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Liebe - sonntagsmarkt

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FILM
PSYCHOLOGIE
Joaquin Phoenix
und das Glück,
nichts zu wissen Seite 34
Über das Leben
mit der Angst
Seite 16
8 . F E B R U A R 2 015 | N R . 6 | W | 2 , 6 0 €
Deutschlands große Sonntagszeitung
Gegründet 2010
Liebe
Es braucht
mehr als
UKRAINE
Merkel redet,
Putin schafft
Fakten Seite 8
Warum Vernunft und
Vertrauen für eine dauerhafte
Beziehung wichtiger sind
als erotische Anziehung
und Leidenschaft
MEDIZIN
SERIE EN
LE B
ESSER
Teil 4:
Liebe
A 2,90 € • CH 4,20 CHF • E 3,20 € • S 30,00 SEK
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B
Das lange
Warten auf den
Kinderarzt Seite 4
ANLAGEN
Beim Geld setzt
unsere Vernunft
oft aus Seite 24
BRAUNAU
Seiten 42 bis 45
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Bizarrer Streit
um Adolf Hitlers
Elternhaus Seite 12
WELT am SONNTAG-2015-02-08-smv-4 b374b327903f12f8b6ba34bbcf3280a1
2 Die Welt im Überblick
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
NACHRICHTEN DER WOCHE
Griechen demonstrieren Optimismus
Die griechische Regierung hat nach eigenen Angaben
genug Geld, um die Staatsausgaben für die Dauer mehrmonatiger
Verhandlungen mit den Euro-Partnern zu sichern. Ein Liquiditätsproblem während der Gespräche werde es nicht geben, sagte
Vize-Finanzminister Dimitris Mardas dem Sender Mega TV am
Samstag. „Das heißt nicht, dass es nicht danach zum Problem
werden könnte.“ Er gehe zwar nicht davon aus, dass die Verhandlungen bis Mai dauerten, sagte Mardas weiter. „Aber selbst in
dem Fall würden wir das Geld auftreiben.“ Ein internationales
Hilfsprogramm für Griechenland läuft Ende Februar aus. Eine
Verlängerung müsste nach Angaben von Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem bis zu 16. Februar beantragt werden. Finanzminister Janis Varoufakis hat erklärt, es werde keinen entspreSeite 11
chenden Antrag seines Landes geben.
EUROKRISE
Zuckerberg macht 75 Millionen Dollar locker
KLINIK Facebook-Gründer
Mark Zuckerberg und seine
Frau Priscilla spenden 75
Millionen Dollar für ein
Krankenhaus in San Francisco. Die Spende werde dem
General Hospital erlauben,
in der Notaufnahme die
Fläche zu verdoppeln und
viermal mehr Betten unterzubringen, schrieb Zuckerberg in einem Facebook-Eintrag. Außerdem solle mit einem Teil der umgerechnet 66,3 Millionen
Euro die Ausrüstung erneuert werden. Priscilla habe in den vergangenen Jahren als angehende Kinderärztin in dem General
Hospital gearbeitet, erklärte der 30-Jährige. Er und seine Frau
wollten etwas von dem Erfolg mit Facebook zurückgeben.
Nazis skandieren Parolen vor Flüchtlingsheim
Bilder der Woche
Eine Gruppe Rechtsextremer, teilweise vermummt
und mit Fackeln, hat am Freitagabend vor einem Asylbewerberheim in Dortmund ausländerfeindliche Parolen skandiert. Es
habe sich um mindestens 20 Menschen gehandelt, manche Zeugen hätten auch von mehr Teilnehmern gesprochen, sagte ein
Polizeisprecher. 13 Angehörige der rechtsextremen Szene seien
zwischenzeitlich festgenommen worden.
DORTMUND
ALLES FLAMENCO Auf den Schwung kommt
es an. Den Schwung des Körpers, der Stoffe, der
Rüschen. Da ist es ganz gleich, ob es sich um die
klassische Variante der Flamencomode – gerne
Rot mit Tupfen – handelt oder um die rund 1200
Neuinterpretationen, die diese Woche auf dem
„Salón Internacional de la Moda Flamenca“,
kurz SIMOF, in Sevilla präsentiert wurden, der
wichtigsten Messe für andalusische Kultur. Während sich Mercedes Mestre farblich eher zurückhielt und ganz auf den Schnitt setzte (Foto
links), wagte sich Designerin María José Blay
(rechts) mit ihrer Kollektion „Meine Brünette“
an frische Farben und fröhliche Muster heran.
Bei Vicky Martin Berrocal kam die Schulterpartie, mit viel Schwung, groß raus (ganz rechts).
Wahlen in Nigeria verschoben
In Nigeria zeichnet sich eine Verschiebung der Präsidenten- und Parlamentswahlen ab, die eigentlich am 14. Februar stattfinden sollen. Wie ein der Unabhängigen Nationalen
Wahlkommission nahestehender Gewährsmann sagte, sollen die
Abstimmungen um sechs Wochen verschoben werden, um der
neuen multinationalen Eingreiftruppe der Afrikanischen Union
Zeit zu geben, die von Gewalt erschütterten nordöstlichen Gebiete aus dem Griff der Terrorgruppe Boko Haram zu befreien.
1,5 Millionen Menschen sind dort vor dem Terror geflohen.
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Welche Farbe hat Dein Glück?
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TITEL: GETTY IMAGES (4); DOMINIK BUTZMANN (2); EPA/IVAN BOBERSKYY; SEITE 2-3: GETTY IMAGES (3); REUTERS (3)
TERROR
ZAHLEN DER WOCHE
Treu oder untreu?
Schieb die Wolken weg
Alkohol am Lenker
Halb-halb Menschen lassen sich
offenbar in zwei Kategorien aufteilen – in einen eher treueren Teil
und den anderen Teil, der nach
sexuellen Abenteuern sucht. Wissenschaftler aus Oxford stützten
sich bei dieser These auf eine
Internet-Befragung von 585 Briten
und US-Bürgern zwischen 18 und 63
Jahren. Außerdem verglichen die
Forscher bei 1314 Briten das Verhältnis der Länge von Zeige- und
Ringfinger. Je länger der Ringfinger,
umso höher war die Konzentration
von Testosteron im Mutterleib, was
ein eher polygames Verhalten
fördert. Das Ergebnis: 57 Prozent
der Männer neigen zu Seitensprüngen, 43 Prozent zur Treue. Bei
Frauen war das Verhältnis umgekehrt: 53 Prozent – eher treu, 47
Prozent – offen für Seitensprünge.
Traumtag Perfektes Wetter am
Hochzeitstag? Das will der Reiseveranstalter Oliver’s Travels seinen
Kunden garantieren – und lässt sich
dieses Angebot 100.000 britische
Pfund kosten (rund 132.000 Euro).
Die Beeinflussung des Wetters soll
möglich werden durch den Einsatz
von Silberjodid, das von Flugzeugen
auf die Wolken gesprüht wird. Die
gleiche Technologie wurde 2008 in
China genutzt, um Gewitter bei der
Eröffnungsfeier der Olympischen
Spiele in Peking zu verhindern. Drei
Wochen Vorplanung braucht Oliver’s Travels für den Einsatz der
Chemikalien nach eigenen Angaben.
Bisher steht der Service nur in
Frankreich zur Verfügung, Großbritannien und Italien sollen folgen.
Ob die Wetter-Garantie hält, was
sie verspricht, ist allerdings offen.
Fahrräder Jeder Vierte, der 2013
alkoholisiert in einen Unfall geriet,
war mit dem Rad unterwegs –
überdurchschnittlich viel. Verkehrsexperten fordern daher, den Alkoholgrenzwert für Fahrradfahrer von
1,6 auf 1,1 Promille zu senken.
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BETEILIGTE AN ALKOHOLUNFÄLLEN
in Prozent
Fußgänger
motorisierte
Zweiräder
Sonstige
9
Fahrräder
6
3
24
Insgesamt
14.115
PKW
58
QUELLE: DESTATIS
WELT am SONNTAG-2015-02-08-smv-4 b374b327903f12f8b6ba34bbcf3280a1
Die Welt im Überblick 3
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
ZITATE DER WOCHE
„Du wirst besser bald mit deinem
Film fertig, ich brauche ein Facelift!“
Schauspielerin PATRICIA ARQUETTE zu Regisseur Richard
Linklater während der zwölf Jahre dauernden Dreharbeiten für
den Oscar-nominierten Film „Boyhood“
„Ich sage einfach,
ich bin ein Double
und freue mich
über die
Komplimente
für die gut
gelungene
Kostümierung“
TV-Sternchen DANIELA
KATZENBERGER spart sich
die Verkleidung im Karneval
„Wenn das Geld nicht reicht, müssen wir
uns daran erinnern, dass wir alle Russen
sind, die Hunger und Kälte gewohnt sind“
ILJA GAFFNER von der Regierungspartei Geeintes Russland zu
Klagen über die massiv gestiegenen Lebensmittelpreise
KUNDENSERVICE
Brieffach 2560, 10867 Berlin, Tel.: 0800/588 97 60 (kostenlos, 9 – 19 Uhr),
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Digitale Angebote: 0800/951 5000; E-Mail: digital@welt.de
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Teure Narrenfreiheit
1,1
PROZENT
Redeanteil 93 Frauen tauchen in der Bibel auf, 49 namentlich, aber sie
alle zusammen sagen nur 1,1 Prozent der gesprochenen Wörter, nämlich
14.056, wie eine britische Studie ergab. Maria, immerhin Jesu Mutter,
kommt auf gerade mal 191 Wörter, Eva gar nur auf 74. Geradezu eine
Quasselstrippe ist Judith, sie spricht 2689 Wörter.
47
TAUSEND
Fehler Seit 2007 verbessert der Amerikaner Bryan Henderson jeden Sonntagabend den immer selben Grammatikfehler
auf Wikipedia.com. Mit einem selbst entwickelten Programm ersetzt der 51-Jährige
die von ihm verhasste Phrase „comprised
of“ (bestehend aus) in „composed of“
oder „consists of“. 47.000 Mal bislang.
Verkehr 403.275 Euro an Bußgeldern gingen dem Land Berlin 2014
verloren, weil Verkehrsverstöße von
Diplomaten nicht geahndet werden
dürfen. 23.403 Ordnungswidrigkeiten
wie Falschparken oder Rasen wurden
registriert, 2089 mehr als im Vorjahr.
Die meisten gingen auf das Konto
von Diplomaten aus Saudi-Arabien.
Teure Tierliebe
Kochen 16.000 Australische Dollar
(etwa 10.800 Euro) muss der Betreiber eines vegetarischen Restaurants in Canberra zahlen, weil in
seiner Küche Kakerlaken hausten.
Der Besitzer sah sich aus moralischen Gründen außerstande, sie zu
beseitigen. Die tierfreundlichen
Kunden reagierten begeistert.
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Darf man Kinder
schlagen? Der Papst
meint: ja Seite 7
Auf YouNow reden
Teenager über das
Leben und so Seite 14
Phobien: Ein Leben
in ständiger Angst
vor der Angst Seite 16
GESUNDHEIT
Warten, bis der Arzt kommt
DOMINIK BUTZMANN (4); GETTY; PA/DPA
In vielen Regionen Deutschlands fehlen Kinderärzte. Einige Praxen nehmen
keine neuen kleinen Patienten mehr an – von Anette Dowideit
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W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
DEUTSCHLAND & DIE WELT
Ein typischer Tag beim Kinderarzt
Das Wartezimmer von Jakob Maske
in BerlinSchöneberg ist voll. Hier
wird die kleine Jale, 8 (unten rechts)
musste lange warten, bis sie dran war
Nachdem ihre Tochter Alena vor einem Jahr auf die
Welt gekommen war, telefonierte Hanna Ungar die Kinderarztpraxen in ihrem Kölner Stadtteil Lindenthal ab.
Und wurde überall abgewiesen. „Bei einer Praxis wurde
sogar meine Bitte, mich auf die Warteliste zu setzen,
abgelehnt“, sagt sie. Sie musste schließlich zu einer
Kinderarztpraxis in der Nachbarstadt Frechen. In so
mancher Großstadt oder ländlichen Region haben Eltern Probleme, für ihre Kinder einen Arzt zu finden. Besonders problematisch ist das für die Eltern von Neugeborenen. Denn Babys müssen allein für die vorgeschriebenen Routineuntersuchungen alle paar Wochen
zum Kinderarzt.
Der Verband der Kinderärzte schlägt nun Alarm.
„Momentan gibt es in der ambulanten Versorgung einen Mangel insbesondere in einigen Bereichen von
Großstädten wie Berlin und Köln, aber auch in ländlichen Regionen der großen Flächenstaaten. In Bayern
N
und einigen anderen Bundesländern gibt es Regionen,
in denen Eltern 30 oder 40 Autominuten bis zum
nächsten Kinderarzt fahren müssen“, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte
(BVKJ), Wolfram Hartmann.
In Zukunft, so Hartmann, werde sich die Unterversorgung mit Kinderarztpraxen wohl sogar verschärfen.
Grund dafür ist das geplante sogenannte GKV-Versorgungsstärkungsgesetz. Der im Dezember veröffentlichte Regierungsentwurf sieht vor, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder in den kommenden Jahren nach und nach Facharztpraxen aufkaufen
sollen, um so die Zahl der niedergelassenen Ärzte, darunter auch die der Kinder- und Jugendärzte, zu verringern – und zwar überall dort, wo offiziell Überversorgung besteht.
Wann jedoch von Über- und wann von Unterversorgung gesprochen werden kann, ist umstritten. Wie viele
Fachärzte sich die Bundesrepublik für wie viele Patienten leisten kann, legt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der wichtigste Akteur des Gesundheitssystems in Berlin, nach Vorgabe des Gesetzgebers fest.
Die derzeitige Bedarfsplanung gilt seit Anfang 2013. Um
sie zu erstellen, hatten die G-BA-Mitglieder, darunter
Krankenkassen- und Ärztevertreter, sich vor allem angesehen, wie sich die Zahl potenzieller Patienten entwickelt hat. Weniger Patienten als bei der ersten Bedarfsplanung im Jahr 1990 bedeuteten dabei automatisch
weniger Bedarf an Ärzten. Auch dann, wenn es schon
1990 lange Wartezeiten gab.
Für Kinderarztpraxen sieht es dabei wegen der Bevölkerungsentwicklung besonders schlecht aus. Es gibt
weniger unter 18-Jährige und damit sinkt vielerorts automatisch der theoretische Bedarf an Kinderärzten. Die
Folge: „In dünn besiedelten, ländlichen Regionen – zum
Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns – wird es immer
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6 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
AKTUELLE KINDERARZTDICHTE
GEGENÜBER BEDARF
» Fortsetzung »
schwieriger, eine flächendeckende Versorgung von Kindern zu gewährleisten“, sagt Martin Albrecht, Leiter
des Bereichs Gesundheitspolitik beim unabhängigen
Gesundheitsforschungsinstitut Iges in Berlin.
Albrecht und seine Kollegen haben anhand von Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder berechnet, dass über die kommenden Jahre sukzessive
1365 Kinderarztpraxen bundesweit wegfallen könnten.
Gibt ein Arzt seine Praxis aus Altersgründen auf, muss
nach dem geplanten Gesetz ein Zulassungsausschuss
vor Ort prüfen, ob sie laut Bedarfsplanung noch gebraucht wird. Wenn nicht, muss die Kassenärztliche
Vereinigung die Praxis aufkaufen und stilllegen.
Besucht man die Praxis von Jakob Maske in BerlinSchöneberg, scheinen diese Pläne absurd. Es ist kurz
vor 17 Uhr an einem Dienstag, schon im Treppenhaus
stehen die Patienten Schlange. Als die Sprechstundenhilfe die Tür öffnet, ist das Wartezimmer innerhalb von
Sekunden gerammelt voll: Dunkelhäutige Babys machen ihre ersten Gehversuche, türkisch sprechende
Halbwüchsige hibbeln neben ihren Kopftuch tragenden
Müttern auf den Stühlen, das hölzerne Spielschiff im
Wartezimmer ist voll mit kletternden Kindern.
Jakob Maske sagt, seine Praxis habe noch nie einen
neuen Patienten abgelehnt. Und: In anderen Praxen
würden die obligatorischen Vorsorgeuntersuchungen
binnen zehn Minuten durchgezogen. Er selbst dagegen
nehme sich „mindestens 30 Minuten Zeit“, sagt Maske.
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen
(GKV) in Berlin warnt trotz der Pläne der Politik vor einer Panikmache der Ärzte. „Es ist nicht so, dass in den
nächsten beiden Jahren massenhaft Kinderarztpraxen
geschlossen werden“, sagt GKV-Verbandssprecher Florian Lanz. Denn es gebe eine Reihe von Ausnahmeregelungen, die erlaubten, einen Praxissitz auch dann neu
zu vergeben, wenn er in einem überversorgten Gebiet
liege. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn Sohn
oder Tochter des in den Ruhestand tretenden Arztes
oder ein langjähriger Angestellter der Praxis diese übernehmen möchten. Das Bundesgesundheitsministerium
weist auf Anfrage darauf hin, dass vor Ort Krankenkassen und Ärzte gemeinsam entscheiden sollen, ob eine
Praxis nachbesetzt wird.
MANGEL IM SPECKGÜRTEL Schon jetzt kommen
laut G-BA-Planung rechnerisch auf einen Kinderarzt im
Schnitt 2405 Kinder und Jugendliche in Großstadtzentren und 3859 auf dem Land. Am schlechtesten versorgt
sind demnach die näheren Umgebungen großer Städte,
in denen auf einen Kinderarzt im Schnitt 4372 Kinder
und Jugendliche kommen. Dass es so viele sind, erklärt
Iges-Experte Albrecht mit der Bedarfsplanung, in der
Kinderärzte nicht als Hausärzte, sondern als Fachärzte
angesehen werden – obwohl niemand mit seinem Kind
erst zum Hausarzt geht, um sich zum Kinderarzt überweisen zu lassen. Bei Hausärzten sieht die offizielle Planung 1671 Einwohner pro Praxis vor.
Von den rund 2405 Kindern, die statistisch auf einen
Arzt kommen, gehen in eine Berliner Praxis pro Quartal
tatsächlich rund 1000 Kinder, rechnet der Berufsverband vor. Für jedes dieser Kinder bekommt der Arzt, je
nach Krankenkasse, pauschal 26 bis 34 Euro pro Quartal. Dazu kommen Extravergütungen, zum Beispiel jeweils rund 30 Euro für die regelmäßig bis zum Schulbeginn vorgesehenen „U“-Vorsorgeuntersuchungen. Im
Schnitt kommt ein Kinderarzt insgesamt pro Quartal
deutlich niedrig
höher
niedriger
deutlich höher
ausgewogen
QUELLE: FAKTENCHECK GESUNDHEIT 2014, DATEN: IGES
UND BERTELSMANN STIFTUNG; EIGENE BERECHNUNG UND
DARSTELLUNG (2014)
1365
KINDERARZTPRAXEN könnten laut
Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder über die kommenden
Jahre bundesweit wegfallen, weil sie aus
Altersgründen aufgegeben werden.
2405
KINDER kommen in Großstadtzentren im
Schnitt auf einen Kinderarzt, 3859 sind es
auf dem Land. Am schlechtesten versorgt
sind die näheren Umgebungen großer Städte, in denen auf einen Kinderarzt im Schnitt
4372 Kinder und Jugendliche kommen.
89
PROZENT der Kinder haben laut Barmer
GEK-Studie bis einschließlich dem sechsten Lebensjahr jährlich mindestens ambulanten Kontakt zu einem Kinderarzt.
Haus-, Kinder- und Fachärzte zusammengenommen sind es sogar 98 Prozent.
und Kind auf 57,14 Euro, so der aktuelle Honorarbericht
der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Dabei verdient eine Kinderarztpraxis in einem privilegierten Wohnviertel die 57,14 Euro viel leichter als eine in einem Problem-Stadtteil. Ulrich Fegeler, Kinderarzt im sozial eher schwachen Berliner Stadtteil Spandau, erzählt: Kinder aus benachteiligten Familien, vor
allem aus solchen mit Migrationshintergrund, kämen
deutlich häufiger in die Praxis als der Durchschnitt –
auch häufiger als „Helikoptereltern“. Die kämen zwar
am Anfang häufiger mit ihren Säuglingen, dann nehme
die Frequenz rapide ab – in den sozial schwachen Familien dagegen nicht. „Einige dieser Kinder sehen wir
mehr als fünfmal im Quartal“, sagt Fegeler.
Das sei noch konservativ geschätzt, meint Fegelers
Schöneberger Kollege Maske: Viele Kinder kommen sogar zehn Mal pro Quartal. Die Kinder aus bildungsfernen Familien sind einfach viel häufiger krank, gerade
jetzt im Winter.“ Das seien meist einfache Infekte,
„aber auch die anzuschauen kostet Zeit“.
IM NEBENJOB SOZIALARBEITER Dazu komme eine
„neue Art von Krankheiten“, sagt Verbandspräsident
Hartmann. „Entwicklungsstörungen bei Sprache, Motorik und Sozialverhalten aufgrund von unzureichender
häuslicher Förderung, aber auch psychische Erkrankungen oder soziogene Verhaltensstörungen.“ Die Kinderärzte müssten bei diesen Kindern weit mehr leisten als
ihre eigentliche Arbeit umfasst: Die Familien an Beratungsstellen vermitteln, dafür sorgen, dass die Kinder
Förderung an anderer Stelle in Anspruch nähmen, ständig hinterhertelefonieren. „Wir Kinder- und Jugendärzte werden als Sozialarbeiter gefordert, aber das wird
von den Kassen gar nicht honoriert“, sagt Hartmann.
Wenn jedes Kind fünf Mal pro Quartal zum Kinderarzt gehe und dort jedes Mal eine Viertelstunde behandelt wird, kommt der Mediziner rein rechnerisch auf
gerade einmal 45,72 Euro Einnahmen pro Stunde. Kinderarzt Jakob Maske sagt aber, man brauche eigentlich
mindestens 140 Euro, um Sprechstundenhilfen, Praxiseinrichtung, Miete und alle weiteren Kosten bezahlen
zu können und dann selbst noch Geld übrig zu haben.
Die klassische Kinderarztpraxis scheint finanziell
derart unattraktiv geworden zu sein, dass sich heute für
einige Regionen kaum noch neue Mediziner finden lassen. Das gilt für dünn besiedelte Landstriche in Ostdeutschland ebenso wie für Brennpunktviertel in Großstädten. In Hamburg etwa, berichtet der dort ansässige
Kinderkardiologe Stefan Renz, ließen sich Praxen in sozial schwachen Kiezen mittlerweile kaum noch verkaufen. „Häufig gehen solche Praxen an Spezialisten für
Herz, Lunge oder Neurologie, weil sich der Standort für
normale Kinderheilkundler nicht lohnt.“
Um dem Dilemma mit den niedrigen Fallpauschalen
der gesetzlichen Kassen zu entgehen, nehmen einige
Kinderärzte nur noch Privatpatienten auf. In Hamburg
eröffneten seit ein paar Monaten vermehrt solche reinen Privatpraxen, sagt Renz. In anderen Regionen dagegen scheinen die Ärzte derart überlastet, dass nicht
einmal mehr die Privatversicherung hilft. Wie alle anderen Ärzte wollen auch die Kinderspezialisten nicht
aufs platte Land. In Brandenburg versucht die Kassenärztliche Vereinigung deshalb nun, den Exodus mit Bargeld zu stoppen. Wer sich als Kinder- oder sonstiger
Facharzt in der Region ansiedelt, wird belohnt – mit bis
zu 50.000 Euro Zuschuss für die Praxiseinrichtung.
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WELT am SONNTAG-2015-02-08-smv-4 b374b327903f12f8b6ba34bbcf3280a1
Deutschland & die Welt 7
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Immer auf die Kleinen
Schläge zur Strafe
haben noch keinem
geschadet, meinte Papst
Franziskus, solange die
Würde des Kindes nicht
verletzt wird. Wie
soll das denn gehen?
Aussagen zu Ehe und Familie entlocken. Franziskus’ regelmäßige Abendanrufe bei Journalisten, Politikern
oder gewöhnlichen Gläubigen haben in Italien bereits
Nachahmer gefunden: Papst-Imitatoren gingen am Hörer auf Sendung und machen es dem Original schwerer,
am anderen Ende der Leitung Glauben zu finden.
ABKEHR VOM STEIFEN RITUAL Der fröhliche Papst
aus Buenos Aires bezeugt durch sein Verhalten, dass er
die Sakralisierung des Papst-Amtes, wie sie über Jahrhunderte mit Enzykliken zur Unfehlbarkeit und zur Autorität untermauert wurden, nicht mehr fortsetzen will.
Während sein scheuer deutscher Vorgänger, wie man
im Vatikan munkelt, zuweilen tagelang mittels unter
der Tür durchgeschobener Zettelchen mit der Außenwelt kommunizierte, nimmt Franziskus die Herausforderung an, durch die
gläserne Welt von Internet, Fernsehen,
Telefon zu kommunizieren.
Die Presseabteilung des Vatikans
hat immer häufiger Schwierigkeiten,
die privaten und die offiziellen Meinungen des Papstes zur Deckung zu
bringen, muss Aussagen aus Interviews zurechtrücken, dementieren
oder gar leugnen, dass in gesprächigen
Privataudienzen gewisse Aussagen –
etwa zu einer „schwulen Mafia“ im Vatikan – überhaupt gemacht wurden. Es
ist nicht anzunehmen, dass der erste
Jesuiten-Papst, also ein Intellektueller
auf dem Heiligen Stuhl, diese Strategie
naiv verfolgt. Sein Pontifikat, dessen
nächster Höhepunkt im September eine Rede vor Senat und Repräsentantenhaus in Washington sein wird, ist
geprägt von einer offenen Auseinandersetzung. Auf einer Seite steht die
Weltkirche, die sich vor allem auf
der Südhalbkugel mit Problemen wie
Armut, politischer Gewalt sowie harter
Konkurrenz durch Islam und Evangelikale konfrontiert sieht. Aus dieser
Welt armer Diözesen in Millionenstädten mit Slums und Epidemien kommt
der Papst.
