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Der Mittelstand in der öffentlichen Wahrnehmung

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Professor Dr. Hans Mathias Kepplinger
Der Mittelstand in der öffentlichen Wahrnehmung
Referat anläßlich des Kolloquiums der Studiengesellschaft für Mittelstandsfragen
über „Mittelstand und Globalisierung“ am 10. November 2006 in Tegernsee
Korrigiert 13.11.2006
1
In der kommenden halben Stunde werde ich acht Fragen aufwerfen und danach
ein kurzes Fazit ziehen. Die Fragen lauten:
1. Weiß die Bevölkerung, was ein mittelständisches Unternehmen ist?
2. Welche Eigenschaften werden mittelständischen Unternehmen zu
geschrieben?
3. Welches Ansehen genießen mittelständische Unternehmer in der
Bevölkerung?
4. Welche Eigenschaften werden mittelständischen Unternehmern zu
geschrieben?
5. Welche gesellschaftliche Rolle schreibt die Bevölkerung mittelständischen Unternehmern zu?
6. Ist der Bevölkerung die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes
bewußt?
7. Welche Rolle spielen die mittelständischen Unternehmen in der Medienberichterstattung?
8. Welchen Einfluß besitzt die Medienberichterstattung über Unter
nehmen auf das Image des Mittelstandes?
2
1. Weiß die Bevölkerung, was ein mittelständisches Unternehmen
ist?
Eine Beschreibung und Analyse der Wahrnehmung des Mittelstandes muß sich auf
repräsentative Befragungen stützen. Eine scheinbar triviale, sachlich jedoch bedeutsame Voraussetzung für die Aussagekraft solcher Erhebungen besteht darin,
daß die Befragten wissen, worüber sie reden. Die Vorstellungen der Bevölkerung
von den mittelständischen Unternehmen hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Juni 2000 mit folgender Frage ermittelt.
„Man spricht ja von Mittelständischen Unternehmen. Was meinen Sie: Wieviel Beschäftigte etwa haben die Unternehmen, die man als mittelständisch bezeichnet?“
Deutlich mehr als zwei Drittel der Befragten - 71 Prozent – meinten, ein mittelständisches Unternehmen habe weniger als 500 Beschäftigte. Im Durchschnitt wurde
eine Zahl von 148 Beschäftigten genannt. Die Vorstellungen der Bevölkerung von
mittelständischen Unternehmen beruhen dabei auf z. T. sehr unterschiedlichen
Annahmen. So meint
•
ein Viertel (27 %), die Unternehmen hätten höchsten 50 Beschäftigte,
•
ein knappes Fünftel (17 %) vermutet 50 bis 100 Beschäftigte und
•
ein weiteres Viertel (27 %) 100 bis 500 Beschäftigte.1
Die Vorstellungen der Bevölkerung von mittelständischen Unternehmen entsprechen damit recht gut der Charakterisierung der „industriellen Kleinbetriebe“ und der
„Industriellen Mittelbetriebe“, die der Bundestag 1970 vorgelegt2 und1976 in seinem „Mittelstandsbericht“3 fortgeschrieben hat. Dort werden bekanntlich die Mitarbeiterzahlen von industriellen Kleinbetrieben mit 1-49 und die Mitarbeiterzahlen
von industriellen Mittelbetrieben mit 50 bis 499 beziffert.
3
Damit kann man als erstes Zwischenergebnis festhalten: Wenn hierzulande über
den Mittelstand gesprochen wird, dann wissen die meisten Menschen, wovon die
Rede ist – zumindest, wenn es um die Zahl der jeweils Beschäftigten geht.
