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Ein Fall für David Copperfield

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64 KUNSTMARKT
WOCHENENDE 6./7./8. FEBRUAR 2015, NR. 26
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Ein Fall
für David
Copperfield
Erfrischend unangestrengt
Messe Art Rotterdam setzt sich für junge Kunst ein, die noch finanzierbar ist.
Annegret Erhard
Rotterdam
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it Garantien kann das Auktionshaus Preisspannen
ohne Angst vor Flops maximal ausreizen. Oder, wie Chefexperte Philip Hook vornehmer formuliert: „Wir prüfen besonnen,
was ein Werk bringen kann und bis
zu welcher Preisebene wir es führen können.“
Jedenfalls ein guter Abend für
Monet. Fünf Werke brachten zusammen 55,8 Millionen Pfund. Das
vom Museum of Modern Art abgestoßene Pappelbild „Les Peupliers
à Giverny“ kostete 10,8 Millionen
Pfund – Unterbieter sei der Illusionist David Copperfield gewesen. Eine zähe Schlacht gab es für das Impressionistenbild „L’Embarcade“
von 1871. Galerist William Acquavella bezahlte mit 10,3 Millionen
Pfund die obere Schätzung. „Antibes vu de la Salis“, eine Landschaft
von 1888, kam mit 8,8 Millionen
Pfund ohne Sicherheitsnetz noch
deutlicher über die Taxe.
„Es läuft gut, wenn vernünftige
Schätzungen den Bietern das Gefühl geben, hier kann man noch
einsteigen“, erklärt der Düsseldorfer Kunstberater Jörg Bertz. Das
war so bei der „Odalisque au fauteuil noir“ von Henri Matisse, mit
neun bis zwölf Millionen Pfund angesetzt und von der New Yorker
Kunstagentin Nancy Whyte auf 15,9
Millionen Pfund gesteigert. Oder
dem Ausreißerlos des Abends: Ein
25 Zentimeter großes, kreisrundes
Selbstporträt von Kasimir Malewitsch. Die Gouache schien mit 1,2
bis 1,5 Millionen Pfund teuer genug, wurde aber erst bei 5,7 Millionen Pfund dem Londoner Händler
Harry Blain zugeschlagen.
Frisch geboten wurde auch bei
Wladimir Kandinsky. Zwar schaffte
„Moskau II“, 1916 in Russland gemalt und wie viele Russland-Kandinskys mit ungewisser Provenienz, mit 6,4 Millionen Pfund nur
die untere Schätzung. Aber hart
kämpfte der Käufer dann für ein
dynamisch sprühendes Aquarell,
das ohne Garantie mit 800 000 bis
1,2 Millionen Pfund angesetzt war –
und bezahlte 3,3 Millionen Pfund.
Deutsche Kunst ist gegenüber
solchen Spitzenpreisen nur
ein Nebengleis: Max Pechsteins
„Bildnis Charlotte Cuhrt“, ursprünglich Teil einer Wanddekoration, ging zurück. Pechsteins „Stilleben mit Pfeife“ wurde für
605 000 Pfund an die Berliner Galerie Bastian verkauft, und Schieles
kleine Öllandschaft „Wiese, Kirche und Häuser“ erfüllte
mit zwei Millionen
Pfund die Erwartungen.
Christie’s hatte kein ganz
so starkes Angebot, operierte
sehr viel weniger mit Garantien,
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schaffte aber doch ein beachtliches
Gesamtergebnis. Hier standen bei
der deutschen Kunst Werke aus der
Vorkriegssammlung Carl Hagemann im Mittelpunkt, darunter ein
bewegtes, pastoses Badesee-Bild
Ernst Heckels von 1910. Ein europäischer, nicht-deutscher Privatsammler bezahlte einen Rekordpreis von 2,2 Millionen Pfund.
Noch besser lief Franz Marcs
Aquarell „Springendes Pferd“ von
1913. Mit 1,5 bis zwei Millionen
Pfund vernünftig geschätzt, brachte
es einen Rekordpreis für eine Papierarbeit Marcs – 2,5 Millionen
Pfund. Unter Christie’s Spitzenlosen war Cézannes Estaque-Landschaft aus dem Sammlernachlass
Courtauld.
N
ancy Whyte bezahlte gegen
Acquavella 13,6 Millionen
Pfund. Modiglianis Kinderbild kostete 7,5 Millionen, eine
„Femme de Venise“ von Alberto
Giacometti 6,8 Millionen, und Juan
Gris’ kubistische „La lampe“ verdoppelte gegen die Kunstberater
Thomas Seydoux und Simon Theobald die Schätzung auf 4,6 Millionen Pfund. 67 von den 147 Millionen Pfund Gesamtumsatz entfielen
auf Christie’s Surrealisten. In beiden Häusern war es der beste Auftritt der historischen Kunst des 20.
