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bremer kirchenzeitung
Das evangelische Magazin Oktober – Dezember 2014
Erntedank:
Apfel-Schatzkiste
am Königsmoor
Afrika
begegnet Bremen
Bürgermeister
Jens Böhrnsen
im Interview
Versorgungslücken
für Sterbende
schließen
Inhalt
10
18
4
Afrika begegnet Bremen:
Dialog über die Potenziale des
Kontinents
14
Versorgungslücken
für Sterbende müssen
geschlossen werden
Apfel-Schatzkiste:
Boomgarden am Königsmoor
rettet alte Obstsorten
8
20 Jahre Thomas-Messe:
Stille, Salbungsöl und Segen
21
16
Hast du Töne? – Das Evangelische
Posaunenwerk schreibt
Nachwuchsarbeit groß
Zurück im Berufsleben:
Zwei Sekunden veränderten das
Leben von Doreen Schulz-Renken
Reformation und Politik:
Bürgermeister Jens Böhrnsen
im Interview
Impressum
Die bremer kirchenzeitung ist eine Publikation der Bremischen Evangelischen Kirche. Sie erscheint vier Mal im Jahr samstags als Beilage zum Weser-Kurier und den Bremer
Nachrichten. Namentlich gekennzeichnete Beiträge stellen nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion dar. Ihr Themenvorschlag ist uns willkommen. Bitte senden Sie uns
eine Mail an thema@kirche-bremen.de oder schreiben Sie uns. Sie erreichen uns auch unter 0421 / 55 97-206 per Fax.
Für unverlangt eingesandte Manuskripte können wir leider nicht haften.
Herausgeber: Bremische Evangelische Kirche (Mitglied im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik) Franziuseck 2-4, 28199 Bremen, Telefon 0421 / 55 97 - 0
Redaktion: Sabine Hatscher & Matthias Dembski
Titelfoto: Matthias Dembski, Elombo Bolayela (MdBB) und der Germanist und Lehrer Adzima Klou aus Togo, derzeit in der Trinitatis-Gemeinde im Bremer Osten zu Gast.
Grafische Realisation: Rank - Grafik-Design. Druck & Vertrieb: Bremer Tageszeitungen AG, 28199 Bremen.
Anzeigen: Bremer Tageszeitungen AG, Hagen Röpke, Michael Sulenski (verantwortlich), Telefon 0421 / 68 689-220 oder hagen.roepke@weser-kurier.de
Die nächste Ausgabe der bremer kirchenzeitung erscheint am 20. Dezember 2014.
Aktuelle Termine unter www.kirche-bremen.de
„Wir haben den Auftrag zu helfen“
Die Ärztin Gisela
Schneider engagiert sich
im Kampf gegen Ebola
Nur noch eine europäische Fluglinie fliegt nach Liberia. „Als ich im Flieger saß, atmete
die Stewardess tief durch und sagte: ‚Okay, let’s go to Ebola-Country!‘“ Am Flughafen
von Monrovia kommt das Personal den Reisenden aus Europa mit Mundschutz und
Handschuhen entgegen. „Obwohl wir gesund sind, aber daran sieht man die Angst“,
erzählt Dr. Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission
(DIFÄM) in Tübingen. Sie war bis Mitte September vor Ort. „Ich habe alle christlichen
Krankenhäuser in den am stärksten betroffenen Distrikten besucht.“ Angst dürfe man
nicht haben, wenn man eine solche Rundfahrt macht. „Ein Restrisiko bleibt, bei allen
Schutzmaßnahmen. Ich tue, was ich tun kann, wir haben den Auftrag, zu helfen. Dass
jetzt so viele Menschen auch aus Deutschland, z.B. seitens der Bundeswehr, dazu
bereit sind, macht Mut.“
wirksame Medikamente gibt, hat der Schutz der Helfer oberste Priorität. „Selbst im
Dorfkrankenhaus kann man Patienten mit ausreichend Flüssigkeit, Schmerzmitteln
und krankengerechter Ernährung versorgen. Es gilt zu verhindern, dass sich
Menschen bis zu einem Krankenhaus z.B. in der Hauptstadt durchzuschlagen versuchen und dort auf offener Straße versterben. Ich habe auch Menschen getroffen,
die die Krankheit zu Hause überlebt haben. Weil es keine Handschuhe gab, haben
Familienangehörige sie mit Plastiktüten über den Händen versorgt und sich nicht
infiziert.“ Bis zu 30 Prozent der Erkrankten können Ebola überleben, betont die
Medizinerin. „Die sind immun, weil sie Antikörper entwickelt haben. Deshalb habe
ich die Hoffnung, dass es irgendwann einen Impfstoff geben wird – wenn auch leider
nicht mehr während der aktuellen Krankheitswelle.“
„No touch – keine Berührung!“
„Wir müssen auch nach der Krise da bleiben!“
Liberia, eigentlich ein herzliches und lebensfohes Land, sei ein Land mit der Devise
geworden: „No touch – keine Berührung!“ Die Epidemie verändert die Gesellschaft.
„An jedem Shop, an jeder Tankstelle, am Markt – überall stehen Eimer mit ChlorWasser zum Händewaschen. Chlor, sonst an jeder Ecke zum Wäschebleichen erhältlich, ist bereits Mangelware.“ Die Bilder von auf der Straße sterbenden Ebola-Kranken
in der liberianischen Hauptstadt Monrovia sind furchtbar. Doch für Gisela Schneider
kam diese Katastrophe nicht überraschend. Bereits seit dem Frühsommer gab es
Informationen von Partnerorganisationen über die sich anbahnende Ebola-Epidemie,
sagt die Medizinerin. Schneider arbeitete selbst 20 Jahre in Gambia als Ärztin. „Ich
kenne die Region. Wenn ein so aggressives Virus in eine hochmobile Kultur kommt,
verbreitet es sich sehr schnell, zumal das Gesundheitssystem in der Fläche sehr
schwach ist.“ Sofort nahm Schneider Kontakt zu Partnerorganisationen vor Ort auf.
„In Liberia sind das 45 Krankenhäuser, die zu einem kirchlichen Gesundheitsnetzwerk
gehören. Innerhalb kürzester Zeit kam die Rückantwort: Please come and help
us!“ Damals machte Ebola in der westlichen Welt noch keine Schlagzeilen. „Ärzte
ohne Grenzen waren die allerersten, die schon Ende Mai auf die Situation aufmerksam machten. Sie leisten auch jetzt ein hervorragende Arbeit vor Ort. Diese
Epidemie braucht den Einsatz von allen, auch seitens der Bundeswehr mit ihren
Logistikkapazitäten.“
Auf jeder Ebene von der Dorf-Krankenstation über regionale Krankenhäuser bis zum
zentralen Ebola Treatment Center in der Hauptstadt brauche es Unterstützung. „Die
Medien berichten nur über diese spezialisierte Versorgungsarbeit, dabei sind die
regionalen Ebenen ebenso wichtig, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.“
Große Mengen an Schutzmaterial und Patiententransport-Möglichkeiten sind auch
auf den unteren Ebenen nötig. „Dieses System wird gerade – wenn auch leider zu
spät flächendeckend aufgebaut. Die kirchlichen Krankenhäuser spielen dabei eine
aktive Rolle. Diese Riesenaufgabe wäre vor drei Monaten einfach zu lösen gewesen.“
Dennoch: Gisela Schneider ist voller Tatendrang und nicht ohne Optimismus. „Ich
habe mit der WHO und dem Gesundheitsministerium vor Ort gesprochen, war gleich
nach meiner Rückkehr bei der Diakonie Katastrophenhilfe, damit die Hilfe flächendeckend ankommt und wir uns gegenseitig unterstützen.“ Auch Difäm wird weitere aus
Spenden finanziert Materiallieferungen auf den Weg bringen. „Wir wollen uns auch
nach Abebben der Krise engagieren, weil Ebola das Gesundheitssystem und Liberia
insgesamt schwer erschüttert haben. Ich hoffe, wir lernen aus der Katastrophe und
schaffen eine nachhaltige Verbesserung. Die nächsten 42 Tage werden heftig, aber
wenn die Hilfe ankommt, werden die Zahlen heruntergehen. Gerade dann müssen
wir aber da bleiben.“
Gespräch: Matthias Dembski/ Foto: DIFÄM
Schutzmaterial ist Mangelware
DIFÄM brachte eine erste größere Sendung mit Schutzmaterialien im
Frühsommer auf den Weg, aber sofort war klar, dass das nur ein Tropfen
auf den heißen Stein sein konnte. Nicht nur wasser- und luftdichte
Ganzkörperanzüge werden gebraucht. Vor allem Handschuhe
oder Überschuhe fehlen. „Wir beraten die Krankenhäuser auch in
Dr. Gisela
ländlichen Regionen für ein Screening, um Ebola-Infizierte sofort in
Schneider
einem isolierten Bereich sicher unterzubringen. Dafür braucht
es Ganzkörperanzüge, im restlichen Krankenhaus
Massen an normalem Schutzmaterial, wenn
man allein an Einweghandschuhe und
Einwegkittel denkt.“ Schließlich müssten
die Krankenhäuser in einer Seuchenregion
auch die normale Versorgung z.B. in der
Unfallchirurgie oder der Geburtshilfe
sicherstellen. „Die übrigen Patienten
müssen vor Eboloa-Infizierten geschützt
werden.“ Genau das sei anfangs ein
Problem gewesen. „Zu Beginn der
Epidemie sind hunderte ärztliche und pflegerische Mitarbeitende aus Krankenhäusern
selber erkrankt, weil es an Sensibilisierung
wie an Schutzmaterial fehlte. Viele sind verstorben. Oft waren das junge Kolleginnen und
Kollegen, die jetzt Kinder hinterlassen haben.
Wenn man diese Geschichten vor Ort hört, wird
einem die Dramatik deutlich.“ Das Screening bei
der Aufnahme, um Erkrankte sofort auszusondern, sei daher das A und O, betont Schneider.
„Gerade in den Slums von Monrovia mit ihrer
Deutsches Institut für Ärztliche Mission (DIFÄM)
ungeheuren Bevölkerungsdichte ist die Isolierung
Spendenkonto 406 660BLZ 520 604 10, Evangelische Kreditgenossenschaft Stuttgart
der Kranken eine große Herausforderung. Auch
www.difaem.de
dort brauchen wir viele Isolierräume, bevor
Infizierte ins Krankenhaus kommen.“ In einer
Epidemie, in der es weder einen Impfstoff noch
www.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
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BoomgardenProjekt
Kontakt
Eckart Brandt, Im Moor 1, 21712 Großenwörden
Telefon 04775/538
eckart-brandt@web.de
Termine mit Verkaufs- & Infoständen
Sonntag, 5. Oktober, 11 Uhr bis 17 Uhr
Herbstfest bei der Biologischen Station Osterholz
(BIOS), an der von Rönnschen Mühle/Lindenstraße
Samstag, 11. Oktober, 10 Uhr bis 17 Uhr
Apfeltag in Celle (Wittinger Straße)
Alle Gottesdienste
zum Erntedank-Fest
in Bremen
Sonntag, 26. Oktober, 10 Uhr bis 17 Uhr
Apfeltag in der Nabu-Umweltpyramide Bremervörde
Buchtipp
Eckart Brandt, Judith Bernhard:
„Natürlich Obst Sorten, Rezepte und Wissenswertes aus
Norddeutschland“, 144 Seiten, 16,80 Euro
Allergikertaugliche Apfelsorten
www.bund-lemgo.de
www.pomologen-verein.de
Schatzkiste am Königsmoor
Wohlschmecker aus Vierlanden, Finkenwerder Herbstprinz, Perle von Bützfleth, Altländer Pfannkuchen, Knebusch und Ananas Renette: Schon die klangvollen Namen der alten Apfelsorten im „Boomgarden“ von Eckart
Brandt lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Und wenn der Obstbauer dann auch noch sein Messer zückt und Stücke einzelner Äpfel unter den Leuten
verteilt, wird klar, was der Mann meint, wenn er sagt:
„Unter den alten Tafeläpfeln der Region gibt es wahrhaft großartige Geschmäcker, die mit nichts anderem
zu vergleichen sind.“
Vom Historiker zum Pomologen
Zum Beispiel der Finkenwerder Herbstprinz, Lieblingsapfel von Eckart Brandt: Aromatisch herb-süß bis fein
säuerlich, mit festem Fleisch und einem harmonischen
Zucker-Säure-Verhältnis betört er die Gäste, die an diesem Tag in spätsommerlicher Wärme mit Brandt unter
den teils uralten Apfelbäumen umherstapfen. Und das
ist nur ein Beispiel für die Leckereien, die der Biobauer für künftige Generationen erhalten will. Brandt ist
Pomologe durch und durch, engagiert sich also in der
Obstbaukunde, die sich den Erhalt alter Sorten zur
Aufgabe gemacht hat. Dabei war der Mann aus dem
800-Seelen-Dorf Wohnste bei Sittensen längst nicht
immer Apfelnarr. Eigentlich ist Brandt gelernter Historiker. Erst seit 1983 beschäftigt er sich mit alten Sorten,
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die er als Betreiber einer kleinen Lohnmosterei so richtig kennen- und dann auch schnell lieben lernte. „Die
Hausgärtner und Resthofbewirtschafter brachten mir
oft Obst, das mich irritierte, weil es nie eine Obstbaumspritze gesehen hatte und doch einwandfrei war.“
Robuste alte Sorten
Es waren robuste alte Sorten, die an Klima und Böden
angepasst waren und deshalb wenig Pflege erforderten und ohne Gift auskamen: Rotfranch, Seestermüher
Zitronen, Freiburger Prinz, Noble Prinzess oder Gelber
Richard. Brandt war begeistert. Auf Pachtland pflanzte er seinen ersten „Boomgarden“, was niederdeutsch
nichts anderes heißt als „Baumgarten“. In der Region
spürte er alte Sorten auf, manchmal wurde er auch als
„pomologischer Notdienst“ zu Hilfe gerufen: Zum Vermehren schnitt er Reiser von Baumveteranen, die der
Wintersturm umgeworfen hatte oder von Zweigen, die
er aus einem Osterfeuer zog.
Einsam gelegene Obstarche
Heute betreibt der mittlerweile 64-Jährige mit seiner
Ehefrau Judith Bernhard in Großenwörden in der Ostemarsch am Rande des Königsmoors seinen Hof: eine
einsam gelegene Obstarche. Doch bis dahin war es ein
schwerer Weg. „Ein türkischer Erntehelfer sagte mir
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
mal, Du nix spritzen, Du nix ernten – erst zehn Jahre
später hatte ich den Gegenbeweis.“ Und auch der Handel spielt ihm nicht gerade in die Karten. „Die wollen
nicht mit 200 Sorten umgehen, das macht Arbeit“, sagt
Brandt. „Große Chargen per Laster durch Europa kutschieren, damit wird das Geld gemacht.“ Brandt geht
einen anderen Weg. Er ist zwar auch viel unterwegs,
aber meist in der Region auf diversen Wochenmärkten,
auf denen er seine Produkte anbietet. Und mittlerweile
ist er auch ein erfolgreicher Autor.
