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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2
Wie individuelles Lernen gelingen kann
Von Manuel Waltz
Sendung: Samstag, 07.02.2015, 08.30 Uhr
Redaktion: Christoph König
Autorenproduktion
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
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[Atmo Grundschulklasse, Freiarbeit]
[Lehrerin 1]
Immer wenn ein Kind von uns Unterstützung will oder was abgeprüft haben möchte,
dann hängt es seinen Namen an und dann wissen wir, zu diesem Kind müssen wir
jetzt gehen.
[Sprecher]
Und die drei Spalten... das, das Fragezeichen...
[Lehrerin 1]
Das sind die Sonne, Mond und Sterne-Kinder, das sind Kinder des ersten
Schuljahres, des zweiten Schulbesuchsjahres und des dritten Schulbesuchsjahres.
[Autor]
Okay.
[Lehrerin 1]
Das sind ja drei Altersstufen hier in der Klasse.
[Autor]
Ja. Und jetzt hängt das Kind seinen Namen an das Fragezeichen...
[Lehrerin 1]
Genau, dann weiß ich, da muss ich jetzt hin, oder meine Kollegin weiß es. Lillit, wo
hast du den Bogen hin getan, den du hattest?
[Atmo geht runter, läuft weiter]
Ansage;
Wie individuelles Lernen gelingen kann. Eine Sendung von Manuel Waltz.
O-Ton [Lehrerin 2]
Ich bin nicht mehr die Frontal-Tante, die ununterbrochen tacktet und sagt, was zu tun
ist, sondern ich bin mehr Begleiter für Kinder, die Schwierigkeiten haben, die
Aufgaben selbständig zu erfassen und versuche durch Impulse, durch Fragen die
Kinder dahin zu bringen, zu erfassen, was sie jetzt mit diesem Beispiel anfangen
sollen, also wie sie selber weiter arbeiten können.
Sprecher
Gabriele Roth ist Lehrerin an der Berliner Grundschule am Barbarossaplatz. Wie hier
so findet in immer mehr Klassenzimmern in Deutschland das Konzept des
Individuellen Lernens Einzug - oder präziser: des Individualisierten Lernens. Die
Lehrerin steht nicht mehr vor der Klasse und vermittelt Wissen, sondern jedes Kind
erarbeitet sich das Wissen selbst, die Lehrer unterstützen es dabei. Es ist die Antwort
auf die Heterogenität der Schülerschaft, die Kinder kommen mit grundsätzlich
unterschiedlichen Voraussetzungen in die Klasse: Es gibt starke und schwache
Schüler, mit Migrationshintergrund und ohne, solche mit einer großen intellektuellen
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Unterstützung durch die Eltern und Kinder die das nicht haben, so Olaf Köller,
Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Oldenburg.
O-Ton
Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Wir haben typischerweise das bei
Schulanfängern in der ersten Jahrgangsstufe, dass die Kinder, einzelne Kinder
können so gut lesen, wie wir es sonst bei Drittklässlern beobachten, andere Kinder
denen fehlen selbst grundlegende Voraussetzungen, um das Lesen in der ersten
Klasse zu lernen. Also im Grunde genommen finden wir schon in der ersten Klasse
heterogene Verhältnisse, dass schon fast vier Schuljahre zwischen den
Leistungsstärksten und den Leistungsschwächsten klaffen.
Sprecher
Wer in einer solchen Klasse allen Schülern das Gleiche vermitteln will, muss sich an
einem mittleren Niveau orientieren. Die schwächeren Schüler kommen dadurch
immer weniger mit und werden abgehängt. Aber auch die Starken und
Hochbegabten werden nur unzureichend gefordert. Doch damit nicht genug: Wie an
der Grundschule am Barbarossaplatz in Berlin gibt es immer mehr
jahrgangsübergreifende Klassen, das heißt verschiedene Jahrgänge lernen
zusammen in einer Klasse - hier sind es der erste, zweite und dritte. Lehrerinnen wie
Gabriele Roth, die dem Konzept des Individualisierten Lernens folgen, verzichten
daher nahezu vollständig auf den klassischen Frontalunterricht, bei dem die Lehrerin
vor der Klasse steht und jedem das Gleiche beizubringen versucht.
