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SWR2 Wissen – Manuskriptdienst
Afrikas letzte Kolonie – Die Westsahara
Autorin: Mounia Meiborg
Redaktion: Udo Zindel
Regie: Nicole Paulsen
Sprecher: Abak Safei-Rad, Marcus Michalski, Nadine Kettler
Dienstag, 3. Februar 2015, 8.30 Uhr SWR2 Wissen
Produktion 2014
___________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula
(Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030
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1
ATMO Souk
Sprecherin:
El Aaiún, eine Stadt am Westrand der Sahara. Das Zentrum wirkt gepflegt, sauber sogar, die
meisten Häuser sind rosarot gestrichen. Im Souk, dem Markt, drängen sich die Menschen, kaufen
ein oder essen Grillspieße oder Schnecken bei einem der Straßenhändler. Auf dem Meschouar,
dem größten Platz El Aaiúns, flanieren Familien; Straßenhändler verkaufen Luftballons und
Zuckerwatte. Das wirkt recht beschaulich. Doch der Eindruck täuscht.
Ansage:
Afrikas letzte Kolonie – Die Westsahara. Eine Sendung von Mounia Meiborg.
Sprecherin:
Auf dem Weg in die Stadt haben marokkanische Polizisten mehrmals meinen Pass kontrolliert.
Ausländische Journalisten sind in der Westsahara unerwünscht; immer wieder werden Reporter
ausgewiesen. Polizisten in Zivil folgen mir überallhin: in die Hotel-Lobby, in den Supermarkt, zu
Interviewterminen. Und sie bemühen sich nicht einmal, dabei unauffällig zu bleiben. Zweimal
erhalte ich anonyme Anrufe. Und eines meiner Notizbücher verschwindet auf mysteriöse Weise
aus dem Hotelzimmer.
Auf internationalen Karten ist die Westsahara – ein länglicher Streifen Land von der Größe Italiens
an der westafrikanischen Atlantikküste – oft gestrichelt eingezeichnet: Ihr Status ist umstritten.
1975 marschierten marokkanische Truppen ein und besetzten das Gebiet. Seither gehört die
Westsahara – aus Sicht der Besatzer – zu Marokko. Viele Sahrauis, die ursprünglichen Bewohner
der Region, fordern seit 40 Jahren die Unabhängigkeit. Wenn es nach ihnen geht, soll El Aaiún
Hauptstadt eines neuen Landes werden: der Republik Westsahara.
OT Aminatou Haidar
Nous, les sahrauis qui se trouvent ici sous occupation marocaine...
Sprecherin:
Aminatou Haidar, sahrauische Menschenrechtlerin
Übersetzerin:
Wir Sahrauis, die unter marokkanischer Besatzung und Verwaltung leben, haben keine Geduld
mehr. Unsere Rechte werden mit Füßen getreten. Wir werden marginalisiert, wir profitieren nicht
vom Rohstoffreichtum unseres eigenen Landes. Wir Sahrauis leben hier als Menschen dritter
Klasse. All unsere Rechte werden uns vorenthalten, ob wirtschaftlich, sozial oder politisch.
Sprecherin:
Aminatou Haidar ist die international bekannteste Vertreterin der Sahrauis. Sie trägt eine leuchtend
gelbe Melfa, das traditionelle sahrauische Frauengewand, das locker über den Kopf gezogen wird,
sodass der Haaransatz frei bleibt. „Mahatma Gandhi der Westsahara“ nennen viele Zeitungen sie,
weil sie – wie Gandhi – gewaltfreien Widerstand leistet. Wenn sie nicht gerade um die Welt reist,
um für die Unabhängigkeit der Westsahara zu werben oder Friedens-Preise entgegen zu nehmen,
leitet sie die Menschenrechtsorganisation CODESA, die von den marokkanischen Besatzern
verboten wurde. Ihre Mitglieder treffen sich deshalb im Wohnhaus des Generalsekretärs.
ATMO CODESA Meeting
Sprecherin:
Auf ihrem iPad recherchiert Aminatou Haidar zu einem Mann, der vor ein paar Tagen
festgenommen wurde. Derzeit säßen 74 Sahrauis im Gefängnis, weil sie sich politisch engagiert
hätten, sagt die Aktivistin. Die Organisation CODESA berät die Inhaftierten und dokumentiert
Menschenrechtsverletzungen.
