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Debatte um eine Predigt in St. Martini

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aktuell
Debatte um eine Predigt in St. Martini
In einem von der Polizei geschützten Gottesdienst
hat sich der Vorstand der evangelisch-konservativen
St.-Martini-Gemeinde in Bremen erneut hinter seinen
umstrittenen Pastor Olaf Latzel (47) gestellt. Vorstand
und Gemeinde seien dankbar für die klare und bibelorientierte Wortverkündigung ihres Pastors, sagte
Vorstandssprecher Jürgen Fischer am 8. Februar in
einer Erklärung vor rund 500 Besuchern in einer
überfüllten Kirche. Die Gemeinde reagierte auf die
Stellungnahme mit langanhaltendem Applaus und
erhob sich vor Latzel. In einer Predigt am 18. Januar
hatte der streng konservative Theologe das islamische
Zuckerfest als „Blödsinn“, Buddha als „dicken, fetten
Herrn“, die Lehre der katholischen Kirche als „ganz
großen Mist“ und Reliquien als „Dreck“ bezeichnet.
Zu Götzen und anderen Göttern sage Gott: „umhauen, verbrennen, hacken, Schnitte ziehen“.
„Predigt nicht gegen andere Religionen“
„Sollten einige seiner Formulierungen die religiösen
Gefühle anderer verletzt haben, so tut uns dieses
leid und wir bitten auch im Namen von Pastor Latzel
hierfür um Entschuldigung“, sagte Fischer. Die Predigt
habe sich nicht gegen andere Religionen gerichtet,
sondern kritisiere eine Religionsvermischung, die sich
in Kirche und Gesellschaft ausbreite. „Den Vorwurf,
Edda Bosse
Präsidentin in der
Bremischen Evangelischen Kirche
„Ich bitte um
Entschuldigung“
Wir liegen vor dir mit
unserem Gebet
und vertrauen nicht auf
unsere Gerechtigkeit,
sondern auf deine große
Barmherzigkeit.
Die Bibel, Buch Daniel, Kapitel 9, Vers 18
wir würden andere Religionen verhöhnen, weisen wir
mit aller Entschiedenheit zurück.“
„Für ein gutes Zusammenleben sorgen“
Ähnlich hatte sich der Vorstand schon vor einigen Tagen
geäußert. Der Finanzexperte der Kirchengemeinde
ergänzte, aus der Bibel gehe hervor, dass der Gott
der Bibel nicht der Gott des Korans sein könne. „Das
Feiern gemeinsamer Gottesdienste oder Gebete mit
Imamen oder Vertretern anderer Religionen ist daher
nicht möglich.“ Auch Glücksbringer, Buddha-Statuen
oder Reliquienverehrung gehörten nicht zum evangelischen Christen. Das bedeute aber nicht, dass
die Martini-Gemeinde und Pastor Latzel anderen
Religionen nicht respektvoll begegneten. Latzel habe
ganz im Gegenteil in seiner Predigt darauf hingewiesen, dass Christen die Pflicht hätten, für ein gutes
Zusammenleben mit Mitbürgern anderen Religionen
zu sorgen. Pastorinnen und Pastoren, die sich in
den vergangenen Tagen mit Erklärungen und einer
Protestaktion von Latzel distanziert hatten, kritisierte
Fischer scharf. Sie müssten sich fragen lassen, ob sie
sich noch Gott und dem biblischen Bekenntnis verbunden fühlten.
In seiner Predigt sagte Latzel diesmal, die vergangene
Woche „war nicht vergnügungssteuerpflichtig für
Zunächst ist es meine Aufgabe als Präsidentin und
mir ein persönliches Bedürfnis, all diejenigen um Entschuldigung zu bitten, die Olaf Latzel mit seiner Predigt am 18. Januar gekränkt, diskriminiert und sie in
ihren religiösen Gefühlen und Wertvorstellungen oder
liturgischen Traditionen verletzt hat. Das gilt namentlich für die Menschen muslimischen, buddhistischen
und hinduistischen Glaubens und die katholischen
Schwestern und Brüder, denn sie wurden in dieser Predigt expressis verbis erwähnt.
Predigt bedeutet Verantwortung
Ich finde, dass das Predigtamt der Pastorin, dem Pastor
eine besondere Verantwortung auferlegt. Die Gemeinde vertraut der Predigerin/ dem Prediger die Auslegung
des Wortes Gottes, wie es in den Schriften des Alten
und Neuen Testaments niedergelegt ist, an. Der Predigttext wird gelesen, oftmals zum besseren Verständnis in seine historischen Bezüge eingeordnet und dann
auf das Christsein in der Gegenwart bezogen. Eine Predigt versucht Antworten und formuliert Fragen, sie regt
Geist und Gemüt des Christenmenschen an, in aller
Freiheit und Freude, mit allen Ängsten und Zweifeln
persönlich und in der Gemeinschaft mit anderen sich
immer wieder und immer neu auf den Weg der Erkenntnis Gottes zu machen.
Den Raum weiten und das Herz öffnen
Eine gute Predigt weitet den Raum und öffnet das
Herz, sie offenbart mir die Bibel als das Buch der gro-
mein Leben“. Er finde aber Kraft in Gottes Wort. Mit
Blick auf die Evangelische Kirche in Deutschland
(EKD) werde er „ganz traurig“. Sie sei zwar gesellschaftlich und diakonisch aktiv. Aber „eine Kirche,
die nicht ausstreut das Wort Gottes, die verhungert“. Der Gottesdienst lief unter Beobachtung von
Polizeibeamten, die sich gegenüber der Kirche in
einem Mannschaftswagen postiert hatten. Das sei
eine reine Vorsichtmaßnahme gewesen, sagte eine
Sprecherin der Polizei dem epd. Es habe keine konkreten Hinweise auf Störungen gegeben.