O-Ton
Sie lernen andere Dinge, in dem Frontalunterricht lernen sie mehr auf Ansage hin
eine gemeinsam eingeführte Sache gemeinsam zu bearbeiten mit
Binnendifferenzierung, aber die haben wir ja hier auch. Und hier lernen sie mehr
miteinander zu kommunizieren, sich Hilfe nicht nur vom Lehrer zu holen, sondern
auch untereinander sich zu helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen,
miteinander zu diskutieren: Was machen wir jetzt, kannst du jetzt, hast du jetzt Zeit,
muss ich einen Moment warten oder kann ich dich gleich abrufen, um zusammen die
Aufgabe zu bewältigen. Also die Kinder müssen viel mehr untereinander
kommunizieren und sich auf ihre Arbeit miteinander fokussieren.
Sprecher
Das deutsche Schulsystem ist zersplittert: Nach der Grundschule - meist am Ende
der vierten Klasse - werden die Kinder je nach Leistung auf die weiterführenden
Schulen verteilt. Gymnasien gibt es in allen Bundesländern, hinzu kommen
Gesamtschulen, Realschulen, Hauptschulen oder integrierte Sekundarschulen, in
den neuen Bundesländern auch Oberschulen genannt. Diese sind eine
Zusammenfassung von Real- und Hauptschulen, ein zweigliedriges Schulsystem
also. In ganz Deutschland ist mittlerweile eine Tendenz zu spüren, die Trennung in
Haupt- und Realschulen abzuschaffen. Die Grün-Rote Landesregierung in BadenWürttemberg arbeitet beispielsweise derzeit daran, auch weil es immer weniger
Schüler gibt und es an manchen Orten mittlerweile zu wenige für ein dreigliedriges
System sind. Berlin hat bereits seit dem Jahr 2010 ein zweigliedriges Schulsystem
mit Integrierten Sekundarschulen und Gymnasien. Der Grund für diese umfassende
Schulreform, so Siegfried Arnz von der Berliner Senatsverwaltung, sei, dass die
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Hauptschulen immer mehr zum Abschiebebahnhof für problematische Schüler
geworden wären.
O-Ton
Der Druck, dass uns die Hauptschulen zusammenklappen und dass uns die Lehrer
zusammenklappen und wir eine Generation von - unterm Strich waren es ja dann
doch immer zehn, 15 Prozent eines Jahrgangs, die in der Hauptschule angekommen
waren, dass wir die verlieren, das können wir uns gesellschaftlich nicht mehr leisten.
Aber der Druck war groß.
Sprecher
Je weniger aber die Schüler auf unterschiedliche Schulen aufgeteilt werden, umso
größer werden auch die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit - innerhalb einer
Schule und innerhalb einer Klasse. Deshalb hat Berlin zusammen mit der
Schulreform die Individualisierung des Lernens in seinen Schulen massiv voran
getrieben. Eine homogene Schülerschaft aber, so Siegfried Arnz von der Berliner
Senatsverwaltung, sei eine Illusion. Ein Konzept wie das Individualisierte Lernen, das
von den Bedürfnissen jedes einzelnen Schülers ausgeht und die Unterschiede in der
Leistungsfähigkeit und in den Interessen der Kinder und Jugendlichen akzeptiert, sei
in allen Schulen eine Voraussetzung für guten Unterricht.
O-Ton
Solange die vermeintliche Schulrealität Homogenität ist, ich sage vermeintliche, weil
die Homogenität war nie wirklich da, stellt man sich auf das, was die Schule wirklich
darstellt, nämlich eine heterogene Schülerschaft, gar nicht ein. Sondern man
versucht eben die sozusagen die Orientierung auf eine homogene Lerngruppe, da
kann man das klassische Lehrerverhalten einfach fortsetzen. Das sieht man immer
noch an einem Teil der Gymnasien, ich sage bewusst nur an einem Teil, wo die
Schüler auch lernen, egal wie gut der Unterricht ist.
Sprecher
Ein paar Kilometer von der Senatsverwaltung für Bildung und Siegfried Arnz entfernt,
in der Heinrich-von Stefan Oberschule macht man bereits seit vielen Jahren gute
Erfahrungen mit Individualisiertem Lernen. Es gibt jedes Jahr viel mehr Anmeldungen
als freie Plätze und die Schule schneidet bei Vergleichen immer überdurchschnittlich
gut ab. Stück für Stück hat man hier die Heterogenität der Schüler noch weiter
vergrößert.
[Atmo setzt ein]
Neben dem Angebot einer Integrierten Gesamtschule kann man mittlerweile auch
das Abitur machen, zudem lernen hier in den Klassen auch Kinder mit Förderbedarf.
