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Hysterie um Weizen

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Ernährung
Hysterie um
Weizen
Julia Fischer
Weizen macht dick, krank und dumm – das behaupten mehrere Autoren in pseudo-wissenschaftlichen Büchern. Und tatsächlich lassen immer mehr
Menschen auch ohne diagnostizierte Unverträglichkeit weizenhaltige Lebensmittel stehen. Doch
sind Brot, Pasta und Kuchen wirklich Ursache für
die Beschwerden?
W
©contrastwerkstatt/Fotolia.com
eizen gehört seit
etwa zehntausend Jahren zur Ernährung der Menschen
und ist weltweit eines
der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Doch
in letzter Zeit steht es
zunehmend in schlechtem Licht da: Verschiedene, insbesondere
US-amerikanische
Autoren behaupten,
Weizen sei gefährlich
und für zahlreiche
Krankheiten verantwortlich. In seinem Buch „Weizenwampe. Warum Weizen dick
und krank macht“ will der Kardiologe William Davis seinen Leser
weis machen, dass Weizen Herz,
Gehirn und Haut schädige und
Adipositas sowie Diabetes fördere.
Der Neurologe und Ernährungsmediziner David Perlmutter geht
in seinem Buch „Dumm wie Brot“
noch weiter und nennt Weizen als
Verursacher für Alzheimer, ADHS
und das Tourette-Syndrom. Julien
Venesson, französischer Ernährungs-, Fitness- und Gesundheits-
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berater, erhebt ähnlich schwere
Vorwürfe. In „Wie der Weizen uns
vergiftet“ stellt er den heutigen
Weizenkonsum als Grund für
Rheuma, Arthrose, Schizophrenie,
Epilepsie und andere schwerwiegende Erkrankungen dar.
Vorwürfe wissenschaftlich
nicht belegt
Die Thesen der genannten Autoren
sind häufig aus dem wissenschaftlichen Kontext gerissen, vermischen verschiedene Sachverhalte
miteinander und argumentieren
mit fadenscheinigen, tendenziösen Begründungen. Anders als
beispielsweise behauptet, hat sich
die Herzinfarktrate durch den Weizenkonsum nicht erhöht, sondern
in den letzten 20 Jahren vielmehr
halbiert. Dass Gluten im Weizen
ähnlich wie Morphin wirke und
süchtig mache, Demenz fördere
oder heute angebaute Weizensorten besonders schnell abbaubare
Kohlenhydrate enthalten, entbehrt
jeder Grundlage. Richtig ist allerdings, dass durch moderne Züchtungen Weizensorten heute ertragreicher und resistenter sind oder
Wenn Weizen
unverträglich ist
Unbestreitbar gibt es anerkannte Krankheitsbilder, die mit dem
Getreidekonsum in Verbindung
stehen. Tatsächlich ist die Zahl der
Menschen angestiegen, die an
Zöliakie leiden. Von der Glutenunverträglichkeit sind in Deutschland derzeit etwa 0,3-0,5 Prozent
der Bevölkerung betroffen. Die
Deutsche Zöliakiegesellschaft
geht allerdings von einer hohen
Anzahl an erkrankten, aber nicht
diagnostizierten Personen aus. Bei
dieser Autoimmunerkrankung löst
die Aufnahme von Gluten eine
immunologisch vermittelte Entzündung aus. Als Folge bilden sich die
Darmzotten zurück und die Nährstoffaufnahme wird gestört.
Die Diagnose der Zöliakie erfolgt
durch den Nachweis von spezifischen Antikörpern im Blut und
wird mit Hilfe einer Entnahme von
Darmgewebe (Biopsie) gesichert.
Einzige Behandlungsmöglichkeit ist
der komplette Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel, denn schon
der Verzehr kleinster Mengen Gluten kann die Darmschleimhaut der
Betroffenen schädigen. Das Kleberweiß kommt in Getreiden wie
Weizen, Roggen und Gerste, aber
auch in älteren Sorten wie Dinkel,
Emmer und Einkorn vor. Es reicht
folglich nicht aus, nur auf Weizen
zu verzichten.
