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Das aktuelle Interview
Inhalte sind wichtiger
Ein Gespräch mit Günter Faltin über sein neues Buch
„Wir sind das Kapital“ und was der renommierte
Vordenker dem Buchhandel zu sagen hat
Herr Faltin, lohnt es sich auch heute
noch eine Buchhandlung zu gründen?
Günter Faltin: Unbedingt ja!
Und warum?
Weil man eigentlich fast nur beim Gründen die Chance hat, Neues auszuprobieren
und sich nicht an den alten Konventionen
festhalten muss. Man wird nicht gebremst
durch das Bestehende, also die Art und
Weise, wie Bücher angeboten und verkauft werden.
Das sagt sich so einfach ...
Dann lassen Sie mich das an zwei Sichtachsen verdeutlichen: Die Idee der Share
Economy geht auf den Harvard - Ökonomen Martin Weitzman zurück und besagt
im Kern, dass sich der Wohlstand für
alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. Folgt man diesem Gedanken, könnte der Gründer den
Tausch von Büchern zu einem Teil seines
Entrepreneurial Designs machen. Oder
auch das Prinzip des Verleihs (ggfs. mit
anschließendem Verkauf). Wobei sich
das Sharing nicht nur auf Bücher, sondern Content aller Art beziehen könnte.
Dies käme auch der Ökologie entgegen.
Verantwortungsbewusste Ökologen sagen, dass wir 80 Prozent unseres Ressourcenverbrauchs einsparen müssen,
um rechtzeitig den ökologischen Herausforderungen zu begegnen. Aus diesem Grund wird die Forderung erhoben:
Don’t print. Man muss sich also das Buch
der Zukunft anders als nur in Papier gedruckter Form und in eigenem Besitz
vorstellen.
Und die andere Sichtachse?
Bücher statt Psychopharmaka. Statt sich
mit Pharmaprodukten vollzustopfen,
kann man auch die Seele baumeln lassen. Auch ernstzunehmende Mediziner
schenken diesem Gedanken Beachtung.
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Die Homöopathie wie auch die PlaceboForschung geben dafür Argumentationsstoff. Man kann sich so den Buchhändler
vorstellen wie einen Gesundheitsberater,
der je nach Problem- und Stimmungslage des Käufers ein passendes Buch
vorschlägt.
Ich glaube mich zu erinnern, dass
diese Idee der „Bibliotherapie“ schon
vor rund dreißig Jahren einmal
Thema bei uns im BuchMarkt war ...
Schade, wenn das in Vergessenheit geraten ist. In Kalifornien hat die Therapeutin
Birgit Wolz die Filmtherapie eingeführt
– also mit passenden Filmen die PsychoProbleme des Patienten anzugehen. Der
Stoff von Büchern ist sicher nicht weniger geeignet. Ist es nicht naheliegend,
Büchern nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen gesundheitlichen Wert
zuzusprechen?
Sie plädieren also dafür, an das
Buchhandeln mit neuen Sichtachsen
heranzugehen. Aber damit habe
ich noch kein überzeugendes
Unternehmenskonzept?
Nehmen Sie sich Zeit, herauszufinden,
was Sie wollen. Frithjof Bergmann, der
Philosoph, sagt es noch deutlicher: Finden Sie heraus, was Sie wirklich, wirklich
wollen. Nicht, was Ihnen als Lebenseinstellung häufig von der Stange angeboten wird. Sie sollten Sie selbst sein oder
jedenfalls jemand, der einen Kopf, eine
Seele und seine eigenen Gefühle hat.
Nicht manipulierbar, nicht unterwürfig,
nach der Meinung der anderen schielend.
