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9. BUNDESKONGRESS SOZIALE ARBEIT 2015 30.09.2015

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9. BUNDESKONGRESS SOZIALE ARBEIT 2015
30.09.2015-02.10.2015 in Darmstadt
Call for Papers
Politik der Verhältnisse – Politik des Verhaltens: Widersprüche der Gestaltung
Sozialer Arbeit
Im Zeichen der neoliberalen Restrukturierung gesellschaftlicher Konfliktverhältnisse hat sich
in der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit ein tiefgreifender und folgenreicher Wandel in
den handlungsleitenden Orientierungen vollzogen: Eine Politik der Verhältnisse, die primär
gesellschaftsstrukturelle Bedingungen von sozialer Ungleichheit und Ausschließung (Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Armut etc.) problematisiert, wird von einer Politik des Verhaltens verdrängt. Letztere richtet den Fokus in erster Linie auf die ‚Diagnose‘ und ‚Behandlung‘
von individuellen Verhaltensdispositionen, Persönlichkeitsmerkmalen, Wertorientierungen,
subjektiven Einstellungen und Fähigkeiten (der Arbeitslosen, der Wohnungslosen, der Armen
etc.). Möglichkeiten der Teilhabe werden damit zunehmend versperrt. Aus einer strukturbezogenen Politik, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Bezug z.B. auf Klassen- und Geschlechterkonflikte thematisiert, wird so eine dezidiert auf individuelles und kollektives Verhalten bezogene Politik, die Fragen des Lebensstils, der Moral, der Normkonformität und
damit personalisierende Konzepte der Verhaltenssteuerung und Verhaltenskontrolle in den
Vordergrund rückt. Aufgrund ihrer dominanten Tradition individualisierender ‚Problembearbeitung‘ war und ist die Soziale Arbeit seit jeher für eine Politik des Verhaltens anfällig. Aus
gesellschaftlichen Konfliktkonstellationen um den herrschaftlich organisierten Zugang zu
Ressourcen werden ‚Problemgruppen‘. Diese werden zum bevorzugten Gegenstand staatlicher Ordnungspolitik. Ihre ‚Verhaltens- und Kompetenzdefizite‘ sollen in einem Mix aus
Zwang und ‚Förderung‘ (durch Empowerment, Resilienzförderung, soziale Kompetenztrainings, Präventionsprogramme etc.) unter professioneller Anleitung bearbeitet werden.
Programmatisch kommt dieser Politikwechsel in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck:
Die strukturell bedingte (und politisch gewollte) Selektivität im Zugang zu Bildung wird in
‚Bildungsarmut‘ und ‚Erziehungsbedürftigkeit‘ umdefiniert, welche die ‚Bildungsverlierer_innen‘ als ‚bildungsferne Familien‘ adressiert und den Bildungsort Familie generell zur
Disposition stellt. Spezifische Förderprogramme, individuelle Kompetenztrainings, Testverfahren und pädagogische Interventionsformen haben bereits in der frühen Kindheit eine
bedeutsame Selektionsfunktion. Damit einher geht eine stärkere staatliche Kontrolle nach
dem Motto: ‚Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung‘.
Unter dem Leitmotiv von ‚Fördern und Fordern‘ wird Arbeitslosigkeit nicht mehr so sehr als
eine strukturelle Frage des Arbeitsmarktes betrachtet, sondern viel mehr als verhaltensbezogenes Defizit der Arbeitslosen selbst, das mittels ‚aktivierender‘ Maßnahmen der Disziplinierung und Unterstützung zu kompensieren ist.
Dem Kostendruck im Gesundheitswesen wird vermehrt mit Programmen der Gesundheitsförderung begegnet, die das aktive ‚Management‘ der Gesundheitsrisiken in die individuelle
Verantwortung der ‚Bürger_innen‘ legen und Krankheit als Ergebnis einer ‚anstößigen‘, weil
gesundheitsschädlichen Lebensführung verstehen.
In den folgenden vier Panels soll erarbeitet werden, wie sich dieser Politikwechsel in Sozialer
Arbeit und durch Soziale Arbeit auswirkt, wie sich insbesondere der Widerspruch zwischen
der Politik des Verhaltens und der Politik der Verhältnisse in Theorie und Forschung ausdrückt, wie er über die Gestaltung der Praxis jeweils bearbeitet wird und unter welchen Bedingungen einer Politik des Verhaltens widerstanden werden kann.
1/ Konfliktperspektiven in Fall-, Feld- und Sozialraumorientierung
Einzelfall-, Feld- und Sozialraumorientierung knüpfen meist an ‚sozialen und individuellen
Problemen‘ bzw. an ‚sozialem und kulturellem Kapital’ wie auch den individuellen Fähigkeiten, Ressourcen und den Biographien der Adressat_innen an und befördern insofern eine
Politik des Verhaltens. Zu fragen ist, wie mit den Interessen einer neoliberalen Politik der
Instrumentalisierung und Enteignung lebensweltlicher Ressourcen und der Zuschreibung
lebensweltlicher Selbstzuständigkeit umgegangen wird und wie diese Konfliktfelder in ihren
widersprüchlichen Anforderungen aufgedeckt und kenntlich gemacht werden (können).