2. Welche Eigenschaften werden mittelständischen Unternehmen zugeschrieben?
Die Vorstellungen der Bevölkerung von mittelständischen Unternehmen hat das
Institut für Demoskopie Allensbach im August 2001 in einer gegabelten Befragung
ermittelt. Ein Teil der Interviewten wurde nach den „deutschen Großunternehmen“
gefragt, ein anderer Teil nach dem „deutschen Mittelstand“. Beide Gruppen sollten
anhand einer identischen Eigenschaftsliste angeben, was auf die jeweiligen Unternehmen zutrifft. Besonders aufschlußreich sind jene Eigenschaften, die eindeutig
eher den Mittelstand oder eher den Großunternehmen zugeschrieben wurden, weil
hier die Besonderheiten im Image der beiden Unternehmenstypen deutlich wird.4
Typisch für den Mittelstand ist nach Ansicht der Befragten, daß
•
er „in Deutschland neue Arbeitsplätze“ schafft (50 vs. 24 %)
•
er sich um die „Mitarbeiter“ bemüht (43 vs. 24 %)
•
die Unternehmen „flexibel, anpassungsfähig“ sind (39 vs. 22 %)
•
ein „gutes Betriebsklima“ haben (39 vs. 15 %) und daß sie
•
sich „Deutschland verbunden“ fühlen (36 vs. 12 %)
Typisch für die Großunternehmen ist nach Ansicht der Befragten dagegen, daß sie
•
„im internationalen Wettbewerb“ bestehen können (64 vs. 27 %)
•
„Deutschland im Ausland Anerkennung“ verschaffen (52 vs. 31 %)
•
„innovativ“ sind, „ständig Neues“ entwickeln (45 vs. 27 %)
•
„gute Sozialleistungen“ haben (43 vs. 28 %) und
•
ihren Mitarbeitern „attraktive Verdienst- und Beteiligungsmöglichkeiten“ bieten (33 vs. 18 %)
4
Neben positiven Eigenschaften werden den Großunternehmen stärker als dem
Mittelstand auch negative Eigenschaften zugeschrieben. Sie
•
„versuchen um jeden Preis, ihre Gewinne zu steigern“ (77 vs. 41 %)
•
„schaffen neue Arbeitsplätze eher im Ausland als in Deutschland (55 vs. 16
%) und
•
„der Mensch gilt wenig, es geht eher ums Geld“ (47 vs. 16 %).
Als zweitens Zwischenergebnis kann man feststellen: Die mittelständischen Unternehmen gelten im Unterschied zu den Großunternehmen im positiven Sinne als
bodenständisch und human. Ihre Innovativkraft und internationale Bedeutung sind
der Bevölkerung jedoch nicht präsent.
Bemerkenswert erscheint, daß die Bevölkerung zwar der Meinung ist, in den mittelständischen Betriebe herrsche ein gutes Betriebesklima, zugleich jedoch gute
Sozialleistungen und Mitwirkungsmöglichkeiten eher den Großunternehmen zuschreibt. Die mittelständischen Unternehmen besitzen folglich ein relativ gutes
Image. Es weist jedoch auch bemerkenswerte Defizite auf.
3. Welches Ansehen genießen mittelständische Unternehmer in
der Bevölkerung?
Zum Ansehen der mittelständischen Unternehmer liegen – so weit bekannt – keine
speziellen Umfragen vor. Die folgende Analyse beruht deshalb auf den Meinungen
der Bevölkerung zu Unternehmern allgemein. Allerdings entspricht das Bild der
Bevölkerung von Unternehmern den qualitativen Kriterien von Eigentümerunternehmen, die Hans-Jürgen Wolter und Hans-Eduard Hauser herausgearbeitet haben.5 Deshalb können ihre Aussagen über Unternehmer allgemein als aussagekräftige Indikatoren für ihre Ansichten zu mittelständischen Unternehmern betrach-
5
tet werden.
Unternehmer genießen in den Augen der Deutschen keine herausragende Wertschätzung. Dies gilt aus den genannten Gründen auch für die mittelständischen
Unternehmer. In der Rangfolge von 22 Berufen, die die Bevölkerung „am meisten
schätzt“, vor denen sie „am meisten Achtung“ hat, finden sich die Unternehmer erst
auf Platz 12 – weit unter den Ärzten (Platz 1), Krankenschwestern (2), Polizisten
(3) und Lehrern (4). Allerdings rangieren die Unternehmer deutlich vor den Managern (18). Noch deutlicher werden die Abstände zwischen Unternehmern und Managern anhand der Prozentanteile derer, die ihnen eine hohe Wertschätzung entgegenbringen: Vor Unternehmern haben 26 Prozent viel Achtung, vor Managern
dagegen nur 10 Prozent.6 Betrachtet man die Rangordnung der besonders geschätzten und geachteten Berufe genauer, erkennt man erneut die bereits angesprochene Besonderheit: Die Bevölkerung schätzt vor allem Berufe, deren Angehörige im Dienste von anderen, der Gesellschaft, der Allgemeinheit tätig sind –
Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten, Lehren usw. Berufe, die eine lange Ausbildung erfordern und ausgeprägte Spezialkenntnisse verlangen, rangieren dagegen
(mit Ausnahme der Ärzte) im Mittelfeld – Apotheker, Informatiker, Rechtsanwälte,
Atomphysiker usw.
