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Anlage Ausschuesse fuer die Kammerarbeit

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Die jüngste Nobelpreisträgerin aller Zeiten
Die Kinderrechtler Malala Yousafzai, 17, aus Pakistan und Kailash Satyarthi
aus Indien erhalten den Friedensnobelpreis Verachtet und gefeiert Seite 3
AUSGABE BERLIN | NR. 10535 | 41. WOCHE | 36. JAHRGANG | € 3,50 AUSLAND |
€ 3,20 DEUTSCHLAND
| SONNABEND/SONNTAG, 11./12. OKTOBER 2014
Grüne
Derweltwichtigste
Bürgermeister
OST-WEST Milchschnitte und Pionierabzeichen: 25 Jahre nach der Wende erzählen die
Schriftsteller David Wagner und Jochen Schmidt für die taz.am wochenende, wie
sie als Jungen BRD und DDR erlebten ➤ Gesellschaft SEITE 18–20
In Tübingen steht
Boris Palmer zur
Wiederwahl. Was
hat er in acht Jahren
erreicht? SEITE 8, 9
Die Kindheit
des anderen
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
die taz hat jetzt ein Wochenmagazin. Heute
hat die taz.am wochenende erstmals ihren
neuen Auftritt. Wir haben die Zeitung neu
sortiert, um unseren Magazinjournalismus
besser präsentieren zu können. Politik, Kultur, Gesellschaft – mit dieser klaren Gliederung wollen wir den LeserInnen Orientierung geben. Neu ist das Ressort Sachkunde,
das uns und unsere Leser klüger machen
soll. Unser Programm bleibt ein engagierter
Journalismus, der über das Auflisten von
Nachrichten hinausgeht. Wir wünschen ein
anregendes Leseerlebnis – und freuen uns
auf Ihr Feedback an cr@taz.de.
Ines Pohl, Andreas Rüttenauer
Der stärkste Satz
„In der
Sowjetunion
war ein
gastronomischer
Dissident, wer
Spargel aß“
Der ukrainische Schriftsteller
Andrej Kurkow
Mit Beiträgen von Cristina Nord
über David Cronenberg, Brigitte
Schoeller über Quotenfernsehen, Hans-Jörg Ehni über
Anti-Aging und Ina Müller über
Gott und Frau Merkel
b  taz.berlin
Natur Eigentlich ist der
Fotos [Montage]: Mia Takahara/Plainpicture, Brigitte Kraemer, privat; dpa (oben)
60641
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TAZ
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fällt weg
Tiergarten ein schöner
Park. Aber warum ist er
dann so leer? SEITE 41, 44
02
Kompass
SONNABEND/SONNTAG, 11./12. OKTOBER 2014  TAZ.AM WOCHENENDE
Aus dem Inhalt
......................................................................
Politik
Terror In Frankfurt steht ein
Mann nach der Rückkehr aus
Syrien vor Gericht Seite 4
Der Fall Corelli Wusste der
Verfassungsschutz schon
länger über den NSU
Bescheid? Seite 5
Strom Um das EEG-Gesetz ist
es ziemlich ruhig geworden.
Warum? Seite 7
Argumente
Nobelpreis Malala Yousafzai
und Kailash Satyarthi haben
die Auszeichnung verdient.
Doch ein Beigeschmack
bleibt Seite 10
Kultur
Interview Der ukrainische
Schriftsteller Andrej Kurkow
erinnert sich an die Tage auf
dem Maidan Seite 12
Bilder Die Arbeiten der
französischen Fotografin
Bettina Rheims zum Thema
Transgender Seite 15
Solidarität für Excalibur
Nur die Tiere bleiben an der Leine. Dutzende Tierrechtsaktivisten demonstrieren am Mittwoch in Madrid
gegen die Tötung von Excalibur. Er ist der Hund von Teresa Romero. Die spanische Krankenschwester hat
sich bei der Pflege von Ebolakranken aus Westafrika infiziert. Weil die Behörden vermuten, auch der Hund
könnte Träger des Virus sein, haben sie die Einschläferung angeordnet – obwohl er keine Krankheitssymptome zeigt. Als Excalibur von den Veterinären abgeholt werden soll, kommt es zu Handgemengen, zwei
Menschen werden verletzt. 40 Minuten nach dem Abtransport erklärt die Regionalregierung von Madrid,
der Hund sei „ohne Qualen“ gestorben. Romeros Zustand ist weiterhin kritisch.