2
OT Aminatou Haidar
La torture persiste toujours
Übersetzerin:
Es wird immer noch gefoltert, in Polizeibüros, in den Straßen. Dabei hat Marokko die internationale
Konvention gegen Folter unterschrieben. Aber die Marokkaner wenden sie nicht an. Die Justiz ist
leider nicht unabhängig; hier in der Sahara wird sie instrumentalisiert. Richter und Staatsanwälte
können keine freien Entscheidungen treffen, weil sie Anweisungen von oben erhalten.
Sprecherin:
Wer sich als Sahraui für die Unabhängigkeit von Marokko einsetzt, hat es schwer. Die
marokkanische Führung bemüht sich, Widerstand entweder niederzuschlagen oder zu
bagatellisieren. In der marokkanischen Politik und Wirtschaft werden Sahrauis führender Stämme
hohe Posten zugeschanzt, um sie mundtot zu machen.
OT Khedija Ryadi
Il y a trois lignes rouges, trois sujets tabous...
Sprecherin:
Khedija Ryadi, marokkanische Menschenrechtlerin in Rabat
Übersetzerin:
Es gibt drei große Tabuthemen. Das ist einmal die Monarchie, die darf man nicht in Frage stellen.
Dann ist das die Religion. Journalisten, die sich kritisch zum Islam geäußert haben, kamen dafür
ins Gefängnis. Und drittens die Sahara-Frage. Im marokkanischen Pressecodex steht, dass man
diese drei Themen im Land nicht diskutieren darf. Natürlich gibt es Journalisten, die sehr mutig
sind und trotzdem über diese Themen berichten. Aber manchmal zahlen sie einen hohen Preis
dafür. Freie Meinungsäußerung ist nicht garantiert, wenn es um diese drei Themen geht.
Sprecherin:
Während des Kalten Krieges wurde die Westsahara zum Spielball der Weltmächte: Die USA und
Frankreich unterstützten das Königreich Marokko, das sich weltoffen gab und für freie
Marktwirtschaft eintrat. Das sozialistische Algerien, das sahrauische Flüchtlinge aufnahm und ihre
Belange vertrat, erhielt Hilfe aus der Sowjetunion und aus Kuba. Doch nach dem Fall des Eisernen
Vorhangs geriet die Westsahara in Vergessenheit. Heute wirkt der Konflikt wie ein Relikt aus einer
längst vergangenen Zeit.
Viele Sahrauis zogen als Nomaden mit Kamel- oder Ziegenherden durch die Sahara, als 1975 erst
die marokkanischen Besatzer und dann Siedler kamen. Die Marokkaner erweiterten die Städte,
bauten Krankenhäuser, Schulen und Fabriken – und veränderten die Lebensweise der Sahrauis
radikal.
Anderswo in Afrika wird gerade über Postkolonialismus diskutiert, über das Fortbestehen
kolonialer Strukturen in Gesellschaften, die die Kolonialherren längst vertrieben haben. In der
Westsahara dagegen dauert die Fremdherrschaft an. Hier lässt sich exemplarisch beobachten, wie
Besatzung heute noch funktionieren kann: als eine Art Kolonialismus light.
Bis in die 70er Jahre war die Westsahara eine spanische Kolonie. Als die Spanier sich 1975 auf
Druck der Vereinten Nationen zurückzogen, besetzte der marokkanische König Hassan II. das
Gebiet .
ATMO (Lied Grüner Marsch)
3
Sprecherin:
Beim so genannten Grünen Marsch ließ er 30.000 Soldaten und 350.000 Zivilisten vom Süden
Marokkos aus zu Fuß in die Westsahara einmarschieren. Die Claqueure sangen dabei „Allah ist
groß“ und „die Sahara ist marokkanisch“.
