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Manuskript "Günter Grass"

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Die Morgenandacht
Montag bis Samstag, 5.55 Uhr (NDR Info) und 7.50 Uhr (NDR Kultur)
09.02. bis 14.02.2015: Günter Grass
Von Margrit Wegner, Lübeck
Nur wenige wissen, wie sehr Günter Grass in all seinen Büchern kirchliche und christliche Traditionen aufnimmt - Margrit Wegner ist diesen auf der Spur.
Redaktion: Claudia Aue
Evangelische Kirche im NDR
Redaktion Kiel
Gartenstr. 20, 24103 Kiel
Tel: 0431 – 55 77 96 10
www.ndr.de/kirche
Die Autorin
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private Zwecke des
Empfängers benutzt werden. Jede andere
Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder
Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit
Zustimmung der Ev. Kirche im NDR zulässig.
Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf
der Genehmigung des NDR.
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Montag, 9.2.2015
Unschuldig schuldig ist der Augenzeuge Oskar Matzerath. Er ist der Hauptdarsteller
des Romas „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Oskar erlebt aus der Perspektive
des altklugen Dreijährigen die Pogromnacht 1938. Zeuge wird er, als sein Spielzeughändler umkommt, der für seinen Blechtrommelnachschub sorgen sollte. Kein Christkind kommt zur Erlösung, nur der Gashahn wird aufgedreht, Glaube und Hoffnung fallen in Scherben. Bleibt noch so etwas wie Liebe, die höchste unter ihnen? Wohl kein
anderer Schriftsteller hätte wenige Jahre nach dem Krieg die Frage so auf den Punkt
bringen können.
„Die Blechtrommel“ ist der erste Teil von Günter Grass Danziger Trilogie. Oskar Matzerath stellt mit drei Jahren das Wachsen ein und kommentiert mit seiner Blechtrommel
das Weltgeschehen. 40 Jahre nach Erscheinen des Romans erhält Günter Grass den
Literaturnobelpreis für sein Gesamtwerk, "weil er in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat." So begründet es die Schwedische
Akademie. Viele Leser schätzen seine Schilderung der Kriegs- und Nachkriegszeit drastisch, humorvoll und mit seiner unnachahmlichen Sprache. Manch einer reibt sich
an dem Nobelpreisträger, weil der sich immer wieder einmischt und mit Kritik nicht
spart. Auch die Kirchen nimmt er davon nicht aus. Nur wenige aber wissen, wie sehr
Günter Grass in all seinen Büchern kirchliche und christliche Traditionen aufnimmt und
biblische Motive verwendet. Ich finde, es lohnt sich, seine Bücher darauf hin noch einmal neu zu lesen. Selber Messdiener, sind ihm Kirche und Messe, Abendmahl und
Beichte von klein auf vertraut. Den Kinderglauben verliert er als Jugendlicher im Krieg
und findet ihn nicht wieder. Doch er setzt sich weiter intensiv intellektuell auseinander
mit dem Glauben und dessen Vertretern.
Dieser Autor bekennt, „keine bigotten Katholiken“ zu mögen, aber eben auch „keine
strenggläubigen Atheisten“. Vor allem aber stellt er sich schon in der „Blechtrommel“
und dann verstärkt in späteren Werken der Frage von Schuld und Vergebung. Der dreijährige Oskar wird Zeuge und unschuldig schuldig. Wie ist das möglich? Günter Grass
lässt sich und seine Leser bei dieser Frage nicht leicht davon kommen.
Dienstag, 10.2.2015
„Von einer mäßig frommen Mutter nur selten zum Kirchgang ermahnt, wuchs ich dennoch frühgeprägt katholisch auf: kreuzschlagend zwischen Beichtstuhl, Haupt- und Marienaltar. Monstranz und Tabernakel waren Wörter, die ich mir ihres Wohlklangs wegen
gern aufsagte. Aber an was glaubte ich, bevor ich nur noch an den Führer glaubte?“
Das fragt sich Günter Grass in seinem Buch „Beim Häuten der Zwiebel“. Wie fast alle
Jugendlichen seiner Generation wird Günter Grass zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und muss später auch Dienst an der Waffe tun. Dem 16-Jährigen ist das vorzeitige
Ende der Schulzeit ganz recht. Abenteuerlich erscheint der Krieg ihm und seinen Kameraden. Den Kinderglauben hatten sie hinter sich gelassen, den Führerkult aber verinnerlicht. Selbstkritisch blickt der Schriftsteller später darauf zurück: „Ich verpasste die
Gelegenheit, in erster Lektion das Zweifeln zu lernen.“ (S. 94).