Botschafter der Artenvielfalt
Der industriell auf wenige Sorten beschränkte Anbau
ist Endpunkt einer Entwicklung, die vor Jahrzehnten begann. „Wo die bäuerliche Hochstamm-Obstwirtschaft
früher 300 Bäume auf dem Hektar zog, stellte die
moderne industrielle Anbauweise bald 3.000 Bäume
und mehr hin“, erinnert sich Brandt, der längst auch
„Apfelpapst“ oder „Herr der Äpfel“ genannt wird. Und
weil er sich einen Namen gemacht hat, soll er im kommenden Jahr bei der Expo-Weltausstellung in Mailand
im Deutschen Pavillon mit seinem Boomgarden das
Thema Artenvielfalt vertreten. „Unsere einst vielfältige
Landschaft verschwindet zugunsten riesiger Flächen
eintöniger Monokulturen wie Mais, in denen Tiere und
Pflanzen unserer Heimat kaum noch Platz zum Überleben haben“, lautet seine Botschaft. Im deutschen Obst-
Obstbauer Eckart Brandt kämpft
seit Jahrzehnten um den Erhalt
alter Apfelsorten
bau, das lernen die Gäste an diesem Nachmittag unter
den Kronen ausladender Apfelbaumveteranen, ging die
Vielfalt von einst 8.000 Sorten zugunsten einer Handvoll hochempfindlicher Hochleistungsäpfel wie dem Delicious verloren. Alte Hochstamm-Anlagen mit ihrer Sortenvielfalt wurden mit staatlichen Zuschüssen gerodet.
Für jeden Boden den passenden Apfel
Damit verschwinden genetische Schätze, robuste und
unanfällige Sorten. „Das ist eine Gefahr für die Zukunft
des Obstbaues“, warnt Brandt. „Denn der Genpool, aus
dem wir bei Neuzüchtungen schöpfen können, wird
immer kleiner. Früher hatte man doch für den unmöglichsten Boden noch eine passende Sorte.“ Und für die
unterschiedlichsten Verarbeitungszwecke. Ob es nun
darum geht, einen Kuchen zu backen, Apfelmus oder
Gelee herzustellen, Apfelringe zu dörren, Saft zu pressen, Apfelwein, -essig oder -likör zu destillieren: Brandt
kennt die jeweils am besten dafür geeignete Sorte.
Manche hatten ganz spezielle Verwendungszwecke wie
etwa Hupfelds Süßapfel aus dem nordhessischen Raum
Felsberg, der zum Strecken der Füllmasse bei Bratwürsten verwendet wurde.
Auch für Allergiker verträglich
Mit den alten Äpfeln droht nun die große Fülle an
www.boomgarden.org
Formen, Farben, Düften und vor allem Aromen zu
verschwinden, die den Obstgenuss einst so spannend
machten – und heute für manchen Allergiker überhaupt erst wieder zum Genuss werden lassen. Denn
alte Apfelsorten werden häufig von Allergikern besser
vertragen als neuere Züchtungen. „Selbstverschuldete
Verarmung“, nennt Brandt den Kahlschlag - und sichert
seine Schätze nun auf eigenem Land. Fast vier Hektar
misst sein neuer Boomgarden auf der Geest in Helmste
direkt an der Landstraße, die von Stade nach Harsefeld
führt. Auf etwa 700 Hoch- und Halbstämmen sollen
hier 350 alte Obstsorten erhalten werden: Äpfel, Birnen, Pflaumen und Süßkirschen. Etwa 2,5 Hektar werden als klassische Streuobstwiese angelegt. Wildobsthecken und Grünflächen mit Blühmischungen für Bienen,
Wildbienen und Schmetterlingen ergänzen die Anlage.
Hühner in alten Rassen sollen später einmal einen Teil
der Schädlingsbekämpfung übernehmen.
haupt zu pachten sind“, rechnet der Biobauer vor. Der
Anfang in Helmste ist geschafft. Die ersten 650 Bäume sind gut angewachsen, auch wenn sie noch kaum
Früchte tragen. „Aber das ist gewollt“, erläutert Brandt.
Die Bäume werden sorgfältig beschnitten, weil sie ihre
Kraft erst einmal in das Wachstum stecken und schöne
Kronen bilden sollen. Geduld ist gefragt, wenn der Garten etwas werden soll. „Wir müssen das alles gelassen
sehen“, ist Brandt überzeugt. „Wir gehen mit der Natur
um. Und die macht immer wieder mal, was sie will.“
Text/Fotos: Dieter Sell
„Landhungrige Maisbauern“
Die Tage des alten Boomgardens in der Ostemarsch
sind unterdessen gezählt, denn die Pacht auf dem
Grundstück läuft in zwei Jahren aus. „Der Landhunger
der Maisbauern ist groß“, meint Brandt. Einst hat er den
Hektar seiner Altanlage für 300 Euro gepachtet, kürzlich ging der Acker nebenan für 1.500 Euro weg. „Beste
Lagen im Alten Land kosten 2.000 Euro - wenn sie überwww.kirche-bremen.de bremer kirchenzeitung Oktober 2014
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Überreiche Ernte
Unterm Birnbaum liegen an einem Montagmorgen
Ende September reife Birnen. Beim prüfenden Blick
durch das Fenster der Kellertür sehe ich sie - gerade als
ich das Fahrrad hochholen will, um zur Arbeit zu fahren.
Erst am Wochenende habe ich Birnen aufgesammelt,
die überreif von dem alten Birnbaum in unserem
Reihenhausgarten heruntergefallen waren. Und jetzt liegen da schon wieder welche unten! Ich hebe die Birnen
schnell auf. Lege die guten auf unseren Gartentisch, die
unansehnlichen aufgeplatzten und bereits braun angefaulten Früchte werfe ich in den Bio-Eimer. Schon meldet sich mein schlechtes Gewissen: Lebensmittel wirft
man nicht weg.
Zuviel des Guten
Doch die Zahl der guten Früchte auf dem Tisch wird
immer größer. Dieses Jahr ist unsere Ernte reichlich,
nachdem im letzten Jahr der Birnbaum keine Früchte
getragen hat. In unserem Alltag haben meine Frau
und ich meistens genug um die Ohren. Auch in diesem
Herbst haben wir weder Zeit noch Lust, Gartenfrüchte
zu Gelee einzukochen. Auch unser fast 14-jähriger Sohn
hat neben der Schule in seiner Freizeit natürlich andere
Interessen. Meine eigene Mutter kochte und weckte
noch regelmäßig ein – Apfelkompott, Pflaumenmus
und anderes Obst. Aber das war vor 40 Jahren auf
dem Land mit einem großen Garten. Außerdem haben
wir im Keller noch genügend volle Marmeladengläser
aus den letzten Jahren, so dass wir keinen Brotaufstrich
kaufen müssen. Und wir möchten auch nicht zu viele
Vorräte in Keller und Küche ansammeln. Was also
tun? Ein Teil des Überflusses kann ich gleich noch mit
auf meine Arbeitsstelle nehmen und die Birnen den
Mitarbeiterinnen und Besuchern anbieten. Für andere
kreative Lösungen meines Birnenproblems fehlt mir
gerade die Zeit. Auch mein Nachbar kann in diesem
Jahr seine Birnen an seinem Universitätsinstitut nicht
mehr loswerden. Es sind einfach viel zu viele Birnen.
Sie sind nicht lagerfähig. Und das macht es mir schwer.
Einerseits ein großzügiges Geschenk - andererseits
Biotonne.
6
Wenn die Fülle zum Problem wird
Aus dem Vollen geschöpft
Anfang Oktober feiern die Kirchengemeinden das
Erntedankfest. Dank erscheint mir allerdings angesichts
der Tatsache, dass ein großer Teil der Birnen in der
Tonne landet, etwas merkwürdig. Außer Aufsammeln
habe ich dafür doch nichts getan. Und lebensnotwendig sind die süßen und wohlschmeckenden Birnen für
meine Familie und mich nun wirklich nicht. Die vielen
Birnen sind ein Luxusproblem. Die Birnen, die in diesem Jahr gewachsen sind, sollten mich eigentlich froh
und dankbar machen. Soll ich für den Überfluss an
Früchten danken? Aber ich bin eben nicht der kleine
Junge aus dem Theodor Fontane-Gedicht, der sich freut
über die geschenkte Birne des „Herr von Ribbeck auf
Ribbeck im Havelland“. Und auch meine Versuche oder
die wohlmeinenden Vorschläge anderer, doch noch
einen Verwertungszusammenhang herzustellen - etwa
dass ich die Birnen kirchlich-karitativen Einrichtungen
spende - gehen an dem Problem der Fülle vorbei.
Aber mir wird an meinem Birnbaum deutlich: die Natur
ist immer noch großzügig. Und in dieser Großzügigkeit,
in dieser Fülle der Natur kommt etwas von dem zum
Ausdruck, wofür Gott selbst steht. Etwas Überfließendes,
Zweckfreies, Schenkendes. Die Birnen gibt es umsonst.
Und Gott gibt die Gelassenheit und Weisheit, dass zum
Leben und zur Natur in unseren Breiten auch dazu
gehört, dass mehr wächst als wir verbrauchen, verwerten und selbst weiterverschenken können. Gott sei
Dank ist es ein Schöpfer, der aus dem Vollem schöpft.
Der großzügig ist und schenkt, so wie mein Birnbaum
mich und uns in diesem Herbst wieder beschenkt hat.
Er wird auch so großzügig und fünfe gerade sein lassen, wenn ich überreife Birnen in die Biotonne werfe.
Gott wird mir in seiner schöpferischen Weisheit mein
schlechtes Gewissen verzeihen. Unterm Birnbaum liegen nur überreife Birnen – keine Leiche wie in Theodor
Fontanes lesenswerte Ballade.
Weniger ist mehr
Vielleicht hätte Jesus heute im Herbst 2014 in Bremen
von einem Birnbaum und seinen Früchten erzählt.
Und vielleicht entdecken Sie ja auch in ähnlichen
Erfahrungen mit Ihren Gartenfrüchten im Herbst 2014
diese Weisheit von Erntedank.
Es ist eher so, dass mir etwas anderes durch meinen
herbstlichen Birnbaum und seine diesjährigen reifen
Früchte bewusst wird. Der Baum schenkt mir seine Frucht
unabhängig davon, ob Familie Jung diese Früchte als
Nahrung braucht. In unserer norddeutschen Stadt gibt
es kaum noch einen Zusammenhang zwischen Saat
und Ernte – nur in den landwirtschaftlich geprägten
Bremer Stadtteilen wie zum Beispiel im Blockland mag
das anders sein. Im Normalfall kauft auch Familie Jung
ihr Obst im Supermarkt. Unser Kühlschrank ist mal
mehr, meist aber weniger gut gefüllt. Wir möchten den
Überblick über unsere Lebensmittel behalten und brauchen nicht immer so viel Auswahl. Und manchmal gibt
es Fertiggerichte. Mein Sohn und ich stehen ab und zu
auf Tiefkühlpizza oder gehen zur Dönerbude. Was das
Essen, unsere Nahrung in einem reichem Land angeht,
halte ich es mit meinem Sohn: „Weniger ist mehr!“,
sagt er neuerdings immer beim Einkaufen. Birnen mag
er allerdings auch nicht so gerne.
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
S
ein Laub war dicht
und seine Frucht reichlich,
und er gab Nahrung
für alle.
Die Bibel, Der Prophet Daniel,
Kapitel 4, Vers 9
Pastor Hans-Jürgen Jung ist Leiter des
Evangelischen Informationszentrums Kapitel 8.
Fotos: Panthermedia
www.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
7
Zwei Sekunden veränderten
das Leben von Doreen Schulz-Renken
Zurück im Berufsleben
Angefangen hat alles mit einem Griff in die Tonne –
wortwörtlich! Ich habe eines Abends im März 2011 den
Hausmüll rausgebracht und war sauer, weil die Mülltonne so voll war. Da habe ich nachgedrückt und mir an
einer kaputten Glasvase, die unter dem Müll verdeckt
lag, das komplette Handgelenk mit allen Sehnen und
Nerven auf- bzw. durchgeschnitten. Zwei Sekunden,
die mein ganzes Leben veränderten. Es wurde heiß, ich
konnte meine Finger nicht mehr bewegen, habe aus Reflex drauf gedrückt und bin in die Wohnung gelaufen.
Mein Mann war zum Glück zu Hause, der die Wunde
verbunden und sofort den Krankenwagen gerufen hat.
Vom Klinikum Mitte ging es gleich in die Roland-Klinik
zur Not-Operation. Dort ist man auf Handchirurgie spezialisiert.
Kein Zurück mehr in den Beruf
Erst drei Tage später habe ich bei einer Visite realisiert,
was passiert ist. Da sagten mir die Ärzte, dass ich sehr
wahrscheinlich nicht in meinen Job als Zahnarzthelferin
zurück kann. Meine Hand würde nie wieder so werden,
wie zuvor. Daraufhin bin ich erstmal zusammengebrochen, denn das war mein Traumberuf. In der AnschlussReha hatte ich psychologische Begleitung, die mich
darauf vorbereitete, dass ich meinen Beruf nicht mehr
ausüben kann. Ich kam in eine orthopädische Klinik der
Rentenversicherung, die aber mit mir nichts anfangen
konnten.
„Hand könnte gekrümmt bleiben“
Im schlimmsten Fall sollte meine Hand nach ärztlicher
Prognose gekrümmt bleiben. Ich hatte aber nach der
Reha eine hervorragende Handtherapeutin. Heute
kann ich die Hand wieder öffnen und schließen, kann
damit aber nichts Feines mehr halten. Ich bin Rechtshänderin und die rechte Hand war betroffen. Eine Tasse
anheben funktioniert heute wieder, ich kann sogar mit
einem dicken Stift wieder schreiben, auch am PC tippen
und wieder Auto fahren. Mit dickeren Geräten, wie z.B.
Messern und Stiften, kann ich einigermaßen arbeiten.
Ich weiche viel auf Links aus, z.B. beim Flaschenöffnen.
Am PC kann ich nicht blind tippen, weil ich meine rechte Hand nicht spüre. Das ist wie bei einer dauerhaft eingeschlafenen Hand. Den kleinen Finger spüre ich noch,
die betroffene Hand wirkt schwerer als die andere. Ich
merke noch, dass etwas glatt oder rau, kann aber nicht
mehr sicher fühlen, was ich anfasse.