Disziplinarische Konsequenzen gefordert
Mitglieder der Kirchenleitung der Bremischen
Evangelischen Kirche hatten sich in den zurückliegenden Tagen besonders für die beleidigenden
Teile der Predigt von Latzel entschuldigt. Pastoren
und Mitarbeitende der bremischen Kirche forderten disziplinarische Konsequenzen. Die Bremer
Staatsanwaltschaft prüft, ob die Kanzelrede den
Anfangsverdacht einer Straftat wie Volksverhetzung
oder Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft
erfüllt. Im Internet und in Zuschriften erfährt Latzel
dagegen großen Zuspruch. (epd)
ßen Verheißungen, das uns die Liebe zum Leben und
zum Nächsten lehrt. Ich meine aber, dass eine Predigt
nicht verschweigen sollte, dass die Bibel auch voller
Geheimnisse, Rätsel und Widersprüchen steckt, denen
wir uns nicht verweigern dürfen. Nur das nie nachlassende Nachdenken, das Gespräch und auch der theologische Streit bewahren uns davor, uns in absoluter Sicherheit zu wiegen. Die Weite unseres evangelischen
Verständnisses lässt viele Zugänge zum „Buch der
Bücher“ zu, die wir ernst nehmen sollten. Ich möchte nicht in Wortwahl und Duktus von der Kanzel eine
Predigt hören, die mich das Fürchten lehrt.
Liebe, Vertrauen und Respekt
Die Begegnung mit dem dreieinigen Gott geschieht
für mich in Liebe, Vertrauen und Respekt. Evangelium heißt; „Frohe Botschaft“! Damit ich aber auch
die Spannung zwischen Frage und Antwort aushalte,
zwischen Gewissheit und Nicht-wissen, hat Gott mich
das beten gelehrt. Wie oft verweist Jesus auf das Beten
und Schweigen, auf das „sanfte“ Joch und die „leichte“ Last. Ich möchte unbedingt versuchen, den durch
die Situation entstandenen Schaden von der Bremischen Evangelischen Kirche abzuwenden, in dem ich
Gemeinden und Einrichtungen für alle tägliche unermüdliche Arbeit der Verständigung und Öffnung danke und sie ermutige, Gottesdienst und Verkündigung
in aller evangelischen Freiheit und Verantwortung zu
leben und miteinander im Gespräch zu bleiben.
BEK Forum Februar 2015
3
aktuell
aktuell
Debatte um eine Predigt in St. Martini
Stimmen aus der Bremischen Evangelischen Kirche
Auf dieser Doppelseite dokumentieren
wir weitere Stimmen aus der Bremischen
Evangelischen Kirche (BEK) zur umstrittenen Predigt in der Innenstadtgemeinde
St. Martini vom 18. Januar 2015.
Erklärung des Pastors und des Kirchenvorstands
der Innenstadtgemeinde St.Martini
„Wir stehen für
Religionsfreiheit
und absolute
Gewaltlosigkeit“
Wir stehen als Gemeinde und Pastor für eine
weltoffene und freie Gesellschaft in der alle
Menschen gleich welcher Hautfarbe, Ethnie oder
Religion in Frieden miteinander leben können.
Wir stehen als Gemeinde und Pastor ein für
Religionsfreiheit und absolute Gewaltlosigkeit
unter den Menschen in Bremen, in Deutschland
und in der Welt.
Wir stehen als Gemeinde und Pastor ein für die
Gültigkeit der Heiligen Schrift Alten wie Neuen
Testamentes und wissen uns alleine Jesus Christus
verpflichtet.
Wir wenden uns als Gemeinde und Pastor gegen
jede Form der Verfolgung, der Verunglimpfung
oder Einschränkung des Glaubens gleich welcher
Religion.
Wir wenden uns als Gemeinde und Pastor gegen
jede Form der Vermischung der Religion, bei der
uns als Christen ein anderer Gott präsentiert wird,
als der in der Bibel bezeugte dreieinige Gott, der
Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe
auch in Ewigkeit. (Hebr 13,8)
Nach Redaktionsschluss hat die
Innenstadtgemeinde St. Martini eine
ausführlichere Erklärung abgegeben,
die Sie online hier finden:
www.st-martini.net
4
BEK Forum Februar 2015
Pastor Volker Keller, Vegesack,
Beauftragter der BEK für den Dialog mit den
Religionen (Schwerpunkt Islam)
Pastor Renke Brahms
Schriftführer
in der Bremischen Evangelischen Kirche
„Wir müssen wieder
auf eine sachliche
Ebene zurück“
Die Freiheit der Verkündigung, so wie sie
Pastorinnen und Pastoren in der Ordination zuerkannt wird, ist ein hohes Gut. Deswegen gibt es
in der BEK eine große theologische Bandbreite,
mit der wir umgehen müssen. Ich würde beides
immer verteidigen und schützen, auch wenn ich
eine Position nicht teile. Diese Grundhaltung
evangelischer Freiheit halte ich für richtig und
wichtig. Es gibt aber trotzdem Fälle, in denen
Grenzen überschritten sind. Wir müssen unsere
theologischen Standpunkte mit Respekt austauschen, ohne Beschimpfungen und Beleidigungen.
Respekt ist die wichtigste Grundlage für das theologische Gespräch und auch für eine Predigt.
Alle anderen Fragen gehören in die große theologische Vielfalt, die die BEK auszeichnet.
