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WIRTSCHAFT
23. O K TO B E R 2 0 1 4
D I E Z E I T No 4 4
Bill Gates
Wie der Software-Milliardär
mit seiner Stiftung die Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern bestimmt S. 23
Schönheitsköniginnen
In Venezuela ist eine Industrie
rund um die Misswahlen entstanden – zum Missfallen der
Regierung S. 24
19
Titel: Dürfen Firmen
Familien planen?
Zusätzlich zum Artikel auf
dieser Seite schreibt Elisabeth
Niejahr auf Seite 20 darüber,
wie sie vor zehn Jahren
selbst Eizellen einfrieren ließ
Illustration: Mart Klein & Miriam Migliazzi für DIE ZEIT
Ein Kind
von Apple
US-Firmen zahlen Mitarbeiterinnen Geld, damit sie ihre Eizellen
einfrieren und den Kinderwunsch aufschieben. Eine Umfrage der ZEIT zeigt:
Viele junge Deutsche halten das Angebot für attraktiv VON KOLJA RUDZIO
F
rüher gingen Frauen zu Tupperpartys, um die neuesten Modelle
der einst angesagten Frischhalteboxen kennenzulernen. Heute treffen sie sich zu Egg-Freezing-Events,
um bei einem Glas Sekt über die
neuesten Möglichkeiten zu sprechen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen.
»Let’s chill« lautete das Motto, als sich Mitte
August hundert Frauen im trendigen Hotel
NoMad in Manhattan trafen, was sowohl bedeutet »Lass uns entspannen« als auch »Lass uns
abkühlen«.
Eingeladen hatte das New Yorker Unternehmen EggBanxx, um für sein Discount-Angebot zu
werben. Schon ab 7000 Dollar entnehmen die
Ärzte der Firma ihren Kundinnen Eizellen, um sie
schockzugefrieren und einzulagern, damit die
Frauen noch Jahre später darauf zurückgreifen und
Kinder bekommen können, wenn sie in die eigene
Lebenssituation passen.
Die Dienstleistung, auf diese Weise an der biologischen Uhr zu drehen, um erst mit 40, 45 oder
50 Jahren Mutter zu werden, ist in Deutschland
noch wenig verbreitet, doch in den USA nutzt sie
eine wachsende Zahl von Frauen.
Zwei große amerikanische Unternehmen geben
diesem Trend nun zusätzlichen Schub: Die Hightechfirmen Apple und Facebook versprechen ihren
weiblichen Angestellten, künftig die Kosten zu
übernehmen, wenn sie ihren Kinderwunsch auf
Eis legen. Bis zu 20 000 Dollar zahlt Apple von
Januar an für die Entnahme und Lagerung von Eizellen. Facebook finanziert diese Art der Familienplanung schon seit Anfang dieses Jahres.
Bisher steuerten Unternehmen nur die Produktion ihrer Waren, jetzt steuern sie auch die Reproduktion ihrer Angestellten.
Ist das ein Fortschritt, ein Beispiel für die caring
company, die sich liebevoll um alle Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter kümmert? Oder ist es eine bedrohliche Entwicklung?
Befürworter sagen: Frauen werden durch solche
Angebote von biologischen und ökonomischen
Zwängen befreit, sie müssen nicht mehr zwischen
Kind und Karriere wählen. Es ist die perfekte
Emanzipation. Endlich können weibliche Angestellte ohne Rücksicht auf Kinder Karriere machen, wie Männer, und erst im fortgeschrittenen
Alter, wenn sie beruflich schon weit gekommen
sind, eine Familie gründen.
Kritiker warnen: Es ist die perfekte Ausbeutung. Der Druck zur Selbstoptimierung wird noch
größer, er reicht jetzt bis in die Eierstöcke.