Beeindruckt hat ihn jedoch ein Gleichaltriger: Dieser Junge, hochaufgeschossen, weizenblond, blauäugig, dem Ideal der Zeit entsprechend, tut sich beim Dauerlauf und bei
allen Übungen hervor. Er teilt seinen Nusskuchen von zu Hause, ist hilfsbereit und ein
echter Kamerad. Und er weigert sich, ein Gewehr anzufassen. Sein Glaube verbietet
es ihm wohl. Er lässt jede Waffe in den Staub und Dreck des Exerzierplatzes fallen.
Strafe um Strafe wird ihm auferlegt, doch er bleibt bei seiner Haltung.
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
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Auf Nachfragen gibt er immer nur eine Antwort: „Wir tun so was nicht.“ Offenbar hat er
den Satz aus der Bibel verinnerlicht: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, Apg. 5,29. Und etwas geschieht mit all den ideologisierten Jugendlichen - so
erzählt es Günter Grass: „Seine Haltung veränderte uns. Von Tag zu Tag bröckelte ab,
was verfestigt zu sein schien.“ (S. 100) Seine Glaubenshaltung bringt das System nicht
zum Einsturz. Aber das „Wir tun so etwas nicht“ verändert die Jugendlichen, die ihren
eigenen Glauben verloren haben. Und das ist mehr als ein erster Schritt, schreibt Günter Grass und endet: „Dabei hat sich der blondblauäugige Junge mit dem rassereinen
Profil nie auf die Bibel oder Jehova oder sonst eine Allmacht berufen, immer nur gesagt: ‚Wir tun so was nicht.“ (S. 101)
Mittwoch, 11.2.2015
„… und einmal, als Mahlke längst schwimmen konnte, taucht er nicht wieder auf.“ Der
große Mahlke, den die Jungen so bewundern, mitten im Krieg in Danzig. Heiß sind die
Sommertage. Die Jungen spielen Schlagball und tauchen bei einem Schiffswrack nach
Schätzen im Inneren des Kahns. So beschreibt es Günter Grass in der Novelle „Katz
und Maus“. Die großen Brüder stehen an der Front, die Väter sind fort, und die Lehrer
laden Frontkämpfer ein, um Heldentum zu vermitteln. Der Mitschüler Mahlke ist es, der
einem U-Boot-Kommandanten das Ritterkreuz entwendet und auf dem Kahn damit vor
den Jungen posiert. Dafür fliegt er von der Schule. Mahlke schwimmt noch einmal hinaus und bleibt verschwunden.
Pilenz, ein Schulkamerad, kann nicht anders, er muss sich alles von der Seele schreiben. Denn Mahlke hatte um Hilfe gebeten - und er hatte nicht reagiert. Eine literarische
Beichte, ein Schuldeingeständnis? Pilenz schreibt von „seiner Schuld“, von „Katz und
Maus und mea culpa“. Sein Antrieb ist der seines Autors Günter Grass. "Ich schreibe,
denn das muss weg". In der Figur des Pilenz spiegelt Grass seine eigene religiöse
Entwicklung. Es ist sein Dilemma, unschuldig schuldig geworden zu sein. Er hat kein
Verbrechen begangen, aber einem verbrecherischen System gedient. Auch Pilenz
„muss“ schreiben, ihm bleibt keine andere Wahl: „Ich aber, der ich Deine Maus einer
und allen Katzen in den Blick brachte, muss nun schreiben. Selbst wären wir beide erfunden, ich müsste dennoch. Der uns erfand, von Berufswegen, zwingt mich ...“ Ein
katholischer Pater rät ihm: „Schreiben Sie sich frei“. Grass und Pilenz tragen ihre Lebensgeschichte mit Hilfe der Literatur ab.