Und auch die Jahrgänge sind gemischt, in dieser Klasse von Thomas Beck sitzen
Siebt- und Achtklässler zusammen.
O-Ton mit Atmo
[Lehrer Beck]
Also in dem Rahmen haben wir uns so langsam haben wir uns auf Themen
zugearbeitet, dann habt ihr erst drei oder fünf Themen gehabt und euch dann auf
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eins konzentriert, manche haben nach einer Woche oder nach zwei Wochen
festgestellt, aber ganz wenige, dass das Thema nicht passt irgendwie und haben
dann ein anderes gewählt. Außer Seraphine erinnere ich jetzt niemanden, wer hat
denn noch das Thema gewechselt?
[Schüler]
Ich habe es für einen Freund gewechselt.
[Lehrer Beck]
Okay, du bist aber dann gelandet bei deinem Spezialthema?
[Schüler]
Ja
[Atmo runterziehen, läuft aber weiter]
Sprecher
Die Schülerinnen und Schüler von Thomas Beck haben in den vergangenen Wochen
Vorträge erarbeitet, die sie heute präsentieren sollen. Vorgegeben waren die
Themenkreise Ich, Wir und Welt, zu denen die Schüler sich konkrete Beispiele
überlegen sollten. Dann mussten sie diese eingrenzen und sich schließlich auf ein
Thema festlegen, das sie bearbeiten und vortragen sollten. Lernwerkstatt wird dieses
Fach an der Heinrich-von-Stefan-Oberschule genannt.
[Lehrer Beck]
So, außer Mode und Sport haben wir jetzt aber auch noch andere Themen gehabt,
wir sagen jetzt mal Themen, die wir nicht zeigen, Michaela hat zum Beispiel was für
ein Thema gehabt?
[Schülerin 1]
Stromerzeugung.
[Lehrer Beck]
Stromerzeugung, also das gehört garantiert zur Welt. Und speziell bei der
Stromerzeugung.... Windkraft. Dann hat wir von Mira noch, sehen wir das noch, die
Schauspielerei?
[Schülerin 2]
Nein.
[Lehrer Beck]
Du hast die anderen Sachen dabei. Ähm, Melissa hat...
[Schülerin 3]
Das Herz.
[Lehrer Beck]
Das Herz, ganz tollen Vortrag über das Herz gemacht....
[Atmo runter]
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Sprecher
Die Jugendlichen konnten sich selbst aussuchen, wie schwer ihr Thema sein sollte.
Ein Schüler beispielsweise hat sich für einen Vortrag über den Islamischen Staat in
Syrien und dem Irak entschieden. Er hat dieses schwierige Thema sehr differenziert
und verständlich aufgearbeitet. Aber auch schwächere Schüler konnten interessante
Vorträge über weniger aufwendige Themen halten, über ihren Lieblingssportler
beispielweise. Da jeder sein eigenes Thema wählen konnte, hat auch jeder etwas
bearbeitet, was ihn wirklich interessiert. Das hat dazu geführt, dass sich alle
überdurchschnittlich angestrengt haben, wie Thomas Beck festgestellt hat.
O-Ton (die vier folgenden O-Töne sind Thomas Beck)
Ich habe aber jetzt ein Beispiel von einem ganz hochbelasteten Schüler, der sehr
wenig kann, Mathematik so zwischen null und zwei Punkte, also so Stand dritte,
vierte Klasse, da ist es schwierig ihm Material zuzuführen, in Englisch sieht es
ähnlich aus. Deutsch: große Rechtschreibprobleme, kaum fähig richtige Sätze zu
bilden aber er konnte zum Beispiel hier in seinem Spezialthema konnte er mit Hilfe
des Netzes und des Computers also wirklich acht Folien dazu zusammenstellen und
hat auch vor der Klasse einen Vortrag gehalten, wo er acht Punkte gekriegt hat.
Auch er muss nicht permanent die Erfahrung machen: Ich kann nichts, ich weiß
nichts, ich bin der Schlechteste in der Klasse.
Sprecher
Individuelles Lernen, das ist kein abgeschlossenes Konzept. Es gibt keine klaren
Vorgaben, wie der Unterricht genau aussehen muss. Aber es gibt verschiedene
Methoden, Mittel und Ansätze, bei denen sich die Lehrer bedienen können.
Werkstatt-Unterricht wie hier bei Thomas Beck ist eine Möglichkeit. Vor allem aber
spielt das Arbeitsmaterial eine große Rolle. Unterschiedliche Bögen mit
verschiedenen Schwierigkeitsgraden gehören dazu.
