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Hindu-Frauen werden in den Priesterstand erhoben

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Hindu-Frauen werden
in den Priesterstand erhoben
BERN Ein ungewöhnliches Ritual im «Haus der Religionen»:
Erstmals wurden im neuen
Shiva-Tempel vier Frauen zu
Hindu-Priesterinnen geweiht.
«Ein mutiger Schritt», meint
der Luzerner Religionswissenschaftler Martin Baumann.
BENNO BÜHLMANN
redaktion@luzernerzeitung.ch
Wie in einem Bienenhaus ging es am
vergangenen Sonntag im «Haus der Religionen» am Berner Europaplatz zu und
her, das erst vor kurzem neu eröffnet
worden war: Mehr als 3000 Gäste aus
dem In- und Ausland nahmen im Verlaufe des Tages gestaffelt an
den mehrstündigen Feierlichkeiten zur Einweihung
des neuen Shiva-Tempels
teil. Unter ihnen waren
auch etliche Vorstandsmitglieder des Luzerner HinduTempels in Gisikon-Root,
die sich das aussergewöhnliche Ereignis in Bern nicht
entgehen lassen wollten.
Künstler aus Indien
Der Luzerner HinduPriester Saseetharen Ramakrishna Sarma kann bestätigen: «Wir können nur
davon träumen, in der Zentralschweiz auch einen so
schönen und grossen Tempel zu haben.»
Schon aus finanziellen Gründen wäre ein
solches Bauvorhaben schwer realisierbar.
Auch im «Haus der Religionen» mussten
die tamilischen Hindus Spendengelder
in der Grössenordnung von 1,5 Millionen
Franken sammeln, um die reichhaltige
Innenausstattung des Tempels mit 21
Schreinen und vielen farbenfrohen Skulpturen und Götterstatuen wie Shiva, Ganesha, Krishna und Murugan von fachkundigen Tempelbauern ausführen zu
lassen. Ganze elf Künstler aus Südindien
wurden in die Schweiz eingeflogen, um
innerhalb von acht Monaten die aufwendigen Bildhauerarbeiten unter relativ
grossem Zeitdruck umzusetzen.
Eindrücklich waren am vergangenen
Sonntag die vielfältigen Rituale, die zur
«Einspeisung der göttlichen Energie» im
In der Schweiz können nun auch Frauen
Hindu-Priesterinnen werden. Der farbenprächtige Tempel im Haus der Religionen
wurde von indischen Künstlern geschaffen.
Bilder Benno Bühlmann
stammte religiöse Praxis aufzugeben.
«Wir haben bemerkt, dass viele herkömmliche Bräuche den Bedürfnissen
der hiesigen Migrantengesellschaft nicht
mehr entsprechen», meint Sasikumar
Tharmalingam, Mitbegründer des reformierten Hindutempels. Gebete in der
Muttersprache (also auf Tamilisch statt
in Sanskrit), Gleichberechtigung von
Mann und Frau wie auch der Abschied
vom Kastensystem sei in einer westlich
geprägten Gesellschaft unbedingt notwendig, ist er überzeugt. In den heiligen
Schriften des Hinduismus stehe nichts
vom Kastenwesen oder dem Sanskrit als
Gebetssprache und auch nicht, dass nur
Männer Priester werden könnten.
Deshalb wurden am Sonntag in Bern
erstmals in der Schweiz vier Frauen zu
Hindu-Priesterinnen geweiht, was in
der tamilischen Gemeinschaft vereinzelt auch kritische Reaktionen hervorgerufen hat. «Was die tamilischen Hindus in Bern gemacht haben, ist zweifellos ein mutiger Schritt», meint Martin
Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern
und weist darauf hin, dass eine gute
Integration einen solchen Prozess vorantreiben könne. Zudem sei zu bedenken, dass in einer Diaspora-Situation solche «Experimente» eher möglich seien als im Herkunftsland Sri
Lanka, wo nach wie vor eine eher
konservativ-traditionelle Ausprägung
des Buddhismus anzutreffen sei.
Projekt einzigartig in ganz Europa
Shiva-Tempel vorgenommen wurden:
Unzählige Opfergaben, Kokosnüsse, Blumengirlanden und Gefässe mit heiligem
Wasser, das für die Einweihungszeremonie eigens vom Ganges nach Bern gebracht wurde, standen im Tempel für die
Einweihung bereit. «Es ist für uns Hindus
sehr wichtig, das Wasser vom heiligen
Fluss Ganges über alle Altäre zu giessen
und so unseren Tempel mit kosmischer
Energie auszustatten», erklärt Sasikumar
Tharmalingam, der seit 14 Jahren als
Hindu-Priester in Bern wirkt.
