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IPS-WELTBLICK Jg. 34 – Nr. 5 | 3. Februar 2015

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05 | 2015
MEXIKO:
UN-Sonderausschuss befasst
sich mit Verschwunden
SIMBABWE:
Energiearmut
lähmt Entwicklung
AUSTRALIEN:
Indigene Unternehmen
beflügeln Wirtschaft
INDIEN:
Lambada-Schutzkomitees
gegen Mädchenhandel
Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
INHALT
BLICKPUNKT
Der WELTBLICK bietet Ihnen jeden Dienstag
Nachrichten, Hintergrundberichte und Analysen
über den 'Global South' und informiert Sie eingehend über aktuelle und grundlegende Entwicklungen besonders in den Regionen Afrika, AsienPazifik und Latein-amerika-Karibik.
IPS berichtet unabhängig und kritisch. Themen
der menschenwürdigen und nachhaltigen Entwicklung sowie der internationalen Zusammenarbeit für eine 'faire Globalisierung' bilden den
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IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
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Geschäftsführung und Chefredaktion:
Ramesh Jaura | Karina Böckmann
Tel.: 030 5481 4531 | Fax: 030 5482 2625
E-Mail: weltblick@ipsnews.de
Online: www.weltblick-online.de
Verlag:
Globalom Media Information <> Communication
<> Publishing Agency GmbH
UN: Verhandlungen über verbindliches Hochseeabkommen beschlossen
S. 03
UMWELT: Lob für Dekontaminierungserfolge
von Entwicklungsländern
S. 05
AFRIKA
SIMBABWE: Energiearmut lähmt Entwicklung
S. 07
SÜDAFRIKA: Nashornbestände gefährdet
S. 09
NAHOST
JEMEN: US-Verbündetem drohen Teilung
und Bürgerkrieg
S. 10
KURDISTAN: Zivilgesellschaft lehnt bewaffneten Unabhängigkeitskampf ab
S. 12
ASIEN u. PAZIFIK
AUSTRALIEN: Indigene Unternehmen beflügeln die Wirtschaft
S. 14
PAKISTAN: Gefahr durch Gletscherseen
S. 17
INDIEN: Lambada-Schutzkomitees gegen
Mädchenhandel
S. 19
LATEINAMERIKA u. KARIBIK
MEXIKO: UN-Sonderausschuss befasst sich
Verschwundenen
S. 22
ANTIGUA UND BARBUDA: Leben am Abwasserkanal
S. 24
KOMMENTAR
UMWELT: Die Hochsee-Meeresressourcen
müssen fair geteilt werden – Von Palitha
Kohona
S. 26
TITELBILD
T
LambadaFrauenkomitees schützen Mädchen vor
Frauenhandel – Bild:
Stella
Paul/IPS
Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
BLICKPUNKT
UN: Verhandlungen über verbindliches Hochseeabkommen beschlossen
Von Thalif Deen
New York (IPS) – Nach neun Jahren des Zögerns haben die Vereinten Nationen die Einberufung einer zwischenstaatlichen Konferenz beschlossen, die den Entwurf eines rechtsverbindlichen internationalen Abkommens zum Schutz der marinen biologischen Vielfalt in Meeresgebieten jenseits
nationaler Zuständigkeiten vorbereiten soll.
Die 'High Seas Alliance', eine Allianz aus 27
Nichtregierungsorganisationen (NGOs), und der
Weltnaturschutzbund (IUCN), hatten eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen der
Entscheidung gespielt, die in den frühen Morgenstunden des 24. Januar gefällt wurde.
Laut Karen Sack, Meeresbeauftragte von 'The
Pew Charitable Trusts', einem Mitglied der
NGO-Koalition, wird ein mit Vertretern aller
193 Vertragsstaaten des Internationalen Seerechtsabkommens (UNCLOS) besetztes Vorbereitungskomitee im kommenden Jahr seine Arbeit aufnehmen. Bis 2017 soll es der UNVollversammlung erste Empfehlungen für die
zwischenstaatliche Konferenz vorlegen.
Bei den etwas mehr als viertägigen Gesprächen
hatten anfangs etliche Staaten gemauert, darunter die USA, Russland, Kanada, Japan und
Südkorea, wie ein Teilnehmer des Verhandlungsmarathons erklärte. Schließlich aber hätten sich die Befürworter einer internationalen
Regulierung der Hochseegebiete durchgesetzt.
Auch wenn es nicht gelungen sei, den Verhandlungsprozess zeitlich zu begrenzen, sei man
insbesondere über die Bereitschaft der USA,
sich der Staatenmehrheit anzuschließen, sehr
erfreut. Die UN-Vollversammlung muss dem
jetzt erzielten Ergebnis bis September 2015 zustimmen. Die Zusage gilt als reine Formalität.
Mit den Hochseegebieten jenseits nationaler
Zuständigkeit ('Areas beyond national Jurisdiction' – ABNJ) sind nach Artikel 86 von UNCLOS
all diejenigen Teile des Meeres gemeint, die
außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone
von bis zu 200 Seemeilen, der Küstenmeere und
der Gewässer von Archipelstaaten liegen.
Gut 64 Prozent der Weltmeere befinden sich
jenseits der 200-Seemeilenzone. Das entspricht
in etwa 40 Prozent der Erdoberfläche. Da sie
sich außerhalb jeder nationalen Zuständigkeit
befinden, sind sie der größte ungeschützte und
rechtlose Raum der Welt, wie die 'High Seas Alliance', eine Koalition internationaler Umweltgruppen, in einer Mitteilung betont hat.
Die fehlende Regierungsgewalt gilt allgemein
als eine der Hauptursachen für den zunehmend
kritischen Zustand der Hochsee. Um Abhilfe zu
schaffen, soll die Weltgemeinschaft bald über
die Einführung von Schutzmaßnahmen verhandeln. Im Gespräch sind Meeresschutzgebiete,
die Anfertigung von Meeresverträglichkeitsstudien, die nachhaltige Nutzung der unschätzbaren genetischen Ressourcen dieser Gebiete sowie der Kapazitätenaufbau in Entwicklungsländern und der Transfer von Meerestechnologien.
Die immensen Gefahren, die von menschlichen
Aktivitäten wie Meeresverschmutzung, Überfischung, Bergbau und Klimawandel für diese
Hochseeregionen ausgehen, machen ein internationales Schutzabkommen für diese Gebiete
dringlicher denn je, so die High Seas Alliance.
"In internationalen Gewässern geht es zu wie
im wilden Westen. Es fehlt an starken Regeln
und Sheriffs", so Lisa Speer, Meeresbeauftragte
beim 'Natural Resources Defence Council'. 
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD26-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/after-nine-years-of-foot-dragging-u-n-ready-for-talks-on-highseas-treaty/
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
BLICKPUNKT
UMWELT: Lob für Dekontaminierungserfolge von Entwicklungsländern
Von Kitty Stapp
New York (IPS) – Das kleine vietnamesische Dorf Dong Mai hatte lange ein großes Problem. Um die
mageren Einkünfte aufzubessern, verlegten sich die lokalen Kunsthandwerker auf die Rückgewinnung von Blei aus alten Auto- und Lkw-Batterien. Doch der ungeschützte Kontakt mit dem
Schwermetall kam sie sehr teuer: Die Bleikonzentrationen in ihrem Blut erreichten exorbitante
Höhen.
Und nicht nur das: Die Belastung der Gewässer
und Böden von Dong Mai lag um das 32- bis 34Fache oberhalb des zugelassenen Höchstwertes. Erwachsene und Kinder erkrankten. Und
auf einem Grundstück überschritt die Bleikonzentration sogar den Standardwert der USUmweltschutzbehörde um das 50-Fache.
Der Lokalregierung war das Problem bekannt,
doch fehlten die Mittel, um das Dorf zu dekontaminieren. Erst die Zusammenarbeit mit dem
'Blacksmith Institute for a Pure Earth' sorgte für
Entwarnung.
Nach Abschluss der Wiederherstellungsarbeiten
im Februar 2014 konnte der Bleigehalt im Blut
der Bevölkerung binnen sechs Monaten um fast
ein Drittel gesenkt werden.
"Es dauert meist eine gewisse Zeit, bis sich der
politische Wille, zu handeln, herausbildet",
meint dazu der Blacksmith-Vorsitzende Rich
Fuller. "Regierungen brauchen zunächst einmal
verlässliche Zahlen und Informationen. Die
meisten Staaten jedoch haben gerade erst damit begonnen, Entgiftungsteams zusammenzustellen."
Zusammen mit dem 'Grünen Kreuz Schweiz' und
der 'Global Alliance on Health and Pollution'
(GAHP) hat Blacksmith am 27. Januar in einem
Bericht 'Top Ten Countries Turning the Corner
on Toxic Pollution' Erfolgsgeschichten aus zehn
Ländern vorgestellt.
Der Report hält fest, dass die Umweltverschmutzung weltweit jedes Jahr mehr als 8,9
Millionen Menschen, mehrheitlich Kindern, das
Leben kostet. Sie tötet 35 Prozent mehr Menschen als der Tabakkonsum und drei beziehungsweise 15 Mal mehr Menschen als Malaria
und HIV/Aids.
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
BLICKPUNKT
"Anders als allgemein angenommen gehen viele
der schlimmsten Verseuchungsfälle nicht auf
das Konto von multinationalen Konzernen.
Vielmehr werden sie von den wenig regulierten
Kleinunternehmen, kleinen Gewerbegebieten
und verlassenen Fabriken verursacht", erklärt
Stephan Robinson vom Grünen Kreuz Schweiz.
"Die Länder mit hohen Einkommen tragen mit
ihrer Nachfrage nach Rohstoffen und Konsumgütern indirekt zu dem Problem bei."
Bleivergiftungen sind besonders für Kinder fatal, da sie das Gehirn und das zentrale Nervensystem schädigen, Entwicklungsverzögerungen
verursachen und in schlimmen Fällen zum Tode
führen.
Die wirtschaftlichen Kosten, die den Ländern
niedriger und mittlerer Einkommen durch die
giftigen Substanzen entstehen, bewegen sich
zwischen sechs und zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
In früheren Berichten hatte Blacksmith die
zehn verseuchtesten Orte der Welt vorgestellt.
Doch in diesem Jahr liegt der Fokus auf preiswerten, praktischen und replizierbaren Lösungen. "Es gibt noch sehr viel zu tun", bestätigt
Fuller. "Denn bisher haben nur einige wenige
Länder einen solchen Weg eingeschlagen. Ihnen
wollten wir Anerkennung zollen. Sie sollen anderen Ländern zum Vorbild werden."