Musikakzent
Sprecherin:
Die sahrauische Befreiungsbewegung Frente Polisario wehrte sich mit Gewalt gegen die
Besatzung. Sie kämpfte einen Guerilla-Krieg gegen die marokkanische Armee – und eroberte
einen kleinen Landstreifen der Westsahara, an der Grenze zu Algerien. Dort proklamierte sie am
27. Februar 1976 die „Demokratische Arabische Republik Sahara“. Sechzehn Jahre dauerte der
Krieg. Dann schlossen beide Seiten im Jahr 1991 einen Waffenstillstand. Die UNO hatte der
Frente Polisario ein Referendum versprochen, in dem die Sahrauis über ihre Unabhängigkeit
entscheiden sollten. Mehr als 20 Jahre später warten die Sahrauis noch immer darauf. Das Volk ist
geteilt: Drei Fünftel, rund 150.000 Menschen, leben unter marokkanischer Verwaltung in der
Westsahara. Zwei Fünftel, rund 90.000 Menschen, leben in algerischen Flüchtlingslagern, die von
der Frente Polisario geführt werden.
Marokko lehnt das Referendum ab und hat stattdessen einen Autonomieplan vorgelegt, den die
Frente Polisario allerdings nicht akzeptiert. Die politischen Positionen sind festgefahren, der
Friedensprozess ist eingefroren. Seit 1991 ist die UNO mit der Mission MINURSO vor Ort, die
eigentlich das Referendum vorbereiten soll – und nicht voran kommt.
OT Wolfgang-Weisbrod-Weber
Das Ziel der Arbeit ist eine politische Einigung, die das Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen
Volkes einschließt.
Sprecherin:
Wolfgang Weisbrod-Weber, Chef der UN-Mission MINURSO.
OT Wolfgang-Weisbrod-Weber
So hat es der Sicherheitsrat definiert: a political settlement leading to the self-determination of the
people of Western Sahara. Das ist das Ziel, das von allen anerkannt wird. Es wird von der
Polisario anerkannt, es wird von Marokko anerkannt und natürlich von uns, von der UNO. Das
heißt, das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten.
Sprecherin:
Derzeit ist dieses Ziel – das Referendum – in weite Ferne gerückt.
Die Mitarbeiter der UNO patrouillieren an der Grenze zwischen der Westsahara und dem von der
Frente Polisario kontrollierten Gebiet. Marokko hat dort einen hunderte Kilometer langen Sandwall
aufgeschüttet, den mit Minen und Stacheldraht gespickten Berm. Wolfgang Weisbrod-Weber fährt
alle sechs Wochen in die marokkanische Hauptstadt Rabat, um mit der Führung dort zu reden.
Ebenso oft besucht er die Vertreter der Frente Polisario in der algerischen Sahara.
OT Wolfgang Weisbrod-Weber
Das ist ein klassisches Dreieck. Die Marokkaner trauen der Frente Polisario nicht. Die Frente
Polisario traut den Marokkanern nicht. Aber beide trauen uns, dass wir genug über die andere
Seite wissen, dass es keine Überraschungen gibt.
Sprecherin:
Derzeit verhielten sich beide Seiten eher defensiv, sagt Weisbrod-Weber. Aber das militärische
Gleichgewicht verschiebe sich langsam – zugunsten der Marokkaner.
Musikakzent
4
Sprecherin:
Der Wali von El Aaiún, Yahdih Bouchaab, ist der mächtigste Mann der Westsahara. Er ist
Gouverneur und damit Stellvertreter des marokkanischen Königs in der Provinz El Aaiún. Sein
Rang ist vergleichbar mit dem eines deutschen Ministerpräsidenten – nur dass der Wali in einem
Palast an der Atlantikküste wohnt. Er empfängt mich zu einem Vier-Gänge-Menu in seinem
Dienstsitz im Stadtzentrum. Auch der Bürgermeister von El Aaiún und der Gouverneur der Region
Smara sind gekommen. Alle drei sind Sahrauis.
Beim Essen schaut uns der marokkanische König zu. Zwei überlebensgroße Porträts von
Mohamed VI hängen an der Wand. Ein Kellner in schwarzer Weste platziert eine riesige
Fischplatte in der Mitte des Tisches. Der Wali möchte nicht, dass ich das Gespräch aufzeichne.
Davor war er marokkanischer Botschafter in Schweden. Stolz zählt er auf, was in El Aaiún derzeit
gebaut wird: Ein Theater mit 1.800 Plätzen. Eine riesige Bibliothek. Und vier Sportstadien, zwei
davon mit echtem Rasen.