Allergische Reaktion auf
Weizenprotein
Bei einer Weizenallergie kommt
es ebenfalls zu einer immunologischen Reaktion gegen Weizenproteine. Anders als bei Zöliakie
handelt es sich um IgE- bzw.
T-Zell-vermittelte Reaktionen gegen verschiedenen Weizenproteine
wie Gliadin, Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) oder Thioredoxin. Betroffene reagieren häufig auch auf
andere Getreidearten empfindlich.
An einer Weizenallergie leidet
etwa einer von tausend Menschen
in Deutschland. Nachweisen lässt
sie sich durch einen Pricktest und
IgE-Antikörper im Blut. Wie andere
Allergien hat auch die Weizenallergie zugenommen.
Eine dritte Weizenunverträglichkeit ist die Weizensensitivität.
Symptome wie Bauchschmerzen,
Blähungen und Durchfall, aber
auch allgemeinen Beschwerden
© underdogstudios /Fotolia.com
über bessere Backeigenschaften
verfügen. Weizen zählt außerdem
zu den allergenen Lebensmitteln
und ist unter den Getreidesorten
häufig für eine Allergie verantwortlich. Und durch den wachsenden
Konsum an verarbeiteten Lebensmitteln nehmen Verbraucher auch
mehr Gluten auf. Natürlicherweise
kommt das Klebereiweiß in Weizen
und anderen Getreidearten vor.
Zudem wird Gluten zahlreichen
Fertiggerichten, Süßigkeiten und
Desserts zugesetzt, da es lebensmitteltechnologische Vorteile bietet
und beispielsweise zur Wasserbindung, Stabilisierung oder als
Trägerstoff für Aromen dient. Doch
Erkrankungen wie Diabetes, Adipositas oder Demenz allein dem
Konsum von Weizen oder Gluten
zuzuschreiben, ist wissenschaftlich
nicht haltbar.
wie Müdigkeit, Leistungsabfall und
Allgemeinbeschwerden können
zwar denen bei Zöliakie ähneln.
Betroffene leiden allerdings nachweislich weder unter einer Zöliakie
noch unter einer Allergie, obwohl
sie mit klinischen Symptomen
auf Weizen, Gerste und Roggen
reagieren. In den 1980er Jahren entdeckten Mediziner einen
vermeintlichen Zusammenhang
zwischen Gluten und den auftretenden Beschwerden und nannten
die Unverträglichkeit Glutensensitivität. Mittlerweile gehen Experten
wie Prof. Detlef Schuppan von der
Johannes-Gutenberg Universität
Mainz und der Harvard Medical
School in Boston davon aus, dass
nicht das Klebereiweiß schuld ist
und sprechen bewusst von einer
Weizensensitivität. In der aktuellen S2-Leitlinie Zöliakie ist von
der Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität die Rede.
In Deutschland sind Schätzungen
zufolge 0,5-7 Prozent betroffen,
Frauen öfter als Männer.
Forschungen zu
Proteinbestandteilen
In Untersuchungen verglich das
Team um Prof. Schuppan die Reaktion des Immunsystems auf alte
Urgetreidesorten mit denen auf
gezüchtete Hochleistungsgetreide. Dabei fanden sie heraus, dass
wahrscheinlich Amylase-Trypsin-In-
Nach dem Verzehr von
einigen Getreidesorten leiden
Betroffene häufig unter
Magen-Darm-Beschwerden.
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Hochleistungsweizen als
Verursacher?
Aufgrund der Züchtung von Hochleistungssorten hat der Gehalt an
ATI im Weizen zugenommen. „Die
Gene, die für die ATI-Bildung nötig
sind, gab es zwar bereits in alten
Weizenkulturen. Moderne Züchtungen enthalten aber etwa zweibis dreimal so viele ATIs wie ältere
Sorten; in Dinkel sind es im Vergleich zu modernem Weizen etwa
halb so viele“, erläutert Schuppan
seine Forschung zu den unverträglichen Proteinbestandteilen.
„Relevant sind ATIs hauptsächlich
bei Weizen, Gerste und Roggen.
Ihr Vorhandensein ist ganz stark an
den Glutengehalt gekoppelt.“
hibitoren (ATI) die Verursacher für
die Beschwerden sind. Diese Proteinbestandteile kommen in Getreide als natürliche Abwehrstoffe
gegen Parasiten und Krankheiten
vor. Da sie zusammen mit Gluten
auftreten, war eine Differenzierung der Wirkungsursache bislang
schwer festzustellen.