Thomas Beck nutzt auch oft sogenannte Lernkarteien für seinen Unterricht. Die
Kinder bekommen dabei einen Kasten mit Karteikarten. Darauf sind Aufgaben notiert,
die jedes Kind für sich mehrmals bearbeitet. Wenn etwas gut geklappt hat, landet die
Karte mit der Aufgabe weiter hinten im Kartenstapel und wird dann weniger oft
wiederholt. Die Aufgaben, die noch Probleme bereiten, landen dagegen vorne im
Kasten und werden öfter bearbeitet. So lernt jedes Kind in seiner eigenen
Geschwindigkeit und gemäß seiner ganz individuellen Stärken und Schwächen.
O-Ton
Das ist bei uns zum Beispiel ganz stark in dem Rechtschreibunterricht so mit diesen
Lernkarteien und mit diesen Bögen, die wir dazu erarbeitet haben und dem ganzen
System. In Mathematik wird ganz stark nach Kompetenzbereichen unterschieden.
Die Differenzierung ergibt sich manchmal auch einfach dadurch, dass es leicht
anfängt und dann langsam schwerer wird und die einen bleiben bei den leichten
Aufgaben hängen, machen davon mehr und die anderen, die sich das zutrauen,
können einfach schwerere Aufgaben machen.
Sprecher
Wichtig sind dabei die Lehrerin oder der Lehrer. Sie müssen sich gerade um die
schwächeren Schüler kümmern, ohne die Klasse insgesamt aus dem Auge zu
verlieren - keine einfache Aufgabe. Wenn jeder selbst entscheidet, welchen
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Schwierigkeitsgrad er wählt, besteht zudem die Verlockung, sich hängen zu lassen
und sich mit weniger zufrieden zu geben.
O-Ton
Das wird eine Zeitlang funktionieren, aber derjenige kommt irgendwann, das ist so.
Und er wird auch von uns natürlich auch angeschubst und gesagt: Also nee, hallo,
du kannst dir ´ne schwierigere Aufgabe raussuchen als jetzt hier das. Also das ist
eine Wahrnehmungsfrage und da ist es so, dass auch naturwüchsig ein Schüler, der
zu differenzierteren Aufgaben fähig ist, er wird sich über kurz oder lang denen
widmen.
Sprecher
Denn nur so können die Schüler auch die besseren Noten erreichen. Wer in einer
Klausur 15 Punkte bekommen will - das entspricht einer Eins Plus -, der muss
natürlich die ganz schweren Aufgaben auch lösen können. Zum Individuellen Lernen
gehören zudem Pläne, in denen festgehalten wird, was die Schülerinnen erreichen
sollen. Je nach Schule und Lehrer gibt es Wochenpläne, Halbjahres- oder
Jahrespläne, in denen die Lernziele für jeden einzelnen, für Lerngruppen oder auch
für die Klasse definiert werden. Doch auch hier zeigt sich: Bei aller Differenzierung
und bei allen unterschiedlichen Methoden - seien es Lernkarteien,
Werkstattunterricht oder die Freiarbeit - die Form des Unterrichts muss zu den
Fähigkeiten des Lehrers, zur Klasse und den Schülern passen. Das ist wichtig.
O-Ton (bis hier hin Thomas Beck)
Also da gibt es schon eine gewisse Bandbreite. Wenn man dann an die Königsklasse
geht vom Unterrichten der Methodik, dann ist es natürlich der Gruppenunterricht.
Wenn man da richtig gut ist, setzt man dann Schüler auch so zusammen, dass alle
Variationen da drin vorkommen. Und da ist es dann doch erstaunlich, dass man sich
dann doch gegenseitig helfen kann. Es ist nicht immer so, dass der gute
Gymnasialschüler dem armen Hauptschüler immer hilft. So ist es nicht. Es ist auch
kein Schüler bei uns in allen Bereichen so gut.
Sprecher
An der Heinrich-von-Stefan-Oberschule gehören auch praktische Arbeiten und
Aufgaben zur Individualisierung des Lernens. Zwei Mal im Jahr geht jede Klasse für
eine Woche in einen großen Schulgarten nach Gatow am Rande von Berlin, wo sie
unter Anleitung verschiedene Arbeiten verrichten sollen. Dazu zählen verschiedenste
Formen des Gartenbaus, auch das Schmieden können die Schülerinnen und Schüler
ausprobieren, zudem soll ein Bauwagen demnächst aus Holz aufgebaut werden und
vieles mehr. Die Schüler verpflegen sich in der Zeit in Gatow selbst, kochen in
kleinen Gruppen für die ganze Klasse. Thomas Beck schaut sich zusammen mit
seinen Schülerinnen gerade Bilder von der letzten Exkursion nach Gatow an.
