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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Aula
Wie und warum die katholische Kirche
reformiert werden muss (1/2)
Von Hubert Wolf
Sendung: Sonntag, 8. Februar 2015, 8.30 Uhr
Redaktion: Ralf Caspary
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
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Ansage:
Mit dem Thema: "Wie und warum sich die katholische Kirche reformieren muss".
Man muss die Welt nicht neu erfinden, um die katholische Kirche aus dem Krisentief
zu befreien, man muss nur die Vergangenheit befragen und schon sieht man, was
man heute anders machen kann. In diesem Sinne steigt der Kirchenhistoriker
Professor Hubert Wolf heute und nächsten Sonntag in die Krypta der katholische
Kirche, um nach alten Reformansätzen zu suchen, die man heute wieder fruchtbar
machen kann. Dabei geht es prinzipiell um mehr Demokratie, mehr Transparenz und
weniger Hierarchie. Heute, im ersten Teil, thematisiert Wolf vor allem die radikale
Kritik von Pabst Franziskus an der Kurie.
Hubert Wolf:
„Es ist schön, sich die Römische Kurie wie ein kleines Modell der Kirche vorzustellen,
das heißt als einen ,Leib‘, der sich ernsthaft und tagtäglich darum bemüht,
lebendiger, heiler, harmonischer und mehr in sich und mit Christus geeint zu sein.“
Mit diesen warmen Worten griff Papst Franziskus beim Weihnachtsempfang für die
Römische Kurie am 22. Dezember 2014 die Metaphorik des Apostels Paulus aus
dem zwölften Kapitel des 1. Korintherbriefes auf: die Kirche als mystischer Leib
Christi mit vielen unterschiedlichen Gliedern. Zum Entsetzen der versammelten
Würdenträger folgte aber keine beschauliche Predigt wie sonst üblich, sondern eine
wütende Philippika. Die Kurie sei „Krankheiten, Funktionsstörungen und Gebrechen
ausgesetzt“, lautete die Diagnose des Papstes, der gleich fünfzehn dieser
„Kurienkrankheiten“ auflistete: von mangelnder Selbstkritik über kalten
Bürokratismus, von Scheinheiligkeit und fehlendem Humor bis hin zu Gier nach
Macht und weltlichem Besitz.
Eine derartig offen geäußerte Fundamentalkritik eines Papstes an seiner Kurie ist in
der Geschichte der Kirche fast ohne Parallele. Nur einmal im Kontext der
beginnenden Kirchenspaltung am Beginn des 16. Jahrhunderts gibt es einen
vergleichbaren Text: „Wir wissen, dass es an diesem Heiligen Stuhl schon seit
einigen Jahren viele gräuliche Missbräuche in geistlichen Dingen und Exzesse gegen
die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, dass eigentlich alles pervertiert worden ist. So
ist es kein Wunder, wenn sich die Krankheit vom Haupt auf die Glieder, das heißt von
den Päpsten auf die unteren Kirchenführer ausgebreitet hat. Wir alle – hohe Prälaten
und einfache Kleriker – sind abgewichen, ein jeder sah nur auf seinen eigenen Weg,
und da ist schon lange keiner mehr, der Gutes tut, auch nicht einer.“ Diese
Formulierungen stammen von Hadrian VI. (1522-1523). Sie bilden den Mittelpunkt
seines Schuldbekenntnisses, das er im Angesicht der reformatorischen Kritik an
Papst und Kurie auf dem Nürnberger Reichstag im Januar 1523 vortragen ließ.
Hadrian versprach, „dass Wir jede Anstrengung unternehmen werden, dass als
erstes diese Kurie, von der das ganze Übel ausgegangen ist, reformiert wird ... Dazu
fühlen Wir Uns umso mehr verpflichtet, als Wir sehen, dass die ganze Welt eine
solche Reform sehnlichst begehrt“.