Als drittes Zwischenergebnis kann man damit festhalten: Sachkompetenz allein
begründet in den Augen der Bevölkerung keine hohe Wertschätzung. Hinzu kommen muss der Dienst an der Allgemeinheit.
4. Welche Eigenschaften werden mittelständischen Unternehmern
zugeschrieben?
Das Image eines Berufes ist – wie seine Wertschätzung in der Bevölkerung – keine absolute Größe. Es entsteht vielmehr im bewußten und unbewußten Vergleich
mit den Images anderer Berufe. Es geht mit anderen Worten weniger darum, wie
6
häufig den Angehörigen eines Berufes eine Eigenschaft absolut gesehen zugeschrieben oder abgesprochen wird. Es geht vielmehr vor allem darum, ob sie ihnen
häufiger als anderen zukommt. Deshalb wird das Image der Unternehmer systematisch mit dem Image eines verwandten Berufes verglichen – dem der Manager.
Die Ergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Bevölkerung
schätzt Unternehmer weitaus mehr als Manager. Dies gilt weitgehend unabhängig
vom Geschlecht, der Bildung, dem Alter usw. der Befragten.
Die Bevölkerung schreibt Unternehmern im Unterschied zu Managern eher positive
Eigenschaften zu. Sie ist vor allem eher der Meinung, dass Unternehmer
• „große Verantwortung“ tragen (71,7 vs. 65,2 %),
• „viel leisten, hart arbeiten“ (63,6 vs. 52,9 %),
• „mutig“ sind (44,2 vs. 33,0 %),
• „verantwortungsbewusst“ sind (42,9 vs. 31,7 %),
Managern schreibt die Bevölkerung im Unterschied zu Unternehmern eher negative Eigenschaften zu. Sie ist vor allem der Meinung, dass Manager
• „kein Verständnis für die Sorgen der kleinen Leute“ haben (62,1 vs. 51,3 %),
• „gierig“ (55,4 vs. 44,8 %) und
• „rücksichtslos“ sind (58,2 vs. 43,4 %).
Unternehmer sind demnach durch zwei Eigenschaften gekennzeichnet - Verantwortungsbewusstsein und Leistungswille. Manager erscheinen dagegen vor allem
als egoistisch und hartherzig.
Eine Reihe von positiven Eigenschaften werden von einem quantitativ bedeutsamen Teil der Bevölkerung weder den Unternehmern, noch den Managern zugeschrieben. Dabei sehen die wenigen, die dies tun, die positiven Eigenschaften eher
bei Unternehmern als bei Managern. Nur eine Minderheit von unter 30 Prozent ist
davon überzeugt, daß Unternehmer
7
•
„selbstlos“ sind, sich „für den Betrieb ... opfern“ (27,5 vs. 16,1 %),
• „vertrauenswürdig, seriös“ sind (23,1 vs. 12,5 %),
• „sozial eingestellt“ sind (14,5 vs. 5,6 %) und
• „das Beste für das Land“ wollen (13,6 vs. 7,8 %).
Unternehmern, vor allem aber Managern, fehlen damit in den Augen der Mehrheit
Eigenschaften, die man als „Altruismus“ bezeichnen kann.
Als viertes Zwischenergebnis kann man festhalten: Die mittelständischen Unternehmer gelten als tatkräftig und verantwortungsbewußt. Ihr insgesamt positives
Image wird vom Verdacht der Eigennützigkeit bzw. des mangelnden Einsatzes für
die Allgemeinheit beschädigt. Dies belegen auch die Antworten auf die Frage, ob
sie „im Allgemeinen mehr auf ihren persönlichen Vorteil“ achten, oder ob „der Erfolg des Unternehmens im Vordergrund“ steht. Nur eine Minderheit ist der Überzeugung, dass es ihnen vor allem um den „Erfolg des Unternehmens“ geht. Allerdings trauen dies den Unternehmern deutlich mehr Menschen zu als den Managern (42,5 vs. 32,6 %).
5. Welche gesellschaftliche Rolle schreibt die Bevölkerung mittel
ständischen Unternehmern zu?
Die Legitimität des Handelns der gesellschaftlichen Akteure und der damit verbundene Handlungsspielraum hängen u. a. vom Nutzen ab, denen ihnen für das eigene Wohlergehen zugesprochen wird. Hier wie in den vorangegangenen Fällen
können derartige Zuschreibungen richtig oder falsch sein. Ihr Einfluß auf die Legitimität und den Handlungsspielraum der Akteure wird davon jedoch nicht berührt.