Auf der Gegenseite steht die theologisch versierte, aber verwöhnte Kurie
in Rom. Geistliche im maßgeschneiderten Habit, die sich in römischen
Sterne-Restaurants die Klinke in die
Hand geben, verachtet der Papst ebenso unverhohlen wie den deutschen Exbischof Tebartz-van Elst, der nach einem Skandal um seine luxuriöse Limburger Residenz abgesetzt wurde und
von Franziskus jetzt ostentativ keine
neue Aufgabe zugeteilt bekommt. Sein
Affront gegen die fühllose Hierarchie in Rom hat Franziskus zu einer ganz anderen Kultfigur gemacht, als dies
das strenge Protokoll des Vatikans eigentlich vorsah,
nämlich zu einem Mediengeistlichen mit menschlichem Antlitz. Wer den Plauderpapst Franziskus allerdings ins Herz geschlossen hat, der muss nach den Aussagen zur Prügelstrafe wissen: Einen politisch korrekten Oberhirten wird Franziskus auch nicht abgeben.
Dirk Schümer
AP PHOTO/DPA PICTURE-ALLIANCE / ALESSANDRA TARANTINO
V
ier Fäuste für ein Halleluja“, so hieß einst
eine Westernparodie aus Italien, in der
viel geprügelt wurde. Seit der Papst vor
drei Wochen im Zusammenhang mit dem
islamistischen Anschlag auf die „Charlie
Hebdo“-Redaktion sagte, wer seine Mutter beleidige,
den erwarte ein Faustschlag, ist die unerbittliche „Faust
des Papstes“ in Italien zum Begriff geworden. Nun hat
Franziskus wieder zugeschlagen. Bei der Generalaudienz am Mittwoch stellte er einen Vater als Vorbild hin,
der seine Kinder züchtigt – freilich nie durch Schläge
ins Gesicht, weil das die Würde der Kinder schädige.
Und der lächelnde Oberhirte stellte mit Gesten dar, was
er als gelungene Erziehungsmaßnahme betrachtet: den
Kindern auch mal ordentlich den Hintern zu versohlen.
Aber schädigen Prügel, egal wohin,
nicht in jedem Fall die Würde der Kinder? In seinen improvisierten Ausführungen zeichnete der Papst das Leitbild
eines strengen Erziehers: „Das ist kein
schwacher Vater.“ Immerhin beschönigt
der Papst hier ein Verhalten, das in
Deutschland, aber auch in Nationen wie
Turkmenistan oder Südsudan ein Delikt
darstellt. In 39 Ländern ist es nämlich
gesetzlich verboten, Kinder zu schlagen.
Auch nachdem seit Jahren in aller
Welt Missbrauchs- und Gewalttaten in
katholischen Heimen und Schulen ans
Licht kommen, wirkt Franziskus’ alttestamentarische Strenge reichlich anachronistisch. Dass Vatikansprecher
Thomas Rosica die Thesen des Papstes
verteidigte und Prügel als erzieherisches Hilfsmittel für „Wachstum und
Reife“ lobte, macht die Sache nicht besser. Erst 2014 hatte der Ausschuss für
Kinderrechte der Vereinten Nationen
Gewalttätigkeiten in katholischen Einrichtungen gerügt. Die Interessen der
Kirche hätten in vielen Fällen über denen der Kinder gestanden. Der Vatikan
begnügte sich mit dem Hinweis, man
könne die Einhaltung der Gesetze in
den jeweiligen Ländern nicht kontrollieren.
Nachdem Franziskus mit seinen Aussagen über luxuriöse und intrigante
Priester-Seilschaften im Vatikan, zur
mitleidlosen Flüchtlingspolitik in Europa und zur Armut im Allgemeinen
schnell populär wurde, droht ihm jetzt
ein Image als Prügelpapst. Altbackene
Erziehungsmethoden aus der Welt kinderloser, alter Männer sind freilich das
eine. Der fröhliche Fauxpas des Papstes
offenbart jedoch ein größeres Kommunikationsproblem seines Pontifikats.
Gerade weil sich Franziskus anders als sein Vorgänger Benedikt XVI. gerne außerhalb des Protokolls bewegt, werden immer wieder Aussagen von ihm kolportiert, die mit der theologischen Doktrin schwer zu vereinbaren sind – im politisch korrekten wie inkorrekten
Sinn. So lehnte der Papst es ausdrücklich ab, Homosexuelle zu verurteilen und empfing eine Transsexuelle
herzlich zur Privataudienz. Doch lässt er sich beim Telefonieren und Predigen eben auch sehr konservative
„Ein Vater sagte: ,Ich muss manchmal
meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie
ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.‘
Wie schön! Er weiß um den Sinn der Würde.
Er muss sie bestrafen, aber tut es gerecht.“
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8 Deutschland & die Welt
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Auf der Flucht Der Schrecken steht ihnen
W
Wer Russland verstehen will, muss sich auf die Spur des
Wodkas begeben. Im britischen Wissenschaftsverlag Oxford University Press erschien kürzlich ein grundsätzliches Werk über das russische Nationalgetränk. Unter
dem Titel „Wodka-Politik. Alkohol, Herrschaft und die
geheime Geschichte des russischen Staates“ geht der Politologe Mark Lawrence Schrad der Frage nach, wie Wodka die Politik von Zaren, Sowjetführern und Präsidenten
prägte – und wie die Staatsführer die Spirituose einsetzten, um das Volk bei Laune zu halten. Folgt man Schrads
These, dass der Einsatz von Wodka vor allem in Kriegsund Krisenzeiten schon immer ein Herrschaftsinstrument gewesen ist, müssen sich der Westen und die Ukraine im Moment wohl wirklich Sorgen machen.
Denn während die Preise in Russland für Lebensmittel
wie Brot, Zucker, Milch und Fleisch allein im Januar um
fast sechs Prozent gestiegen sind, wurde Wodka jetzt
dank einer gesetzlichen Anordnung erheblich billiger. Die
0,5-Liter-Flasche darf seit seit dem 1. Februar nicht mehr
als 185 Rubel kosten, etwa 2,40 Euro. Vorher lag die Preisgrenze bei 225 Rubel, also etwa 50 Cent höher.
Alkohol als Frustventil haben russische Potentaten fast
immer gestattet, offener Protest wurde dagegen streng
verfolgt. Wladimir Putin verhält sich da nicht anders als
Iwan der Schreckliche. Während der Wodka billiger wird,
lässt Putin offenbar gleichzeitig den russischen Geheimdienst umkrempeln – entsprechende Hinweise melden
jedenfalls US-Geheimdienste. Angehörige der Petersbur-
REUTERS/STRINGER; ANASTASIA VLASOVA; MSTYSLAV CHERNOV
ins Gesicht geschrieben: Während einer
Waffenruhe konnten Zivilisten vergangene
Woche das heftig umkämpfte Debalzewo
verlassen. Doch in der Stadt sitzen noch
Tausende ukrainische Soldaten fest
Ein Hauch von
Kaltem Krieg
Im Konflikt um die Ukraine schraubt sich
Russland zunehmend in einen Gefechtsmodus.
Wie soll der Westen dagegenhalten?
– von Claus Christian Malzahn und Thorsten Jungholt
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ger Organisation der „Soldatenmütter“ berichten, wie
junge Männer in den Armeedienst gezwungen werden.
Die Angst der Rekruten, an der ukrainischen Grenze stationiert oder gar ins Kampfgebiet geschickt zu werden,
sei groß. Wer sich weigert, wandert ins Gefängnis. Gegen
die Angst hilft höchstens der Wodka.
Trotz aller Friedensinitiativen schraubt sich Russland
Tag für Tag stärker in den Kriegsmodus, militärisch, politisch, psychologisch. 25 Jahre nach dem Zusammenbruch
der Sowjetunion stehen die Zeichen in Europa plötzlich
wieder auf Krieg. In einer diplomatischen Blitzoffensive
versuchten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident François Hollande am Freitagabend in Moskau, Putin davon zu überzeugen, von seinem aggressiven Kurs abzukehren. Viele Stunden dauerte
das Gespräch im Kreml, das ohne gemeinsame Erklärung
spät in der Nacht zu Ende ging. Es sei „ungewiss“, ob ihre
Initiative Erfolg haben werde, räumte die sichtbar abgekämpfte Kanzlerin am nächsten Morgen auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein. Aber es sei „auf jeden Fall
wert, den Versuch zu wagen. Das schulden wir den Menschen in der Ukraine.“ Die bisherigen Erfahrungen mit
Putins Verlässlichkeit nach dem Minsker Waffenstillstandsabkommen vom September seien allerdings „sehr
desillusionierend“ gewesen.
Als dann der russische Außenminister Sergej Lawrow
auf die Bühne trat und seine Rede hielt, wehte ein Hauch
von Kaltem Krieg durch den Saal. Zwar äußerte Lawrow
angesichts des Dreiergipfels in Moskau einen „gewissen
Grad an Optimismus, um den Konflikt zu lösen“. Doch
gleichzeitig geißelte der Russe „amerikanische Obsessionen“ in Europa. Seine mit wilden Behauptungen gespick-
Deutschland & die Welt 9
te Rede empfanden manche Zuhörer als Paradebeispiel
hybrider Kriegsführung, was meint: den Einsatz von Propagandakampagnen, Partisanenkämpfern oder auch Störung der Energieversorgung. Von einem Durchbruch, der
zum Frieden führt, kann also nach wie vor keine Rede
sein. Die europäische Strategie zur Beendigung des
Kriegs in der Ukraine setzt dennoch weiter auf Gespräche. „Militärisch werden wir die Krise nicht lösen“, sagte
Merkel – und erteilte Forderungen aus den USA nach
Waffenlieferungen an die Ukraine eine klare Absage.
WENN DIE FAHNE FLIEGT Während Merkel und Hollande nach dem Prinzip Hoffnung vorgehen, schaffen Putin und die prorussischen Separatisten neue militärische
und damit auch politische Fakten. Immer offener agieren
die Gegner Kiews mit schwerem russischen Kriegsgerät
im Osten der Ukraine. Seit Tagen toben um die Stadt Debalzewo die schwersten Gefechte seit Beginn der Kampfhandlungen vor einem knappen Jahr. 5400 Tote sind bereits zu beklagen, die Zahl der Opfer stieg Ende Januar
und Anfang Februar nochmals massiv an. Immerhin wurde eine kurze Waffenruhe vereinbart, damit Zivilisten Debalzewo verlassen können. Doch in der Stadt sind noch
Tausende ukrainischer Soldaten.
Dass Putin sich auf Kompromisse einlassen könnte,
bleibt vorerst ein frommer Wunsch. Wenn die Fahne
fliegt, ist der Verstand in der Trompete, lautet ein altes
russisches Sprichwort. Und die Fahne der Separatisten
flattert gerade ziemlich munter. Die prorussischen
Kämpfer verbuchen Geländegewinne, können sich auf
unbegrenzten Nachschub aus Moskau verlassen. Die
ukrainische Regierung kämpft dagegen mit maroden
Staatsfinanzen. Der Krieg im Osten frisst das Budget auf.
Eine von Präsident Petro Poroschenko angeordnete Mobilmachung von Rekruten ging gerade ziemlich ins Leere.
Viele junge Männer setzten sich nach der Einberufung ins
Ausland ab. Gute Nachrichten von der Front hat Poroschenko schon lange nicht mehr gehört. Russland hat
zwar mit den Folgen der westlichen Sanktionspolitik zu
kämpfen, und die Entwertung des Rubel setzt dem Land
schwer zu. Doch in der Ukraine läuft es für Putin gerade
nicht schlecht. Warum sollte er seinen Kurs ändern?
Dass Russland seine strategischen Ziele in der Ukraine
erreichen könnte, treibt viele amerikanische Außenpolitiker zur Weißglut. Der US-Senator John McCain ließ seinen Frust am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz
an der Kanzlerin aus. Merkels Weigerung, die ukrainische
Seite mit Waffen zu unterstützen, erinnere ihn an die Appeasement-Politik der 30er-Jahre, giftete der Republikaner. Merkel habe offenbar „keine Ahnung“. Für seinen
Ton wurde McCain heftig kritisiert. Doch mit seiner Haltung steht er keineswegs alleine da. Monatelang hatte das
Weiße Haus das fast flehentliche Bitten aus Kiew nach
Waffenlieferungen ignoriert. In den vergangenen Tagen
waren aus Washington plötzlich andere Töne zu hören.
In einer selten gewordenen Geste der Überparteilichkeit riefen 15 US-Senatoren um den Republikaner Rob
Portman und den Demokraten Dick Durbin angesichts
„eskalierender russischer Aggressionen“ die USA und die
Nato zu verstärktem militärischen Beistand auf. Die
Amerikaner wollen vor allem die Verteidigungsfähigkeit
der ukrainischen Armee stärken, die in letzter Zeit bei
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Schwache Gegenwehr
Ukrainische Soldaten
bei einer Übung mit
Panzerfäusten im
Norden von Lugansk.
Der Armee fehlt es
sowohl an schwerem
Kriegsgerät als auch an
Rekruten. Die jüngste
Mobilmachung durch
Präsident Poroschenko
lief ins Leere: In mehreren Berichten hieß
es, die Desertionsrate
liege bei 50 Prozent
» Fortsetzung »
Separatisten sind
drückend überlegen
Gefechten meistens unterlegen ist. Konkret sollen Panzerabwehrwaffen, Radartechnik und bewaffnete Humvees geliefert
werden. Auch Drohnen stehen auf Poroschenkos Wunschliste.
Die stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums, Marie Harf, ließ vergangene Woche durchblicken, dass da vielleicht etwas ginge. Man sei „zunehmend besorgt über die Gewalt der Separatisten“, sagte Harf. Ashton Carter, designierter
Pentagon-Chef, wurde bei einer Senatsanhörung noch deutlicher. „Ich tendiere sehr in diese Richtung“, antwortete er auf
die Frage, ob die US-Regierung die Ukraine mit tödlichen Waffen und nicht nur mit passivem Gerät unterstützen solle. USPräsident Obama ließ anschließend zwar durch einen Sprecher
klarstellen, dass „eine derartige Entscheidung vom Commander-in-Chief“ getroffen werde. Doch beim Nato-Hauptquartier
in Brüssel und in Washington halten es immer mehr Beobach-72B3, RPO-A, MRO-A: Es sind Kürzel,
ter für eine ausgemachte Sache, dass die USA der Ukraine mit
die dem Laien nichts sagen, aber von
Waffenlieferungen unter die Arme greifen werden, wenn Mergroßer Bedeutung sind. Sie tauchen in
kels und Hollandes Initiative im Sande verlaufen sollte.
einem Bericht der „Armament Research SerDas Kalkül der Befürworter von Waffenlieferungen zielt alvices“ (Ares) auf, der erstmals die systematilerdings nicht darauf, die militärischen Kräfteverhältnisse in
sche Lieferung russischer Waffen an die Sepader Ukraine zu drehen. In einer Studie mehreratisten belegt. Die australirer US-Thinktanks räumen Sicherheitsexperschen Spezialisten, die Regieten ein, dass die ukrainischen Streitkräfte die
rungen und Nichtregierungsrussische Überlegenheit gar nicht brechen
organisationen in Rüstungskönnten. Vielmehr sollten „die USA und die
fragen beraten, werteten EnDER KONFLIKT IN
Nato eine Situation schaffen, in der der Kreml
de vergangenen Jahres BildDER OSTUKRAINE
weitere militärische Aktionen in der Ukraine
material aus dem Ukraineals zu kostspielig“ verwerfen würde. Heißt: Mit
Konflikt aus. Sie fanden
RUSSLAND
einer robusteren Ausrüstung der ukrainischen
gleich 19 Waffentypen in SeArmee könnte der russische Blutzoll in die Höparatisten-Hand, die ihrer
he getrieben werden – und Putin bekäme weMeinung nach nur aus RussLugansk
Charkow
gen steigender Todeszahlen möglicherweise
land stammen können. Die
Lugansk
Probleme im eigenen Land.
Fotos und Videos aus Medien
Indes: Ein Beispiel dafür, dass hohe militäriund sozialen Netzwerken zeiUKRAINE
sche Verlustraten eine Regierung im Kreml in
gen Schusswaffen, HandgraDebalzewo
den Abzug gezwungen hätten, findet sich in
naten und Panzer, die von
Donezk
der ganzen russischen Geschichte nicht. Der
den Separatisten verwendet
Dnepropetrowsk
Abzug der Sowjets aus Afghanistan im Jahre
werden. Und sie belegen, dass
Donezk
1989 war eher Teil einer rückwärtigen politiim Osten des Landes mit moschen Flurbereinigung als Kapitulation. Dendernen Waffen aus russischen
Mariupol
noch sieht sich Merkel nicht nur mit Kritik aus
Beständen gekämpft wird –
Saporoschje
den USA konfrontiert. Zu Waffenstillständen
Waffen, die Russland zuvor
komme es in der Regel, „wenn beide Seiten
noch nicht exportiert hatte.
EUROPA
festgestellt haben, dass sie nicht gewinnen
Und wie sieht es auf der
Asowsches
können“, erklärte der ehemalige polnische Auukrainischen Seite aus? BisCherson
Meer
ßenminister Radislaw Sikoeski in München.
her sind kaum WaffensysteSoll heißen: Solange die Russen zu stark sind,
me aus dem Ausland dokuKrim
wird es keinen Waffenstillstand geben.
mentiert. Das muss freilich
(von Russland
Merkel hat sich weitere US-Vorstöße in dienicht heißen, dass es gar kei100 km
kontrolliert)
ser Angelegenheit verbeten. Einige Mitarbeiter
ne Unterstützung an die
unter Separatisten-Kontrolle
aus den Stäben von Merkel und Hollande seien
Ukraine gibt. So hatte der
angestrebtes Gebiet der Separatisten
übrigens in Moskau geblieben, wurde in Münukrainische Präsident Petro
chen gestreut. Sie reden mit Putins Leuten. Sie
Poroschenko im September
FEB. 2015, QUELLE: ISW; DPA
feilen an Formulierungen. Sie verhandeln ofvergangenen Jahres überrafenbar Papiere. Das sei doch kein schlechtes
schend von geplanten WafZeichen, hieß es. In der gefährlichsten Krise
fenlieferungen berichtet. PräEuropas seit drei Jahrzehnten klammern sich eben auch erfahsidentenberater Juri Luzenko nannte die Länrene Diplomaten an jedes Detail. Denn die Alternative zum Verder Polen, Frankreich, Norwegen, Italien und
handlungserfolg mag sich niemand ausmalen. Und die Lage in
die USA. Diese dementierten aber die Pläne.
der Ostukraine ist für viele Menschen jetzt schon verzweifelt.
Der polnische Präsident Bronisław Komorowski ließ im Dezember allerdings keinen
Mitarbeit: Sascha Lehnartz, Clemens Wergin, Ansgar Graw,
Zweifel daran, dass er zu Waffenlieferungen
Christoph Schiltz, Julia Smirnova
bereit sei. „Ich habe niemals gehört, dass es ein
Russische Waffenlieferungen sind gut dokumentiert,
über die Aufrüstung der Ukraine gibt es kaum Nachweise
T
Waffenembargo gegen die Ukraine gibt“, sagte
er. Sein Land sei offen für Waffenverkäufe an
die Ukraine.
Allerdings ist bislang unklar, was Polen wirklich geliefert hat: „Wir denken, dass Länder wie
Polen durchaus militärische Ausrüstung zur
Verfügung stellen – allerdings noch nicht im
größeren Umfang“, sagte Siemon Wezeman
vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut
Sipri der „Welt am Sonntag“. „Wir haben aber
noch keine Belege dafür, dass das Ausland auch
tödliche Waffen an die Ukraine liefert.“
Das erklärt auch das Ungleichgewicht zwischen ukrainischer und separatistischer Armee. Präsident Poroschenko lobte zwar noch
kürzlich in Davos seine „starke Armee“, die
wieder kräftig aufgerüstet habe. Doch handelte
es sich bei den Kampfjets, Haubitzen und
Schützenpanzern, die jüngst übergeben wurden, lediglich um instandgesetzte Systeme aus
veralteten Sowjet-Beständen. Das ist auf Aufnahmen zu erkennen, die bei der Übergabe der
Geräte entstanden sind.
MASSIG EXPORT Seit dem Zerfall der Sowjetunion produzierten die ukrainischen Waffenfabriken kaum noch für die eigenen Truppen. „Exportiert wurden auch riesige Mengen
an Waffen der ukrainischen Streitkräfte“, sagt
der Konfliktforscher Otfried Nassauer vom
Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit. „Die Einnahmen aus solchen
Exporten flossen jedoch meist nicht in die Modernisierung der ukrainischen Streitkräfte,
sondern wurden zu einem großen Teil privatisiert.“ Der Export, auch nach Russland, das auf
viele Komponenten aus der Ukraine angewiesen sei, hatte Vorrang. Angesichts des Ungleichgewichts hat die Forderung der USDenkfabriken, die Ukraine aufzurüsten, auch in
Deutschland Anhänger. „Warum denn eigentlich nicht?“, sagte Wolfgang Ischinger, der Chef
der Münchner Sicherheitskonferenz, dem ZDF.
„Waffenlieferungen finden bisher einseitig aus
Russland statt. Ein Ausgleich, die Herstellung
eines gewissen militärischen Patts, um die Voraussetzung für Frieden zu erzielen, ist keine
völlig abwegige Überlegung.“
Annelie Naumann und Marcel Pauly
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Deutschland & die Welt 11
Auf keinen Fall Krawatte
F
ür Janis Varoufakis gibt es Grenzen, die auch
er nicht überwinden kann. Als der griechische Finanzminister am Montagmorgen
mit rund 20 Großanlegern im feinen Londoner Reform-Club diskutieren will, verlangt
man von ihm am Eingang, er möge sich doch bitte einen
Schlips umbinden. In dem 1841 gebauten viktorianischen Gebäude ist die Krawatte Usus. Varoufakis verweigert den Schlips. Der Reform-Club verweigert dem
Minister daraufhin den Zutritt. Erst in allerletzter Minute findet die Runde um die Ecke im „Sofitel-Hotel“
einen Raum, erzählt ein Teilnehmer.
Es ist nur ein unbedeutendes Ereignis auf einem Nebenschauplatz. Und dennoch steht es für den Kampf,
den Varoufakis im Auftrag seines Premiers Alexis Tsipras führt: das scheinbar so unangepasste und von allen
unterdrückte Griechenland gegen den großen Rest Europas. Varoufakis gegen die geizigen Kollegen in den anderen Hauptstädten. Natürlich auch gegen die gierigen
Banker der City. Underdog gegen Oberschicht. New Kid
on the Block gegen Establishment. Der Held mit rasierter Glatze, ein Finanzminister ohne Geld, in einem heroischen Gefecht. So verkauft sich Varoufakis den Wählern seines Landes. Dort kommt er gut an.
Nur wie verrückt muss einer sein, der glaubt, ganz
ohne Geld in der Tasche in einem der feinsten StaatenClubs der Welt über viele Runden pokern zu können?
Der bei öffentlichen Auftritten blufft, als habe er lauter
Asse auf der Hand. Der sich für den Schlauesten hält
und die Bank, die ihm für sein riskantes Spiel Geld leihen soll, so verachtet, dass er es offenbar auch ausspricht: „Die EU ist wie die Sowjetunion, nur ohne den
KGB“, soll Varoufakis beim Treffen mit den Bankern in
London gesagt haben. Ausgerechnet über jene Europäische Union, die sein Land so mühsam seit Jahren finanziell über Wasser hält. Und: „Es ist sehr wichtig für Syriza, dem griechischen Volk einen symbolischen Sieg
über Deutschland zu bieten.“ Innenpolitisch mag so etwas nötig sein für die Wahlgewinner des linken SyrizaBündnisses. Außenpolitisch kommt der sprichwörtliche
Bettelknabe der EU damit nicht gut an.
GUTER ANALYTIKER Varoufakis hält sich für
schlauer. Der Ökonomieprofessor mit dem Spezialgebiet Spieltheorie erzählt allen, wie falsch die EURettungspolitik für Griechenland ist. Als würde
man die hohen Schulden von einer Kreditkarte
mit einer weiteren Karte bedienen. Das ist sein
Lieblingsvergleich. Er ist nicht falsch. Nur versucht er ihn besonders jenen EU-Politikern ins
Hirn zu hämmern, die Athen das Geld geliehen
haben. Als wüssten die das nicht selbst.
Varoufakis ist ein guter Analytiker, einer, der
sich seit Jahren mit den Ursachen und Folgen der
Euro-Krise in seinem Heimatland beschäftigt
hat. „Janis hat gute Nerven und schnelle Reflexe“, beschreibt ihn James Galbraith, ein Kollege
von der Texas University. „Er sieht Zusammenhänge immer in ihrer ganzen Komplexität.“
Deshalb sei es schwer, ihn auszumanövrieren.
Kaum einer widerspricht dem Minister,
wenn er sagt, dass Griechenland nicht nur vorübergehend Geld fehle, sondern dass sein
Land ganz grundsätzlich pleite sei. Keiner
bestreitet seine Kritik, wonach der Großteil
der harten Sparmaßnahmen die weniger
wohlhabenden Leute treffe. Und er regt sich
zu Recht darüber auf, dass sich die Beobachtermission aus Internationalem Währungsfonds (IWF), EU und Europäischer Zentralbank (EZB) teilweise in kleinste Details nationaler Wirtschaftspolitik einmischt, etwa Apothekenöffnungszeiten. Selbst in der Troika gesteht man Fehler in
den Reformprogrammen ein.
Der Underdog gegen
den Rest Europas:
Der griechische
Finanzminister Janis
Varoufakis inszeniert
sich in einem
gefährlichen Spiel
Bei aller Klugheit übersah der Minister, wie sehr
sein Auftreten das sonst gar nicht so einige Good-ol’Boys-Network der EU-Finanzminister zusammenschweißen würde. Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen ökonomischer Theorie und politischer Praxis. Die „Madman-Strategie“, wonach man
sich verrückt aufführen muss, damit der Verhandlungspartner einen fürchtet, kann nämlich nur wagen,
wer sich beim Bluffen nicht erwischen lässt – oder
noch eine gute Karte im Ärmel hat. Varoufakis’ letzter
Trumpf, der Euro-Austritt, tut Athen aber mindestens
so weh wie den Gegnern.