Langzeitkrank für ein Jahr
Nach der Reha schloss sich ein Jahr mit ambulanten
Therapien an. Ich war langzeitkrank, aber um die Be-
8
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
weglichkeit halbwegs zu verbessern, brauchte es lange
Zeit mit intensivem Training. Ich musste bei der Rentenversicherung, die in solchen Fällen die Kosten trägt, um
nichts kämpfen: Reha, Umschulung – ich bekam alles.
Das lag vermutlich auch daran, dass ich zum Zeitpunkt
des Unfalls 34 Jahre alt war. Meine staatliche Berufsunfähigkeitsrente hätte auf Hartz IV-Niveau gelegen,
glücklicherweise hatte ich eine private Berufsunfähigkeitsversicherung.
„Schaffen wir‘s finanziell?“
Ich hatte eine Schiene mit Gummis, die die stillgelegte
Hand gedehnt, quasi aufgebogen hat. Zusätzlich hatte ich regelmäßig eine spezielle Hand-Physiotherapie.
Fast ein halbes Jahr habe ich jeden Abend am Esstisch
Streck- und Beugeübungen für meine Finger gemacht.
Man hat immer Angst, dass die frisch zusammengengenähten Sehnen wieder reißen. Für mich stand fest, dass
ich den Kopf nicht in den Sand stecken würde, sondern
auch beruflich wieder auf die Beine kommen wollte. Es
gab schon Phasen, in denen meine Motivation ganz unten war. Vor allem hatte ich Existenzängste: Wie geht’s’
weiter, schaffen wir es finanziell? Ich brauchte die Hilfe
meines Mannes bei vielen alltäglichen Dingen: Anziehen, Knöpfe-Zumachen, Duschen – ich war abhängig,
mein Mann war pflegender Angehöriger. Ich konnte die
rechte Hand noch nicht einmal zur Unterstützung einsetzen, so wie es bei einem Bruch möglich wäre. Es war
eine harte Zeit.
Neustart in die zweite Ausbildung
Mein Arbeitsverhältnis ruhte, mein Chef hoffte aber bis
zum letzten Tag, dass ich zurückkomme. Mein Chef hat
mich wirklich außergewöhnlich unterstützt, so einen
Arbeitgeber wünscht man sich. Trotzdem habe ich irgendwann damit abfinden müssen, dass eine Rückkehr
nicht möglich ist. Vor Beginn der Umschulung habe
ich schweren Herzens gekündigt. Ein Jahr nach dem
Unfall hatte ich einen Termin beim Reha-Berater der
Rentenversicherung, der mich gefragt hat, was ich will.
In diesem Gespräch wurde die Umschulung festgezurrt,
die die Rentenversicherung bezahlt hat. Für mich war
klar: Ich möchte im Gesundheitswesen bleiben, deshalb
hatte ich mich für den Beruf der Kauffrau im Gesundheitswesen entschieden. Die Umschulung bedeutete
den Neustart in eine zweite Berufsausbildung. Ich habe
zunächst beim Berufsförderungswerk Friedehorst einen
Rehabilitations-Vorbereitungskurs gemacht, der dazu
dient, das Lernen wieder zu lernen. Dort werden die
Grundkenntnisse Deutsch, Englisch, Mathe und Buchführung aufgefrischt. Bei mir lief es so gut, dass ich den
gewünschten Beruf in einem dualen Ausbildungsgang
erlernen konnte. Das bedeutet Praxis im Betrieb und
Blockunterricht im Berufsförderungswerk. Anfang war
ich mir nicht sicher, ob ich das schaffe: Partnerschaft
und Familie, Haushalt… – es ist eine ganz andere Situation als mit vielleicht 17, 18 oder 19, wenn man noch zu
Hause wohnt und in die Ausbildung geht. Man fängt als
Auszubildende in einer Lebensphase neu an, in der man
eigentlich mit dem Lernen durch ist. Ich spürte ich den
Druck, der auf mir lastete. Auch in der Partnerschaft
bringt das irgendwann Reibungspunkte mit sich, das
Privatleben leidet zeitlich unter den Lernanforderungen.
Reale Bedingungen
Berufsförderungswerk
Friedehorst (BfW)
Kontakt
Die Praxisteile der Ausbildung habe ich in der RehaKlinik am Sendesaal gemacht, die mich nach meinem
Abschluss in diesem Jahr auch übernommen hat. Die
Mitarbeiter haben mich vom ersten Tag an nicht als
Praktikantin, sondern als Kollegin behandelt. Ich habe
schnell festgestellt: Das Tätigkeitsfeld und der Arbeitgeber passen zu mir. Die Zeit im Berufsförderungswerk
(BfW) war eine Herausforderung. Man lernt und arbeitet unter realen Bedingungen. Im BfW habe ich RehaBerater und Dozenten erlebt, die uns bei jeder auftretenden Schwierigkeit engagiert unterstützt haben.
Arbeitsplatz wie ein Sechser im Lotto
Ich war sehr stolz, mit 37 noch eine Ausbildung mit einer Note 1-2 abzuschließen. Die Übernahme durch meinen Ausbildungsbetrieb ist für mich wie ein Sechser im
Lotto. Denn bei der Jobsuche hören Umschüler immer
wieder: „Ihnen fehlt die Berufserfahrung.“ Woher soll
die unmittelbar nach der Umschulung kommen? Dafür
bringen sie Erfahrungen aus ihrem früheren Berufsleben mit, aber die zählt oft leider nichts.
Ohne Unterstützung geht nichts
Ohne die Hilfe meines Mannes hätte ich das nicht
geschafft. Ich habe aber auch erlebt, dass sich einige
Menschen nach dem Unfall zurückgezogen haben.
Meine beste Freundin hat mich aber die ganze Zeit unterstützt, mich zur Therapie gefahren und mir zur Seite
gestanden, wenn es mir schlecht ging. Auch über das
Berufsförderungswerk habe ich Freundinnen neu kennen gelernt. Im November fahren wir das erste Mal
nach dem Unfall wieder in Urlaub – nach vier Jahren ist
jetzt endlich mal wieder Entspannung angesagt.
Telefon 0421/6381-414
bfw@friedehorst.de
Das BfW bietet ca. 800 Schulungsplätze
an 14 Standorten in Bremen und Niedersachsen
mit unterschiedlichen Angeboten, die individuell
auf persönliche, berufliche und gesundheitliche
Anforderungen zugeschnitten sind.
Der Zugang zu den Angeboten des BfW erfolgt über
die Kostenträger. Sie tragen für die Rehabilitanden
die Ausbildungskosten und sichern während der
Ausbildung/ Umschulung den Lebensunterhalt.
Alle Umschulungen und Fortbildungen sind auch
über Bildungsgutschein buchbar.
Ausbildungsangebot:
Elektroniker/-in für Geräte und Systeme
Zerspanungsmechaniker
Technische/r Produktdesigner/-in (Fachrichtung
Maschinen- und Anlagenkonstruktion)
Bauzeichner/-in (Schwerpunkt
Architektur mit CAD)
Bürokaufmann/-frau (demnächst: Kaufmann bzw.
Kauffrau für Büromanagement)
Kaufmann/-frau im Groß- und Außenhandel
Kaufmann/-frau im Gesundheitswesen
Fachkraft für Lagerlogistik
Fachlagerist/-in
Fachkraft für Hafenlogistik
Staatl. anerkannte/r Altenpfleger/-in
Staatl. anerkannte/r Altenpflegehelfer/-in
Jahresprogramm
des BfW zum Download
Gespräch/Foto:
Matthias Dembski
www.bfw-friedehorst.de
www.kirche-bremen.de bremer kirchenzeitung Oktober 2014
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Adzima Klou aus Togo und
Elombo Bolayela über die Potenziale des Kontinents
Elombo Bolayela
aus Bremen
„Afrika hat Zukunft!“
Adzima Klou arbeitet in Togo als Lehrer. Der studierte Germanist ist erstmals zu Besuch in Deutschland. Im Rahmen der Gemeinde-Patenschaft der
Trinitatis-Gemeinde ist er bis Ende Oktober in Blockdiek, Ellener Brok und Tenever zu Gast. Geplant sind
Stadtteilrundgänge, Begegnungen in der Kirchengemeinde und Sozialeinrichtungen, Podiumsdiskussionen, Projekte mit Schülerinnen und Schülern sowie
gemeinsame Feste. Der 46-Jährige unterrichtet an
der Evangelischen Schule in Kpalimé, der mit 95.000
Einwohnern viertgrößten Stadt Togos. Unterstützt
wird sein Gast-Aufenthalt finanziell von der Gossner
Mission und der Norddeutschen Mission. Gleich zu
Beginn seines Aufenthaltes waren Afrika und Bremen im Dialog: Adzima Klou traf auf den bremischen
Bürgerschaftsabgeordneten Elombo Bolayela, der
aus dem Kongo stammt und 1992 als Asylbewerber
nach Bremen kam.
arbeit weiter stärken, damit die demokratischen Prozesse weitergehen. Die evangelische Kirche macht es mit
ihrem Engagement in Westafrika seit langem vor. Da
können Politik und Wirtschaft von den Kirchen lernen,
wie eine faire Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktioniert.
das nicht zahlen kann, bekommt keine Zulassung. Auch
die Lehrergehälter hängen vom Schulgeld ab, das die
Schüler zahlen. Deshalb hat die Schule Probleme, wenn
die Schüler nicht bezahlen. An unserer Schule gibt es
einen Fonds, damit wir sicher sein können, dass alle unsere Schüler die Prüfung machen können.
Was können wir von Afrika lernen?
Nach deutschem Verständnis ist Bildung eine
staatliche Aufgabe, d.h. der Staat muss die Lehrergehälter und die Infrastruktur der Schulen
finanzieren. Davon ist Togo noch weit entfernt.
Was können Sie tun, damit Bildung nicht vom
Geldbeutel der Eltern abhängt?
Wir sprechen oft von „Afrika“, als wäre das ein
einheitlicher Kontinent, der sich vor allem durch
vielfältige Probleme auszeichnet: Armut, Hunger, Krankheiten, Bürgerkriege. Wie lässt sich
dieses negative und pauschale Bild verändern?
Herr Klou, als Lehrer wissen Sie, dass Bildung
der Schlüssel für Entwicklung ist. In Togo kostet
der Schulbesuch noch immer Geld. Der Staat bezahlt die Lehrer oftmals nicht. Verzweifeln Sie
manchmal?
Bolayela: Afrika ist ein Kontinent mit 54 Ländern, größer als Europa, mit tausend Sprachen und einer äußerst
vielfältigen Kultur. Die guten Seiten, die Potenziale geraten in unserer medialen Wahrnehmung oft aus dem
Blick. Afrika ist dynamisch und hat tolle Menschen, die
die zweifellos auch vorhandenen Probleme kreativ anpacken. Dieser Kontinent hat Zukunft. Dass Herr Klou
hier zu Gast ist, zeigt auch, das wir etwas von Afrika lernen können. Die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika
hat sich verbessert, die Kaufkraft ist in den letzten zehn
Jahren spürbar gestiegen. Man redet nur leider kaum
darüber. „Made in Germany“ ist in Afrika äußerst beliebt, Afrika ist für Deutschland auch als Markt interessant. In vielen Ländern Afrikas hat sich ein Mittelstand
gebildet. Den muss man durch Entwicklungszusammen-
Klou: Ohne Erziehung und Bildung ist der Mensch kein
Mensch. Deshalb müssen Kinder und Jugendliche in die
Schule gehen. Das haben wir auch in Togo verstanden.
Wir haben ein mehrstufiges Bildungssystem. Wer bis zu
einer höheren Stufe kommt, bekommt leichter eine bessere Arbeit und kann ein gutes Leben führen. Das Problem ist, dass viele Kinder aus armen Familien kommen.
Ihren Eltern fehlen die finanziellen Mittel, ihre Kinder
in die Schule zu schicken. Auch in meiner Schule gibt
es etliche, die sich das Schulgeld nicht leisten können.
Als evangelische Schule machen wir aber Sozialarbeit.
Wir dürfen diese Schüler doch nicht nach Hause schicken! Insofern behalten diese Kinder ihren Schulplatz.
Für das Abitur verlangt der Staat umgerechnet 15 Euro
Prüfungsgeld, was sich viele nicht leisten können. Wer
Bolayela: Viel, vor allem Optimismus und Lebensfreude.
Das haben die Menschen dort trotz aller Schwierigkeiten gelernt. Gerade wir Christen dürfen bei Problemen
nicht den Kopf in den Sand stecken. Wir als Bremer
müssen doch froh sein, hier zu leben. Man muss doch
sagen: Danke für diese Gesellschaft, für diese Vielfalt
und Buntheit, gerade hier in Bremen. Wir haben natürlich auch Probleme zu bewältigen – aber das tun wir
gemeinsam.
Klou: Ich träume, dass mein Besuch hier mir die Gelegenheit gibt, Kontakte zu Menschen und Institutionen
zu knüpfen, die uns dabei unterstützen, dass alle Kinder
und Jugendlichen zur Schule gehen und Prüfungen ablegen können. Unsere Schule ist übrigens auch die einzige Schule in der Region, die behinderte Schüler, vor
allem Blinde integriert. Diese Kinder bleiben ansonsten
zu Hause und bekommen keine Bildung, weil sie oft
auch aus armen Familien kommen. Ich werde hier Projekte in einer Schule machen, z.B. Trommelworkshops,
bei denen ich auch die afrikanischen Liedtexte erkläre.
Ich wünsche mir, dass über die Kontakte mit den Bremer Schülern eine Partnerschaft zwischen ihnen und
meinen Schülern zu Hause entsteht.
Hält sich Deutschland mit seinem Engagement
in Afrika zu sehr zurück?
Bolayela: Ja, wenn wir zum Beispiel die Ebola-Krise
sehen, hätte ich mir ein schnelleres und deutlicheres
Engagement der Bundesregierung gewünscht. Entwicklungszusammenarbeit muss sich gerade in solchen Krisen durch schnelles Handeln bewähren. Meine Angst
ist, dass die gegenwärtige Ebola-Epidemie Afrika wieder
ein paar Jahre in der Entwicklung zurückwirft. Auf die
betroffenen Länder kommen enorme Anstrengungen
Für die Sozialarbeit
der Evangelischen Schule
in Kpalimé
Ev. Trinitatisgemeinde Bremen
IBAN: DE 0429 0501 0100 0802 7492
Stichwort: „Lom Nava“
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Adzima Klou
aus Kpalimé/Togo
und Kosten zu. Ich weiß, dass die Kirchen vor Ort sehr
aktiv sind. Die betroffenen Länder, ihre Hilfsorganisationen allein werden diese Krise allein nicht bewältigen.
Die globalen Konfliktherde und Krisen haben
sich in diesem Jahr deutlich verschärft, was an
den Flüchtlingszahlen ablesbar ist. Was ist zu
tun?