Entscheidend ist die Existenz, nicht die Wahrheit der Meinungen. Die Bevölkerung
ist bei der Beurteilung der gesamtgesellschaftlichen Rolle der Unternehmer gespalten:
8
• 40,7 Prozent stimmen der These zu: „Unternehmer sind Triebfedern der Wirtschaft. Sie bauen Betriebe auf und schaffen Arbeitsplätze. Von ihren Leistungen
haben alle etwas. Das freie Unternehmertum ist die wichtigste Stütze unserer
Marktwirtschaft“.
• 41,0 Prozent sind völlig anderer Ansicht. Sie stimmen der Antithese zu: „Unternehmern geht es nur um den Gewinn. Sie denken vor allem an sich selbst und
wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen, egal, ob es anderen nützt oder
schadet. Arbeitskräfte sind für Unternehmer nur das Werkzeug, um das eigene
Ziel zu erreichen“.
Hinsichtlich der beiden Thesen bestehen bemerkenswerte Unterschiede zwischen
dem Westen und dem Osten. Im Westen findet die positive These deutlich mehr
Zustimmung als die negative Antithese (44,0 vs. 38,3 %), im Osten stimmt die
Mehrheit der negativen Antithese zu (52,1 vs. 27,3 %).
Angesichts der weit verbreiteten Zweifel an der Gemeinwohlorientierung der Unternehmer treffen ihre Reformaufrufe auf eine gespaltene Öffentlichkeit: Die relative Mehrheit, 43,3 Prozent, glaubt, mit dem Aufruf zu mehr Reformen in Deutschland würden Unternehmer „nur an ihre eigenen Interessen“ denken. Nur eine kleine Minderheit, 36,0 Prozent, sind davon überzeugt, es gehe den Unternehmern
darum, „dass Deutschland international bessere Chancen hat“.
Aufforderungen von Unternehmern zu mehr Opferbereitschaft verfehlen deshalb
weitgehend ihr Ziel:
•
Nahezu zwei Drittel der Bevölkerung (61,6 %) glauben, wenn „einzelne Unternehmer wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage die Bevölkerung zu
mehr Opferbereitschaft“ aufrufen, gehe es ihnen „in erster Linie um ihren eigenen Vorteil“.
•
Dass es diesen Unternehmern darum geht „Deutschland voranzubringen“
glaubt nur eine kleine Minderheit (16,6 %).
9
Als fünftes Zwischenergebnis kann man feststellen: Die Mehrheit der Bevölkerung
ist nicht davon überzeugt, daß der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmen auch
dem wirtschaftlichen Erfolg der Gesellschaft dient. Ein bemerkenswerter Teil der
Bevölkerung sieht vielmehr das Eigeninteresse der Unternehmer im Widerspruch
zu den Eigeninteressen der Bevölkerung. Die Zweifel am Beitrag der Unternehmer
zum Gemeinwohl mindern die öffentlichen Einflußmöglichkeiten der Unternehmen.
So erscheinen der Mehrheit der Bevölkerung Reformaufrufe der Unternehmer nicht
glaubhaft.
6. Ist der Bevölkerung die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes bewußt?
Die meisten Menschen besitzen, wie eingangs gezeigt wurde, eine durchaus realistische Vorstellung von der Mitarbeiterzahl der mittelständischen Unternehmen.
Dies ist vermutlich auf direkte und indirekte Kontakte zu solchen Unternehmen zurückzuführen: Die Befragten arbeiten bei einem mittelständischen Unternehmen
oder haben Bekannte, die dort beschäftigt sind; sie kennen mittelständische Unternehmen, die an ihrem Wohnort ansässig sind; sie sind Kunden von mittelständischen Unternehmen oder haben Bekannte, die Kunden sind. Ihre Vorstellungen
von den Beschäftigtenzahlen sind folglich mehr oder weniger erfahrungsgesättigt.
Dies trifft auf ihre Vorstellungen davon, wieviel Prozent der deutschen Arbeiter und
Angestellten bei mittelständischen Unternehmen tätig sind, nicht zu. Hierbei handelt es sich um eine abstrakte Größe, die man erfahren und lernen, jedoch nicht
erleben kann.
