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Leseprobe zum Titel: Süddeutsche Zeitung (07.02.2015)

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A M WO C H E N E N D E
HF1
MÜNCHEN, SAMSTAG/SONNTAG, 7./8. FEBRUAR 2015
71. JAHRGANG / 6. WOCHE / NR. 31 / 2,60 EURO
FOTOS: ROBERT WILSON/CONTOUR BY GETTY IMAGES, ACTION PRESS, H. BREDEHORST/LAIF; ILLUSTRATION: GOLDEN SECTION GRAPHICS
WWW.SÜDDEUTSCHE.DE
„Der Krieg
ist überall“
Kofi Annan über seinen
komplizierten Job als Friedensvermittler
und den Zustand der Welt.
Ein Interview mit dem ehemaligen
UN-Generalsekretär
Gesellschaft, Seite 58
(SZ) Willkommen bei der Power-PointPräsentation „Das Streiflicht im digitalen
Zeitalter – Challenges und Corporate
Identity“. Als Ergebnis einer Cross-MediaErhebung haben wir die Zielgruppe dieser Kolumne identifiziert. Folie eins zeigt
die Vorzüge des Power-Point-Vortrages,
die es ermöglichen, komplexe Zusammenhänge wie den Umstand, dass Leser
das Streiflicht lesen, für jedermann verständlich darzustellen. Also: grüner
Kreis: „Generieren des Glossenthemas“,
Klammer „Gedankenrecherche“. Unterpunkte: „a) Themenschöpfung mittels
Prozessen mentaler Kreativität, b) Optimierung des Workflows, c) gemeinsames
Verzehren einer Tüte Saurer Stäbchen
(Sour Stick Group Motivation Procedure)“. Vom grünen Kreis führt ein roter
Pfeil zu einem blauen Kreis, darin die
Worte: „Leser/Zielgruppe/Response“.
Wir hätten noch gern die Folie zwei
(„Solutions durch Synergieeffizienz“) präsentiert, um zu erklären, wie wir immer
auf diese tollen Themen kommen. Aber
das geht jetzt nicht mehr. Um die PowerPoint-Präsentation zielgruppengerecht
zu generieren, haben wir sie leider abschaffen müssen. Die Eventmanager
empfehlen das neuerdings. Ihnen ist
nämlich jetzt, ungefähr ein Vierteljahrhundert zu spät, etwas aufgefallen: Noch
niemals in der Geschichte dieser Vortragsform ist ein einziger Zuhörer gefunden
worden, der darauf anders als mit Erschlaffung, mentaler Lähmung oder, im
besten Fall, einem Power Napping reagiert hätte. Der Power-Point-Vortrag ist
eine Geißel der modernen Welt, ja der Inbegriff einer ihrer großen Übel: dem unstillbaren Bedürfnis, seine Mitmenschen
über Dinge zu belehren, von denen sie
aus guten Gründen noch nie etwas wissen wollten. Die Sache wird nicht besser
dadurch, dass noch die wirrsten und
schönfärberischsten Ausführungen im
Mäntelchen des Seriösen erscheinen,
wenn man sie in Kreise und Kolonnen
von Fachkauderwelsch aufteilt. All die bedauernswerten Mitbürger, die während
der Finanzkrise ihre Villa am Starnberger
See veräußern mussten, denken vielleicht noch an den Power-Point-Vortrag
dieses empfohlenen Investorenteams
aus Amerika, das per Beamer märchenhafte Gewinnreihen zeigte.
Sogar das Militär beschäftigt Heerscharen von Power-Point-Rangern. Der
US-Oberkommandierende in Afghanistan hat dazu bemerkt: An jenem Tage, an
dem er die wirren Linien, Pfeile und Kreise auf der Leinwand verstanden habe,
werde auch der Krieg gewonnen sein. Vielleicht ist er, wie Millionen vor ihm, während der Präsentation aber nur eingenickt. Ein General, der schläft, hat der
Barde Georges Brassens frohgemut gesungen, der schickt wenigstens niemanden in den Tod. Es war nicht alles
schlecht an Power Point.