Bolayela: Das Thema Flüchtlinge betrifft nicht nur Afrikaner, sondern derzeit vor allem Menschen aus Syrien
und dem Irak. Woher auch immer die Menschen kommen, die bei uns Zuflucht suchen, wir müssen deutlich
sagen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen. Die Kirche
tut das sehr deutlich, was ich sehr begrüße. Willkommenskultur ist die Sache von allen gemeinsam. Wir
sagen das hoffentlich ganz laut, bevor die Stimmungsmacher die Oberhand gewinnen können. Auch wenn
uns in Bremen die Unterbringung oder Einzelfälle von
kriminellen minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen
vielleicht Probleme machen, wir haben Sicherheits- und
Sozialsysteme, die uns eine Aufnahme ermöglichen. Die
überwältigende Mehrheit will hier friedlich leben und
sich schnell integrieren. Als Christ und Politiker sage
ich: Wir wollen, dass sie hier sind, sie sind willkommen.
Herr Klou, Sie sind als ökumenischer Botschafter nach Deutschland gekommen. Worauf freuen
Sie sich besonders?
Klou: Ich bin mit vielen Ideen gekommen, möchte aber
vor allem neue Impulse für meine Arbeit als Lehrer und
in der Kirchengemeinde in Togo mitnehmen. In einem
Schulprojekt werde ich u.a. Trommelworkshops durchführen, dabei mit den Schülern einfache afrikanische
Lieder singen – und mit ihnen über die Texte sprechen.
Ich wünsche mir sehr, das daraus eine Partnerschaft mit
meinen Schülern in Afrika entsteht.
Interview/Foto: Matthias Dembski
Grafik: Ulrike Rank
Afrika und Bremen im Dialog
Öffentliche Veranstaltungen
mit Adzima Klou
Donnerstag, 9. Oktober, 15.30 bis 18.30 Uhr
Familienfest in Blockdiek, Grundschule
Düsseldorfer Straße
Sonntag, 12. Oktober, 15 Uhr
Internationaler Gottesdienst in der Kirche
Unser Lieben Frauen
zur 4. Bremer Integrationswoche
Freitag, 24. Oktober, 11.30 bis 14 Uhr
Schulfest Oberschule Koblenzer Straße mit
prominenten Gästen aus Politik und Stadtteil,
mit Theater, Musik und gemeinsamem Essen.
Ausstellung der Arbeiten des Projektes
„Togo vor Ort“.
Freitag, 17. Oktober, 15 bis 18 Uhr
Podiumsdiskussion: „Alt werden in Afrika und
Bremen“, Gemeindezentrum Tenever,
St. Gotthard-Straße 140
Sonntag, 5. Oktober, 11 bis 13 Uhr
Erntedankgottesdienst und Gemeindefest
in Tenever, St. Gotthard-Straße 140
Kontakt zu Adzima Klou
über die Trinitatis-Gemeinde
Pastor Jörg Stefan Tiessen
Telefon 0421/24 04 07-701
tiessen@kirche-bremen.de
Mittwoch, 8. Oktober, 19 Uhr
Podiumsdiskussion:
„Seelische Gesundheit“, Rathaus
www.norddeutschemission.de
www.gossner-mission.de
www.kirche-bremen.de
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Die Bremer Thomasmesse
feiert ihr 20-jähriges Bestehen
Stille, Salbungsöl und Segen
Ich gebe zu: Es reizt mich wenig, an diesem nasskalten
Nachmittag das Haus zu verlassen, um einen Gottesdienst zu besuchen – auch wenn der besonders sein soll.
Angeblich bietet er frustrierten Kirchgängern neue Impulse und lockt Gottesdienstmuffel hinterm Ofen vor.
Mich schließlich auch, denn ich bin neugierig: Ist eine
Thomasmesse wirklich anders?
Der Bremer Dom ist so riesig, dass er erschlagend wirken könnte. All die Nischen und Winkel in der Kirche
laden zum Versteckspiel ein, dennoch sorgen die gotischen Säulen für Klarheit. Unter der Kanzel singt sich
ein Chor ein, manche Töne klingen noch etwas schräg.
Im Altarraum probt eine Sprecherin. Viele Menschen
sind in der Kirche unterwegs. Historisch interessierte
Bremenbesucher oder schon erste Gottesdienstgäste?
„Kirche, die Spaß macht“
„Thomasmesse ist Kirche, die Spaß macht. Man läuft
rum, gestaltet mit, das spricht Menschen mehr an als
ein stummes Sich-Berieseln-Lassen“, erzählt mir Claudia
Hoffmeister vorab. Sie ist Ärztin und gerade von Bremerhaven nach Stade gezogen. Den längeren Weg nach
Bremen nimmt sie aber gerne in Kauf. Die Zusammenarbeit im Team und die klare Struktur einer Thomasmesse
machen für sie jeden dieser Gottesdienste besonders.
Für heute Abend hat sie ein Gebet geschrieben. Bis
zu 30 Ehrenamtliche wirken mit. Auch drei Pastoren
sind dabei. Im ökumenischen Team haben sie dasselbe
Stimmrecht wie alle anderen. Und so predigen an diesem Abend vier Teammitglieder gemeinsam über
„Christen und Nichtchristen“. Ein spannendes Thema,
versöhnende Worte – trotzdem finde ich, dass der Predigteil einer üblichen Verkündigung inhaltlich sehr
nahe kommt.
Anlaufstelle für Neugierige und Zweifler
Dass eine Thomasmesse heute Ungläubige bekehren
kann, davon geht Maria, seit über zehn Jahren im Team,
nicht aus. Aber die Messe könne Neugierigen und Zweiflern eine Anlaufstelle sein: „Wir drucken sogar das Vaterunser auf die Liedzettel.“ Kirchentagsschlager und
Taizé-Gesänge, begleitet von einem E-Piano, sorgen für
Schwung in der Kirche. „Herr, deine Liebe ist wie Gras
und Ufer“, das kennen die Besucher, die meisten singen
mit. Ich auch, ist es doch ein alter Hit aus meinen Kindergottesdiensttagen.
Großes Team – vielfältige Aufgaben
An jedem letzten Sonntagabend im Monat laden die
Bremer zu einer Thomasmesse ein. Jeder im Team hat
eine klar definierte Aufgabe, die aber von Messe zu Messe wechseln kann. An diesem Abend begrüßen Bärbel,
Kathrin und Irmtraud die Gäste am Eingang, Reinhard
und Ruth übernehmen die Seelsorge, Dieter und Maria
betreuen die Gebetsaltäre, Sabine, Günther, Jürgen und
Ingrid segnen. Kai spricht das Dankgebet, beim Verabschieden am Ausgang machen alle mit. Andere haben
organisiert und aufgebaut, die Altäre geschmückt und
Kunst zum Thema gestaltet. „Wir sind alle sehr verschieden, manche haben viel Zeit, die sie zur Verfügung stellen, andere können gut organisieren oder gestalten. Wir
ergänzen uns. Und so stelle ich mir Kirche vor, dass jeder
seine Gaben einbringt“, sagt Anna Lukas. Sie moderiert
heute die Thomasmesse. Wie alle im Team trägt sie einen weißen Schal zu schwarzer Kleidung.
Ein Gottesdienst in Bewegung
„Wir erfahren unsere Spiritualität“ – so steht es nun auf
dem Ablaufplan. Ich werde etwas nervös, assoziiere ich
damit doch vor allem eine gewisse Strenge im Meditieren oder aufgezwungene Gemeinschaft. Doch es kommt
ganz anders. Während der Gebetszeit wandere ich durch
den Dom und mache mich mit den verschiedenen Gebetsstationen vertraut. Auch die meisten anderen Besucher verlassen ihre Plätze, gehen einzeln umher. Wenige
bleiben in den Bänken sitzen, einige scheinen zu beten,
andere unterhalten sich. Schnell bildet sich eine Schlange vor dem Segnungsbereich. Viele lassen sich einzeln
segnen. Der Segnende zeichnet mit Salböl ein Kreuz auf
die Stirn und in beide Hände: „Gott segne dein Denken,
Dein Fühlen und Dein Handeln.“ Einige weinen. „Es gab
eine Phase, da ging es mir persönlich sehr schlecht in
meinem Leben. Zufällig kam ich in die Thomasmesse
und ließ mich segnen. Dabei war die erste Frage: Wie
heißt Du? Und ich fühlte mich so wahrgenommen wie
schon lange nicht mehr“, sagt Sabine, seitdem im Team
der Thomasmesse dabei. Wer das Gespräch sucht, findet
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es bei ausgebildeten Seelsorgern. Es gibt drei Gebetsaltäre, die zum jeweiligen Thema der Messe gestaltet
sind. Was feiern andere Religionen? Was hat für andere
Bedeutung? Von welchen zwischenmenschlichen Regeln
lassen sich andere Religionen leiten? Das sind die Themen der Altäre an diesem Abend. Dort informieren sich
die Menschen, zünden Kerzen an, sprechen ein kurzes
Gebet. Manche suchen den Raum der Stille in der Domkrypta auf, schweigen, beten still. An einer anderen Station schreiben Besucher Gebete auf Zettel – die weißen
werden später laut in der Messe gebetet, bunte Zettel
ausschließlich in der Gebetsgruppe nach der Messe.
Gelöst-meditativ ist die Stimmung in diesen 20 Minuten. Erfüllt kehre ich an meinen Platz zurück. Die Vielfalt
an Angeboten gibt mir das Gefühl, ernst genommen zu
werden. Sie bietet mir Gelegenheit zu erfahren, was mir
gut tut. Und doch bleibe ich nicht allein.
Thomasmesse
Festgottesdienst
„Wege des Glaubens“
20 Jahre
Thomasmesse in Bremen
Sonntag, 26. Oktober 2014
17 bis 19 Uhr im St. Petri Dom
www..thomasmessebremen.de
www.stpetridom.de
www.kirche-bremen.de
Sehr persönliche Fürbitten
Die Gebetsgruppe trägt die Fürbitten vor. „Herr, hilf meinen Kindern, ihre Unstimmigkeiten zu klären. Und falls
sie das nicht hinkriegen – gib bitte meinen drei Enkelkindern Kraft.“ „Herr, lass mich das Ergebnis der morgigen Untersuchung annehmen. Ich weiß, du bist bei mir.“
Jedem steht es frei, das anschließende Abendmahl zu
besuchen, die Gemeinschaft zu feiern. Manche verlassen
den Dom, einige bleiben in den Bänken sitzen.
Gut zwei Stunden dauert die Thomasmesse – das ist
lang für einen Gottesdienst. Langweilig war mir trotzdem nicht. Es tat gut, eigene Wege zu gehen. Und diese Wege münden zu lassen in anfangs unverbindlicher,
aber dann doch warmer Gemeinschaft. Ich trete durch
das Domportal hinaus. Trotz der vielen Stufen ist die
Schwelle niedrig.
Text: Iris Macke/ Andere Zeiten e.V.
Fotos: Jens Lehmkühler
www.anderezeiten.de
Der Andere Advent
Der Verein Andere Zeiten gibt in diesem Jahr seinen 20. Kalender „Der Andere Advent“ heraus.
Vom 29. November bis zum 6. Januar lädt er mit
Texten und Bildern dazu ein, die Advents- und
Weihnachtszeit neu zu erleben. Der Kalender, der
auch in Blindenschrift erhältlich ist, kostet acht
Euro plus Versandkosten und ist zu bestellen bei:
Andere Zeiten e.V., Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Telefon (040) 47 11 27 27. In Bremen kann
man ihn auch im Evangelischen Informationszentrum Kapitel 8, Domsheide 8, kaufen.
www.anderezeiten.de
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wir möglichst schnell Einzelwohnungen, Integration
im Stadtteil, Sprachförderung, Kita- und Schulplätze
sowie möglichst viele Kontakte in der Nachbarschaft.
Unsere gemeinsame Aufgabe besteht nicht nur darin,
Feldbetten aufzustellen.
Bürgermeister Jens Böhrnsen über
das Revolutionäre der Reformation,
eine Willkommenskultur für Flüchtlinge
und Gewissensentscheidungen am
Ende des Lebens
„Wir brauchen die
Friedens-Stimme
der Kirche“
Bezahlbarer Wohnraum fehlt in Bremen, worauf das Aktionsbündnis „Menschenrecht auf
Wohnen“, in dem auch Kirche und Diakonie aktiv
sind, immer wieder kritisch hinweist. Wann können die vielen Betroffenen mit einer spürbaren
Verbesserung beim Wohnungsangebot rechnen?
Gutes und bezahlbares Wohnen ist ein Menschenrecht.
Bremen ist eine wachsende Stadt, was uns freut, aber
auch eine Herausforderung ist. Mein Ziel ist, dass nicht
nur für Gutbetuchte gebaut wird und sich die Stadtteile
nicht weiter auseinander entwickeln. Das Bündnis für
Wohnen des Senats hat alle Beteiligten zusammengebracht, auch das Aktionsbündnis ist dabei, ebenso
wie Bauwirtschaft und Wohnungsbaugesellschaften.
In der Überseestadt entstehen gerade 150 bezahlbare
Wohnungen in einem Gebiet, wo sonst nur hochpreisig
gebaut wurde. Ich sehe mit Freude, dass monatlich 70
Flüchtlinge mit Hilfe der Gewoba Wohnungen bekommen.
Das zeigt, dass wir eine städtische Wohnungsgesellschaft
brauchen, sonst wäre das nicht möglich.
Politik wie Kirchen beschäftigt derzeit die
Sterbehilfe. Noch liegen keine Gesetzentwürfe
vor. Was ist Ihre Position?
Am diesjährigen Reformationtag predigen Sie
in Alt-Hastedt. Was bedeutet Ihnen das Erbe
der Reformation, deren Jubiläum 2017 gefeiert
wird?
Schon im Konfirmandenunterricht meiner Grambker
Heimatgemeinde hat mich die Geschichte der Refor­
mation fasziniert. Ich habe den Mut der Theologen in
der Reformationszeit bewundert, die Menschen aus
ihrer Unmündigkeit befreit und sie zu eigenem Denken
und Glauben angeregt haben. Im Jurastudium habe
ich erst richtig verstanden, welche Prägungen wir im
Recht, in der Kultur, im Staatsverständnis und unserer
demokratischen Entwicklung durch die Reformation
erfahren haben. Das Revolutionäre der Reformation
ist, dass wir uns durch die Botschaft Jesu Christi frei
fühlen können, unseren eigenen Glauben zu durchdringen und Gewissensentscheidungen zu treffen. Erstmals
konnten sich Menschen selbst ein Bild vom Inhalt der
Bibel machen, weil diese ins Deutsche übersetzt wurde.
Wir sind frei, unsere eigene Überzeugung zu finden und
dazu zu stehen. Diese Freiheiten können uns von keinem
Menschen genommen werden, weder von Obrigkeiten,
Staaten, noch von Gesellschaftsformen. Die universellen Menschenrechte haben ihren Ausgangspunkt auch
in der Reformation. Über die Aufklärung haben sie
Eingang in unser Grundgesetz gefunden.