Als Mitglied des Kirchenausschusses wende ich
mich vor allem gegen die Respektlosigkeit und
beleidigende und polarisierende Äußerungen
dieser Predigt. Ich habe mich distanziert und
mich zusammen mit der Präsidentin bei den
anderen Religionen und Konfessionen, die beleidigt wurden, entschuldigt. Wir stehen für einen
ökumenischen und interreligiösen Dialog, den
wir von solchen Äußerungen nicht stören lassen wollen. Für uns geht es jetzt vorrangig um
eine Deeskalation des Konfliktes. Wir müssen
wieder auf eine sachliche Ebene zurückkommen. Ich nehme die Entschuldigung für einzelne wenige Passagen wahr, es bleibt aber
der Gesamtduktus der Predigt äußerst problematisch. Die theologischen Fragen müssen wir
diskutieren. Dafür ist der Kirchenausschuss im
engeren Sinne nicht zuständig. Es ist Sache aller
Gemeinden und Einrichtungen unserer Kirche.
Als Kirchenausschuss werden wir einen Weg finden, den nötigen theologischen Diskurs zu initiieren und zu fördern. Dabei geht es einerseits um
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen
den Konfessionen und Religionen. Andererseits
steht für mich die Frage im Raum, wie wir als
BEK mit eigener Glaubensfreude und -gewissheit
mit anderen Religionen und Konfessionen einen
Dialog führen können, der uns alle bereichert und
zum Frieden zwischen den Gesprächspartnern
beiträgt.
Gesamtausschuss der
Mitarbeitendenvertretungen in der
Bremischen Evangelischen Kirche
„Die Diskussion
muss im Kirchentag
weitergehen“
Der kirchliche Dienst soll in vertrauensvoller Zusammenarbeit das Evangelium in Wort und Tat verkündigen. Diese „Verkündigung“ in St. Martini beschädigt in unerträglicher Weise das Ansehen der
BEK und insbesondere ihrer Mitarbeiter/innen. Sie
trägt dazu bei, den Boden für Fremdenfeindlichkeit
und Rassismus, für Gewalt und Hass zu bereiten, in
dem sie den eigenen Glauben überhöht und andere diffamiert. Unerträglich ist dies für uns deshalb,
da viele Mitarbeitende gerade in den Kitas, aber
auch in den Gemeinden, mit Menschen anderer
oder keiner Glaubensrichtung arbeiten, z.B. in der
Flüchtlingsarbeit.
Für sie ist diese Predigt in St. Martini ein Schlag ins
Gesicht, gegen ihr tägliches Tun; sie verletzt neben
„Anders- und Nichtgläubigen“ diejenigen, die das
Evangelium in der Tat verkündigen. Der Prediger
diffamiert all jene, die sich in beruflicher und/oder
ehrenamtlicher Weise für das gleichberechtigte und
solidarische Zusammenleben aller einsetzen. Und
wie steht er zu denen, die nicht in der Lage sind,
ihren oder einen Glauben zu formulieren?
U.E. steht die Auffassung von Verkündigung, wie sie
hier gepredigt wird, im fundamentalen Widerspruch
zum christlich-humanitären Menschenbild. Theologische Vielfalt darf auch glaubens-rassistische Einfältigkeit nicht dulden! Sie muss da ein Ende haben,
wo andere in ihrer Existenz verunglimpft werden.
Wir erwarten eine theologische und ggf. kirchenverfassungsrechtliche Positionierung des Kirchenausschusses und des Kirchentages. Hier muss diese
Diskussion weiter geführt werden. Konsequenzen
sind überfällig.
Pastorin Jeannette Querfurth
Politik-Beauftragte der Bremischen
Evangelischen Kirche
„Ich bin Christin,
aber ich will den
Dialog mit anderen
Religionen“
Die Predigt in St. Martini gefährdet das Bündnis
„Bremen ist bunt“ ganz sicher nicht. Sie macht vielmehr deutlich, wie wichtig solch ein Bündnis in
dieser Stadt ist, das Dialog statt Abgrenzung sucht
und gegenseitige Achtung anstelle von Verachtung.
Es wird immer wieder unterstellt, dass wir Religionen vermischen wollten. Aber das ist Unsinn! Ich
bin Christin, nichts Anderes und nichts außerdem.
Wenn ich zum Zuckerfest eingeladen werde, bin
ich als Christin nur Gast und ich bleibe Christin. Da
wird gar nichts gemischt.
Aber ich will mit anderen Religionen in unserer
Stadt in Dialog und Frieden leben. Um es ganz
deutlich zu sagen: Mit allen friedfertigen und dialogbereiten Vertreterinnen und Vertretern dieser
Religionen. Mit Hasspredigern gibt es keine Gesprächsbasis.
Die Erklärung unter www.missionrespekt.de stellt
für diese Begegnungen einen Grundkonsens dar,
den auch evangelikale Gemeinden teilen. Ein
christliches Zeugnis in einer pluralistischen Gesellschaft kann gegenseitige Konturen und Grenzen sehen, aber muss keine Mauern zu anderen aufrichten. Ein klares Bekenntnis zu Christus darf nicht im
selben Atemzug andere Menschen herabwürdigen.
Ich glaube, wir brauchen eine theologische Debatte
mit dem Ziel, einen BEK-weiten Konsens zu „Mission Respekt“ herzustellen. Wo und wie diese notwendige Diskussion angesichts unserer Kirchenverfassung geführt werden kann, wird in allernächster
Zeit zu klären sein. Unser menschenfreundliches
und klares christliches Zeugnis ist jetzt gefragt!
„Durch Begegnungen
werden wir uns des
Eigenen bewusster“
In der Predigt geht es um die Bewahrung des Glaubens vor fremdreligiösen Einflüssen. Die Sorge vor
„Verschmutzung“ ist so extrem, dass schon eine Begegnung zwischen Christen und Muslimen einem
Verrat gleichkommt.