Im Fall von Dong Mai hatte sich die Mobilisierung der Dorfbewohner und der lokalen Behörden als Schlüssel des Erfolgs erwiesen. Anstatt
die verseuchtem Böden abzutragen und sie anderswo zu entsorgen, wurden die kontaminierten Grundstücke mit Sand, Geotextilien, 20
Zentimeter gepresstem Erdreich, Backsteinen
und einer Zementschicht versiegelt.
Nachdem ihnen das Verfahren erklärt worden
war, begannen die Dorfbewohner mit der Umsetzung. Die Sanierungskosten, die ursprünglich
mit zehn Millionen Dollar veranschlagt worden
waren, konnten auf diese Weise auf insgesamt
60.000 Dollar – 20 Dollar pro Person – gesenkt
werden.
"GAHP-Mitglieder helfen ihren Nachbarn", erläutert Fuller. "Und oft lässt sich der Erfolg, der
in einem Land erreicht wird, in anderen Ländern replizieren." Durch das GAHP-Modell
kommt es zur Zusammenarbeit zwischen internationalen Agenturen und zwischen Staaten.
Sie alle helfen einander, die furchtbaren Probleme, die aus der Umweltverseuchung resultieren, zu lösen."
Die übrigen Erfolgsgeschichten kommen aus
Ghana, dem Senegal, aus Peru, Uruguay, Mexiko, Indonesien, von den Philippinen, aus der
ehemaligen Sowjetunion und aus Kirgisistan. In
Thiaroye Sur Mer im Senegal wurde die Wiederaufbereitung von Batterien durch den lukrativen Betrieb hydroponischer Gärten ersetzt, in
Mexiko-Stadt eine verseuchte Ölraffinerie in
einen städtischen Park mit jährlich einer Million Besuchern umgewandelt.
In Agbogbloshie in Ghana wird der Elektroschrott inzwischen sicher von Maschinen recycelt. Zuvor war er von den Menschen verbrannt
worden. "Wir haben hart daran gearbeitet, Lösungen zu finden, die für die lokalen Recycler
annehmbar waren", betont Kira Traore, Leiterin des Afrika-Programms bei Blacksmith, in
dem Bericht.
Mit einem Verbrennungsverbot allein wäre den
Menschen, die auf Einnahmen dringend angewiesen sind, nicht geholfen gewesen. Es hätte
zudem bewirkt, dass der E-Schrott anderswo
verbrannt worden wäre. Auf diese Weise hätte
die Verseuchung mehr Gebiete und mehr Menschen erreicht.
Experten weisen darauf hin, dass toxische Substanzen tausende Kilometer zurücklegen können. "Quecksilber, das beim Goldbergbau und
in Kohlekraftwerken freigesetzt wird, reist um
die Welt und findet sich im Fisch wieder, den
wir dann in London als Sushi verzehren", erläutert Robinson. "DDT findet sich im Körperfett
der Einwohner Grönlands, obwohl dort keine
Landwirtschaft betrieben wird. Die reichen
Länder sollten deshalb nicht nur aus morali
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
BLICKPUNKT
schen Gründen, sondern auch im eigenen Interesse den ärmeren Ländern dabei helfen, das
Problem der Verseuchung zu lösen."
"Westliche Staaten konnten in den letzten 40
Jahren Erfolge bei der Beseitigung von toxi
schen Substanzen vorweisen. Sie können ihre
Technologien und ihr Know-how in die Länder
niedriger und mittlerer Einkommen transferieren", heißt es in dem Report. Und weiter: "Wir
wissen, wie sich die Probleme lösen lassen,
weil uns dies bereits gelungen ist." 
Begleitbilder:
Ein Sanierungsteam bei der Reinigung eines bleiverseuchten Grundstücks im vietnamesischen Dong
Mai – Bild: Blacksmith Institute for a Pure Earth
Frauen im Senegal hatten keine Ahnung, dass sie mit ihrer Arbeit sich und ihre Familien verseuchten – Bild: Blacksmith Institute for a Pure Earth
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD28-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/developing-nations-write-hopeful-new-chapters-in-a-toxiclegacy/
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
AFRIKA
SIMBABWE: Energiearmut lähmt Entwicklung
Von Tonderayi Mukeredzi
Harare (IPS) - Janet Mutoriti lebt mit ihren Kindern in der simbabwischen Stadt Chitungwiza. Hier,
25 Kilometer von Harare entfernt, kocht sie mit Feuerholz, das sie aus den umliegenden Wäldern
holt. Denn sie gehört zu den 20 Prozent der städtischen Haushalte, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind.
Überall auf der Welt ist der Zugang zu Energie
eine Voraussetzung, um das Leben der Menschen zu verbessern. In Simbabwe ist die Energiearmut jedoch weit verbreitet. So geht aus
einem Bericht des 'Sustainable African Energy
Konsortium' (SAEC) hervor, dass gerade einmal
44 Prozent der mehr als drei Millionen Haushalte elektrifiziert sind.
Im Jahr 2012 verbrauchten sie landesweit 2,7
Millionen Gigawattstunden (GWh) und im Jahr
2013 2,8 Millionen GWh. Das entspricht 34 Prozent der gesamten Energiemenge, die der
Stromdienstleister 'Zimbabwe Electricity Distribution Transmission Company' verkauft.
Nach Angaben des SAEC verwenden 62 Prozent
der stromlosen Haushalte Feuerholz zum Kochen. Das gilt insbesondere für die ländlichen
Gebiete. Dort haben 90 Prozent der Haushalte
keinen Stromzugang. Das Stadt-Land-Gefälle
bei der Stromversorgung ist gravierend. Nach
Angaben des Nationalen Energiestrategieplans
von 2012 haben 83 Prozent der städtischen
Haushalte Zugang zu Strom. Von den ländlichen
sind gerade einmal 13 Prozent angeschlossen.
Die Landbevölkerung deckt 94 Prozent ihres
Energiebedarfs mit traditionellen Brennstoffen,
hauptsächlich Feuerholz. In den Städten trifft
dies für 20 Prozent zu. Kohle, Holzkohle und
Propangas werden von knapp einem Prozent
der Haushalte genutzt.
Der Ingenieur Joshua Mashamba ist der Geschäftsführer der Ländlichen Elektrifizierungsbehörde REA, die die Speerspitze des ländlichen Elektrifizierungsprogramms bildet. Wie er
gegenüber IPS erklärt, herrscht in den ländlichen Gebieten Energiearmut. "Unsere Behörde
hat erst 1.103 Dörfer elektrifiziert. Wenn wir
die Arbeit der anderen Akteure berücksichtigen, kommen wir auf eine Elektrifizierungsrate
in den ländlichen Gemeinden von gerade einmal zehn Prozent. Das bedeutet, dass dort 90
Prozent keinen Zugang zu modernen Energieträgern haben."
Seit Beginn des ländlichen Elektrifizierungsprogramms Anfang der 1980er Jahre wurden 3.256
Schulen, 774 ländliche Zentren, 323 Regierungstellen, 266 Heimstätten von Chiefs und 98 Geschäftszentren ans Stromnetz angeschlossen.
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
AFRIKA
Moderne Energieversorgungsleistungen seien
eine Grundvoraussetzung für die menschliche
Entwicklung, meint der Geschäftsführer des
Simbabwischen Energierats, Panganayi Sithole.
Doch mehr als 70 Prozent der Simbabwer litten
unter Energiearmut. Besonders schlimm sei die
Situation in den entwaldeten Gebieten, in denen auch kein Strom erhältlich sei.
"Nehmen wir zum Beispiel Epworth [ein Armenviertel in Harare]. Es gibt dort keine nennenswerten Wälder. Aus Kostengründen und einem
Mangel an Wissen kommt dort Propangas nicht
in Frage. Die Menschen dort verwenden Gras,
Plastik und Dung zum Kochen. Das ist sehr traurig", meint er. Energiearmut sollte als nationale
und prioritär zu bewältigende Herausforderung
verstanden und bekämpft werden.
Aufgrund von Energieproduktionsschwierigkeiten kommt es in Simbabwe derzeit zu Stromversorgungsengpässen. Dadurch sieht sich das
Land gezwungen, für teures Geld Strom und
Erdöl zu importieren.
Da die Nachfrage das Angebot übersteigt,
kommt es oft bei denen, die Strom haben, zu
Energieausfällen, wie Chiedza Mazaiwana von
'Practical Action Southern Africa' berichtet. Die
Organisation setzt sich für praktische Lösungen
zur Bekämpfung der Armut ein.
"Im ländlichen Simbabwe ist die Landwirtschaft
– gemeint ist sowohl der Regen- als auch der
Bewässerungsfeldbau – der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Der Bedarf an Energie, die nötig
ist, um die Produktivität in den ländlichen Gebieten zu steigern, ist groß.
Der vorhandene Strom reicht einfach nicht aus.
Das erklärt, warum der Anteil der Menschen,
die ihre Energie ausschließlich aus Biomasse
beziehen, bei 70 Prozent liegt", erläutert sie.
Laut der Weltbank haben 28 Prozent der Menschen im südlichen Afrika Zugang zu Strom. Der
kontinentale Anteil liegt bei 31 Prozent. Der
Bank zufolge gefährdet die energetische Unterversorgung die beiden Zwillingsziele, die extreme Armut zu bekämpfen und den gemeinsamen Wohlstand in der Region zu steigern.
Simbabwe hat sich der UN-Initiative Nachhaltige Energie für alle (SE4ALL) für ein Ende der
Energiearmut bis 2030 angeschlossen. Die erneuerbaren Energien sollen dazu einen Beitrag
leisten. Bis 2018 will das Land die Ökostromkapazitäten um 300 Megawatt erhöhen. Mashamba zufolge hat REA 402 Mini-Solar-systeme in
ländlichen Schulen und Gesundheitszentren,
437 mobile Solarsysteme und 19 Biogasanlagen
in öffentlichen Einrichtungen installiert.
Eine von der Umweltgruppe 'Zero Regional Environment Organisation' und von Practical Action geführte Allianz aus zivilgesellschaftlichen
Organisationen macht sich für einen beschleunigten Ausbau der Stromnetze unter der Regie
der Regierung stark, der zu gleichen Teilen mit
Geldern der offiziellen Entwicklungshilfe und
der Privatwirtschaft finanziert wird.