Die entsprechenden Vorstellungen der Bevölkerung hat das Institut für Demoskopie Allensbach in der schon erwähnten Umfrage vom Juni 2000 mit folgender Frage ermittelt: „Was glauben Sie, wieviel von 100 Beschäftigten arbeiten in mittelständischen Unternehmen?“ 7
•
Nur ein Sechstel der Bevölkerung (16 %) schätzt, daß „über die Hälfte (6074)“ bei mittelständischen Unternehmen beschäftigt ist und besitzt damit ei-
10
ne angemessene Vorstellung von der tatsächlichen Situation (rund 70 %)8.
•
Ein kleiner Teil der Bevölkerung (10 %) überschätzt den Anteil der in mittelständischen Unternehmen Beschäftigten und vermutet, dort würden „fast alle (75-99)“ arbeiten.
•
Ein wesentlich größerer Teil - fast die Hälfte der Bevölkerung (46 %) - unterschätzt jedoch die Bedeutung der mittelständischen Unternehmen als Arbeitgeber. Mehr als ein Viertel (28 %) der Bevölkerung unterschätzt die Bedeutung des Mittelstandes als Arbeitgeber sogar extrem. Sie glauben, daß
dort „weniger als die Hälfte (0-40)“ der Arbeitnehmer beschäftigt sind.
Als sechstes Zwischenergebnis kann man feststellen: Die Mehrheit der Bevölkerung hat keine angemessene Vorstellung von der Bedeutung der mittelständischen
Unternehmen für den Arbeitsmarkt. Die Mehrheit weiß zwar, wovon sie spricht,
wenn es mit Blick auf die Zahl der Beschäftigten um Betriebsgrößen im Mittelstand
geht. Sie hat jedoch keine Ahnung von der arbeitsmarktpolitischen und – so kann
man ergänzend vermuten – volkswirtschaftliche Bedeutung der mittelständischen
Unternehmen.
Eine Ursache der Diskrepanz zwischen den Vorstellungen von den Betriebsgrößen
und der arbeitsmarktpolitischen Bedeutung der Betriebe dürfte darin bestehen, daß
der Schluß vom beobachtbaren Einzelfall auf das gesamtgesellschaftliche Aggregat nicht gelingt. Hierbei handelt es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um den
Normalfall, was vor allem bei Skandalen aller Art sichtbar wird: Die meisten Menschen verallgemeinern den beobachtbaren oder berichteten Einzelfall und vernachlässigen seine absolute oder relative Häufigkeit. Bei Skandalen, etwa um
Medikamenten-Nebenwirkungen oder Lebensmittel-Verunreinigungen, kann sich
die Mehrheit nicht vorstellen, wie wenige Mißstände es im Vergleich zu den Normalfällen gibt. Deshalb überschätzen sie die individuellen Risiken.9 Bei den Urteilen über die arbeitsmarktpolitische Bedeutung der mittelständischen Unternehmen
11
können sie sich nicht vorstellen, wie viele mittelständische Unternehmen existieren. Deshalb unterschätzen sie ihre gesellschaftliche Relevanz.
7. Welche Rolle spielen die mittelständischen Unternehmen in der
Medienberichterstattung?
Die meisten Menschen kennen die Welt jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizontes aus den Massenmedien oder von Gesprächspartnern, die sie ihrerseits aus
den Massenmedien kennen. Die bei weitem wichtigste Informationsquelle der
Mehrheit der Bevölkerung ist dabei die Berichterstattung des Fernsehens, zumal
das Fernsehen auch jene erreicht, die keine Zeitung lesen oder sich nicht für Wirtschaftsthemen interessieren. Daneben besitzen als Informationsquellen der Bevölkerung die zahlreichen Regionalzeitungen sowie einige aktuelle Magazine – Stern,
Spiegel, Focus - eine relativ große Bedeutung. Dagegen erreichen die überregionalen Qualitätszeitungen und die Wirtschaftzeitungen und Wirtschaftsmagazine,10
die die wichtigsten Informationsquellen der Entscheider in kleinen und großen Unternehmen sind, die Masse der Bevölkerung nicht. Diese Blätter besitzen allerdings
zusammen mit den aktuellen Magazinen als Leitmedien im Journalismus einen
erheblichen Einfluß auf die Themen und Tendenzen der Berichterstattung anderer
Medien. Dies geschieht z. T. explizit mit Verweis auf die Quelle – etwa den Spiegel
oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung, z. T. jedoch auch implizit durch die Orientierung an den Gewichtungen und Bewertungen der Leitmedien.