Janis Varoufakis’ arrogante Auftritte treffen die
EU-Partner ebenso wie die Mitglieder der heimischen
Koalition. „Hören Sie nicht auf all die anderen Kabinettsmitglieder – es gibt nur vier Leute, die den Laden
in Griechenland derzeit schmeißen, Tsipras, mich und
zwei andere“, gibt er den Teilnehmern der Investorenrunde in London angeblich mit auf den Weg. Einen
Kommentar von Varoufakis zu diesen Äußerungen
gibt es nicht. Die „Welt am Sonntag“ konnte ihn dafür
nicht erreichen.
HÜ UND HOTT Klar ist aber, der einstige Professor
und jetzige Minister ist durchaus nicht konsistent in
seinen Aussagen. Als Wissenschaftler kritisierte er im
Mai vergangenen Jahres heftig die EZB, weil die den
Banken seines Landes mehr als 40 Milliarden Euro geliehen hatte, mithilfe einer Garantie der griechischen
Regierung, über die kein Parlament abgestimmt habe.
Das seien demokratisch nicht legitimierte Finanzströme, so sein Argument. Der gleiche Mann, nur
auf einem anderen Posten, erwartet jetzt
von EZB-Chef Mario Draghi, dass der
seinem Land über mehrere Monate
eine Zwischenfinanzierung gibt, damit er sein Reformprogramm ohne
finanziellen Druck neu ausarbeiten
kann. Dazu gehört schon Chuzpe.
Heute hü, morgen hott. Noch Anfang der Woche will Varoufakis einen Schuldenerlass und nicht nur
eine Verlängerung der Laufzeit.
Vier Tage und mehrere Gespräche
später – unter anderem mit Großbritanniens Finanzminister George Osborne, dem französischen
Kollegen Michel Sapin, EZB-Chef
Draghi und dem Italiener Pier
Carlo Padoan – will er davon
nichts mehr wissen. Bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Donnerstag tut Varoufakis, als hätte das nie ernsthaft
zur Debatte gestanden.
Mit einer gezielten „Madman-Strategie“ hat das nichts
zu tun. Varoufakis hat inzwischen wohl auch erkannt, dass
es ihm nicht gelingen wird,
Deutschland wegen der ungeliebten Berliner Sparpolitik vom
Rest Europas zu isolieren. Nun
braucht er einen Plan B.
Jan Dams, Martin Greive
und Sebastian Jost
Mag’s gern lässig
Janis Varoufakis vergangenen
Mittwoch auf Mission in Frankfurt
GETTY IMAGES
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12 Deutschland & die Welt
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Die Bürde von Braunau
NS-KULTURZENTRUM Bormann, der Vertraute Hitlers, hatte 1938, unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs, die Besitzer, eine Familie Pommer, zum Verkauf
des Hauses genötigt, um ein nationalsozialistisches
Kulturzentrum darin unterzubringen. Er zahlte 150.000
Reichsmark, steckte ähnlich viel in die Sanierung. 1954
ging es für 150.000 Schilling (25.000 Mark) an die ursprünglichen Besitzer zurück. Heute gehört es Gerlinde
Pommer. Die Erbin blockiert bislang alle Bemühungen
der Stadtverwaltung und der Bundesregierung, die das
Haus gemietet hat, aus dem Anwesen einen Gedenkort
zu machen, „Haus der Verständigung“ soll es wohl heißen, konkret sind die Pläne noch nicht. „Leider sind wir
wieder abgeblitzt“, sagt Bürgermeister Johannes Waidbacher. Eine Nutzung als Museum oder Mahnstätte haben die Pommers im Mietvertrag von 1972 ausgeschlossen, „keine Nutzung im zeithistorischen Kontext“. Aber
warum? Aus der Befürchtung, es könnte ein Hitler-Museum, eine Pilgerstätte entstehen? Pommer sagt nichts.
Die Errichtung einer Gedenktafel für die Opfer des
Nationalsozialismus am Haus ließ Pommer verbieten,
auch gegen den Mahnstein für Frieden auf dem Bürgersteig war sie, musste ihn aber dulden. Der Untermieter,
eine Behindertenwerkstatt, zog aus, weil die Besitzerin
den behindertengerechten Umbau verweigerte. Den
Hauptmieter zu verlieren muss Pommer nicht befürchten. Die Regierung in Wien zahlt lieber 4880 Euro Miete, weil sie alles daransetzen will, dass das Haus nicht in
falsche Hände gerät. Aus Angst „vor den Ewiggestrigen“, sagt Bürgermeister Hannes Waidbacher.
Einheimische erzählen, dass
sie immer wieder von Suchenden angesprochen werden.
Wenigstes auf den ersten Blick
sind es keine Nazis, eher vom
Grusel gepackte Normalbürger – und meistens verdruckst.
„Eigentlich ist es nie die erste
Frage, die nach dem Geburtshaus“, sagt die Dame in der
Touristeninformation, „aber
die zweite dann eben schon.“
Auch dass viele sich rechtfertigen, verschämt: „Auf einmal
geben sich alle hier als Geschichtslehrer aus.“ Und dann
die Blöße, vor dem Haus zu
stehen, es anzustarren, peinlich. „Viele gehen lieber dreioder viermal vorbei, statt länger zu verweilen“, hat man aus
dem Laden gegenüber beobachtet. Einige vermuten, der
Betreiber der Bratwurstbude,
die vor einiger Zeit vor dem
Haus stand, habe darin eine
Geschäftsidee erkannt. Jedenfalls nahm er vielen Touristen
die Last der Peinlichkeit, wenn
er den einen oder anderen Imbiss an den Mann brachte.
Die Bratwurstbude ist verschwunden. Die Touristen
kommen weiterhin. Ein paar
Häuser weiter, die Auslagen im Schaufenster des Buchladens: „Der Schüler Adolf Hitler“, „Im Heimatkreis des
Führers“. Auch ein Roman, „Niemand ist in Braunau geboren“, mit dem der Autor seine Geburt in der HitlerStadt verarbeitet hat. Ab und zu allerdings komme auch
jemand, der „Mein Kampf“ kaufen wolle, sagt die Buchhändlerin, „aber das haben wir natürlich nicht“.
Passt das alles zur Devise von Bürgermeister Waidbacher: „Keine touristische Nutzung der Vergangenheit,
das wäre aufs Schärfste zu verurteilen“? Doch auch die
Gegenfrage liegt auf der Hand: Ist das überhaupt zu verhindern? Soll man den Besuchern sagen, kauft eure Hitler-Bücher in Linz oder Passau, aber bitte nicht bei uns,
keine Hotelzimmer an Geburtshaus-Pilger? Manche
fechten ihren eigenen kleinen Antifaschismus aus: Touristen, die nach dem Haus fragen, absichtlich in die Irre
schicken. Der Besitzer eines Tabakwarenladens bekennt, er habe das früher getan, natürlich nur, wenn er
dachte, es waren Rechte. Erst seit der Mahnstein steht,
schickt er alle zur korrekten Adresse.
„Es ist für uns eine Gratwanderung“, sagt Waidbacher. Das war der Umgang mit Hitler für Braunau schon
immer. Hitler selbst hat, noch ganz zum Schluss, der
Stadt einen Dienst erwiesen. Sein Selbstmord nahm
den Scharfmachern die Lust, die Stadt bis zum Letzten
zu verteidigen. Dabei wünschte mancher im Nachhinein dem Trupp vernagelter Nazis mehr Fortune, als
DPA PICTURE-ALLIANCE/UPI (2)
D
as Haus ist heruntergekommen. Seit drei
Jahren steht es leer, die Ockerfarbe ist
schmutzig, ringsherum zieht sich eine Girlande von Schimmel. Die Tür ist verrammelt, die Fenster sind blind. Es ist das berühmteste Haus von Braunau am Inn, in dem der berühmteste Sohn der Stadt am 20. April 1889 zur Welt
kam, den man am liebsten
irgendwie verloren hätte:
Adolf Hitler. Wo immer ein
Braunauer hinfährt, ob
nach Hamburg oder Hongkong, er wird auf Hitler angesprochen.
Vielleicht 2000 Backstein-Tonnen schwer steht
das Haus im Zentrum, Ecke
Salzburger Vorstadt Nr. 15/
Schmiedegasse,
unter
Denkmalschutz seit 1938.
Eigentlich ein gutbürgerliches Anwesen mit 800
Quadratmeter Nutzfläche,
irgendwann im 15. oder 16.
Jahrhundert errichtet, wie
alle Häuser hier in dem
schmucken, oberösterreichischen Städtchen, und
immer wieder umgebaut.
Leerstand seit drei Jahren.
Vorher war darin eine Behindertenwerkstatt untergebracht, früher war es längere Zeit ein würdiger
Gasthof, mal ein Wohnhaus, mal eine Bank. Irgendwann
auch
eine
„Volksbücherei“, wie etwas
verblasst noch immer an
der Außenwand steht,
rechts neben dem Geschmeide über der Eingangstür. In dessen Mitte prangen die Initialen „MB“. Da habe sich Martin Bormann
verewigt, sagt man.
Hitlers Geburtshaus Ein historisches
Foto des denkmalgeschützten
Gebäudes. Heute steht es schon seit
Jahren leer. Unten ein Babybild Hitlers
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Deutschland & die Welt 13
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Am liebsten hätte man Hitler in seiner Geburtsstadt vergessen. Aber die
Erinnerung ist nun einmal da. Und ebenso sein Geburtshaus – von Ulli Kulke
die Ende April 1945 das Haus in die Luft sprengen wollten, damit es nicht dem Feind in die Hände fiel. Man
hielt sie zurück. Ein russischer Duma-Abgeordneter
wollte kürzlich das Vorhaben vollenden und das Anwesen kaufen, um es abzureißen. Wahlkampfklamauk.
Er ließ davon ab, er hätte auch keine Chance gehabt.
Das Haus steht unter Denkmalschutz, seit Martin Bormann. Wie der gesamte Stadtkern. Sprengen verboten.
NUR EIN PAAR MONATE Dabei konnte Hitler mit
dem Haus nichts anfangen. Gleich nach seiner Machtergreifung 1933 verbot er jegliche Erforschung seiner
Herkunft, nach dem Anschluss Österreichs 1938 ließ er
alle Dokumente seiner Jugend tilgen. Unschickliche
Verhältnisse der Vorfahren und seine miserablen
Schulleistungen wurden Staatsgeheimnis. Familie Hitler lebte nur drei Jahre in der Stadt und – was fast keiner weiß – in dem Haus selbst sogar nur wenige Monate. Noch in seinem ersten Lebensjahr zog man um in
die Linzer Straße. Nur ein paar Wochen Kindergeschrei – für die Stadt eine Ewigkeit. Der FPÖ-Abgeord-
„Eigentlich ist es
nie die erste Frage,
die nach dem
Geburtshaus.
Aber die zweite
dann eben schon“
MITARBEITERIN
der Touristeninformation Braunau
nete im Gemeinderat, Christian Schilcher, will jetzt
das Ganze durch neues Geschrei übertönen und Hitlers Geburtshaus in ein modernes Geburtshaus umbauen lassen: „Hitler hat gemordet, und in seinem
Geburtshaus entsteht neues Leben“, lautet seine
schräge Idee, die Geschichte zu wenden. Er steht damit allein. „Nicht ernst nehmen“ wolle das der SPÖVertreter im Parlament: „Wer will da drin bitte sein
Kind gebären?“ Eine gute Frage.
Im Innenministerium hatte man gehofft, von Gerlinde Pommer bis Ende Januar endlich eine Antwort
auf ein Kaufangebot zu erhalten – bislang vergeblich,
heißt es in Wien.
Vorsorglich, sagt ein Sprecher des Ministeriums,
lasse man vom Verfassungsdienst prüfen, ob die Enteignung möglich wäre. Experten bezweifeln, dass allein das öffentliche Bedürfnis nach einem Gedenkort
ausreicht, um das zu rechtfertigen. Pikant wäre es
obendrein: Das letzte Mal war es der Nazi Martin
Bormann, der 1938 die Familie mit der Androhung der
Enteignung zum Verkauf zwang.
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14 Deutschland & die Welt
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Sich einfach mal
DIE WOCHE
Kondompflicht stellt Polizei
vor schwierige Aufgabe
Das geplante Gesetz zum Schutz von Prostituierten vor Gewalt bereitet der Polizei
Kopfzerbrechen – zumindest was die angestrebte Kondompflicht in Bordellen angeht. „Es ist keinem Menschen zumutbar zu
kontrollieren, ob ein Freier im Puff ein Kondom trägt oder nicht“, sagte der Vorsitzende
der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer
Wendt, der „Bild“-Zeitung. Die Kondompflicht sei absolut lächerlich. Die große Koalition hatte sich in dieser Woche auf das
Gesetz geeinigt. Bei einem Verstoß gegen den
Kondomzwang soll der Freier bestraft werden, nicht die Prostituierte.
Auf der Plattform
YouNow erzählen
Jugendliche Fremden
via Webkamera live
aus ihrem Leben.
Jugendschützer sind
entsetzt. Dabei hat der
Blick in ihren Alltag
auch etwas Großartiges
– von Peter Praschl
Venezuela verstaatlicht
Supermarktkette
Angesichts knapper Lebensmittel hat Venezuelas Präsident Nicolás Maduro die staatliche Übernahme einer privaten Supermarktkette angeordnet. Die Kette habe Lebensmittel gehortet und so „Krieg gegen die Bevölkerung geführt“, sagte Maduro in einer
Fernsehansprache. Bei der Supermarktkette
soll es sich um Día à Día handeln. Der Chef
des Unternehmens wurde unter dem Vorwurf des „Boykotts und der Destabilisierung“
verhaftet. In Venezuela ist die Inflation auf
einem Rekordhoch. Viele Lebensmittel, aber
auch Toilettenpapier, Windeln und Medikamente sind knapp. Grund ist vor allem der
Absturz des Ölpreises auf dem Weltmarkt.
US-Geisel des IS angeblich
bei Luftangriff getötet
Bei Luftangriffen der Anti-IS-Koalition soll
eine 26-jährige Entwicklungshelferin aus den
USA getötet worden sein, die sich in der
Gewalt des „Islamischen Staates“ befand.
Das jedenfalls behauptet die Terrororganisation. Die Frau sei beim Angriff eines jordanischen Kampfflugzeugs unter den Trümmern
eines Gebäudes begraben worden. Die USRegierung zeigte sich „besorgt“ über den
Bericht, es gebe aber bislang keinen Beweis
für die Behauptung. Die jordanische Regierung sprach von „Propaganda“. Die Frau
war 2013 in Syrien entführt worden.
Evangelische Kirche verliert
mehr als 200.000 Mitglieder
Im vergangenen Jahr haben so viele deutsche
Protestanten ihre Kirche verlassen wie seit
20 Jahren nicht mehr. Die Zahl der Austritte
stieg 2014 auf deutlich mehr als 200.000, wie
eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes in den Landeskirchen ergab. In
Bayern zum Beispiel traten mehr als 30.000
Menschen aus – eine Zunahme um 62 Prozent. Als wichtigster Grund gilt die Änderung
bei der Erhebung der Kirchensteuer auf die
Kapitalertragsteuer. Seit Jahresbeginn werden die Beträge automatisch von den Banken
an die Finanzämter weitergeleitet. An der
Steuerlast ändert sich dadurch nichts.
V
Vivi ist schon anderthalb Stunden auf Sendung,
aber immer noch überschwänglich. „Dicke Titten,
Kartoffelsalat“, sagt sie, der Refrain eines Sommerhits von einem Knallkopf namens Ikke Hüftgold, und gleich danach wechselt Vivi den Song
und rappt SDP featuring Weekend, „Ich tanz tanz
tanz aus der Reihe, in der Schule hatte ich immer
Langeweile, ich nehm’ Anlauf und spring durch
die Scheibe, weil ich immer übertreibe“. Sie sei 16,
sagt Vivi, und das könnte hinkommen. Ihr Gesicht
– voller Mund, beeindruckende Augenbrauen,
nachlässige Blondierung – sieht ein wenig seltsam
aus, weil sie nicht nur in ihre Laptopkamera, sondern auch auf ihr Handy schaut, das einen bläulichen Schein zurückwirft, aber das ist egal, weil Vivi gut drauf ist, sie kann einfach nicht aufhören, zu
reden. „Hey, schön, dass du da bist, mein Tag war
lang, ich hatte bis sieben Schule, dicke Titten, Kartoffelsalat.“
Sara dagegen ist eher der introvertierte Typ,
spricht sparsam mit langen Nachdenkpausen dazwischen. Irgendwie kommt ihr Stream nur langsam in die Gänge. Sie würde alles erzählen, sagt
sie, „na ja, fast alles, stellt mir ruhig Fragen“, aber
niemand will etwas von ihr wissen, vorläufig jedenfalls. „Wir könnten etwas spielen“, sagt Sara,
„ich denke an ein Wort, und ihr versucht, es zu erraten“, und dann denkt Sara an ein Wort und sagt
lange nichts, aber von den fünf Menschen, die ihr
laut Zähler zusehen, äußert niemand eine Vermu-
tung. „Na ja, egal“, sagt Sarah, „dann eben etwas
anderes“. Einer von den fünf Zuschauern bin übrigens ich.
Ich treibe mich auf YouNow herum, einer Website, die bei Teenagern das neue heiße Ding sein
soll. So steht es jedenfalls seit einigen Tagen in der
Presse. YouNow ist eine amerikanische Website,
die es jungen Menschen ab 13 ermöglicht, mit
Handy- und Computer-Kameras ihr Leben ins
Netz zu streamen, und allen anderen, auch Menschen wie mir, die deutlich älter sind, erlaubt, dabei zuzusehen und wie in einem Chat zu kommentieren oder Fragen zu stellen. Das Leben, das man
zu sehen bekommt, sieht meistens so aus: Ein
Teenager liegt in seinem Teenagerzimmer auf seinem Teenagerbett, hält sein Teenagergesicht sehr
nahe an die Kamera und erzählt von seinem Tag,
seiner Laune oder seinen Lieblingsfilmen („Ich
mag Johnny Depp sehr gerne, aber jetzt ist der immer so betrunken“) und reagiert auf die Beiträge
der für ihn unsichtbaren Zuschauer („in der Nähe
von Dortmund, mehr sag ich nicht“, „nein, ich habe keine Freundin“, „danke, dass du mich likest“).
Im Grunde geht es wie bei diesen Bezahl-Sexchats im Netz zu, bei denen man nackten, erwachsenen Frauen mitteilen kann, was sie vor der Kamera tun sollen – nur dass YouNow nichts kostet,
nichts mit Sex zu tun hat ( jedenfalls, wenn die Regeln eingehalten werden), die Menschen, die man
zu sehen bekommt, nicht nackt oder halb nackt
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Deutschland & die Welt 15
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leer reden
GETTY IMAGES
den letzten zwei Monaten die Zahl der Nutzer um
250 Prozent gewachsen) und streamen ins Netz,
wie sie sind – in Klamotten, die sie auch sonst tragen, in Zimmern, in denen sie wohnen, auf Betten,
in denen sie einschlafen. Manchen von ihnen kann
man auch beim Schlafen zusehen, so wie man
manchmal den eigenen Kindern beim Schlafen zusieht, fast ist es, als würde man sie bewachen.
Für den Gründer von YouNow, einen New Yorker Mittvierziger namens Adi Sideman, war diese
Wendung der kollektiven Jugendpsychologie ein
Glücksfall. Anfang 2014 stand sein Unternehmen
schon knapp vor der Pleite, doch seit die Kids YouNow in eine Website verwandelt haben, auf der
man ihnen in Echtzeit beim Leben zusehen kann,
investieren alle möglichen Wagniskapitalgeber
viel Geld, obwohl nicht genau ersichtlich ist, wie
man mit YouNow Gewinne machen könnte. Aber
bei Google und Facebook hat es ja auch ein paar
Jahre gedauert, bis man das herausgefunden hat.
vor der Kamera sitzen, sondern Rollkragenpullover, Hoodies oder Message-T-Shirts tragen, das
Ambiente nichts Verfängliches hat (Schmetterlinge-Sticker, Fußballerposter) und dass die Mädchen und Jungs nur ihren Geist enthüllen.
Dennoch schlagen die Erwachsenenmedien
Alarm, aus den üblichen Gründen. Nicht auszudenken, was so junge Menschen in ihrer Naivität
alles preisgeben könnten, heißt es. „Pädophile lieben diese App“, befand der „Stern“. „Mutproben
auf YouNow können lebensgefährlich sein“, gab
eine Medienexpertin namens Petra Grimm in den
„Stuttgarter Nachrichten“ durch, und ein Kölner
Medienanwalt wies vorsorglich darauf hin, dass
die Teenies sich der Urheberrechtsverletzung
schuldig machen könnten, wenn während ihrer
Broadcasts ein GEMA-geschütztes Lied aus dem
Radio-Lautsprecher käme. Es klang fast wie eine
Ermunterung, Abmahnungen zu verschicken. So
ist es ja immer: Sobald Erwachsene wittern, dass
Kinder etwas machen, das sie nicht überwachen
können, sehen sie nur noch die Gefahren – als gäbe es auf Spielplätzen bloß Spitzen und Kanten
statt Schaukeln, Wippen und Klettergerüste.
Jonny* ist immer noch dabei, obwohl es schon
halb elf ist und er morgen früh zur Schule muss. Er
sei 15, hat er gesagt, und wohne in der Nähe von
München. Man hört ihm an, dass er ein gut erzogener, intelligenter Junge ist, schöne lange Sätze,
kein Gepose, keine Beeindruckungssprüche, nur
Unverfängliches über sein Leben, dabei trinkt er
einen Milkshake von McDo. „Was esst ihr denn
gerne?“, fragt er. „KFC“, sagt einer. „Gibt es bei
uns nicht“, sagt Jonny. So geht das dahin, bis er irgendwann zuerst die Kamera, dann das Licht ausmachen und einschlafen wird.
Ursprünglich war YouNow 2011 als „social television“ erfunden worden, um Jugendlichen die
Gelegenheit zu geben, ihr Können als Sänger oder
Performer vorzuführen und von ihresgleichen beurteilen zu lassen. Doch statt an einer permanenten Internet-Talentshow teilzunehmen, beschlossen die Teenies, sich
einfach zu zeigen,
Vivi, 16, auf YouNow
wie sie sind. Kann
„Hey, schön, dass du da bist,
sein, dass es mittlerweile ein mächtigemein Tag war lang, ich hatte
Bedürfnis ist, aubis sieben Schule, dicke Titten, res
thentisch zu sein als
Kartoffelsalat“
für ein paar Likes
den Hampelmann zu
machen. Kann sein, dass Kids das Gefühl haben,
sowieso ständig etwas abliefern zu sollen, das in
den gängigen Formaten gefangen bleibt (ein DreiMinuten-Lied, einen Rap, ein Essay von 200 Worten und so weiter), und es deswegen an der Zeit
ist, einmal ohne all diesen Kram auszukommen.
Jedenfalls sitzen neuerdings rund um die Uhr Tausende und Abertausende junge Menschen vor Kameras (in Deutschland ist der Firma zufolge in
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ES PASSIERT – NIX Vorläufig ist das Beste an
YouNow, dass da gar nichts passiert, nichts Wesentliches jedenfalls. Niemand erzählt von Krebstherapien, mörderischem Liebeskummer, den
Streitereien der Eltern im Nebenzimmer und all
den anderen Katastrophen, die ein Teenager-Leben aus der Bahn werfen können. Da ist nur dieses
mittige Alltagsleben, ins Netz geströmt im Vertrauen, irgendwo auf der Welt könnte es Menschen geben, die sich das ansehen. Sobald jemand
versucht, einen Broadcaster unangenehm anzuquatschen („Tu mal so, als würdest du einen Salzstreuer über deinen Mund schütteln“), wird er
ignoriert. All die Fragen, mehr zu zeigen oder Klarnamen zu verraten, werden stoisch ausgesessen.
Die Medienkompetenz, um die sich Erwachsene
so sorgen, ist bei den Kids längst vorhanden,
merkt man beim Zusehen schnell – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass da nie etwas Unangenehmes passieren wird.
Was das alles soll, erklären einem die für die
Psychologie von Jugendlichen zuständigen Experten und Journalisten mit den üblichen Formeln:
Es ginge den Kids um Aufmerksamkeit. Als ob es
erstens unverständlich, zweitens eine kindische
Marotte, drittens gefährlich wäre, Aufmerksamkeit zu wollen – ausgerechnet in einer Welt, in der
sich jedes noch so unglamouröse Unternehmen
einen Facebook-Auftritt zulegt und Social-MediaBotschafter anstellt. Wenn sie nicht so ängstlich
und herablassend wären, fiele Erwachsenen möglicherweise das Großartige an YouNow auf: Wann
hat es das schon gegeben, dass Teenager stundenlang erzählen können, wie ihr Leben so ist, ohne
dass ihnen jemand ins Wort fällt, sie auf später
vertröstet, korrigiert, mit Ratschlägen zuspammt?
Schade eigentlich, dass es das nur für junge Leute
gibt. Schließlich könnten es auch Erwachsene gut
gebrauchen, sich leer reden zu dürfen.
Natürlich kann man sich leicht ausrechnen, wie
das alles weitergehen wird. Irgendwann werden
findige PR-Leute merken, dass YouNow eine tolle
Werbeplattform ist, und dann wird es Teenager
geben, die total unauffällig coole Produkte bei sich
im Zimmer stehen haben, und es wird YouNowStars geben, die es in die traditionellen Medien
schaffen, und irgendwann wird sich auch die eine
oder andere unangenehme Geschichte ereignen,
bei der ein YouNow-User zu Schaden kommt, und
die Skeptiker werden kundtun, dass sie es immer
schon gesagt haben. Kurzum: Es wird wie immer
enden, in einer Erwachsenenwelt. Den Kids allerdings wird dann schon wieder etwas anderes eingefallen sein.