Doch bisher ist der Beitrag unabhängiger
Stromproduzenten noch vergleichsweise unbedeutend. Er werde sich jedoch erhöhen, sobald
die großen Wärmekraftproduzenten in die Gänge kommen, was bis 2018 der Fall sein werde,
heißt es von Seiten der Simbabwischen Energieregulierungsstelle (ZERA). Ende 2013 hatte die
Regierung über 25 Lizenzen für die Stromerzeugung ausgegeben, und einige Wärmekraftproduzenten sind bereits dabei, ihre Strompläne umzusetzen, von denen letztlich auch das
nationale Stromnetz profitieren wird.
Practical Action zufolge werden nach den derzeitigen Trends 1,5 Milliarden Erdenbürger inklusive 650 Millionen Afrikaner im Jahr 2030
noch immer keinen Strom haben. 
Begleitbild:
Markt für Brennholz in Chitungwiza – Bild: Tonderayi Mukeredzi/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD29-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/zimbabwe-battles-with-energy-poverty/
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3. Februar 2015
AFRIKA
SÜDAFRIKA: Nashornbestände gefährdet
Von Karina Böckmann
Berlin, 28. Januar (IPS) – In Südafrika hat die Wilderei von Nashörnern einen traurigen Höchststand
erreicht. Wie die Regierung am Kap in diesem Monat bekannt gab, wurden 2014 1.215 Exemplare
erlegt, zwei Drittel davon im Krüger-Nationalpark.
Trotz aller Bemühungen, den Schutz der Dickhäuter zu verbessern, nahm die Zahl der erlegten Rhinozerosse im siebten Jahr in Folge zu –
von 2013 bis 2014 um 21 Prozent. Gejagt werden die Tiere wegen ihrer Hörner, die – pulverisiert – als Heilmittel in asiatischen Ländern reißenden Absatz finden. Umweltorganisationen
zufolge erzielen die Hörner einen Kilopreis von
bis zu 60.000 US-Dollar.
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es mehr Rhinozerosse als in Südafrika. Der WWF schätzt die
Zahl der Breitmaulnashörner auf 18.000 und die
der Spitzenmaulnashörner auf 2000. Afrikaweit
sind es 20.000 respektive 5.000 Exemplare dieser beiden Arten, die in freier Wildbahn leben.
Die Wilderei ist längst zu einer Form der transnational organisierten Kriminalität mutiert. Angesichts der vielfältigen Gefahren, die von der
illegalen Jagd auf Wildtiere ausgehen – dazu
gehören auch Korruption, Geldwäsche, Gewalt
und politische Destabilisierung - hatte Prinz
Charles im Februar 2014 in London eine Konferenz einberufen, an der 46 Ländern inklusive
der Abnehmerstaaten von Wildtierprodukten
wie China und Vietnam teilnahmen.
In einer gemeinsamen Abschlusserklärung verpflichteten sich die Staaten dazu, die globale
Zusammenarbeit im Kampf gegen Wildtierdelikte auszubauen, die Strafermittler und Wildhüter besser auszurüsten und zu schulen sowie
die Strafen zu erhöhen und strikter umzusetzen. Darüber hinaus wurde beschlossen, energischer gegen die Korruption vorzugehen.
Doch ausgerechnet Südafrika, das Epizentrum
der Wilderei, war nicht auf der Konferenz vertreten. Auch blieb das Land seine Unterschrift
unter die Londoner Abschlusserklärung schuldig. Das hat international Zweifel an der Be-
reitschaft des Landes aufkommen lassen, der
illegalen Jagd auf Wildtiere energisch entgegenzutreten.
Im März ist ein Folgetreffen in Kasane in Botswana geplant, auf dem die bisherigen Fortschritte des zurückliegenden Jahres im Kampf
gegen die Wilderei überprüft werden sollen.
Umweltschützer hoffen, dass Südafrika diesmal
die Gelegenheit wahrnimmt, an dem Treffen
teilzunehmen.
Es gibt eine Reihe von Ursachen für die Zunahme der illegalen Nashornjagd in Südafrika. Besonders schwer wiegt offenbar die Öffnung der
Grenze des Krüger-Nationalparks zu Mosambik
hin, von wo aus die internationale Wildtiermafia weitgehend ungestraft agiert. Der berühmte
Wildtierpark beherbergt die größte Population
von Rhinozerossen. Allein hier wurden im letzten Jahr 827 Tiere getötet.
Der Schutz der Nashörner wird auch dadurch
ausgehöhlt, dass die Mühlen der Justiz sehr
langsam mahlen. So kann es Jahre dauern, bis
die Täter verurteilt werden. Im Fall des Südafrikaners Dawie Groenewald, einem Drahtzieher
des internationalen Handels mit Hörnern, dauert der Prozess bereits vier Jahre.
Im letzten Monat wurde Groenewald mit einer
16-köpfigen Gang in Verbindung gebracht, die
in der Tschechischen Republik wegen der Beteiligung am Schmuggel von Nashornhörnern von
Südafrika nach Vietnam aufgeflogen ist.
Im Oktober 2014 hatten die US-Behörden angekündigt, Groenewald und dessen Bruder Janneman wegen Verschwörung, Geldwäsche,
Wildlife-Kriminalität und anderer Delikte anzuklagen und die Auslieferung der beiden an die
USA zu beantragen. (Ende/IPS/kb/2015)
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
NAHOST
JEMEN: US-Verbündetem drohen Teilung und Bürgerkrieg
Von Thalif Deen
New York (IPS) - Als sich der Nord- und der Südjemen im Mai 1990 unter dem Banner der Arabischen Republik Jemen zusammengeschlossen hatten, kommentierte eine britische Zeitung: "Zwei
arme Länder sind nun ein armes Land geworden."
Die Vereinten Nationen führen den Jemen seit
seiner Staatsgründung auf der Liste der 48
ärmsten Länder der Welt (LDCs). Damit sind all
jene Staaten gemeint, die sehr stark von ausländischer Hilfe abhängen und um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen.
national Crisis Group' mit Sitz in Brüssel, dass
die Regierung das Land an einen Abgrund geführt habe, der die territoriale Teilung, den
wirtschaftlichen Niedergang und ausufernde
Gewalt bedeuten könnte, sollte ein Kompromiss nicht zustande kommen.
Doch das derzeitige politische Chaos, das den
Rücktritt des Präsidenten, Premierministers
und Kabinetts erzwang, droht den Jemen in einen verfehlten Staat zu verwandeln. Das Land
könnte zudem in zwei Teile zerfallen und auf
einen neuerlichen Bürgerkrieg zusteuern.
Die inzwischen aufgelöste Regierung von
Staatspräsident Abdu Rabbu Mansur Hadi war
ein enger US-Verbündeter gewesen. Sie hatte
die US-Drohnenangriffe auf die Al-Qaeda der
Arabischen Halbinsel (AQAP) in den entlegenen
Regionen des Jemens unterstützt. Einem Bericht der New York Times zufolge wurden die
USA von dem Rücktritt der Regierung kalt erwischt.
"Wir erleben die De-facto-Teilung des Landes
und sollten uns auf einen langen Verhandlungsprozess gefasst machen", meinte dazu Charles
Schmitz, Analyst am 'Middle East Institute', in
der vorletzten Januarwoche. "Auch ist es gut
möglich, dass uns ein Krieg bevorsteht."
In einem am 27. Januar veröffentlichten Bericht erklärten die Friedensforscher der 'Inter-
"Ich vermag nicht zu sagen, ob der Jemen in
zwei Teile zerfällt", meint Matthew Hoh vom
'Center for International Policy' (CIP) in New
York. "Wohl aber ist die Gefahr meiner Meinung
nach sehr groß, dass der Jemen aufgrund der
Gewalt zwischen den unterschiedlichen Frakti-
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
NAHOST
onen im Chaos versinken könnte, wie dies
schon in Afghanistan, im Irak, in Libyen und Syrien geschehen ist, die allesamt Zielscheiben
der interventionistischen US-Außenpolitik waren", so der Experte.
Da das Land von einer sunnitischen Mehrheit
dominiert werde, die Unterstützung aus dem
Nachbarland Saudi-Arabien erhalte, sei die Gefahr eines religiös motivierten Konflikts wie in
Syrien, dem Irak, und im Libanon bereits programmiert, warnte Hoh. Ironischerweise betrachteten alle diese Länder inklusive der USA
die AQAP als gemeinsamen Feind. Die AQAP hat
sich auch zu dem jüngsten Anschlag auf die Redaktionsräume der Satirezeitschrift 'Charlie
Hebdo' in Paris bekannt.
Nach Ansicht von Vijay Prashad, Professor für
internationale Studien am 'Trinity College' im
US-amerikanischen Connecticut, lässt sich zu
diesem Zeitpunkt nur schwerlich abschätzen,
was aus dem Jemen werden wird. "Die
Schlachtlinie ist noch längst nicht abgesteckt",
meinte er. Der sogenannten Pro-US-Regierung
des ehemaligen Staatschefs Ali Abdulla Saleh
warf er vor, seit 2004 in Anti-Terror-Fragen ein
undurchsichtiges Spiel gespielt zu haben. Auf
der einen Seite habe sie sich als Widersacher
der Al-Qaeda positioniert, sich auf der anderen
Seite jedoch den Umstand zunutze gemacht,
dass die Al-Qaeda gegen ihre Feinde, die Zaydis
(Huthi-Rebellen), zu Feld zog.
"Dass der Jemen ein doppeltes Spiel gespielt
hat, war den USA durchaus bewusst. Sie ließen
ihn gewähren", so Prashad. Das erklärt seiner
Meinung auch, warum es der AQAP gelungen
ist, Jar und andere Regionen im Jemen einzunehmen und zu halten. Die Aussage, die Zaydis
seien Erfüllungsgehilfen des Irans, wies der
ehemalige Edward-Said-Vorsitzende an der
Amerikanischen Universität von Beirut und Autor des Buches 'Arab Spring, Libyan Winter' als
"absurd" zurück.
Seiner Meinung nach hat sich die US-amerikanische Nahost-Politik als eine Katastrophe, vor
allem für die Menschen vor Ort, herausgestellt.
Profitiert hätten allein die Extremistengruppen
und die westlichen Waffenproduzenten.
Laut Nicole Auger, Nahost-Afrika-Analystin bei
dem weltführenden, auf Militärfragen spezialisierten Marktforschungsinstitut 'Forecast International', kam der Jemen über Jahre in den
Genuss US-amerikanischer Militärhilfe.