Aktivisten wie Aminatou Haidar wollten nur Unruhe stiften. Denn eigentlich gebe es gar kein
Problem, sagt der Wali, und will dann doch noch ein Statement abgeben.
OT Yahdih Bouchaab
There is no conflict here, that's what you can see by your own eyes.
Übersetzer:
Es gibt keinen Konflikt hier, das können Sie mit eigenen Augen sehen. Die Lage ist ruhig, absolut
ruhig. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Situation hier und der in Nordmarokko. Wir erleben
eine enorme Entwicklung, in allen Bereichen, sozial und wirtschaftlich. Wir bewirtschaften unser
Land, wir kümmern uns um unsere täglichen Angelegenheiten. Wir haben solide und
demokratische Institutionen.
Sprecherin:
Der Wali vertritt die marokkanische Position überzeugend – allerdings noch nicht sehr lange.
Jahrzehntelang war er Funktionär der Frente Polisario. Im Jahr 2003 wechselte er die Seite: Er
wurde Berater im marokkanischen Außenministerium und nur drei Jahre später Botschafter des
Königreichs. So wie der Wali haben viele Funktionäre der Frente Polisario im Laufe der Jahre die
Seite gewechselt. Entscheidend ist wohl am Ende, wer besser bezahlt.
Über seine Zeit bei der Frente Polisario will der Wali lieber nicht sprechen. Für deren politische
Führer, seine früheren Kameraden, hat er kein gutes Wort übrig.
OT Yahdih Bouchaab
Some people are still living in the Cold War era...
Übersetzer:
Manche Leute leben noch in der Ära des Kalten Krieges. Sie stecken in den 70er Jahren fest. Die
Welt hat sich seitdem verändert. Unser Traum ist es, dass die gesamte Region zu einem offenen
Wirtschaftsraum wird. Alle Experten sagen, dass es auf beiden Seiten automatisch ein Wachstum
von zwei Prozent gäbe, wenn wir die Grenzen zwischen Algerien und Marokko öffnen würden.
Sprecherin:
Zupackend, modern, wirtschaftsnah: So geben sich die drei Politiker am Tisch. Zwischendurch
droht mir der Wali: Wenn ich ihn falsch zitieren würde, werde er mich verklagen. Dann lacht er, als
sei das ein Witz gewesen.
Beim Hauptgang, geschmortem Kamelfleisch, erzählt der Bürgermeister von El Aaiún, Hamdi Ould
Errachid, von seinen Projekten. Besonders stolz ist er auf einen Boulevard, der von sieben großen
und 120 kleinen Wasserfontänen gesäumt werden soll. Was er nicht sagt: Den Auftrag wird wohl
5
sein Bruder bekommen. Der ist ein einflussreicher Geschäftsmann, hat schon viele städtische
Großprojekte umgesetzt – und daran gut verdient. Korruption ist in Marokko an der Tagesordnung.
Die größten Firmen im Land gehören wenigen einflussreichen Familien, die seit Jahrzehnten mit
dem Machtapparat des Königs verbandelt sind. Sahrauische Politiker führen diese Praxis nun auf
lokaler Ebene fort.
In El Aaiún wurde in den letzten Jahren viel gebaut. 200.000 Menschen leben heute in der Stadt,
mehr als doppelt so viele wie in den 70er Jahren. Aber nicht alle Einwohner haben von den
Investitionen profitiert.
Atmo Stadtviertel Ma'atala
Sprecherin:
Das Stadtviertel Ma'atala liegt nur zehn Minuten vom Zentrum entfernt. Hier wohnen vor allem
Sahrauis. Am Eingang des Viertels parken zwei schwarze Landrover der marokkanischen Polizei;
Ma'atala ist bekannt für politischen Widerstand; wenn demonstriert wird, dann hier. An einer Wand
ist die Flagge der Frente Polisario mit Kreide aufgemalt. Kinder spielen Fußball, ein paar
Jugendliche sitzen im Schatten eines Baumes und trinken Tee – darunter Hamid. Er trägt einen
schwarzen Jogginganzug und eine Kappe, die er tief in das runde Gesicht gezogen hat.