Nach 30-jähriger Dialogerfahrung vor allem mit
Muslimen, Buddhisten und Hindus kann ich sagen,
dass Christen sich durch Begegnungen des Eigenen
bewusster werden; dass sie mitunter die Einsicht in
einen Mangel an eigener Klarheit gewinnen und
das Bedürfnis geweckt wird, sich mehr mit dem
christlichen Glauben zu befassen.
Pastor Hans-Gerhard Klatt, Beauftragter für
den Ökumenischen Stadtkirchentag 2016
und das Reformationsjubiläum
„Interkonfessionelles
Gespräch wird nicht
belastet werden“
Ich vertraue darauf, dass diese zutiefst unfromme Predigt das interkonfessionelle Gespräch in
Bremen nicht belasten wird. Sie verstößt in
ihren unflätigen Ausfällen eklatant gegen alle
Regeln des christlichen Zeugnisses in einer multireligiösen Welt, die auch von der weltweiten Evangelischen Allianz mitgetragen werden.
Sie wird deshalb keine Verwirrung in das gute
Zusammenspiel der christlichen Kirchen in dieser
Stadt bringen können. Größere Sorgen bereitet
mir die Frage, welches Bild von Kirche in der
Öffentlichkeit haften bleiben wird.
Pastor Andreas Schröder
Vorsitzender der Evangelischen Allianz Bremen
„Wir bedauern einige
in der Predigt gemachte
Äußerungen“
Der Vorstand der Ev. Allianz Bremen erklärt:
Die Evangelische Allianz Bremen ist ein Netzwerk
von landeskirchlichen und freikirchlichen evangelischen Christen aus Kirchengemeinden und
Werken mit unterschiedlichen theologischen
Prägungen und Traditionen. Sie gründet sich in
der biblischen Botschaft von Jesus Christus und
definiert sich nicht über die Abgrenzung zu anderen Konfessionen und Religionen.
Im Umgang mit Andersgläubigen und in unserem
christlichen Zeugnis orientieren wir uns an den
Richtlinien, wie sie in der gemeinsamen Erklärung
„Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen
Welt - Empfehlungen für einen Verhaltenskodex“
von der Weltweiten Evangelischen Allianz
(WEA), von dem Ökumenischen Rat der Kirchen
(ÖRK) und von dem Päpstlichen Rat für den
Interreligiösen Dialog erarbeitet wurden.
Daher bedauern wir einige in der Predigt des
St. Martini-Pastors Olaf Latzel am 18.01.2015
gemachten Äußerungen zur Glaubenspraxis in
anderen Religionen und Denominationen. Sie
entsprechen nicht der Art der Diskussion und dem
Stil eines notwendigen Dialogs, wie ihn die Ev.
Allianz Bremen schätzt und fördert.
BEK Forum Februar 2015
5
aktuell
aktuell
Debatte um eine Predigt in St. Martini
Stimmen aus der theologischen Wissenschaft
Die Predigt in St. Martini vom 18. Januar hat auch
unter wissenschaftlich arbeitenden Theologinnen
und
Theologen
zahlreiche
Reaktionen
aus-
gelöst. Auf dieser Doppelseite dokumentieren
wir Einschätzungen von Professorinnen und
Professoren aus verschiedenen theologischen
Fachgebieten.
Eberhard Hauschildt
Professor für Praktische Theologe
Universität Bonn
Cornelia Richter
Professorin für Systematische Theologie
Universität Bonn
„Verdeckt den
Unterschied zwischen
Gott und eigener
Predigt“
Predigt soll Gottes guter Gegenwart dienen. Tut
das diese Predigt?
„Das letzte Gericht ist
dem Höchsten allein
anheim zu stellen“
Cornelia Richter kritisiert in ihrer ausführlichen
Stellungnahme zunächst der Prediger verwechsele religiöse Positionierung mit Diffamierung.
Das wahrhaftige Einstehen für den eigenen
Glauben beinhalte in erster Linie Selbstprüfung
und Selbstkritik gegenüber Gott – nicht die
respektlose Diffamierung anderer Religionen. Der
Prediger verwechsele zudem sachliche Kritik mit
Selbstüberhöhung. Weil gerade im Christentum
gilt, dass kein Mensch Gott je gesehen hat als der
Sohn (vgl. Johannes 1,18 u.a.), können wir aber
nicht wissen, wie Gott selbst ist. So wenig wir daher
wissen können, ob wir an ein und denselben Gott
glauben, so wenig könnten wir wissen, ob wir es
nicht tun: Gott selbst hat niemand gesehen – auch
der Prediger nicht. Wenn der Prediger meint, das
Zeugnis von Gott, das uns in Christus und der
Bibel überliefert ist, aus eigener Kraft letztgültig
auszulegen, dann setzt er sich selbst und eigenmächtig an die Stelle des Richters. Der Prediger
verwechselt deshalb drittens Überzeugungsrede
mit gefährlicher Agitation: Obwohl er rhetorisch
geschickt das Gebot der Nächstenliebe einflicht
und sich selbst scheinbar des Urteils über den
Kollegen enthält, missbraucht er die inspirierende
Überzeugungskraft des Predigens für die persönlich-politische Agitation. Wie die Hassprediger
anderer Religionen missbraucht er die Kraft religiöser Bilder, um Misstrauen, Ausgrenzung und
damit letztlich Gewalt unter Menschen zu schüren. Wahre christliche Gottesfurcht bestünde im
Gegenteil: Im klaren Bekenntnis, dass das letzte
Gericht dem Höchsten allein anheim zu stellen
ist.
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BEK Forum Februar 2015
Jede Predigt derzeit stellt unausweichlich einen
Kommentar zum Verhältnis zum Islam dar. Da
ist als Predigttext aus gewählt eine Erzählung von
Gideon als dem Helden, der vor über 3000 Jahren
in Gottes Namen nachts Götzenbilder zerstörte.