Welcher politische Auftrag erwächst für Sie aus
der Reformation?
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Sich einzumischen und sich zu engagieren, nicht
gleichgültig über das Schicksal der Welt und der
Mitmenschen hinwegzusehen, gehört für mich zum
Christsein unbedingt dazu. Armenfürsorge, Teilhabe
und Bildung gehören zur Geschichte der evangelischen
Gemeinden auch in Bremen. Unsere Gesellschaft hat
eine Tendenz zur Individualisierung, das private Glück
steht für viele Menschen im Vordergrund. Freiheit und
Verantwortung gehören aber zusammen. Die direkte
Linie von der Reformation über die Aufklärung bis
zur Erklärung der Menschenrechte bedeutet, dass wir
uns stärker als gesellschaftliche Wesen begreifen und
verhalten müssen. Wir sollen die Welt ein kleines Stück
besser machen, ob es um Wohnungslosigkeit oder
die Chancen von Kindern und Jugendlichen geht. Da
haben wir viele Aufträge und sie sind noch längst nicht
alle erfüllt.
Wie charakterisieren Sie das Verhältnis von
Kirche und Politik?
Ich erhoffe mir von meiner evangelischen Kirche, von
der ich ein Teil bin, dass sie immer wieder den Finger in
die Wunde legt, wo Menschen diskriminiert oder ihrer
Menschenwürde beraubt werden. Die Kirche muss für
Liebe statt Hass, für Kümmern statt Gleichgültigkeit
einstehen. Ich sehe sehr viele engagierte Christen in
Bremen. Dieses Engagement ist beispielhaft und macht
mich zuversichtlich. Keine andere Organisation ist in
den Stadtteilen, in den Nachbarschaften und Familien
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so präsent, wie unsere Kirchengemeinden. Sie spüren,
was in Bremen notwendig ist. Deshalb wünsche ich
mir einen engen Dialog von Kirche und Politik. Ein
Beispiel ist die Unterbringung von Flüchtlingen, eine
Willkommenskultur für Menschen, die bei uns Zuflucht
suchen. Dabei sind Kirchengemeinden, aber auch andere Religionsgemeinschaften, eine ganz wichtige Stütze.
Bremen hat massive Probleme, Flüchtlinge
angemessen unterzubringen. Hat die Politik
zu lange die Augen vor den weltweiten Flücht­
lingsbewegungen verschlossen?
Anders als in den neunziger Jahren, als schon einmal
viele Menschen bei uns Zuflucht suchten, stoßen die
Flüchtlinge nicht mehr auf Ablehnung. Viele sehen
im Fernsehen die Bilder, lesen in den Zeitungen von
den Schicksalen und den furchtbaren Erlebnissen
z.B. im Irak oder Syrien. Niemand kann sich der
Notwendigkeit entziehen, dass hier geholfen werden muss. Die Nachbarländer z.B. zu Syrien nehmen
ganz andere Zahlen von Flüchtlingen auf. Ich gebe
zu, dass ich vor einem Jahr nicht damit gerechnet
hätte, dass 2014 ein so kriegerisches Jahr wird. Mit
der Ukraine und dem Irak sind weitere Konfliktherde
dazu gekommen. Diese brutalen Eskalationen waren
nicht absehbar. Für die Menschen, die aus Syrien und
dem Irak kommen, wird eine Rückkehr auf lange Zeit
unmöglich sein. Deshalb ist Integration vom ersten
Tag an wichtig. Statt Sammelunterkünfte brauchen
Diese Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein
beantworten. Vor der rechtlichen Dimension kommt die
ethische. Ich begrüße, dass die Debatte nicht anhand
von Parteifarben geführt wird, weil es am Ende um eine
Gewissensentscheidung geht. Mit der Sterbehilfe dürfen
keine Geschäfte gemacht werden. Eine Ökonomisierung
dieser Frage wäre schrecklich. Ich glaube, angesichts
des Schicksals eines Familienangehörigen kann das
Gewissen in einer konkreten Situation in die eine oder
andere Richtung ausschlagen. Vieles, was ich theoretisch gedacht habe, hat sich im Zusammenhang mit
dem Tod meiner damaligen Ehefrau vor sieben Jahren
mit anderen Gedanken vermischt. Diese zutiefst individuelle Frage möchte ich nicht als Bürgermeister beantworten, sondern weiter privat bewegen. Es ist aber ein
gutes Zeichen, dass über diese Frage breit diskutiert
wird, auch in unseren Parlamenten.
Eine Alternative zur Sterbehilfe ist eine gute
Palliativ-Versorgung, die unheilbar Kranken
Ängste und Schmerzen nehmen kann. Wie lässt
sich das Platzangebot verbessern?
Insgesamt haben wir Fortschritte gemacht, aber das
Angebot reicht nicht aus. Staatliche Stellen, kommunale Kliniken, gemeinnützige Träger, Krankenkassen
und Ehrenamtliche dürfen in der Zusammenarbeit
nicht nachlassen, um hier mehr zu erreichen. Wir
müssen unsere ethische Grundhaltung durch eine
gute Palliativversorgung für die Menschen erfahrbar
machen. Wir brauchen multiprofessionelle Teams, die
aus einer Hand die Versorgung Sterbenskranker über-
nehmen, daneben natürlich auch die ehrenamtliche
Hospizbewegung für die Sterbebegleitung. Gerade im
häuslichen Bereich muss die Versorgung verbessert
werden.
Thema Bremer Bestattungsrecht: Sie haben
zwischenzeitlich verfassungsrechtliche Beden­
ken angemeldet. Haben Sie noch immer Bauch­
schmerzen?
Meinen Bauch hat das Thema weniger beschäftigt,
eher meine Seele. Wenn unser deutsches Grundgesetz
die Würde des Menschen als absoluten Maßstab
des Handelns ansieht, dann strahlt das auch auf
den Umgang mit dem toten Menschen aus. Deshalb
müssen wir für eine würdevolle Bestattung sorgen.
Das ist nicht nur eine individuelle Entscheidung von
Familienangehörigen, sondern wir brauchen dazu auch
einen gesellschaftlichen Konsens. Unsere Gesellschaft
und damit die individuellen Wünsche sind vielfältiger geworden. Muslime sollen entsprechend ihrer
Gebräuche bestattet werden können. Es ist selbstverständlich, dass wir Verstorbenen ohne Geld und
Angehörige eine würdevolle Sozialbestattung ermöglichen. Die Mitnahme der Urne nach Hause konnte ich
mit meiner Vorstellung von Würde nicht vereinbaren.
Man darf Trauer nicht privatisieren, indem man Andere
ausschließt, die nicht an einem allgemein zugänglichen
Ort jederzeit trauern können. Deshalb bin ich froh, dass
dieser Vorstoß entfallen ist. Die Regierungsfraktionen
haben sich verständigt, dass die Asche künftig auch
auf privatem Grund verstreut werden darf. Ich akzeptiere diese Verständigung, hätte mir aber gewünscht, dass
auch in diesem Fall sichergestellt wird, dass andere
Menschen Zugang zum Bestattungsort haben. Im Kern
ist der Kompromiss eine angemessene Regelung.
Die Gesellschaft ist vielfältiger, auch im religiösen Bereich. Umso wichtiger ist es, etwas
über die eigene, wie andere Religionen auch
in der Schule zu erfahren. Der „Biblische
Geschichtsunterricht“, wie er bislang hieß, ist
meist ausgefallen. Mit Beginn dieses Schuljahres
gibt es das Fach „Religion“. Wird sich dadurch
die religiöse Bildung an Bremens Schulen verbessern?
Es hat sich was getan, nach langen, guten, konstruktiv-kontroversen Gesprächen zwischen den
Religionsgemeinschaften, Fachlehrern und der Politik
haben wir eine Lösung, die sich im Schulleben
bewähren muss. Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen, wie auch
Konfessionslose sollen sich begegnen und etwas über
Religion erfahren und so möglicherweise die Grundlage
für ihren eigenen Glauben entwickeln. Diese Idee eines
gemeinsamen Unterrichts führen wir weiter. Es ist
ein staatlicher Unterricht, der von den Kirchen und
Religionsgemeinschaften begleitet und gemeinsam mit
ihnen weiter entwickelt wird. Wir holen die religiöse
Vielfalt in die Schule, Religionen begegnen sich im
Dialog. Diese Idee muss sich jetzt in der Praxis bewähren, d.h. der Unterricht darf nicht mehr so häufig ausfallen. Die Schülerinnen und Schüler verstehen etwas
voneinander, erkennen das Verbindende. Das trägt zu
Respekt und Toleranz, einem guten Miteinander bei.
Eine andere Gewissensfrage ist die Friedensethik.
Die Frage eines militärischen Eingreifens im
Irak wird innerhalb der evangelischen Kirche
durchaus unterschiedlich gesehen. Hilft diese
Vielstimmigkeit der Politik?
Das sind Gewissensfragen, weil man sowohl Schuld
auf sich laden kann, indem man etwas tut, wie
dadurch, dass man etwas unterlässt. Die Kirche hat
gerade in solchen Fragen die Aufgabe, feste politische
Überzeugungen in Frage zu stellen und zu mahnen.
Sie muss im Zweifel immer auf der Seite derer stehen,
die friedliche Mittel anwenden wollen. Sie darf nie
für eine gewaltsame Lösung von Konflikten werben,
so gut diese Positionen vielleicht auch im Einzelnen
begründet sein mögen. Die Kirche sollte in solchen
Gewissensentscheidungen den Zweifel betonen und
nicht die angebliche Überzeugungskraft der militärischen Seite unterstützen. Andere Stimmen gibt’s schon
genug, wir brauchen die Friedens-Stimme der Kirche.
Interview/Foto: Matthias Dembski
Festgottesdienst am Reformationstag
„Reformation und Politik“
Freitag, 31. Oktober 2014, 19.00 Uhr
in der Kirche Alt-Hastedt, Bennigsenstr. 7a
Festprediger: Bürgermeister Jens Böhrnsen
mit dem Knabenchor Unser Lieben Frauen und demHastedter Posaunenchor mit anschließendem Abend
der Begegnung im Gemeindehaus
Benefizkonzert für traumatisierte Flüchtlinge
zugunsten von „Refugio“
Freitag, 14. November 2014, 19.30 Uhr
in der Kulturkirche St. Stephani
mit dem Jugendsinfonieorchester Bremen Mitte
und dem syrischen Ensemble Damascus Quintett
(Eintritt 24/16 Euro)
Kunstprojekt „Krieg & Frieden“
in der Kulturkirche St. Stephani
Gemälde und Installationen in den gotischen Bögen
der Kirche von Bremer Künstlerinnen und Künstlern
Öffnungszeiten der Ausstellung
(bis zum 6. Februar 2015):
Dienstag - Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr
www.kirche-bremen.de
www.kulturkirche-bremen.de
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„Irgendwas stimmt mit dir nicht...“
dafür interessiert. Ich war völlig gleichgültig, habe
mich um nichts mehr gekümmert.
„Du musst wieder Boden unter die
Füße kriegen“
Ich habe meinen Fahrradanhänger mit Zelt und dem
Nötigsten vollgepackt und zwei Monate am Unisee
gezeltet, es war ja Sommer. Zum Essen und Duschen
war ich bei meinen Kumpels. Einer sagte mir damals
auf den Kopf zu: „Irgendwas stimmt mit dir nicht! Du
musst wieder Boden unter die Füße kriegen.“ Noch
heute bin ich ihm dafür dankbar, dass er mich ins
Auto gepackt und zum Papageienhaus gebracht hat.
Er selbst konnte mich nicht in seiner Wohnung aufnehmen, weil er gerade Vater geworden war. Im November
bin ich hier angekommen, nur mit den Sachen, die ich
auf dem Leib hatte. Glücklicherweise bekam ich relativ
schnell einen Platz im Intensiv begleiteten Wohnen
(IBEWO), das sowohl im Papageienhaus wie auch
teils in Übergangswohnungen des Vereins für Innere
Mission angeboten wird. Ich bin froh, an einem so
zentralen Ort zu sein.
Wieder ein Dach über dem Kopf
Im letzten Jahr bin ich in eine persönliche Krise
gerutscht, weil meine Mutter gestorben ist, die ich
seit 2001 begleitet und gepflegt habe. Ich hatte zwar
Hilfe von einem Pflegedienst, aber durch ihren Tod
habe ich diese Aufgabe verloren und bin in ein tiefes
Loch gefallen. Es war alles weg. Wir hatten eine ganz
enge Bindung, auch wenn ich noch sechs weitere
Geschwister habe. Meine Mutter hatte sieben Kinder
durchgebracht, immer gearbeitet. Mein Vater war
Alkoholiker, aber sie war trotz aller Belastungen immer
für uns da – auch wenn meine Geschwister teilweise
rummäkeln, sie hätten nicht genug Liebe bekommen.
Für mich war klar: Ich kümmere mich, wenn sie nicht
Blick über Bremen
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mehr kann. Deshalb wohnten wir in den letzten Jahren
auch wieder zusammen. Sie wurde pflegebedürftig,
bekam einen Bypass und hat sich die letzten drei Jahre
nur noch dahin geschleppt. Aufgrund ihrer Inkontinenz
ging sie auch nicht mehr raus, zuletzt bewegte sie sich
nur noch, wenn auch mühsam, in der Wohnung. Sie war
geistig noch fit, aber aus Scham ist sie sozial weiter vereinsamt. Ihr Lebenswille schwand, aber sie wollte auf
keinen Fall ins Heim. Sie ist so gestorben, wie sie es sich
gewünscht hat, zu Hause im Sessel vor dem Fernseher
friedlich eingeschlafen.
gekümmert, als meine Geschwister. Diese Erlebnisse
und Äußerungen haben mir gezeigt, dass ich mich eher
auf Leute verlassen kann, die nicht zur eigenen Familie
gehören. Ich will deshalb keinen Kontakt mehr zu
meinen Geschwistern, nur mit meinem ältesten Bruder
telefoniere ich noch. Sie wissen alle, wo ich gelandet
bin. Ich habe noch gute Kontakte zu Freunden, wir treffen uns noch, z.B. zum Fußballspielen, oder ich werde
eingeladen. Aber ich lasse die Leute nicht mehr so nah
an mich heran. Ich bin ein Eigenbrötler geworden, das
ist man auf dem Lkw auch.