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16 Deutschland & die Welt
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Und überall
ist die Angst
DOMINIK BUTZMANN (4)
Seit 25 Jahren leidet Valerie Heinrich* unter Panikattacken,
sie fürchtet sich, mit der Bahn oder mit dem Bus zu fahren
oder wagte nicht mehr, das Haus zu verlassen. Mal ist die
Furcht stärker, mal nur schwach. Doch sie ist immer da
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Es ist diese Silvesternacht, an die ich mich immer erinnere. Ich stand am Fenster, zu Hause bei meinen Eltern,
es war kurz nach Mitternacht, draußen blitzte es bunt
und ausdauernd. Ich starrte in den Himmel und dachte,
das ist ein Moment für grundsätzliche Wünsche. Ich
wünschte mir, wieder normal zu sein. Ich nannte es
normal, manchmal auch gesund. Ich wollte, dass aufhörte, was ich die Monate zuvor erlebt hatte. Ich wollte
wieder das Haus verlassen, ohne umständlich zu planen. Ich wollte wieder zur Schule gehen. Ich war 17 Jahre alt. Und ich hatte keine Ahnung, dass es nie wieder
aufhören würde. Ich hatte keine Ahnung, was noch
kommen würde. Und vermutlich war das ganz gut so.
Ich stehe am Bahnhof. Ich stehe neben der Treppe, an der
kleinen Bank aus Holz, ich habe hier oft schon gestanden, es
ist nicht der schönste Bahnhof, unfreundlich, kahl, aber es
ist der Bahnhof der Stadt, in der meine Freundin wohnt. Ich
fahre nach Hause, es ist leer hier an diesem Sonntagmorgen.
Der Zug fährt ein. Der Zug macht Zuggeräusche, aber in
meinen Ohren werden sie plötzlich immer lauter, zu einem
Getöse, Knallen und Zischen. Ich merke, wie mein Herz
klopft. Ich atme. Einatmen, ausatmen, atmen, immer dieses
Atmen. Ich kriege kein Luft mehr. Mir wird sehr heiß. Einatmen, ausatmen. Etwas Kiloschweres drückt auf meine
Brust. Ich weiß, ich muss jetzt durchhalten. Ich stelle mir
vor, wie die Türen gleich zuknallen. Ich reiße meine Tasche
an mich und springe heraus. Ich stehe wieder auf dem
Bahnhof. Ich bin einen kurzen Moment erleichtert. Dann beginnt die Verzweiflung. Ich will nach Hause und weiß nicht,
wie. Ich weiß, ich werde irgendwann nach Hause kommen,
auch wenn ich es jetzt nicht glaube. Und ich weiß, wie die
nächsten Tage aussehen werden. Die Wochen. Ich habe meine Strategien, um durch sie durchzukommen. Nur für die
Hoffnungslosigkeit dieses Moments habe ich keine. Ich
schleppe mich bis zu der Bank. Ich zittere. Eine Frau kommt
vorbei, sie fragt: „Sind Sie in Ordnung?“ Ich sage: „Ja, danke.“ Ich bin es gewohnt zu lügen.
SORGEN, PANIK, SCHMERZEN Die Silvesternacht
ist jetzt mehr als 25 Jahre her. Ich bin 42 Jahre alt. Ich
lebe in einer großen Stadt, in einem eigenen Zuhause.
Es ist ein schönes Zuhause. Ich lebe dort nicht allein.
Und ich habe einen sehr guten Job, er hat etwas mit
Werbung zu tun. Die meisten würden sagen, ich habe
Karriere gemacht. Mein Leben sieht gut aus. Von außen.
Und oft auch von innen. Immer dann, wenn die Angst
mich nicht zögern, rasen, schwindeln lässt, wenn Sorgen, Panik, Schmerzen meinen Alltag nicht zum Hindernislauf werden lassen. Wenn es nicht zur logistischen Herausforderung wird, mich zu bewegen.
Denn was nicht geht, wenn die Angst da ist, sind: UBahn- und Bahn-Fahren. Autofahren und Busfahren.
Geschlossene Räume. Menschenmassen. Termine mit
vielen Menschen. Wenn mich nicht ständig Fragen
beunruhigen wie: Werde ich in dem Meeting vor allen
umfallen oder mich übergeben müssen, oder werde ich
es vorher aus dem Raum schaffen? Werde ich bei dem
Gespräch auf dem Stuhl sitzen bleiben oder rausrennen? Werde ich an diesem Anfall sterben?
Ich habe selbst nur langsam gelernt, dass es Angst ist,
und noch langsamer, es zu akzeptieren. Ich mag ihn bis
heute nicht, diesen Begriff: Angstpatientin.
Ich habe einige Diagnosen bekommen. Generalisierte Angststörung. Panikstörung. Phobien: Agoraphobie
(Angst vor Plätzen), Klaustrophobie (Angst vor Enge),
Angst vor Erbrechen, Dunkelheit, Krankheiten und
manchmal auch vor anderen Menschen. Ich habe viele
Therapeuten kennengelernt in den vergangenen 25 Jahren. Ich habe analytische Therapien gemacht und Verhaltenstherapien, Gruppentherapien und Gestalttherapien, Bewegungstherapien, autogenes Training, Meditation; ich war in Krankenhäusern in verschiedenen Abteilungen. Ich habe Medikamente genommen, Bachblüten, Antidepressiva, Beruhigungsmittel.
Was davon dauerhaft geholfen hat: nichts.
Natürlich hatte es einen Anfang. Vermutlich kommt
es auf die Perspektive an. Psychoanalytiker würden viel-
Deutschland & die Welt 17
E
„
Bei den schlimmsten
Panikanfällen war
es die Angst, zu
sterben. Und bald
hatte ich vor allem
Angst vor der Angst“
leicht sagen: irgendwo da in der Kindheit. Biologen: irgendwo da in den Genen. Für mich war es ein Konzert,
ein paar Monate vor jener Silvesternacht. Ich ging gern
aus als Teenager. Bis zu diesem Tag.
Ich stehe natürlich in der ersten Reihe, wo sonst, da, wo es
laut ist und heiß und das meiste Leben. Wir haben uns nach
vorn durchgeboxt, meine Freundin ist irgendwo drei Menschen weiter, ich sehe sie nicht, alle warten. Warm, heiß,
sehr heiß. Seltsam steigt Hitze in mir auf, aus dem Bauch, in
den Kopf, ich fühle, wie mein Herz plötzlich rast, ich bin
nicht mehr aufgeregt, es ist unangenehm, der Raum dreht
sich leicht, Kribbeln in der Brust, im Hals, in den Armen, ich
werde umfallen, hämmert es in meinem Kopf, ich werde das
Bewusstsein verlieren, ich muss raus, sofort, solange es noch
geht. Ich schiebe mich durch die Leute, auf zitternden Beinen komme ich zum Rand der Halle. Jemand gibt mir Wasser. Atmen. Es wird besser. Natürlich wird es besser.
Es ging vorbei. Es ging so gut vorbei, dass ich den
zweiten Teil des Konzerts wieder vorn erlebte. War
doch eigentlich nichts passiert. Nur dass es mir zwei
Wochen später wieder passierte. Auf einem zugigen UBahnhof. Dann in der Supermarktschlange. Und ein
paar Tage später im Physikunterricht, aus dem Nichts.
Schwindel, Pulsrasen, ein wachsendes Gefühl von
Fremdheit. Zwischen mich und die Realität der anderen
schob sich etwas wie ein durchsichtiger Vorhang.
DER SCHULWEG, UNÜBERWINDBAR Man sah mir
wenig an in diesen Wochen. Dass ich blass war und
manchmal noch blasser wurde. Dass ich mit hängenden
Schultern über den Schulhof schlich, stiller war. Dass
ich irgendwann kaum mehr in den Unterricht kam. Zwischen mir und der Schule: der Weg. Und der war bald
unüberwindbar. Meinen Freunden erzählte ich nichts.
Meine Eltern waren ratlos. Sie schleppten mich zu einem Arzt. Er verschrieb Vitamine. Der nächste Arzt war
ein guter Arzt. Er schickte mich nicht weg. Er sprach
mit meinen Eltern. Er sprach mit mir. Ich befürchtete,
an einer mysteriösen Krankheit zu leiden. Ich war kerngesund. Ich war überzeugt, ein Problem mit dem Kreislauf zu haben. Der Kreislauf war in Ordnung. Ich hielt
ihn nicht für in Ordnung, wenn er doch offensichtlich
dauernd versagte. Der Arzt fragte, ob ich an etwas denken würde, das mich erschreckte, bevor dieses vermutete Kreislaufversagen begann. Ich fragte: Warum?
Da tauchte das Wort Angst zum ersten Mal auf. Und
verschwand nicht mehr.
Irgendwann in diesen Wochen, die zu Monaten wurden, stand im Morgengrauen eine meiner Freundinnen
aus der Schule vor unserer Tür. Sie wohnte am anderen
Ende der Stadt und war zwei Stunden früher aufgestanden, um mich abzuholen. Sie fragte nicht, sie sagte nur,
wir gehen jetzt. Mir war schwindelig, aber ich stieg mit
ihr zusammen in den Bus. Ich knüpfte mir ein Sicherheitsnetz. Ich fuhr nur noch im Notfall allein mit Bahnen. Ich war ohnehin fast nie allein unterwegs. Ich ging
nicht mehr aus, vor allem nicht abends. Ich hielt mich
am Tisch fest, wenn mir im Unterricht zu schwindelig
wurde. Oder stemmte die Füße in den Boden. Ich fixierte Punkte in der Ferne, um mich abzulenken. Ich zählte
rückwärts, wenn die Panik anfing. Ich hatte immer Geld
für ein Taxi dabei. Ich hatte immer Kreislauftropfen dabei. Jahre später auch Beruhigungsmittel.
Wovor ich Angst hatte? Schwer zu sagen. Mal davor,
umzufallen, dann davor, mich zu übergeben, mal davor,
zu ersticken, oft davor, vor anderen bloßgestellt zu werden. Bei den schlimmsten Panikanfällen war es die
Angst, zu sterben. Und bald hatte ich vor allem Angst
vor der Angst.
Wovor ich wirklich Angst hatte? Einfache Erklärungen – Schwierigkeiten in der Schule, Lehrer, Mitschüler,
die mir zusetzten – gab es nicht.
Ich verstand mich nicht, und ich wollte die Angst
auch nicht wirklich wahrhaben. Einmal sagte mir damals eine Bekannte meiner Eltern, ach, das gäbe es
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18 Deutschland & die Welt
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» Fortsetzung »
schon mal, dass die Nerven verrücktspielten, das sei sicher nur eine vegetative Dystonie. Ich wusste nicht genau, was das sein sollte, aber ich war sehr froh über einen Fachbegriff. Und ich war vor allem froh, etwas vorweisen zu können. Ich war tatsächlich immer gern zur
Schule gegangen. Jetzt fehlte ich so oft, dass ich dem
Unterricht immer schlechter folgen konnte. Ich mied
den Sportunterricht. Ich merkte, wie Lehrer mir misstrauten. Wie sie in mir eine flunkernde Pubertäre vermuteten. Ich wollte unbedingt, dass sie verstanden,
dass es nicht so war.
Als ich das Wort hatte, suchte ich meine Sportlehrerin auf, der ich wochenlang aus dem Weg gegangen war.
Ich sagte, ich würde gern wieder kommen. Ich sagte, ich
hätte diese Krankheit: Vegetative Dystonie. Sie sah
mich nur kurz an und zuckte die Schultern. Ich versuchte dann nicht mehr oft, etwas zu erklären, nicht in
der Schule und auch später nicht. Ich schaffte das
Schuljahr nur knapp. Das traf mich sehr.
Meine erste Psychotherapeutin hatte weiche Gesichtszüge und braune, später graue Haare, kinnlang,
sie trug meistens weite Oberteile, guckte immer verständnisvoll und manchmal bekümmert. Die meisten
Therapeuten, die ich kennenlernte, waren so. Irgendwann war ich mir sicher, es gibt vor allem diesen einen
Therapeutentyp, weiblich, fast alterslos, verständnisvoll-bekümmert. Ich saß sehr lange bei dieser Therapeutin, ohne irgendetwas zu sagen. Es dauerte, bis ich
lernte zu reden. Es gab später eine zweite Therapeutin,
die sich sehr engagierte und eine Vorliebe für Atemübungen hatte. Es gab einen Therapeuten, der die Sache
pragmatisch anging und gern besprach, was so an
Übungen zu üben wäre (Bahnfahren, Busfahren, mit
Leuten sprechen). Und eine weitere Psychologin, an
meinem Studienort, die meistens ratlos schien und sich
nicht viel Mühe gab, es zu verbergen.
DIE KINDHEIT Es ging bei den Therapeuten gern auch
um die Kindheit, natürlich. War ich ein ängstliches
Kind? Ja, vermutlich. Aber gibt es nicht viele ängstliche
Kinder? Hatte ich Verlusterfahrungen gemacht? Ja,
wahrscheinlich. Aber wer hatte die nicht? Ich hatte keinen Elternteil verloren. Mir war nichts Dramatisches
zugestoßen. Nichts objektiv Traumatisches. Mich hatte
niemand überbehütet, schon gar nicht meine Mutter,
das war nicht selten ein Grund, lernte ich: die Ängstlichkeit der Eltern. Nur hatte ich solche Eltern nicht.
Ich hatte einen abwesenden Vater und eine gestresste Mutter. Ich hatte Eltern, die sich nie gut vertrugen.
Die sich um mich kümmerten, wenn auch nicht ständig.
Ich war ein Kind, das gelegentlich allein war, aber sich
noch viel häufiger einsam fühlte. Das ungern unter
Fremden war. Das schüchtern war. Aber reichte das?
Ich erinnerte Momente, Gefühle, Verletzungen. Die
Einsamkeiten. Ich begriff, dass meine Angst etwas mit
der zu tun hatte, die ich als Kind gehabt hatte, sobald
ich meine Mutter aus den Augen verlor. Sobald mein
Vater wütend wurde, weil ich fürchtete, er könnte ausrasten. Oder weggehen. Er tat beides genau einmal, und
ich wusste nie, was schlimmer gewesen war. Aber traumatisch? Ich verstand, dass meine Angst auch ein Mittel war, Beistand zu bekommen, um den ich nicht gebeten hätte. Ich lernte, mich selbst zu durchschauen und
andere gleich mit. So sehr die Krankheit mit sich brachte, dass ich Ausreden vor anderen erfand – vor mir
selbst funktionierten sie nicht mehr. Ich glaube auch,
dass mir das später in meinem Leben, sogar in meinem
Beruf, geholfen hat: dass ich die Mechanismen, wie
Menschen reagieren, schneller durchschaue als andere.
Was die Therapeuten häufig interessierte, war Sex.
Zumindest fragten sie viel danach. Gerade die eher analytischen. Das hatte mich schon an Sigmund Freud gestört, den ich damals, als Jugendliche noch, zu lesen begonnen und relativ schnell wieder aufgegeben hatte.
Diese Obsession. Der Sex, den ich mit 17 hatte, war sehr
überschaubar gewesen, und der, den ich in den folgenden Jahren haben würde, war ein geringeres Problem
15,3 %
VERBREITUNG 15,3 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden an einer Angsterkrankung. Bei Frauen ist der Anteil der
Betroffenen mit 21,3 Prozent doppelt so
groß wie bei den Männern (9,3 Prozent).
1989
MANUAL Angststörungen wurden 1989
zum ersten Mal in das „Diagnostische und
statistische Manual psychischer Störungen“ (DSM) der amerikanischen Psychiater-Vereinigung aufgenommen, wo
sie die Neurosen nach Freud ersetzen.
2,7 %
SOZIALPHOBIE Darunter versteht man
krankhafte und dauerhafte Angst vor der
Begegnung mit und der Bewertung durch
andere Menschen. 2,7 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden darunter.
11.101.704
DIAGNOSEN Bei so vielen Patienten
wurde 2010 eine Angststörung festgestellt. Damit ist Deutschland europäischer Spitzenreiter – ebenso wie bei den
Ausgaben: Im Jahr 2010 entstanden mehr
als 15 Milliarden Euro Gesamtkosten.
1357
EURO betrugen die Ausgaben 2010 im
Durchschnitt pro Angstpatient für Medikamente, Psychotherapie, dazu die indirekten Kosten (Produktivitätseinschränkungen, Krankschreibung, Frührente).
als wirklich enge Kontakte. Meine Angst machte
Freundschaften oft schwierig und Beziehungen noch
schwieriger. Erst, weil ich die Angst verschwieg und die
Freunde erkannten, dass ich Ausreden erfand, auch
wenn sie den Grund nicht ahnten. Als ich die Angst
nicht mehr verschwieg, machte das die Sache auch
nicht einfacher.
Ich studierte erst ein paar Monate, als ich an der Universität meinen späteren Freund kennenlernte. Es war
eine bewegte Zeit. Ich hatte die Schule und mein Abitur
geschafft, ich hatte meine Angst meist im Griff. Ich hatte versucht, das meiste mitzumachen, Feste, Reisen, Leben. Zu Hause zu bleiben war keine Lösung, das mussten mir nicht erst Therapeuten erzählen. Ich ging immer wieder los, ich riskierte immer wieder Panik, ich
war meine eigene Verhaltenstherapeutin, und ich war
streng mit mir und stur mit dem Leben. Ich war zu lebenshungrig, um es nicht zu versuchen, und ich hatte
meine Strategien (Tropfen, Telefonzellen, Übungen).
Krücken nannte sie meine Therapeutin.
Ich hatte weniger Freunde als früher, vielleicht waren
es bessere, engere, ich weiß es nicht. Die Wahrheit ist
auch: So wenig ich selbst die Krankheit brauchte, in einem Alter, in dem man eigentlich rausdrängt, selbstständig werden will, so wenig begeisterte es die anderen, wenn jemand ständig absagte, verschob, zögerte.
Es hatte schlimme Momente gegeben, in denen ich hilflos auf der Straße stand, weinend meine Mutter anrief,
verzweifelt mit allem haderte, von Selbstmitleid überschwemmt wurde. Ich wollte die Unbeschwertheit meiner Freunde. Ich wollte so unbedingt normal sein. Aber
es war besser geworden mit der Zeit. Jede überstandene
Angstsituation ein Etappensieg.
Das Ende der Schule, das Neue am Studium hatte
mich etwas unsicher gemacht. Manchmal mied ich Busse, nicht jede Vorlesung schaffte ich. Dann lernte ich
meinen Freund kennen – und, ja, verliebt zu sein hilft
gegen die Angst. Es hilft sogar sehr. Ich konnte niemand
Vertrautes mitnehmen, wenn ich mich mit ihm traf, also fuhr ich allein los. Ich musste ausgehen, um mit ihm
zusammen zu sein, also ging ich aus. Ich wollte bei ihm
übernachten, also überwand ich Bedenken. Meine
Ängste wurden weniger. Ich war glücklich. Monatelang.
Ein Jahr. Und länger. Bis das Glück ein wenig alltäglicher wurde. Und die Ängste etwas mehr. Ich spielte sie
runter. Stress, das erste Praktikum, die Klausuren. Das
war auch alles wahr. Aber wahr war auch, dass etwas
Seltsames passiert war.
Mein Freund hatte mir geholfen, als es mir schlecht
ging. Er hatte vielleicht nie wirklich verstanden, was
meine Probleme bedeuteten, aber er war da gewesen.
Aber jetzt kam die Angst wieder, obwohl er da war. Ich
hatte das Gefühl verloren, mit ihm unangreifbar zu
sein. Ich wusste, dafür konnte er nichts. Aber ich schaffte es einfach nicht, die Enttäuschung zu überwinden.
Das merkte er. Wir trennten uns. Ein paar Wochen später zog ich in die neue Stadt, allein, nicht, wie geplant,
mit ihm. Ich bewältigte den Umzug gerade noch. Aber
einmal angekommen, kam ich kaum noch aus dem
Haus. Tage. Wochen. Irgendwann reisten meine Eltern
an und brachten mich in eine Klinik.
Ich liege auf einem Bett. Die Wände tragen Pastellfarben
hier, genauso wie die Bilder, die an ihnen hängen, zwei über
dem Bett, zwei gegenüber, ich habe sie so lange angestarrt,
ich kann Seen und Wälder und Himmel noch sehen, wenn
ich die Augen schließe. Ich habe ein Buch, das ich schon in
verschiedenen Versionen gelesen habe, es sind dumme Geschichten, die in Südengland spielen, es passiert immer wieder das Gleiche in der freundlichen Welt dieser Bücher,
nichts, was sich nicht nach 300 Seiten in sehr viel Wohlgefallen auflöst, ich versuche zu lesen, um nicht zu denken, um
etwas zu tun, das weitergeht, um mich an Sätzen festzuhalten, damit die Angst mich nicht mitnimmt. Draußen auf
dem Gang sind Stimmen zu hören, manchmal Geklapper,
gelegentlich kommen Schritte näher, jemand fragt mich, ob
ich etwas essen will, ich sage immer Nein, weil ich nicht
weiß, wie ich in den Essraum nebenan kommen soll, dreißig
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Deutschland & die Welt 19
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Detektivgeschichten. Das mochte bei manchem Menschen so sein. Aber bei mir gab es so eine Erklärung
nicht, da war ich mir irgendwann sicher. Es war wie ein
Rätsel, das ich nicht lösen konnte, an dem ich versagte.
Aber da hätte meine Therapeutin heftig widersprochen.
Versagen ist ein Wort, das Therapeuten meiden.
Meter zu viel. Das Münztelefon ist doppelt so weit weg, unerreichbar. Ich sage auch Nein, wenn sie mir etwas bringen
wollen, aber meistens fragt niemand. Die Frau, die im Bett
neben mir liegt, redet manchmal von Depressionen, sie
weint viel. Ich kann damit nichts anfangen, ich bin nicht
traurig, ich weine nur, wenn die Panik zu groß wird, meistens noch nicht einmal das, ich will nicht vor anderen weinen. Ich weiß nicht, was schlecht sein soll am Leben, wenn
man keine Angst hat.
Ich blieb nur wenige Tage in diesem Krankenhaus,
länger hielt ich es nicht aus, man kümmerte sich wenig
um mich, das war wohl das Prinzip, Leute ankommen
lassen. Aber ich wollte hier nicht ankommen zwischen
traurigen Erwachsenen. Als ich ging, sagte ein gestresster Arzt, er werde mich bestimmt bald wiedersehen, mit
Davonlaufen sei noch niemand weitergekommen, das
mache alles nur schlimmer. Es wurde nicht schlimmer.
Die Erleichterung, dort heraus zu sein, war für eine
Weile so groß, dass es zunächst besser wurde.
Ich war später noch einmal in einer Klinik, in der ich
andere Ärzte traf. Und Patienten. Ich traf Menschen,
die mir damals mühsam wieder halfen, auf die Beine zu
kommen, als ich gar nichts mehr konnte. Es war nicht
immer leicht zu sagen, was half. Sich immer wieder der
Angst aussetzen? Ja. Mit anderen reden? Vermutlich.
Die Antidepressiva, die ich eine Zeit lang bekam? Möglich. Aber vielleicht war es auch einfach die Zeit.
Ich glaube an die Wirkung der Psychotherapie oder
vielleicht eher an die der Psychotherapeuten. Dennoch
ist es bis heute schwer für mich zu sehen, wie sie funktioniert, ob sie funktioniert. Das Aufarbeiten? Das
Überdenken eigener Verhaltensmuster? Die Konfrontation mit der Angst? Eines funktioniert bestimmt: dass
dort jemand ist, der zuhört. Der Gedanken unterbricht,
die immer stur in eine Richtung gehen.
Aber es gab eine Phase, da hasste ich vor allem das
Prinzip der analytischen Therapie, immer wieder über
die Vergangenheit zu reden. Zu wühlen. In den Büchern
über Angst, von denen ich im Laufe der Jahre so viele
gelesen habe, war das immer so schön: die Fallgeschichten. Da gab es den leidenden Patienten mit seinen seltsamen Ängsten. Und dann betrat der Psychiater/Analytiker/Therapeut die Szene und machte nach ein paar
Gesprächen ein Schlüsselergebnis in der Vergangenheit
des Patienten aus, das dieser tief in seinem Unterbewusstsein vergraben hatte. Und zack, da war das für alle
erkennbare, weil so schlüssige Muster. Es hat etwas von
„
Es ging bei den
Therapeuten gern
um die Kindheit. War
ich ein ängstliches
Kind? Ja, vermutlich.
Aber gibt es nicht
viele ängstliche
Kinder?“
ANGST –
DAS INTERAKTIVE FEATURE
Sie lähmt, sie macht krank – und sie treibt
zu Höchstleistungen: Kaum ein Gefühl ist
so stark und bestimmend wie die Angst.
In den vier multimedialen Teilen des
interaktiven WELT-Features können
die Nutzer all ihre Facetten entdecken: In
der Geschichte einer Angstpatientin, die
erzählt, wie sie ihr Leben meistert – und
ihre Panik verschweigt. Im Glossar, in dem
Experten zu Wort kommen und Fachwissen teilen, aber auch schöne Seiten der
Angst geschildert werden. In der
Community, in der sich die Nutzer über
eigene Ängste austauschen und einbringen
können. Und in der Simulation einer
U-Bahn-Fahrt, in der sich ganz real erleben
lässt, was es wirklich bedeutet, Angst zu
haben – und handeln zu müssen.
Jetzt online auf welt.de/angst
GESPRÄCHE ÜBEN Ich blieb in meiner neuen Stadt,
und ich kämpfte. Ich musste auf manchen Wegen mehrfach aussteigen aus Bus oder Bahn, wenn die Panik kam,
aber ich stieg auch wieder ein. Ich trainierte mit meiner
Therapeutin Gesprächssituationen, so albern ich es am
Anfang fand. Ich begann bei einer Yogagruppe, um keine Angst mehr vor Sport zu haben. Ich ging in eine
Gruppentherapie. Ich hielt Vorlesungen durch, egal wie
sehr ich fürchtete, dass mir schlecht wird. Ich fand
Freunde, die mir halfen, weil sie da waren. Ich machte
einen guten Abschluss. Ich begann Praktika und Jobs
und erfand eine kranke Mutter, wenn ich nur halbe Tage
schaffte oder vor Meetings zu große Angst bekam.
Ich erinnere mich an einen engagierten Agenturchef,
der mich nach einer meiner Entschuldigungen sorgenvoll anschaute und sagte: Du musst auch mal an dich
denken, sonst übernimmst du dich! Dabei dachte ich ja
dauernd an mich, gezwungenermaßen. Und ich übernahm mich immer, sonst kam ich ja keinen Schritt weiter. Und dann entwickelte ich plötzlich ein Gefühl, das
ich ab da immer mal wieder spüren würde: Stolz. Stolz
auf das, was ich geschafft hatte. Stolz auf das, was niemand sah.