„ATIs aktivieren das sogenannte
angeborene Immunsystem“, erklärt
Prof. Schuppan. Damit mobilisieren sie Abwehrkräfte und es
kommt zu leichten Entzündungsreaktionen im Darm, aber auch im
Rest des Körpers. Vermittelt wird
das Entzündungsgeschehen über
einen Rezeptor, den sogenannten Toll-like Receptor 4. Dadurch
werden bestehende Entzündungsreaktionen verstärkt. Menschen
mit einer Weizensensitivität haben
scheinbar eine besondere Empfindlichkeit. „Wir vermuten daher,
dass die ATIs bei einer Reihe von
Immunerkrankungen und Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen, wie entzündlichen Darmerkrankungen, Rheumatoide Arthritis
oder Multiple Sklerose“, berichtet
der Wissenschaftler und Gastroenterologe.
© S. Weigt
Wenn im Weizen oder anderen
Getreidesorten entzündungsverstärkende ATIs vorhanden sind,
können sich bei Menschen mit einer chronischen Entzündung – das
sind etwa fünf bis zehn Prozent der
Bevölkerung – die Entzündungsreaktionen und die entsprechenden
Symptome verstärken. Schuppan
gibt aber zu bedenken: „Für 9095 Prozent der Bevölkerung ist
Weizen sehr wahrscheinlich nicht
schädlich.“
Moderner Hochleistungsweizen wird als Mitverursacher für die Zunahme an Weizenunverträglichkeiten diskutiert.
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Auch wenn das Vorhandensein der
ATIs an den Glutengehalt gekoppelt ist, besteht keine Notwendigkeit für einen vollständigen Verzicht
auf Getreideprodukte. Ein geringerer Verzehr von großen Getreidemengen wie Pizza, Nudeln und
Brot kann bei einigen Betroffen die
Beschwerden der Weizensensitivität
schon reduzieren. Da es bislang
keine Blutmarker zur Erkennung
der Erkrankung gibt, ist eine Diagnose nur über Ausschlussverfahren
möglich. Lassen sich trotz typischer
Beschwerden weder Zöliakie noch
Weizenallergie nachweisen, ist von
einer Weizensensitivität auszuge-
hen. Die Arbeitsgruppe von Prof.
Schuppan arbeitet derzeit an einem Nachweistest im Blut.
Einige Wissenschaftler geben
zu bedenken, dass auch ein
Nocebo-Effekt im Zusammenhang
mit weizenhaltigen Lebensmitteln auftreten könne. Das heißt,
vermeintlich Betroffene erwarten
eine negative Wirkung nach dem
Konsum bestimmter Lebensmittel
und diese tritt daraufhin auch ein.
Mittlerweile deuten aber ausreichend Studien auf das tatsächliche
Vorhandensein einer Weizensensitivität hin. Dennoch müssen zur Erklärung der genauen Wirkmechanismen weitere klinische Studien
durchgeführt werden.
Verzicht auf Weizen
meist unnötig
Für Gesunde ist der Verzicht auf
glutenhaltige Getreideprodukte
oder alles Weizenhaltige unnötig.
Der Irrglaube, eine gluten- oder
weizenfreie Ernährung helfe beim
Abnehmen, sei gesünder und
erhalte ein jüngeres Aussehen, ist
eine Modeerscheinung aus dem
angloamerikanischen Raum, die
ebenso wie die eingangs zitierten
Bücher keiner wissenschaftlichen
Begründung standhält. Von den
teuren glutenfreien Spezialprodukten profitieren bei unklarem
Krankheitsbild vor allem die Hersteller. Ihr zunehmender Konsum
erschwert zudem die Diagnose
einer Zöliakie oder Weizenallergie. Denn bei Zöliakie schlagen
die Antikörpertests nur an, wenn
ausreichend Gluten im Essen vorhanden ist.
Wer meint, Weizen oder Getreide
nicht zu vertragen, sollte unbedingt
zum Arzt gehen, um eine eventuelle Erkrankung diagnostisch
abzusichern.
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