Die unternehmerische Idee muss zu Ihrer
Person stimmig sein. Nur so mobilisieren
Sie Ihr ganzes Potenzial, Ihre Energie
und Ausdauer, die notwendig sind, ein
wirklich gutes Konzept zu entwickeln
und umzusetzen. Natürlich muss Ihre
Idee auch im Einklang mit den Bedürfnis-
BuchMarkt Februar 2015
Günter Faltin
Günter Faltin lebt und arbeitet in
Berlin und Chiang Mai und baute den
Arbeitsbereich Entrepreneurship an
der FU Berlin auf. Dazu begleitet er
heute als Business Angel zahlreiche
Unternehmen. Sieben Jahre nach seinem
Bestseller „Kopf schlägt Kapital“ legt
Faltin im Februar beim Murmann Verlag
mit „Wir sind das Kapital“ ein neues
Buch vor. Dazu feiert der erfolgreiche
Unternehmer, Veranstalter des alljährlichen Entrepreneurship Summit und
auch Wegbereiter diverser Start-ups
dieses Jahr das 30-jährige Jubiläum der
Teekampagne - des Unternehmens, mit
dem seine Erfolgsgeschichte begann. Das
alles war Anlass für BuchMarkt, mit dem
renommierten Vordenker zu sprechen
– über neue Unternehmenskonzepte im
Allgemeinen und für den Buchhandel im
Besonderen.
sen anderer Menschen stehen. Deshalb
ist es wichtig, wenn das Entrepreneurial
Design, mit dem Sie etwas unternehmen
wollen, die Probleme unserer Mitmenschen, unserer Gesellschaft aufgreift.
Wie soll ich also vorgehen?
Go for a cause. Setzen Sie sich für etwas ein, das Sinn macht und mit dem
Sie die Chance haben, die Anerkennung
und Wertschätzung Ihrer Mitmenschen
zu erfahren. Nicht, indem Sie sich ihren
Erwartungen anpassen, sondern indem
Sie aus Ihrer eigenen Authentizität heraus Dinge tun, die auch für andere, nicht
nur für Sie, nützlich sind. Diese Vorgehensweise ist meiner Erfahrung nach der
erfolgversprechendste Beginn.
Dazu gehört aber auch die Fähigkeit
zum Kombinieren, Verwerfen und
Re-Kombinieren. Warum tun sich
Unternehmensgründer so schwer
damit?
Weil sie glauben, dass ein guter Einfall
schon genügt. Vom ersten Einfall zum
ausgearbeiteten Konzept ist es jedoch
ein weiter Weg. Es braucht viele einzelne
Schritte und ein gehöriges Maß an Systematik, ein wirklich erfolgversprechendes
Entrepreneurial Design auszuarbeiten.
Was ist in den sieben Jahren nach
„Kopf schlägt Kapital“ anders
geworden?
Das sagt schon der Titel meines neuen
Buches. Noch nie in der Geschichte
waren die Bedingungen so günstig, auf
dem Feld der Ökonomie mitzuspielen.
Die Möglichkeiten in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, etwa das Arbeiten
mit Komponenten geben uns die Mittel
an die Hand, selbst unternehmerisch aktiv
zu werden. Heute können wir uns die Idee
der Bürgerinitiativen von Robert Jungk
auch als unternehmerische Initiativen
vorstellen. Wie in der Gesellschaftsform
der Demokratie, braucht auch die Ökonomie mehr Akteure als nur einige Aristokraten, braucht Ideen aus allen Strata
der Gesellschaft, um zukunftsfähig zu
sein. Innovation von wenigen Akteuren
reicht nicht aus.
Sie fordern eine neue Ökonomie
von unten. Ist das nicht weltfremd
angesichts zunehmender
Globalisierung und überbordendem
Konzernkapitalismus?