O-Ton [Schülerin]
Wir mussten eine Bank sägen, also bauen, und ich habe da gerade die Füße der
Bank zurecht gesägt.
[Thomas Beck]
Und ihr seid da so am machen. Und da kann ich was zu sagen, Ibrahim und Ramon,
wir haben da ganze Holzteile da umgelagert, um an das Holz, das geliefert wurde
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was weiter unten lagerte, da mussten wir dran kommen, also wir mussten alles
umschütten, genau. Und Ramon hat am nächsten Tag schon vor lauter Muskelkater
gefehlt und dann hat seine Mutter eine Entschuldigung geschrieben: Er hat gefehlt
vor lauter Muskelkater.
Sprecher
Gatow spielt im Konzept des Individuellen Lernens an der Heinrich-von StefanOberschule eine zentrale Rolle. Zum einen sollen die Kinder und Jugendlichen so
auch an praktische Arbeiten herangeführt werden. Schüler, deren Stärken weniger in
der intellektuellen Auseinandersetzung liegen, sondern vielmehr in praktischen
Tätigkeiten, können so Erfolgserlebnisse sammeln. Aber, so Thomas Beck, die zwei
Wochen im Jahr sind für alle Schüler wichtig und sie sind mehr als nur Austoben an
der frischen Luft, sie werden immer mehr zum Teil des gesamten Unterrichts.
O-Ton
Wir sind jetzt selber erstaunt, wie stark man doch mathematische Kenntnisse dort
anwenden kann, bis hin zu so einer Art Förster-Dreieck, dass man die Höhe von
einem Gebäude oder einem Baum bestimmt. Dass man vor Ort, ganz klar, Biologie
bietet sich an, die Blätter bestimmen, die Bäume bestimmen, handwerkliche Sachen
bieten sich an, Teamaufgaben, gemeinsam kochen, Qualität von Essen dann in der
Schule zu besprechen. Was heißt eigentlich Bioware, was heißt das alles. Und da ist
man mitten im Thema, was man dann auch als praktischen Aufhänger findet.
Sprecher
Individuelles Lernen, das ist aber mehr als zwei Mal im Jahr in die Natur zu fahren.
Der Unterricht und die Rolle des Lehrers unterscheidet sich grundlegend von dem,
was noch vor 20 Jahren den Unterricht ausgemacht hat. Gerade für die Lehrer ist es
eine enorme Umstellung. Die meisten von ihnen haben gelernt, Frontalunterricht zu
halten und Wissen zu vermitteln. In Fortbildungen und Schulungen sollen die Berliner
Lehrer für ihre neue Rolle - die wohl eher als Unterrichtsmanagement beschrieben
werden kann - fit gemacht werden.
[Atmo geht hoch]
Auch Gabriele Roth an der Grundschule am Barbarossaplatz hat sich umgestellt. Für
sie war das eine gewaltige Herausforderung, auch weil sie hier meist nicht mehr
alleine sondern im Team vor der Klasse steht.
O-Ton
Man muss sehr durchstrukturieren, man muss vorher sehr genau überlegen, was
man tut, wie man es tut, für welches Kind welches Material an dieser Stelle geeignet
ist und muss sehr genau planen, auch zu zweit sehr genau planen. Also wir sitzen
jede Woche zwei Stunden und planen sehr genau den Unterricht durch.
[Atmo läuft weiter]
Sprecher
Die Klasse hat gerade Freiarbeit. Das bedeutet, dass die Kinder gleichzeitig
verschiedenste Aufgaben zu lösen haben - von Mathematik über Deutsch bis hin zu
Sachkunde - und in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, je nach
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Leistungsvermögen und Jahrgang. Sie gehen an eine langgezogene Regalwand, aus
der sie sich ihre Arbeitsblätter und Aufgaben heraussuchen. Manche arbeiten alleine,
manche zu zweit oder zu dritt. Sie kommen dazu an einen der sechs Tischkreise im
Klassenraum. Die beiden Lehrerinnen müssen den Überblick behalten und sehen,
dass alle Kinder sich mit einer Aufgabe befassen. Gabriele Roth hat sich zu einem
Mädchen gesetzt, das eine Grammatikaufgabe für die dritte Klasse lösen will und
nicht weiter kommt. Sie hat die Lehrerin um Hilfe gebeten.