Nicht fehlen durfte bei dieser wichtigen Zeremonie auch die Anwesenheit
einer Kuh, die im Hinduismus als heiliges Tier verehrt wird. Am Rande der
Stadt konnte glücklicherweise ein Bauer
gefunden werden, der eine seiner Kühe
für die Tempeleinweihung zur Verfügung
stellte. Das Tier musste für die Feier
noch speziell vorbereitet werden: Es
bekam einen Punkt auf die Stirn, eine
Blumenkette und ein goldenes Tüchlein
umgehängt. Marc Lehmann, der die Kuh
an den ungewöhnlichen Ort begleitete,
zeigte sich beeindruckt vom Ritual: «Ich
habe so etwas noch nie erlebt. Es ist toll,
dass ich hier dabei sein kann.»
Integration hat Spuren hinterlassen
Was sich in Bern am Sonntag ereignete, war nicht nur für Aussenstehende,
sondern auch für Angehörige des Hinduismus ungewöhnlich. Denn die tamilische Gemeinschaft in Bern hatte sich
schon vor Jahren zum Ziel gesetzt, sich
in der Schweiz für einen «reformierten
Hinduismus» einzusetzen und damit
auch den Bemühungen hin zu einer
konsequenten Integration in einem
europäischen Kontext zum Durchbruch
zu verhelfen, ohne dabei die ange-
Der neue Shiva-Tempel ist Teil des
«Hauses der Religionen» am Europaplatz
– ein Projekt, das in dieser Ausgestaltung
einzigartig ist in ganz Europa: Nirgends
sonst finden wir unter einem Dach fünf
verschiedene Sakralräume von sehr
unterschiedlichen Religionsgemeinschaften: eine Moschee für Muslime,
eine Kirche für Christen, eine alevitische
Dergah sowie verschiedene Tempel für
Hindus und Buddhisten.
Mehr als zehn Jahre lang haben die
Initianten des Projektes unter der Leitung
von Hartmut Haas mit grossem Engagement darauf hingearbeitet und mussten
dabei viele Durststrecken überstehen.
«Ich bin sehr glücklich, dass wir unser
hoch gestecktes Ziel nun doch noch erreichen und damit in der Schweiz ein
wichtiges Signal setzen konnten für ein
friedliches und tolerantes Zusammenleben der Religionen», meint Hartmut Haas,
der selber als Pfarrer der Herrnhuter
Kirche angehört.
Die Macht der
Propheten
Hans-Peter
Schuler
P
ropheten warnen vor gefährlichen Schritten und wollen in die
Zukunft führen. Man liebt sie nicht,
sie stören den Alltag und fordern
die Menschen heraus. Sie nennen
auch unbequeme Tatsachen beim
Namen und stellen ihre Prognosen.
MEIN THEMA
Sie fehlen heute in der Kirche,
sie wären nötig. Wir deuten die
Gegenwart nach alten Denkmustern, sie machen uns blind für
gefährliche Entwicklungen. «Das
haben wir immer so gemacht!», das
ist eine gefährliche Denkschablone
und verleitet zu falscher Sicherheit.
Gerne vertrauen wir den «Experten»
aller Art, sie verbreiten sich in den
Medien und erklären uns die Welt.
Nicht alle sind Propheten. Oft sind
sie von Geldgebern gesteuert, unsere Welt wimmelt von Gurus und
Meinungsmachern. Als Jesus in den
Synagogen predigte, waren die
Menschen berührt von seinen Worten, sie spürten, der war anders als
die Schriftgelehrten.
Autoritäre, auch religiöse Systeme
machen ihre Gegner mundtot, doch
die Autorität von Jesus setzt sich
durch. Er überzeugt, weil er so
handelt, wie er predigt, weil seine
Meinung nicht von Mächtigen gesteuert wird, weil er begeistert, weil
es ihm um das Wohl aller geht!
Geben wir Acht, dass wir die Propheten und Andersdenkenden in
unserer Umgebung nicht als Verräter beschimpfen und im medialen
Kreuzfeuer verhöhnen.
«Wer nicht mehr besser werden
will, hat aufgehört, gut zu sein!» Wir
gewöhnen uns auch in der Kirche
an die Mittelmässigkeit, an den
Durchschnitt. Wir sollten genügend
Selbstvertrauen haben, um zu merken, dass wir etwas zu sagen haben.
Hans-Peter Schuler, Diakon, Sattel
«Die Anerkennung des Islams ist eine heisse Kartoffel»
ISLAM Muslime wollen
rechtlich anerkannt werden.
Islamexperte Samuel Behloul
plädiert dagegen für eine
Politik der kleinen Schritte.
Herr Behloul, die muslimischen Verbände fordern einmal mehr die Anerkennung ihrer Glaubensgemeinschaft. Welche Chancen geben Sie
dem Anliegen?
Samuel Behloul*: Vom Gesetz her steht
dem wenig im Weg. Dennoch sind die
Chancen derzeit eher gering.
Was sind die grössten Hürden?