Damit ist das entscheidende Stichwort gefallen: Die ganze Welt begehrt eine Reform
der Kirche. Und ausgerechnet in der Kirche war der Reform-Begriff zu einem Unwort
geworden. Nachdem er im Kontext des Zweiten Vatikanischen Konzils sozusagen
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täglich gebraucht worden ist, konnte man in den Pontifikaten von Johannes Paul II.
und Benedikt XVI. kaum etwas von Reform hören. Während in unserem allgemeinen
Sprachgebrauch der Begriff geradezu inflationär gebraucht wurde: Alles und jedes
musste reformiert werden – Rentenreform, Steuerreform, Bologna-Reform und
andere Reformen. Nur keine Kirchenreform. Dabei gehört doch die Reform
unverzichtbar zum Wesensmerkmal der Kirche.
Julius Kardinal Döpfner sprach sogar von einem Strukturprinzip und nahm damit eine
Formulierung auf: "ecclesia semper reformanda est" – die Kirche ist eine immer zu
reformierende. Warum haben sich der Reform-Begriff und die Reform-Angelegenheit
in der katholischen Kirche so schwer getan? Weil der lateinische Begriff "reformatio"
gleichzeitig Reformation und Reform meint. Und weil deshalb, wenn man von
"reformatio" redet, immer eine katholische Skepsis mitschwingt. Grundsätzlich meint
Reform immer eine Umgestaltung der Situation. Sie verfolgt aber dabei zwei
Blickrichtungen: einmal eine "reformatio in pristinum", also eine Reform als eine
Zurückformung zu Altbewährtem, zu einem Zustand, den es schon einmal gab, der
aber deformiert worden ist. Die Norm für diese Reform liegt in der Geschichte.
Die zweite Blickrichtung ist die "reformatio in melium", eine Veränderung, die auf
einem ideal gedachten Zustand in der Zukunft ausgerichtet ist. Hier liegt die Norm
nicht in der Geschichte. Die Kirchengeschichte ist also für die "reformatio in
pristinum", für eine Zurückformung zu Zuständen, die es schon einmal gegeben hat
in der Geschichte der Kirche, geeignet. Und dabei gibt es keine ideale Phase von
Verwirklichung der Kirche, also etwa wenn man sagt: die ersten drei Jahrhunderte
sind gut und alles andere ist schlecht; oder: nur der Zustand der Urgemeinde in
Jerusalem ist gut. Nein, in jeder Phase der Kirchengeschichte, in jeder Phase ihrer
Veränderung und Entwicklung gibt es Modelle, Optionen für eine Reform, die
meistens aber verborgen sind, weil sie unterdrückt worden sind von denen, die im
jeweiligen Moment das Sagen hatten. Denn Erinnerung an vergangene Optionen hat
immer einen subversiven Charakter, ist eine subversive Erinnerung. Man muss nur
hinuntersteigen in die Krypta der katholischen Kirche und die Vielfalt der katholischen
Traditionen als Möglichkeiten für eine Reform entdecken.
Papst Franziskus scheint nun ebenfalls entschlossen zu sein, die katholische Kirche
zu reformieren. Und er will dies wie sein Vorvorgänger Hadrian VI. vom Kopf her tun,
denn der Fisch stinkt vom Kopf her. Eine Reform kann also nur von oben her
gelingen. Erste Schritte zu einer Kurienreform hat er bekanntlich bereits
unternommen. Er berief einen Kardinalsrat mit Mitgliedern, die selbst nicht zur Kurie
gehören, unter ihnen der Münchener Erzbischof Reinhard Kardinal Marx.
Worum kann es bei einer solchen Reform gehen? Es bringt wenig, hier und da einen
missliebigen Würdenträger zu entfernen, der – wie es der Papst formuliert hat –
durch einen besonderen Grad des „geistlichen Alzheimer“ oder der „existenziellen
Schizophrenie“ aufgefallen ist. Denn auch wenn die Rekrutierungspolitik der Kurie
sicherlich zu hinterfragen ist, sind die Ursachen für die Missstände in Rom nicht
vorrangig in den Fehlern einzelner Persönlichkeiten zu suchen. Sie liegen viel tiefer,
sie liegen in der Struktur. Die Kurie bildet offenbar ein besonderes Biotop, in dem
gewisse Krankheiten prächtig gedeihen.