Seit 2006 habe er mehr als 400 Millionen Dollar
über den Ausbildungs- und Ausrüstungsfonds
der Abteilung 1206 des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums erhalten. Die Gelder
kamen insbesondere der Luftwaffe, den Sondereinsatz- und Grenzkontrolleinheiten sowie
der Küstenwache des Jemen zugute.
Wie Auger weiter berichtete, sind auch die Mittel aus den Programmen 'Auswärtige Militärfinanzierung' (FMF) und 'Internationale Militärerziehung und Training' (IMET) beträchtlich gestiegen. Auch wird das Land mit Geldern aus
den Programmen für Nichtverbreitung, AntiTerrormaßnahmen, Minenräumung, Drogenkontrolle und Strafvollzug bezuschusst.
Wie einem Bericht des US-Kongresses zur
Rechtfertigung der Haushaltsausgaben ('U.S.
Congressional Budget Justification') zu entnehmen ist, wird die Förderung des jemenitischen
Militär- und Sicherheitsbereichs 2015 eine USPriorität bleiben, "um dem Jemen Frieden und
Sicherheit zu bringen". 
Begleitbild:
Jemenitische Demonstranten in Sanaa mit den Bildern verhafteter Personen – Bild: Yazeed Kamaldien/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD28-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/u-s-ally-yemen-in-danger-of-splitting-into-two-again/
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IPS-Weltblick
3. Februar 2015
NAHOST
KURDISTAN: Zivilgesellschaft lehnt bewaffneten Unabhängigkeitskampf ab
Von Fabiola Ortiz
Diyarbakir (IPS) – Ein Bruch in der Bewegung für ein unabhängiges Kurdistan hat den Stimmen Auftrieb gegeben, die Waffengewalt zur Durchsetzung der Autonomiebestrebungen grundsätzlich ablehnen. Die 40 Millionen Kurden sind die weltweit größte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat und
ohne Verfassungsrechte.
"Wir sind das einzige Volk mit einer großen Bevölkerung, das kein Land besitzt", sagt Murat
Aba, Mitbegründer der Kurdischen Freiheitspartei (PAK). "Seit dem Ersten Weltkrieg sind wir
gespalten. Uns wurde nie gestattet, uns selbst
zu regieren. Wir sind keine Minderheit, sondern
eine Vielzahl von Menschen. Und wir verteidigen die Unabhängigkeit der vier kurdischen
Gruppen im Iran, Irak, in Syrien und in der Türkei."
Die PAK existiert formell seit Ende 2014. Sie ist
die erste rechtlich anerkannte Partei in der
Türkei, die das Wort 'Kurdistan' in ihrem Namen
tragen darf. Laut ihrem Vorsitzenden Mustafa
Ozcelik arbeitet sie darauf hin, die Unabhängigkeit für die Kurden mit Hilfe "politischer und
rechtlicher Mittel" durchzusetzen.
Damit unterscheidet sie sich deutlich von der
verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK),
die in den 1970er Jahren entstand, um in der
Türkei mit Waffengewalt die Gründung eines
kurdischen Staates durchzusetzen. Die Gefechte zwischen PKK-Kämpfern und Regierung kosteten bisher mehr als 40.000 Menschen das Leben.
Derzeit werden etwa 20.000 PKK-Mitglieder in
den Kandil-Bergen im Norden des Irans ausge-
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NAHOST
bildet. Das Gebiet liegt 1.000 Kilometer von
Diyarbakir, der wichtigsten kurdischen Stadt
der Türkei, entfernt. Viele PKK-Anhänger
kämpfen inzwischen gegen die islamistische
Terrorgruppe 'Islamischer Staat' in Syrien und
im Irak.
Die PKK-Operationen würden heimlich von in
Europa lebenden Kurden finanziert, räumt
Hatip Dicle von der seit Dezember 2009 ebenfalls verbotenen Partei der Demokratischen Gesellschaft (DTK) ein. Deren Mitglieder sympathisieren mit Teilen der PKK-Ideologie: "Die Regierung der Türkei gestattet uns nicht, auf legalem Weg Spenden zu sammeln", sagt Dicle. In
Europa leben etwa zwei Millionen Kurden.
Dicle zufolge hält die PKK am bewaffneten
Kampf fest, obwohl sie eine Bewegung für Demokratie sei. Seit einigen Jahren führt die verbotene Partei geheime 'Friedensgespräche' mit
der türkischen Regierung.
Unter Vermittlung hochrangiger Mitglieder seines Kabinetts verhandelt Staatspräsident Recep
Tayyip Erdogan mit dem seit 1999 inhaftierten
PKK-Führer Abdullah Öcalan.
Die DTK hat seit Beginn der Friedensgespräche
zwischen den türkischen Behörden und Öcalan
an Stärke gewonnen. "Wir wollen jetzt das Ende des Konflikts erreichen. Dazu streben wir
eine gemeinsame Lösung an", sagt Dicle.
Die Geheimniskrämerei bei den Verhandlungen
zwischen Öcalan und der Regierung wird allerdings von all denjenigen, die einen offenen
Friedensprozess fordern, scharf kritisiert. "Die
Friedensgespräche sollten einen anderen Verlauf nehmen. Es gibt überhaupt keine Transparenz. Wir sind dagegen, dass in unserem Unab-
hängigkeitskampf Schusswaffen gebraucht werden", erklärt der Menschenrechtsanwalt Sabehattin Korkmaz Avukat, der umfassende Verfassungsreformen in der Türkei fordert. "Wir wollen den Weg der Demokratie und nicht den der
Gewalt gehen. Ziel unseres Kampfes ist es, unsere Autonomie auf friedliche Weise zu erlangen. Unsere Rechte sollen in die zivile Verfassung aufgenommen werden."
Mohammed Akar, Generalsekretär der kürzlich
von ihm gegründeten kurdischen Organisation
'Komeleya Sex Seid' spricht sich ebenfalls für
einen gewaltfreien Unabhängigkeitskampf aus.
"Gewalt könnte sogar unseren Anspruch auf
Demokratie zunichte machen", warnt er.
Die Organisation, die sich der Kultur und Bildung für Kurden widmet, ist nach einem sunnitischen Scheich benannt, der während der nationalistischen Regierung von Mustafa Kemal
Atatürk (1923 bis 1938) in der Türkei einen
Kurdenaufstand anführte.
Bis vor kurzem war es im Land verboten, in der
Öffentlichkeit von Sex Seid zu sprechen oder
Bilder von ihm zu zeigen. Erstmals hat eine Einrichtung der Zivilgesellschaft von den türkischen Behörden die Genehmigung erhalten,
seinen Namen zu führen.
Der bekannte kurdische Schriftsteller und Politologe Ibrahim Guclu warf indes der PKK Drogenschmuggel, Zwangsrekrutierungen und die
Nötigung junger Kurden vor.
"Die PKK ist eine illegale Vereinigung, deren
Anführer seine Anhängerschaft vom Gefängnis
aus zu steuern versucht", kritisiert er. "Wir hingegen sind anders und wollen eine offene Diskussion in der Gesellschaft führen." 
Begleitbild:
Markt in Diyarbakir im Südosten der Türkei – Bild: Fabiola Ortiz/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD30-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/kurdish-civil-society-against-use-of-arms-to-gain-autonomy/
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AUSTRALIEN: Indigene Unternehmen beflügeln Wirtschaft
Von Neena Bhandari
Mossman, Queensland, Australien (IPS) - Roy Roger Gibson, ein Indigener vom Volk der Kuku Yalanji, hatte Jahrzehnte lang beobachtet, wie tausende Touristen und ihre Fahrzeuge über die unberührte Natur im Norden des australischen Bundesstaates Queensland hinwegwalzten, während er
sich als schlecht bezahlter Zuckerrohrschneider verdingte.
Damals träumte er davon, dieser Entwicklung
Einhalt zu gebieten und selbst ein menschenwürdiges Leben zu führen. 20 Jahre lang musste er warten. Dann wurde das MossmanSchluchten-Zentrum gegründet, ein erfolgreiches Ökotourismusunternehmen für Aborigines
und Torres-Strait-Insulaner im Daintree-Nationalpark in Queensland.
Daintree-Nationalparks, sind solche Projekte
besonders willkommen.
Australiens Indigene haben es im Vergleich zu
Nichtindigenen dreimal so schwer, ein eigenes
Geschäft aufzubauen. Doch durch die globale
Mobilität und die Suche nach authentischen Erfahrungen bieten sich ihnen im Ökotourismusbereich neue Entwicklungschancen in Form von
Arbeitsplätzen, Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten. Gerade in der alten Heimat der
Kuku Yalanji, in der südlichen Spitze des
Die 18-jährige Roberta Stanley ist eine Aborigine, die vom Zentrum ausgebildet wird. "Jeden
Morgen, wenn ich in meine Arbeitskleidung
steige, muss ich lächeln. Die Arbeit hat mir geholfen, wieder in Kontakt mit unserer Geschichte, Musik, Kunst, unseren Legenden und
Sprachen zu kommen. Ich empfinde ein tiefes
Gefühl der Freude und bin zuversichtlich, dass
Gibson und die anderen Bewohner der Mossman-Schlucht hatten das Zentrum in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für indigenes
Land (ILC) aufgebaut. 90 Prozent der 61 Angestellten und 21 Azubis sind Indigene.
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ich meinen Traum, als Künstlerin und Tänzerin
zu arbeiten, leben werde."
Ein solcher Optimismus war den Aborigines in
der Region lange nicht gegeben. Gerade für die
jungen Leute erweist sich das Zentrum mit seinem verschiedenen Ausbildungsangeboten als
Silberstreif am vielfach trüben Horizont.
Von den Stanleys arbeiten inzwischen vier für
das Zentrum. Das hat das Leben der Familie um
einiges leichter gemacht. In aller Regel sind Indigene auf dem Arbeitsmarkt gegenüber Nichtindigenen im Nachteil. 58 Prozent der Aborigines und Torres-Strait-Insulaner über 15 Jahre
sind arbeitslos. Die Nichtindigenen sind nur zu
39 Prozent betroffen.
Angesichts der begrenzten Erwerbsmöglichkeiten fällt es Australiens Indigenen nicht eben
leicht, sich den eigenen Berufswunsch zu erfüllen. Pamela Sal hatte lange als Reinigungskraft
gearbeitet. In ihrer Freizeit malt sie. Ihre farbenprächtigen Bilder, die den Regenwald und
das Meer abbilden, werden nun in der Galerie
des Mossman-Schluchten-Zentrums ausgestellt
und an in- und ausländische Touristen verkauft.