Medien, TV-/Radioprogramm
Forum & Leserbriefe
München · Bayern
Rätsel & Schach
Familienanzeigen
46-48
14
44-45
63
20-22
61006
4 190655 802602
STIMMT SO
EINMANNKAPELLE
Wie sich Deutsche und
Amerikaner beim
Trinkgeld unterscheiden
Über Hamburg zurück ins
Bewusstsein: Christian
Lindner beatmet die FDP
Stil, Seite 59
Buch Zwei, Seite 11
DICKES DING
Das größte Frachtschiff der Welt lässt
sich mit Zahlen kaum beschreiben
Wissen, Seite 36
Merkels riskante Mission
Papst
erregt Unmut
In äußerst heikler Lage reist die Kanzlerin nach Moskau und verhandelt mit Kremlchef Putin
über die Zukunft der Ukraine. US-Republikaner verurteilen ihre Initiative als Appeasement-Politik
Vatikan: Franziskus heißt
Prügelstrafe keineswegs gut
von stefan braun, stefan
kornelius und julian hans
München/Moskau – Bundeskanzlerin
Angela Merkel geht ungern große politische Risiken ein. Schon lange nicht mehr
in der Innenpolitik, sehr begrenzt auch
nur in den äußeren Geschäften, die seit
der Finanzkrise 2008 ihren Ruf als Staatsfrau begründet haben. Die Kanzlerin verliert nicht gern, das würde ihren Nimbus
beschädigen und ihre Macht schwächen.
Nun aber hat sich Merkel zu einer Mission entschlossen, die hochriskant ist. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten François Hollande will sie einen
wirklich belastbaren Waffenstillstand für
den Krieg im Osten der Ukraine herbeiverhandeln. Doch viele Druckmittel stehen
nicht zur Verfügung. Im Gegenteil. Merkel
wagte den für sie außergewöhnlichen
Schritt, dass sie am Freitag bei dem Mann
vorstellig wurde, der alleine über die
Macht verfügt, den Krieg zu beenden: Wladimir Putin. Weder Merkel noch Hollande
haben Putin in letzter Zeit in Moskau die
Aufwartung gemacht. In 15 Jahren hat es
Merkel stets vermieden, in Putins Abhängigkeit zu geraten. Misstrauen und Respekt halten sich die Waage.
Merkel wird sich des Risikos bewusst
sein, weshalb sie alle Anstrengungen unternimmt, die Erwartungen zu dämpfen.
Außerdem betonte sie ihre Eigenständigkeit und ihren Anspruch. Nein, sie sei keine Vermittlerin, sie komme mit Interessen. Aus Verhandlungskreisen hieß es,
dass keine öffentliche Bewertung zu erwarten sei, ehe Putin und der ukrainische
Präsident Petro Poroschenko nicht Details eines möglichen Waffenstillstandes
geklärt hätten. Auch sagte Merkel, dass
Eigentlich heißt er ja Avigdor, doch natürlich ist auch er jetzt „Charlie“: Israels
kampferprobter Außenminister Lieberman lässt es seit den Anschlägen in Frankreich an Anteilnahme nicht fehlen. Erst
marschierte er beim Pariser Schweigemarsch aufrecht in der zweiten Reihe mit,
nun zeigt er sich auf dem Tel Aviver Rothschild Boulevard als Verfechter der Meinungsfreiheit. Auf Tischen unter freiem
Himmel haben seine Partei-Soldaten Exemplare der jüngsten Ausgabe des Satiremagazins Charlie Hebdo ausgelegt, drumherum stehen Aktivisten mit Klebestreifen über dem Mund, und Lieberman beruft sich freihändig auf Voltaire: „Ich bin
mit vielem nicht einverstanden, was das
Magazin sagt, aber ich würde das Recht,
es zu sagen, bis zum Tod verteidigen.“
Man hat sich seit dem furchtbaren Massaker in den Redaktionsräumen daran gewöhnen können, dass aus jeder Ecke ungefragt die Solidaritätsadressen prasseln.
Doch dass der ultrarechte Lieberman nun
sein Herz für die konsequent freidenken-
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Jegliche
dies „nicht die letzten Gespräche“ sein
würden, sollte es diesmal kein Ergebnis geben. High noon – niemals bei Merkel.