Wenn Papst Franziskus davon spricht, dass Kurienmitglieder zur Selbstherrlichkeit
neigen und weder zur Selbstkritik noch zum Humor fähig sind, dann scheint doch
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grundsätzlich etwas mit der Diskussionskultur im Vatikan nicht zu stimmen. Wenn die
Krankheiten „der schlechten Koordination“, „des Geredes, des Gemunkels und des
Tratsches“ sowie „der geschlossenen Zirkel“ grassieren, dann fehlt es doch offenbar
an übergreifenden Gremien des Austauschs und an Zugang zu den entscheidenden
Stellen. Dass an der Kurie menschliche „Aktenbearbeitungsmaschinen“ den
Krankheiten des „übermäßigen Fleißes“, der „Planungswut und des
Funktionalismus“, aber auch der geistigen „Versteinerung“ und der „Gleichgültigkeit
gegenüber anderen“ erliegen, wie der Papst diagnostiziert, dürfte nicht zuletzt daran
liegen, dass vielen der Kontakt zu den „einfachen Gläubigen“ fehlt und sie wenig
Möglichkeiten haben, Entscheidungen selbstständig auch nach pastoralen
Gesichtspunkten zu treffen. Und die „Krankheit, die Vorgesetzten zu vergöttern“ und
sie zu „hofieren, in der Hoffnung, deren Gunst zu erlangen“, wie der Papst ebenfalls
formuliert, deutet darauf hin, dass Posten an der Kurie zu oft über Beziehungen statt
nach Kompetenz besetzt werden. Außerdem ist letztlich auch das Verhältnis der
Kardinäle zum Papst zu thematisieren.
Heilung bringt also nicht der Austausch einzelner Personen, sondern nur eine
umfassende und entschiedene Strukturreform, die am Kopf in Rom beginnt.
Notwendig sind Foren für offene Gespräche, denn nur dort entstehen mitreißende
Ideen. Gebraucht werden aber auch Gremien, deren Mitglieder selbstbewusst ihre
Meinung vertreten, wenn es darum geht, den Papst zu beraten und vor einsamen
Fehlentscheidungen zu bewahren. In den Medien wurden Pannen wie die Aufhebung
der Exkommunikation des Holocaustleugners Richard Williamson im Jahr 2009 nicht
selten ausschließlich dem persönlichen Regierungsstil Benedikts XVI. (2005-2013)
zugeschrieben. Diese Interpretation greift zu kurz. Denn die Konzentration aller
Entscheidungen in der Kurie auf den Papst ist seit dem 20. Jahrhundert ein
grundsätzliches Strukturproblem im Vatikan. Dabei gab es in der Vergangenheit
durchaus kuriale Gremien, die den Papst beraten haben, vor allem das Konsistorium
und die Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten. Diese
könnten im Sinne einer Reform, einer Zurückformung, durchaus als Modelle für
heutige Reformversuche des Papstes gelten.
Kardinäle gibt es schon seit dem frühen Mittelalter. Aber von entscheidender
Bedeutung werden sie erst seit der Synode von Sutri im Jahr 1046. Denn Kaiser
Heinrich III. setzt auf dieser Synode nicht nur drei konkurrierende Päpste ab, sondern
er läutet mit Suidger von Bamberg, der sich Clemens II. nannte, die Ära des
sogenannten Reformpapsttums ein. Der Kaiser versuchte aber, der Reform dadurch
Dauer zu verleihen, dass er dem neuen Papst nun eine Gruppe von Männern der
Reform von nördlich der Alpen an die Seite stellt. Das sind die Kardinäle, die nun
erstmals ein festes Kollegium bilden, einen Senat, der dem Papst an der Seite steht
und ihn ständig berät. Wenn man sich jetzt klar macht, dass es damals höchstens 25,
meistens nicht viel mehr als 12 Kardinäle gab, wird deutlich, eine solch
überschaubare Gruppe kann den Papst gut beraten, sie kann ihn auch leichter
kontrollieren. Und das geschah in der Form des sogenannten Konsistoriums. Das
heißt, alle in Rom anwesenden Kardinäle treffen sich mindestens drei Mal in der
Woche, manchmal sogar täglich mit dem Papst. Der Papst musste alle anstehenden
Fragen mit ihnen diskutieren, er muss sie fragen: "Quid vobis videtur?" – Welche
Ansicht habt Ihr zu dieser Sache?