"Unseren Leuten wird hier das Gefühl vermittelt, dass sie körperlich, geistig und seelisch in
der Lage sind, alles zu erreichen", berichtet
Sal, deren Tochter ebenfalls eine Anstellung im
Zentrum gefunden hat.
Seit Juli letzten Jahres haben 250.000 Gäste,
zu 40 Prozent aus dem Ausland, das Zentrum
besucht. "Der Indigenentourismus nimmt an
Fahrt auf", meint dazu der Geschäftsführer
Greg Erwin gegenüber IPS. "Er verleiht den Erlebnissen der Touristen eine kulturelle Tiefe.
So wie alle Aborigines-Gemeinschaften hegen
und pflegen die Kuku Yalanji die Natur seit tausenden von Jahren. Die Natur ist für sie Supermarkt und Apotheke zugleich."
In den kommenden zehn bis 15 Jahren wird das
Zentrum komplett in indigene Hand überführt.
Eine bemerkenswerte Entwicklung für ein Volk,
das lange den staatlichen Assimilierungsversuchen gnadenlos ausgeliefert war. Davon können
die Überlebenden der 'gestohlenen Generation'
– die vielen Aborigines-Kinder, die von 1900 bis
1970 Jahren von ihren Familien getrennt wurden – ein Lied singen.
Zu ihnen gehört auch der 58-jährige Gibson.
Wie er erklärt, möchte er nicht, dass sein Volk
eine solche traumatische Erfahrung noch einmal machen muss. "Unser Zentrum ist für unsere junge Generation ein Beweis dafür, dass
Träume wahr werden können." Er und andere
Guides führen die Touristen über die sogenannten 'Traumpfade', auf denen nach den Vorstellungen der Aborigines die Schöpfungswesen
wandeln.
Auf den begleiteten Touren erfahren die Gäste
viel über den ältesten Regenwald der Welt, die
Kultur der Indigenen und die von diesen als
Kultstätten verehrten Berge, Felsen, Flüsse und
Wasserstellen. "Jetzt sind wir in der Lage, unser Ökosystem zu schützen und gleichzeitig Besuchern einen Einblick in die Lebensweise, Kultur, Vorstellungen und Naturverbundenheit der
Kuku Yalanji zu geben", so Gibson.
Indigene Unternehmen, die wie das MossmanSchluchten-Zentrum auf Nachhaltigkeit setzen,
sind für die marginalisierten Gemeinschaften
des Landes, die extrem stark von Alkoholmissbrauch, innerfamiliärer Gewalt, Langzeitarbeitslosigkeit und hohen Selbstmordraten betroffen sind, wahre Hoffnungsträger.
Die Aborigines und die Torres-Strait-Insulaner
laufen 15 Mal mehr Gefahr, ins Gefängnis zu
kommen als nichtindigene Australier. Sie stellen die Hälfte aller Insassen der Jugendstrafanstalten des Landes. Es werden zudem 31 Mal so
viele indigene Frauen wegen innerfamiliärer
Gewalt ins Krankenhaus wie Nichtindigene eingewiesen, wie aus einem Bericht aus dem letzten Jahr hervorgeht.
Gleichzeitig zeigen die Touristenzahlen von
2014, dass 14 Prozent der internationalen Australienreisenden die indigene Lebensweise und
Kultur kennenlernen wollen und sich diesen
Wunsch rund 5,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr
kosten lassen. Dass sie sich auch nicht scheuen,
in die entlegensten Winkel des Landes zu rei-
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sen, zeigt das Potenzial, dass im IndigenenTourismus schlummert.
Das ILC-Reiseunternehmen 'Voyages Indige-nous
Tourism
Australia' bewirbt internationale
Gäste
mit der Aussicht auf
einzigartige Erfahrungen und Locations.
Neben dem MossmanSchluch-ten-Zentrum
betreibt es auch die
Ferienanlagen 'Ayers
Rock Resort' und 'Longitude 131°' in Northern Territory und
die 'Home Valley Station' in Kimberley in
Westaustralien.
Während sich die ILC
auf den Erwerb von
Land und den Aufbau
indigener Nachhaltigkeitsunternehmungen spezialisiert hat, geht es dem 'Indigenous Business
Australia' (IBA) darum, Australiens Aborigines
und Torres-Strait-Insula-nern nachhaltige Wirtschaftsentwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Dazu meint der IBA-Geschäftsführer Chris Fry:
"Unser Business-Ent-wicklungs- und Hilfsprogramm (BDAP) unterstützt Indigene bei der
Gründung eigener Unternehmen. Auch helfen
wir ihnen dabei, sich als starke Arbeitgeber von
Indigenen zu behaupten."
Jo Donovan konnte dank des Programms ihr
Hobby zu einem Geschäft machen. Sie hat zusammen mit ihren Kindern, den beiden Küchenchefs Aaron Devine
und Jessica, das 'Bandu
Catering'-Unternehmen
gegründet. 'Bandu' (in der
Sprache der Dhanggati
'Nahrung') greift auf Elemente der indigenen und
australischen Küche zurück.
Im letzten Finanzjahr hat
das BDAP, das mit dem
Bankensektor kooperiert,
90 Kredite im Wert von
insgesamt 55 Millionen
Dollar vergeben. "Unsere
indigenen Partner sind
über das IBA-Programm für
Gleichheit und Investitionen mit mehr als 68 Millionen Dollar Eigenkapital in
einer Vielzahl kommerzieller Unternehmungen beteiligt", erläutert Fry.
"Und IBA hat Güter und Dienstleistungen im
Wert von 2,4 Millionen Dollar von insgesamt 30
indigenen Geschäften bezogen."
IBA bietet jungen indigenen Studenten Stipendien an, damit sie einen Abschluss in Business,
Finanzen und Wirtschaft machen können. In einer Zeit, in der die internationale Gemeinschaft im Kampf gegen die globale Armut besonderen Wert auf Nachhaltigkeitskriterien
legt, weisen die australischen Inklusionsprojekte den Weg. 
Begleitbilder:
Roy Roger Gibson, ein indigener Kuku Yalanji, musste 20 Jahre warten, bis er sein eigenes Ökotourismusunternehmen gründen konnte – Bild: Neena Bhandari/IPS
Die 18-jährige Roberta Stanley arbeitet als Azubi für das Mossman-Schluchten-Zentrum – Bild: Neena Bhandari/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD27-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/aboriginal-businesses-stimulate-positive-change-in-australia/
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PAKISTAN: Gefahr durch Gletscherseen
Von Saleem Shaikh und Sughra Tunio
Bindo Gol, Pakistan (IPS) – Khaliq-ul Zaman, ein Bauer aus dem entlegenen Tal Bindo Gol in der
nordpakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, lebt seit langem unter dem Damoklesschwert einer Katastrophe.
Auf den ersten Blick erscheint das malerische
Bergtal mit seinen fruchtbaren Böden und reichen Frischwasservorräten als idealer Ort zum
Leben. Doch die Menschen vor Ort müssen stets
damit rechnen, dass Gletscherseen über ihre
Ufer treten und das Tal überschwemmen.
Das Problem führen Experten auf den Klimawandel zurück, der mit einem Anstieg der
Temperaturen und stärkeren Regenfällen einhergeht. Im gebirgigen Norden Pakistans sind
dadurch bedingte Erdrutsche, Überschwemmungen und Bodenerosion inzwischen häufig zu
beobachten. Vielfach sind die Bewässerungskanäle verstopft, durch die das Wasser aus den
Gebirgsflüssen auf die Felder gelangt.
"Für meine Familie ist alles schwieriger geworden", sagt Zaman, der bereits mehrfach mit
dem Gedanken gespielt hat, die Landwirtschaft
aufzugeben und sich in Chitral Arbeit zu suchen. Die Stadt liegt etwa 60 Kilometer entfernt.
Auch Azam Mir, der Weizen anbaut, ist in Sorge. Der ältere Mann, der in dem Dorf Drongah
in Bindo Gol lebt, erinnert sich nur allzu gut an
den verheerenden Erdrutsch 2008, durch den
zwei der ältesten Bewässerungskanäle in der
Region zerstört wurden. Viele Bauern mussten
damals die Landwirtschaft aufgeben und in andere Dörfer umziehen. "Und diejenigen, die
bleiben mussten, litten an Hunger und Krankheiten, die durch Wasser übertragen werden."
Doch dank einer öffentlich-privaten Partnerschaft, die Maßnahmen zur Klimaanpassung und
-abmilderung fördert, dürfen die lokalen Gemeinschaften inzwischen wieder auf bessere
Zeiten hoffen.
Die Pakistanische Meteorologiebehörde (PMD)
hatte 2010 etwa 2.400 potenziell gefährliche
Gletscherseen in den entlegensten Gebirgszonen ausgemacht. Inzwischen hat sich die Zahl
auf mehr als 3.000 erhöht. Allein im Distrikt
Chitral liegen 549 Gletscher, von denen 132 als
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'gefährlich' eingestuft werden. Um das Leben
und die Existenz von Millionen Menschen nicht
aufs Spiel zu setzen, muss nach Ansicht von Experten unverzüglich gehandelt werden.
Zu den bislang erfolgreichsten Hilfsinitiativen
gehört ein auf vier Jahre angelegtes Projekt,
das vom UN-Anpassungsfonds, vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP)
und von der Regierung Pakistans mit 7,6 Millionen US-Dollar finanziert wird.
Das 2010 vereinbarte Projekt zielt vor allem
darauf ab, Menschenleben zu schützen, Existenzen zu sichern, bestehende Bewässerungskanäle zu erhalten und Schutzdämme und andere Infrastrukturen zu bauen.
Es hat den Menschen am Ort bereits enorme
Vorteile gebracht. So stellt es in mehr als zwölf
Dörfern die ständige Zufuhr von Wasser für
Haushalte und die Bewässerung der Felder sicher. "Wir haben vor, solche Infrastrukturmaßnahmen in weiteren zehn Ortschaften durchzuführen. Hunderte Familien im Tal werden da
von profitieren", meint der Projektmanager
Hamid Ahmed Mir.
Weiter entfernt, im Bagrot-Tal von Gilgit, einem Distrikt der an Khyber Pakhtunkhwa angrenzenden Provinz Gilgit-Baltistan, setzen
Hilfsorganisationen ähnliche Programme um.
Zahid Hussain, der für ein Klimaanpassungsprojekt in Bagrot arbeitet, berichtet, dass etwa
16.000 Bewohner von Gletscherseen und Sturzfluten bedroht sind. Wetteranomalien haben
zudem im vergangenen Jahr bestehende Sanitär- und Bewässerungsanlagen beschädigt.