Auch in Moskau war die gestiegene Erwartung mit Händen zu greifen. Am Donnerstag kam in Putins Residenz der Nationale Sicherheitsrat zusammen, darunter
der engste Führungskreis um den Präsidenten: der Sekretär des Sicherheitsrats und ehemalige Geheimdienstchef, Nikolaj Patruschew, der Chef des Geheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, und
der Chef der Auslandsspionage, Michail
Fradkow. Der außenpolitische Berater
Putins, Jurij Uschakow sagte, Moskau sei
zu „konstruktiver Zusammenarbeit“ be-
am 7. September 2014
reit und hoffe auf ein konkretes Ergebnis.
Vor Beginn der Gespräche in Moskau
war klar, dass Merkel und Hollande wie
schon am Vorabend in Kiew ohne öffentliche Erklärungen Moskau wieder verlassen würden. Aus Verhandlungskreisen
hieß es, selbst wenn sich Grundzüge eines
Waffenstillstandes abzeichneten, müssten zunächst die Details zwischen Putin
und Poroschenko geklärt werden. Der
Ukrainer muss allem Eindruck entgegentreten, dass eine Friedenslösung dem
Land von außen aufgedrängt werde.
Umstritten sind zwei Verhandlungspunkte: die genaue Festlegung des Territoriums, das die Separatisten in einer Form
Am 5. Februar 2015
von Separatisten besetztes Gebiet
von Separatisten besetztes Gebiet
aktuelle Kampfhandlungen
Slowjansk
Slowjansk
UKRAINE
Donezk
UKRAINE
Luhansk
Debalzewe
Donezk
Absturzstelle
MH17
Luhansk
Debalzewe
Absturzstelle
MH17
RUSSLAND
RUSSLAND
Rostow am Don
Mariupol
Nowoasowsk
Asowsches Meer
50 km
Nowoasowsk
Mariupol
Asowsches Meer
Kiew
Krim
SZ-Karte
Charlie für Provokateure
Israels Außenminister Lieberman legt sich gerne
mit den Arabern im Land an. Jetzt will er im Wahlkampf
das Satiremagazin verteilen – gegen alle Widerstände
den französischen Karikaturisten entdeckt, hat dann doch eher etwas mit dem
israelischen Wahlkampf als mit dem
Kampf für Meinungsfreiheit zu tun. Lautstark stemmt er sich „gegen eine Kapitulation vor dem islamischen Terrorismus
und seinen Vertretern in der Knesset“.
Und Charlie Hebdo mit dem Propheten
auf dem Titelbild soll ihm dabei helfen.
Ihren Ausgang genommen hat diese
Posse im Schatten des großen Dramas
mit einer durchaus fragwürdigen Entscheidung von Israels größter Buchhandelskette Steimatzky. Das Unternehmen
hatte den Verkaufsstart der millionen-
fach verbreiteten Charlie-Hebdo-Ausgabe kurzfristig abgesagt und den Handel
ins Internet verbannt. Der Hintergrund:
Proteste und Drohungen der arabischen
Israelis, die 20 Prozent der Bevölkerung
ausmachen. In einem Brief an die Regierung warnte der Parlamentsabgeordnete
Masud Gnaim vor Unruhen, „wenn Bilder
verbreitet werden, die den Propheten Mohammed herabsetzen“.
Berufen konnte er sich dabei auch auf
ein israelisches Gesetz, dass die Verletzung religiöser Gefühle verbietet. Lieberman jedoch, der sich in Wahlkämpfen seit
jeher erfolgreich mit der arabischen Min-
der Autonomie kontrollieren sollten; und
der Fortbestand des sogenannten Minsker Protokolls vom September, das alle
Konfliktparteien unterzeichneten. Merkel sprach davon, das Abkommen „mit Leben zu erfüllen“. In Verhandlungskreisen
hieß es, das Abkommen „sei die Basis“ für
einen Waffenstillstand. Die Formulierungen lassen Spielraum für eine Erweiterung der Minsker Verabredung. Geklärt
werden muss die genaue Trennlinie zwischen Separatisten und ukrainischen
Truppen. Gegenstand der Verhandlungen
in Kiew waren die Feinheiten einer Waffenstillstandsvereinbarung wie die Organisation eines Gefangenenaustauschs
oder Regeln für die geplante Lokalwahl.