[Atmo geht hoch]
[Lehrerin 1]
Was steht denn da, guck mal.
Sprecher
Sie versucht das Mädchen dazu zu bringen, die Aufgabe selbst zu lösen.
[Lehrerin 1]
und was sollst du da jetzt machen?
Sprecher
Neben dem Mädchen hat sich eine Erstklässlerin an eine Mathematikaufgabe
gemacht und kommt ebenfalls nicht weiter. Gabriele Roth hat das bemerkt und ihre
Kollegin Lydia Sebold darauf aufmerksam gemacht.
[Lehrerin 2]
Lillit, zeig mal, wie du die Neun schreibst. Du musst schon hinschauen.
[Lehrerin 1]
Was hast du denn hier gemacht, guck mal, guck dir das mal an.
Sprecher
Beide Lehrerinnen müsse zusammen anderthalb Stunden eine Klasse im Auge
behalten, die ständig in Bewegung ist,....
[Lehrerin 1]
nee, nee, nee, da geht es los.
Sprecher
....unterschiedlichste Aufgaben bearbeitet...
[Lehrerin 1]
Und was musst du jetzt da machen, und da, und da oben.
Sprecher
...., dabei manche Kinder unterstützen, andere Ermahnen und antreiben, andere
abhören und ihnen Rückmeldungen über ihre Leistungen geben.
[Lehrerin 2]
Super, richtig. Bravo, gleich nochmal
9
[Lehrerin 1]
Genau, das zusammenziehen, weißt du jetzt, was du machen musst? Super.
[Atmo läuft langsam aus]
Sprecher
Ein solcher Unterricht hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was an den Universitäten
und Pädagogischen Hochschulen noch vor einigen Jahren gelehrt wurde. Mittlerweile
wird überall im Land die Lehrerausbildung mehr auf das Individuelle Lernen
umgestellt – eine Herausforderung für Lehrer, die schon seit 20, 30 Jahren im Dienst
sind, wie Thomas Beck, Lydia Sebold und Gabriele Roth. Sie mussten sich komplett
umstellen. Die Bereitschaft dazu bringt nicht jeder mit, wie Siegfried Arnz in der
Senatsverwaltung von Berlin festgestellt hat.
O-Ton
Und das ist ein Weg, der sehr viel andere Vorbereitung erfordert, der in der Regel
eben nicht mehr zulässt, man nimmt seine Unterrichtsvorbereitung von vor drei
Jahren aus der Schublade und macht genau das weiter, sondern man muss eine
Vielzahl von neuem Material zusammenstellen, man muss eine ganz andere
Organisation im Unterricht erlernen und dem stellen sich nicht alle automatisch und
das ist ein Prozess, um den wir richtig ringen müssen, auch in unseren Integrierten
Sekundarschulen.
Sprecher
Hängt es also letztendlich nicht doch nur am Lehrer, wie gut der Unterricht ist? Jeder
hat Erinnerungen an gute und an schlechte Lehrer, bei den einen hat man etwas
gelernt, bei den anderen gar nichts. Gerade eine Studie von John Hattie, Professor
für Erziehungswissenschaften im australischen Melbourne, aus dem Jahr 2009 hat
die These unterstützt. Die Studie kam zu dem Schluss, dass es Unterrichtskonzepte
relativ wirkungslos sind, genauso wie die Klassengröße oder die Ausstattung einer
Schule. Vielfach wurde Hattie so interpretiert, dass er damit eine Rückkehr zum
Frontalunterricht fordere, damit sich die Lehrer wieder auf das Wesentliche
konzentrieren könnten. Dem aber widerspricht Olaf Köller von der Universität
Oldenburg. Er interpretiert Hattie offener, das unterstützen auch seine eigenen Daten
und die vieler Kollegen.
O-Ton
Wir haben glaube ich jetzt, nicht nur International, es musste nicht erst der Australier
Hattie kommen, wir sehen das auch national, sehr viele Befunde, empirische
Ergebnisse, die belegen auch, die zeigen auch, wie wichtig Unterricht für
erfolgreiches Lernen ist. Und guten Unterricht, lernförderlichen Unterricht können Sie
genauso in einer Gruppenarbeit machen, wie zeitweise in der Einzelarbeit, Sie
können im jahrgangsübergreifenden Unterricht genauso wie im
jahrgangshomogenen Unterricht machen, wenn Sie im Grunde genommen die drei
großen Dimensionen erfolgreichen Unterrichts berücksichtigen, nämlich, wie bringe
ich die Schüler zum denken, wie sorge ich für Ruhe und wie unterstütze ich die
Schülerinnen und Schüler in der Arbeitsphase im Unterricht.
