geschieht in Wahrheit aus
eigennütziger Absicht. […]
Was Kant über den guten Willen sagte, dass er gut sei, nicht
durch das, was er bewirkt, gilt auch für die Handlung aus
Pflicht. Aber hier geht Kant noch einen Schritt weiter. […]
Bestimmte Absichten, Zwecke, Handlungen und Objekte
meines Begehrens sagen nichts über den moralischen Wert
meiner Handlung aus. Der moralische Wert liegt allein in der
Maxime meines Handelns, stellt Kant lapidar fest. […]
Das Wort Maxime ist abgeleitet vom lateinischen Begriff
maximae propositiones (höchste Aussagen) […]. Was er bei
Kant bedeutet, sagt Kant selbst. Es ist ein Prinzip des Wollens. […] Maxime ist eine beabsichtigte Handlungsweise mit
dem Anspruch, über die singuläre Verwirklichung hinauszugehen.
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Da wir keinen Leser zurücklassen wollen, machen wir einen
kurzen Halt und blicken auf die bis jetzt zurückgelegte Wegstrecke zurück.
Bei der Frage nach dem obersten Prinzip von Sittlichkeit
setzt Kant mit der Feststellung ein: Nichts ist gut, außer dem
guten Willen. Aber wann ist ein Wille gut? Er ist dann gut,
wenn sein Wollen an sich gut ist. Dies ist nicht der Fall, wenn
das Handeln nur pflichtmäßig ist.
Hier erteilt Kant der Neigung eine eindeutige Absage; später
wird die Erfahrung folgen, die ebenfalls schroff abgelehnt
wird.
Das Wollen ist nur dann an sich gut, wenn eine Handlung
aus Pflicht geschieht. Dies ist der Fall, wenn sie nach einer
bestimmten Maxime ausgerichtet ist, ohne dass die bestimmte Maxime bis jetzt klar ist.
Das Wollen ist ferner dann an sich gut, wenn dahinter die
Achtung für das Gesetz steckt. Gemeint ist das Sittengesetz, welches nicht in der Natur vorkommt und welches das
Gesetz einer Welt ist, die als intelligible [geistig erkennbar]
oder noumenale [Begriff Kants, der etwas Seiendes bezeichnet, das jedoch mit den beschränkten menschlichen Sinnen
nicht als Subjekt wahrgenommen werden kann] Welt über
unsere Welt der Erscheinungen hinausgeht. […]
Dass alles in der Natur nach Gesetzen wirkt, ist leicht zu verstehen: Der Bach fließt nach unten, der Baum wächst nach
oben und das Tier frisst, wenn der Hungertrieb sich regt.
All dies trifft natürlich auch auf uns Menschen zu, aber: darüber hinaus haben wir als Vernunftwesen die Möglichkeit,
ein eigenes Gesetz unserem Willen vorauszustellen, d. h. ein
Prinzip aufzustellen. Nehmen wir als Beispiel den Vorsatz,
für eine Woche einen Diätplan aufzustellen. Befolge ich
diesen Plan, ist dies ein Vorstellen eines eigenen Gesetzes
gegenüber dem Naturgesetz des Hungertriebes.
Für die Befolgung von Naturgesetzen brauche ich keine
Vernunft, dafür aber das Handeln aus Prinzipien. Wenn nun
das Handeln gewählt wird, was die Vernunft als notwendig
erkannt hat, nennt Kant das den Willen oder die praktische
Vernunft. Hier ist Vorsicht geboten, der Begriff des Willens
ist bei Kant nicht der Begriff, den wir als freien Willen kennen. Wille, oder freier Wille, ist bei Kant der schon am praktischen Gesetz ausgerichtete oder der noch auszurichtende
Wille. […] Nun ist es nach Kant eine Illusion, zu glauben,
die Vernunft habe totale Gewalt über unsere Handlungen.