Über das Bagrot-Tal, das etwa 800 Kilometer
von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad
entfernt ist, sind zehn Dörfer verteilt, die ihren
Wasserbedarf fast vollständig aus Flüssen decken, die in den Karakoram-Bergen entspringen, die Teil des Hindukuschs sind. Dort befinden sich die meisten Gletscher außerhalb der
Polarregionen.
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Talbewohner wie der Bauer Sajit Ali setzen ihre
Hoffnungen in die Entwicklung von Infrastrukturen, die die Wasserversorgung gewährleisten
und die Bevölkerung vor Überschwemmungen
schützen können.
Um humanitären Krisen vorzubeugen, empfehlen Experten die Stärkung der Resilienz der
Gemeinschaften, Aufklärungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen, den Aufbau von Kontrollstationen, die Entwicklung von Lageplänen und die
Einführung von Frühwarnsystemen.
Wie Khalil Ahmed, der nationale Programmmanager des Projekts, erläutert, werden die Bewohner der Regionen nun rechtzeitig vor bevorstehenden Überschwemmungen gewarnt. Die
Familien hätten dadurch ausreichend Zeit, sich
in sicherere Gebiete zu begeben.
In Bindo Gol und Bagrot wurden inzwischen
mehr als 15 Notunterkünfte errichtet. Allein in
den vergangenen 17 Monaten sind Pakistan sieben Mal Gletscherseen über die Ufer getreten.
Dadurch wurden nicht nur Menschen vertrieben, sondern auch Ernten zerstört, wie der
Klimaexperte Ghulam Rasul aus Islamabad berichtet. Ahmed zufolge konnten mindestens
16.000 Vertriebene auch Monate nach den Desastern noch immer nicht in ihre Dörfer zurückkehren.
Die Lage droht sich mit dem fortschreitenden
Temperaturanstieg in den Gebirgszonen im
Norden Pakistans weiter zu verschlimmern. 
Begleitbilder:
Arbeiter beim Bau eines Schutzwalls für die Talbewohner von Bindo Gol im Norden Pakistans – Bild:
Saleem Shaikh/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD26-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/in-the-shadow-of-glacial-lakes-pakistans-mountaincommunities-look-to-climate-adaptation/
INDIEN: Lambada-Schutzkomitees gegen Mädchenhandel
Von Stella Paul
Chandampet, Indien (IPS) – Banawat Gangotri ist elf Jahre alt. Die Angehörige des Hirtenvolks der
Lambada, die aus dem Dorf Bugga Thanda im südindischen Bundesstaat Telangana stammt, arbeitete vier Jahre lang als Baumwoll- und Chilipflückerin. Den hart verdienten Lohn von umgerechnet
einen US-Dollar pro Tag setzte der Vater in Alkoholika um.
Seit Mitte Januar ist damit Schluss. Stunden,
bevor der Vater sie nach Guntur, einem ChiliAnbaubezirk 168 Kilometer von dem Heimatort
der Familie entfernt, bringen konnte, wurde
Gangotri befreit und nach Devarakonda gebracht, wo sie nun die vierte Klasse besucht.
Die Einrichtung, ein Internat, wird vom 'Gramya-Ressourcenzentrum für Frauen' (Gramya) geführt. Die lokale Nichtregierungsorganisation
mobilisiert seit einigen Jahren die ethnischen
Lambada gegen Kinderhandel, Kinderarbeit und
Kindstötungen. Alle 65 Mädchen, die in die
Schule gehen, konnten aus den Klauen von
Menschenhändlern oder Arbeitgebern entrissen
werden. "Ich gehe gern zur Schule", sagt Gangotri. "Wenn ich groß bin, werde ich Lehrerin."
Die Chancen, dass sich ihr Traum einmal erfüllen wird, stehen nicht schlecht, seitdem es in
Bugga Thanda ein Kinderschutzkomitee gibt. In
insgesamt 40 Dörfern der Region gibt es inzwischen solche Kontrollgremien aus jeweils zwölf
Lambada-Frauen, die Alarm schlagen, wenn
Mädchen über Wochen nicht zur Schule gehen.
Dann steht zu befürchten, dass sie als Arbeit
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kräfte eingesetzt werden oder verheiratet wurden. Leider lässt sich das in vielen Fällen nicht
verhindern. An dem Tag, an dem Gangotri befreit werden konnte, wurde die Zwölfjährige
Banawat Nirosha aus dem Dorf Mausanngadda
als vermisst gemeldet. Später kam heraus, dass
ihre landlosen Eltern sie zum Chili-Pflücken
nach Guntur mitgenommen hatten. Die Dorfbewohner schließen nicht aus, dass das Mädchen nach dem Ende der Chili-Saison in Guntur
verheiratet wird.
Derartige Geschichten sind immer wieder zu
hören. Doch seit es die Kinderschutzkomitees
gibt, hat sich die Lage verbessert. Vor 20 Jahren kam es häufiger vor, dass Mädchen nach
der Geburt getötet oder verkauft wurden.
Im März 1999, nach der Befreiung von 57 Lambada-Kleinkindern in Hyderabad, der Hauptstadt von Telangana, kam im Zuge der Ermittlungen heraus, dass zwischen 1991 und dem
Jahr 2000 rund 400 Säuglinge als Adoptivkinder
gehandelt worden waren. In einem Land wie
Indien, das jedes Jahr drei Millionen Mädchen
durch selektive Abtreibungen und Kindstötungen 'verliert', sind die Töchter der Lambada besonders gefährdet.
Die Gramya-Gründerin Rukmini Rao hat im Verlauf ihrer Arbeit viel Furchtbares gesehen und
auch verhindert. So konnte die Organisation Eltern, die bereits vier Töchter hatten, in einem
Dorf in Telangana daran hindern, ein weibliches
Zwillingspärchen zu töten.
Wie Rao damals mit einer Kollegin herausfand,
gab es diesem speziellen Dorf einen gravierenden Jungenüberschuss. So kamen auf 1.000
Knaben gerade einmal 835 Mädchen. Inzwischen hat sich das Verhältnis in dem Bezirk mit
938 Mädchen gegenüber 1.000 Jungen dem nationalen Verhältnis von 941 pro 1.000 angenähert.
Doch den Kinderschützern steht noch ein langer
und mühsamer Weg bevor, vor allem weil die
Hälfte der Indigenen des Landes unterhalb der
Armutsgrenze leben. Suma Latha, die seit 14
Jahren als Gramya-Koordinatorin LambadaFrauen zu Kinderrechtsaktivistinnen fortbildet,
weiß, dass viele schwangere Frauen vor der
Niederkunft nach Hyderabad reisen, um dort
ihr Neugeborenes für ein paar tausend Rupien
zu verkaufen. Nach ihrer Rückkehr sagen sie
dann, das Kind sei bei der Geburt gestorben.
"Solche Geschäfte werden von den Vätern und
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Schwiegermüttern gegen den Willen der Mutter
arrangiert", weiß Latha. Als Gangotri befreit
worden sei, habe ihr Vater angeboten, das Kind
für rund 250 Dollar herzugeben.
Mit ihrer hellen Haut und ihren braunen Augen
stehen Lambada-Kinder auf dem Adoptionsmarkt hoch im Kurs. Die meisten Paare, die ein
Kind adoptieren wollen, kommen aus den großen Städten und sind bereit, sehr viel Geld für
ein schönes Baby zu bezahlen.
Während viele Säuglinge am Ende in Heimen
großwerden, landen etliche andere in der Sexindustrie. "Für die Mittelsmänner, die Säuglinge
kaufen, geht es um Geld, nicht um Moral",
meint dazu Lynette Dumble, eine Wissenschaftlerin aus Melbourne, die sich seit 20 Jahren mit
dem Phänomen der Kindstötungen in Indien befasst. "Wenn also die Menschenhändler aus der
Sexindustrie mehr Geld bieten, werden die
Mädchen an sie verkauft."
Zahlen belegen, dass Hyderabad aufgrund seiner Nähe zu den Lambada-Dörfern zu einem
wichtigen Umschlagplatz für den Kinderhandel
geworden ist. Nach Aussagen von B. Prasada
Rao, dem Polizeichef des an Telangana angrenzenden Bundesstaates Andhra Pradesh, nahm
die Polizei im Jahr 2013 778 Kinderhändler fest
und befreite 558 Opfer.
Diese Erfolge sind vergleichsweise bescheiden,
wenn man bedenkt, dass der Handel mit Kindern zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ein
auf 30 Milliarden bis 43 Milliarden Dollar geschätztes Geschäft ist.
Die Augen offen zu halten, dass möglichst vielen Mädchen ein solches Schicksal erspart
bleibt, ist eine Sache. Wichtig ist es aber auch,
langfristige Lösungen zu finden und das Problem an der Wurzel zu packen. Viele LambadaFrauen sehen in Bildung den Schlüssel zu einem
besseren Leben und drängen die Familien in
den ländlichen Gebieten deshalb dazu, mehr
Mädchen vom kostenfreien Unterricht oder Stipendien profitieren zu lassen.
Doch damit allein ist es nach Ansicht von Wissenschaftlern nicht getan, um zu verhindern,
dass noch immer viele Mädchen vor oder nach
der Geburt aufgrund ihrer Geschlechterzugehörigkeit getötet oder später verkauft werden.
Ebenso wichtig sei es, marginalisierten Gemeinschaften Alternativen aufzuzeigen. Nach
Regierungsangaben sind 90 Prozent der Indigenen im Land Landlose. Im Bezirk Nalgonda, wo
auch Gangotris Vater ein Leben am Rande des
Existenzminimums führt, besitzen 87 Prozent
der indigenen Gemeinschaften kein Land.
"Wenn es nichts zu essen und kein Land zu bewirtschaften gibt, was bleibt uns anderes übrig,
als unsere Kinder zu verkaufen", meint dazu
Khetawat Jamku, eine 50-jährige Lambada.
Experten wie Rao halten Programme wie das
'Mahatma Gandhi Rural Employment Scheme',
das auf die gesicherte Beschäftigung der ländlichen Armen an 100 Tagen im Jahr für einen
Verdienst von 147 Rupien (drei Dollar) am Tag
abzielt, für einen vielversprechenden Weg gegen Kinderarbeit und Kinderhandel. Doch angesichts der verbreiteten Korruption haben NGOs
und Zivilgesellschaft alle Hände voll zu tun, um
zur Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
Und solange die Lambada-Frauen nicht die
gleichen Landrechte erhalten wie die Männer,
sind die Chancen, den Kreislauf aus Armut und
Gewalt zu durchbrechen, der insbesondere die
Mädchen gefährdet, gering. 