Jahrhunderts seit Jahren in London. Sie ist durch den Boom der
Contemporary Art noch lange nicht
aussortiert.
„Three Piece
Reclining Figure No 2“ von
Henry Moore: Seine Bronzen
sind immer noch heiß begehrt.
Ein Archäologe unter den Künstlern, die sich derzeit bevorzugt mit
den unseren Arbeits- und Lebenswelten zugrunde liegenden Materialstrukturen beschäftigen, ist Nick
van Woert, ein ausgebildeter Architekt, der banale Objekte des Alltags
zerlegt, häutet und ihr Innerstes, ihre Bestandteile offenlegt. Für
„Ecorche“, was so viel bedeutet wie
geschunden, aber auch in der Pathologie den Vorgang der Obduktion meint, hat er einen Turm aus
Acrylverstrebungen gebaut, sämtlich gefüllt mit Kugeln, Sand und
Artefakten – ein Mausoleum der dekonstruierten Dinge (40 000 Euro,
Grimm, Amsterdam).
Der gut 25 Jahre ältere Dick Verdult geht die(selbe) Sache anders
an. Der niederländische Filmemacher, Musiker, Maler, Bildhauer
sammelt Entwertetes, Vergessenes,
Verlorenes. Dafür ballt er die Flaschen, Behälter, Sachen zu einem
Klumpen, überformt ihn mit Keramikmasse, entfernt das Müllherz
nach dem Brand; prachtvoll glasierte Keramikskulpturen, die er „bullshit defines architecture“ nennt,
sind das Ergebnis (bis 40 000 Euro,
Annet Gelink, Amsterdam).
Überhaupt zeigt sich in Rotterdam, dass in Zeiten künstlerischer
Materialerforschung die Keramik
wieder vermehrt zu Ehren kommt.
Dabei ist der Umgang mit dem Medium nun frei und spielerisch, der
heilige Ernst des Kunsthandwerkers und seines Formenkanons
spielt nur noch als ironisches Zitat
eine Rolle. David Risley (Kopenhagen) präsentiert eine Reihe dieser
respektlosen, witzigen und dabei
doch erstaunlich ernsthaften Gefäße von Helen Frik, selbst ernannte
Direktorin des Frik Collection Ceramic Museums in Rotterdam, das
ausschließlich ihre Arbeiten zeigt
Galerie Zink, Berlin
„Procrastinating
image“ von Jana
Gunstheimer:
Die Zeichnung
stammt aus
diesem Jahr.
(300 Euro bis 2 500 Euro). Einen
schlummernden Ateliernachlass
entdeckte der Schweizer Daniel
Karrer, unfertige Bilder und Studien eines sehr traditionell arbeitenden Malers, die er sich mit stupend
schlüssigen malerischen Eingriffen
aneignet: aus einer Landschaft
wird eine dekorative Tischdecke,
ein Damenporträt wird von einem
Setzkasten verstellt; man kann das
als Palimpsest begreifen, als Überschreibung eines Urtexts, vielleicht
ist es aber auch die übergriffige
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„Wem die Stunde
schlägt“ von
René Magritte:
Dieses Gemälde
konnte seine
Schätzung auf
4,3 Millionen
Pfund erhöhen.
Werke der Surrealisten sind so
gesucht wie nie
zuvor.
ie Messe Art Rotterdam (bis
8.2.) hat sich als Forum für
vielversprechende Künstler
etabliert. Inzwischen bespielen 115
der Avantgarde verpflichtete Galerien die Hallen in der Van Nellefabriek, einem Industriedenkmal der
späten 1920er-Jahre. Hier bleibt viel
Raum für Videoarbeiten auf Riesenleinwänden und für eine Sektion
mit 24 Solopräsentationen, ausgewählt von den Kuratoren des Rotterdamer Witte de With-Museums.
Die niederländischen und belgischen Galerien überwiegen, internationale Teilnehmer sind in der Minderheit. Hier ist die Fluktuation, von
einigen Getreuen abgesehen, relativ
hoch. Das tut dem Auftritt der erfrischend unangestrengten Messe
zwar keinen Abbruch, lässt aber
noch einigen Spielraum für die Rezeption im großen Messekarussell.
Kuratoren und Sammler aus dem
Benelux-Raum und aus Deutschland
reisen jedenfalls zuverlässig an.
Wer „off the beaten track“ sehen,
spüren und denken kann, wer überrascht werden will (na ja, manchmal auch unangenehm, das gibt’s
schon auch), wird sich vergnügen.
Die Preise übersteigen selten den
mittleren fünfstelligen Bereich, liegen vielmehr im Gros unter der
10 000-Euro-Grenze.
Weiterführung eines fremden
künstlerischen Ansatzes oder lediglich die Interpretation für den Begriff Malgrund (1 500 bis 6 000 Euro, Herrmann Germann, Zürich).