Als die Angebote von Apple und Facebook ver-
Viele Männer finden es gut
Die Ergebnisse einer repräsentativen
Umfrage im Auftrag der ZEIT
1. »Die Firmen Facebook und Apple
zahlen ihren Mitarbeiterinnen auf Wunsch
das Einfrieren ihrer Eizellen, damit sie das
Kinderkriegen hinausschieben und erst
einmal ungehindert Karriere machen
können. Finden Sie es grundsätzlich richtig,
dass Frauen diese Möglichkeiten nutzen?«
insgesamt:
5%
37 % ja
58 % nein
weiß nicht/keine Angabe
nach Geschlechtern:
Männer
7%
40 % ja
52 % nein
weiß nicht/keine Angabe
Frauen
34 % ja
4%
63 % nein
weiß nicht/keine Angabe
ZEIT- GRAFIK /Quelle: TNS Emnid, eine Umfrage
im Auftrag der ZEIT
gangene Woche bekannt wurden, beeilte sich die
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, zu erklären, dass Familienplanung nicht
Sache der Unternehmen sei. Der Vizechefin des
Deutschen Gewerkschaftsbundes, Elke Hannack,
entfuhr in der Süddeutschen Zeitung ein schlichtes
»Geht’s noch?«. Und Politiker von links bis rechts
geißelten das Angebot der US-Unternehmen als
»unmoralisch« (der familienpolitische Sprecher der
CDU/CSU) und »frauenverachtend« (eine Familienpolitikerin der Linkspartei). Die Empörung im öffentlichen Raum war beinahe einhellig.
Doch die deutsche Bevölkerung ist bei dem Thema gespalten. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der
ZEIT ergab: 37 Prozent der Bundesbürger finden es
»richtig«, wenn Frauen das Angebot von Facebook
und Apple nutzen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen,
um »erst einmal ungehindert Karriere machen zu
können«, sie haben also Verständnis dafür. 58 Prozent
lehnen es ab.
Bei den 14- bis 29-Jährigen spricht sich sogar eine
Mehrheit für das Angebot aus, 53 Prozent, während
es bei den über 60-Jährigen nur eine Minderheit von
20 Prozent befürwortet. Auf die Frage, ob sie ein
solches Angebot auch selbst nutzen oder ihrer Partnerin dazu raten würden, wenn sie die Wahl hätten,
beantworteten von allen Deutschen immerhin noch
21 Prozent mit Ja. Vor allem die Gruppe der 40- bis
49-Jährigen zeigt sich interessiert: 30 Prozent könnten es sich vorstellen. Bemerkenswert ist auch, dass
Männer der Idee eher positiv gegenüberstehen (40
Prozent) als Frauen (34 Prozent).
Die unterschiedlichen Meinungen in der Bevölkerung, die heftigen Reaktionen deutscher Politiker, Unternehmen und Medien auf die Angebote
in den USA sind Symptom einer gegensätzlichen
Entwicklung: Frauen haben in den vergangenen
Jahren nicht nur Freiheit gewonnen. Es gilt nicht
nur: Du kannst Karriere und Kinder vereinbaren.
Es gibt auch ein neues, belastendes Gefühl: Du
musst es schaffen.
Apple und Facebook gehören zu den prominentesten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt.
Sie haben die Macht, neue Standards zu setzen.
Wenn Apple und Facebook etwas anbieten, könnte
bald ein Konzern wie General Electric folgen – und
wenig später vielleicht Siemens. Die Konservierung
von Eizellen wäre nicht der erste Trend, der von den
USA nach Deutschland kommt. »Im Jahr 2020 wird
das, was Apple und Facebook jetzt machen, auch in
Deutschland gang und gäbe sein«, prognostiziert
zum Beispiel der Leipziger Zukunftsforscher Sven
Gabor Janszky.
Die Gründe, aus Janszkys Sicht: Die Menschen
leben länger und gesünder, was späte Familiengründungen erleichtert. Das Einfrieren von Eizellen wird
zunehmend einfacher und günstiger. Und: Die Unternehmen, mit einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert, versuchen durch solche Angebote, ihre Spitzenkräfte an sich zu binden.
Auch Jürgen Siebert, geschäftsführender Partner bei der Personalberatung Kienbaum, sagt:
»Das ist in Einzelfällen ein denkbares Serviceangebot von Arbeitgebern, etwa als Teil eines
›Cafeteria-Systems‹: Arbeitnehmer können dann
zwischen verschiedenen Angeboten wählen, etwa
einem Firmenwagen, einer zusätzlichen Altersvorsorge oder dem Einfrieren ihrer Eizellen.« Und
natürlich sei es auch denkbar, dass Firmen das Angebot gezielt unterbreiten, um Führungskräfte vorerst davon abzuhalten, Mutter zu werden.