Im Laufe der Zeit entmachteten die Päpste das Konsistorium jedoch immer mehr und
degradierten es zu einer Bühne, auf der sie ihre souveränen Entscheidungen
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inszenierten, ohne dass die Kardinäle noch irgendetwas zu melden gehabt hätten.
Sixtus V. (1585-1590) gestaltete mit seiner grundlegenden Reform die Kurie erstmals
als Behörde im neuzeitlichen Sinn, und das in doppelter Weise: Er erhöhte die Zahl
der Kardinäle auf siebzig. Das kam einer Ämter-Inflation gleich und minderte den
Einfluss des einzelnen Kardinals drastisch. Gleichzeitig schaffte er faktisch das
Konsistorium ab und richtete ständige Kardinalskongregationen ein. Die Forschung
hat das zwiespältig beurteilt. Die einen sahen in Sixtus V. den Erfinder der
neuzeitlichen Ministerien, dessen Reform zu einer Professionalisierung und
Effizienzsteigerung des päpstlichen Regierungshandelns beigetragen habe. Die
anderen monierten in der Konzentration der Entscheidung auf den Papst die
Entmachtung der Kardinäle. Denn tatsächlich unterstanden die Kongregationen dem
Papst allein und sie hatten ausschließlich beratende Funktion. Und ganz
entscheidend: Nur noch der Papst verfügte über das gesamte Regierungswissen,
denn nur er empfing in Privataudienz die jeweiligen Präfekten, also die Minister
seiner Kongregationen. Eine gemeinsame Beratung im Konsistorium fand dagegen
nicht mehr statt.
Ihre faktische Entmachtung versüßte der Papst den Kardinälen durch
Kompensationen auf zeremoniellem Gebiet. Sie erhielten das Recht, den Purpur zu
tragen und sich mit „Eminentissimus“ anreden zu lassen. Hier lohnt es sich, nach den
Ursprüngen zu suchen für die von Papst Franziskus diagnostizierte „Krankheit der
Rivalität und der Eitelkeit: wenn die äußere Erscheinung, die Farbe der Talare und
die Ehrabzeichen zum vorrangigen Lebensziel werden“.
Betrachtet man die Arbeit der einzelnen Kongregationen genauer, so lässt sich
feststellen, dass diese immerhin intern eine durchaus elaborierte Diskussionskultur
entwickelten. Anschaulich wird dies zum Beispiel an der Arbeit der
Indexkongregation auf dem Feld der Buchzensur. Es war keinesfalls so, dass die
Kongregationen einen Autor nur deshalb auf den Index brachten, weil der Papst es
so wollte. Vielmehr wurde für jedes Werk mindestens ein schriftliches Gutachten
angefertigt, das in der Versammlung der Konsultoren, der beratenden Fachleute,
mitunter kontrovers diskutiert wurde. Dieses Gremium formulierte eine erste
Beschlussempfehlung, die dann in der eigentlichen Kongregation, der Versammlung
der Kardinäle, behandelt wurde. Die Kardinäle ihrerseits erstellten einen
Beschlussvorschlag für den Papst. Dieser modifizierte zwar gelegentlich diesen
Vorschlag, setzte sich aber kaum einmal einfach über ihn hinweg.