Die Berliner Galerie Mario Mazzoli hat sich auf Sound-Skulpturen
spezialisiert, und ein besonders
poetisches Exemplar mitgebracht
(50 000 respektive 20 000 Euro).
In einem Hollywood-blauen, runden Becken schwimmen, durch eine schwache Strömung bewegte
weiße Keramikschalen, sie drehen
sich um sich selbst und im Kreis,
hin und wieder berühren sie einander, ein feiner Klang ertönt. Céleste
Boursier-Mougenot, ihr Schöpfer,
bespielt auf der kommenden Biennale in Venedig den französischen
Pavillon.
In der Video-Sektion, in der ein
bisschen viel globale spirituelle
und gesellschaftliche Vereinbarungen verhandelt werden, vermag die
Arbeit „Who knows where the time
goes“ des mexikanischen Künstlers
Gonzalo Lebrija (Faggionato, London) auf Anhieb zu überzeugen.
3"/1!.1
wie bereits bei der New Yorker
422-Millionen-Dollar-ModerneAuktion im letzten November, dass
Sotheby’s nach seinen BoardroomSchlachten nun offensichtlich aggressiv in diesen Markt vordringt.
Christie’s Ltd 2015
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„Im Bett – Der Kuss“ von Henri de Toulouse-Lautrec: Sotheby’s versteigerte dieses kaum bekannte Gemälde.
Rene Magritte/VG Bild-Kunst/Christie's
S
orgen wegen Ölpreis- und
Euro-Krise lassen den
Kunstmarkt kalt. Er platzt,
von überschäumender Liquidität hochgetragen, aus
allen Nähten. Die Prestige-Auktionen dauern länger denn je, weil die
Bieter Schlange stehen und so viel
Kunst verkauft werden muss. Alles
expandiert – Umsätze und Preise,
die Zahl der Lose und der Käufer.
Kein Wertbewahrer ist eben so
schön wie die Kunst.
Diese Woche in London stand die
ältere Kunst des 20. Jahrhunderts,
die ein paar Jahre lang im Schatten
der zeitgenössischen Kunst zu verschwinden drohte, wieder in der
Sonne. Sotheby’s lieferte am Dienstag einen Londoner Allzeit-Auktionsrekord von 186 Millionen Pfund
für 63 verkaufte Lose, die Beteiligung aus 35 Ländern war so international wie noch nie, bei der Tagauktion kamen die Bieter sogar aus
52 Ländern – wobei allerdings Amerikaner klar in Führung lagen. „Der
Markt ist so stark wie seit zehn Jahren nicht“, freute sich Sotheby’s-Expertin Helena Newman.
Am Mittwoch folgte Christie’s mit
147 Millionen Pfund. Auktionator
Jussi Pylkkänen ließ als erstes Los
einen als Stimmungsmacher eingepreisten Picasso auffahren und rief:
„18 Telefonbieter haben sich für die-
ses Bild registrieren lassen.“ Noch
nie, erzählt er nach der Auktion,
seien die „Interessenlisten“, nach
denen er sich als Auktionator orientiert, so lang gewesen. „Der Zustrom asiatischer Bieter hat einen
fluiden, globalen Markt geschaffen.“ Spezialistin Giovanna Bertazzoni ergänzte: „Die asiatischen
Sammler kaufen vom klassischen
Impressionismus bis zum Surrealismus. Sie sind tiefer in das Verständnis der Kunst des 20. Jahrhunderts
vorgedrungen, als wir es für möglich hielten.“
Beim Los der Woche war von diesem globalen Massenandrang allerdings nichts zu spüren. Claude
Monets Venedig-Ansicht des Grand
Canal von 1908 war mit 20 bis 30
Millionen Pfund so hoch geschätzt,
dass keine Luft blieb – und auf diesem Niveau durch das Vorausgebot
eines Garantiebieters abgesichert.
Interesse anderer Kunstfreunde
kam erst gar nicht auf. Der Garant
bezahlte 23,7 Millionen Pfund – ein
Hinterzimmer-Deal.
Auch das gehört zu diesem „fluiden Markt“: Nie garantierte Sotheby’s bei einer Moderne-Auktion in
London so viele Kunstwerke – 13
von 63. Nach verkauftem Wert war
fast die Hälfte, 47 Prozent der Auktion, durch dieses Sicherheitsnetz
gesichert. „Garantien erlauben uns,
außergewöhnliche Stücke für die
Auktion zu gewinnen“, erklärt
Newman. Aber dahinter steht auch,
Sotheby's London
In London stehen auch prominente
Bieter Schlange. Preise für Klassiker
wie Magritte und Moore ziehen an.
Matthias Thibaut
London
KUNSTMARKT 65
WOCHENENDE 6./7./8. FEBRUAR 2015, NR. 26
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