Auf diese Weise können sie ihr Gewissen erforschen, beichten, die Schuld bekennen Absolution oder Gnade erwarten sie nicht. Zeitlos beschreibt die Novelle „Katz und
Maus“ das immer gleiche, sich wiederholende Spiel zwischen Katzen und Mäusen wer verfolgt und wer ist verfolgt? Wer macht sich schuldig? Ein erster Entwurf für den
Buchumschlag zeigte Mahlke in Kreuzigungspose. Das Bild hat Grass verworfen.
Mahlke soll nicht als Erlöserfigur dienen, die die kollektive Schuld der „Generation
Grass“ auf sich nimmt. Die muss jeder Einzelne für sich klären und damit die „Wunde
offen halten“.
Donnerstag, 12.2.2015
„Tränen lügen nicht“, sang einst der Schlagersänger Michael Holm. Tränen sind das
„Wahrheitskriterium in der Welt der Gefühle“, schreibt der Philosoph Emile Cioran. Für
ihn sind Tränen das Motiv des Verstehens. Das „Zeichen dafür, dass man alles verstanden hat.“ In den Tränen selbst liegt schon ein Trost. Tränen drücken aus, wofür es
keine Worte gibt. Schmerz oder Scham. Tränen überschreiten die Grenze des Körpers
von innen nach außen. Wer weint, spürt sich selbst ganz körperlich.
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Theologisch gesagt: Wer weint, empfindet unmittelbar, dass er ein Geschöpf ist. Die
Bibel kennt viele tränenreiche Geschichten und berichtet immer wieder von Menschen,
die weinen und ihre Tränen vor Gott bringen. Was aber, wenn Menschen nicht weinen
können? Wenn sie sich in die Arbeit stürzen, sich ablenken und Abenteuer suchen, um
sich nicht ihren Gefühlen stellen zu müssen? Der Schriftsteller Günter Grass erfindet
dafür in seiner „Blechtrommel“ den Zwiebelkeller, lange bevor die „Unfähigkeit zu trauern“ nach dem Krieg in aller Munde war. Ein feuchtes Kellerlokal, in dem die Gäste auf
ordinären Kisten Platz nehmen. Zu essen gibt es hier nichts, dennoch stehen die Menschen Schlange. Denn die, die dem Krieg entkommen sind, haben das Weinen verdrängt oder verlernt. Im Zwiebelkeller bekommen sie Zwiebeln vorgesetzt und scharfe
Messer. Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte, Künstler, Beamte und Journalisten schneiden
also Zwiebeln klein, um sich endlich einmal auszuweinen und darin Erlösung zu finden
- oder zumindest sich erleichtert zu fühlen. Was für eine geniale Erfindung in einer Zeit,
in der man sich nicht mit der jüngsten Vergangenheit auseinander setzen konnte. Kein
Ort, die Schuld zu beweinen oder die Scham.
Wie gut, wenn wir noch wissen können, dass unsere Tränen nicht einfach verfließen.
Der Psalmbeter der Bibel bittet und vertraut: „Gott, sammle meine Tränen in deinen
Krug; ohne Zweifel, du zählst sie“ (Psalm 56, 9). Er ist überzeugt: Gott sammelt unsere
Tränen. Jede Träne, die wir weinen, ist ein Gebet vor Gott und wird von ihm zärtlich
aufgefangen und wertgeschätzt. Keine geht verloren, keine wird übersehen oder übergangen. Gott nimmt die Tränen ernst. Die Tränen machen uns zu Menschen, und sie
machen uns zu Heiligen in Gottes Augen. Keine Träne ist umsonst geweint. Gott zählt
sie alle und heiligt sie, weil wir und unsere Tränen ihm so kostbar sind.
Freitag, 13.2.2015
Vor gut zwei Monaten sorgte der Schriftsteller Günter Grass wieder einmal für Gesprächsstoff im ganzen Land. „Grass fordert Zwangseinquartierung von Flüchtlingen“,
hatte die Deutsche Presse-Agentur fälschlich gemeldet. Eine Zeitung nach der anderen
übernahm die Schlagzeile, im Stundentakt zunächst online, am nächsten Tag in den
gedruckten Ausgaben. Dabei hatte der Nobelpreisträger lediglich an einer Benefiz-Gala
zugunsten verfolgter Autoren teilgenommen. Eingeladen hatten dazu das PEN-Zentrum
und die Freie Akademie der Künste. Bei dieser Veranstaltung in Hamburg hatte Grass
auf die gewaltige Integrationsleistung der Nachkriegszeit verwiesen. 14 Millionen
Flüchtlinge aus dem Osten waren damals bei der Bevölkerung einquartiert worden, auf
Höfen, in Häusern und Wohnungen. Diese Erfahrung hat der Schriftsteller selbst gemacht, stammt er doch aus einer Flüchtlingsfamilie. Das Schicksal von Flüchtlingen hat
er in vielen Texten beschrieben. Dass seine Partei, die SPD, den Asylkompromiss vertrat, bewog den Nobelpreisträger zum Austritt.
