close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

20150209 Michael Wildenhain Das Lächeln der Alligatoren

EinbettenHerunterladen
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 09.02.2015
Michael Wildenhain: „Das Lächeln der
Alligatoren“
Rezensent: Dirk Hohnsträter
Redaktion: Terry Albrecht
Michael Wildenhain: Das Lächeln der Alligatoren
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015
242 Seiten. 19,95 Euro
Internettext
Politische Psychologie: Michael Wildenhains neuer Roman erkundet Geist und Gewalt.
Anmoderation
Der
Berliner
Schriftsteller
Michael
Wildenhain
ist
bekannt
für
seine
Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Gewalt. Autonome Lebensentwürfe und
Extremismus, ob von rechts oder links, zählen zu seinen bevorzugten Themen. Der
1958 geborene Autor war selbst in der Hausbesetzerszene aktiv, die er in seinen
ersten Veröffentlichungen beschrieb. Zeitgeschichte und Familiengeschichten gehen in
seinen Texten einen unauflöslichen Zusammenhang ein, so in "Russisch Brot" (2005)
und "Träumer des Absoluten" (2008). In eindringlichen Schilderungen untersucht er die
Psychologie politischer Utopien. Zahlreiche Stipendien und Preise hat Wildenhain
bereits erhalten; sein neuester Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse
nominiert. "Das Lächeln der Alligatoren" heißt er und widmet sich der Vor- und
Nachgeschichte der Revolten von 1968. Eine Rezension von Dirk Hohnsträter
Beitrag
Als sie sich das Shampoo aus den Haaren spült, sich mit dem Handtuch abreibt,
wieder ihren Bikini anzieht, ein weißes
T-Shirt überstreift, bleibe ich und warte, bis Marta neben
mir auftaucht. Die Haut gebräunter als meine, die Stimme tiefer, ihr Lachen lässiger,
als sie sagt: »Du spannst.«
Es ist die Schwärmerei eines Vierzehnjährigen, mit der Michael Wildenhains neuer
Roman "Das Lächeln der Alligatoren" einsetzt. Marta verführt Matthias, dessen
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht) werden.
1
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 09.02.2015
Michael Wildenhain: „Das Lächeln der
Alligatoren“
hospitalisierten Bruder sie als Praktikantin betreut. Aber schon Minuten nach dem
ersten Kuss ist er gezwungen, die Unmöglichkeit ihrer Liebe einzusehen:
Ich werde wieder der Junge, der ich nicht mehr sein möchte, der ich nie hätte sein
wollen, der ich so lange war. Ein Junge, der zusieht, wie sich die beiden miteinander im
kleinen Zimmer einer geborgten Wohnung bewegen, einander umkreisen, sich im
Schein der Kerzen, der Teelichte, berühren, aufeinander einlassen, voreinander knien.
Wildenhains Buch ist reich an Grausamkeiten: ein Zwölfjähriger stößt seinen Bruder
vom Bett, der irreparable Schäden davonträgt. Ein Vierzehnjähriger muss zusehen, wie
seine Mutter vergewaltigt wird. Ein Student erlebt die Ermordung seines Vaters; ein
Professor das Erschießen seiner Lebensliebe. Der Roman erzählt von gestörten
Verhältnissen und überforderten Menschen. Gute Absichten enden im Desaster, und
die wenigen zärtlichen Momente dieses Buches werden rasch von einer allerorten
lauernden Sinnlosigkeit erdrückt.
Formal ist Wildenhains Roman in mehrere Teile geteilt. Der erste spielt in der Jugend
des Erzählers, der zweite während seines Studiums, in dem er Marta überraschend
wiedertrifft. Damit den Lesern die in Episoden zerlegten Zusammenhänge auch nicht
entgehen, stellt der Autor sie überdeutlich heraus:
Obwohl ich kaum mehr als ihren Hinterkopf sehe, einen Teil der Wange, ein Ohr, die
Schläfe, den Schwung ihrer Halsbeuge, die von ihrem Haar nicht verdeckt wird, und
obwohl fast fünf Jahre vergangen sind, erkenne ich sie sofort. Im ersten Moment will
ich umkehren.
Der Kuss. Mein blutender Bruder. Peggy und Marta. Er auf ihrem Schoß.
Solche Erzählmuster wirken hölzern, wie nach Lehrbuch konstruiert. Immer wieder
drängt sich der Eindruck auf, der Autor traue seinem eigenen Erzählen nicht. Bereits
Gezeigtes wird dann noch einmal ausdrücklich gesagt, etwa, wenn nach einem
ruppigen Dialog der Satz fällt: "Der Mann wirkte ärgerlich." Auf jeder Seite teilt dieser
Roman seine Ambition mit, und verliert sich gleichwohl in Banalitäten wie etwa der
Formulierung "Manchmal höre ich mir die Vorträge meines Vaters gern an, manchmal
weniger gern."
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht) werden.
2
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 09.02.2015
Michael Wildenhain: „Das Lächeln der
Alligatoren“
Das ohnehin schon knirschende Erzählgefüge wird im zweiten Teil auch noch mit
Thesen aus Kognitionswissenschaft und Gesellschaftstheorie aufgefüllt. Nun erklärt
der Erzähler nicht nur die Handlung, sondern auch die Bedeutung des Romans. Will er
die Welt der Bildung aufrufen, klingt das zum Beispiel so:
Fehlende Letztbegründung jeglicher Moral. Geschichtliche Gewordenheit aller Dinge.
Ein Pluralismus, der Meinungen verbietet, verbieten muss, um die, vermeintliche,
Freiheit nicht zu gefährden. Entdeckungen Gödels oder Gottlob Freges. Die
vergebliche Mühe des Wiener Kreises: Rudolf Carnap, Der logische Aufbau der Welt.
Wo er kein akademisches Klausurwissen aneinanderreiht, bemüht sich Wildenhain um
die detailreiche Beschreibung von Situationen. Dabei handelt es sich zumeist um
beklemmende Szenarien: Missverständnisse, Tierquälereien, nationalsozialistische
Verbrechen und unauslöschliche Erinnerungen. Oder um Schilderungen des
linksalternativen Milieus im Berlin der frühen 1970er Jahre, die kein Klischee
auslassen. Man glaubt ein Groschenheft zu lesen, wenn Sätze wie die folgenden
fallen:
Keiner zu Hause, tote Hose. Marta tanzt mit Gregor, Körper
an Körper, eng, mit Georg, lässt sich vom seltenen Besucher
den Rauch des überfetten Joints in die Mundhöhle pusten. Kreisender Rotwein,
kiffende Kommune. Und ich hocke am Schreibtisch
über Analysis III.
Ungelenk erzählt und übervoll mit angelesenem Stoff, bleibt von diesem Roman nur die
negative Stimmung haften. Er zieht runter, ohne darüber hinaus etwas auszulösen.
Wildenhains Buch will über Kognition nachdenken und ist doch selbst nur eine
Kopfgeburt. Es will humanen Überschuss erzählen und bleibt Konstruktion. In einem
beiläufigen, gelungenen Satz scheint es der Autor selbst erkannt zu haben, nämlich
dort, wo sein Erzähler sagt:
Ich sollte Informatik studieren, traurig kann ich zwischendurch sein
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht) werden.
3
Autor
Document
Kategorie
Uncategorized
Seitenansichten
7
Dateigröße
49 KB
Tags
1/--Seiten
melden