Nur um die Mutter gekümmert
„Es war mir plötzlich alles egal“
Seit 2008 hatte ich meinen Job als Lkw-Fahrer soweit
zurückgefahren, dass ich mich intensiver kümmern
konnte, schließlich bin ich ganz ausgestiegen. Ich habe
noch eine Zeit Arbeitslosengeld I bezogen, danach aber
keinen Antrag mehr für Hartz IV gestellt. Somit hatte ich
schon zu Lebzeiten meiner Mutter keine eigene finanzielle Versorgung mehr. Die letzten zwei Jahre habe
ich mit von der Rente meiner Mutter gelebt. Als meine
Mutter gestorben war, gab es innerhalb der Familie
Stress um das Erbe. Ich habe einen Konflikt mit meinen
Geschwistern, die mir vorwerfen, mich nur wegen des
Geldes um unsere Mutter gekümmert zu haben. Das
Wort „Erbschleicher“ fiel, dabei sind nur die drei Enkel
in den USA, an denen sie besonders hing, bedacht worden. Ich hatte sehr am Verhalten meiner Geschwister zu
knapsen, als Mutter gestorben war. Schon zu Lebzeiten
hatten sich gute Bekannte und Freunde mehr um sie
Nach Mutters Tod habe ich mich total eingeigelt, denn
sie war ein ganz wichtiger Mensch in meinem Leben.
Mein Bruder wollte mir bei der Wohnungsauflösung
helfen, aber ich habe dicht gemacht. Ans Telefon
bin ich nicht mehr gegangen, habe die VermieterPost ignoriert: Acht Monate Miete plus Strom- und
Nebenkostenrechnungen habe ich nicht gezahlt. Ich
war beratungsresistent, der Psychologische Dienst
kam, aber ich habe alle Hilfen angelehnt. Auch die
Räumungsklage habe ich ignoriert. Ich habe auf
niemanden gehört, auch nicht auf meinen besten
Kumpel. Es war die Trauer, aber es war mir plötzlich
auch alles scheißegal. Ich bin irgendwann einfach aus
der Wohnung abgehauen. Die Sachen meiner Mutter
hatte mein Bruder bekommen, meinen Hausrat ließ
ich einfach zurück – die Sachen sind mit der Räumung
vermutlich entsorgt worden. Ich habe mich nicht mehr
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
Das Jakobushaus
Man muss an der Situation arbeiten
Einen IBEWO-Platz zu bekommen setzt voraus, dass
man bereit ist, an seiner Situation zu arbeiten, damit
sich etwas verändern kann. Man rutscht heutzutage
schnell in die Wohnungslosigkeit hinein. Hier bekommt
man Hilfen, muss aber auch eigenen Antrieb zeigen
und mitarbeiten. Ich habe meinen Lebenslauf abge-
liefert und Menschen getroffen, die sich für meine
Situation wirklich interessierten. Über ProJob, den
Beschäftigungsdienstleister der Inneren Mission, arbeite ich seit Februar 30 Stunden als Haushaltshelfer
im Jakobushaus und kümmere ich mich um Wäsche,
unterstütze den Hausmeister, begleite Bewohner und
erledige kleine Reparaturen. Wer ein kaputtes Gerät
hat, kommt damit zu mir, weil sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass ich dafür ein Händchen habe.
Einmal die Woche bin ich in einer Kochgruppe aktiv,
die auswärts stattfindet. Ich habe inzwischen einige Leute kennengelernt, die zum Teil auch nicht
mehr im Papageienhaus wohnen. Wir grillen, gehen
ins Kino oder machen gemeinsam Ausflüge, z.B. ins
Eisenbahnmuseum nach Hamburg. Das Jakobushaus
hat vielleicht nicht den besten Ruf, sieht auch nicht
mehr besonders schön aus, aber es hilft Leuten, wieder auf die Beine zu kommen. Hier entstehen auch
Freundschaften, die helfen, wenn man hier raus ist.
Wieder ohne Stützräder fahren
Ich könnte nie den ganzen Tag in meinem Zimmer
hocken, ich muss etwas zu tun haben. Man braucht selber den Ansporn und natürlich auch die Unterstützung
der Betreuer hier im Haus. Die Beratungsmöglichkeiten
haben mir geholfen, mein Leben wieder neu zu ordnen. Ich bin selbständiger geworden. Wer irgendwann
wieder auf eigenen Beinen stehen will, darf sich nicht
alles aus der Hand nehmen lassen. Es geht darum, dass
ich irgendwann wieder ohne Stützräder selbständig
durchs Leben fahren kann. Jeder, der wohnungslos
und hier gelandet ist, weiß, wie er in diese Lage
geraten ist. Hier tankt man Selbstbewusstsein, weil
man Anerkennung für die Schritte bekommt, die man
selber geht. Vor allem bekommt der Tag wieder eine
Struktur: Man hat etwas zu tun, muss morgens hoch.
Ich mache Arzt- und Behördengänge allein, habe
mich um mein Privatinsolvenzverfahren gekümmert,
das insgesamt sechs Jahre dauern wird. Jetzt geht es
eigentlich nur noch darum, dass ich wieder in eine
eigene Wohnung ziehen kann. Ich wünsche mir, dass
aus der Arbeitsgelegenheit ein fester Hausmeisterjob
wird. Aufgrund meines Alters dürfte es schwer werden,
auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.
Aber meine Sachbearbeiterin im Jobcenter und ich
haben einen klaren Umgang miteinander: Ich halte die
Termine ein und sie hat gemerkt, dass ich mich wieder
integrieren will.
Hannes (53) über
Wohnungslosigkeit
und Neuaufang
ner Arbeitsgelegenheit. Ich sehe die Wohnungssuche
trotz aller Schwierigkeiten gelassen: Ich habe hier ein
Dach über dem Kopf, kann kochen, habe ein ordentliches Bett, meine Aufgaben und Kontakte. Wenn die
passende Kleinwohnung da ist, freue ich mich, aber ich
warte das gelassen ab.
Protokoll/Fotos:
Matthias Dembski
Wohnungslosenhilfe
des Vereins für Innere Mission
Intensiv Begleitetes Wohnen (IBEWO)
Ansprechpartner: Axel Brase-Wentzell
Telefon 0421/3 22 99 3-11
brase-wentzell@inneremission-bremen.de
Spendenkonto
Verein für Innere Mission,
Stichwort „Wohnungslosenhilfe“
Konto 107 7700
bei der Sparkasse Bremen, BLZ 290 501 01
IBAN: DE22 2905 0101 0001 0777 00
BIC: SBREDE22XXX
Hilde Adolf Preis 2014
Der Preis der Bürgerstiftung Bremen geht in diesem
Jahr an das Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht
auf Wohnen.
Dienstag, 14. Oktober 2014, 17.00 Uhr
Festsaal im Haus der Bürgerschaft
Anmeldungen bis zum 6.10.2014 unter
info@buergerstiftung-bremen.de
Telefon 0421/24 34 104
www.inneremission-bremen.de
www.menschenrecht-auf-wohnen.de
www.buergerstiftung-bremen.de
Kein Absturz, sondern eine Chance
Ich bin jetzt 53 und sehe meine Wohnungslosigkeit
und Privatinsolvenz nicht als Absturz. Ich bin hier gut
aufgehoben und habe die Chance, wieder neu anzufangen. Bis ich wieder in eine eigene Wohnung ziehen
kann, wird es wohl noch dauern. Der Wohnungsmarkt
ist abgegrast, etwas Bezahlbares zu finden ist schwierig, denn ich lebe von Hartz IV und dem Lohn aus meiwww.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
17
Im Hospiz
Zu Hause
In Bremen gibt es zwei stationäre Hospize
in Walle und in Schönebeck.
Der Palliativdienst begleitet Menschen in
ihrem vertrauten Umfeld.
Auf Station
Im Klinikum Links der
Weser versorgt die Palliativstation
sterbenskranke Patienten.
Da-sein
Nein, die Schmerzpumpe wie auch andere medizinischtechnischen Möglichkeiten sind nicht entscheidend bei
der Versorgung von sterbenskranken Patienten. Oberarzt Dr. Christof Ronge vom Team der „Spezialisierten
Ambulanten Palliativversorgung“ (SAPV) führt den kleinen Apparat vor, den zum Beispiel unheilbar an Krebs
Erkrankte mit sich führen können. Auf Knopfdruck versorgt sie der kleine Automat mit einer voreingestellten
Dosis eines Medikaments. „Solche Geräte können helfen, die Lebensqualität zu erhöhen, aber eine Garantie
für Schmerzfreiheit bieten sie keinesfalls. Das muss man
offen sagen. Viel wichtiger ist eine verlässliche Versorgung und intensive Begleitung der Patienten“, betont
Ronge. „Auch wenn wir die Symptome schwerer Erkrankungen bei allen Bemühungen nur unzureichend unter
Kontrolle bekommen, reicht das für viele Menschen aus
und sie fühlen sich gut versorgt. In der Unwägbarkeit
einer schweren Erkrankung mitzugehen, ist für uns als
Palliativdienst das Entscheidende, nicht die Aussage:
‚Wir kriegen das medizinisch schon in den Griff‘, die wir
möglicherweise nicht einlösen können.“
Die meisten wollen zu Hause sterben
Der Ambulante Palliativdienst begleitet und versorgt
mit seinem Team aus Ärzten, Pflegefachkräften, Seelsorgerinnen und Psychologen die todkranken Patienten
zu Hause. Die meisten von ihnen leiden an aggresivem
Krebs oder Nervenerkrankungen – mit „eskalierten Symptomen“. Das bedeutet, sie können über Hausarzt und
Pflegedienst nicht mehr ausreichend betreut werden.
Wenn normale Versorgungsmöglichkeiten an Grenzen
stoßen, kann der Hausarzt SAPV verschreiben – in der
Hoffnung, dass das Team kurzfristig freie Kapazitäten
hat. Die meisten Menschen aus dieser Patientengruppe
wünschen sich, in ihrer vertrauten Umgebung sterben
18
zu können. In Bremen hat das eine Team allerdings nur
Kapazitäten von 18 bis 20 SAPV-Plätzen, obwohl es seit
2007 ein Rechtsanspruch auf Palliativversorgung im
häuslichen Umfeld gibt. Hochrechnungen gegen davon
aus, das mindestens 55 Plätze dauerhaft in Bremen nötig wären, um den Bedarf zu decken.
„Was ‚Allgemeine Palliativversorgung‘ ist, hat man
bisher noch gar nicht definiert. Die SAPV trifft immer
wieder auf Patienten, die noch gar nicht schmerzmedizinisch eingestellt wurden. Die Basisversorgung und
eine ethische Beratung sind nicht selten unzureichend,
wenn sich nicht engagierte Hausärzte und Onkologen
z.B. auf diesem Gebiet einsetzen, denen oft die Zeit dafür fehlt“, kritisiert Dr. Hans-Joachim Willenbrink, Chefarzt der Palliativstation im Klinikum Links der Weser.
Neben dieser Station und der SAPV gibt es in Bremen
noch zwei stationäre Hospize und zahlreiche ambulante Hospizdienste zur Begleitung Sterbender. „Statt nur
über assistierten Suizid zu diskutieren, sollten wir unser
Augenmerk auf die offensichtlichen Versorgungslücken
richten“, fordert Willenbrink.
Krisensituationen eine Notrufnummer wählen, täglich
bekommen sie Besuch von Mitgliedern des Teams. Die
Versorgung der körperlichen Probleme ist dabei nur ein
Aspekt. „Um die Verzweifelung zu lindern, ist die psychosoziale, aber auch die spirituelle und seelsorgerliche
Unterstützung für viele Betroffene sehr wichtig“, sagt
Silvia Teuwsen, Seelsorgerin der Bremischen Evangelischen Kirche im SAPV-Team. „Die Einsicht, nicht alles
bis zum Lebensende in der Hand zu haben und regeln
zu können, ist zunächst schmerzlich.“ Die Unterstützung
der Angehörigen, die durch die häusliche Versorgung
besonders herausgefordert sind, gehört ebenso zu Silvia Teuwsens Aufgaben. „Es gibt oft Zweifel, ob die Situation zu bewältigen ist. Als Seelsorgerin vermittle ich
zwischen Patienten und Angehörigen.“ Schuldfragen,
das Verhältnis und Konflikte in der Familie, aber auch
die eigene Glaubens-Geschichte, werden von den Patienten angesprochen. „Der größte Wunsch ist, im Frieden mit den Kindern und der Familie aus diesem Leben
zu gehen.“ Mit Gott haderten die wenigsten. „Ich erlebe
einen sehr lebensklugen Umgang mit dem Schicksal,
das den Patienten auferlegt ist, eine teils beeindruckende Gelassenheit und die Erkenntnis, dass unser Leben
ein Geschenk Gottes ist, über das nicht wir verfügen.“
Angst vor dem Alleinsein und Schmerzen
Möglichkeiten jenseits der Sterbehilfe
Die meisten Menschen haben am Lebensende Angst
vor Schmerzen und dem Alleinsein. Tragfähige, verlässliche Versorgungsstrukturen sind im Kampf gegen diese Ängste ein gutes Argument. Kontrolle und Therapie
von Schmerzen, Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Ängsten
und Schlaflosigkeit, aber auch die Versorgung ausgedehnter Tumorwunden gehören für das SAPV-Team
zum Arbeitsalltag. Ganz ähnlich wie auf der Palliativstation. Rund um die Uhr können SAPV-Patienten in
Zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln der Deutschen
sprechen sich in Umfragen dafür aus, Sterbehilfe zu erlauben. „Eine Euphorie, die auch aus Unkenntnis anderer Möglichkeiten kommt“, meint Christof Ronge, Arzt
im SAPV. „Ärzte können Therapien unterlassen, Versorgungen einstellen und Menschen so – ohne aktives
Zutun – sterben lassen. Sterben-Lassen setzt aber eine
wesentliche aktivere, eigenverantwortlichere Entscheidung des Patienten voraus, als wenn jemand kommt
Basisversorgung nicht geregelt
bremer kirchenzeitung Oktober 2014· www.kirche-bremen.de
Dr. Christof Ronge (rechts) vom
Ambulanten Palliativdienst und
Dr. Hans-Joachim Willenbrink,
Chefarzt der Palliativstation im
Klinikum Links der Weser (links).
Statt über Sterbehilfe zu diskutieren,
müssen Versorgungslücken
für Sterbende geschlossen werden
und ihnen den Giftcocktail reicht. Sie muss aber notwendigerweise eng begleitetet werden.“ Denn beim assistierten Suizid wird der Arzt zum Beteiligten, weil der
Patient das Gift z.B. nicht mehr allein beschaffen oder
auch trinken kann. Geht es nach der Bundesärztekammer, wird diese Beteiligung am Suizid eines Patienten
mit Berufsverbot und demnächst womöglich auch strafrechtlich geahndet.