OT Hamid
No hay trabajo ni nada...
Übersetzer:
Es gibt keine Arbeit hier und nichts. Die Marokkaner kommen in unser Land und nur sie finden
Arbeit. Wir sind sehr verloren hier. Uns bleibt nur den Kampf gegen die Marokkaner. Wir hoffen,
dass sie bald von unserem Boden verschwinden, im Frieden oder durch Krieg.
Sprecherin:
Alle fünf jungen Männer – zwischen 19 und 22 Jahren alt – sind arbeitslos. Sie hätten sich schon
überall beworben, sagen sie – ohne Erfolg. Jeden Tag, erzählt Hamid, sitzen sie hier und warten.
OT Hamid
Cuando hay una manifestación...
Übersetzer:
Wenn es eine Demonstration gibt, gehen wir hin. Wenn es keine gibt, was sollen wir dann
machen? Nichts. Wir haben immer Steine dabei, wenn wir auf eine Demo gehen. Die Polizisten
haben Schlagstöcke, Knüppel und Messer. Wenn sie mit dem Streifenwagen kommen, schlagen
sie dich mit allem, was sie haben. Bis ihnen ein Stein an den Kopf fliegt.
Musikakzent
Sprecherin:
Drei Jahre lang war Hamid in der Armee, die die Frente Polisario in dem kleinen, von ihr
kontrollierten Gebiet in der Westsahara aufgebaut hat, erzählt er. Dort habe er gelernt zu schießen
– damit er vorbereitet ist, wenn der Kampf losgeht.
OT Hamid
No hay una solución en paz...
Übersetzer:
Es gibt keine friedliche Lösung. Wir warten seit 40 Jahren. Jedes Jahr sagt man uns, dass die
Vereinten Nationen und die Europäische Union kommen werden, um die Marokkaner
rauszuwerfen. Aber das ist alles Lüge. Jedes Jahr bleiben sie doch. Wir ertragen es nicht mehr.
Wir wollen den Krieg, nichts anderes.
6
Musikakzent
Sprecherin:
Rund um die Uhr flimmern bei RASD TV grün-stichige Videos über den Bildschirm. Sie sind zum
Teil schon Jahre alt und wiederholen sich: Polizisten, die mit Schlagstöcken auf Demonstranten
einprügeln; Sahrauis mit blutigen Gesichtern, die das Victory-Zeichen machen. Und, immer wieder,
das Foto eines jungen Mannes mit kahl rasiertem Kopf: Zaid Dambar.
Straßenatmo
Sprecherin:
Die Familie Dambar wohnt in El Aaiún in einem „quartier populaire“, einem Viertel, das zwar kein
Slum ist, aber keine Gehwege und Bordsteine hat. Das Wohnzimmer der Dambars gleicht einem
Schrein. Eine Wand ist bedeckt von einer großen Fahne, auf die ein Foto von Zaid Dambar
gedruckt ist. An den anderen Wänden hängen Fotos, die die Familie beim Demonstrieren oder mit
ausländischen Besuchern zeigen. Dazwischen Flyer, die Aktivisten aus aller Welt geschickt haben.
Auf einem steht: „Wir alle sind Zaid Dambar.“
ATMO Teezubereitung
Sprecher:
Die Mutter sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und bereitet Tee zu. Und Driss Dambar, ein
junger Mann mit Lachfalten und einem Ziegenbart im Gesicht, erzählt die Geschichte seines
kleinen Bruders, der damals 26 Jahre alt war. Er ging aus dem Haus, um ein Fußballspiel
anzuschauen – und kam nicht wieder.
OT Driss Dambar
le 20 décembre 2010...
Übersetzer:
Am 20. Dezember 2010 standen nachts um halb drei zwei Polizisten vor der Haustür. Sie fragten
nach Zaids Ausweis und verlangten, dass einer von uns mit ihnen kommt. Sie sagten, dass Zaid
einen Polizisten verletzt habe. Das war ihre Version der Geschehnisse.
Sprecherin:
Zaid lag verletzt im Krankenhaus, doch die Familie durfte ihn nicht sehen. Zwei Tage später war er
tot.
OT Driss Dambar
Il a été éxecuter par un policier...