Es gibt keine öffentlichen Zahlen darüber, wie
viele Frauen heute bereits bei Egg-Banxx oder anderen Anbietern ein Fruchtbarkeitsdepot angelegt haben. Dass Eizellen bei einer Erkrankung entnommen
werden, etwa vor einer Chemotherapie, ist schon
länger üblich. Das Einfrieren aus nicht medizinischen
Gründen – sogenanntes Social Freezing – dagegen ist
noch relativ neu und selten.
Frank Nawroth vom Kinderwunschzentrum
Hamburg berichtet von 35 Behandlungen im vergangenen Jahr und voraussichtlich 60 bis 70 in
diesem. Jörg Puchta, Chefarzt am Kinderwunsch
Zentrum an der Oper in München, hat nach eigenen
Angaben rund 500 Patientinnen betreut. Sein Institut hat auch eine Dependance in Nizza, wo Patientinnen beraten und dann zur Behandlung nach
München geflogen werden, weil Social Freezing in
Frankreich verboten ist, ähnlich wie in Österreich.
Warum frieren Frauen ihren Kinderwunsch ein?
Beugen sie sich dem Druck des Arbeitsmarktes?
Frauke Holtmann hat vor fünf Jahren 22 Eizellen
in tiefgekühlten Stickstoff legen lassen – und aus einer
dieser Zellen erwartet sie heute ein Kind, sie ist
schwanger, in der 14. Woche. Ihr Arbeitgeber weiß
das noch nicht, deshalb möchte sie nicht mit ihrem
richtigen Namen in der Zeitung stehen. Als sie sich
für das Social Freezing entschied, erzählt sie, hatte sie
sich gerade von ihrem Partner getrennt. Sie war nach
Süddeutschland gezogen und hatte einen neuen Job
als Personalleiterin in einem großen Unternehmen
angenommen. »Da dachte ich: Das wird jetzt erst mal
schwierig mit dem Kinderkriegen.« Sie war damals
Mitte 30, und zur Vorsorge habe sie sich dann Eizellen entnehmen lassen. Irgendwo hatte sie von
dieser Möglichkeit gehört.
Heute ist Frauke Holtmann 41 Jahre alt, hat einen
neuen Partner, mit dem sie Kinder haben möchte.
Aber auf natürlichem Wege hat es nicht geklappt.
Deshalb hat ihr Arzt, Jörg Puchta, fünf der damals
eingelagerten Eizellen befruchtet und ihr eine davon
eingesetzt. Die Schwangerschaft verläuft komplikationsfrei, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird,
weiß Holtmann noch nicht. Wie andere Mütter auch.
Sie hat nur den Zeitpunkt der Schwangerschaft
optimiert, nicht das Kind.
Hat sie zum Social Freezing gegriffen, weil sie
damals eine neue Karrierestufe erklomm? Weil sie
verinnerlicht hat, was die Arbeitswelt von ihr verlangt?
Holtmann ist sehr status- und karriereorientiert. Sie
findet das Angebot von Apple und Facebook sehr gut
für Frauen, die eine leitende Position anstrebten. »Bei
einer Sachbearbeiterin ist das aber sicher nicht nötig«,
Fortsetzung auf S. 20
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20 WIRTSCHAFT
Titel: Dürfen Firmen Familien planen?
Meine
Eierstöcke,
mein Baby
und ich
Illustration: Mart Klein & Miriam Migliazzi für DIE ZEIT
Warum ich meine gefrorenen Eizellen aufbewahren ließ –
und mich dafür schämte VON ELISABETH NIEJAHR
Facebook interessiert sich neuerdings für die
Familienplanung der Beschäftigten
23. O K TO B E R 2014
D I E Z E I T No 4 4
K
In Deutschland ist die Wahrnehmung eine »wieso Beruf und Familie nicht zu vereinbaren
ürzlich habe ich beim Aufräumen den Brief einer Berliner ganz andere. Das hat die Debatte über Face- sind«, so der Untertitel ihres Buchs.