Über die Gebietsverteilung hat es in
den vergangenen Tagen nach zuverlässigen Angaben intensive Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine gegeben. Merkel und Hollande vermeiden jeden Eindruck, sich in Fragen des
Grenzverlaufs einmischen zu wollen. Als
Bundeskanzlerin werde sie sich nicht
„über den Kopf eines anderen Landes“
mit „irgendwelchen territorialen Fragen“
beschäftigen. Merkel und Hollande wollen verhindern, dass Kiew ihnen Einmischung in dieses sensible Thema vorwirft.
Kritik an Merkels Mission kam aus den
USA. Der Senator und Vorsitzende des
Streitkräfteausschusses, John McCain,
sagte: „Wenn man sich die Haltung der
deutschen Regierung anschaut, könnte
man meinen, sie hat keine Ahnung oder es
ist ihr egal, dass Menschen in der Ukraine
abgeschlachtet werden.“ McCain, der Waffenlieferungen an die Ukraine fordert,
verglich Merkels Verhalten mit der „Appeasement“-Politik vor dem Zweiten
Weltkrieg.
Seiten 2 und 4
derheit anlegt, brachte dieser Rückzieher
auf eine Idee. Er wies die Mitglieder seiner Partei Unser Haus Israel an, Tausende
Exemplare des Magazins aufzukaufen
und kostenlos unters Volk zu bringen.
Doch bevor es so weit war, fuhr ihm die
Zentrale Wahlkommission in die Parade.
Sie untersagte die Aktion mit der formalen Begründung, dass im Wahlkampf keine Geschenke verteilt werden dürften.
Lieberman jedoch will sich davon nicht
unterkriegen lassen. Deshalb ist er mit seiner Freiluft-Bücherei auf den Rothschild
Boulevard gezogen und hat Unterschriften gesammelt für eine Petition beim
Obersten Gerichtshof. So will er doch
noch die kostenlose Verteilung des Magazins erzwingen im Namen der Freiheit.
Der israelische Karikaturist Yonatan
Wachsmann hat sich dann gleich in der
Wirtschaftszeitung Calcalist die Freiheit
genommen für eine bissige Zeichnung.
Sie zeigt „Charlie“ Lieberman mit einem
Schild vor der Brust, auf dem steht: „Je
suis Opportunist“.
peter münch
Rom – Der Vatikan hat der Einschätzung
widersprochen, Papst Franziskus rechtfertige Prügelstrafen in der Erziehung.
Der Pontifex habe Eltern keineswegs aufgefordert, ihre Kinder zu schlagen, sagte
Vatikansprecher Federico Lombardi am
Freitag. Vielmehr habe er sie dazu ermuntert, „zu korrigieren, ohne zu erniedrigen“. Franziskus hatte am Mittwoch in
der Generalaudienz die Väter aufgerufen, stärker in den Familien präsent zu
sein. Abweichend vom Redetext führte er
einen Vater auf, der zu ihm gesagt habe:
„Ich muss manchmal meine Kinder ein
bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht,
um sie nicht zu erniedrigen.“ Der Papst
kommentierte dies mit den Worten: „Wie
schön! Er weiß um den Sinn der Würde.“
Diese Aussage löste einen Sturm der Entrüstung aus. sz
Seiten 4 und 7
Bundesrat
gegen Pkw-Maut
Berlin – Der Bundesrat lehnt die von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU)
geplante Pkw-Maut ab und verlangte am
Freitag mehr Mitsprache bei dem Gesetz.
Die Länder fürchten, dass die geplante
Steuerentlastung inländischer Kfz-Halter nicht mit EU-Recht vereinbar ist,
heißt es in einer Stellungnahme. Falls die
EU die Entlastung für rechtswidrig erkläre, werde es zu einer Mehrbelastung deutscher Autofahrer kommen. sz Seite 7
MIT STELLENMARKT
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17932 Punkte
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