Das Fernsehen berichtet in seinen aktuellen Sendungen - im Unterschied zu den
Tageszeitungen, die häufig Unternehmensnachrichten enthalten - vor allem Wirtschaftsthemen.11 Dazu gehören u. a. die Arbeitslosigkeit, die Staatsfinanzen und
die Geldentwertung. Daneben werden häufig einzelne Wirtschaftszweige thematisiert – die Energiewirtschaft, die Bauwirtschaft, die Landwirtschaft oder die Banken
und Versicherungen. Falls das Fernsehen sich in seinen aktuellen Sendungen mit
Unternehmen beschäftigt, geht es fast immer um Großunternehmen wie die Deut-
12
sche Bahn, die Telekom oder VW. Mittelständische Unternehmen kommen hier
kaum vor. In den relativ seltenen Beiträgen über Unternehmen geht es oft um einzelne Manager, ihre Einstellung, Beförderung oder Entlassung, ihre Entscheidungen und ihre Einkommen.
Die Fernsehberichterstattung vermittelt damit ein sehr einseitiges Bild von den Unternehmen. Im Mittelpunkt stehen einige wenige Großunternehmen, bei denen jedoch nur ein relativ kleiner Teil der Arbeitnehmer beschäftigt ist. Bei dieser einseitigen Gewichtung handelt es sich nicht um eine Besonderheit der Wirtschaftsberichterstattung. Sie ist vielmehr typisch für die Medienberichterstattung insgesamt.
In ähnlicher Weise findet sie sich in der Berichterstattung über Verbrechen und
Verkehrsunfälle. Auch hier geht es fast immer um schwere und entsprechend seltene Einzelfälle: Ein Unfall mit 10 Toten wird von den Abendnachrichten auf jeden
Fall berichtet, 10 Unfälle vom gleichen Tag mit jeweils einem Toten dagegen
kaum. Die relative Häufigkeit der Berichte läßt deshalb generell keine Rückschlüsse auf die relative Häufigkeit des berichteten Geschehens zu.12 Sie wird aber von
einem Großteil der Bevölkerung unbewußt so verstanden, was – vor allem bei der
Skandalierung von Missständen - zu gravierenden Fehlurteilen führt.
Die skizzierten Zusammenhänge zwischen Unternehmensgröße, Publikationswahrscheinlichkeit und Wirkungsstärke der Berichte scheint generell zu Lasten des
Mittelstandes zu gehen: Er kommt – vor allem in den Fernsehnachrichten – kaum
vor und ein Großteil der Bevölkerung nimmt deshalb seine tatsächliche Bedeutung
als Wirtschaftsfaktor nicht hinreichend wahr. Diese Feststellung ist zwar richtig,
vernachlässigt jedoch einen wesentlichen Faktor - die Tendenz bzw. den Tenor der
Wirtschaftsberichterstattung. Vor allem die viel gesehenen Nachrichtensendungen
der ARD und des ZDF – Heute, Tagesthemen, Heute Journal und Tagesschau –
berichten per Saldo negativ über Unternehmen. Ihnen stehen die Nachrichtensendungen von Pro 7 und RTL gegenüber, die per Saldo positiv berichten. Die Werte
13
für SAT 1 liegen dazwischen im negativen Bereich. In Bild halten sich positive und
negative Wertungen die Waage, im Focus finden sich etwas mehr, im Spiegel und
im Stern erheblich mehr negative als positive Wertungen.13 Bei den meisten Medien, die viele Menschen erreichen, wird folglich eine große Publizität mit einem
negativen Erscheinungsbild erkauft. Der entscheidende Grund hierfür besteht in
dem generell hohen Nachrichtenwert negativer Meldungen vor allem bei den
reichweitenstarken Medien. Sie berichten vor allem dann über aktuelle Ereignisse,
wenn sie negativ sind. Dies war auch in der Vergangenheit so, allerdings ist der
Nachrichtenwert negativer Ereignisse bei den angesprochenen Medien in den letzten Jahrzehnten erheblich gewachsen. Positive Ereignisse oder Entwicklungen
werden deshalb nur noch in spektakulären Ausnahmefällen und dann nur kurzzeitig berichtet. Beispiele hierfür sind die Berichterstattung über das Mautsystem auf
deutschen Autobahnen, den Airbus 380 und den Transrapid.
Als siebtes Zwischenergebnis kann man damit festhalten: Der Mittelstand spielt in
der Berichterstattung der reichweitenstarken und dementsprechend wirkungsmächtigen Medien keine nennenswerte Rolle. Dies bedeutet jedoch zugleich, daß
er – anders als die Großunternehmen – selten negativ dargestellt wird.