Auch in der Geschichte der Entwicklung
der Demokratie galt es den Aristokraten
als weltfremd, dass Sklaven, Bauern,
Arbeiter oder Frauen Stimmrecht haben
sollten. Gerade weil wir durch Globalisierung und mächtige Konzerne Gefahr
laufen, schädlichen Entwicklungen ausgesetzt zu sein, brauchen wir mehr Stimmen, mehr Facetten, die Alternativen zur
vorfindbaren Ökonomie eröffnen. Und es
genügt nicht, solche Alternativen nur zu
postulieren, wir müssen sie auch sinnlich
erfahrbar machen.
mit und für seine Freunde sinnvoll Ökonomie zu betreiben – am besten ohne
teures Marketing. Es ist eine Win-winSituation für die Beteiligten.
Sie begleiten als Business Angel
viele Start-ups. Wann ist eine
Unternehmensidee fertig und kann
umgesetzt werden?
Ein Entrepreneurial Design ist ausgereift,
wenn sie sowohl zur Person des Gründers
als auch zum Markt stimmig ist. Beides
verlangt die ausgiebige Beschäftigung
mit den eigenen Fähigkeiten und Zielen,
aber auch mit der systematischen Entwicklung einer Anfangsidee zu einem
Man muss sich das Buch der Zukunft
anders vorstellen
Günter Faltin
Deutschland hat wie praktisch alle
europäische Ländern viel zu wenige
Unternehmensgründungen. Warum
sollte gerade jetzt ein Umschwung
einsetzen? Sie sprechen sogar von
einer neuen Entrepreneur-Bewegung.
Es geht nicht um die Zahl der Gründungen, es geht um die Inhalte. Das derzeitige Lebensgefühl in Sachen Ökonomie
heißt Ohnmacht. Dem müssen wir etwas
entgegensetzen. Die meisten Menschen
spüren, dass etwas passieren muss. Sie
sehen nur nicht die Art und Weise, wie sie
entgegenwirken könnten. Dazu brauchen
wir eine neue Bewegung. Entrepreneure, denen Inhalte wichtiger sind als Gewinnmaximierung. Die dem Glauben an
quantitatives Wachstum als Problemlöser
und der sanften Verdummung moderner
Konsumwelten eine intelligentere Ökonomie entgegenstellen.
Sie entwerfen im ersten Kapitel Ihres
Buchs eine Freundes-Ökonomie. Ist
das nicht nur eine schöne Utopie?
Die Freundes-Ökonomie hat nichts Utopisches. Einem Freund hilft man, man
manipuliert oder betrügt ihn nicht. Wir
müssen Ökonomie in die eigenen Hände nehmen. Gemeinsam. Die FreundesÖkonomie ist ein erster Schritt, eine
Alternative zu einer seelenlosen, zunehmend menschenfeindlichen Ökonomie
aufzuzeigen. Nichts ist realistischer, als
BuchMarkt Februar 2015
überzeugenden Konzept. Im Buch wird
diesem Prozess das umfangreichste Kapitel mit vielen Beispielen, Systematiken
und Techniken eingeräumt.
Die Teekampagne wird dieses Jahr 30
Jahre alt ...
... und hat sich zum weltweit größten
Importeur von Darjeeling Tee entwickelt,
weil sie auf einem sehr vorteilhaften und
vielseitigen, sprich: auf mehreren Beinen
stehenden Entrepreneurial Design aufgebaut ist. Höchste Qualität und trotzdem
günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis, Pionier in Sachen Chemierückstände und
Fairer Handel, Wiederaufforstung in Darjeeling, vollständige Transparenz der Stationen des Tees von der Teeplantage bis
zum Endkäufer sowie die Offenlegung
der Kalkulation. Ein solches Unternehmenskonzept macht ökonomisch und
ökologisch Sinn und bietet gleichzeitig
erhebliche Vorteile für den Kunden. Und
zwar so erheblich, dass wir sogar Vorauskasse verlangen konnten und so ein
Finanzierungsproblem gar nicht erst auftrat. Wenn man ein so deutlich besseres
Konzept als der konventionelle Handel
ausarbeitet, kann man ohne manipulative Werbung und teures Marketing erfolgreich sein. Die Teekampagne ist ein
Modell für eine bessere und intelligentere
Ökonomie.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
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