Es war ein merkwürdiger Termin, denn die
Samenbank gefunden. Er sieht book und Apple auf erschreckende Weise geaus wie eine normale Arztrech- zeigt. Dank Social Freezing sollten »Frauen in Autorinnen bewiesen mit ihrer gut besuchten
nung, in der Betreffzeile steht den energiereichen Jahrzehnten zwischen dem Veranstaltung, was für interessante Arbeits»Miete Eizell-Lagerung«. Ein 20. und dem 40. Geburtstag ihre Energie voll- möglichkeiten es für Mütter kleiner Kinder gibt,
paar Jahre lang habe ich regel- ständig der Firma zur Verfügung stellen«, die nicht Vollzeit arbeiten wollen. Sie habe irmäßig solche Post bekommen und alle sechs Mo- schrieb der Tagesspiegel. »Das, was nach 20 Jah- gendwann beschlossen, dass ihr siebenjähriger
nate 124,12 Euro überwiesen, damit eine Fertili- ren branchentypischer 60-Stunden-Woche von Sohn am Nachmittag nicht von wechselnden
tätsklinik in Berlin-Mitte ein paar tiefgefrorene den Frauen noch übrig ist, darf die Kinder ha- Babysittern empfangen werde, erklärte eine von
Zellen aus meinem rechten Eierstock für mich auf- ben.« In der Berliner Zeitung hieß es, die Arbeit- ihnen. Deshalb kündigte sie ihre feste Stelle und
arbeitet jetzt freiberuflich.
bewahrt. Theoretisch hätte daraus irgendwann ein geber wollten die produktivsMan würde ihr am liebsten Jahre der Frauen für sich
Kind entstehen können. Aber dazu kam es nie.
Viele Eltern träumen
ten gratulieren – wenn ihr
Vergangene Woche musste ich an die Briefe reservieren.
Buchtitel nicht so pessimisSolche Sätze würden ame- von einem Familiendenken, als bekannt wurde, dass Apple und
tisch wäre. Ich fürchte jeFacebook ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren rikanische Zeitungen nicht
denfalls, dass er junge Paare
von Eizellen finanzieren wollen. Dieses so- drucken. Dahinter verbirgt leben wie in ihrer
entmutigen könnte, Kinder
genannte Social Freezing nutzen vor allem jun- sich schlicht Altersdiskrimi- Kindheit – aber bitte
zu bekommen. Das ist schage Frauen, um den Zeitpunkt der Familien- nierung, und die ist in den
de. Sie werden dann viel verVereinigten Staaten ungefähr mit dem Einkommen
gründung aufzuschieben.
passen.
Ich habe mein kleines Gen-Depot längst ver- so verfemt wie Rassismus der Gegenwart
Dabei verstehe ich als alnichten lassen. Aber ich weiß noch, welches oder Sexismus. Zumindest
leinerziehende Mutter eines
Gefühl ich damals beim Besuch der Klinik hat- der liberale Teil der Gesellte: Ich habe mich geschämt. Selbst enge Freun- schaft hat gelernt, dass Menschen nicht auf- Grundschulkinds (das nicht aus tiefgefrorenen
grund biologischer Merkmale wie Geschlecht, Eizellen entstanden ist) viele Klagen. Ich kenne
de wussten nichts von meinen Vorräten.
Die Eizellen-Debatte erinnert mich an Ge- Hautfarbe oder Alter beurteilt werden sollten. die stressigen Momente, die in dem neuen Buch
beschrieben werden.
spräche, die ich manchmal mit Freunden über Davon kann in Deutschland keine Rede sein.