14
8. Welchen Einfluß besitzt die Medienberichterstattung über Unternehmen auf das
Image des Mittelstandes?
Zur Wirkung der Medienberichterstattung über Unternehmen liegen – soweit bekannt – keine speziellen Untersuchungen vor. Gestützt auf generelle Befunde der
Medienwirkungsforschung kann man dazu aber einige begründete Vermutungen
äußern. Einen ersten Hinweis auf den Einfluß der Medien geben die Antworten auf
eine Frage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom November 2000. Sie lautet: „Wenn in der Öffentlichkeit von der Wirtschaft die Rede ist: sind dann meistens
die großen Unternehmen gemeint, oder geht es dann um die kleineren Unternehmen und Handwerksbetriebe?“
•
Zwei Drittel der Bevölkerung (67 %) meinten, es gehe meistens um „die
großen Unternehmen“,
•
nur ein Viertel (26 %) meinte, es gehe „genauso um die kleineren“.
•
Der kleine Rest (7 %) war unentschieden.14
Die Vorstellung der Bevölkerung von der Präsenz der verschiedenen Unternehmens-Typen in der öffentlichen Diskussion entspricht ihrem Anteil an der Medienberichterstattung. Deshalb kann man die Gewichtung der Unternehmen in der Medienberichterstattung durchaus als eine Ursache der Vorstellung der Bevölkerung
betrachten.
Neben der einseitigen Konzentration der reichweitenstarken Medien auf die Großunternehmen dürfte die Informationsverarbeitung der Rezipienten zu dem erwähnten Eindruck beitragen. Die Mehrheit der Bevölkerung erinnert sich vermutlich aus
zwei Gründen an Meldungen über Großunternehmen besser als an Meldungen
über mittelständische Unternehmen. Großunternehmen sind ihnen bekannt, weshalb sie sich an entsprechende Meldungen relativ gut erinnern. Mittelständische
Unternehmen sind ihnen oft nicht bekannt. Falls ihnen mittelständische Unternehmen bekannt sind, werden sie nicht automatisch dem Mittelstand zugerechnet, weil
15
dieser Sachverhalt den meisten Menschen nicht bewußt ist. Deshalb wirken sich
Meldungen über mittelständische Unternehmen wahrscheinlich auch dann nur bedingt auf die Wahrnehmung des Mittelstandes aus, wenn sie erinnert werden. Die
selektive Wirkung der Meldungen führt folglich dazu, daß die überproportionale
Zahl der Meldungen über Großkonzerne eine überproportionale Wirkung entfaltet.
Die geringe Beachtung des Mittelstandes in der Berichterstattung der reichweitenstarken Medien könnte man vernachlässigen, wenn sie für die öffentliche Diskussion unwichtig wären. Tatsächlich sind sie es aber. Die weitaus größte Glaubwürdigkeit in der Debatte um die „Notwendigkeit von Reformen“ und die Richtigkeit von
einzelnen „Maßnahmen“ besitzen in allen Teilen der Bevölkerung die Medien.
•
Dem Fernsehen vertrauen 49,5 Prozent,
•
den Zeitungen und Zeitschriften 45,7 Prozent und
•
dem Radio immerhin noch 31,9 Prozent. Ähnlich viel Glaubwürdigkeit wie
die Medien genießen nur noch
•
die Verbraucherschutzzentralen (47,3 %).
•
Die Unternehmerverbände und Gewerkschaften finden nur relativ wenige
vertrauenswürdig (13,0 und 12,8 %).
•
Den Unternehmern vertrauen noch weniger als den Unternehmerverbänden
(4,9 %) – vermutlich weil die Bevölkerung hier eher Partikularinteressen im
oben skizzierten Sinn vermutet.
Aufgrund des skizzierten Vertrauensgefälles sind die Unternehmen auf die Medien
als Vermittler angewiesen. Positive Mitteilungen der Medien besitzen eine Glaubwürdigkeit, die z.B. eine PR-Kampagne nicht erreichen kann. Derartige Kampagnen sind deshalb nicht unwichtig. Sie stellen jedoch nur einen Teil der Problemlösung dar.