Streit Hat der Papst ein
Sexproblem? Seite 17
Titelgeschichte Die Autoren
Jochen Schmidt und David
Wagner über ihre
Kinderjahre im geteilten
Deutschland Seite 18–20
Hausbesuch Bei einem
deutsch-deutschen Paar in
Heidelberg Seite 21
Schnellschuss Über Gott und
Frau Merkel. Die Sängerin
Ina Müller im StichwortInterview Seite 22-23
Stadtmöbel Mülleimer
sehen immer besser aus.
Aber warum werden sie
immer seltener? Seite 24
Sachkunde
Ziffern Die Hundert ist noch
eine magische Zahl, aber
kein magisches Alter mehr.
Warum? Seite 29–32
Medien
TV Fußballspiele könnten
Krimis sein, wenn die
Moderatoren unbürokratischer wären Seite 35
Reise
Afrika Kroumirie – das
grüne Tunesien abseits der
Massen Seite 36–37
Leibesübungen
Kicker Es gibt doch noch
Fußballzwerge! Gibraltar will
zur EM Seite 39
AUS DER TAZ SEITE 27
LESERBRIEFE SEITE 28
TV-PROGRAMM SEITE 34
DIE WAHRHEIT SEITE 40
LEKTIONEN
5Dinge,diewir
diese Woche
gelernt haben
1. Es gibt politische Pornografie
An Helmut Kohl kam diese Woche niemand vorbei. Am Dienstag stellten Heribert Schwan und
Tilman Jens ihr Buch „Vermächtnis“ vor, den abgehangenen Unflat des Altkanzlers über seine
Zeitgenossen. Die saftigsten Stellen sind kursiv gedruckt. Hoher
Voyeurismusfaktor, wenig Erkenntniswert. So etwas verleitet
zum pornografischen Lesen, wie
es Eckhard Henscheid einmal
ausgedrückt hat. Als Kohl am
Mittwoch dann auf der Buchmesse seinen eigenen Erinnerungsband vorstellte, traten sich
iele Grüne fragen sich:
Wie kann ich auf Twitter
in 140 Zeichen perfekt
kommunizieren? Die
Sorge ist ja: Da die digitale Echtzeitanwendung häufig als belangloses Geblubber interpretiert wird, könnte das den komplexen Grünen-Inhalten auch
passieren. Wie die Parteispitze
sich das so vorstellt, zeigt die
Bundesvorsitzende Simone Peter (@peter_simone).
Prioritäres Artikulationsmittel ist demnach das Ausrufezeichen (signum exclamationis).
Dieses wird nach Wunsch- und
Aufforderungssätzen verwendet
und ist damit originär grün und
ein Muss! Wie das Wort „muss“
auch. Es „muss“ immer was
(„Bundesregierung muss“). Oder
es „darf“ etwas „nicht“ („Hilfe
darf nicht länger verweigert werden!“) Ein Twitter-Peter-Satz aus
dem Lehrbuch: „Die Gewalt in
Nahost muss so schnell wie möglich gestoppt werden!“ Man be-
V
die Gaffer gegenseitig auf die Füße wie auf einer Venus-Messe.
2. Nicknapping hat nichts mit
Schlafmützigkeit zu tun
Nickerchen heißt auf Englisch
nap. Nicknapping könnte man
also für eine seltsame Tautologie
halten, es ist aber eine cyberkriminelle Methode, angewandt
auch von einem US-Drogenfahnder. Dieser legte ein gefälschtes
Facebook-Profil einer 28-Jährigen an, mit Fotos von deren beschlagnahmtem Smartphone. Er
wollte so angebliche Beziehungen der Frau ins Drogenmilieu
ausnutzen. Dagegen klagte sie,
Facebook hat das Profil nun gelöscht. Ein klarer Fall von Nicknapping, zusammengesetzt aus
Nickname und Kidnapping. Auf
Deutsch: Identitätsdiebstahl.