Es fand aber zu wenig Kommunikation zwischen den einzelnen Dikasterien statt, das
heißt, die rechte Hand der Kurie wusste selten, was die linke tat. Und es funktionierte
vor allem dann nicht, wenn der Papst es nicht mehr wusste. Und er war der Einzige,
der es eigentlich wissen konnte. Der Papst behielt als einziger den Überblick über
das Gesamtgefüge. Dieses Defizit wurde nach der großen kirchenpolitischen
Katastrophe zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannt, als Napoleon den Kirchenstaat
besetzt und den Papst ins französische Exil verschleppt hatte. Pius VII. (1800-1823)
errichtete daher unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Rom im Jahr 1814 die
„Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten“, die für alle
politisch wichtigen Angelegenheiten der Kirche zuständig sein sollte.
Dieser Kongregation gehörten die einflussreichsten Kurienkardinäle an, die meistens
auch Präfekten oder profilierte Mitglieder anderer wichtiger Kongregationen waren.
Sie wurde vom Papst immer dann hinzugezogen, wenn er Beratung in heiklen
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politischen Fragen brauchte. Im 19. Jahrhundert diskutierten die Kardinäle alle
wichtigen kirchenpolitischen Fragen wie Konkordate, das Verhältnis der Staaten zur
Kurie, das aktive und passive Wahlrecht von Katholiken, Bischofsstuhlbesetzungen
oder auch die Frage nach Krieg und Frieden. Meistens formulierten sie juristisch und
politisch abgesicherte, äußerst abgewogene Entscheidungsvorschläge, die der Papst
in der Regel übernahm. Er war also im Bilde, was die unterschiedlichen Ministerien
zu einem bestimmten Thema dachten, weil er diese Mitglieder miteinander ins
Gespräch brachte. Man kann vielleicht sagen, das sei so etwas gewesen wie ein
Kabinett.
Doch was wurde aus dieser Kongregation? Diese Kongregation wurde im Lauf des
20. Jahrhunderts systematisch ausgeschaltet. Seit dem Pontifikat von Pius XI. (19221939) kam diese Kongregation eigentlich nie mehr zu Wort. Selbst bei
entscheidenden Themen wie etwa der Abschluss der Lateranverträgen 1929, dem
Reichskonkordat mit Hitler 1933 oder der Enzyklika "Mit brennender Sorge" 1937
wurde diese Kongregation nicht gehört. Bei einer der seltenen Sitzungen im Jahr
1935 ließ der Papst sie zusammentreten, sein Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli
machte den Eminenzen allerdings gleich anfangs klar, dass der Papst keine
Entscheidung von ihnen wünsche, sondern nur ganz unverbindlich ihre Meinung
hören wolle. Dies passt zum autokratischen Führungsstil Pius’ XI. Die kollegial
organisierten Kontrollmechanismen des päpstlichen Primats wurden systematisch
ausgeschaltet; die Kongregation für die außergewöhnlichen Angelegenheiten – man
könnte sagen, eine Art päpstlicher Sicherheitsrat – wurde nicht mehr einberufen, weil
der Papst allein in Privataudienzen mit seinem Kardinalstaatssekretär entschied. Die
Kongregation – das sieht man, wenn man sich im vatikanischen Archiv die Akten
genau anguckt – wurde nichts anderes als eine bloße Organisation zur Aktenablage.