16
Als achtes Zwischenergebnis kann man feststellen: Die mittelständischen Unternehmen sind in den reichweitenstarken Medien kaum präsent. Dies ist aller Wahrscheinlichkeit
eine Ursache dafür, daß die Mehrheit der Bevölkerung die wirt-
schaftliche Bedeutung des Mittelstandes erheblich unterschätzt. Eine intensivere
Berichterstattung über den Mittelstand könnte diese Fehleinschätzungen zumindest langfristig reduzieren. Dabei ist allerdings zu beachten, daß der Weg in die
große Öffentlichkeit mit dem Risiko einer negativen Berichterstattung behaftet ist.
Vier Folgerungen
1. Die Bevölkerung hat zumindest in groben Zügen eine sachlich begründete
Vorstellung vom Charakter der mittelständischen Unternehmen. Sie besitzt
jedoch keine angemessene Vorstellung von der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Mittelstandes.
2. Die mittelständischen Unternehmer und Unternehmen besitzen im Vergleich
zu den Managern und zur Großindustrie in der Bevölkerung ein relativ gutes
Image. Allerdings verkennt ein Großteil der Bevölkerung den internationalen
Rang und die Innovationsfähigkeit der mittelständischen Unternehmen. Zudem zweifelt ein bemerkenswerter Teil der Bevölkerung daran, daß die mittelständischen Unternehmen dem Gemeinwohl dienen.
3. Ein wesentlicher Grund für die unzureichenden Vorstellungen der Bevölkerung von der arbeitsmarktpolitischen Bedeutung, der innovativen Kraft und
der internationalen Bedeutung des Mittelstandes ist seine geringe Präsenz
in den reichweitenstarken Medien, vor allem des Fernsehens.
4. Angesichts der Heterogenität des Mittelstandes kann die geringe Medienpräsenz des Mittelstandes kaum durch die Herausstellung einzelner Unternehmen und Unternehmer verbessert werden. Dies kann aller Wahrschein-
17
lichkeit nur durch eine anschauliche symbolische Repräsentanz des Mittelstandes geschehen. Wie eine solche symbolische Repräsentanz aussahen kann, muß offenbleiben.
Anmerkungen
1
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 19982002. München: K.G. Saur; Allensbach: Verlag für Demoskopie 2002, S. 804
2
Vgl. Deutscher Bundestag: Grundsätze einer Strukturpolitik für kleine und mittlere Unternehmen. Drucksache VI/1666 vom 29. 12. 1970
3
Vgl. Deutscher Bundestag: Bericht über Lage und Entwicklung der kleinen und mittleren Unternehmen,
Mittelstandsbericht. Drucksache 7/5248 vom 21. 5. 1976
4
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher a.a.O., S. 803. Gefragt wurde auch nach den „jungen Firmen“. Die Antworten werden, um die Darstellung nicht zu überlasten, hier vernachlässigt.
5
Vgl. Hans-Jürgen-Wolter, Hans-Eduard Hauser: Die Bedeutung des Eigentümerunternehmers in Deutschland. Eine Auseinandersetzung mit der qualitativen und quantitativen Definition des Mittelstandes. In: Jahrbuch zur Mittelstandsforschung 1/2001. Schriften zur Mittelstandsforschung Nr. 90 NF. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag 2001 S. 25-77
6
Vgl. hierzu und (soweit nicht anders vermerkt) zum Folgenden: Institut für Demoskopie Allensbach: Umfrage 7059 vom Sommer 2004
7
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher a.a.O., S. 804
8
Vgl. Brigitte Günterberg, Hans-Jürgen Wolter a.a.O., S.21
9
Vgl. hierzu Hans Mathias Kepplinger: Die Mechanismen der Skandalierung. Die Macht der Medien und die
Möglichkeiten der Betroffenen. München: Olzog Verlag, 2. Auflage 2005
10
vgl. hierzu Hans Mathias Kepplinger, Simone Ehmig: Content Guide Wirtschaftsmagazine 2005. Herausgegeben von Geldidee/Wertpapier. o. O. (Hamburg) 2005 (nicht im Buchhandel)
11
Vgl. zum Folgenden Marcus Maurer, Carsten Reinemann: Medieninhalte. Eine Einführung. Wiesbaden:
Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S.160-168.
12
Vgl. hierzu Hans Mathias Kepplinger: Künstliche Horizonte. Folgen, Darstellung und Akzeptanz von
Technik in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main: Campus Verlag 1989
13
Die Daten stammen vom Medien Tenor und beziehen sich auf das Jahr 2001. Vgl. Maurer und Reinemann,
a.a.O., S. 165
14
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher a.a.O., S. 803
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