3. Die USA geizen mit Munition
Stellt sich die U.S. Air Force auf einen längeren Kampf gegen die
Terrormiliz Islamischer Staat (IS)
ein? Am 8. August begannen die
Luftangriffe im Irak, seit 22. Dezember werden die Islamisten
auch auf syrischem Boden bekämpft. Eine Aufstellung des USRegionalkommandos Centcom
vom Dienstag listet bisher 266
Luftangriffe im Irak und 95 in Syrien auf – das sind im Irak durchschnittlich etwas mehr als vier
pro Tag und in Syrien sieben.
Zum Vergleich: Im Kosovokrieg
1999 flog die Nato in 77 Tagen
38.000 Angriffe. Das Problem ist
heute offenbar der Mangel an geeigneten Zielen. Kleine Teams,
die auf Motorrädern durch die
Wüste fahren, sind nicht so leicht
ins Visier zu nehmen.
4. Prostituierte sind nicht professionell genug
„Eine umfassende Regelung der
Prostitution ist nicht möglich“,
hat ein Runder Tisch, der vier
Jahre lang 70 Fachleute anhörte,
in seinem Abschlussbericht festgestellt. Das Rotlichtmilieu sei zu
vielfältig, vieles im geplanten
Prostitutionsgesetz sehen die Experten kritisch. Sie fordern eine
bessere Einstiegsberatung, da
Prostituierte erschütternd wenig
über ihre Tätigkeit wüssten. Das
Ziel: eine „Professionalisierung“.
5. Seehofer macht einen auf
Stromrebell
Seit bald 25 Jahren hoffen wir,
dass Ost und West endlich ganz
zusammenwachsen. Und da
droht uns eine neue Teilung. Bayerns Ministerpräsident Horst
Seehofer möchte auf einmal
nicht mehr mit Windstrom aus
dem Norden beliefert werden.
Dabei werden die Trassen bereits
geplant, ein Herzstück der Energiewende. Wieder ein bayerischer Sonderweg? Ökoexperten,
die kleine Netze propagieren,
finden eine Zweizonenlösung
gar nicht so abwegig.JÖRN KABISCH
..................................................................................................................
DIE EINE FRAGE
Einfach nur Irrsinn!
WIE WERDE ICH PERFEKTE GRÜNEN-TWITTERIN?
EINE ANALYSE DER TWEETS VON PARTEICHEFIN SIMONE PETER
achte die raffinierte Passivkonstruktion, die offen lässt, an welches handelnde Subjekt der moralische Appellativ sich richtet.
(Weil: Es gibt ja niemand, der das
stoppen könnte, außer die Grüne
Weltregierung. Theoretisch.)
Ganz wichtig, um die eigene
Verortung zur Welt auszudrücken, sind die Begriffe „betroffen“ und „unfassbar“. Vieles
macht Twitter-Peter betroffen,
das ist „immer wieder unfassbar“, aber auch die Einstellungsvoraussetzung einer GrünenVorsitzenden. Aufschreien ist
oberste Parteikultur. „Ja, es ist eine Schande!“ – „Eine Schande,
Herr Scheuer“ – „grauenhaft“ –
.....................................
PETER UNFRIED IST
TAZ-CHEFREPORTER
.....................................
„unwürdig“ – „menschenunwürdig“. MenschenwürdedefiziteTweets am besten täglich. „Menschenwürde geht anders“, ruft
Twitter-Peter oder auch: „Ich sage: Vorrang für Menschenrechte.“ Dazu ein mutiges „Inhumane
Flüchtlingspolitik
beenden!“
einstreuen. Oder ein kategorisches
„Nein
zum
Antisemitismus!“
Die Regierenden – das meint
jetzt mal nicht Ministerpräsident Kretschmann – sind „töricht“, liefern allenfalls „Rohrkrepierer“ und vor allem Grund
zum beliebten Schämen-Vorwurf. „Wegducken ist beschämend, Herr de Maizière!“. Wenn
selbst ein Ausrufezeichen nicht
mehr genug moralischer Stinkefinger ist, dann müssen zusätzlich Versalien ran. „Regierung
muss HANDELN!“
Achtung: Es ist ganz wichtig,
dass der grüne Twitterer den
Das Zitat
„Wer die Mühe auf
sich nimmt, Kritiker
einzubeziehen, und
ihre Kritik am Ende
entkräften kann,
der wird belohnt“
Stefan Hell nach der Verleihung des Chemienobelpreises für die Entwicklung des Nanomikroskops im Interview mit der „Zeit“
Foto: dpa
Gesellschaft
Foto: Pablo Blazquez Domingo/Getty Images
Kern der Parteimoral versteht;
dass man selbst nicht HANDELT,
sondern die anderen zum HANDELN auffordert, und im allerschönsten Fall, sich für deren
HANDELN schämen kann. Aufgabe der Grünen ist nicht HANDELN, sondern alles schon immer gewusst zu haben. „Grüne
Bedenken bestätigt“.