Wir hören dazu: Der Satz „Der Islam gehört zu
Deutschland“ ist falsch. Dass Gideon danach in
einen militärischen Heiligen Krieg zog, bleibt
unerwähnt.
Die Predigt stellt die Gewalterzählung unter das
Thema „Reinigung“. Wovon? Von „Neuheidentum,
so einem Dreck“ , „Reliquiendreck“, katholische
Lehre sei „ein großer Mist“ und „Irrsinn“. Und (als
Zitat eines anderen über Muslime): „...wenn die
uns einladen zu ihrem Zuckerfest und all diesem
Blödsinn“. Die Predigt zielt auf den Ruf: „Reinigt
euch“. Der Bibeltext gilt als Anordnung Gottes.
Ein zeitlicher und womöglich auch inhaltlicher
Abstand zwischen der Geschichte und heute
wird nicht zugelassen. Die Predigt meint zu wissen, dass „Gott die Toleranz hundertprozentig
ablehnt“. Und: „Gott sagt: Umhauen, verbrennen,
hacken.“ Die Charakterisierung der Gegner ist
verzerrt . Der Prediger erzählt z.B.: „dass gegen
mich Lehrzuchtverfahren eingefordert werden,
weil ich das klar gesagt habe, dass Allah nicht
derselbe Gott ist wie unser Herr und Heiland
Jesus Christus.“ Kritik an einem bestätigt nur; ihr
Inhalt ist egal: „Die Angriffe gehören mit dazu.
Und wenn das nicht mehr ist, dann stimmt was
mit deinem Christsein nicht.“ Mit all dem fördert
diese Predigt Gefühle, sich von dem Dreck anderer reinigen zu müssen; sie nimmt es argumentativ
nicht genau; sie stilisiert kritisiert zu werden als
Angriff von Götzendienern. Das ist bei aller
Formulierungskunst ein Beispiel für schlechte
Rede: Die wiegelt Nachbarn gegeneinander
auf, verhindert Selbstkritik. Sie verdeckt den
Unterschied zwischen Gott und eigener Predigt.
Uta Pohl-Patalong,
Professorin für Praktische Theologie
Universität Kiel
Henning Wrogemann
Professor für Missions- und
Religionswissenschaft und Ökumenik
Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel
„Bewahrheiten nur
in liebevoller und
gemeinsamer Weise“
In Deutschland leben Menschen verschiedenen
Glaubens bisher friedlich nebeneinander. Das
ist ein hohes Gut. Wie können Christen/innen
inmitten dieser Pluralität ihren Glauben in Tat
und Wort bezeugen? Mir persönlich stehen
Bilder von Menschen vor Augen, wie ich sie in
Ländern wie Pakistan oder Indonesien getroffen
habe. Ganz am Anfang steht da der Respekt vor
Menschen anderen Glaubens, was jede Form von
Herabwürdigung ausschließt. Es geht um eine liebevolle Sprache und ein Umgehen miteinander,
bei dem beide Seiten das Gesicht wahren können. Dazu gehört der Mut, anderen wirklich zu
begegnen und die Gelassenheit, dass Gott selbst
durch seinen Heiligen Geist wirken wird.
Der Name von Jesus Christus, den Christen/
innen bezeugen, fasst die Geschichte des Jesus
von Nazareth zusammen: Seine Reich-Gottes
Botschaft lud verachtete und fremde Menschen
ein und forderte den Stolz der Mächtigen heraus.
In seinem Kreuzestod wurde die Sünde der Welt
und in seiner Auferweckung die größere Gnade
Gottes erkennbar. Dies sind die Wahrheiten, die
Christen/innen kritisch festzuhalten haben: Dass
sich Gott in Jesus Christus als ein Gott der Liebe,
der Gerechtigkeit, der Gnade und der Hoffnung
offenbart hat. Darum kann diese Wahrheit auch
nur bezeugt werden, wenn sich das Bewahrheiten
in einer liebevollen und gemeinschaftlichen
Weise ereignet.
Gegenwärtig sind in etlichen Ländern der Erde
religiöse Bewegungen zu beobachten, die um
der „Reinheit“ der religiösen Praxis willen fordern, Kontakte zu Andersgläubigen abzubrechen.
Daneben gibt es nationalistische Bewegungen,
die um der Reinheit der eigenen Nation willen
fordern, Menschen anderen Glaubens Rechte
zu nehmen oder diese des Landes zu verweisen.
Christen/innen weltweit sind zusammen mit allen
Menschen guten Willens dazu aufgerufen, solchen Tendenzen entschieden entgegenzutreten.
Dies fängt bei der Sprache an.
„Der Prediger
stellt sich zwischen
Text und Gemeinde“
Der Prediger überträgt Aspekte aus dem Bibeltext
willkürlich auf heutige Verhältnisse und leitet aus
diesen Handlungsanweisungen ab. Was dieser
Prediger diesem Text entnimmt, ist seine persönliche Deutung, die mit dem Inhalt des Textes
wenig zu tun hat. Zudem belegt der Prediger
seine Aussagen mit anderen Bibeltexten, ohne
deren Hintergründe und Kontexte zu beachten. Er
funktionalisiert sie für das, was er ohnehin sagen
möchte.
Der Prediger inszeniert sich als jemand, der weiß,
was Gott von den Menschen will. Er beansprucht
eine Deutungshoheit über biblische Texte, indem
er seine Deutung mit dem Inhalt der Bibel
gleich setzt. Jede Aussage von Predigerinnen und
Predigern aber ist eine Deutung eines biblischen
Textes – der selbst immer mehr ist als menschliche Deutungen erfassen können. Der Prediger
verwechselt damit seine Botschaft mit dem Inhalt
des Textes.