Angesichts der Empörung nach der Aufhebung der Exkommunikation Williamsons
kritisierte der damalige Leiter des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan,
der Jesuit Eberhard von Gemmingen, die unzureichende Abstimmung
unterschiedlicher kurialer Behörden. Er griff damals eine Forderung des ehemaligen
bayerischen Kultusministers Hans Maier wieder auf. Dieser hatte bereits 2001
angeregt, ein regelmäßig tagendes Kabinett aus führenden Vertretern der
Kongregationen und kurialen Räte unter Vorsitz des Papstes zu bilden. Er sah in
einer kollegialen Rückbindung ein probates Mittel gegen die hohe Fehleranfälligkeit
einsamer Entscheidungen des Papstes. Solche Vorschläge scheinen beim neuen
Papst nicht ungehört geblieben zu sein. Er muss aber nicht in die Politik blicken, er
muss nicht in die Ferne schweifen: Medizin gegen die von ihm diagnostizierten
Kurienkrankheiten lässt sich in der Geschichte der Kirche selbst finden: Die
bewährten Modelle kollegialer Entscheidungsfindung wie das regelmäßig tagende
Konsistorium der Kardinäle, die gefragt werden und zustimmen müssen, oder die
Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, die über
eineinhalb Jahrhunderte ein funktionierender päpstlicher Sicherheitsrat waren, sind
doch da. Der Papst braucht nichts Neues zu erfinden, er braucht die Kirche nur zu
reformieren, sie zurückformen zu den bereits vorhandenen, vergessenen Modellen
und Optionen.
Darüber hinaus ist grundsätzlich danach zu fragen, welche Entscheidungen
überhaupt an der Kurie getroffen werden müssen, deren Mitglieder oft weit von den
Problemen der Seelsorge in den Ortskirchen entfernt sind. Abhilfe könnte das Prinzip
der Subsidiarität schaffen, das Papst Pius XI. 1931 mustergültig ausformulierte: „Wie
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dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen
Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen
werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und
untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die
weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.“
Aber es genügt nicht, auf die Kurie allein zu schauen, sondern man muss fragen, wie
viel Kompetenz braucht die Kurie überhaupt? Und hier könnte etwas helfen, was zu
einem Exportschlager der katholischen Soziallehre geworden ist. Denn Pius XI. hat
1931 das sogenannte Subsidiaritätsprinzip formuliert. Dieses Prinzip sagt nichts
anderes als: Alle Fragen sollen zunächst einmal dort geklärt und gelöst werden, wo
sie entstanden sind. Und nur wenn eine kleine Einheit ein Problem nicht lösen kann,
dann soll die nächst höhere Einheit eingeschaltet werden. Und erst ganz am Schluss
soll die höchste Einheit in einem Subsidium, also Hilfestellung gebend, der unteren
Einheit zu Hilfe kommen. Dieses Subsidiaritätsprinzip, der katholische
Erfolgsschlager, ist überall rezipiert worden, z. B. in der sozialen Marktwirtschaft, in
der föderalen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland – nur an einer Stelle nicht,
dort, wo es erfunden worden ist: in der katholischen Kirche. Als 1985 eine
Bischofssynode zum Thema Struktur der Kirche tagte, hat diese Synode sogar in
Zweifel gezogen, ob das Subsidiaritätsprinzip denn überhaupt auf die katholische
Kirche angewandt werden könne. Dabei hatte schon Pius XII. (1939-1958) in den
50er-Jahren mehrfach erklärt, dass dieses Prinzip ausdrücklich auch in der Kirche als
verpflichtend anzusehen sei. Und das Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils
ist sogar maßgeblich von diesem Prinzip geprägt.
Papst Franziskus scheint auch in diese Richtung zu denken, indem er Kompetenzen
von der Kurie ganz nach dem Subsidiaritätsprinzip auf die niederen Einheiten
verlagern will, also auf die Ebenen der Diözesen, auf die Ebene der Pfarreien. Der
Papst sagte in einem Interview: „Die römischen Dikasterien (Kongregationen, Räte
und die anderen Ämter) stehen im Dienst des Papstes und der Bischöfe. Sie müssen
den Ortskirchen helfen oder den Bischofskonferenzen … In Einzelfällen, wenn man
sie nicht richtig versteht, laufen sie Gefahr, Zensurstellen zu werden … Die Fälle
werden grundsätzlich besser an Ort und Stelle behandelt.“ Dort wo sie entstanden
sind. Dann aber käme man mit einer wesentlich kleineren Kurie aus, wenn
wesentliche Kompetenzen dorthin kämen, wo sie nach dem Subsidiariätsprinzip
hingehörten.