Sehr gut kommen ActionStaccati. „Transparenz!“ – „Einspruch!“ – „Eklat! – „Irrwitz!“ –
„Stoppen!“. Statt Argumenten lieber ein saloppes „Einfach nur
Irrsinn!#GroKo“. Und wenn alles
zu schlimm wird, kann man in
grüner
Apokalypse-Tradition
seufzen: „Keine Zukunft, nirgends“.
Was man aber auf keinen Fall
tun sollte; zu fragen: „Wann wachen wir endlich auf?“ Auch
wenn Twitter-Peter selbstredend
die anderen meint: Ein normaler
Mensch wird annehmen müssen, dass sich diese Frage zuvorderst den Bundesgrünen stellt.
Die Drei
SONNABEND/SONNTAG, 11./12. OKTOBER 2014  TAZ.AM WOCHENENDE
03
Frieden ist kein Kinderspiel
FRIEDENSNOBELPREIS
Zwei Aktivisten
für Kinderrechte
teilen sich die
Auszeichnung.
Malala Yousafzai
ist die jüngste
Preisträgerin aller
Zeiten. Kailash
Satyarthi hat
80.000
Kinderarbeiter
befreit und
weltweite
Regelungen
bewirkt
VON MICHAEL RADUNSKI,
RAINER HÖRIG UND SVEN HANSEN
as
Nobelpreiskomitee
ignorierte in diesem Jahr
große Namen. Stattdessen rückt es etwa 200
Millionen Kinderarbeiter ins
Rampenlicht. Der Friedensnobelpreis geht an zwei Vorkämpfer für die Rechte von Kindern
und Jugendlichen. Mit der Wahl
der 17-jährigen Malala Yousafzai
aus Pakistan und des 60-jährigen Kailash Satyarthi aus Indien
wurden zwei Aktivisten aus verfeindeten Ländern gewählt, die
als Vorbilder für die dortigen Zivilgesellschaften gelten.
Das Nobelkomitee erklärte
am Freitag in Oslo, beide vereine
ihr Kampf für Bildung und gegen
Extremismus. Yousafzai stammt
aus dem Swat-Tal nördlich der
pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Seit einem Anschlag der
Taliban auf sie vor fast genau
zwei Jahren lebt sie im britischen
Birmingham. Der einstige Elektroingenieur Satyarthi arbeitet
in der indischen Hauptstadt Delhi. Beide sind auch international
stark für Kinderrechte engagiert.
Das Nobelkomitee begründete seine Entscheidung damit,
dass Yousafzai trotz ihrer Jugend
schon seit vielen Jahren für das
Recht von Mädchen auf Bildung
kämpfe. Sie sei ein Beispiel dafür, dass auch schon Kinder und
Jugendliche einen Beitrag leisten
können, ihre Lage zu verbessern.