Übersetzer:
Er wurde von einem Polizisten umgebracht, von einer Kugel, die ihn in die Mitte der Stirn traf. Wir
wissen nicht, ob der Polizist im Dienst war oder nicht und wir haben keinen Polizeibericht
bekommen, haben nicht erfahren, was passiert ist. Zaids Kleidung war schmutzig und zerrissen.
Wir glaubten also, dass man ihn misshandelt hat, bevor er erschossen wurde. Das waren aber nur
Indizien. Deshalb wollten wir eine Autopsie, um zu erfahren, was genau passiert ist.
Sprecherin:
Der Polizist wurde schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt. Eine Autopsie aber hat es bis heute
nicht gegeben. Nur einen kurzen medizinischen Bericht, mit dem sich die Familie nicht zufrieden
gibt. Jeden Monat am 22. rufen sie zu einer Kundgebung auf, um an den Tod von Zaid Dambar zu
erinnern. Und an die Besatzung der Westsahara, die Zaid, wie sie glauben, zum Märtyrer gemacht
hat.
7
OT Driss Dambar
Tu es tranquillement chez toi...
Übersetzer:
Du sitzt ruhig bei dir zuhause und plötzlich kommt jemand und will Sachen aus deinem Haus
stehlen. Also wirst du versuchen, dich zu verteidigen. Wenn du dabei stirbst, bist du ein Märtyrer,
weil du deinen eigenen Boden verteidigt hast, deine Besitztümer. Zaid ist ein Märtyrer, weil er von
einem Besatzer ermordet wurde, auf seinem Territorium.
Musikakzent
Sprecherin:
Doch immer mehr junge Sahrauis schauen lieber nach vorne als zurück. Sie üben sich in einem
normalen Leben. In der Innenstadt von El Aaiún gibt es Eiscafés, Geschäfte mit spanischer
Schuhmode und sogar eine kleine Partymeile. Auf dem Boulevard Mekka – der größten Straße –
sind die Cafés voll, vor allem wenn Fußballspiele von Barcelona oder Real Madrid im Fernsehen
laufen. Abends flanieren Jugendlichen auf und ab; die Mädchen kichernd untergehakt. „Boulevard
de l'amour“ wird die Straße auch genannt.
In einer der Bars sitzt ein gut aussehender junger Mann in Jeans und Wollpulli – Mohamed El
Alaoui. Er hat der marokkanischen Regierung, wie er sagt, viel zu verdanken. Auch die Tatsache,
dass er hier sitzen und ein Bier bestellen kann. Denn die Regierung hat ihm einen Job verschafft.
OT Mohamed El Alaoui
les marocains, ils ont des compétences...
Übersetzer:
Die Marokkaner haben Kompetenzen: wirtschaftlich, sozial, technisch – sie haben Ingenieure und
Ärzte. Sie sind seit langer Zeit ein eigenes Land, sie wissen, wie man organisiert, sie haben
Erfahrung. Ein neues Land, das es erst seit 35 oder 40 Jahren gibt, braucht noch Erfahrung.
Sprecherin:
Mohamed hat einen Bachelor in Agrarwissenschaft und eine Ausbildung zum Techniker gemacht.
Danach fand er keine Stelle. Die Arbeitslosigkeit in der Westsahara ist hoch; 17 Prozent haben
keinen Job. Eine Weile hat Mohamed sich mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen, hat in
Frankreich und Spanien auf Baustellen gearbeitet. Jetzt ist er Fischer.
Atmo Hafen
Sprecherin:
Der Hafen von El Aaiún liegt 25 Kilometer westlich, am Atlantik. Etwa 300 kleine Boote dümpeln in
einer Bucht; Holzboote, deren gelber, blauer oder grüner Anstrich in der Wüstensonne verwittert.
Ein paar Männer tragen Kisten mit ihrem Fang an Land. Die Fischvorkommen vor der Westsahara
sind groß; Die Fischerei ist der wichtigste Wirtschaftszweig.
Atmo Hafen
Sprecherin:
Mohamed schüttelt Hände, er kennt hier jeden. Vor ein paar Jahren wurde er zum Fischer
ausgebildet. Ein Programm, das extra für Sahrauis aufgelegt und bezuschusst wurde, um Jobs in
der Fischerei attraktiv zu machen – keine leichte Aufgabe.