Kurz vor der Geburt meiner Tochter habe
Trotzdem sehen in Deutschland gerade jünPrivatschulen führe. Einerseits kann ich Eltern
verstehen, die ihren Nachwuchs optimal för- gere Frauen das Einfrieren von Eizellen auch als ich einmal mit ebenfalls schwangeren Freundindern wollen. Andererseits wünsche ich mir Freiheitsversprechen, so wie meine amerikani- nen darüber nachgedacht, welche Vorwürfe wir
staatliche Schulen, in denen sich die Kinder al- schen Freundinnen. Und anders als ich hadern niemals von unseren Kindern hören wollen.
ler sozialen Schichten treffen. Manche Ent- sie mit Social Freezing nicht, sie sprechen und »Mama, warum gehen wir immer erst zum
Spielplatz, wenn es schon dunkel ist?« stand
scheidungen sind individuell verständlich, aber schreiben offener darüber.
Zwei Haltungen mischen sich: eine steigende ziemlich weit oben auf der Liste.
trotzdem politisch falsch.
Tatsächlich waren Spielplatz-Besuche nie ein
So ähnlich verhält es sich auch mit dem So- Bereitschaft zur ständigen Selbstoptimierung –
Problem. Stattdessen fürchte ich heute eine ancial Freezing: Ich fühle mit allen Frauen, die und Resignation.
Als ich vor vielen Jahren mit meiner Abitur- dere Frage: »Mama, was habe ich gerade geEizellen konservieren. Gleichzeitig will ich in
keiner Gesellschaft leben, in der Social Free- klasse zum ersten Mal Berlin besuchte, waren sagt?« Ich scheitere nicht an der Organisation
zing selbstverständlich ist. Ich möchte, dass die grauen Fassaden in Kreuzberg beschmiert unseres Familienalltags, sondern daran, im richsich die Arbeitswelt an weibliche Lebensläufe mit Sponti-Sprüchen wie »Macht kaputt, was tigen Moment den Kopf freizubekommen. Das
ärgert mich.
anpasst, nicht umgekehrt. Je mehr Frauen ihre Euch kaputt macht«.
Alles andere ist nicht schlimm: Auf SchulfesHeute gibt es dort überall Sportcenter, und
Fruchtbarkeit manipulieren, desto weniger wird
die Wände sind bunt. Während der Endphase ten bin ich oft die Einzige, die Kuchen gekauft
sich ändern.
Unternehmen, die sich neuerdings für die meiner Schwangerschaft vor acht Jahren sahen und nicht selbst gebacken hat. Es gibt fast jede
Fruchtbarkeit ihrer Beschäftigten interessieren, einige meiner Kleider noch aus, als stammten Woche Arbeitstage, an denen mich meine Tochsind nicht mal das größte Problem. Mit der sie aus der Campingabteilung. Inzwischen ter nur morgens eine Stunde lang sieht. Seit ich
neuen Eizellen-Technik wird die Zahl der »Kann tragen Schwangere schöne figurbetonte Kleider. Mutter bin, gehe ich grundsätzlich zu früh aus
gerade nicht«-Männer steigen, die ihre Freun- Manche sind sexy, bis die Fruchtblase platzt. dem Büro weg und komme immer zu spät zu
dinnen mit Kinderwunsch vertrösten nach dem Einige zwingen sich auch dazu. Immer häufiger Hause an. Ich bin jetzt eine dieser Frauen, die
Motto: Familie ja, aber bitte nicht jetzt. Zaude- leiden werdende Mütter unter Magersucht. In sich auf dem Weg zur Arbeit im Rückspiegel
rer haben nun ein weiteres Argument. Sind die Lateinamerika und Asien nimmt die Zahl der schminken.
Na und?
Eizellen erst einmal eingefroren, kommt es auf Kaiserschnitt-Geburten zu, weil Frauen ihr
Was ist Gemütlichkeit schon gegen Glück?
ein Jahr Wartezeit mehr oder weniger nicht Liebesleben optimieren wollen. »Save your
Ich wohne in einer Gegend mit vielen Buchlove channel« steht auf
mehr so an.