Begleitbild:
Lambada-Frauen, die nie zur Schule gegangen sind, passen auf, dass die jungen Mädchen ihrer
Gemeinschaft nicht dem Menschenhandel zum Opfer fallen – Bild: Stella Paul/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD27-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/not-without-our-daughters-lambada-women-fight-infanticideand-child-trafficking/
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MEXIKO: UN-Sonderausschuss befasst sich mit Verschwundenen
Von Emilio Godoy
Mexiko-Stadt (IPS) – Der mexikanische Staat wird sich einer Überprüfung durch den UN-Ausschuss
gegen das Verschwindenlassen von Personen stellen müssen. Seit der Ermordung von 43 Studierenden eines Lehrerseminars im südlichen Bundesstaat Guerrero im Herbst letzten Jahres ist diese
Verbrechensform ins Zentrum der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit gerückt.
Dem UN- Ausschuss liegen zwölf Eingaben von
insgesamt 26 Menschenrechtsorganisationen
vor. In dem lateinamerikanischen Land sind
mindestens
23.000
Menschen verschollen.
Unklar ist, in wie vielen Fällen es sich bei
den Opfern um 'Verschwundene' handelt.
Menschrechtsaktivisten zufolge hat das
Verbrechen in Mexiko
seit dem Amtsantritt
des ehemaligen konservativen Staatspräsidenten Felipe Calderón im Dezember 2006
das Ausmaß einer humanitären Krise angenommen.
Calderón,
der bis Ende 2012 im
Amt war, hatte das Problem durch die Militarisierung des Anti-Drogenkampfes dramatisch
verschärft. Doch ist es weder seiner Regierung
noch der seines ebenfalls konservativen Amtsnachfolgers Enrique Peña gelungen, den Drogenhandel in den Griff zu bekommen.
Die Menschenrechtsgruppen fordern, Verschwindenlassen zu einem eigenständigen
Straftatbestand zu machen. Sie verlangen ferner die Einführung wirksamer Instrumente und
Protokolle, um die Suche nach den 'Verschwundenen' und die Auszahlung von Entschädigungen
an die direkt und indirekt Betroffenen zu erleichtern.
Dem aus zehn unabhängigen Experten bestehenden UN-Ausschuss kommt die Aufgabe zu,
für die Einhaltung der Internationalen Übereinkunft zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen zu
sorgen. Er werde
Mexiko während seiner achten Sitzungsperiode vom 2. bis
13. Februar in Genf
einer kritischen Befragung unterziehen,
meint
Jacqueline
Sáenz vom FUNDARZen-trum für Forschung und Analyse.
Das Land lasse es
bisher an angemessenen Vorgehensweisen gegen das Verschwindenlassen von
Menschen missen. Es
unternehme viel zu
wenig gegen diese
Form von Verbrechen und agiere mehr reaktiv
als proaktiv, so Sáenz. "Die Bilanz fällt sehr negativ aus."
Obwohl ein schweres Menschenrechtsvergehen,
ist das Verschwindenlassen von Personen erst
seit dem 26. September in den weltweiten Fokus gerückt. An dem Tag ging die Polizei in Iguala, 190 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt,
gewaltsam gegen Studierende des AyotzinapaLehrerseminars vor. Sechs Menschen wurden
dabei getötet und 25 verletzt.
Nach Angaben des Generalstaatsanwalts nahm
die Polizei im Anschluss daran 43 weitere Studenten mit und übergab sie einer Drogenhändlerbande, die in dem Gebiet in Revierkämpfe
verstrickt war. Die Ermittlungen ergaben, dass
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LATEINAMERIKA u. KARIBIK
die jungen Leute ermordet, ihre Leichen auf
einer Müllhalde am Stadtrand von Colula nahe
Iguala verbrannt und die Überreste in einem
Fluss versenkt worden waren.
Am 7. Dezember teilte Staatsanwalt Jesús Murillo mit, dass es Forensik-Experten der Universität Innsbruck gelungen sei, ein Opfer zu identifizieren. Am 20. Januar hieß es dann, dass die
übrigen Leichenteile aufgrund der Verbrennungen nicht mehr identifizierbar seien.
Das mexikanische Büro für Menschenrechte und
Verbrechensprävention gibt die Zahl der Menschen, die im Zeitraum 2007 bis Oktober 2014
als vermisst gemeldet wurden, mit 23.271 an.
Nur 621 von ihnen gelten offiziell als 'verschwunden'. 72 der Vermissten wurden lebend
gefunden, während 30 tot geborgen wurden.
"Es ist wichtig, dass der UN-Ausschuss darauf
dringt, dass die Regierung das gesamte Ausmaß
des Problems darstellt", betont der Menschenrechtsaktivist Juan Gutiérrez. Es gebe so viele
Berichte, die Empfehlungen im Umgang mit
dem Verbrechen unterbreitet hätten. Doch seien sie allesamt ignoriert worden. "Es wird Zeit
für Reformen." Allein seit dem Amtsantritt von
Peña Nieto im Dezember 2012 sind in Mexiko
mehr als 9.000 Menschen verschwunden.
Bereits im November 2009 hatte der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof der
Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) den
Staat Mexiko im Fall des 1974 verschwundenen
Gemeindeführers von Atoyac, Rosendo Radilla,
für Verstöße gegen die persönlichen Freiheitsrechte, das Recht auf humane Behandlung und
auf Leben verantwortlich gemacht und vergeblich aufgefordert, die Suche nach dem Vermissten fortzusetzen und den Fall aufzuklären.
In ihrer Eingabe an den UN-Ausschuss erklärte
die Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International', dass die Behörden immer noch
nicht mitgeteilt hätten, "wie viele Menschen in
Mexiko verschwunden sind und wie viele aus
anderen Gründen vermisst werden". Auf Bundesebene sei es zwischen 2005 und 2009 lediglich zu sechs strafrechtlichen Verfahren wegen
solcher vor 2005 begangenen Verbrechen gekommen.
Im Zusammenhang mit der Ermordung der 43
Studenten aus Iguala hat die Generalstaatsanwaltschaft mehr als 40 Polizeibeamte verhaften
lassen, die im Verdacht stehen, mit der Drogenmafia kooperiert zu haben. Auch der frühere Bürgermeister von Iguala, José Abarca, und
seine Frau sind in die Verbrechen involviert.
Vier Organisationen hielten den zuständigen
Behörden in Mexiko in einer am 8. Januar eingereichten Ergänzung zu ihren Eingaben an das
UN-Komitee "mangelnde Kompetenz" in diesem
speziellen Fall vor. Es habe sich gezeigt, dass
die Internationale Übereinkunft zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen vollständig ignoriert werde.
Am 27. November hatte Peña Nieto einen ZehnPunkte-Katalog vorgestellt. Unter anderem
stellte er den Entwurf eines Gesetzes gegen
Folter und Verschwindenlassen vor und versprach ein nationales Vermisstensuchprogramm. Sáenz hält die Vorschläge für unzureichend. Das Land brauche einen kompletten
Strategiewechsel. Und was das vorgeschlagene
Gesetz angehe, müssten Organisationen und
Angehörige der Verschwundenen an dem Entwurf beteiligt werden. 
Begleitbild:
Demonstration in Mexiko-Stadt nach der Verschwinden von 43 Studenten – Bild: Emilio Godoy/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD26-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/forced-disappearances-are-humanitarian-crisis-in-mexico/
http://www.ipsnoticias.net/2015/01/desaparecidos-acosan-a-mexico-tambien-en-escenainternacional/
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
LATEINAMERIKA u. KARIBIK
ANTIGUA UND BARBUDA: Leben am Abwasserkanal
Von Desmond Brown
Green Bay, Antigua (IPS) – Green Bay ist ein Stadtteil von St. John's, der Hauptstadt des karibischen Inselstaates Antigua und Barbuda. Hier, am Rande der gleichnamigen Bucht, befinden sich
die Strandhotels und Restaurants für die Touristen. Am anderen Ende jedoch beginnt das Reich der
Armen: Willkommen im Slum.
Cynthia James, die hier in einer der vielen
Wellblechhütten lebt, hat die Hoffnung längst
aufgegeben, dass es ihr und den anderen Bewohnern des Armenviertels einmal besser gehen wird. Das sei ihr nach dem letzten Besuch
eines Politikers klar geworden, erzählt die 53Jährige. "Er nannte uns unnütze Hunde. Eine
solche Beleidigung vergisst man nicht."
Was das Ausmaß der Armut auf dem Inselarchipel angeht, gehen die Meinungen der beiden
größten politischen Kräfte im Lande weit auseinander. Die 'United Progressive Party' (UPP),
die bis zu den Wahlen im letzten Jahr an der
Regierung war, schätzt den Anteil der Menschen, die mit weniger als zehn Ostkaribischen
Dollar (etwa 3,7 US-Dollar) pro Tag auskommen
müssen, auf zwölf Prozent. Die 'Antigua Labour
Party' (ALP) spricht hingegen von 35 Prozent.
"Den höchsten Anteil an Armen verzeichnet Haiti mit 79 Prozent, gefolgt von Guyana mit 64,
Surinam mit 45 und Jamaika mit 43 Prozent",
betont der ehemalige Finanzminister und Parlamentsabgeordnete Harold Lovell, der sich auf
Daten der Weltbank beruft. Am anderen Ende
der Statistik stehen demnach St. Lucia mit 19
Prozent, Barbados mit 14 Prozent und schließlich Antigua und Barbuda mit zwölf Prozent.
Cynthia James interessieren solche Zahlen
nicht. In ihrem Alltag hat sie konkrete Probleme zu meistern. Die 53-Jährige, ihre 78-jährige
Mutter und die 28-jährige Tochter wohnen in
ihren Hütten direkt neben einer Abwasserrinne,
die bei Regenfällen regelmäßig überläuft. Sie
alle haben Angst, dass sie eines Tages in den
Wassermassen untergehen.
"Als ich klein war, wurde der offene Kanal regelmäßig von Strafgefangenen gereinigt. Das ist
längst vorbei", sagt James. "Wenn es regnet,
stehen unsere Hütten unter Wasser." In der Gefahrenzone leben etwa ein Dutzend Familien,
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
LATEINAMERIKA u. KARIBIK
die lieber heute als morgen umziehen würden.
Doch ohne finanzielle Hilfe sind sie dazu nicht
in der Lage.