OT Mohamed El Alaoui
Dans le cadre social du peuple sahraoui, c'est honteux...
8
Übersetzer:
In der sahrauischen Gesellschaft war es früher eine Schande, als Fischer zu arbeiten. Am Anfang
hat meine Familie mich behandelt, als wäre ich ein Verlierer. Aber dann haben sie gesehen, dass
ich Geld verdiene und finanziell unabhängig werde. Jetzt habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu
meiner Familie.
Sprecherin:
Mohamed ist zuhause ausgezogen, er hat eine Wohnung gemietet und ein Auto gekauft. In seinem
eigenen Boot fährt er zum Fischen aufs Meer hinaus. Seit kurzem arbeitet er zusätzlich als
Händler. Er kauft den Fang anderer Fischer und verkauft ihn an Fabriken. Nachteile, weil er
Sahraui ist, hat er noch nie erlebt, sagt er. Im Gegenteil.
OT Mohamed El Alaoui
les premieres marailleurs, ce sont des autochtones...
Übersetzer:
Die ersten Händler, die kaufen dürfen, sind die Einheimischen. Auch wenn es andere Händler gibt,
die schon seit 30 Jahren dort arbeiten. Wir sind erst seit kurzem dabei, aber wir dürfen zuerst
kaufen. Sie lassen uns eine bestimmte Menge zum Kauf. Und wenn ein junger Sahraui kommt und
Arbeit sucht und Fischer werden will, kann er morgen anfangen.
Sprecherin:
Das Problem, sagt Mohamed, sei ein anderes. Auf dem Meer sei man oft zwei oder drei Tage
unterwegs; mit wenig Schlaf und kaum Pausen. Das sei mit der traditionellen Lebensweise der
Sahrauis schwer vereinbar.
OT Mohamed El Alaoui
notre nature est un peu lourd….
Übersetzer:
Unsere Natur ist etwas langsam. Eine Tasse Tee zu kochen und zu trinken dauert ja schon eine
Stunde. Die Marokkaner brauchen dafür fünf Minuten. Dann kehren sie zur Arbeit zurück. Aber wir
nicht.
Sprecherin:
Die Marokkaner haben ihren Lebensstil mitgebracht, der schneller und moderner ist als der der
Sahrauis. Einerseits haben sie das Land vorangebracht. Andererseits haben sie die Bedürfnisse
der Bewohner ignoriert. Und sie haben die sahrauische Gesellschaft gespalten: In die, die sich mit
der marokkanischen Verwaltung arrangiert haben, und jene, die nach wie vor die Unabhängigkeit
fordern. Umfragen, wie die Sahrauis bei einem Referendum entscheiden würden, gibt es nicht.
Und auch keine Presse, die unabhängig berichtet. Auf beiden Seiten herrschen Gerüchte, Mythen,
Lügen. Jede Seite beschimpft die andere als Verräter.
Viele Sahrauis haben die Politik deshalb satt. Sie haben zwar eine Satellitenschüssel auf dem
Dach, um das Fernsehen der Frente Polisario zu empfangen. Aber wenn es keiner sieht, schalten
sie um zum marokkanischen Sender, auf dem Liebesfilme laufen.
Der Geschäftsmann und Menschenrechtler Moulay Lahsen Naji ist vielleicht das beste Beispiel für
diesen neuen Zeitgeist: Er betreibt in El Aaiún zwei Läden mit Parfums, die er aus der Türkei
importiert. Die meisten Sahrauis, sagt er, wollten vom Konflikt nichts mehr wissen. Sie hätten
andere Träume.
OT Moulay Lahsen Naji
There is sixty percent of silent people...
9
Übersetzer:
60 Prozent der Menschen verhalten sich still. Sie wollen nichts mit Politik zu tun haben, weil sie der
Polisario nicht trauen und auch keiner anderen Seite. Der Wunsch der Sahrauis ist es, ein gutes
Leben zu führen, ohne Probleme. Wir wollen nicht enden wie Syrien. Wir wollen nicht die Probleme
der Sahel-Zone haben. Wir wollen keinen ethnischen Konflikt. Wir wollen einfach nur gut leben.
Musikakzent
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