Die Geschichte der Kirche hält bewährte und zum Teil auch hochaktuelle Optionen
für die Reformen bereit, nach denen die ganze Welt sehnlichst verlangt. Der genaue
Blick in die Tradition der Kirche hat freilich oft etwas Subversives. Denn die Stellung
des Papstes, der Bischöfe und allgemein des Klerus war nicht immer so unantastbar
wie heute.
Die Beispiele für Strukturreformen stehen nur exemplarisch für viele andere
Möglichkeiten. Es gab Zeiten, in denen die Bischöfe von allen gewählt wurden.
Zeiten, in denen die Diözesen kollegial durch das Domkapitel geleitet wurden. Zeiten,
in denen Laien eine hohe Autorität hatten und Frauen quasi als Bischöfinnen agiert
hatten. Die Vergangenheit der Kirche zeigt Wege auf zu mehr Demokratie, zu mehr
Freiheit und zu mehr Gleichberechtigung innerhalb der katholischen Kirche. Es kann
keinen Zweifel geben, dass diese bewährten Modelle mit dem Katholizismus
vereinbar sind. Sie sind anders katholisch, aber nicht weniger katholisch.
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Papst Franziskus wird einflussreiche Verbündete brauchen, um seine Reformen
durchzusetzen – genauso wie sie sein Vorgänger Hadrian VI. eigentlich gebraucht
hätte. Dieser in Utrecht geborene Papst blieb in Rom ein Außenseiter. Sein einfacher
Lebensstil, der auf allen Pomp verzichtete, seine Sparsamkeit, seine schlichte
Frömmigkeit stießen im Rom der Renaissance auf entschiedene Ablehnung. Seine
radikalen Reformideen drohten Kardinälen und Prälaten, die sich eher als
Renaissance-Fürsten denn als Kirchenmänner verstanden, ihre Lebensgrundlage zu
entziehen. Die Eminenzen bedauerten bald, dass sie im Moment einer Schwäche
und religiöser Anwandlung einen solchen Reformer zum Papst gewählt hatten, und
sie torpedierten alle seine Bemühungen. Gebrochen starb Hadrian VI. nach einem
Pontifikat von gerade einmal 13 Monaten am 14. September 1523. Beigesetzt in der
Kirche Santa Maria dell'Anima, der deutschen Nationalkirche an der Piazza Navona.
Sein Leichnam durfte bis heute nicht untersucht werden.
Ein Satz von Plinius dem Älteren, den Hadrian während seiner Amtszeit mehrfach
gesprochen hat, ziert sein Grabmal in der Anima in Rom und bringt die Tragik seines
Pontifikates treffend auf den Punkt: „Ach, wie viel hängt davon ab, in welche Zeit
auch des besten Mannes Wirken fällt.“
(Teil 2: Sonntag, 15. Februar 2015, 8.30 Uhr)
*****
Zum Autor:
Prof. Hubert Wolf, geboren 1959, studierte katholische Theologie mit Schwerpunkt
Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, dann Exegese des Neuen und Alten
Testaments; 1983 Diplom, ab 1983 Ausbildung im Priesterseminar, 1985 Ordination
zum Priester. 1990 Promotion zum Dr. theol., 1991 Habilitation, ab 1999 ist Wolf C4Professor an der Katholischen Fakultät der Universität Münster. Seit 2013 leitet er
DFG-Langfristvorhaben „Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael
Kardinal von Faulhaber (1911-1952“ (mit Andreas Wirsching). 2004 wurde er mit dem
Communicatorpreis des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft
ausgezeichnet.
Bücher:
- Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. Beck-Verlag.
- Die Affäre Sproll. Die Rottenburger Bischofswahl von 1926/27 und ihre
Hintergründe. Verlag Thorbecke.
- Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher. Beck-Verlag.
- Verbotene Bücher. Verlag Schöningh.
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