Konsultationen mit der Bevölkerung hatten das
Problem der Abwasserrinnen erst ins Licht der
Öffentlichkeit gebracht. Damals versprach Ruleta Camacho, eine hochrangige Vertreterin
der städtischen Umweltbehörde, ein Klimaanpassungsprojekt zugunsten der Slumbewohner.
Terryann Lewis wartet sehnsüchtig auf die Umsetzung dieses Versprechens. Denn seit dem 13.
Oktober 2014, als der Tropensturm 'Gonzalo'
über Antigua und Barbuda hinweg zog, lebt sie
in Todesangst. Damals hat der Orkan Häuser
abgedeckt und Bäume entwurzelt. Stundenlang
peitschte heftiger, von kräftigen Böen begleiteter Regen auf die Insel nieder. Zahlreiche Straßen wurden durch umgerissene Bäume blockiert, und viele Menschen waren ohne Strom.
"Als ich am Morgen aufwachte, war ich von
Wasser umgeben, weil der Abwasserkanal
übergelaufen war", berichtet Lewis. "Die ganze
Einrichtung war nass oder weggeschwemmt.
Wir hatten alles verloren."
Wenn der seit sieben Monaten amtierende Ministerpräsident Gaston Browne von menschlicher Entwicklung spricht, dann denkt er weniger an die Verbesserung der Lebensverhältnisse
der Slumbewohner. Er will Antigua und Barbuda
zur wirtschaftlichen Lokomotive der Region
machen, einer Art Singapur der Karibik.
"Wir werden unser Humankapital wettbewerbsfähig machen, um Wachstum und Entwicklung
voranzubringen", versprach er. "Wir werden Arbeitsplätze für junge Menschen schaffen und
den Unternehmen über die Entwicklungsbank
von Antigua und Barbuda Kredite anbieten. Wir
wollen durch Bildung und Ausbildung die
menschliche Entwicklung fördern. Niemand
wird im Stich gelassen." 
Begleitbilder:
Cynthia James lebt in Antigua-Barbuda am Rande eines Abwasserkanals – Bild: Desmond Brown/IPS
Terryann Lewis neben einem Abwasserkanal auf der Insel Antigua - Bild: Desmond Brown/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD30-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/antiguan-shanty-dwellers-ask-if-poverty-will-be-the-death-ofthem/
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
3. Februar 2015
KOMMENTAR
UMWELT: Die Hochsee-Meeresressourcen müssen fair geteilt werden
Von Palitha Kohona*
New York (IPS) – Nach fast zehnjährigen und oftmals entmutigenden Verhandlungen hat die Adhoc-Arbeitsgruppe zum Schutz der biologischen Vielfalt in Meeresgebieten jenseits nationaler Zuständigkeiten in einer Konsensentscheidung einen Prozess in Gang gesetzt, der Gesprächen über
ein rechtsverbindliches Abkommen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Meeresressourcen in der Hochsee den Weg ebnen soll.
Die UN-Vollversammlung wird nun in einem
nächsten Schritt im Sommer eine Resolution
zur Einberufung eines Vorbereitungskomitees
beschließen, das wiederum ab 2016 seine Arbeit aufnimmt und die Vorarbeit zu einem Abkommen leistet, das dann
2017 auf einer zwischenstaatlichen Konferenz verabschiedet werden soll.
Die
Ad-hoc-Arbeitsgruppe
war 2006 eingerichtet worden. Sie war seither in regelmäßigen Abständen zusammengekommen.
2010
legte sie erstmals eine Reihe von Empfehlungen vor,
die systematisch weiterentwickelt und am 24. Januar angenommen wurden.
Diese Entscheidung wird
signifikante Folgen für die
weltgrößte Quelle der Artenvielfalt haben.
Die globale Gemeinschaft
hatte sich im Rio+20Abschlussdokument 'Die Zukunft, die wir wollen' auf Drängen einer kleinen
Gruppe von Staaten wie Argentinien, Deutschland, Sri Lanka und Südafrika sowie der EU klar
zur Sicherung der biologischen Vielfalt in Meeresgebieten jenseits nationaler Zuständigkeiten
(BBNJ) bekannt. In der Erklärung wurde die Bedeutung eines angemessenen globalen Mechanismus für einen nachhaltigen Umgang mit dem
marinen Artenreichtum jenseits der nationalen
Zuständigkeit anerkannt.
2013 hatte die Resolution A/69/L.29 der UNVollversammlung die Ad-hoc-Arbeitsgruppe mit
dem Mandat ausgestattet, Empfehlungen über
den Geltungsbereich, die Parameter und die
Machbarkeit eines internationalen Instruments
im Rahmen der UN-Seerechtskonvention (UN-
CLOS) bis zur 69. Sitzung der Generalversammlung vorzubereiten.
In den letzten Jahren ist das Verständnis für
den Wert der biologischen Vielfalt in den Gewässern jenseits nationaler
Zuständigkeiten in bemerkenswerter Weise gewachsen. Man ist sich der Notwendigkeit, diese riesige
und unschätzbare Ressourcenbasis zu schützen und
nachhaltig zu nutzen, weitgehend bewusst.
Die Erdoberfläche ist zu 70
Prozent von Wasser bedeckt. Diese marine Welt
stellt mehr als 90 Prozent
der Biosphäre, also der Gesamtheit der Lebewesen auf
der Erde. Sie ernährt viele
komplexe Ökosysteme, die
wichtig sind, um das Leben
und die Lebensgrundlagen
an Land zu erhalten. Zwei
Drittel dieser Lebenswelt
befinden sich in Gebieten
jenseits der nationalen Zuständigkeiten.
Der Beitrag der Ozeane für die globale Wirtschaft wird auf Milliarden US-Dollar geschätzt.
Bisher sind hunderttausende marine Lebensformen bekannt. Wissenschaftler vermuten,
dass es Millionen weitere sein dürften, über die
wir möglicherweise nie etwas erfahren werden.
Diese Arten und die genetischen Ressourcen
könnten der Menschheit etwa bei der Herstellung wichtiger Medikamente von ungeheurem
Nutzen sein.
Mit fortschreitender Erforschung und Ausbeutung der genetischen Ressourcen der Meere
werden jährlich immer neue Patente angemel-
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Jahrgang 34 | Nr. 5
IPS-Weltblick
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KOMMENTAR
det. Der Wert dieser Patente wird ebenfalls auf
Milliarden Dollar geschätzt. Klar ist, dass die
Menschheit mit den Ressourcen der Ozeane und
deren Ökoystemen sehr achtsam umgehen
muss. Diese müssen geschützt und bewahrt
werden.
Gleichzeitig stehen die Meeresökosysteme vor
unerhörten Herausforderungen. Überfischung,
Verschmutzung, Klimawandel, Erwärmung, Korallenbleiche und Versäuerung sind nur einige
Faktoren, die die marine Artenvielfalt gefährden. Viele Gemeinschaften und Auskommen
hängen von dem biologischen Reichtum der
Meere ab und dürfen nicht gefährdet werden.
Während 2,8 Prozent der Weltmeere als Meeresschutzgebiete ausgewiesen sind, finden sich
nur 0,79 Prozent dieser Gebiete außerhalb der
nationalen Zuständigkeiten. In letzter Zeit sind
die Schutzgebiete zu wichtigen Instrumentarien
in dem globalen Bemühen geworden, gefährdete Arten, Habitate und Ökosysteme zu schützen.
Dass sich die Menschheit der Bedeutung der
Meere, insbesondere derjenigen außerhalb der
nationalen Zuständigkeiten, immer bewusster
werden, erklärt, warum die Mehrheit der Mitglieder der Ad-hoc-Arbeitsgruppe für ein neues
rechtverbindliches Instrument gestimmt hat,
um die biologische Vielfalt in Meeresgebieten
jenseits nationaler Zuständigkeiten zu schützen.
Die Entscheidung vom 24. Januar unterstreicht
ferner, dass die Mandate für die bisherigen globalen und regionalen Instrumente und Rahmenverträge nicht unterlaufen werden dürfen, dass
Duplikationen vermieden und eine Übereinstimmung mit UNCLOS gewährleistet sein sollte.
Die internationale Gemeinschaft steht vor der
Herausforderung, vor der nächsten anstehenden Etappe mit Bedacht diejenigen Gebiete zu
identifizieren, die durch das vorgeschlagene Instrumentariun im Sinne einer optimalen Sicherung der Artenvielfalt der Meere geschützt
werden sollen.
Es geht darum, die Widerstandfähigkeit der
Ozeane zu stärken, einen umfassenden Schutz
ökologisch und biologisch wichtiger Gebiete zu
gewährleisten und den Ökosystemen die Zeit zu
geben, die sie für die Anpassung brauchen.
Das Rahmenwerk, das dazu führen soll, dass
der Nutzen der Meeresorganismen für Forschung und Entwicklung fair geteilt wird, muss
mit höchster Weitsicht gestaltet werden. Privatunternehmen, die in diesen Bereich investieren, bedürfen einer rechtlichen Sicherheit
und klarer brauchbarer Regeln.
Ein internationales Instrument muss einen
Rahmen schaffen und eine allumfassende strategische Vision beinhalten, die den Hoffnungen
der Industrie- und Entwicklungsländer auf eine
faire Nutzung der Ressourcen Rechnung trägt.
Dem Austausch von Informationen kommt dabei
eine wichtige Rolle zu, um höchste Schutz- und
Nachhaltigkeitsstandards gewährleisten zu können. Insbesondere die Entwicklungsländer werden die fortgesetzte Unterstützung beim Kapazitätenaufbau brauchen, damit sie sich wirksam
an dem gemeinsamen Ziel der nachhaltigen
Nutzung der Meeresressourcen beteiligen und
von den wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen profitieren können. Wir
brauchen einen globalen Ansatz, der Nord und
Süd gleichermaßen gerecht wird. 
*Palitha Kohona ist Sri Lankas ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen und Ko-Vorsitzender
der Ad-hoc-Arbeitsgruppe zum Schutz der marinen biologischen Vielfalt in Meeresgebieten jenseits
nationaler Zuständigkeiten
Begleitbild:
Palitha Kohona – Bild: Mark Garten/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD30-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/marine-resources-in-high-seas-should-be-shared-equitably/
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Faire Globalisierung setzt echte Kooperation voraus
Nachhaltige Globale Sicherheit setzt Kultur des Friedens voraus
Analysen, Hintergründe und Kommentare zu Themen, welche
die Welt bewegen
Analysen, Hintergrundberichte und Meinungen zur
Notwendigkeit atomarer Abrüstung
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