Tatsache hingegen ist, dass zwischen uns und der Vernunft
oft „gewisse Triebfedern“ und subjektive Bedingungen (Lust,
Laune, Neigungen …) stehen. Aus diesem Grunde muss der
Wille durch Gründe der Vernunft gezwungen werden, da er
nicht notwendigerweise der Vernunft gehorcht. Kant nennt
dies Nötigung. Genötigt wird jedoch durch ein Gebot, und
die „Formel“ des Gebotes ist der Imperativ. […]
Jetzt haben wir zwei Arten von Imperativen kennengelernt,
den hypothetischen Imperativ und den kategorischen Imperativ. Was ist der Unterschied zwischen beiden?
Eine Hypothese ist eine Vorweg-Annahme: Wenn du A willst,
musst du B tun. Nehmen wir einmal an, Karl will eines Tages
ein guter Klavierspieler werden. In diesem Fall wird seine
Mutter ihn auffordern: Wenn du ein guter Klavierspieler werden willst, musst du täglich eine Stunde üben!
[…] Ein solcher Imperativ kann natürlich nicht kategorisch
oder notwendig für alle gelten, sondern nur hypothetisch
(= unter der Voraussetzung der Vorweg-Annahme), dass
­einer überhaupt Klavier lernen möchte. […]
Die Nötigung des Willens ist das, was beide Imperative voneinander unterscheidet. Die Nötigung des hypothetischen
Imperativs hat nicht den Charakter eines unbedingten
Gesetzes, sie gilt nur bedingt, und zwar nur – in unserem
Beispiel – unter der Bedingung, dass ich überhaupt Klavierspielen lernen will.
Wenn die Nötigung dagegen unter allen Umständen, d. h.
bedingungslos gilt, dann hat sie unbedingten oder kategorischen Charakter. […]
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Anregungen zur Weiterarbeit
1. Fassen Sie Ihr Textverständnis von M 1 in einem grafischen Konspekt zusammen (S. 75, Methodenseite).
Nutzen Sie zur Erarbeitung von Kants Pflichtethik auch
die gut verständlichen Quellen M 2 und M 3 . Versuchen Sie dabei, die logische Gedankenfolge Kants in
Ihrem Konspekt nachzuzeichen.
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2 Ethische Ansätze bzw. Theorien
2.2 Gesinnungs- und Verantwortungsethik
M 1 Philipp Heinisch: Verantwortung
Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der
Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können
und sollen. […]
M 3 Albert Schweitzer: Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
Albert Schweitzer war Theologe, Philosoph, Organist und
Musikwissenschaftler. An seinem 30. Geburtstag beschloss er,
sein Leben in den Dienst der Bedürftigen zu stellen, studierte
Medizin und gründete im heutigen Gabun das Urwaldkrankenhaus Lambaréne. Sein Engagement für seine rational
nachvollziehbare Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, die sich
für Umwelt-/Tierschutz und gegen das atomare Wettrüsten
aussprach, wurde 1952 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
M 2 Max Weber: Gesinnungs- und Verantwortungsethik
Max Weber war Soziologe, Jurist und Ökonom. In seinem
Vortrag ‚Politik als Beruf’ (1919) stellt Weber zwei Typen
(­politischer) Ethik einander dialektisch gegenüber.
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Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte
Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann
‚gesinnungsethisch’ oder ‚verantwortungsethisch’ orientiert
sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein
abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: „Der Christ tut
recht und stellt den Erfolg Gott anheim“ – oder unter der
verantwortungsethischen: dass man für die (vorausseh­
baren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. […] [Auch
der Nachweis negativer Folgen gesinnungsethisch motivierter Handlungen wird auf den Gesinnungsethiker] gar
keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner
Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht
der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die
Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille Gottes,
der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen,
[…] er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns,
soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen.
Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. „Verantwortlich“ fühlt sich der Gesinnungsethiker nur
dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme
z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben
will.“ […] Wie in meinem Willen zum Leben Sehnsucht ist
nach dem Weiterleben und nach der geheimnisvollen Gehobenheit des Willens zum Leben, die man Lust nennt, und
Angst vor der Vernichtung und der geheimnisvollen Beeinträchtigung des Willens zum Leben, die man Schmerz nennt:
also auch in dem Willen zum Leben um mich herum, ob er
sich mir gegenüber äußern kann, oder ob er stumm bleibt.
Ethik besteht also darin, dass ich die Nötigung erlebe, allem
Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben
erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und
Leben hemmen. […]
Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung
gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen,
und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun.
Er fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll
Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es
noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm
heilig. Er reißt kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume
und hat acht, dass er kein Insekt zertritt. Wenn er im Sommer nachts bei der Lampe arbeitet, hält er lieber das Fenster
geschlossen und atmet dumpfe Luft, als dass er Insekt um
Insekt mit versengten Flügeln auf seinen Tisch fallen sieht.
Geht er nach dem Regen auf der Straße und erblickt den
Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, dass
er in der Sonne vertrocknen muss, wenn er nicht rechtzeitig
auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins
Gras. […]
Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen
alles, was lebt. […] Mit drei Gegnern hat sich diese Ethik
auseinanderzusetzen: mit der Gedankenlosigkeit, mit der
egoistischen Selbstbehauptung und mit der Gesellschaft.
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2 Ethische Ansätze bzw. Theorien
M 4 Albert Schweitzer: Gegen eine relative Ethik
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M 5 Albert Schweitzer: Über die Schwierigkeiten
seiner Ethik
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Wie aber verhält sich die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
in den Konflikten, die zwischen innerer Nötigung zur Hingabe und notwendiger Selbstbehauptung entstehen?
Auf tausend Arten steht meine Existenz mit anderen in Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu
schädigen, ist mir auferlegt. Wenn ich auf einsamem Pfade
wandle, bringt mein Fuß Vernichtung und Weh über die
kleinen Lebewesen, die ihn bevölkern. Um mein Dasein zu
erhalten, muss ich mich des Daseins, das es schädigt, erwehren. Ich werde zum Verfolger des Mäuschens, das in meinem
Hause wohnt, zum Mörder des Insekts, das darin nisten will,
zum Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden können. Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung
von Pflanzen und Tieren. Mein Glück erbaut sich aus der
Schädigung der Nebenmenschen. […]
Die gewöhnliche Ethik sucht Kompromisse. Sie will festlegen, wieviel ich von meinem Dasein und meinem Glück
dahingeben muss, und wieviel ich auf Kosten des Daseins
und Glücks anderen Lebens davon behalten darf. Mit diesem
Entscheiden schafft sie eine angewandte, relative Ethik.
Was in Wirklichkeit nicht ethisch, sondern ein Gemisch von
nichtethischer Notwendigkeit und Ethik ist, gibt sie als
ethisch aus. […]
Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erkennt keine relative
Ethik an. Als gut lässt sie nur Erhaltung und Förderung von
Leben gelten. Alles Vernichten und Schädigen von Leben,
unter welchen Umständen es auch erfolgen mag, bezeichnet sie als böse. Gebrauchsfertig zu beziehende Ausgleiche
von Ethik und Notwendigkeit hält sie nicht auf Lager. Immer
von neuem und in immer originaler Weise setzt die absolute
Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben sich im Menschen mit
der Wirklichkeit auseinander. Sie tut die Konflikte nicht für
ihn ab, sondern zwingt ihn, sich in jedem Falle selber zu entscheiden, inwieweit er ethisch bleiben kann und inwieweit
er sich der Notwendigkeit von Vernichtung und Schädigung
von Leben unterwerfen und damit Schuld auf sich nehmen
muss. […]
Ein Zwang, aller Kreatur alles irgend mögliche Gute anzutun,
ergibt sich daraus für jeden von uns. Indem ich einem Insekt
aus seiner Not helfe, tue ich nichts anderes, als dass ich versuche, etwas von der immer neuen Schuld der Menschen an
der Kreatur abzutragen.