2/ Partizipation, Inklusion und Diversität im Neoliberalismus
Vermeintlich emanzipatorische Schlagwörter wie ‚Partizipation‘, ‚Inklusion‘ und ‚Diversität‘
haben Konjunktur. Neoliberale Politik und (Fach-)Diskurse produzieren Konfliktverhältnisse
um gesellschaftliche Teilhabe und um die Gestaltung sozialer Infrastruktur. Zu fragen ist, auf
welche Weise und unter welchen Bedingungen die genannten Konzepte ‚emanzipatorisches‘
Potential entfalten und/oder verhindern können.
3/ Praktiken der Normierung, Normalisierung, Disziplinierung und Ausschließung
Die gegenwärtigen Normierungs- und Disziplinierungspolitiken, die auch in der Sozialen Arbeit praktiziert werden, werden als Förderung von Fähigkeiten (Empowerment, Kompetenztrainings u.a.m.) wie auch als Verhinderung von Normabweichung (Sanktionen, Grenzsetzungen, verhaltenstherapeutische Erziehungsprogramme) auf die Veränderung von Personen orientiert. Es gilt auszuloten, welche Möglichkeiten zur Abwehr von Normierung, Disziplinierung und Ausschließung Soziale Arbeit auf der Ebene von Theorie, Forschung und
Handlungspraxis entwickeln und erproben kann.
4/ Macht- und Wissensverhältnisse in Ausbildung und (Lohn-)Arbeit
Prekarisierung von (Lohn-)Arbeitsverhältnissen, Ökonomisierung von Bildungs- und Qualifizierungsverhältnissen und die Propagierung der ‚Wissensgesellschaft‘ können als Momente
einer Klassen- und Geschlechterpolitik verstanden werden, die sowohl die Adressat_innen
der Sozialen Arbeit als auch die Profession der Sozialen Arbeit selbst in mehrfacher Hinsicht
unter Druck bringen. Welche Rolle die Hochschulen (und Forschungs- und Bildungsinstitute)
bei der Generierung und Vermittlung derartiger Wissensbestände einnehmen und welche
Möglichkeiten für die Soziale Arbeit bestehen, (Aus-)Bildung und (Lohn-)Arbeit (wieder) als
Konfliktverhältnisse zu fassen, in denen sie gemeinsam mit den Adressat_innen als Konfliktakteure Position beziehen, sind zentrale Fragen.
Beteiligung
Den Call verbinden wir mit der Bitte bis zum
15. Februar 2015
Ihr Interesse an der Mitwirkung am Kongress in Form eines Papers zu melden. An zwei Tagen
sind eineinhalbstündige Arbeitsgruppenphasen vorgesehen. Hier besteht für Akteur_innen
aus Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit die Möglichkeit eine Arbeitsgruppe nach
eigenen Vorstellungen zu gestalten oder einen Einzelbeitrag einzureichen zu einem der vier
Themenschwerpunkte/Panels:
1/ Konfliktperspektiven in Fall-, Feld- und Sozialraumorientierung
2/ Partizipation, Inklusion und Diversität im Neoliberalismus
3/ Praktiken der Normierung, Normalisierung, Disziplinierung und Ausschließung
4/ Macht- und Wissensverhältnisse in Ausbildung und (Lohn-)Arbeit
Auch eine größere Veranstaltung über zwei Arbeitsgruppenphasen kann geplant werden.
Weiter besteht die Gelegenheit für Verbände, Organisationen, Träger, soziale Bündnisse
und/oder fachpolitische Zusammenschlüsse eine Veranstaltung zu planen und durchzuführen.
Das Paper soll den Vortragstitel, den vorgesehenen Themenschwerpunkt, die Form der Veranstaltung, die Mitwirkenden, eine Kontaktadresse und eine maximal einseitige Beschreibung des Vorhabens enthalten. Bitte verwenden Sie dazu das Onlineformular auf der Homepage www.bundeskongress-soziale-arbeit-2015.de und senden Sie das ausgefüllte Formular
an folgende Mailadresse: papers@bundeskongress-soziale-arbeit-2015.de
Wir freuen uns auf eine vielfältige Beteiligung und stehen gerne für weitere Rückfragen zur
Verfügung.
Roland Anhorn, anhorn@eh-darmstadt.de
Rolf Keim, rolf.keim@h-da.de
Kerstin Rathgeb, rathgeb@eh-darmstadt.de
Elke Schimpf, schimpf@eh-darmstadt.de
Susanne Spindler, susanne.spindler@h-da.de
Johannes Stehr, stehr@eh-darmstadt.de
Organisiert von
Evangelische Hochschule Darmstadt & Hochschule Darmstadt
in Kooperation mit den Fachbereichen Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität
Frankfurt und der Philipps-Universität Marburg
Alle Informationen: www.bundeskongress-soziale-arbeit-2015.de
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