Diese Selbstüberhebung entspricht auch, dass der
Prediger sich immer wieder selbst thematisiert.
Entgegen seiner Aussage „Ich will mich jetzt hier
nicht irgendwie stilisieren“ macht er sich zum
Märtyrer für die Sache des Glaubens und stellt
sich in peinlich berührender Weise als Vorbild
dar. Eine Predigt hat die Aufgabe, eine Begegnung
zwischen biblischem Text und Menschen heute
zu eröffnen. Zu einer solchen Begegnung gibt
diese Predigt keine Chance. Der Prediger stellt
sich sozusagen zwischen Text und Gemeinde,
indem er der Gemeinde sagt, was der Predigttext
meint und welche Konsequenzen aus ihm zu
ziehen sind. Die Hörerinnen und Hörer können
keinen eigenen Entdeckungen am Predigttext
machen, keine eigenen Erfahrungen mit ihm verbinden, keine eigenen Schlüsse aus ihm ziehen.
Auch wenn es gegenüber den Inhalten marginal
wirkt: Die Sprache der Predigt entspricht auf fatale
Weise dem Inhalt. Sätze wie „So Synkretismus,
nicht, so alles zusammenmanschen, nicht. Ist doch
sowieso derselbe Gott!‘ zeigen selbst in mündlicher
Rede, dass der Prediger sprachlich ebenso wenig
Sorgfalt aufbringt, wie er es in der Beschäftigung mit
dem Bibeltext tut. Form und Inhalt gehen damit in
erstaunlicher Weise konform.
Friedrich-Wilhelm Graf
Professor (i.R ) für Systematische Theologie
Universität München
„Hier helfen weder
Staatsanwalt noch
kirchliche Autoritäten“
Wer die Bibel liest, findet im Alten wie Neuen
Testament viele Geschichten von religiös motivierter Gewalt und Aggressionsbereitschaft. Oft
wird ein extrem autoritäres Bild Gottes als eines
eifernden, auch eifersüchtigen und zornigen
Machtsubjekts gezeichnet.
Uralte „Heilige Schriften“ spiegeln in ihren
Mythen und Legenden eben archaische Zeiten.
So sind sie hochgradig ambivalente Texte, deren
Deutung schwierig und voraussetzungsreich ist.
Seit der Frühzeit der reformatorischen Bewegung
Martin Luthers gehörte es deshalb zu den entscheidenden Zielen des Protestantismus, dass
die Prediger, also die Pastoren und Pfarrer, ein
anspruchsvolles akademisches Studium an den
„Hohen Schulen“, den Universitäten, durchlaufen
haben müssen, bevor sie auf die Kanzel steigen
dürfen. Denn die Auslegung alter, gefährlicher
Texte bedarf hoher Deutungskompetenz.
Diese professionelle Fähigkeit, alte Texte mit
Blick auf die Gegenwart verständlich auszulegen, geht dem Pastor Olaf Latzel sichtlich
ab. Wo mag dieser Gottesgelehrte bloß studiert
haben, und wie kann ein solch ungebildeter,
gedankenloser Redner nur ein wissenschaftliches
Examen bestanden haben? Seine Predigt ist bloß
gedankenloses Gerede ohne jeden theologischen
Gehalt. Erschreckend primitiv wird in grausam
schlechtem Deutsch fort und fort immer nur die
Trivialität verkündet, dass man Gottes Gottsein
ernst nehmen und Jesus nachfolgen soll.
Wer nur so wenig zu sagen hat, überdeckt seinen
Mangel an Bildung und Reflexionskraft dann
eben durch die taktlose Beleidigung anderer.
Von Bürgertugend und Höflichkeit keinerlei Spur.
Aber hier helfen weder der Staatsanwalt noch
irgendwelche kirchlichen Autoritäten. Zu Leuten
mit schlechtem Benehmen soll man einfach nicht
mehr hingehen.
Frank Crüsemann
Professor (i.R.) für Altes Testament
Kirchliche Hochschule Bethel
„Bibel und Gott
sind anders“
Man suche sich einen harten Text und behaupte
dann, das sei jetzt unmittelbar Gottes Wort für
uns heute. Mit dieser Methode kann man mit der
Bibel alles machen. Wer Menschen im Namen
des Koran enthauptet, geht - methodisch gesehen
¬- nicht viel anders vor. Nur drei fundamentale
Einwände:
- Ri 6 ist eine Erzählung und keine Anweisung zum
Handeln. Sie spiegelt eine Auseinandersetzung
Israels mit der kanaanäischen Religion, die sich
über Jahrhunderte hinzog, in der es Phasen von
Gewalt gab, an deren Ende aber die Einsicht
stand, dass religiöse Konflikte (im eigenen Haus!)
niemals durch Gewalt zu lösen sind.
- Gott als eine einzige Größe – diese Kernbotschaft
des Alten Testamentes bedeutet auch, dass er
nicht ausschließlich zu uns, den Rechtgläubigen,
gehört, sondern dass wir ihm auch bei den anderen begegnen. Man lese etwa nach, wie Abraham
lernen muss, dass es „Gottesfurcht /Respekt vor
Gott“ auch bei den Philistern gibt (1. Mose 20,11)
– und die verehren andere Gottheiten. Jesus preist
Trauernde und Sanftmütige selig – ganz unabhängig von ihrer Religion (Matthäus 5,4ff).