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Tatsächlich sind die Schwierigkeiten dieser elementaren
und lebendigen Ethik derart, dass man mit ihnen nicht fertig
wird. Es ist unmöglich, sie irgendwie in klar formulierten Geboten und Verboten festzulegen. Sie ist durchaus subjektiv.
Sie überlässt dem Einzelnen die Entscheidung, wie weit er in
seinem hingebenden Helfen gehen will. […] Sie lässt unser
Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Das gute Gewissen wird
für uns zu einem Mythos.
M 6 Martin Gorke: Schweitzers Schuldbegriff als
­Orientierungshilfe
Für den Schuldbegriff in seiner Ehrfurchtsethik ist Schweitzer viel gescholten worden. Ich halte die graduelle Verwendung dieses Begriffs angesichts des Fehlens einer objektivierbaren Grenzlinie zwischen gerechtfertigter und nicht
gerechtfertigter Beeinträchtigung der Natur indes für die
einzig konsequente Lösung […], [so] hält sie uns nämlich
dazu an, dilemmatischen Situationen, wo immer möglich,
aus dem Wege zu gehen. Mit einem Beispiel zum Abschluss
dieses Beitrages möchte ich diesen Effekt veranschaulichen.
Ein Abenteuertourist trifft auf seinem Marsch entlang der
Küste Spitzbergens auf einen Eisbären. Da dieser ihn angreift, muss er ihn erschießen, um sein eigenes Leben zu
retten. Während der Tourist im Rahmen der gängigen ethischen Theorien unter der Voraussetzung einer Notwehrsituation eigentlich keinen Grund hätte, sich wegen dieser Tötung
Gewissensbisse zu machen, wird er sich durch die absolute
Ethik Schweitzers und das tiefe Bedauern über den Tod des
Tieres vermutlich dazu veranlasst fühlen, eine solche Dilemmasituation in Zukunft zu meiden. Er wird beim nächsten
Mal eine Route wählen, auf der ihm aller Wahrscheinlichkeit
nach kein Bär mehr begegnen kann. Oder er wird vielleicht
sogar ganz darauf verzichten, Gebiete aufzusuchen, die nun
einmal Eisbärengebiete und keine Menschengebiete sind.
Ob man eine solche Reaktion für wünschenswert oder für
überzogen hält, hängt letztlich davon ab, welches Ethikverständnis man hat. Mit Wilhelm Vossenkuhl vertrete ich
die Auffassung, dass Ethik nicht dazu da ist, die negativen
Folgen des eigenen Handelns zu entschuldigen, sondern auf
besseres Handeln hin zu orientieren. Teilt man diese Auffassung von der Orientierungsfunktion der Ethik, wird man
Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben als Kompass
auch in Zukunft nicht missen wollen.
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Anregungen zur Weiterarbeit
1. Assoziieren Sie, was Ihnen zum Begriff „Ehrfurcht“ in
den Sinn kommt. Was erwarten Sie von einer Ethik
der „Ehrfurcht vor dem Leben“? Schließen Sie auch die
Grafik M 7 auf Seite 6 (konzentrische Typisierung der
Ethik) in Ihre Überlegungen ein.
2. Beziehen Sie Stellung zu Schweitzers Ethikkonzeption
M 3 und M 4 . Welche Gesichtspunkte halten Sie für
problematisch, welche Gesichtspunkte für besonders
gelungen?
3. Schweitzer hat die Unmöglichkeit, ohne Schuld durch
die Welt zu gehen, als „schmerzvolles Rätsel“ bezeichnet. Beurteilen Sie, inwieweit Sie die von ihm gezogenen Konsequenzen (vgl. M 5 ) für ein tragbares Konzept – auch vor dem Hintergrund Ihnen bekannter ethischer Problemstellungen (vgl. Aufgabe 4, S. 5) – halten.
4. Beurteilen Sie Gorkes Antwort (vgl. M 6 ) zur Problematik von Schweitzers Schuldbegriff.
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