Satyarthi wiederum habe großen Mut bewiesen und immer
wieder friedliche Proteste angeführt, die sich gegen die Ausbeutung und Versklavung von Kindern richteten. Thorbjørn Jagland, Chef des Nobelkomitees
und ehemaliger norwegischer
Ministerpräsident, sagte, weltweit gebe es heute etwa 168 Millionen Kinderarbeiter. „Im Jahr
2000 war diese Zahl um 78 Millionen höher.“
Satyarthi, der bereits etliche
internationale Auszeichnungen
D
erhalten hat, sagte dem indischen Sender NDTV in einer ersten Reaktion: „Das ist eine Ehre
für alle meine Mitbürger in Indien und eine Ehre für all jene Kinder in der Welt, deren Stimme nie
wirklich gehört wurde.“ Die gemeinsame Vergabe des Preises
nannte er eine gute Idee: „Ich
kenne Malala Yousafzai persönlich und werde sie anrufen und
sagen: Lass uns zusammenarbeiten.“
Malala Yousafzai:
zu Hause umstritten
Yousafzai ist die jüngste Friedensnobelpreisträgerin, die es je
gab. Und das, obwohl sie schon
seit zwei Jahren international bekannt ist. Sie war gerade mal 15
Jahre alt, als die pakistanische
Schülerin im Oktober 2012 tragische Berühmtheit erlangte: Auf
dem Heimweg von der Schule
schossen radikalislamische Taliban-Kämpfer auf das junge Mädchen. Yousafzai hatte die Islamisten in Blogeinträgen dafür kritisiert, dass sie Mädchenschulen
angegriffen und geschlossen
hatten. Das machte sie zum Angriffsziel der Taliban. Schwer verletzt wachte Yousafzai zwei Wochen später in einem Krankenhaus im englischen Birmingham
wieder auf. Eine Notoperation in
Pakistan und weitere Behandlungen in Europa retteten ihr das
Leben.
Die Taliban wollten sie zum
Schweigen bringen, doch das Gegenteil haben sie erreicht: Seither ist Yousafzai eine internationale Berühmtheit. Auszeichnungen und internationale Auftritte
schienen in den vergangenen
Jahren kein Ende zu nehmen. Sie
veröffentlichte ihre Biografie
und sprach an ihrem 16. Geburtstag vor der UN-Vollversammlung. UN-Generalsekretär Ban Ki
Moon nannte sie gar „unsere Heldin“.
Schon im vergangenen Jahr
galt sie als eine der Favoritinnen
für den Friedensnobelpreis.
Stattdessen bekam ihn die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Um Malala
Yousafzai wurde es etwas ruhiger. Sie wolle nicht, dass ihre
schulische Ausbildung leide, sagte sie.
Doch während Yousafzai in
der westlichen Welt gefeiert
wird, schlägt ihr in ihrer Heimat
Pakistan aus weiten Teilen der islamistisch gesinnten Bevölkerung vor allem Hass entgegen. In
sozialen Netzwerken wird sie als
ruhmsüchtig beschimpft oder
als US-Spionin diffamiert. Die
Provinzregierung in Peshawar
verhinderte gar die Präsentation
ihrer Autobiografie.
Immer wieder wird Yousafzai
vorgeworfen, eine Marionette
des Westens zu sein. Malala hat
darauf eine klare Antwort: „Ich
bin eine Tochter Pakistans, und
ich bin stolz, Pakistanerin zu
sein.“ Nach der Bekanntgabe des
Nobelpreiskomitees beeilte sich
Pakistans Ministerpräsident Nawaz Sharif, Yousafzai als den
„Stolz aller Pakistani“ zu rühmen.
An ihre Rückkehr nach Pakistan ist aber nicht zu denken. Gegenüber ihren Angreifern hegt
Yousafzai trotzdem keine Rachegedanken. Sie wolle Bildung für
alle Kinder, auch für „die Söhne
und Töchter der Taliban und aller
Terroristen und Extremisten“, erklärte sie in ihrer Rede vor den
UN. „Lasst uns unsere Stifte und
Bücher in die Hand nehmen. Sie
sind unsere mächtigsten Waffen.“ Bildung sei das einzige Mittel gegen Armut und Extremismus. Angesprochen darauf, was
sie einmal werden wolle, sagte
sie ganz unbescheiden: Premierministerin von Pakistan.