- In der Tat ist das 1. Gebot wichtig. Aber neben
„Keine anderen Gottheiten“ steht im Dekalog
„kein Bild von Gott machen“. Und das heißt auch,
Gott nicht mit unseren eigenen Vorstellungen
von Gott zu verwechseln. Wenn man ein festes
Gottesbild hat und dann behauptet, nur dieses
sei richtig und alle anderen müssten sich ihm
anschließen, hat man nicht selten aus Gott schon
einen Götzen gemacht.
Die Texte sind teilweise gekürzt. Die vollständigen Statements finden Sie unter
www.kirche-bremen.de
BEK Forum Februar 2015
7
aktuell
aktuell
Debatte um eine Predigt in St. Martini
duismus, Buddhismus, Islam oder Katholizismus redet).
kämpfer“ prägt auch die Predigt von Pastor Latzel. Die
Ich möchte vor allem auf den Begriff des „Neuheiden-
kirchliche und städtische Öffentlichkeit in Bremen – be-
tums“ hinweisen, weil dieser vermutlich einen Schlüssel
sonders die Kirchengemeinde St. Martini – muss sich
zu den Nöten darstellt, die den Prediger umtreiben: Es
fragen wie sie damit umgeht, dass es in ihren Reihen
geht ihm um „einfache“ Unterscheidungen zwischen
Stimmen wie die von Pastor Latzel gibt, die sich heute
wahr und falsch, schwarz und weiß, in einer Kirche,
auch dank der sozialen Medien im Internet eine breite
die er als unentschieden und weich wahrnimmt. So fällt
Aufmerksamkeit schaffen können. Wir alle müssen uns
auch das Stichwort „westlich dekadent“, und der Vor-
als evangelische Christen in Kirche und Universitäten
fragen: Wofür ist eine solche Predigt ein Symptom?
Die Barmer Theologische Erklärung von
1934 richtet sich gegen die Verfälschung
des christlichen Glaubens durch die hitlertreuen Deutschen Christen. Wegen deren
„Irrlehre“ schied sich die NS-kritische
Bekennende Kirche von ihnen. Das Barmer
Bekenntnis wandte sich entschieden gegen
jeden Versuch staatlicher Gleichschaltung
der Kirche in der NS-Diktatur.
Stimmen aus erregten Facebook-Kommentaren von Befürwortern der Predigt. Sie
kritisieren scharf, dass Repräsentanten und
zahlreiche Pastorinnen und Pastoren der Bremischen Evangelischen Kirche sich von dem
Text distanziert haben.
Im aktuellen Streit berufen sich sowohl die
St. Martini-Gemeinde als auch ihre
Kritiker/innen in ihren Stellungnahmen
auf diese Erklärung.
Friedhelm Hartenstein
wurf des „Götzendienstes“ durchzieht die ganze Predigt.
Professor für Altes Testament
Solche Verfallsthesen prägen oft Predigten und Hand-
Universität München
lungen von Fundamentalisten verschiedener religiöser
Herkunft.
„Was Fundamentalisten
eint, ist, dass man mit ihnen
nicht diskutieren kann.“
Stimmen aus der theologischen Wissenschaft
Was Fundamentalisten eint, ist, dass man mit ihnen nicht
diskutieren kann, weil sie die Wahrheit immer schon
kennen. Sie tun zuletzt genau das, wovor Latzel in seiner Predigt warnen möchte: Sie vereinnahmen Gott und
vergöttern ihre eigenen Überzeugungen. Leider sind sie
darauf nicht ansprechbar, weil sie in einer geschlosse-
Pfarrerinnen und Pfarrer der evangelischen Kirchen in
nen Welt leben, aus der heraus sie sich nach öffentlicher
Deutschland durchlaufen – genau wie Ärzte und Juristen
Bedeutsamkeit sehnen. Der Wunsch nach (ja sogar eine
– üblicherweise einen aufwändigen Bildungsprozess in
gewisse „Lust“ an) der Wahrnehmung als „Widerstands-
Theorie und Praxis, bis sie den Auftrag zur öffentlichen
Verkündigung erhalten. Wie bei Ärzten und Juristen soll
„nicht wahr!“). Der massiven Vereinnahmung der Gemeinde dienen auch das bevormundende „wir wollen“,
zwanghaftes „wir müssen“/„man muss“/„du musst“/„da
muss ich“/„wir dürfen nicht“, lautstarke Appelle („Lesen Sie ...“; „Lesen Sie ...“), suggestive Wiederholungen („geht alles schief, geht alles schief, geht alles den
Bach runter“), die gehäuften verbalen Verstärker „ganz
(wichtig, klar, deutlich, elementar, bewusst)“, „absolut“,
„wirklich“, „alles“, „immer wieder“ ... und die übergriffige „Du“-Anrede. Latzels Predigt bemächtigt sich ihrer
HörerInnen und nimmt sie gefangen, statt sie die glanzvolle Freiheit der Töchter und Söhne Gottes schmecken
zu lassen.
diese Ausbildung möglichst Fehlern in der Berufsausübung vorbeugen (weil sie Folgen für Leib und Leben
haben können).
Zum Studium der Theologie gehört es, dass man die biblischen Texte des Alten wie des Neuen Testaments auch
aus einer historischen Distanz lesen lernt und sie nicht
einfach unkritisch für eigene Vorstellungen und Wünsche vereinnahmt. Eine solche wissenschaftliche Haltung ist ein wichtiges Erbe der Aufklärung. Sie ermög-
Christus bekennen!
Synkretistische Kirche
licht es der Kirche und allen Christen mit verständlichen
Argumenten ihren Glauben darzulegen und sich am
öffentlichen Gespräch, z.B. über Religionen, produktiv
zu beteiligen.