„Dogmatische Antworten helfen nicht“
Der Begleitung von Patienten mit Suizidwunsch dürften Ärzte sich keinesfalls entziehen, meint dagegen
Hans-Joachim Willenbrink, Leiter der Palliativstation
im Klinikum Links der Weser. „Nicht durch die Hand
eines Arztes, aber an der Hand eines Arztes stirbt der
Patient dann. Letztlich ist das eine Gewissensfrage,
die jeder Arzt mit sich selber ausmachen muss und
die sich nicht rechtlich regeln lässt.“ Dogmatische Antworten helfen nicht weiter, ist die Erfahrung der Ärzte:
„Natürlich hören wir Wünsche nach Sterbehilfe. Wenn
Menschen die konkreten Versorgungsmöglichkeiten erleben, ändert sich diese Haltung meist. Wir nehmen das
Selbstbestimmungsrecht des Patienten sehr ernst und
versuchen, seine Wünsche möglichst genau zu erspüren
und umzusetzen.“ Wer nicht mehr leben will, der kann
z.B. auf eine weitere künstliche Ernährung verzichten –
ohne dass das Wort „Sterbehilfe“ im Raum steht. „Die
Herausforderung, den Willen des Patienten umzusetzen
und überlebensnotwendige Dinge einzustellen, ist sehr
groß.“ Ronge erzählt von einer Patientin, die mit fortschreitender Lähmung eine Atemmaske brauchte, um
nicht zu ersticken. „Die wollte sie nach halbjähriger
palliativmedizinscher Begleitung durch uns nicht mehr
tragen. Hätten wir sie abgenommen, wäre die Patientin
qualvoll erstickt. Wir haben sie schlafen lassen, so dass
sie das von ihr gewünschte Einstellen der Beatmung
nicht mehr gespürt hat. Das ist rechtlich möglich.“ Die
Entscheidung wurde im Team diskutiert und auch ihre
Familie wurde psychotherapeutisch begleitet.
‚lebensunwertem Leben‘“, stellt Hans-Joachim Willenbrink fest.
„An der Hand des Arztes sterben, nicht
durch die Hand des Arztes“
Wie auch immer die Politik die kniffelige Rechtsfrage
regelt: Eine Patientenverfügung und vor allem eine Betreuungsvollmacht für eine Person des Vertrauens ist in
jedem Fall eine Hilfe für Ärzte wie für Angehörige. „Das
setzt ein intensives Gespräch mit Personen meines Vertrauens voraus“, sagt Seelsorgerin Silvia Teuwsen. Die
Vollmacht ist dabei noch wichtiger. Denn eine Patientenverfügung kann nur Eckpunkte für Entscheidungen
vorgeben, aber nicht jeden möglichen Fall voraussehen.
„Das intensive Gespräch mit dem Bevollmächtigten ist
hilfreicher als eine Verfügung aus Textbausteinen, die
sich oft in sich selbst widerspricht“, betont Christof Ronge. Der Satz ‚Ich will an keine Maschine angeschlossen
sein‘, nütze im Ernstfall nichts.
Der derzeitigen Sterbehilfe-Diskussion verschließen können und wollen sich die Ärzte des Palliativteams im Klinikum Links der Weser auf keinen Fall. „Das wäre an der
Realität vorbei.“ Die Debatte um die organisierte, auch
kommerzielle Sterbehilfe will der Bundestag in Kürze
beginnen. Ärztepräsident Montgomery und die überwältigende Mehrheit des Ärztetages hatten sich bereits
2011 dafür ausgesprochen, den ärztlich assistierten Suizid zu verbieten. Ärzte sollten Profis für das Leben, nicht
für den Tod sein, argumentiert der Ärztepräsident. Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) ist bereits heute
verboten. Wer Anderen beim Suizid hilft, muss bislang
nicht mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Ob
man der Sterbehilfe-Diskussion mit standes- oder strafrechtlichen Regelungen begegnen kann, da bleiben die
Bremer Palliativärzte Willenbrink und Ronge skeptisch.
„Letztlich muss die ethische und ärztliche Diskussion im
im Vordergrund stehen, wenn wir im konkreten Einzelfall Therapieentscheidungen treffen.“
Die Diskussion um die Sterbehilfe hat auch im politischen Raum längst begonnen. Wie schnell sie sich ausweiten kann, zeigen Holland oder Belgien. Dort geht
es in der Sterbehilfediskussion längst nicht mehr nur
um schwerstkranke Tumorpatienten. „Das heißt in Holland: ‚Sterben auf Verlangen‘ und das ist Euthanasie
und die geschieht nicht selten ohne Einwilligung des
Betroffenen. Solche Vorgehensweisen hatten wir auch
in der Nazizeit in Zusammenhang mit so genanntem
Mit vertrauten Menschen sprechen
Text/ Fotos: Matthias Dembski
www.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
19
Grenzsituationen
In Grenzsituationen gibt es keine einfachen Antworten.
„Wenn ich einmal schwer krank bin, dann will ich
nicht hilflos dahinsiechen.“ Diese Sicht hatte Frau
M. ihren erwachsenen Kindern immer wieder deutlich gemacht. Sie ließ klar erkennen, dass es ihrer
Meinung nach ein Recht gibt, über den eigenen Tod
zu entscheiden. Nun war sie 80 Jahre alt. Und es
ging ihr sehr schlecht. Sie hatte einen Schlaganfall
erlitten. Eine Lungenentzündung kam hinzu. Es schien
zu Ende zu gehen. Die Kinder wiesen die Ärzte auf
eine Patientenverfügung hin. In den Gesprächen vermittelten die Ärzte ihnen jedoch den Eindruck, dass
der Zeitpunkt zum Sterben noch nicht gekommen sei.
Darum konnten sich die Kinder nicht dazu durchringen,
die Behandlung abzubrechen.
Ist ein sehr eingeschränktes Leben wertlos?
Oft höre ich in Gesprächen von Menschen, dass sie
nicht als Pflegefall enden, sondern dann lieber gleich
sterben wollen. Sie wollen nicht auf andere angewiesen
sein. Sie können es sich nicht vorstellen, an Apparate
angeschlossen im Krankenbett zu liegen. Manchmal
verändert sich dieser Gedanke, wenn jemand tatsächlich schwer krank und pflegebedürftig wird. Manche
können sich nicht vorstellen, anderen zur Last zu fallen. Als sei der Mensch es nicht wert. Und manchmal
meinen die Verwandten, den Anblick ihrer leidenden
Angehörigen nicht ertragen zu können. Ist ein sehr
eingeschränktes Leben wertlos?
Unser Leben ist gefährdet
Mir sind Gedanken des biblischen Apostels Paulus
wichtig geworden. Er beschreibt seine grundlegende
Glaubenserkenntnis: Auf dem Angesicht des sterbenden Jesus leuchtet der Glanz Gottes. Daraus folgert
Paulus: Unser Leben ist gefährdet wie ein Tongefäß.
Es bekommt mit der Zeit manche Sprünge und Risse.
Und einmal wird es zerbrechen. Doch es trägt einen
Schatz in sich. Das Leben ist nicht nur wertvoll, wenn
der Mensch gesund, unabhängig und nützlich ist. Es ist
eine Gabe, über die ich nie ganz verfügen kann.So kann
Paulus die Endlichkeit seines Lebens annehmen. Er tut
das im Vertrauen darauf, dass jeder Mensch von Gott
gewollt und geliebt ist, so beschädigt unser Leben oft
sein mag.In vielen Bildern drückt Paulus die Hoffnung
aus, dass unser unvollkommenes Leben bei Gott
20
Beim Thema Sterbehilfe gibt es keine
einfachen Antworten -– die Debatte im
Bundestag beginnt jetzt
Vollendung findet. (Die Bibel, 2. Brief an die Korinther,
Kapitel 4 und 5).
Grenzen werden weiter aufgeweicht
Zur Zeit wird in Deutschland diskutiert, ob eine organisierte Beihilfe zum Suizid unter Umständen erlaubt
sein soll. Ich meine, wenn es erlaubt und anerkannt
wäre, den Tod aktiv herbeizuführen, würde sich die
Wahrnehmung von Leiden und Sterben in unserer
Gesellschaft in problematischer Weise verändern. Die
Wünsche von Menschen zu sterben sind vielschichtig und oft nicht eindeutig. Eine scheinbar einfache
Lösung wird ihnen nicht gerecht. Mir stellen sich viele
Fragen: Welchem Druck wären Kranke und Sterbende
ausgesetzt? Dürfen sie dann anderen noch die Last der
Pflege zumuten? Würde sich nicht insgesamt der Blick
auf Menschen mit Schwäche, unheilbarer Krankheit
oder Behinderung wandeln? Könnte ich einem Arzt
vertrauen, der nicht nur lindert und heilt, sondern
auch tötet? Und schließlich besteht die Gefahr, dass
Grenzen immer weiter aufgeweicht werden: War z.B.
in Belgien die aktive Sterbehilfe unter bestimmten
Voraussetzungen zunächst nur für volljährige Patienten
erlaubt, so gilt dies inzwischen auch für Kinder und
Jugendliche.
Schwere Entscheidung für Angehörige
Wie können Angehörige wissen, ob sie die richtige
Entscheidung getroffen haben? Bei Frau M. gab es eine
überraschende Wendung. Sie erholte sich. Eine ganze
Zeit lang war sie Ihren Kindern böse, „dass sie sie nicht
hatten sterben lassen“. Inzwischen lebt sie wieder in
ihrer eigenen Wohnung, von Pflegekräften und den
Kindern unterstützt. Manchmal hadert sie noch mit
ihrem Schicksal. Manchmal genießt sie ihren Garten.
Sie hat an Bewegungsfreiheit verloren. Sie ist auch oft
vergesslich und benötigt Schmerzmittel. Doch sie freut
sich, das Heranwachsen ihrer Enkelkinder zu erleben.
Und sie konnte mit ihrer Tochter sogar noch eine Reise
machen.
Angst und Einsamkeit lindern
Eine andere Antwort als eine „Beihilfe zur Selbsttötung“
oder „Tötung auf Verlangen“ ist es, Sterbende in
menschlicher Zuwendung zu begleiten und ihnen eine
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
gute Versorgung zukommen zu lassen. Schmerzen
müssen so gut es geht gelindert werden. Der Angst
und der Einsamkeit muss geduldig und verlässlich
begegnet werden. Vielleicht geht es dann darum,
Sterbenden beim Loslassen zu helfen. Und auch darum,
als Angehörige selber loslassen zu können. Ich finde es
überaus verständlich, wenn Menschen nicht sinnlosen
Maßnahmen der Lebensverlängerung wehrlos ausgeliefert sein wollen. Es kann in bestimmten Situationen
weise sein, die intensiven medizinischen Möglichkeiten
nicht bis zuletzt auszureizen und die Unvermeidlichkeit
des Sterbens zu akzeptieren. Sterben kann eine schwere
Quälerei sein. Wer hätte nicht Angst vor unerträglichem Leiden? Wenn es notwendig ist, wird man den
Einsatz starker Schmerzmittel erwägen, auch wenn sich
dadurch möglicherweise das Leben verkürzt. Beides
bedarf der sorgfältigen Abwägung im Einzelfall.
Es gibt keine einfachen Antworten. Darum finde ich
es wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen, mit
Angehörigen, mit medizinischen Fachleuten. Auch
Pastorinnen und Pastoren sind ansprechbar und offen
für Grenzfragen des Lebens.
Fotos: Panthermedia/Matthias Dembski
Dr. Bernd Kuschnerus ist
Pastor in der Me­lanchthonGemeinde und stellvertretender Schriftführer
der Bremischen Evangelischen
Kirche.
Zu Beginn der Unterrichtsstunde werden die
Instrumente gleich wieder auseinandergebaut. Nur auf
den Mundstücken erzeugen Ümran und Jakob die Töne.
Seit März sind die beiden Mitglied in der neu gegründeten Nachwuchs-Bläsergruppe in der Kirchengemeinde
in der Neuen Vahr. Landesposaunenwart Rüdiger Hille
ist gemeinsam mit der örtlichen Kantorin Ricarda Ochs
auf Werbetour durch die Grundschulen gegangen. Am
heutigen Donnerstagnachmittag sind nur Ümran (10)
und Jakob (11) dabei, die Sommerpause ist gerade
vorbei und die Jungbläser-Gruppe läuft erst allmählich
wieder an.
Ümran atmet tief ein, spannt die Lippen und bläst die
rhythmische Folge aus fünf Tönen nach, die Rüdiger
Hille gerade vorgegeben hat. Als Kantorin Ochs in
ihrer Schule Blechblasinstrumente vorstellte, war das
Interesse des türkischen Mädchens sofort geweckt.
„Ich habe schnell einen Ton rausbekommen, meine
Lehrerin war ganz überrascht“, erzählt Ümran strahlend. Den Infozettel über die Jungbläser-Gruppe in
der Kirchengemeinde nahm sie mit nach Hause, die
Eltern waren einverstanden und Ümran gehörte zu
den ersten Mitgliedern der neuen Jungbläsergruppe.
„Wenn man seine ganze Luft in die Trompete hineingibt und ein lauter Ton kommt, dann mag ich das“,
beschreibt sie die Faszination ihres neuen Instruments.
Sie hat es leihweise vom Posaunenwerk bekommen,
wie ihr Mitspieler Jakob, der den sechsten Jahrgang
der Oberschule an der Julius Brecht Allee besucht. Der
hat sich allerdings für die deutlich größere Posaune
entschieden.
Wenn die Schneidezähne bei Kindern gewechselt haben,
sei der Zeitpunkt günstig, ein Blasinstrument zu lernen,
erklärt Hille. Ab der vierten Klasse sei das erfahrungsgemäß kein Problem, meint der Landesposaunenwart.
Die Handgröße ist dabei nachrangig, denn es gibt auch
noch das Kornett, eine Kleinform der Trompete. Für welches Blechblasinstrument sich Kinder und Jugendliche
entscheiden, hängt von der Größe des Mundstücks ab:
„Ich habe Trompete und Posaune ausprobiert, weil
ich mir nicht so sicher war“, erzählt Jakob. Letztlich
entschied er sich für das große Instrument, das – wie
Rüdiger Hille erklärt – durch den Zug besondere
Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Der Umgang damit ist
aber gar nicht so einfach, wie sich während der Probe
gelegentlich zeigt. Rüdiger Hille erinnert seinen Schüler
gelegentlich mit launigen Bemerkungen an eine gute
Sitzhaltung. „Das Instrument bitte ein wenig höher
halten und immer dran denken: es heißt Zug-, nicht
Schiebeposaune…“
Grenzen werden weiter aufgeweicht
Die Mundstücke sind wieder aufgesetzt. „Bitte mal
durchpusten ohne Ton. Etwas mehr warme Luft, ihr
spielt nicht Blockflöte!“ Allgemeines Schmunzeln. „B
– B – C – D, wie wir das C gezogen?“ Jungposaunist
Jakob erkennt die Fangfrage sofort: „Gar nicht, das
wird gedrückt.“ Erstes und drittes Ventil, schon erklingt
der richtige Ton. Zwischendurch erklärt Rüdiger Hille
den Umweg, den die Luft im Instrument nimmt, wenn
Jakob das Quartventil drückt. „Dann musst du etwas
mehr Luft investieren.“ Hille legt viel Wert auf die blastechnischen Grundlagen. „Wir gehen sehr kleinschrittig
vor. Das zahlt sich aber später aus.“ Schließlich seien
Blechblasinstrumente reine Resonatoren, erklärt der
Kirchenmusiker. „Den Ton erzeugen wir ähnlich wie
bei unserer Stimme, die wir auch mit unserem Atem zu
Leben erwecken.“
Breites musikalisches Repertoire
Wenn der Unterricht weiter gut vorangeht, sollen die
Jungbläser beim Vahrer Adventszauber erstmals mit
dem Erwachsenen-Posaunenchor zusammenspielen.