Kailash Satyarthi:
der sanfte Drücker
„Kinderarbeit ist ein gesellschaftliches Problem. Unser soziales Gewissen ist in dieser Hinsicht ziemlich blind“, sagt Kailash Satyarthi, als er vor einigen
Schule im Nordwesten Pakistans: eine Granate der Taliban, die Reparatur, dann wieder gemeinsamer Unterricht Foto: D. Ibarra Sanchez/NYT/Redux/laif
Malala Yousafzai im März 2012, vor
dem Schuss Foto: T. Mughal/dpa
Kailash Satyarthi, am Freitag, als er
es erfahren hat Foto: M. Swarup/ap
Jahren in seinem mit Gästen aus
Dörfern und Metropolen überfüllten Büro die taz zum Interview empfing. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren arbeitet Satyarthi daran, ein Bewusstsein
dafür zu schaffen, „daß Kinderarbeit für die ganze Gesellschaft
schädlich ist“. Satyarthi ist jedoch
kein Marktschreier. Er tritt bescheiden, aber selbstbewusst auf
und trägt seine Argumente mit
sanfter Stimme vor.
In Indien ist Kinderarbeit seit
1986 verboten, doch das Gesetz
wird nur halbherzig umgesetzt.
Anfang der 1990er Jahre gründet
Satyarthi daher die Initiative
„Bachpan Bachao Andolan“ (Bewegung zur Rettung der Kindheit). Mit teilweise konspirativen
Methoden spüren seine Mitarbeiter im sogenannten Teppichgürtel, dem Osten des Unionsstaates Uttar Pradesh, Kinderarbeiter auf, die in dunklen Lehmhütten von morgens bis abends
am Webstuhl schuften.
Auch mithilfe der Polizei werden im Laufe der Jahre 80.000
Kinderarbeiter befreit und zu ihrer Sicherheit zeitweise in Heimen untergebracht, wo sie eine
Schulbildung erhalten. 1994 initiierte Satyarthi das Teppichlabel Rugmark (heute: GoodWeave), dass Teppiche zertifiziert, die ohne Kinderarbeit geknüpft wurden.
Seine Erfolge ermutigen den
Kinderrechtler Satyarthi, seine
Botschaft über die Grenzen Indiens hinauszutragen. Er gründet die „South Asian Coalition On
Child Servitude“, ein Netzwerk
von mehr als 100 Initiativen in
Nepal, Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka. Im Jahr 1998
initiiert Satyarthi den Globalen
Marsch gegen Kinderarbeit.
Auch in Deutschland nehmen
1,7 Millionen Kinder an der Aktion teil. Im Jahr darauf (1999) verabschiedet die ILO die Konvention Nr. 182 gegen die schlimmsten Formen von Kinderarbeit.
Die Arbeit von Satyarthi wurde in Deutschland mit dem Aachener Friedenspreis 1994 sowie
dem Menschenrechtspreis der
Friedrich-Ebert-Stiftung
1999
gewürdigt. In Indien ist es in den
letzten Jahren etwas still um ihn
geworden, nachdem die Regierung 2009 eine seiner wichtigsten Forderungen einlöste: Ein
„Gesetz über das Recht zum freien Zugang zu Schulbildung“
führte die allgemeine Schulpflicht ein.
Damit ist die Kinderarbeit in
Indien jedoch nicht beseitigt.
Satyarthi fordert von der Regierung eine Verschärfung und konsequente Durchsetzung des Verbots der Kinderarbeit. Delhi solle
unverzüglich die ILO-Konventionen über das Verbot der
schlimmsten Formen von Kinderarbeit und über das Mindestalter für Beschäftigte von 14
beziehungsweise 15 Jahren ratifizieren. „Ich glaube fast, dass eine
Konspiration zum Erhalt ihrer
Privilegien die Elite davon abhält, der Mehrheit der Kinder
den Weg zu einer sinnvollen
Schulbildung zu ebnen“, stellte
Satyarthi schon damals am Ende
des Gesprächs fest.
Indiens Präsident Pranab
Mukherjee wertete den Preis
jetzt als „Anerkennung für die
Beiträge der lebendigen indischen Zivilgesellschaft, die komplexe soziale Probleme wie Kinderarbeit angeht.“
Der Friedensnobelpreis wird
alljährlich am 10. Dezember in
Oslo verliehen und ist mit umgerechnet 874.000 Euro dotiert, die
sich beide Preisträger teilen.
Argumente SEITE 10
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