Im Krankenhaus hatte ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, mit anderen Menschen über die Angst zu
sprechen. Ich hatte versucht, diese Gruppenrunden zu
vermeiden, aber damit kam ich natürlich nicht durch.
Später ging ich freiwillig, sogar nach der Entlassung.
Und: Ja, es half zu reden. Es tut gut, sich fallen zu lassen, den Druck, die Angst verstecken zu müssen, einmal
los zu sein. Es tut gut, wenn Leute verstehen, was einem passiert, auf die einzige Art, auf die das vermutlich
möglich ist: weil sie es selbst erlebt haben. Das Prinzip
Selbsthilfegruppe. Aber es hatte auch seine Grenzen.
Die Ähnlichkeiten haben Grenzen. Jeder erlebt doch
anders. Und ich hatte das Gefühl, dass sich einige sehr
in ihrer Patientenrolle eingerichtet hatten. Sie redeten
irgendwann nur noch über die Krankheit. Sie sahen alles durch die Krankheit. Und das tat ich selbst ja schon
zu viel.
Ich hatte keine großen Probleme, eine feste Anstellung zu finden, und irgendwann musste ich mir nicht
mal mehr Ausreden einfallen lassen und konnte ganze
Tage durchstehen. Auch wenn ich Präsentationen immer noch nicht mochte. Ich hatte Erfolge. Das gab mir
Sicherheit. Es gab diese Momente. Den einen, bei dem
ich eine Präsentation abrupt abbrach und rauslief, vor
den Augen sehr vieler erstaunter Kollegen. Oder die
Termine, bei denen ich Pausen nutzte, um auf der Toilette Atemübungen zu machen. Oder in Panik meinen
Mann anrief.
Ich hatte meinen Mann in einer Agentur, für die ich
eine Weile arbeitete, kennengelernt. Ausgerechnet in
einem Moment, als das Verstecken nicht gut funktionierte, weil die Angst wieder stärker war. Wir arbeiteten
eng zusammen, und er merkte bald, dass irgendetwas
nicht stimmte. Aber ihn interessierten meine Ängste
nicht, was mich durchaus überraschte. Er urteilte und
beurteilte nicht. Er nahm sie einfach hin. Er nahm hin,
dass ich mitten im Film aus dem Kino wollte. Oder im
Restaurant aufstand. Dass ich auf der Straße in Panik
geriet oder mich weigerte, in Autos, Busse, Bahnen einzusteigen. Er nahm hin, dass ich Freunde anlog und zu
Verabredungen nicht erschien. Und mehr als das.
Vor einigen Jahren musste ich häufiger reisen, weil
ich Termine in anderen Städten hatte. Eine echte Herausforderung. Flugzeuge, Bahnen, Autofahrten! Fremde Menschen! Einmal fuhr mein Mann mit mir 500 Ki» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
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20 Deutschland & die Welt
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Die Ang
Andreas Ströhle
und Thomas Fydrich
erforschen seit
Jahrzehnten die
Angst. Manchmal
muss man einfach
mit ihr leben
A
ndreas Ströhle und Thomas
Fydrich, der eine Psychiater,
der andere Psychologe, haben sich bei der Arbeit an
Forschungsprojekten kennengelernt. Unter anderem arbeiteten
beide Professoren zum Thema Angst.
» Fortsetzung »
lometer weit, weil ich am Bahnhof wieder umgekehrt
war. Er fuhr mich und wartete, während ich meinen
Mut zusammennahm und zu meiner Besprechung ging.
Er hat viel Zeit in Cafés verbracht, um die Ecke von
Häusern, in denen ich Termine hatte. Auch das war
nicht unbedingt etwas, was Therapeuten guthießen.
Unterstützung, zumal immer von einem Menschen, in
dem Umfang, das war in ihrem Maßnahmenkatalog natürlich nicht vorgesehen. Abhängigkeit. Ein Ungleichgewicht in der Beziehung. Vermutlich haben sie recht.
Aber es stimmt eben auch, dass ich durch die Starthilfe meines Mannes immer wieder anfing, Dinge allein
zu bewältigen. Dass wir nie das Gefühl hatten, ich wäre
die Schwächere. Und dass er mir auch nie das Gefühl
gab, die Abhängige zu sein. Ich weiß, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Und zum Glück gab es
noch etwas, in dem wir uns einig waren. Über gemeinsame Kinder als Möglichkeit habe ich nie nachgedacht.
Ich war selbst fast noch ein Kind, als die Angst begann.
Irgendwann auf dem Weg ins Erwachsenwerden, als
klar wurde, dass die Angst bleiben würde, verschwand
das Thema aus meinem Leben als Option. Ich habe das
akzeptiert.
Im Alltag verschweige ich meine Angst weiter. Bis
heute. Auch davon sind die meisten Therapeuten keine
großen Freunde. Die Schwäche, die angeblich keine ist,
zuzugeben vor anderen – das sollte vor allem mich
selbst entlasten. Ich verstehe, warum das in der psychotherapeutischen Theorie gut aussieht. In der Praxis tut
es das nicht. Es ist ziemlich genau voraussagbar, was
passierte, wenn ich über meine Krankheit sprechen
würde. Die Leute wären bestürzt. Und voll Mitleid. Es
gäbe Ich-hatte-ja-keine-Ahnung-Sätze, und Freunde
würden verstehen wollen, vermutlich. Und helfen.
UNVERSTÄNDNIS Es ist nur so: Angst ist kaum zu
verstehen für jemanden, der sie nicht empfindet. Bei
mir waren auch nicht alle Ängste gleich stark ausgeprägt. Es gab Zeiten, da hatte ich selbst Schwierigkeiten
zu begreifen, warum mir bestimmte Situationen Angst
gemacht hatten. Und wie sich das angefühlt hatte.
Es ist schwer zu helfen. Es gibt niemanden, den gescheiterte Hilfeversuche nicht irgendwann frustrieren.
Und es gibt kaum etwas Schlimmeres für jemanden, der
an Angst leidet, als die naheliegenden Hinweise: Entspann dich doch. Und irgendwann das Unweigerliche:
Reiß dich doch zusammen. Ich weiß nicht, was diese
Menschen unter Zusammenreißen verstehen. Mein Leben bestand in den vergangenen 25 Jahren sehr oft aus
nichts anderem.
Ich stehe auf dieser großen, lauten Straße, in der das Leben neben mir stattfindet, das Leben, in dem ich gerade wieder gescheitert bin. Und ich denke: Wie gern ich es mal sagen
würde. Wie es mir geht, wie mein Leben aussieht. Wer erkennt das mal an, was ich jeden Tag schaffen muss, um irgendetwas schaffen zu können, diese ganze Anstrengung.
Denke: Ihr wisst nichts von dem Brennen im Bauch und den
Körper herauf, von dem Herzrasen und Nichtschluckenkönnen und der Angst vorm Ersticken, plötzlich, einfach so,
oder weil ich, zum Beispiel, in einer Supermarktkasse stehe.
In einer sehr normalen, sehr alltäglichen Feierabendschlange. Und darum kämpfe, hier stehen zu bleiben, um die verdammte Milch mitnehmen zu können, oder das Brot, weil
ich sonst, sehr real, kein Brot und keine Milch haben werde.
Ihr wisst nichts von der Erbärmlichkeit dieser Situation.
Von dem Umdrehen und Aussteigen und Aufgeben und der
Kraft, die es kostet, trotzdem wieder loszugehen und einzusteigen und Mut zu fassen.
Die letzte intensive Angstzeit ist jetzt eine Weile her.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es mit dem Älterwerden eher besser wird. Ich habe gelernt, auch mit den
hoffnungslosen Phasen umzugehen. Ich versuche, auch
die guten Momente mit der Angst im Kopf zu behalten:
Nichts gegen das unendliche Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, was Minuten vorher undenkbar
schien. Manchmal schaffe ich es tatsächlich: die Momente des Stolzes. Es gibt ja nur dieses eine Leben für
jeden. Und meines ist eben so, wie es ist.
Ich starre noch heute an Silvester in den Himmel,
aber ich wünsche mir selten etwas. Ich habe gelernt,
mit der Angst zu leben. Meistens.
* Valerie Heinrich hat eigentlich einen anderen Namen. Sie
wollte ihre Geschichte erzählen, aber es war ihre Bedingung,
dabei anonym zu bleiben. Warum, erklärt sie ausführlich in
dem Text. Auf ihren Wunsch sind daher einige persönliche
Daten verändert, um sie nicht identifizierbar zu machen.
Aufgezeichnet von Céline Lauer
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WELT AM SONNTAG: Gibt es einen
„Angsttyp“?
THOMAS FYDRICH: Ich denke nicht.
Kontrolle spielt bei den meisten eine
zentrale Rolle. Aber es gibt unter den Betroffenen auf der einen Seite offensichtlich sehr unsichere Menschen. Und es
gibt auf der anderen Seite jene, die zumindest nach außen erfolgreich sind, die
die Angst mit aller Kraft verdrängen –
und erst zusammenbrechen, wenn sie
den Raum verlassen.
Welche Ängste spielen eine besonders
große Rolle bei Ihren Patienten?
FYDRICH: Wir behandeln sehr oft Panikstörungen, Agoraphobien und posttraumatische Belastungsstörungen. Und
es kommen viele Menschen mit sozialen
Ängsten oder Phobien, die extrem beeinträchtigt sind in ihrem Leben. Manche
fürchten sich vor bestimmten sozialen
Situationen derart, dass sie sich nicht
einmal trauen, daran zu denken. Ich habe aktuell eine Patientin, die vom Jobcenter ein Angebot bekommen hat, sich
per Mail zu bewerben. Allein dieser Gedanke hat ihr so viel Angst gemacht, dass
sie deshalb schlaflose Nächte hatte. Die
Patientin sitzt seit zehn Jahren zu Hause,
ist Hartz-IV-Empfängerin und macht
wegen dieser Ängste fast nichts – obwohl
sie eigentlich hoch motiviert ist.
ANDREAS STRÖHLE: Wir haben ein
noch etwas breiteres Spektrum – bis hin
zu Patienten, die zusätzlich zu der Angsterkrankung auch schwere Depressionen
oder andere psychische Erkrankungen
haben. Wir schauen dann, wer für die
psychotherapeutische und wer für die
psychiatrische Sprechstunde geeignet ist.
Und wie therapiert man Angst?
FYDRICH: Die allgemeine Vorstellung
davon, wie man psychische Erkrankun-
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Deutschland & die Welt 21
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st akzeptieren
mit dieser Frage nicht wirklich weiterhelfen.“ Ich habe sie dann an eine Psychoanalytikerin weitervermittelt.
Man muss sich also mit der Angst konfrontieren?
FYDRICH: In einigen Fällen ja. Einer
meiner ersten Fälle in der Expositionstherapie ist für mich immer noch am beeindruckendsten. Damals in den 80erJahren hatte ich eine Patientin, die Panik
hatte, bei einem Herzinfarkt nicht rechtzeitig zu einem Arzt zu kommen. Die
Frau hatte sich immer nur in Uni-Städten herumgetrieben, weil dort hoch potente Kardiologen vorhanden sind. Wir
sind dann zwei Stunden nachts allein
durch einen Wald gelaufen – extrem bedrohlich für sie – und mit einen Bummelzug zurückgefahren. In dem Zug bekam sie dann eine Panikattacke, schaute
mich an und sagte: „Herr Fydrich, jetzt
sterbe ich.“ Da sagte ich ihr: „Das machen Sie mir jetzt mal vor.“ Sie schaute
mich an – und fing laut an zu lachen. Das
klingt jetzt fast ironisch, aber darin lag
die Konfrontation: in ihrer Erkenntnis –
in dieser fast paradoxen Form des Gesprächs –, dass die Angst vorm Sterben
nicht tötet. Das war der Durchbruch,
und diese Durchbrüche erleben wir in
der Verhaltenstherapie sehr häufig.
MARTIN U. K. LENGEMANN
gen heilen kann, lautet meist: Ich muss
die Ursache finden, ich muss die Emotionen einfangen, dann zieht das Verhalten schon nach. Aber alle Forschungsbefunde zu Angst sagen sehr klar, dass es
sinnvoller ist, am Verhalten anzusetzen.
Dann ist das Grundmodell der Therapie,
dass sich Patienten der Situation stellen,
die antizipierte negative Konsequenz –
meist der Tod – aber nicht eintritt.
Angstexperten Andreas Ströhle
(rechts), Thomas Fydrich
Hängt die Wirksamkeit nicht vom Fall
ab? Was ist mit Patienten, die jahrzehntelang mit Ängsten kämpfen?
FYDRICH: Es gibt einzelne Fälle, bei denen ich erlebt habe, dass die Leute nach
etwas anderem als „nur“ nach dem Loswerden der Symptomatik suchen. Ein
Beispiel: Ich hatte mal eine Patientin, die
Prüfungsängste und Ängste hatte, sich
ihrer Abschlussprüfung zu stellen. Da
denkt man dann: Super, man macht eine
Verhaltenstherapie, stellt strenge Tagespläne auf und sagt ihr, was sie nächste
Woche tun muss. Doch sie kam immer
wieder an und fragte: „Wie ist mit der
Ursache, wo kommt das her?“, bis ich
dann sagte: „Ich glaube, ich kann Ihnen
Hilft Reden oder nicht?
FYDRICH: Ich muss zugeben, dass ich
inzwischen allergisch reagiere, wenn die
Suche nach der Ursache zum Hauptinhalt der Therapie wird. Das machen viele
Therapeuten immer noch – leider. Wenn
man so stark auf die Ursache fokussiert,
ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass
man im Falle einer Nichttherapierbarkeit dem Patienten subtil diese Message
mitgibt: Er ist nicht therapierbar, weil er
die Ursache nicht ausfindig machen
konnte. Das finde ich richtig gefährlich.
STRÖHLE: Es gibt aber schon deutlich
mehr Therapeuten, auch psychodynamisch orientierte, die meinen, dass der
erfolgreiche Umgang mit der Angst auch
mittels verhaltenstherapeutischer Maßnahmen geht.
Sie sagen beide, Angst ist gut heilbar.
Patienten, die seit Jahrzehnten darunter leiden, würden das anders sehen.
FYDRICH: Wenn jemand einen schweren Unfall gehabt hat und auf Hilfsmittel
beim Gehen angewiesen ist – dann ist
das eben so. So ähnlich muss man das
manchmal auch bei Angsterkrankungen
sehen. Manchmal ist es dann das Ziel der
Behandlung, die Vermeidung zu vermeiden, aber auch zu lernen, die Angst bis zu
einem gewissen Grad zu akzeptieren.
Das wäre eine Verschiebung des Therapieziels. Diese Idee, vollkommen angstfrei zu sein, ist oft nicht adäquat. Die
Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der
schon mal Angst hatte, wieder starke
Angst bekommen kann, ist höher als bei
Leuten, die das noch nie hatten. Die Vorstellung, immer absolut angstfrei und gesund zu sein, das ist eine Überforderung,
die schon wieder ein Samenkorn dafür
sein kann, dass die Angst wieder auftritt.
Es geht also nicht um Heilbarkeit.
FYDRICH: Für mich ist das manchmal
so ein bisschen wie die Frage: Bin ich
wirklich glücklich genug. Das ist die beste Möglichkeit, sich unglücklich zu machen. „Ich bin nicht angstfrei genug“ ist
eine hervorragende Möglichkeit, immer
wieder neue Ängste zu entwickeln und
zu prüfen: Hab ich denn immer noch die
gleiche Angst, woran liegt das, werde ich
jemals angstfrei werden? Wenn ich
nachts aus einem Albtraum hochschrecke, heißt das nicht, dass etwas Schlimmes dahintersteckt. Dann kann es gut
sein, einen Tee zu trinken und eine Stunde später wieder zu Bett zu gehen. Jemand, der ständig sagt: Da war doch was
Schlimmes, da muss doch was sein – der
wird sich hochtreiben und die Schlafstörungen und Ängste verstärken.
STRÖHLE: Bis zu einem gewissen Ausmaß kann Angst ein Indikator sein: dafür,
dass Sie zu viel gearbeitet haben, dass Sie
sich in anderen Bereichen überfordert
haben, dass Sie aufpassen müssen. Da
kann die Angst durchaus auch eine gewisse Warnfunktion haben.
Das Gespräch führten Céline Lauer und
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22 Forum
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Ukrainekrise
Merkels Pendeldiplomatie
er Krieg in der
Ukraine ist gefährlicher als die
Kuba-Krise 1962,
die fast im
Atomkrieg mündete. Er ist auch
gefährlicher als die Nachrüstungskonfrontation 20 Jahre
später, als sich zumindest Moskau einem Krieg nahe glaubte.
Beide Male ging es um die
Frage, ob der Westen erpressbar sei. Das Mittel dazu waren
freilich nur russische Raketen,
und die waren verhandelbar.
Keine Seite musste den politischen Status quo, eigenes Gebiet oder Prinzipien preisgeben.
Heute hingegen geht es in der
Ukraine genau um dies.
Die politische Elite Russlands glaubt, die wichtigste
Siegermacht des 2.Weltkrieges
sei nach 1989 um die Früchte
ihres Sieges betrogen worden.
Das strategische Vorfeld in
Europa und die politische Weltgeltung sind verloren. Wladimir
Putin will bis 2017, zum 100.
Jahrestag der Oktoberrevolution, zumindest die russischsprachigen Gebiete zurückholen, die nicht zur Nato gehören – den Großteil der Ukraine, Moldawien, Teile Georgiens.
Die amerikanische Politik
wiederum glaubt, Putin betrüge
mit solchem Vorgehen die USA
um die Frucht ihres Sieges von
1945. Washington wollte weder
nur die Gründung der Vereinten Nationen. Aus amerikanischer Sicht bricht Putin in
der Ukraine gleich mehrfach
die Charta der Vereinten Nationen. Russland ist dabei, die UN
zu zerstören – den einzigen
Lohn Amerikas für vier Jahre
Weltkrieg. Es geht für beide um
ihr Selbstverständnis. US-Vize-
D
VON TORSTEN
KRAUEL
„Russland
ist dabei,
die UN zu
zerstören“
präsident Joe Biden ließ in
München keinen Zweifel daran.
Wer Europa überzeugt, gewinnt
dieses Kräftemessen, und Angela Merkel ist Europas wichtigste
Führungskraft. Sie lässt erkennen, dass sie Amerikas
Sichtweise versteht. Ja, sagte
sie auf der Sicherheitskonferenz, Russland bricht die
UN-Charta. Und ja, es zerreißt
das Budapester Abkommen
über die Garantie der ukrainischen Grenzen – ein Abkommen, das die Bedingung für
Kiews Beitritt zum UN-Kernwaffensperrvertrag war.
Aber Merkel möchte einen
neuen kalten Krieg in Europa
verhindern. Sie lässt durchblicken, dass der Westen die
Wirkung der Sanktionen abwarten und die entstandene
Lage notfalls vorläufig hinnehmen solle, ohne Annexionen
anzuerkennen.
Den Konflikt einfrieren, ohne
Völkerrecht preiszugeben – das
klingt einleuchtend, kommt
einer Kapitulation vor militärischer Macht aber gefährlich nahe. Es gibt in der Welt
etliche Staaten, deren Siedlungsstruktur der Ukraine ähnelt und bei denen die verdeckte Unterstützung von
Separatisten durch Nachbarn
große Folgen haben kann. Putin
testet in der Ostukraine auch,
wie die Nato reagieren würde,
wenn Russen im Baltikum zu
den Waffen griffen. Mit Waffenlieferungen an die Ukraine
wollen manche Amerikaner die
Separatisten stoppen und Putin
zwingen, Farbe zu bekennen –
entweder, indem er in echte
Verhandlungen einwilligt, oder
durch offene Unterstützung für
die militärisch schwachen Separatisten, oder durch einen
Einmarsch. Dann würde Putins
Spiel wenigstens im Baltikum
nicht funktionieren. Die Kehrseite wäre eine Eskalation.
Angela Merkel will das auf
keinen Fall; ihr Ziel ist es, die
EU zusammenzuhalten. Nur sie
kann das; sie ist als Verhandlerin alternativlos. Barack Obama stützt sie, indem er die vom
US-Kongress geforderte „Sicherheitshilfe“ an Kiew evaluieren lässt, ohne sie offen zu
befürworten. Er hält auch Geheimwissen über die Separatisten zurück. Merkel steht trotzdem unter Erfolgsdruck. Sie
beschwört den Westen, nicht
ungeduldig zu werden, aber
ihre Pendeldiplomatie muss
mehr erbringen als die Bekräftigung der Minsker Vereinbarung
über eine Waffenruhe, die nie
eingetreten ist. Angela Merkel
verlangt von Kiew de facto die
vorläufige Kapitulation vor
militärischen Tatsachen. Es ist
unerfindlich, welche glaubhafte
Gegenleistung Putin dafür
bringen könnte – er, der die
Ukraine kaltschnäuzig zerlegt.
Satire
Primaten unter sich
D
er Berliner Zoo hat
ernste Probleme. Seit
dem legendären Knut
ist dem Unternehmen kein
ähnlicher Triumph mehr gelungen, die Besucherzahlen gehen zurück, die Stimmung unter den Mitarbeitern ist gereizt, erst gestern traten die
Faultiere in einen unbefristeten Streik.
Immer wieder hat der Zoo
versucht, an alte Erfolge anzuknüpfen und scheiterte kläglich. Zum Beispiel Rieke, sie
wurde, genau wie Knut, von
der Mutter verstoßen und vom
Pflegepersonal
aufgezogen.
Doch wie sich erst nach langwierigen Untersuchungen herausstellte, handelt es sich
nicht um ein Eisbärbaby, sondern nur um einen OrangUtan. Ein schwerer Schlag für
den Zoo, Sigmar Gabriel zog
seine Zustimmung zur Übernahme einer Patenschaft zurück, Sebastian Edathy wäre
wohl noch immer bereit, aber
die Zooverwaltung ist grundsätzlich vorsichtig geworden
bei der Vermittlung von Tierkindern an SPD-Politiker. Bei
der CDU verweist man auf Ale-
xander Dobrindt, der angeblich
aus einer alten Primatenfamilie stammt.
Die FDP fühlt sich allen vom
Aussterben bedrohten Tierarten sehr verbunden, hat aber
im Moment kein Geld. Die
Grünen unterstützen nur regionale Tiererzeugnisse und
ähnlich sieht es bei der AfD
aus. Die Partei lehnt es auf Beschluss der Basis ab, ausländische Tiere zu fördern. Selbst
wenn das Orang-Utan-Baby
noch so süß aussieht, nimmt es
deutschen Affen den Arbeitsplatz weg.
Hans Zippert
Krise der De
Woran scheiterte
die Arabellion,
warum konnte sich
die Demokratie
nicht verfestigen?
Eine Antwort von
Francis Fukuyama
S
Jemen Frauen zeigen nach den letzten
Schon vor dem Fall der Mauer,
der die osteuropäischen Länder im Sauseschritt weg vom
Kommunismus trieb, gab es
weltweit bemerkenswerte
Fortschritte bei der Demokratisierung. 1970 waren es nur 35
Länder, die sich durch freie
Wahlen auszeichneten, 2014
schon mehr als 110. Dennoch
gibt es seit 2006 eine Art Rezession der Demokratie. Das
vergangene Jahr war nicht gut
für sie, denn die beiden Großmächte Russland und China
sind auf ihrem jeweils eigenen
Weg Richtung Eurasien. Und
der „Arabische Frühling“, der
2011 so viele Hoffnungen weckte, dass dieser Teil der Welt
sich der Modernisierung nicht
verschlösse, ist mittlerweile zu
einer neuerlichen Diktatur
degeneriert, wie man im Falle
Ägyptens sieht. Oder in tiefer
Anarchie versunken wie Libyen, Jemen und auch Syrien.
Dort und in Irak entstand zu
allem Leidwesen auch noch
eine aggressive islamistische
Bewegung, der IS.
Meiner Ansicht nach gibt es
einen entscheidenden Faktor,
der den Kern vieler demokratischer Rückschläge der vergangenen Generation ausmacht: das Scheitern von Institutionalisierung. In vielen
neuen und bereits bestehenden Demokratien ist es dem
Staat nicht gelungen, Schritt
zu halten mit dem allgemeinen
Bedürfnis nach Haftung und
Rechenschaftspflicht. Es ist
viel schwerer, von einem patrimonialen Staat zu einem
modernen, nicht auf Personen
fixierten, ja unpersönlichen,
also objektiven Staat zu wechseln, als aus einem autoritären
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Regime eines zu machen, das
regelmäßige, freie und faire
Wahlen abhält. Denn es geht
darum, gut regierte Staaten zu
errichten. Darin sind viele
Länder gescheitert, und dies
ist die Achillesferse jüngster
demokratischer Wechsel.
Der moderne Staat ist ein
Rechtsstaat, der alle Staatsbürger gleich behandeln will.
Der patrimoniale hingegen
sieht das Gemeinwesen als
persönliches Eigentum an und
macht keinen Unterschied
zwischen dem öffentlichen
Interesse und den privaten
Interessen des Herrschers.
Zwar gibt es heute keine rein
patrimonialen Gesellschaften
mehr, denn keiner traute sich
noch, ein Land seinen Besitz
zu nennen, wie dies Könige
und Königinnen einst taten.
Doch es existieren neopatrimoniale Staaten, die von sich
behaupten, modern zu sein,
die aber in Wirklichkeit Kleptokratien sind. Neopatrimonialismus kann mit Demokratie koexistieren, indem Patronage und Klientelismus
dazu führen, dass Politiker
staatliche Ressourcen mit
ihren Unterstützern teilen. In
solchen Gesellschaften gehen
Einzelne nicht in die Politik,
weil sie eine Vision vom Gemeinwohl hätten, sondern
einzig, um sich zu bereichern.
Damit ein Staat funktioniert, bedarf es des Zwangs,
weswegen Staatsgewalt so oft
Angst und Hass erweckt. Michael Mann hat unterschieden
zwischen „despotischer“ und
„infrastruktureller“ Macht,
wobei letztere sich um öffentliche Güter und das Gemeinwohl kümmere. Doch Zwang
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Forum 23
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mokratien
IMPRESSUM
Verleger: Axel Springer (1985 †)
Herausgeber: Stefan Aust
GETTY IMAGES
Chefredakteur: Jan-Eric Peters
Wahlen ihre mit Farbe markierten Daumen
ist bei allen Staaten nötig.