Werbeplakaten spezialisierter handlungen. In den Schaufenstern liegen oft
Als ich 2011 ein paar MoJunge Frauen blicken
Bücher, die ich schon als Kind gelesen habe:
Kliniken.
nate an einer amerikanischen
Gleichzeitig blicken junge Wir Kinder aus Bullerbü, Jim Knopf und die
Universität verbrachte, habe trotz familienpolitiFrauen trotz aller familien- Wilde 13, Emil und die Detektive. Ich liebe diese
ich viele erfolgreiche Akapolitischen Anstrengungen der Bücher, aber in Bullerbü gab es noch nicht mal
demikerinnen kennengelernt, scher Anstrengungen
vergangenen Jahre immer Telefon, von Smartphones ganz zu schweigen.
für die künstliche Befruch- immer skeptischer auf
skeptischer auf die Möglich- Als Modell für unseren Alltag taugen diese Ertung, Leihmutterschaft, Auskeiten für Familien. Die zählungen nicht.
landsadoptionen und Social die Möglichkeiten,
Das ist banal. Aber ich habe oft den EinSoziologin Jutta AllmendinFreezing selbstverständlich sind. Mutter zu werden
ger, Präsidentin des Wissen- druck, dass viele Eltern von einem FamilienJe feministischer die Frauen
schaftszentrums Berlin, be- leben wie in ihrer Kindheit träumen. Sie wollen
waren, desto positiver sprachen sie über die neuen Methoden der Fami- fragt regelmäßig junge Frauen zu der Frage, ob backen und vorlesen wie ihre Mütter in den
liengründung. Ich habe dann mein schlechtes Mütter Karriere machen können. Im Jahr 2012 Siebzigern – aber bitte mit den hohen EinkomGewissen hinterfragt, bin aber bei meiner Skep- verneinten das 63 Prozent der jungen Frauen, men der Gegenwart. Kann es sein, dass wir
sis geblieben, weil der Arbeitsmarkt bei uns ganz bei der vorangegangenen Umfrage im Jahr 2007 nicht in einer Vereinbarkeits-, sondern in einer
waren es nur 36 Prozent. Und der Beruf hat für Nostalgiefalle sitzen?
anders aussieht als in Amerika.
Vergangene Woche habe ich mich gefragt, ob
In den Vereinigten Staaten wird Social Free- die jungen Frauen Priorität.
Am Tag, an dem Apple und Facebook ihre ich meine Eizellen einfrieren lassen würde, wenn
zing als Instrument gesehen, mit dessen Hilfe
Frauen auch dann noch Familien gründen kön- neuen Angebote für Mitarbeiterinnen veröffent- ich fünfundzwanzig oder dreißig wäre. Ich bin
nen, wenn sie beruflich etabliert sind und mehr lichten, besuchte ich in Berlin eine Buchvorstel- mir nicht sicher. Meine persönliche Situation
Geld und oft auch Zeit für Kinder haben. Nach lung. Zwei Journalistinnen, beide Mütter von war damals sehr speziell. Heute finde ich es vor
dieser Logik kommt der Nachwuchs im beruf- zwei Kindern, hatten über die »Alles-ist-mög- allem traurig, dass so etwas wie Social Freezing
lich-Lüge« geschrieben. Sie wollten erklären, überhaupt nötig ist.
lichen Zenit.
Fortsetzung von S. 19
Ein Kind von Apple
sagt sie. Doch ihr fehlte mit Mitte 30 eben auch der
Partner. Und heute nimmt sie für die Erfüllung des
Kinderwunsches eine Karrieredelle in Kauf: Ein Jahr
lang will sie auf jeden Fall zu Hause bleiben. »Das
wird meinen Chefs nicht gefallen, wahrscheinlich bin
ich damit meinen Job los.«
Holtmanns Motive dafür, ihre Eizellen einfrieren
zu lassen, sind also gemischt – es lag am Karrieredruck, aber auch am fehlenden Partner.
Puchta und Nawroth, die beiden Ärzte, sagen,
in den meisten Fällen sei es nicht der Beruf, der die
Frauen zu ihnen treibe. Von seinen 35 Patientinnen
im vergangenen Jahr, sagt Nawroth, hätten 27 angegeben, ihnen fehle der richtige Mann zum Kinderkriegen. Andere wollten aus anderen Gründen noch
ein paar Jahre warten – aber keine Frau habe explizit auf ihre Karriere verwiesen. Die Schwierigkeit
bei solchen Befragungen durch den Arzt ist, dass
schwer zu sagen ist, wie ehrlich die Antworten der
Befragten sind.