Sprecher
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Jeder Lehrer müsse dabei entscheiden, wie stark er seinen Unterricht differenzieren
will, die Form und die Art des Unterrichts müsse zu dem jeweiligen Lehrer und auch
zur Klasse passen. Vor allem aber fordert er, die Lehrer müssten ihren Unterricht
weniger daran ausrichten, welchen Stoff sie durchbringen wollen, sondern sie sollten
vielmehr die Sicht der Schüler einnehmen und sich an deren Bedürfnissen
ausrichten. Das bedeutet, auch die Geschwindigkeit des Unterrichtes anzupassen,
selbst wenn man dadurch im Lehrplan ins Hintertreffen gerät - ein Ansatz, der sich
durchaus mit dem Konzept des Individuellen Lernens deckt. Professor Köller warnt
aber vor der absoluten Differenzierung, bei der jedes Kind etwas anderes tut, denn
dies überfordere die Lehrer.
O-Ton
Und das was wir Unterstützung der Lehrkraft nennen, konstruktive Unterstützung der
Lehrkraft, dass sie einen Schüler, eine Schülerin kurz darauf hinweist, schau doch
mal hier, wenn du das so machst, kannst du auch weiter arbeiten, das kommt dabei
oft zu kurz. Es geht natürlich sehr viel einfacher, wenn man sich eine
Gruppensituation vorstellt, in der es vielleicht drei oder vier Leistungsgruppen gibt
und die Lehrkraft die schwächste Gruppe ganz systematisch auch begleitet
unterstützt, überwacht, wo die Schwierigkeiten sind. Das scheint mir dann doch
zielführender zu sein mit dieser besonderen Sensibilität auch, wem muss ich auch
wirklich noch helfen, bei wem muss ich auch wirklich aufmerksam sein. Und das ist
sehr viel einfacher, wenn man eine gewisse Gruppierung vornimmt, als wenn man
jede Schülerin, jeden Schüler einzeln beobachten muss.
Sprecher
Thomas Beck an der Heinrich-von-Stefan-Oberschule nutzt verschiedene Methoden
und Differenzierungsgrade für seinen Unterricht. Immer stärker richten sich auch die
Schulbücher am Individuellen Lernen aus, unterscheiden in schwierigere und
einfachere Aufgabenteile, so Beck.
O-Ton
Im Englischunterricht kann ich zum Beispiel mit unseren Büchern so arbeiten, dass
dieser more-Teil, der da drin gekennzeichnet ist, dass ich da auch kleine Gruppen
bilden kann von vier Schülerinnen, denen ich das zutraue, die gehen dann in einen
separaten Raum, raus aus dem Klassenzimmer und bearbeiten dann den Text mit
bestimmten Aufgaben selbst. Also mit der Zeit findet man auch Möglichkeiten, dieser
doch schwierigen Aufgabe gerecht zu werden. Vor sechs, sieben Jahren, als wir das
vorhatten, Gemeinschaftschule zu werden, habe ich das auch erst mal als unmöglich
angesehen. Stimmt aber nicht. Es geht.
Sprecher
Aber die Umstellung ist riesig. Für Lehrerinnen und Lehrer, Schüler und Eltern. Auch
die Gebäude müssen dem Individuellen Lernen angepasst werden. Um die stärkere
Gruppe in einen anderen Raum schicken zu können, braucht Thomas Beck
überhaupt erst einmal diesen anderen Raum. Und den gibt es in den wenigsten
Schulgebäuden, denn die meisten sind für den klassischen Frontalunterricht gebaut.
Und selbst die Neubauten bieten diese Möglichkeiten nur in den seltensten Fällen.
Das berichtet die Lehrerin Inken Waltz aus Köln.
O-Ton
11
Ich habe so Teppichfließen gesammelt, damit ich sie auf den Flur schicken kann,
damit sie auf dem Flur arbeiten können. Das finde ich ist zumindest ein Ausweg,
denn es ist ja furchtbar anstrengend sich in einem Raum mit unheimlich vielen
Leuten zu konzentrieren auf das was man machen möchte, wenn man sich ein
bisschen abschotten kann, geht das ja einfacher. Und die sitzen ja acht Stunden
aufeinander.