Nach Lektüre der Predigt von Pastor Olaf Latzel habe ich
den Eindruck, dass er (wohlgemerkt: als öffentlich beauftragter Prediger) eine ganz narzisstische und destruktive
Haltung einnimmt. Es ist eine distanzlose Predigt: Weder
hat der Prediger Abstand zu sich selbst noch zum biblischen Text. Er setzt seine Rede mit dem Willen Gottes
Scharia
kotzen vor Wut
sam interpretiert, sondern als „Stimme senkrecht von
oben“ vernommen. Aus der Erzählung Richter 6,25-32 hört
Latzel direkte Befehle Gottes heraus, sich von allem religiösen „Dreck“ zu reinigen (wobei sich ein Klischee an
das andere reiht und es völlig einerlei ist, ob er über Hin-
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BEK Forum Februar 2015
falsche Propheten
Heuchler
dreckige Lügen
Bananenrepublik
suizidale Selbstabschaffung
Feuer der Hölle
theologischen Zusammenhang eingeordnet und sorg-
Irrlehren
Islamisierung
Judasverrat
gleich und beansprucht dessen Autorität.
Der biblische Text wird nicht in seinen historischen und
Multireligion
Wahrheit
Leerformeln
Verführer
Totengräber des Christentums
Multikultiwischiwaschi
Magdalene L. Frettlöh
Professorin für Systematische Theologie
Universität Bern
Verblüffungsresistente
Selbstinszenierung und
Selbstvergötzung
Diese Predigt ekelt mich an – und doch bedürfte sie einer genauen Analyse im Gespräch mit der Bibel, dem
Prediger, der Gemeinde und jenen, die er – vermeintlich
göttlicher Apartheitspolitik entsprechend – in zwei feindliche Lager geschieden hat. Für ein solches Gespräch
notiere ich einige Beobachtungen:
1.Vor allen unsäglichen Inhalten stößt mich die Sprache dieser Predigt ab: Da begegnet mir ein penetrant (59
Mal) Zustimmung heischendes „nicht“ (als verkürztes
2.„Ich sage nur, was in der Bibel steht.“ Der Prediger verrät seiner Gemeinde nicht, was ihn zur Wahl dieses Predigttextes bewogen hat. Deutlich wird aber, dass dieser
Text (wie die Bibel insgesamt) keine Chance gegen das
hat, was Herr Latzel auch ohne den Predigttext weiß. Er
lässt sich durch die Bibel nicht ins Wort fallen, irritieren,
anfechten. Ihm ist alles „klar“; er hat keine Fragen. Das
Leitwort der Predigt, „Reinigung“, dem der aufdringliche
Klarheitsjargon korrespondiert, kommt im biblischen
Text nicht vor. Der Prediger kennt seine(!) ganze(!) Bibel,
während die Gemeinde noch viel lesen muss. Er predigt
sich selbst. Unübersehbar wird dies an den vielen IchAussagen der Predigt („Da hab ich gegen gekämpft“) und
vor allem an der Vorwegnahme von Einwänden („... ich
weiß genau, was wieder kommt nach dieser Predigt“),
mit denen er sich immunisiert. Verräterisch die Formulierung: „Aber glaubt mir ...“. Die (gebrochene) Identifikation mit Gideon, Jesus, Luther und Paul Schneider macht
auch vor Gott nicht Halt.
3.Ebenso ist dem Gottes- und Jesusbild der Predigt zu
widersprechen. Latzel weiß immer genau, was Gott will,
und vor allem, was Gott nicht will. Und er hat Gott stets
auf seiner Seite – gegen (fast) alle anderen. Dabei be-
schwört er ein bedrohliches Schreckensszenario der
Jesusnachfolge herauf: Jesusnachfolge heißt Verfolgung
und Leiden: „... dann wirst du angegriffen.“ „Da gibt’s
immer zwischen die Beine.“ Die lebensgefährliche Aggression der Anderen wird zum Beweis der Echtheit
der Nachfolge: „Wenn das nicht mehr ist, dann stimmt
etwas mit deinem Christsein nicht.“ So redet einer, der
sich selbst zum Märtyrer stilisiert und will, dass ihm die
Gemeinde darin folgt. Dietrich Bonhoeffer hat daran erinnert, dass Jesus nicht der einzig Sündlose unter lauter
SünderInnen sein wollte und deshalb stellvertretend die
Schuld der anderen auf sich genommen hat. Von einer solchen Stellvertretung zeigt sich die durchgängige
Schwarz-weiß-Zeichnung dieser Predigt unberührt. Hier
wird eigene „absolute Reinheit“ durch die Beschmutzung der
Anderen gesucht. Diese Predigt wirft buchstäblich mit Dreck.
4.„Jesus allein, Jesus allein, der dreieinige Gott – das ist
Christentum.“ Nicht nur, dass Latzel andere Religionen
verzeichnet und mit Begriffen der Fäkaliensprache diffamiert, er muss sich auch fragen lassen, welchem Christentum er das Wort redet, wie etwa das „Jesus allein“,
für das schon Gideon eingetreten sein soll, zu vermitteln
ist mit dem Bekenntnis zum dreieinigen Gott. In der Tat:
der Gott, zu dem sich Christenmenschen bekennen, ist
nicht einfältig. Er ist dreifältig – und damit anders als anders als anders und so gerade auch Gott der Anderen.
Wie können wir ein „Für-uns-Sein“ dieses Gottes beanspruchen, das nicht auch ein „Sein-für-Andere“ ist?!
5.Nach These 6 der Barmer Theologischen Erklärung ist
es die Aufgabe der Kirche, „die Botschaft von der freien
Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“. Die freie Gnade Gottes aber ist eine befreiende und zurechtbringende,
nicht eine zugrunde richtende und zerstörende. Und es
ist ihr eigen, anmutig zu sein. Latzels Predigt dagegen
strotzt vor Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit. In
ihr lese ich nichts von Gottes Grazie.
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