Sicher ist: Wenn Arbeitgeber das Social Freezing
bezuschussen wie das Jobticket oder das Kantinenessen, wird das nicht ohne Folgen bleiben. Solche
Angebote beeinflussen das menschliche Verhalten.
Wirtschaftswissenschaftler sprechen vom sogenannten Nudging, was so viel bedeutet wie anstupsen. Ein Geldbetrag von 20 000 Dollar, wie
Facebook ihn anbietet, und die Aussicht auf eine steilere Karriere dürften ein ziemlich massiver Stups sein.
Erst recht, wenn der Staat noch Geld dazugibt.
Dafür plädiert Bundesfamilienministerin Manuela
Schwesig (SPD). Sie meint, die Krankenkassen sollten Social Freezing bezuschussen. Überlegungen
dazu, heißt es aus ihrem Ministerium, seien aber erst
im Anfangsstadium.
Tina Kulow, Deutschland-Sprecherin von Facebook, kann die Bedenken ohnehin nicht verstehen.
Sie geht durch die großen, offenen Räume der New
Yorker Niederlassung. Fabriklook, gemischt mit
teuren, bunten Möbeln, abwaschbare Wände mit
Notizen, eine Ecke für Büro-Golf, alles entworfen
vom Star-Architekten Frank Gehry. Die Gesichter
der Mitarbeiter sind jung, viele asiatisch, Frauen sieht
man wenige. »Die Selbstbestimmung der Frauen ist
entscheidend, und das Feedback, das wir von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bekommen, ist sehr
positiv«, sagt Kulow. Sprechen aber darf man nicht
mit den glücklichen Mitarbeiterinnen.
Tatsächlich hat Facebook viele familienfreundliche Angebote: Zur Geburt eines Kindes bekommen Mitarbeiter 4000 Dollar »baby cash«. Wie
Apple bietet auch Facebook vier Monate bezahlte
Elternzeit – was in den USA außergewöhnlich ist.
Allerdings sorgte das Unternehmen vergangenes
Jahr für Schlagzeilen, weil es in der Nähe seiner Zentrale zwar eine eigene Wohnsiedlung für 120 Millionen Dollar plante, mit allen möglichen Serviceangeboten wie einer Fahrradwerkstatt oder einer Art
Tagesstätte für Hunde – aber ohne Kindertagesstätte.
Kritiker meinen: Die modernen Technikunternehmen haben noch immer ein Problem mit Frauen und
Familien. Laut einer Studie im Auftrag des Magazins
Forbes gaben 442 von 716 befragten Frauen, die im
Jahr 2013 diese Branche verließen, als Grund an,
dass sie Mutter geworden seien und es ihnen an
Unterstützung und flexiblen Arbeitszeitregelungen
gefehlt habe.
Es passt zu den Technikunternehmen, dass sie als
Antwort darauf nicht sich selbst ändern, sondern eine
neue Technik nutzen wollen, die die Natur des Menschen ändert.
Dabei führt es zu neuen Problemen, wenn ein
Konzern seinen Angestellten Kinder auf Vorrat finanziert. Was, wenn das Unternehmen 20 000 Dol-
lar zahlt, und dann lernt die Mitarbeiterin den Mann
ihres Lebens kennen und will doch sofort ein Kind?
Oder wenn sie ungeplant schwanger wird? Muss sie
dann die 20 000 Dollar zurückzahlen?
Susanne Ihsen, Soziologin an der TU München,
glaubt, dass das Social Freezing sogar für die Karriere
zu einem Bumerang werden kann. »Stellen Sie sich
Jeder Fünfte würde es tun
Zahlt der Arbeitgeber, würden 21 Prozent
der Deutschen Eizellen einfrieren lassen
2. »Wenn Sie die Wahl hätten,
würden Sie die Möglichkeit nutzen, bzw.