Dort spielt auch Christian Stahlhut, der Vater von
Jakob mit. Er hat vor 38 Jahren seine Liebe zu den
Blechbläsern entdeckt, dann aber lange Jahre pausiert.
„Durch meine Söhne, die jetzt Jungbläser sind, habe
ich wieder angefangen.“ Bald werden sie ihr häusliches Familienensemble aufmachen können – und
gemeinsam den „großen“ Posaunenchor unterstützen,
in dem Bläser aus der Neuen Vahr und der benachbarten Trinitatis-Gemeinde spielen. „Das Repertoire ist
heute breit: Längst steht nicht nur Choral-Literatur auf
dem Programm. „Gerade für Jugendliche gibt es viele
gute Arrangements, etwa Filmmusik zu „Pirates of the
Caribbean“, populäre Stücke, Gospels und Spirituals
oder Kirchentags-Songs“, erklärt Rüdiger Hille.
Text/ Fotos: Matthias Dembski
Hast du Töne?
Das Evangelische Posaunenwerk
schreibt Nachwuchsarbeit groß
Nachwuchs-Bläser werden
Weitere Infos über Jungbläser-Angebote in Bremer
Gemeinden (Unterricht kostenlos, Leihinstrumente
werde gestellt) und den ab 7. Oktober in der
Jugendkirche Garten Eden 2.0 startenden
Jugendposaunenchor:
Landesposaunenwart Rüdiger Hille
Telefon 0421/20 30 359
posaunenwerk@kirche-bremen.de
Jubiläums-Konzert
„...damit wir leben“
von sieben Bremer Posaunenchören
Freitag, 17. Oktober 2014 um 19.30 Uhr,
Hemelinger Kirche, Eintritt frei.
www.kirche-bremen.de
www.posaunenwerk-bremen.de
www.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
21
Olaf Buchmann überlebte als
Kind einen Autounfall und hat
ein Buch über sein neues Leben
mit Behinderung geschrieben
Das Wunder vom
zweiten Leben
Ein Autounfall veränderte sein Leben komplett. Damals
war Olaf Buchmann vier Jahre alt, ein quicklebendiger
kleiner Junge, der auch mal gerne Quatsch anstellte und
sehr selbständig war, manchmal zum Leidwesen seiner
Mutter, wie er rückblickend erzählt. Der 39-Jährige, der
heute in einer Wohngruppe der diakonischen Einrichtung
Friedehorst lebt, hat seine Lebensgeschichte in einem jetzt
fertig gestellten Buch aufgeschrieben. Den 9. Oktober
1979 und die Uhrzeit 16.15 Uhr hat sich Olaf Buchmann
gemerkt, für ihn ein trauriges Schlüsseldatum. „Ich habe
gedacht, dass ich noch rüber komme über die Straße.
Ich war schon fast drüben, dann wurde ich überfahren.
Ich hing mit meinem Pullover am Kotflügel und wurde
zehn Meter mitgeschleift“, schildert er am Anfang seines
lichen Unfall mit angesehen hatte, lief nach Hause und
rief, Olaf sei tot. Dann brach er selbst mit einem Schock
zusammen.
Die Mutter hatte Olaf und seinen Bruder zuvor vom
Kindergarten abgeholt, sich wegen Zahnschmerzen hingelegt, nicht ohne den Kindern einzuschärfen, sie sollten
im Garten bleiben und nur dort spielen. „Da fiel mir ein,
dass ich ein Bild für meine Mama im Kindergarten gemalt
hatte und das Bild wollte ich holen“, berichtet Buchmann
am Anfang seines Buches. So nahm das Verhängnis
seinen Lauf. Der Schock über den tragischen Unfall saß
bei allen Familienmitgliedern tief. Entgegen der ersten
medizinischen Prognosen überlebte Olaf Buchmann
den schweren Unfall und arbeitete sich buchstäblich
Schritt für Schritt zurück ins Leben. Durch die schweren
Kopfverletzungen und das Koma blieb Buchmann geistig
behindert und konnte anfangs weder laufen noch sprechen.
Steife Hände locker machen
Buches. „Seit ich gehört habe, wie es gewesen ist, frage
ich mich immer, ob man so etwas beim Autofahren nicht
hört, denn ich bin immer mit meinem Kopf gegen die
Stoßstange gedonnert.“ Sein Bruder, der den schreck-
22
Mehrmals in der Woche Krankengymnastik, Sprachtherapie
– das Therapieprogramm auch nach Ende der Reha war
umfangreich. Olaf Buchmann lebte wieder zu Hause,
ging später in Friedehorst zur Schule. Damals saß er im
Rollstuhl, musste das Laufen völlig neu erlernen. Zur
ersten Reha nach dem Unfall musste Olaf Buchmann
noch nach Stuttgart. „Das war für die Familie weit weg,
aber sie haben mich immer besucht.“ Heute hat auch
Friedehorst ein eigenes Neurologisches Rehazentrum, das
sich auch um Unfallopfer wie Olaf Buchmann kümmert.
„Irgendwann nahm meine Mama den Rollstuhl weg.
Ich saß auf der Wiese im Garten, meine Freunde wollten
spielen. Irgendwann verstand ich, dass ich laufen sollte.“
Seine linke Hand war nach dem Unfall lange verschlossen.
Auch dafür hatte seine Mutter die passende Idee: „Meine
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
Mutter hat eine Blechkisten mit Groschen und Pfennigen
gefüllt und ich habe darin rumgewühlt. Mit Geld kann
man steife Hände wieder locker machen…“ Seine linke
Hand öffnete sich wieder. Auch die drei Geschwister trainierten mit ihm – im Buch haben sie Fantasienamen, wie
auch Olaf Buchmann selber, der sich „Fred“ nennt.
Gut erinnert Olaf Buchmann sich auch, wie er gemeinsam mit seinem Bruder im Bett lag, weil der noch immer
Angst um ihn hatte. Eines Nachts habe er halb im Schlaf
langsam „Mama“ gesagt, was den Bruder zu einem
Freudenschrei veranlasst habe. „Olaf kann wieder sprechen!“ Bis dahin war es allerdings noch ein langer Weg.
Ins Leben zurückgekämpft
Seit er 1999 den ersten Computer bekam, hat Olaf
Buchmann an seiner Lebensgeschichte geschrieben.
„Davor habe ich es mit der Hand aufgeschrieben.“
Friedehorst-Mitarbeitende seiner Wohngruppe und
im Freizeithaus haben ihn dabei unterstützt. Aus der
umfangreichen Manuskriptsammlung in seinem PC ist
ein handliches Bändchen mit eigenen Illustrationen
und Fotos aus seinem privaten Fotoalbum geworden.
Tagsüber arbeitet Olaf Buchmann in der Werkstatt
Bremen im Schiffbauerweg. „Wir kochen zum Beispiel
die Stadtmusikanten-Konfitüre für den Martinshof-Laden.“
Auch Auftragsarbeiten wie z.B. die Bestückung von
Adventskalendern erledigt Olaf Buchmann dort. Ein
Bustaxi bringt ihn pünktlich zum Arbeitsbeginn um acht
Uhr hin, um zehn vor vier ist Feierabend. „Die Arbeit macht
mir Spaß, je nachdem, ob wir Aufträge haben.“ Zuhause
in Friedehorst widmet er sich dann oft stundenlang seiner
kreativen Leidenschaft, dem Schreiben. „Ich habe mir meinen PC selber gekauft“, erzählt er stolz. Das Tippen geht
wie das Sprechen nur langsam. Doch Schreiben ist für ihn
ein Lebenselixier, und noch andere kreative Seiten, wie
Thomas Dubielczyk, Leiter der Wohngruppe erzählt. „Olaf
kriegt immer den Dreh zu einem Reim, wenn er singt,
Lieder textet oder Songs variiert. Im Film „Verrückt nach
Paris“ hat er als Statist mitgespielt.“
„Das Wunder vom zweiten Leben, wie alles begann“ heißt
Olaf Buchmanns Werk, und wer ihn heute trifft merkt
schnell, dass dieser Titel keine leere Phrase ist. Hier hat
sich jemand ins Leben zurückgekämpft.
„Vom Gucken allein kommt nichts“
Heute spricht Olaf Buchmann zwar langsam, aber er
antwortet immer spontan und hat eine klare Botschaft,
die er gerne und oft wiederholt: „Ich möchte euch sagen,
vom Gucken allein kommt nichts“, schreibt er. „Ich
möchte Leuten Mut und Vertrauen geben, Menschen mit
Behinderung anzusprechen.“ Trotzdem viel über Inklusion
gesprochen wird, gibt es oft Berührungsängste und
Unsicherheiten. Olaf Buchmanns Lebensgeschichte blendet die Schwierigkeiten nicht aus und wirbt genau deshalb für die Inklusion. „Sind Menschen mit Behinderung
Ungeheuer?“ Eine Frage, die viele Menschen sich unausgesprochen stellen, meint der Buchautor. Das Verhalten
sich gegenüber empfindet Buchmann oft als diskriminie-
rend. Ob er nun von hinten angepöbelt wird „Ey, lauf‘ mal
richtig!“ oder die Mutter im Bus zu ihrem Kind sagt „Der
Mann ist krank“ – solche Erlebnisse nagen an ihm.
„Nehmt uns, wie wir sind“
Andererseits berichtet er in seinem Buch auch von
positiven Erfahrungen. Als beim Vegesacker Hafenfest
sein Geld nicht mehr reichte, gab ihm ein unbekannter
Mann spontan die gewünschte zweite Bratwurst aus.
Buchmann schildert zahlreiche kleine Begebenheiten, die
seinen Alltag zwischen Werkstatt und Wohngruppe bereichern. „Wir unternehmen hier in Friedehorst eine Menge
Sachen“, schreibt er. Vom Flugtag mit dem Fliegerverein
bis zur Urlaubsreise an die Romantische Straße ist Olaf
Buchmann gern dabei. Für ihn eine Selbstverständlichkeit,
auch wenn andere ihn manchmal anstarren. „Nehmt uns,
wie wir sind“, lautet das Fazit seines Buches.
Text/Fotos: Matthias Dembski
Zeichnungen: Olaf Buchmann
Buch-Vorbestellungen
Bislang gibt es Olaf Buchmanns „Das Wunder vom
zweiten Leben, wie alles begann“ nur in wenigen
Einzelexemplaren. Demnächst soll es, genügend
Vorbestellungen vorausgesetzt, in größerer Auflage
erscheinen.
Buch-Vorbestellungen sind ab sofort möglich:
norden.beh@friedehorst.de
www.friedehorst.de
www.kirche-bremen.de · bremer kirchenzeitung Oktober 2014
23
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Projekte, Hilfe und Aktionen
TATENDRANG
Flüchtlinge sind willkommen
Mehr als 16 Millionen Menschen sind weltweit auf
der Flucht vor Krieg und Terror. Nach oftmals dramatischen Wochen der Ungewissheit erreichen sie Europa.
120.000 Flüchtlinge sind in den ersten acht Monaten
dieses Jahres nach Deutschland gekommen, das ist
im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerungsrate von
74 Prozent. Etwa ein Prozent aller Flüchtlinge nimmt
Bremen auf, das sind 200 Menschen pro Monat. Hier
gibt es derzeit 12 Notunterkünfte, weitere zehn sind in
Planung.
Langeweile und Ungewissheit
In Bremen angekommen, ist die Situation für Flüchtlinge
bedrückend: Warten, Nichts-Tun, Langeweile, NichtWissen, wie es weitergeht – und dazu noch oft traumatische Erlebnisse. In Sammelunterkünften fehlen
private Rückzugsräume und draußen vor den Türen der
Wohnheime sind ihnen Umgebung und Sprache fremd.
Flüchtlinge brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf
und Essen. Neben materiellen Hilfen wie gebrauchten
Fahrrädern, Spielzeug oder Winterbekleidung sind für
den Start in der neuen Heimat vor allem Begegnung
mit Mitmenschen, Freizeitangebote und konkrete
Alltagshilfen, z.B. Begleitung bei Behördengängen
oder Arztbesuchen nötig. Die Bremische Evangelische
Kirche und ihre Gemeinden beteiligen sich aktiv an
der Unterstützung und Beratung der Flüchtlinge und
setzen sich für ihre menschenwürdige Unterbringung
24
und gute Begleitung ein. Dazu sind ehrenamtliche
Patinnen und Paten, aber auch Menschen, die sich mit
bestimmten Freizeitangeboten oder als Stadtteillotsen,
Hausaufgaben-Helfer usw. engagieren wollen, herzlich
willkommen.
Unterstützergruppen suchen Verstärkung
Die Unterstützergruppen aus Kirchengemeinden in
ganz Bremen engagieren sich in den zwölf Wohnheimen
und bereiten sich jetzt schon auf die zehn weiteren
geplanten Standorte vor. Die Gemeinden bilden ehrenamtliche HelferInnen für interkulturelle Arbeit fort und
bieten Räume für die Debatten im Stadtteil an. Sie sorgen dafür, dass für Vorurteile und Klischees kein Raum
ist und die Diskussion über neue Standorte mit breiter
Beteiligung offen geführt wird. Diese Lobbyarbeit für
Flüchtlinge ist ein Beitrag zur Willkommenskultur in
Bremen.
Text: Matthias Dembski
Foto: Asylkreis Arsten
Alle kirchlichen
Unterstützungsangebote
für Flüchtlinge
bremer kirchenzeitung Oktober 2014 · www.kirche-bremen.de
Zuflucht – Ökumenische
Ausländerarbeit e.V.
Britta Ratsch-Menke und Barbara Schneider
Telefon 0421/800 700 4
fluechtlingsarbeit@kirche-bremen.de
Christliches Engagement für
Flüchtlinge 1994 - heute
Ausstellungseröffnung und Festveranstaltung
zum zwanzigjährigen Bestehen von Zuflucht e.V.
Dienstag, 18. November 2014, 20.00 Uhr
Kirche Unser Lieben Frauen
Radio-Tipp
„Nordwestradio unterwegs“ zum Thema „Wie weit
reicht unser Willkommenskultur? Hat Bremen
Probleme mit Flüchtlingen?“
MI, 15. Oktober, 18.05-19.00 Uhr
live aus der Ernst-Klüver-Halle, Hamfhofsweg 4
www.kirche-bremen.de
www.zuflucht-bremen.de
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Seele and Geist
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