Zwangseinweisungen in der aktuellen Situation hat er nicht gefordert, doch die Meldung rauschte durch den Blätterwald und war nicht mehr aufzuhalten. Wer selber geflüchtet ist, versteht, wie Fremden und Flüchtlingen zumute ist und was sie brauchen.
Daran erinnert unsere biblische Tradition an vielen Stellen: „Die Fremdlinge sollt ihr
nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in
Ägyptenland gewesen seid.“ So steht es etwa im 2. Buch Mose (23,9). Eine Studierendeninitiative setzt das ganz praktisch um. „Flüchtlinge willkommen“ heißt ihre Internetseite. „Warum können geflüchtete Menschen in Deutschland nicht einfach in WGs
wohnen statt in Massenunterkünften?“, haben sie sich gefragt. Wer viel Platz oder ein
freies Zimmer hat, kann sich bei ihnen melden. Geflüchtete finden so ein Zuhause auf
Zeit.
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Und im besten Falle geschieht, was die Bibel so beschreibt: „So seid ihr nun nicht mehr
Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“
Eph. 2,19
Samstag, 14.2.2015
„Finden ist die Verbform von Glück“, hat einmal jemand gesagt. Täglich finden und verlieren wir etwas, meist sind es Kleinigkeiten - und doch steckt in diesem Alltäglichen
manchmal etwas Schicksalhaftes. Dinge gehen verloren. Menschen verlieren eine Uhr,
einen Schlüssel, einen Groschen - oder eine Wette, ein Spiel und die Lust. Man kann
alles verlieren, was man besitzt, obendrein die Hoffnung, die Heimat und sich selbst,
und am Ende sogar das Leben. Die meisten Menschen mögen deshalb lieber finden
als verlieren. Es ist nun einmal schöner: Ich finde den verlorenen geglaubten zweiten
Handschuh, den Mann fürs Leben und das ganz große Glück. Alltägliche und manchmal wunderbare Erfahrungen.
An manch einem Kühlschrank hängt der Postkartenspruch des Malers Pablo Picasso:
„Ich suche nicht – ich finde.“ Auf den Haustürschlüssel trifft das leider selten zu. Der
liegt immer wieder neu an ganz abseitigen Orten in der Wohnung und muss mühsam
gesucht werden. Groß ist die Freude, wenn er wieder da ist. Noch mehr kann man sich
aber freuen, wenn man unerwartet etwas findet. Erst recht, wenn es sich nicht nur um
Schlüssel und Brille handelt, sondern um neue Ideen, um neue Freunde oder neue
Glaubensgewissheiten. „Ich suche nicht - ich finde“, sagt Picasso, und fährt fort: „Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits
Bekanntem. Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden
wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer.“
Kinder können sich besonders gut auf solche Abenteuer, auch auf heilige, einlassen.
Sie sind die geborenen Sachensucher und Gottesfragenfinder. Ich denke oft: Mit all
den vielen Fragen ist jedes Kind eine Suchmaschine, und jeder gefundene Gegenstand
kann die Welt und den Glauben neu erschließen. Aus ein paar Stöcken wird ein Raumschiff, und angesichts des toten Schmetterlings stellen sich die ganz großen Fragen.
Einer, der sich die kindliche Freude am Suchen und Finden bis ins hohe Alter bewahrt
hat, ist der Schriftsteller Günter Grass. In sechs Zeilen bringt er es auf den Punkt:
EIN AST
sandgeschliffen, dazu Federn,
vom Wind getragen.
Matt schlägt die See an.
Das Glück, so heißt es,
ist eine Fundsache.
Finden ist die Verbform von Glück.
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