Ihre Partnerin darin bestärken?«
insgesamt:
21 % ja
6%
73 % nein
weiß nicht/keine Angabe
3. »Spüren Sie Druck durch Ihren
Arbeitgeber, Ihre Familienplanung nach
seinen Wünschen auszurichten?«
insgesamt:
3%
90 % nein
weiß nicht/keine Angaben
8 % ja
Alter: zwischen 30 und 39 Jahre
17 % ja
83 % nein
ZEIT- GRAFIK /Quelle: TNS Emnid, eine Umfrage
im Auftrag der ZEIT
vor, eine Frau konkurriert mit Männern um eine
Führungsposition, und das Unternehmen weiß: Die
hat ja noch einige Eizellen eingefroren, die sie bald
auftauen könnte.« Die Zeit, in der Frauen wegen
einer möglichen Mutterschaft mit Skepsis betrachtet
würden, verlängere sich dadurch noch.
Davon abgesehen, sind die eingefrorenen Eizellen keine Garantie, später tatsächlich Kinder
zu bekommen. »Facebook und Apple sagen
nicht die ganze Wahrheit«, sagt etwa Tanya Selvaratnam, die ein Buch über den Trugschluss
geschrieben hat, dass Frauen alles im Leben nach
ihrem eigenen Zeitplan gestalten können. Der
Titel: »Die große Lüge: Mutterschaft, Feminismus und die Realität der biologischen Uhr«.
Selvaratnam, die von Sri Lanka nach Amerika
eingewandert ist, wollte nach mehreren Fehlgeburten selbst Eizellen einfrieren lassen. Damals war sie 40, und ihre Ärztin riet ihr ab: In
diesem Alter seien die Chancen, ein eingefrorenes Ei später noch befruchten zu können, sehr
gering. »Drei meiner Freundinnen haben es dennoch gemacht«, sagt Selvaratnam. »Eine hat sogar 21 Stück einfrieren lassen. Bei keiner hat es
geklappt. Das Einfrieren wird als sichere Sache
verkauft. Aber das ist es nicht.«
Doch womöglich schafft allein die Verfügbarkeit
dieser neuen Option eine neue Realität. Die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Schwangerschaft aufzuschieben, fördert die Suche nach dem noch besseren
Zeitpunkt, dem beruflich oder privat noch besser
passenden Moment. Der Kinderwunsch-Mediziner
Puchta berichtet von Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, obwohl sie einen Partner haben, mit
der Begründung: »Als Vater für meine Kinder ist er
nicht der Richtige.« Auch sein Kollege Nawroth
hatte schon solche Fälle. Es geht dann nicht bloß um
die Optimierung der Karriere und des Zeitpunkts,
sondern auch um die Optimierung des Vaters. So wie
manche Kunden von Online-Partnervermittlungen
nicht davon lassen können, immer weiter zu suchen
– schließlich ist ein noch besserer Partner nur einen
Mausklick entfernt.
Neue medizinische Möglichkeiten schaffen
eine neue Normalität und auch eine neue Norm.
Spätestens seit Einführung der Pille begegnet
Frauen mitunter der Vorwurf: Warum hast du
nicht verhütet? Seit Abtreibung legal und scheinbar alltäglich ist, kann die Frage auch lauten: Warum hast du das Kind bekommen?
Wenn eines Tages das Konto bei der Eizellenbank so normal ist wie das Girokonto bei der Sparkasse, könnte es heißen: Warum jetzt ein Kind?
Das kannst du doch später haben!
Der Druck zur Optimierung des Lebenslaufs
zwischen Familie und Beruf kommt auch von
Freunden und Verwandten – da muss gar kein
Chef finanzielle Angebote unterbreiten. Vor zwei
Jahren diskutierten Frauen in aller Welt über einen
Aufsatz der Amerikanerin Anne-Marie Slaughter.
Die prominente Stabschefin von US-Außenministerin Hillary Clinton hatte ihren Traumjob hingeworfen und eine Streitschrift geschrieben mit
dem Titel: »Warum Frauen noch immer nicht alles
haben können«.
Jetzt gibt es Firmen, die versprechen, doch alles
möglich zu machen. Und Arbeitgeber, die dafür
bezahlen. Viele Frauen könnten in Zukunft öfter
die Frage hören: Warum hast du nicht alles?
Mitarbeit: KERSTIN KOHLENBERG, FELIX ROHRBECK,
MARTIN SPIEWAK, CLAAS TATJE und MERLIND THEILE
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