Erfolgreichen Staaten gelingt
die Konversion von Zwang und
Gewalt in Autorität – also in
freiwillige Komplizenschaft
der Bürger, die überzeugt sind,
dass das staatliche Handeln
legitim ist. Doch selbst die am
besten legitimierten Demokratien brauchen Druck, um das
Recht anzuwenden. Man kann
die Korruption oder den Steuerbetrug nicht angehen, wenn
niemand ins Gefängnis muss,
so er die Gesetze bricht. Die
Kraft hat der Staat nicht nur
durch das geschriebene Recht,
sondern durch Übung und
Anwendung vieler, wodurch
langsam die institutionellen
Regeln etabliert werden, die
gutes Regieren benötigt.
Die Lektion der letzten 25
Jahre ist die, dass die Gründung moderner Staaten nicht
Schritt hält mit der Entstehung demokratischer Institutionen. Selbst in den entwickelten Demokratien hat der
Staat nicht mithalten können
mit den Bedürfnissen der
Bürger nach qualitativ anspruchsvollem Regierungshandeln. Dies hat die Demokratie als solche delegitimiert.
Dass autoritäre Staaten wie
China und Singapur genau
diese Bedürfnisse ihrer Bürger
befriedigen können, ist eine
Herausforderung. Staatsgründungen scheiterten in Afghanistan und Irak trotz der enormen Investitionen sowohl der
USA als auch der Koalitionspartner, die doch einen geringen Effekt auf die innere Stabilisierung der zerrissenen Länder hatten – obwohl es gelang,
Wahlen abzuhalten, um zumindest einen demokratischen
Prozess in Gang zu bringen,
der es der Führung erlaubt,
einen Hauch von Legitimität
zu verkörpern.
Auch die Ukraine sei hier
genannt, wo es den Trägern
der Orangen Revolution nicht
gelang, die Korruption zu
überwinden und dem Land
eine qualitativ anspruchsvolle
Regierungsführung zu geben.
So sehe ich den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine nicht als einen um Demokratie per se, sondern um den
einer modernen gegen die
neopatrimoniale Ordnung. Die
eigentliche Wahl der Menschen in dieser Region ist die,
ob sie Regierungen wollen, die
sich um das öffentliche Wohl
bemühen, oder ob sie weiter
von korrupten Eliten dominiert werden wollen, die den
Staat zur persönlichen Bereicherung benutzen.
Bei der Legitimität vieler
Demokratien geht es in Zukunft aber auch weniger um
eine Vertiefung der demokratischen Institutionen als um die
Fähigkeit, ihren Bürgern gute
und überzeugende Politikansätze zu bieten und dem öffentlichen Wohl zu dienen. In
Lateinamerika etwa hat sich
die Demokratie tief verwurzelt
innerhalb der letzten Generation. Was Ländern wie Brasilien, Kolumbien und Mexiko
allerdings fehlt, ist, die entscheidenden Bedürfnisse der
Menschen nach Bildung, Infrastruktur und Sicherheit zu
erfüllen. Gleiches gilt für die
weltgrößte Demokratie, Indien, wo Klientelismus und
Korruption die Oberhand
haben.
Die Leistungsfähigkeit des
Staates ist für den Erfolg einer
Demokratie essenziell. Viele
Länder werden ihre modernen
Staatsstrukturen zur gleichen
Zeit wie ihre demokratischen
Institutionen und die Herrschaft des Rechts aufbauen
müssen. Alle, die für das weltweite Vorankommen der Demokratie sind, müssen dem
Aufbau moderner Staaten viel
mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher. Niemand sollte
zufrieden sein, nur weil ein
autoritäres Regime von der
Macht gefegt wird. Die Frage
bleibt nicht nur, wie Demokratie entsteht, sondern wie sie
sich festigt.
Der Autor ist Politikwissenschaftler und wurde bekannt durch sein
Buch „Das Ende der Geschichte“,
verfasst nach dem Fall der Mauer.
Er ist Senior Fellow am Institute
for International Studies der
Universität Stanford. Aus dem
Englischen von Andrea Seibel.
Stellvertreter des Chefredakteurs: Dr. Ulf Poschardt, Arne Teetz
Stellvertretende Chefredakteure: Beat Balzli, Oliver Michalsky
Verantwortlich: Peter Schelling (V.i.S.d.P.)
Chef vom Dienst: Diemo Schwarzenberg
Layout: Julia Rechenberg Produktion: Christian Schneider
Geschäftsführender Redakteur: Dr. Marius Schneider
Chefreporter Investigativteam: Jörg Eigendorf
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Mitarbeiter dieser Ausgabe: Jörn Baumgarten, Thomas Behrendt,
Babette Bendix, Isabell Bischoff, Dewa Bleisinger, Florian Failmezger, Christian Görke,
Birgit Kohne, Barbara Kollmann, Marion Meyer-Radtke, Deniz Schwenk, Karin Sturm, Daniela Zinser
Die Zeitungen von WeltN24 erscheinen in
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Selbstgefällig.
Die deutsche Angst
vor TTIP Seite 26
Ins Bild gemogelt.
Product-Placement
auf YouTube Seite 28
Abräumer.
Die Bundesliga und der
Schwarzmarkt Seite 32
FINANZEN
Hamstern
bringt gar nichts
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WIRTSCHAFT & FINANZEN
Tagesgeldkonto statt Aktien? Obwohl es dort längst keine Zinsen
mehr gibt? Warum wir oft ökonomisch unsinnig handeln – und wie
wir hinderliche Glaubenssätze überwinden – von Frank Stocker
Es passiert nicht häufig, dass sich Franz-Josef Leven in Rage redet. Doch wenn der stets ausgeglichen wirkende Direktor des Deutschen Aktieninstituts (DAI) vom Besuch einer Schulklasse beim
DAI berichtet, merkt man ihm seinen Unmut an.
Auf die Aufforderung, Fragen zu stellen, habe einer der Schüler wissen wollen, ob er selbst auch
Aktien habe. Ja, natürlich, war die Antwort.
Gleich darauf folgte die Frage, wie viel Geld er
damit verloren habe. „In den USA hätte jeder gefragt, wie viel ich damit gewonnen habe. Aber
hierzulande denken die Menschen beim Thema
Aktien immer sofort an Verluste“, erzählt er. „Absurd“ finde er das. Und damit hat Leven zweifellos
recht, wenn man auf die jüngere Vergangenheit schaut:
Der Deutsche Aktienindex hat sich in den vergangenen
sechs Jahren verdreifacht, allein seit Jahresbeginn ging es
bereits wieder um zehn Prozent nach oben. Doch nach allen verfügbaren Daten sind die meisten Deutschen bei diesem Aufschwung nicht dabei. Sie horten ihr Geld lieber
auf Tagesgeldkonten – oft zu Zinsen von null Prozent.
Das Verhalten der deutschen Sparer ist aus ökonomischer Sicht völlig unlogisch. Aber dennoch ist es zutiefst
menschlich. Es gibt einen Zweig der Volkswirtschaftslehre,
der sich genau damit beschäftigt – und unsere Fehlurteile
in Finanzdingen entsprechend erklären kann: die Verhaltensökonomie. Sie zeigt, wie psychologische Mechanismen
unsere Handlungen beeinflussen und uns bei InvestmentEntscheidungen oft genug auf die falsche Fährte führen.
Die gute Nachricht dabei: Wer diese Faktoren kennt, der
hat die Chance, sie zu umschiffen und so erfolgreicher bei
der Anlage des sauer Ersparten zu werden.
GLAUBENSSATZ: „JETZT IST ES OHNEHIN ZU SPÄT
ZUM EINSTIEG AN DER BÖRSE“ Als der Dax die 8000Punkte-Marke erreicht hatte, haderten viele Sparer mit
dem Kursanstieg. Doch sie waren sich auch sicher: Zum
Einstieg ist es zu spät. Bei 9000 Punkten war es das Gleiche, bei 10.000 ebenso. Nun steht der Dax bei fast 11.000
Zählern, und die meisten Sparer können sich erst recht
nicht durchringen, Aktien zu kaufen. Joachim Goldberg
wundert das nicht. Denn der Grund für diese Einstiegsphobie liegt für den Verhaltensökonomen in einem
Impuls, den er als „Regret Aversion“ bezeichnet. Das bedeutet: Wir fürchten, eine falsche Entscheidung zu treffen, und die Angst vor dem dann folgenden Bedauern
führt dazu, dass wir lieber erst gar keine Entscheidung
treffen. Denn eine nicht getroffene Entscheidung bedauert der Mensch stets weniger als eine falsch getroffene.
Wer also jetzt Aktien kauft und in einem Jahr feststellt,
dass die Kurse gesunken sind, wird dies emotional als
schweren Schlag empfinden. Kauft er jedoch keine Aktien
und steigen deren Kurse weiter, so bedauert der Anleger
E
„Weil Menschen
Verluste scheuen,
schmuggeln sie zum
Beispiel eine Stange
Zigaretten durch
den Zoll, obwohl sie
dadurch nur ein
paar Euro sparen“
JOACHIM GOLDBERG, Verhaltensökonom
dies zwar auch – das negative Gefühl ist jedoch weit
weniger intensiv. Psychologisch gesehen ist es daher durchaus rational, lieber nichts zu tun. Jedenfalls kurzfristig. Denn auf lange Sicht bedauert
der Mensch eher die nicht getroffenen Entscheidungen. Dann aber ist er schon in Rente.
Hinzu kommt etwas, das die Verhaltensökonomen als Verfügbarkeitsheuristik bezeichnen.
Übersetzt heißt das in etwa: Kann der Mensch
ein Risiko nicht genau einschätzen, bemüht er
seine Erfahrungen und macht daraus eine Daumenregel. Wie hoch ist also derzeit die Wahrscheinlichkeit eines Crashs? Wer die Kursabstürze
von 2000 und 2008 erlebt hat, wird sagen: sehr
hoch. Wer diese Erfahrung nicht präsent hat, kommt
dagegen zu ganz anderen Schlüssen. Wir lassen uns also
von Erfahrungen leiten, die oft genug die Wahrnehmung
der Wirklichkeit verzerren.
„WER AN DER BÖRSE ERFOLG HABEN WILL, MUSS
STETS AKTIV SEIN“ Die gesamte menschliche Evolution ist der Beweis: Wer viel arbeitet, viel Energie investiert,
auf alles Neue reagiert, der ist erfolgreicher. „Das ist tief in
unserer Psyche verankert“, sagt Martin Weber. Der Mannheimer Wirtschaftsprofessor nennt das Beispiel eines Autos, das auf einen Menschen zufährt. Natürlich springt jeder beiseite, er reagiert. Das ist seine Intuition, das ist natürlich und logisch. Daher schlussfolgern die meisten, es
müsse auch an der Börse darauf ankommen, aktiv zu sein.
Neue Wirtschaftsdaten, frische Unternehmenszahlen, aktuelle Krisenherde – ein Anleger muss alles im Blick haben
und umgehend reagieren, so die vorherrschende Meinung.
Das muss jeden entmutigen, der den Schritt an die Börse
wagen will. Doch dort, so Weber, gälten diese Grundsätze
nicht. Hier komme es vielmehr darauf an, geradezu langweilig zu sein. Aktien kaufen und liegen lassen – das ist alles. Man müsse auch nicht ständig beobachten, was sich
an den Börsen tue. Simples Abwarten genüge vollkommen. Dabei sei es jedoch wichtig, nicht auf Einzelwerte zu
setzen. Denn dann müssten sie wirklich aktiv dabei sein.
Wer aber einen Indexfonds kauft, der etwa den Dax abbildet, der könne sich zurücklehnen. Selbst, wenn es zwischenzeitlich abwärtsgehe.
„AKTIEN SIND GEFÄHRLICH, ABER DIESES NEUE,
UNBEKANNTE FINANZ-PRODUKT KAUFE ICH“ Indexfonds kaufen? Wie unsexy. Wie soll man davon anderen erzählen? Von Energiewende und Windrädern hat dagegen jeder schon gehört, und jeder weiß, dass diesem
Bereich die Zukunft gehört. Also kauften Sparer, die Aktien meist als zu riskant betrachteten, Anleihen vom
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26 Wirtschaft & Finanzen
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Windradhersteller Prokon, die sieben Prozent Zins
versprachen – und gingen damit baden. „Menschen
denken, fühlen und handeln in Geschichten“, erklärt
Hanno Beck, Professor an der Hochschule Pforzheim
und Experte für „Behavioral Finance“, wie die Verhaltensökonomik im Jargon heißt. Ein Indexfonds hat
keine Geschichte, einzelne Unternehmen dagegen
können solche erzählen. Und das führt dazu, dass sich
Sparer einem solchen Investment viel eher öffnen. Sie
haben das Gefühl, bei etwas Großem dabei zu sein.
Hinzu kommt die Verpackung des Investments in eine Anleihe. Dieser Begriff steht hierzulande für Sicherheit. Deutsche Staatsanleihen sind schließlich das sicherste Investment überhaupt. Bietet dann jemand anders ebenfalls Anleihen an, kommt es zum „Halo-Effekt“: Eine Art Heiligenschein umgibt das Investment,
ein Schein, der alle Risiken überstrahlt. Und den Sparer
Wagnisse eingehen lässt, die er sonst vermeiden würde.
„DER MANN KENNT SICH AUS, SEINEN EMPFEHLUNGEN FOLGE ICH“ Es gibt gewiefte Menschen, die
psychologische Faktoren ganz bewusst ausnutzen, um
andere in eine Falle zu locken. Wie das funktioniert, hat
Robert Cialdini in seinem Buch „The Power of Persuasion“ beschrieben. „Die Finanzvertriebler in aller Welt
haben das Potenzial für ihre Branche erkannt, das in
solchen Methoden steckt“, sagt Hanno Beck. Sie arbeiten mit Schmeicheleien, sagen bewusst Dinge, die das
Gegenüber hören will, versprechen Reichtum ohne Arbeit. Oder sie flüstern von einem Geheimnis der Geldanlage, das große Mächte dem kleinen Mann vorenthalten. Wahlweise werden Banken, Wall Street oder Politik
als die großen Verschwörer dargestellt. Wenn ein vermeintlicher Anlageexperte solche Geschichten in einem Saal verunsicherter Seelen erzählt, hat er diese
schnell auf seiner Seite. Denn sie haben plötzlich das
Gefühl, zu einer kleinen Gruppe zu gehören, die mehr
weiß. Und fortan folgen sie dem Investment-Guru bedingungslos. Bis zum meist bitteren Ende.
„HIER LASSEN SICH STEUERN SPAREN, DAS
MUSS ICH MITNEHMEN“ Und wer jetzt immer noch
kein Geld investiert hat, in Aktien, Anleihen oder geheimnisvollen Alternativen? Der will zumindest Steuern sparen. Doch da lauert schon die nächste Falle.
Denn kaum irgendwo wurde so viel Geld verloren wie
bei vermeintlichen Steuersparmodellen.
Dahinter steckt, dass die Menschen für Steuerzahlungen im Kopf ein mentales Konto aufmachen. „Das
verzeichnet einen Verlust“, sagt Verhaltensökonom
Joachim Goldberg. Und Verluste schmerzen. Schon ein
kleiner Gewinn wirkt dagegen psychologisch extrem
positiv. Deshalb spielt auch die Höhe der Steuerersparnis keine Rolle. „So kommt es, dass Menschen eine
Stange Zigaretten durch den Zoll schmuggeln, obwohl
sie dadurch nur ein paar Euro Steuer sparen“, so Goldberg. Ökonomisch ist das völlig unsinnig angesichts
des Risikos, erwischt zu werden. Aber das funktioniert
ähnlich wie bei Rabattaktionen: Experimente haben
gezeigt, dass ein Auto für 20.000 Euro, auf das der
Händler 2000 Euro Rabatt gibt, für die meisten attraktiver ist als eines, das für 18.000 Euro angeboten wird.
Franz-Josef Leven will nun jedoch genau dieses Phänomen nutzen, um die deutschen Sparer doch noch für
die Dividendenpapiere zu begeistern. Für den 16. März
haben das Aktieninstitut, die Deutsche Börse sowie die
großen Online-Broker den „Tag der Aktie“ ausgerufen.
Anleger können an diesem Tag die 30 Dax-Aktien sowie
acht Indexfonds kostenlos kaufen, also ohne Handelsgebühren. Durch den Rabatt können sie je nach Größe der
Order zehn bis 65 Euro sparen. Vielleicht gelingt es ja,
die psychischen Barrieren der deutschen Sparer damit
zu überwinden.
DPA PA/MAURIZIO GAMBARINI
» Fortsetzung »
Nieder mit
dem Chlorhuhn
Dass ausgerechnet die exportfreudigen Deutschen
zu den größten Gegnern des Handelsabkommens
zwischen EU und USA wurden, liegt vor allem an
einer kollektiven Grundskepsis – von Martin Greive
D
er Untergang des europäischen Abendlandes naht. Die EU kapituliert vor den USImperialisten. Mit solchen Vorstellungen
war konfrontiert, wer die Debatte über
TTIP in Deutschland verfolgte. Die USA,
so zeigte es angeblich ein Dokument der EU-Kommission, sollen künftig bei europäischen Gesetzen mitreden dürfen. Denn Brüssel und Washington wollen im
Rahmen ihres geplanten Freihandelsabkommens
(TTIP) ein Frühwarnsystem für Regulierungsvorhaben
einführen. Es dauerte nicht lang, da setzte sich die Alarmismus-Maschinerie in Gang. Es werde ein bestimmtes
Niveau an „Liberalisierung zementiert“, warnte eine
Nichtregierungsorganisation. „Regulatorische Kooperation gefährdet Demokratie“, eine andere. Selbst Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ließ sich zu einem Kommentar herab. „TTIP darf den Handlungsspielraum der EU und der nationalen Gesetzgeber nicht
einschränken“, forderte er. Zwar steht in dem Dokument kein Wort davon, dass die USA in europäische Gesetzgebung hineinpfuschen könnten. Und eigentlich
müsste doch einleuchten, dass ein neuer, gemeinsamer
Markt Absprachen bei Regulierungsfragen erfordert.
Doch eine sachliche Diskussion über TTIP ist in der
aufgeheizten Stimmungslage derzeit nicht möglich.
Die sonst so rationalen Deutschen führen eine von
Furcht geprägte Debatte, die die ganze Welt ins Staunen versetzt. Jahrzehntelang galt der Konsens: Freihandel ist gut. Der rege Handel mit den Nachbarn hat die
Bundesrepublik zum wirtschaftlichen Motor Europas
gemacht. TTIP, mehr Handel mit den USA, würde
Deutschland noch stärker machen. Kein Land würde
größeren wirtschaftlichen Nutzen aus dem Abkommen
ziehen, daran besteht kein Zweifel.
Doch in keinem anderen Land ist die Ablehnung gegen TTIP größer als in Deutschland. Hört ein Deutscher die vier Buchstaben, denkt er nicht an mehr Ex-
porte, Arbeitsplätze, Wachstum, sondern an Chlorhuhn, von Chemikalien verseuchte Kosmetika und geheime Schiedsgerichte. Warum nur haben die Deutschen so panische Angst vor einem Handelsabkommen?
Auch die am Freitag zu Ende gegangene achte Verhandlungsrunde zu TTIP wurde wieder von Demonstrationen begleitet. Inzwischen wächst der Widerstand
auch in anderen Ländern. Doch nach wie vor ist der
Proteststurm nirgends so stark wie in Deutschland.
Wer in Berlin durch den Prenzlauer Berg läuft, hat das
Gefühl, es gebe kaum noch ein Geschäft, in dem nicht
Unterschriften gegen das Abkommen gesammelt würden. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht irgendwo im Land einen Aufruf oder eine Demonstration
gegen den Handelsvertrag gibt.
EINMAL GEGEN ALLES TTIP ist die perfekte Projektionsfläche für alle Unzufriedenen. Gegen das Abkommen lässt sich jeder mobilisieren, der gegen die EU, gegen Großkonzerne oder gegen die Globalisierung ist.
Das war zwar bei unzähligen anderen Handelsabkommen zuvor auch schon so. Trotzdem interessierte sich
niemand für sie. Erst als die EU einen Vertrag mit den
USA schließen wollte, schuf sie den Handelsgegnern
damit das nötige Einfallstor.
Aber auch das erklärt nicht vollständig den Furor, der
selbst tiefe bürgerliche Milieus erfasst hat. Der Widerstand gegen das Abkommen speist sich neben Stereotypen wie Globalisierungs-Ängsten aus einer Reihe weiterer Befürchtungen und Emotionen, die in der deutschen Volksseele gären. Da verbindet sich eine Öko-Bewegung mit wirtschaftlicher Selbstzufriedenheit, Kapitalismus-Skepsis verschmilzt mit der Angst vor Kontrollverlust, und ein diffuses Ungerechtigkeits-Empfinden vermischt sich mit der Furcht vor einer sich neu
sortierenden politischen Ordnung. „German Angst“ ist
im Englischen ein feststehender Begriff. „Die Deut-
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Wirtschaft & Finanzen 27
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Ganzkörpereinsatz Als Huhn
verkleidet protestiert ein
Demonstrant in Berlin unter
dem Motto „Wir haben es satt“
gegen das Freihandelsabkommen
schen haben mehr Angst vor der Zukunft als andere
Kulturen“, sagt der Münchener Wirtschaftspsychologe
Felix Brodbeck. Untersuchungen von Kulturforschern
belegen das: Während Länder aus dem angelsächsischen Kulturkreis offen an Neues herangehen, sitzt den
Deutschen eine Grundskepsis in den Knochen.
Die wirtschaftliche Stärke des Landes verstärkt diese
Haltung noch. Wenn es einem nicht gut geht, begreift
man Neues als Chance. Man will schließlich raus aus
dem schwarzen Loch. Den Deutschen aber geht es derzeit insgesamt gut. „Und wenn es einem gut geht, betrachtet man Neues mit Skepsis und möchte den Status
quo bewahren“, sagt Brodbeck. Deshalb spielen im Hintergrund der Debatte Verlustängste eine Rolle. Einwürfe aus dem Publikum bei TTIP-Diskussionsrunden lauten häufig so: Uns geht es doch gut! Was wollt ihr denn
noch? TTIP, Genmais, Fracking, brauchen wir doch alles nicht! Und es sind weniger junge Revolutionäre als
die Generation 60 plus der wohlhabenden Rentner, die
sich auf solchen Veranstaltungen zu Wort melden.
Die Deutschen haben es sich auf einem hohen Ross
bequem gemacht. Sie glauben nicht nur aus der Position wirtschaftlicher Stärke heraus, es sich leisten zu
können, gegen mehr Handel zu sein. Sie glauben auch,
die besten Verbraucher- und Umweltstandards der
Welt entwickelt zu haben. „Deutschland hat ein stärkeres ökologisches Bewusstsein als andere Länder“, sagt
Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und
Politik. „Allerdings ist dieses auch gespeist mit einer
Reihe von Vorurteilen: Vor allem dem, dass die Standards anderer Länder grundsätzlich niedriger wären.“
Viele Standards in den USA sind höher als in Europa.
Doch das wischen die Deutschen mit ihrem Urvertrauen in den eigenen Rechtsstaat einfach beiseite.
Neben diesem ökonomischen Selbstbewusstsein und
kultureller Arroganz gegenüber den USA spielen auch
Ängste eine Rolle, die man aus früheren Debatten
kennt. „Hinter der TTIP-Debatte steckt zum Teil auch
eine Verteilungsdebatte“, findet der Außenhandelsexperte Gabriel Felbermayr vom Münchener ifo-Institut.
Die Globalisierung muss für Einkommensschwache als
Sündenbock herhalten. Eines daran ist allerdings neu:
Der Frust bricht sich anders Bahn als früher. Ständig
entstehen neue Bewegungen oder Parteien. „Diese seltsamen, neuen Links-rechts-Konstellationen wie Pegida
verunsichern die Menschen“, sagt Wirtschaftspsychologe Brodbeck. Die ohnehin ängstlichen Deutschen
werden noch skeptischer und vorsichtiger.
ANGST VOR KONTROLLVERLUST Tendenziell
ängstliche Gesellschaften wollen sich mit Unsicherheit
nicht abfinden. Sie wollen die Welt durch Regeln kontrollierbar machen. Genau diese Regelwelt sehen die
Deutschen durch TTIP jedoch in Gefahr. Die Angst vor
dem Kontrollverlust spielt deshalb in der Debatte eine
zentrale Rolle. Die Deutschen fürchten, die Amerikaner
könnten die EU zum Juniorpartner machen. Schließlich
haben die Amerikaner schon häufig hiesiges Recht mit
Füßen getreten, etwa als sie das Telefon der Bundeskanzlerin abhörten. Wer zu solchen Mitteln greift, der
versucht auch bei TTIP die andere Seite über den Tisch
zu ziehen, lautet eine verbreitete Meinung. Dabei sieht
sich die EU als größerer Handelsraum in einer guten
Verhandlungsposition gegenüber den USA. Doch in
Deutschland glaubt kaum jemand, dass die EU sich gegen die Amerikaner ernsthaft zur Wehr setzen kann.
„Der Generalverdacht vieler Deutscher ist doch: Die
EU-Kommission ist unfähig“, sagt Felbermayr. Umfragen belegen das: Viele Deutsche würden die Verhandlungen lieber der Bundesregierung übertragen. Dann
wären wenigstens die eigenen Interessen geschützt. Die
Deutschen sehen sich als hart arbeitendes Volk, das in
Europa hinters Licht geführt worden sei, weil es entgegen allen Versprechen für andere Länder einstehen
müsse. Gleiches fürchtet man bei TTIP: Die EU kämpfe
zu wenig für deutsche Interessen.
Versäumnisse der Politik haben das Misstrauen gegenüber Brüssel noch verstärkt. Die Bundesregierung
hat den Widerstand der Handelsgegner zum Teil aufgegriffen und beispielsweise erklärt, Schiedsgerichte
brauche man eigentlich nicht. Politisch mag das nachvollziehbar sein. Allerdings sah es wie ein Einknicken
vor den Gegnern aus und untergrub die Glaubwürdigkeit des Abkommens. Beim Thema mangelnder Transparenz schob man den Schwarzen Peter der EU-Kommission zu. Dabei haben die Mitgliedstaaten die Veröffentlichung des Verhandlungsstands lange verhindert.