Sprecher
Bei aller Differenzierung und Individualisierung: All das ändert nichts daran, dass die
Schüler bewertet werden müssen. Und wenn, wie in der Heinrich-von-StefanOberschule, so unterschiedliche Kinder und Jugendliche zusammen in der Klasse
sitzen und noch dazu verschiedene Abschlüsse anstreben, ist es kein leichtes
Unterfangen, die richtigen, angemessenen Noten zu verteilen. Die Schule von
Thomas Beck bewertet bei aller Unterschiedlichkeit alle nach denselben Kriterien. Da
für die ganz schwachen Schüler, die in einem dreigliedrigen Schulsystem auf einer
Hauptschule wären, dieselben Maßstäbe gelten wie für Abitur-Anwärter, bekommen
viele kaum einmal eine gute Note, so Siegfried Arnz aus der Berliner
Senatsverwaltung. Auch wenn sie sich teilweise enorm verbessern, führt das dazu...
O-Ton
...dass man praktisch für die ganz schwachen Schüler im Prinzip einen Lernfortschritt
nicht mehr messen kann. Als ich habe das immer an einem Beispiel gesagt, ein
Schüler, der 60 Fehler in einem Diktat macht und sich dann ordentlich anstrengt und
macht anschließend 30, der hat immer noch eine sechs. Obwohl der wahrscheinlich
viel, viel mehr gelernt hat, als alle anderen, in der Zeit.
Sprecher
Dieser Umstand demotiviere die Schüler aber massiv, so Arnz. Als Pädagoge spricht
er sich daher dafür aus, soweit es geht auf Noten zu verzichten.
O-Ton
Dass man eine Lernentwicklung, Fortschritte, Lernfortschritte von Kindern eigentlich
ganz anders dokumentieren muss, das ist in der Wissenschaft und in der
pädagogischen Forschung längst klar, das weiß jeder. Und trotzdem kommen wir
nicht umhin auch einen klaren und strukturierten Weg in der Leistungsbeurteilung zu
finden und zu haben.
Sprecher
In Berlin können Schulen allerdings in den unteren Jahrgängen als Schulversuch auf
Noten verzichten, auch viele Grundschulen gehen diesen Weg bereits. Ein sinnvoller
Ansatz, findet Professor Olaf Köller.
O-Ton
In den ersten Jahren kann man auch getrost auf solche Notensysteme verzichten
und eher individualisiert, individuelle Rückmeldungen geben: Was sind deine
Stärken, wo hast du wirklich dazu gelernt. Damit wird man sehr viel auf Seiten der
Schülerinnen und Schüler erreichen. Dennoch: Am Ende stehen natürlich Noten, die
den Eltern eine Rückmeldung geben, über die Stände der Kinder und die natürlich
auch für Selektion verwendet werden. So funktioniert der Ausbildungsmarkt.
12
Sprecher
Doch selbst dieses Paradigma bröckelt bereits. Denn wegen der rapide sinkenden
Schülerzahlen gibt es weniger Wettbewerb unter denen, die eine Schule
abschließen.
O-Ton
Die Bedeutung der Noten bei der Auswahl, beispielsweise wenn Jugendliche um
Ausbildungsplätze konkurrieren, die Bedeutung wird zurück gehen, allein schon
durch die demographische Entwicklung. Wir kommen ja in eine Situation, wo mehr
Ausbildungsplätze angeboten werden als nachgefragt werden. Und dann geht
natürlich die Bedeutung von Noten auch zurück.
Sprecher
Im Sinne der Individualisierung des Lernens wäre das ein großer Fortschritt. Denn
ohne Noten, die für jedes Kind dieselben Maßstäbe ansetzen, könnten die
Lehrerinnen und Lehrer den Lernfortschritt jedes einzelnen Kindes in den
Vordergrund stellen. Wie eine solche Bewertung aussehen könnte, die dabei auch
gleichzeitig noch gerecht ist, die sowohl den stärkeren als auch den schwächeren
Schüler angemessen bewertet, ein solches Konzept gibt es heute noch nicht. Wer
aber aus seiner eigenen Jugend nur Frontalunterricht kannte, der konnte sich einen
Unterricht wie ihn Thomas Beck und Gabriele Roth tagtäglich praktizieren auch nicht
vorstellen.
*****
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