Behloul: Da ist zum einen der Föderalismus. In jedem Kanton hat ein Gesuch
andere Voraussetzungen, und eine Anerkennung für Religionsgemeinschaften
auf Bundesebene gibt es nicht. Zweitens
stellt sich schon die Frage, wen man anerkennen soll. Braucht es einen Dachverband, der offiziell für Muslime verantwortlich ist und als direkter Ansprechpartner für Behörden fungiert? Oder
anerkennt man Vereine auf lokaler Ebene? Hier bedarf es nicht zuletzt einer
Einigung unter Muslimen selbst. Drittens
ist politische Willensbildung notwendig.
Bislang scheint mir die Frage der Anerkennung des Islams eine heisse Kar-
toffel zu sein, die kein Politiker richtig
anfassen will.
Gäbe es ein anderes Modell?
Behloul: Ich plädiere, gerade vor dem
föderalistischen Hintergrund und in Anbetracht vieler ungeklärter Fragen, für eine
Politik der kleinen Schritte. Statt einen
juristischen Akt zu vollziehen, könnten
die Gemeinden und Kantone den Muslimen schrittweise mehr Rechte geben.
«Über lokale
Instanzen verbessert
man den Dialog.»
S A M U E L B E H LO U L
Zum Beispiel?
Behloul: Es gibt bereits Kantone und
Gemeinden, wo Imame Zugang zur
Seelsorge in Spitälern und Gefängnissen
haben und wo muslimische Gläubige
nach dem islamischen Ritus beerdigt
werden können. Über lokale Instanzen
verbessert man den Dialog. Wenn eine
Schule ein Problem mit einem muslimischen Mädchen hat, etwa beim
Schwimmunterricht oder bei der Teilnahme am Klassenlager, braucht sie den
örtlichen Imam zur Vermittlung.
Die Schweizer Bevölkerung erhofft
sich von der Anerkennung vor allem
mehr Kontrolle. Ist das realistisch?
Behloul: Diese Hoffnung entspringt dem
Sicherheitsbedürfnis und ist verständlich,
wenn man sich jetzt mit schwer fassbaren
Phänomenen wie dem IS gegenübersieht.
Allerdings blendet diese Wahrnehmung
die muslimische Gemeinschaft aus. Ich
sehe keine Parallelgesellschaften, sondern
Idee ist mit falschen Hoffnungen verknüpft
INTEGRATION fak. Die muslimischen
Verbände hoffen, mit der rechtlichen
Anerkennung ihrer Glaubensgemeinschaften eine bessere Integration zu
erreichen und Radikalisierungstendenzen in den eigenen Reihen wirksamer
bekämpfen zu können. Davon gehen
auch Schweizer Politiker aus. So sagte
der Berner SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus der «Sonntagszeitung»,
dadurch könnte man einen gewissen
Einfluss auf die Glaubensgemeinschaften ausüben. Experten halten das für
falsch. «Davon darf man nicht zu viel
erwarten, auch bei den Kirchen wird
die interne Selbstorganisation respektiert», sagt etwa Felix Hafner. Der
Professor für öffentliches Recht der Uni
Basel hat sich mehrfach mit der öffentlichen Anerkennung von Religionsgemeinschaften befasst. Dieser Meinung ist auch Andreas Tunger Zanet-
ti, Islamwissenschaftler an der Uni
Luzern. «Die Glaubensgemeinschaften
kontrollieren zu wollen, wäre völlig
verfehlt und würde die Religionsfreiheit
verletzen», sagt er. «Der Staat darf die
Inhalte einer Religion nicht bestimmen.» Auch eine Gewissensprüfung
für Imame lehnt er ab. «Das ist völlig
überzogen. Meiner Erfahrung nach
sortieren die Gemeinschaften ‹faule
Eier› selbst sehr effizient aus.»
Imame, die ihre Weiterbildungszertifikate
von Schweizer Bildungsinstitutionen stolz
an die Wand hängen.
Aber es gibt ja auch hier radikalisierte und vielleicht gewaltbereite
Muslime.
Behloul: Ja. Dennoch ist die Erwartung,
dass eine rechtliche Anerkennung des
Islams die Gefahr des Extremismus automatisch bannen kann, naiv. Die Radikalisierung findet heutzutage in erster
Linie im Internet statt, und zwar nicht
etwa durch das Koranstudium. Eher
durch das Schauen von Videos, in denen
etwa gezeigt wird, wie russische Soldaten
tschetschenische Frauen vergewaltigen.
Auch der gerade erschienene Report
eines Guantánamo-Häftlings und weitere Folterberichte schüren Rachegelüste
und führen zu einer in erster Linie
politischen und nicht nur religiösen
Radikalisierung.
INTERVIEW SERMÎN FAKI
* Der Theologe
Samuel Behloul
ist Direktor der
Kommission Migration
bei der Schweizer
Bischofskonferenz.
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