Die Kommission hat erst jetzt für mehr Transparenz
in den Verhandlungen gesorgt, denen eineinhalb Jahre
lang der Geruch von Hinterzimmer-Kungelei anhaftete.
Einer Gesellschaft, die Angst vor allem Neuem hat und
immer Herr eines Verfahrens sein will, kann man kaum
etwas Schlimmeres zumuten. Entsprechend tief ist die
Angst in die Deutschen gekrochen. Sie jetzt wieder aus
den Gliedern zu schütteln könnte zum Scheitern verurteilt sein.
„Die Deutschen
haben mehr
Angst vor
der Zukunft
als andere
Kulturen“
Der Münchener Wirtschaftspsychologe FELIX BRODBECK
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Prof. Dr. Kai C. Andrejewski
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28 Wirtschaft & Finanzen
6
MILLIARDEN
STUNDEN VIDEO
werden jeden Monat auf
YouTube angesehen: fast eine
Stunde pro Erdbewohner
LET’S-PLAY-VIDEOS
Videos, in denen jemand ein
Computerspiel daddelt und das unterhaltsam kommentiert, sind ein Renner
auf YouTube. Am bekanntesten ist
Gronkh. Millionen Nutzer haben seine
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Kopf schütten ließ, spendete an
ALS-Kranke. Viele Prominente wie
Schauspieler Elyas M’Barek taten
gleich beides
Lustige Videos, coole Tipps
E
Eins, zwei, drei, vier, mit dem Hammer“, tönt
Gronkh fröhlich, zimmert auf einer virtuellen Insel mit virtuellen Balken ein virtuelles Floß zusammen – und eine viertel Million Menschen sehen ihm dabei zu. „Appes Bein – da gehste ein“,
nennt der Blogger das Video über seine Versuche
im Computerspiel „Stranded Deep“. Gronkh, alias Erik Range, betreibt Deutschlands erfolgreichsten Kanal im Videoportal YouTube – mit
aktuell knapp 3,5 Millionen Fans. Range spielt zusammen mit seinem Freund „Sarazar“ alias Valentin Rahmel auf YouTube Computerspiele vor
– und das so ausdauernd und unterhaltsam,
dass die beiden mittlerweile eine eigene
Firma damit beschäftigen und über fünf
Millionen regelmäßige Zuschauer haben.
Playmassive heißt die Gründung, die auch
mit dem Digital-Ableger von ProSiebenSat.1 zusammenarbeitet. Range und Rahmel haben Millionen Euro auf YouTube
verdient.
Eine ganze Generation von Jugendlichen hat im Internet ihre Stars gefunden
– Jungs und Mädels von nebenan wie
Gronkh und Sarazar, die Computerspiele
vorführen, die aus ihrem Alltag erzählen
oder sich mit Schmink- und Modetipps als
virtuelle Freundinnen etablieren. Ihnen fällt
es leicht, die jugendliche Zielgruppe authentisch anzusprechen, und sie holen ihre Fans
dort ab, wo die in ihrer Freizeit ohnehin bereits
sind: auf YouTube und bei Facebook.
Was vor der Kamera so locker wirkt, ist hinter
den Kulissen zu einem knallharten Geschäft geworden. Es geht um Werbekunden, Markenpartner, Netzwerke und Vermarktungsverträge.
„Mittlerweile machen viele Neueinsteiger YouTube-Videos nicht mehr, weil sie Spaß daran haben, sondern weil sie Stars werden wollen und
Geld verdienen wollen“, sagt Valentin Rahmel,
Geschäftsführer von Playmassive. „Die Manager
Das Amateur-Portal
YouTube hat sich zum
beinharten Geschäft
entwickelt. Internetstars
verdienen Millionen mit
Werbung – vor allem
aber mit verstecktem
Product-Placement
professioneller Produktionsnetzwerke bestärken
sie darin und überreden sie zu weitreichenden
Verträgen – obwohl die Profis wissen, dass vielleicht maximal 200 Leute in Deutschland tatsächlich von YouTube allein leben können.“ Die
Anfänger sollen durch Vernetzung untereinander
innerhalb kürzester Zeit fünfstellige Abonnentenzahlen erreichen. Wer das nicht schaffe, sei
schnell wieder draußen. „Es geht inzwischen vor
allem um Klickraten, nicht mehr um coole Videos“, sagt Rahmel.
Nie war es so einfach, potenzielle Stars und Videoformate auszuprobieren. YouTube steht für
eine radikale Demokratisierung der Produktionsmittel. Ein Medium, in dem nicht Programmdirektoren über Erfolg und Misserfolg von Sendungen entscheiden, sondern die Masse. Wer auf der
Plattform Geld verdienen will, der muss den
„Partner“-Status beantragen und wird dann an
den Einnahmen beteiligt, die YouTube durch vor
die Videos geschaltete Werbung erzielt. Genaue
Zahlen veröffentlicht die Plattform, die zum Internetriesen Google gehört, nicht. Doch Insider
verraten: 45 Prozent der Werbegelder kassiert
YouTube, 55 Prozent bekommen die Blogger.
Im Schnitt verdienen die Videomacher laut
US-Werbeagenturen etwa drei Euro pro 1000
Abrufen.
Um zu erfahren, wie ihr Geschäft läuft,
muss man andere fragen. Hendrik Unger
etwa, der bei der Online-Marketingagentur Netspirits das Social-Media-Geschäft
leitet. „YouTube ist der wichtigste Werbekanal unter den sozialen Medien, weil
Unternehmen hier ohne große Streuverluste ihre Zielgruppe erreichen können“,
sagt der 25-Jährige. Aus den gespeicherten Suchprofilen der Nutzer weiß Google
ziemlich genau, was für ein Mensch da gerade ein Video anschauen will. Entsprechend werden die Clips angepasst. Wenn
ein Versicherer eine Hausratversicherung
vermarkten will, bekommen Häuslebauer ihren Spot zu sehen. Und wenn sie witzig sind und
in sozialen Netzwerken oft geteilt werden, wie etwa der „Supergeil“-Clip von Edeka, erreicht das
Unternehmen damit Millionen potenzieller Kunden. Für die Neueinsteiger klingt das nach dem
schnellen Geld. Von den Tantiemen allein können aber die wenigsten Profi-YouTuber leben.
Auch Philipp Steuer betreibt das Videogeschäft nur nebenbei. Unter der Woche arbeitet
der 24-Jährige als Netzwerkmanager. Am Wochenende stellt er sich in Kapuzenpulli und Base-
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34
MILLIONEN ABONNENTEN
hat der beliebteste YouTubeKanal PewDiePie
GANGNAM STYLE
Der koreanische Rapper Psy hat mit
seinem Musikvideo den YouTube-Zähler
geknackt: Bei etwas mehr als zwei
Milliarden Abrufen blieb er stehen.
Daneben gibt es unzählige Clips, die
den Tanzstil nachahmen
Wirtschaft & Finanzen 29
100
STUNDEN VIDEOMATERIAL
werden jede Minute auf YouTube
hochgeladen
HATSUNE MIKU
Ursprünglich eine Werbefigur für
den Software-Synthesizer Vocaloid2.
Inzwischen taucht Hatsune Miku in von
Nutzern gedrehten Musikvideos auf.
Es gibt sogar Bühnenauftritte
der virtuellen Sängerin
DPA/PA/JENS KALAENE; SCREENSHOT DIE WELT; REUTERS SEGA OF AMERICA
Sehr gern auf Bestellung
ballkappe in die Küche seiner Kölner Wohnung,
drückt bei seiner Digitalkamera auf die Aufnahmetaste und erzählt. Diesmal geht es um einen
Spielwarenhändler in Dänemark, der seinen Namen in „Superheld“ ändern wollte, aber nicht
durfte, um einen uralten isländischen Cheeseburger, der einfach nicht schimmelt und um ein
vermeintliches Gruselfoto vom „Slenderman“,
auf dem man nichts erkennt. „Neeeeeeeews“, jubelt Steuer, und fertig ist das 113. Video für seinen
Kanal, der im Monat knapp eine halbe Million
mal angeschaut wird. Vor jedem Video läuft Reklame, außerdem sind Werbebanner eingeblendet, und hin und wieder hat er auch gegen Bezahlung andere YouTube-Kanäle empfohlen – selbstverständlich gekennzeichnet, wie er betont.
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BEZAHLTE MEINUNG Lohnend wird das YouTube-Geschäft für die meisten Stars erst durch
Product-Placement. Auffällig viele YouTuber
schlürfen in ihren Videos aus Starbucks-Bechern,
schwärmen von ihrem neuen Smartphone oder
bestimmten Klamottenmarken. „Das funktioniert viel besser als klassische Werbung, weil die
Nutzer irrtümlich annehmen, es handle sich um
die echte Meinung der YouTuber“, sagt SocialMedia-Experte Hendrik Unger. „Tatsächlich werden für die Produktplatzierungen Tausendkontaktpreise zwischen 30 und 80 Euro gezahlt.“
Wenn ein bekannter Modeblogger für ein Parfüm
schwärmt und das 600.000-mal angeschaut wird,
kann er dafür also an die 50.000 Euro kassieren.
Ähnlich machen es die Cousins Alexander und
Dimitri Koslowski, die lange vor dem Start von
YouTube in Stuttgart lustige Videos drehten. „Irgendwann kam Google an und fragte, ob wir mit
unseren Videos nicht Geld verdienen wollen“, erzählt Dima. Kooperationen, Aktionen, Werbung:
Der 28-Jährige hat viel auf dem Zettel, seit er mit
seinem Cousin den Comedy-Kanal „DieAussenseiter“ betreibt. Rund 500 Millionen Mal wurden
die trashigen, aber professionell produzierten Videos angeschaut. Eine halbe Milliarde Kontakte
in der jungen Zielgruppe, fünf Millionen Besucher pro Monat – das macht die Koslowskis zur
begehrten Marke. „Vodafone, Fanta, Universal
Pictures“, zählt Dima ein paar Konzerne auf, mit
denen er zuletzt zusammengearbeitet hat.
„Die Industrie nimmt YouTube-Künstler inzwischen als Stars wahr und verlagert große Budgets auf diesen Bereich“, sagt Jan Rode, Geschäftsführer von TubeOne Networks in Ham» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
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30 Wirtschaft & Finanzen
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» Fortsetzung »
SERIE – TEIL 1
burg. Die Netzwerke, ursprünglich lose Zusammenschlüsse von Videobloggern, sind heute der
Katalysator für Professionalisierung und Kommerzialisierung der Branche. TubeOne zählt mit
rund 100 YouTubern und mehr als einer Viertelmilliarde Views im Monat zu den größten im
Land. Die Agentur sitzt in der Kölner Innenstadt.
Im Hinterhaus lümmeln die YouTuber im „Open
Space“. Im Vorderhaus kümmern sich 30 Profis
um Management und Vermarktung. Bei ihnen
kann die werbetreibende Industrie kombinierte
Budgets unterbringen, mit Produkterwähnungen,
Verlinkungen, eigenen Videoproduktionen und
Liveauftritten der Teenagerhelden. Das Interesse
ist so groß, dass Rode seine Künstler bremsen
muss. „Wir raten, nicht alles zu machen, sonst
kann das die Marke beschädigen.“
Wer zusagt, muss nach deutschem Medienrecht jedes Markengeschäft und jede Produktplatzierung per Einblendung kenntlich machen.
Auch YouTube gibt seinen Partnern vor, dass sie
Werbevideos deklarieren müssen. „Aber das kontrolliert niemand“, sagt Rahmel. „Da wird vieles
als authentischer Inhalt verkauft, was in Wirklichkeit bezahlt wird – speziell im Bereich der
Mode-Blogs.“ Wolfgang Schulz, Medienrechtsexperte vom Hamburger Hans-Bredow-Institut,
sieht die YouTuber in einer rechtlichen Grauzone. „Es gilt das Telemediengesetz und das allgemeine Wettbewerbsrecht: Werbung muss als solche gekennzeichnet sein und darf den Konsumenten nicht irreführen“, sagt er. Landesmedienanstalten oder Bezirksregierungen müssten
die Kontrolle übernehmen. Angesichts von Tausenden Videos, die jeden Tag neu ins Netz kommen, dürfte jede Behörde damit überfordert sein.
Trotzdem bleibt der Beruf Internetstar für die
meisten ein Traum. „In Deutschland gibt es nur
100 bis 200 YouTuber, die davon leben“, schätzt
Christoph Krachten, Mitinhaber von Mediakraft.
Das größten deutsche Netzwerk hat 2000 Künstler unter Vertrag und wächst um zehn Prozent
pro Monat. Nach seiner Daumenregel benötigt
ein erfolgreicher YouTuber vier Eigenschaften:
Talent, Leidenschaft, Professionalität und
Durchhaltevermögen. „Oft fehlt eins“, beobachtet Krachten. Ab einer Million Views im Monat
sorgten die Google-Zahlungen für ein anständiges Monatseinkommen. Doch viele Blogger
scheiterten vorher, weil ihnen die Lust vergehe
oder sie mit der Bild- und Tonqualität schlampten. Für Dilettantismus sei in der Szene kein
Platz mehr – für zu viel Professionalität allerdings auch nicht. „Profis haben bei YouTube nie
Erfolg. Gerade weil sie wissen, wie es geht, fehlt
ihnen in den Augen der Nutzer die Authentizität“, analysiert Krachten. Die Fernsehsender
kaufen sich deswegen bei den Netzwerken ein. So
wie die RTL-Gruppe, die zuletzt 107 Millionen
Dollar für das US-YouTube-Modenetzwerk Stylehaul bezahlte. Die Einnahmen stammen je zur
Hälfte aus Werbung und Produkt-Platzierungsgeschäften.
Steffen Fründt und Benedikt Fuest
Kilobyte statt Kilowatt
YOUTUBE AUF N24
UND „WELT“
Wie sich YouTube seit seinem Start vor
zehn Jahren zum wichtigsten Videoportal
entwickeln konnte, zeigt N24 am 13. Februar
um 15.15 Uhr im Format „Die Reportage
XXL“ mit dem Titel „YouTube – Eine Idee
verändert die Welt“. Es folgen eine VideoSerie in den digitalen Ausgaben der „Welt“
und Artikel, die online, in den Apps und den
Zeitungen der „Welt“-Gruppe erscheinen.
MARTIN HAAKE
Wer macht das Rennen in der Digitalisierung des
Strommarkts: Apple und Co. oder die Energiekonzerne?
A
ls Thorsten Kühnel mit seiner kleinen
Truppe von Internet-Spezialisten in das
E.on-Büro in Berlin einzog, ließ er zuerst
die Trennwände zwischen den Arbeitsplätzen entfernen und die Schreibtische
zusammenschieben. Jetzt liegen dort zwischen Laptops
und Netzwerkkabeln bunte Konzept-Zettel mit Schlagworten wie „wow-effect“, „customer engagement“ und
„gamification“. Seit vier Monaten ist die „Digital Transformation Unit“ E.ons Labor zur Zukunft des Energiemarktes. Dass Kühnel und Kollegen nicht am Konzernsitz in Düsseldorf angesiedelt sind, ist Absicht: Die Einheit des 43-Jährigen soll sich frei fühlen wie ein Start-up
und keine Rücksicht nehmen müssen auf Hierarchien
und Dienstwege. Was hier entwickelt wird, soll das Unternehmen in die dezentrale, digitale, smarte Energiewelt von morgen führen. Kühnel hat Kommunikationsund Personalmanagement studiert. Dann machte er seinen ersten Arbeitgeber BMW binnen weniger Monate
zur stärksten Automarke in sozialen Netzwerken wie
Facebook und YouTube. Jetzt soll er neue Energieprodukte, digitale Geschäftsmodelle, Vertriebs- und Marketingwege entwickeln. Denn E.on sieht seine Zukunft
nicht mehr in erster Linie in der Stromproduktion mit
großen Kraftwerken, sondern in einer kleinteiligen
Energiewelt, die digitale Informationstechnik braucht.
Die Struktur der Energieversorgung ändert sich dramatisch. Früher flossen die Elektronen nur vom Großkraftwerk zum Kunden – heute ist aus dem Verbraucher
ein produzierender Konsument, ein „Prosumer“, geworden, der mit Bürgerwindparks und Solarzellen seinen eigenen Strom produziert und den Überschuss ins
Netz einspeist. Die Energieversorger suchen händeringend nach neuen Produkten, die das wegbrechende
Kraftwerksgeschäft ausgleichen können. Ausgangspunkt ist die Verbrauchssteuerung: Der Stromeinsatz
soll dem schwankenden Angebot kontinuierlich anpasst werden. Aus Häusern und Wohnungen sollen
„Smart Homes“ werden, die wissen, wer sich wann wo
aufhält und entsprechend Licht und Heizung an- und
ausschalten. „Smart Meter“ können sekundengenau auf
PC und Smartphone den Stromverbrauch anzeigen.
WIE GOOGLE DENKEN In dieser Digitalisierung
steckt ein gewaltiges Potenzial. Dazu gehören neue Lösungen für die Beleuchtung, Wärme-, Haus- und Sicherheitstechnik und die Elektrifizierung des Verkehrs. Außerdem die digitale Steuerung von Produktion und
Wartung in der „Industrie 4.0“. Wer weiß, wann und
wofür wie viel Strom gebraucht wird, der verfügt über
wertvolle Daten, die sich zu Geld machen lassen. Überall könnten Energiekonzerne mitspielen – oder das Ge-
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Wirtschaft & Finanzen 31
schäft den Internetriesen wie Google oder Telekom Energie- und Datenwelt. „Wir müssen aufpassen, dass
überlassen. Finanziell sind sie im Nachteil. Und auch wir nicht von der Realität überholt werden, während
die Firmenkultur in der Energiewirtschaft passt kaum Politik und Verwaltung endlos weiter an möglichst perzur digitalen Zukunft. Bislang galten dort Planbarkeit, fekten Richtlinien feilen“, warnt Trapp. „Die DigitalisieVerlässlichkeit und Sicherheit als zentrale Tugenden. rung der Stromversorgung läuft in den meisten anderen
Deshalb laufen nun in vielen Firmen Schulungen, um Industriestaaten längst auf Hochtouren.“
Die schleppende Umsetzung entsprechender EUMitarbeitern beizubringen, „wie Google zu denken“
und Mut zu Trial-and-Error-Vorschlägen zu entwickeln. Vorgaben könnte zum Standortnachteil werden. „ProRalph Trapp, Geschäftsführer des Bereichs Energie- blematisch ist die derzeitige Verzögerung bei der Einwirtschaft der Beratungsfirma Accenture, sieht aber führung von ‚Smart Metern‘ vor allem für die Enerauch Vorteile. „Die Energieversorger haben einen gro- gieunternehmen“, sagt Peter Heuell, Chef von Landisßen Kundenbestand und genießen in der Regel einen +Gyr Deutschland, einem führenden Anbieter der Zähgroßen Vertrauensvorschuss“, sagt er. „Darauf kann die ler. „Denn diese müssen ihre Informationstechnik und
Branche aufbauen.“ Die Probleme der Zersplitterung die Prozesse jetzt umstellen, um die Vorteile von ‚Smart
Metern‘ zukünftig zu nutzen.“
und Finanzschwäche ließen sich
Dem Vernehmen nach verdurch Kooperationen lösen. „Das
schiebt die Bundesregierung die
Zusammenwachsen von InformatiSmart-Meter-Verordnung wegen
onstechnik und Energieversorgung
Bedenken von Datenschützern:
verlangt ohnehin nach neuen TechWem gehören die Energiedaten
nologiepartnerschaften.“
Etwa
der Verbraucher, wie gut sind sie
zwischen Energieversorgern, ITgeschützt, wer darf sie nutzen?
Konzernen und IndustrieunternehFür Heuell dürften das keine
men.
Hindernisse mehr sein: „Mit
Gebremst wird die Branche derdem Schutzprofil, welches das
zeit noch von der Bundesregierung.
Bundesamt für Sicherheit in der
Die hat versprochen, den rechtliInformationstechnik speziell für
chen Rahmen für „intelligente
die Übertragung von VerStromzähler und Verteilnetze“ bis
brauchsdaten entwickelt hat,
Ende 2014 in einem Verordnungswird Smart Metering in Deutschpaket zu klären. Passiert ist bislang
land tatsächlich sicherer als Onnichts. Dabei ist das „Smart Meter“
RALPH TRAPP, Geschäftsführer
line-Banking.“
Daniel Wetzel
die zentrale Schnittstelle zwischen
Energiewirtschaft bei Accenture
„Wir müssen
aufpassen, dass
wir nicht von
der Realität
überholt werden
auf der Suche
nach perfekten
Verordnungen“
DIE WOCHE
Japan verdonnert Arbeitnehmer zu
fünf Urlaubstagen im Jahr
Die japanische Regierung will ihre Landsleute dazu
zwingen, mindestens fünf Urlaubstage pro Jahr zu
nehmen. Über den entsprechenden Gesetzesantrag
soll in Kürze das Parlament entscheiden. Laut einer
Umfrage hatte im Jahr 2013 jeder sechste Arbeitnehmer komplett auf Urlaub verzichtet. Lange Arbeitstage und unbezahlte Überstunden haben in Japan
Tradition. Inzwischen wird eine solche Arbeitshaltung jedoch zunehmend als Ursache psychischer
und körperlicher Beschwerden kritisiert.
Platz da: Gewerkschaft schlägt
Umzugsprämie für Senioren vor
Kinder aus dem Haus, Ehepartner gestorben und
die Wohnung viel zu groß – Robert Feiger, Chef der
Gewerkschaft IG BAU, schlägt für solche Fälle eine
Umzugsprämie für alte Leute vor. Unter anderem
um damit mehr Wohnraum für Familien zu schaffen. „Viele Senioren sitzen im Alter in ihren großen
Wohnungen fest, viele Familien müssen dagegen in
viel zu kleinen Wohnungen wohnen“, sagte Feiger
der „Bild“. Der Staat solle deshalb Rentnern bis zu
5000 Euro für Umzugshelfer, Maklerkosten und
Renovierung der alten Wohnung zahlen.
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WELT-Konferenz
Zukunftsplan Corporate Governance
Die Weichen sind gestellt: Im letzten Jahr präsentierte die EU-Kommission
einen umfassenden Aktionsplan, mit dem sie die Corporate Governance in
Europa verbessern will. Der Maßnahmen-Katalog setzt vor allem auf Vielfalt und Transparenz in der Unternehmensführung. Aber auch Aktionäre
sollen stärker in die Pflicht genommen werden.
Doch was heißt das konkret? Wie steht es um die Vielfalt der CorporateGovernance-Modelle? Wo bewegt sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern? Welche Rolle spielen Anteilseigner und andere Stakeholder?
Ist gute Unternehmensführung eine wesentliche Stellschraube für eine
bessere Anlagekultur?
Top-Referenten sind u. a.
Paul Achleitner
Vorsitzender des Aufsichtsrats, Deutsche
Bank AG
Angelika Dammann
CEO, DIC – Dammann International Consult
Manfred Gentz
Vorsitzender, Regierungskommission
Corporate Governance
Roula Jouny
Am 23. März 2015 in Berlin
Sind Sie an dieser spannenden Diskussion interessiert und möchten gern
an der WELT-Konferenz „Zukunftsplan Corporate Governance“ teilnehmen?
Ulrich Seibert
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Ministerialrat, Bundesministerium der
Justiz und für Verbraucherschutz
In Partnerschaft mit:
Montag, den 23. März 2015
im Journalisten-Club des Axel-Springer-Hauses
Axel-Springer-Straße 65, 10969 Berlin
Veranstaltungsbeginn 9.30 Uhr (Einlass 9.00 Uhr)
Schreiben Sie uns, unter Angabe Ihrer beruflichen Kontaktdaten und
Ihrer Funktion im Unternehmen, eine E-mail mit dem Stichwort „WELTKonferenz Zukunftsplan Corporate Governance“ an:
veranstaltung@welt.de.
Einsendeschluss ist der 27. Februar 2015
GROUP CEO, FTI Group
Werner Wenning
Vorsitzender des Aufsichtsrats, Bayer AG
und E.ON AG
Jens Wilhelm
Mitglied des Vorstands, Union Asset
Management Holding AG
Moderation:
Jörg Eigendorf, Mitglied der Chefredaktion
WELT-Gruppe
Holger Zschäpitz, Redaktion Wirtschaft
und Finanzen WELT-Gruppe
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32 Wirtschaft & Finanzen
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Liebhaberwert Fans zahlen viel
Geld für den Besuch von eigentlich
ausverkauften Matches
GETTY IMAGES
Unfaires
Spiel
M
urat K. wird sich heute
Nachmittag wieder in
seine dicke Winterjacke
zwängen, um Geschäfte
zu machen. Bevor der
Anpfiff zum Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen ertönt, wird der 24-jährige Student für einige Stunden am Osterdeich-Fußgängertunnel stehen. Hier kommen viele Fans
vorbei. Und jenen, die ohne Karten gekommen sind, wird er welche anbieten –
zu einem höheren Preis als dem aufgedruckten, versteht sich. Für den reibungslosen Ablauf sorgen auch die beiden Brüder von Murat K. Der eine wartet
mit einem großen Pappschild, auf das er
„Suche Karten“ geschrieben hat, um
Fans Karten zum Nennwert abzukaufen.
Der andere läuft hin und her und sorgt
für den steten Austausch von Tickets
und Bargeld. Einen vierstelligen Gewinn
machen die Brüder so nach eigenen Angaben an den meisten Spieltagen.
Die Bundesliga boomt, die Auslastung
der Stadien ist mit über 90 Prozent so
hoch wie nie. In der Saison 2013/2014 kamen nach Angaben des Ligaverbandes
DFL im Durchschnitt 42.609 Zuschauer
zu jedem Spiel. Die hohe Nachfrage kurbelt aber auch den Schwarzmarkt an: Um
Karten für ausverkaufte Matches zu bekommen, sind Fans bereit, viel Geld auf
den Tisch zu legen. Die Vereine versuchen alles, um diesen Sumpf trockenzulegen – mit mäßigem Erfolg. Die Eintrittskarten für Bundesligaspiele sind im
internationalen Vergleich günstig: In
Deutschland ist ein Sitzplatz im Schnitt
für unter 40 Euro zu haben, in der Premier League kostet er 70 bis 80 Euro. Die
Bundesligisten haben sich bewusst für
eine Preisstruktur entschieden, die möglichst vielen Fans entgegenkommt: „Moderate, sozialverträgliche Preise sind ein
wesentlicher Baustein des Zuschauerbooms der Bundesliga“, sagt DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig.
Wie groß der wirtschaftliche Schaden
ist, der den Vereinen durch Schwarzhändler entsteht, lässt sich schwer beziffern. Die Klubs gehen jeweils von einem
sechsstelligen Betrag pro Saison aus, der
1. FC Köln etwa schätzt den Schwarzmarktumsatz auf 300.000 Euro. Gegen
die Straßenhändler haben die Vereine allerdings trotz des Verbots eines überteuerten Weiterverkaufs in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) wenig
in der Hand. „Der Käufer eines Tickets
erwirbt Eigentum daran und damit
grundsätzlich auch das Recht, dieses Ticket weiterzuverkaufen“, erklärt JohanMichel Menke, Sportrechtsexperte und
Partner der Hamburger Rechtsanwaltskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. „Lediglich auf dem Stadion- oder Vereinsgelände können Vereine gegen Schwarzmarkthändler vorgehen und ihr Hausrecht gegebenenfalls polizeilich durchsetzen.“ Einzig die Ordnungsämter und
das Finanzamt könnten den Händlern
Probleme bereiten. Schließlich muss,
wer Tickets kommerziell verkauft, eigentlich ein Gewerbe anmelden und seine Einnahmen versteuern. „Das ist aber
im Einzelfall schwer zu beweisen.“
Anders verhält es sich beim zweiten
Vertriebsweg der Schwarzhändler, dem
Internet. Bei Ebay-Großhändlern ist
ebenso wie bei Ticketplattformen wie
Bundesligakarten.de oder Viagogo nachvollziehbar, zu welchen Preisen die Karten verkauft werden. Wer dort Tickets
anbietet, hat jedoch häufig auch ein Gewerbe angemeldet und zahlt Steuern.
Um den über die AGB verbotenen Weiterverkauf zu überhöhten Preisen durchzusetzen, kontrollieren die Vereine gezielt Plattformen wie Viagogo und Ebay
– und verlangen bei Verstößen Vertragsstrafen von bis zu 10.000 Euro.
ZEHN PROZENT AUFSCHLAG „Überteuert weiterverkaufte Tickets können
zudem von den Vereinen gesperrt werden, sodass der Käufer keinen Zutritt
zum Stadion erhält“, sagt Rechtsanwalt
Menke. Ob dieses Vorgehen rechtlich
haltbar ist, ist zwar fragwürdig. Es hat
aber eine abschreckende Wirkung. „Solange es höchstrichterlich nicht verboten
ist, können die Klubs auf diese Weise die
Karten-Mafia bekämpfen“, so Menke.
Bundesliga-Fußball
ist gefragt wie nie.
Leider boomt auch
der Schwarzhandel
mit den Tickets.
DFL und Vereine
tun sich schwer
damit, ihn zu
unterbinden
– von Harald Czycholl
ZWEITHÖCHSTE
BESUCHERZAHL
seit 1963/1964
18.501.277
18.000
13.038.305
15.000
Lizenzfußball
12.000
Bundesliga
6000
5.462.972
3000
0
Saison
1963/
1964
2. Bundesliga
Saison
1974/
1975
Saison
2013/
2014
Nur in der Saison 2011/2012 verzeichneten die
36 Proficlubs eine noch höhere Zuschauerzahl
als 2013/2014.
QUELLE: BUNDESLIGA REPORT
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Gegen die Handelsplattformen ziehen
die Vereine auch juristisch zu Felde. Der
Hamburger SV etwa klagte 2008 vor dem
Bundesgerichtshof (BGH) gegen Bundesligakarten.de – und bekam teilweise
recht: Der Online-Händler sei nicht berechtigt, Tickets im Vorverkauf aufzukaufen und sie anschließend teurer auf
der eigenen Plattform anzubieten, entschieden die Richter (Aktenzeichen: I ZR
74/06). Anders ist die rechtliche Situation, wenn Privatpersonen die Tickets, die
sie ihrerseits bei den Vereinen gekauft
haben, an den Händler weitergeben. Dies
zu verhindern, ist dem Gericht zufolge
nicht Sache des Händlers, sondern der
Vereine selbst.
Dass Fußballfans überschüssige Eintrittskarten weiterverkaufen dürfen,
wird auch von Vereinen und Ligaverband
nicht bestritten. Schließlich räumen die
Bundesligisten ihren Fans kein Rückgaberecht ein. Das Ticket darf jedoch nicht
zu überhöhten Preisen verkauft werden.
Zulässig ist ein Aufschlag von etwa zehn
Prozent auf den Originalpreis. Einige
Vereine bieten ihren Fans inzwischen eigene Online-Plattformen an, auf denen
sie ihre Tickets zum Originalpreis anbieten können. Dort können auch Inhaber
von Dauerkarten die Eintrittskarten für
einzelne Spiele, die sie nicht besuchen
können, anderen Fußballanhängern zum
Kauf anbieten. Der Hamburger SV und
Werder Bremen beispielsweise wollen
mit diesem Angebot den Schwarzhandel
mit Eintrittskarten eindämmen. Auch
die DFL will zur kommenden Bundesliga-Spielzeit 2015/2016 ein solches Angebot starten.
Grundsätzlich haben es Fußballfans
selbst in der Hand, den um sich greifenden Schwarzmarkthandel einzudämmen. Sie können den Händlern die Geschäftsgrundlage entziehen, indem sie
die überhöhten Preise schlichtweg nicht
bezahlen. Beim FC St. Pauli etwa funktioniert das ganz gut: Schwarzhändler
sind unter den Anhängern des Zweitligisten verpönt, sie werden von den Fans
beschimpft und bleiben vielfach auf ihren Tickets sitzen.
WELT am SONNTAG-2015-02-08-smv-4 b374b327903f12f8b6ba34bbcf3280a1
* Gebührenfrei aus dem deutschen Festnetz
Vom Tukan lernen heißt Stil zu lernen. Manchem mag das orange
Make-up zu akzentuiert wirken – über jeden Zweifel erhaben ist jedoch
sein schwarz-weißes Federkleid (wie hält er bloß das Weiß so rein?).
Einen spielerischen Umgang mit Luxus beweist der Regenwaldvogel im
gewagt
blauen Kajal seiner Augen. Nie mehr als drei Farben? Der Tukan pfeift
auf diese Regel. Welche Kombinationen auch außerhalb des Regenwalds
tragbar sind, erfahren Sie jeden Sonntag in unserem Stilteil.
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Dunkle Seiten – kommen
jetzt zutage, dank „Fifty
Shades of Grey“ Seite 36
Darknet – auf den
Spuren des größten
Internet-Paten Seite 38
Finsterer Humor –
Oliver Polak trifft
Haftbefehl Seite 40
KINO
„Prinzipien?
Schwierige Sache“
Das Pariser „Bristol“-Hotel in der Rue du
Faubourg Saint-Honoré, nahe den
Champs-Élysées, diente während des
Zweiten Weltkriegs als amerikanische
Botschaft. Inzwischen gehört es dem
Oetker-Clan. Joaquin Phoenix – Haare
zurückgegelt, Boots, Zigarette – empfängt im zweiten
Stock, in einem Zimmer, leer bis auf eine
Sitzecke und ein gigantisches Plakat, das
für „Inherent Vice“
wirbt, die erste Verfilmung eines Romans
von Thomas Pynchon. Erst Regisseur
Paul Thomas Anderson
(„Magnolia“,
„The Master“) traute
sich, die typisch verschachtelte Handlung
und den klamaukigen Witz in Bilder zu
übersetzen. Herausgekommen ist eine
der besten Literaturverfilmungen aller
Zeiten. Es gibt bloß ein klitzekleines Problem.
Vielleicht können Sie mir trotzdem erklären, was mit der Freundin passiert.
Kommt Sie am Ende einfach von einer
Reise zurück?
Ich denke, das genau ist es, was an dem
Film so gut ist. Es liegt an Ihnen und welchen Reim Sie sich darauf machen. Ich
sehe gern Filme, die
diesen Eindruck bei
mir auslösen. Es
macht das Ganze zu
etwas sehr Persönlichem: Was bedeutet
es Ihnen? So sagt es
etwas über Ihr eigenes Verhältnis, zum
Beispiel zu Frauen.
Was mir total auf
die Nerven geht,
sind
DVD-Kommentare, wo die Regisseure über ihren
Film reden. Ich will ja gar nicht, dass es
mir jemand anders mundgerecht serviert. Das ruiniert meine Interpretation.
Ich will selbst nach der Bedeutung suchen und sehen, was es über mich sagt.
Pynchon gibt Ihnen dafür so viel Gelegenheit.
D
WELT AM SONNTAG: Ehrlich gesagt
habe ich gar keine Ahnung, was in „Inherent Vice“ genau passiert. Ich meine,
ich habe den Film gesehen, war aber
nach einer halben Stunde völlig verwirrt. Am Ende kamen die Dinge dann
halbwegs zusammen. Trotzdem blieben tausend Lücken. Was aber irgendwie überhaupt nicht schlimm ist.
JOAQUIN PHOENIX: Oh, gut.
Haben Sie den Film verstanden?
Das ist schon lustig. Auch in der Vorlage
von Pynchon kommt in jedem Kapitel
der Moment, wo man sagt, hey, ich genieße gerade total, was ich lese, aber ein
Teil meines Gehirns hat nicht den blassesten Schimmer, was los ist. Am Ende
fügt er alles so bündig zusammen, nachdem er sich zwischendurch auf lauter
Nebengleisen zu verlieren schien, und
alles ist so farbig und eindrücklich. Deswegen freut es mich, dass es Ihnen beim
Film auch so gegangen ist. Dann fängt er
den Eindruck des Romans gut ein.
Als die Golden Fang Society, die ja ein
chinesisches Heroinkartell sein soll,
sich plötzlich als Zahnarztkonsortium
entpuppt, habe ich mich fast totgelacht.
Nachher gibt es noch irgendwelche Killer, die am Hals der Opfer vampirähnliche Male hinterlassen, die von goldenen Zähnen verursacht sind. Es ist, als
hätte Pynchon diesen Namen, Golden
Fang, auf alle möglichen Bedeutungen
abgeklopft – und sie dann sämtlich in
die Story integriert.
Ich bin mir sicher, Pynchon hat seine Interpretation und Paul (Thomas Anderson,
der Regisseur, Anm. d. Red.) wieder seine.
Was denken Sie über die Gesellschaft?
Was bedeutet Golden Fang für Sie? Bei
vielen Filmen ist die Route so klar. Bei
diesem eben nicht. Paul war da sehr mutig. Er versetzt das Publikum in die Perspektive von Doc, die ja sehr begrenzt ist.
In Filmen wissen die Zuschauer ja oft
Dinge, die der Protagonist nicht weiß. In
WARNER; UPI; GETTY IMAGES; AVANTI MEDIA/FABIAN MEYER/CHRISTOPHER ROWE
In „Inherent Vice“, der ersten Pynchon-Verfilmung, spielt Joaquin
Phoenix einen lustig verpeilten Detektiv. Ein Gespräch über das Glück,
Filme nicht zu kapieren, und die Tragik der Hippies
diesem Film sind Sie immer nur bei Doc.
Sie kriegen nicht mit, wer ihm auf den
Kopf schlägt. Das war ein Prozess, am
Anfang hat Paul noch überlegt, ob er
dem Publikum nicht mehr mitteilt, und
hat sich dann dagegen entschieden. Ich
finde das interessant und mutig.
Was mich immer hat mitgehen lassen,
war die Schönheit der Bilder vom Kalifornien der frühen Siebzigerjahre. Außerdem Ihre Performance. Ich kann
mich nicht erinnern, jemals so einen
entspannten Joaquin Phoenix gesehen
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zu haben – so nah waren Sie noch nie
an einer Big-Lebowski-Figur.
Ja, Doc zu spielen war großartig. Ihm
liegt zwar viel an einigen Personen, Shasta, Coy Harlingen, aber dann hat er doch
diese Einstellung: Life is life, was passiert, passiert. Manchmal reagiert er
nicht so, wie man sich das in der jeweiligen Situation eigentlich vorstellen würde. Das hat zum einen damit zu tun, wie
high er ist. Und zum anderen liegt es
wohl irgendwie an seiner Persönlichkeit.
Wie suchen Sie Ihre Projekte aus?
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KULTUR
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Ein Mann, ein Bart Joaquin Phoenix in „Inherent Vice“
JOAQUIN PHOENIX
SCHAUSPIELER
Bekannt ist Joaquin Phoenix vor allem für zwei
Rollen: den verrückten Kaiser Commodus aus
Ridley Scotts „Gladiator“ und seine, Anverwandlung an Johnny Cash in „Walk The Line“. Neuerdings kam noch Theodore in „Her“ dazu, als
der Phoenix sich in ein Betriebssystem verliebt.
Sein Doc Sportello in „Inherent Vice“ ist die
nächste Performance, die im Gedächtnis bleiben
wird. Mit 40 ist Phoenix einer der großen Charakterschauspieler Hollywoods.
Ehrlich gesagt ist mir das selbst schleierhaft. Ich mache das instinktiv. Wie suchen Sie sich Ihre Freundin aus oder Ihre Geliebte? Ich lese was, und da ist das
vage Gefühl, das muss ich mir genauer
anschauen, weil es ein besonderes Erlebnis verspricht. Ich suche nach Filmen,
die etwas versuchen, was ich noch nicht
gesehen habe. Wir haben alle so viele Filme gesehen, wir haben die gleiche Geschichte wieder und wieder erzählt bekommen. Gibt es einen Weg, sie neu zu
erzählen? Ich kann das nicht besser ausdrücken, aber danach halte ich Aus-
schau, wenn ich Drehbücher lese. Natürlich stürzen tausend Dinge auf einen ein,
die man ignorieren muss. Mich interessiert nicht, um wie viel Geld es geht,
nichts dergleichen. Ich will nicht, dass
das meine Entscheidung beeinflusst. Ich
versuche, darauf zu hören, was mein
Bauch sagt.
Geht es Ihnen auch um einen Kommentar zur Zeitgeschichte? Ihre letzten Filme waren alle politisch, wenn auch indirekt. „Her“, eine Studie über digitale
Einsamkeit, „The Master“ über die Fas-
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zination von Sekten und jetzt „Inherent Vice“ über ein paranoides HippieKalifornien nach den Manson-Morden.
Stimmt, es gibt diesen soziopolitischen
Aspekt. Auf einer anderen Ebene ist „Inherent Vice“ eine Liebesgeschichte, aber
eine ohne all diese Klischees. Tatsächlich haben Doc und Shasta gar keine Liebesbeziehung. Sie kapieren ja nicht mal,
warum sie zusammen waren oder warum sie sich getrennt haben. Trotzdem
haben sie eine starke Verbindung. Typi-
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36 Kultur
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» Fortsetzung »
WARNER/COURTESY OF WARNER BROS. ENTERTA
scherweise macht sich der Held auf die
Suche nach seiner verschollenen ExFreundin, weil sie eine so wundervolle
Beziehung hatten, auf die es dann dauernd herzerwärmende Rückblenden gibt.
So etwas gibt es in diesem Film nicht.
Aber trotzdem sorgen Sie sich um Shasta
und versuchen herauszubekommen, wo
sie sein könnte. Sie hat so ein wunderbares Wesen. Dabei ist Katherine Waterston, die sie spielt, ganz anders, eine großartige Schauspielerin. Als wir gecastet
haben, saß ich in Pauls Büro, blätterte in
einem Buch, während er sich die Videos
mit den Probeaufnahmen ansah. Irgendwann schaute ich auf, ich habe zuerst ihre Stimme gehört, und da war so viel in
ihrer Stimme. Ich sagte: „Wer ist das
denn?“ Was wollen Sie denn von so einer
Performance? Einerseits soll sie die Femme fatale überzeugend rüberbringen.
Und andererseits soll da etwas Besonderes sein, etwas Einzigartiges. Den Eindruck hatte ich sofort bei ihr. Sie machte
irgendwas anders und spielte nicht die
Klischee-Femme-fatale. Und trotzdem
fehlte nichts.
Hippie-Idyll Joaquin Phoenix mit
Filmpartnerin Katherine Waterston
Für die Europapremiere sind Sie nach
Paris gekommen. Haben Sie etwas von
dem „Charlie Hebdo“-Anschlag mitbekommen?
Ja, natürlich, das ist ja gerade in aller
Munde. Französische Freunde in L.A.
haben mir auch davon erzählt. Ansonsten beschäftige ich mich nicht so viel mit
Nachrichten. Aber klar ist es sehr bedeutend, immerhin geht es um die freie Meinungsäußerung, überall auf der Welt ein
wichtiges Thema.
Verstehen Sie die Faszination eines radikalen Islam? Vielleicht hat Sie Ihre
Rolle in „The Master“ dafür sensibilisiert – die Verlockung, sich einer stärkeren Macht zu unterwerfen. Außerdem waren Ihre Eltern Teil eines Kultes und sind ihm schließlich entkommen. Daher der Name „Phoenix“, nach
dem Vogel, der aus der Asche steigt.
Ich glaube, diese Verlockung versteht jeder. Jeder will zu etwas gehören und in
dieser Gemeinschaft eine Stimme haben.
Die Generation meiner Eltern hat auf die
ihrer Eltern reagiert, die Kernfamilie der
Fünfziger. Sie wissen schon, Heiraten,
Kinderkriegen etc. Dagegen haben sie rebelliert. Es war ein riesiger Kulturwandel. Die Überbleibsel sind zum Großteil
fantastisch. Ihre eigene Geschichte ist
viel tragischer. In den Sechzigern gab es
Hunderte solcher Kommunen, die sagten, lass uns ein Stück Land schnappen,
und wir bauen die Gesellschaft, die uns
vorschwebt. Das erscheint so positiv und
schön. Dann entpuppte es sich als eben
das, gegen das sie aufgestanden waren:
ein Mann, der die Macht will, ein Mann,
der die Frauen will, ein Mann, der das
Geld will. Das ist eine verdammte Tragödie. Meine Eltern gehörten zu den Idealisten, die wirklich glaubten, einen Wandel bewirken zu können. Am Ende stand,
wie überall, das Ego eines Einzelnen.
Meine Eltern waren clever und kapierten, dass sie angeschmiert waren. Ich bin
so gestrickt, dass ich nicht unbedingt
Teil des Clubs sein will. Ich verstehe
aber, dass sich viele Leute danach sehnen und das dann religiös verpacken.
Wenn Sie den Menschen das vorenthalten, eine Stimme, das Gefühl, wichtig zu
sein, werden Sie sich dieses Recht nehmen. Und ich glaube, das sehen wir gerade: Leute, die die Nase voll haben, auf
der Weltbühne nicht vorzukommen.
Doc in „Inherent Vice“ ist da anders,
oder? Er ist zufrieden, den ganzen Tag
allein auf seinem Sofa zu kiffen. Ist das
auch eine politische Vision?
Es ist vielschichtiger. Er ist ein Privatdetektiv. Vorher war er Schuldeneintreiber.
Er ging raus und hat Leute verhaftet, die
ihre Autos nicht abbezahlten. Was für
ein Typ tut so etwas? Klingt nicht gerade
nach dem Hippie-Ideal. Ich habe also einen komplexer motivierten Charakter
entworfen. Wir alle haben unsere Sünden und Schwächen. Am Ende des Films
sagt er zu einer anderen Figur: „Wie viel
Geld muss ich verlangen, um nicht Ihren
Respekt zu verlieren?“ Ein Teil von ihm
will selbst den verdammten Bastarden,
die mit Heroin handeln, noch Geld abknöpfen. Mir scheint das glaubhafter. Es
ist schwierig, Prinzipien zu haben. Es
gibt ein tolles Zitat aus dem Film „The
Contender“, wo Joan Allen sagt: „Prinzipien bedeuten nichts, wenn sie bequem
sind.“
Kluger Satz.
Wenn Ihr Leben gut läuft, ist es einfach,
prinzipientreu zu sein. Wenn Sie Geldsorgen haben, sieht das anders aus. Doc
sieht das in sich selbst und in anderen.
Auf eine gewisse Weise hasst er Coy Harlingen, Owen Wilsons Figur, der ein Spitzel ist. Wie kannst du dich gegen deine
Freunde wenden? In jener Zeit war das
der schlimmste Verrat. Es gab diese
Übereinkunft: Wenn du dich auf eine bestimmte Art anziehst und das Lingo
sprichst, bist du cool, wir gehören alle
zusammen, peace and love, man! Und als
die Leute plötzlich 20 Jahren Gefängnis
entgegensahen, weil sie mit ein paar
Gramm Hasch erwischt wurden, und
sich auf die Spitzelei einließen, muss das
in diese Gemeinschaft gefahren sein wie
ein Blitz. Doc hasst Coy, andererseits
versteht er ihn, er hat eine Frau, Kinder.
Das spiegelt wider, was ich in der Welt
sehe. Pynchon fängt das perfekt ein.
Das Gespräch führte Jan Küveler
Die neue
Mitte
100 Millionen verkaufte Bücher, ein
heftig diskutierter Film, die Branche
der Sexspielzeughersteller jubelt: Seit
„Fifty Shades of Grey“ scheint S/M ganz
normal. Tatsächlich? Von Adriano Sack
I
n den USA galt der Film als Pornografie, auf der
Berlinale wurde er ausgebuht, und der katholische Filmdienst urteilte: „Eine zynische Lovestory, die ungeniert Gewalt als die Quelle sexueller Lust propagiert“. Es ist genau 25 Jahre her,
dass der Film „Fessle mich!“ („Átame“) von Pedro Almodóvar ins Kino kam: ein hauchzarter Flirt mit dem
Themenkomplex „Unterwerfung und Dominanz“.
Heute kann man sich nur die Augen reiben über die Reaktionen, die er damals provozierte. Denn spätestens
am Mittwoch wird klar werden: Die Zeiten sind härter
geworden. Wieder hat ein Film seine Premiere auf der
Berlinale, aber diesmal ist „BDSM“ – der heute gebräuchliche Sammelbegriff für sadomasochistische
Vorlieben aller Art – kein ironisches Spiel, sondern die
Seele der Geschichte.
Bei „Shades of Grey“ handelt es sich um die Verfilmung eines der erfolgreichsten Bücher der letzten
Jahrzehnte: eine sadomasochistische Romanze zwischen einer unschuldigen Pomeranze und einem Milliardär. Der Film ist die nächste Stufe einer Lawine aus
schwarzem Leder, Nippelklammern und voyeuristischem Grusel, die unsere Welt überrollt hat. Der enorme Erfolg des Romans hat ein neues literarisches Subgenre begründet, den SM-Groschenroman. In der Sextoy-Branche herrscht Goldgräberstimmung. Was einst
als Perversion galt, scheint heute Usus.
So groß wie die Resonanz ist der Aufwand bei der
Verfilmung. Regie führt die britische Künstlerin Sam
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Kultur 37
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Geht so „Mummy Porn“?
Jamie Dornan und Dakota
Johnson in „Fifty Shades“
INTERTOPICS/LMKMEDIA LTD.
Taylor-Johnson. Nachdem Christian Bale aus kulturellem Dünkel abgesagt hat (vielleicht auch, weil er schon
in „American Psycho“ einen sadistischen Yuppie gespielt hat), wird der gequälte Quälgeist Christian Grey
von Jamie Dornan gespielt, der immerhin von der unfehlbaren Sofia Coppola entdeckt wurde und einen makellosen Torso besitzt. Sonstige Fähigkeiten, extraschauspielerische Qualitäten, sind zumindest im Trailer nicht zu erkennen. Seine Partnerin ist die 25-jährige
Dakota Johnson, deren leicht verschleiertes Wesen an
die junge Uma Thurman erinnert und die ein Maximum
an geerbter Starpower mitbringt: Ihre Eltern heißen
Don Johnson und Melanie Griffith.
Als krönende Cocktailkirsche, wie man so sagt, hat
Beyoncé Knowles für den Soundtrack ihren Song „Hunted“ neu aufgenommen. Das markiert den kommerziellen Anspruch des Filmes und könnte nicht passender
sein, denn im Kern geht es bei der Sängerin immer um
Macht. Weswegen sie mit einem zufriedenen Gurren
registriert haben dürfte, dass das Jahresgehalt ihres
Mannes im Jahr 2014 gut 25 Prozent unter ihrem lag: 96
Millionen Dollar.
In eine ähnliche Gehaltsklasse stieg auch die ehemalige Fernsehproduzentin E.L. James dank „Fifty Shades
of Grey“ auf. In einem Fanforum schrieb James eine
leicht verschärfte Parodie auf die „Twilight“-Saga. Nach
rechtlichem Schlagabtausch ersetzte sie die Protagonisten, wechselte auf die eigene Website, fand erst ihren
Ton und dann einen sehr großen Verlag (Vintage
Books). Und 100 Millionen Leser. Beziehungsweise Le-
serinnen. „Mommy Porn“ wurde die Trilogie genannt,
und in diesem Begriff schwingt zweierlei mit: Skepsis
gegenüber den literarischen Qualitäten der Bücher
(„Mein Blut kocht“). Und Gereiztheit darüber, dass sich
sexuelle Fantasien erwachsener Frauen in der Öffentlichkeit manifestieren.
PENETRATION UND PEITSCHENKNALL Stilistische
Einwände jedoch prallen an astronomischen Verkaufszahlen ab. In Buchhandlungen gruppiert sich um die
Trilogie ein ganzes Rudel von Mitläufern. Die Titel lauten „Unsichtbare Fesseln“, „Lass Dich fesseln“, „Dark
Surrender“. Auch die ehemalige Pornodarstellerin Sasha Grey leistet ihren Beitrag. Ihr Roman „The Juliette
Society“ wird mit dem Versprechen beworben, dass es
die härtere und „authentischere“ Version von „50 Shades“ sei. Das klingt vielversprechend, schließlich ist
schon das Original nicht gerade zimperlich. Penetrationen und Peitschenknall werden anschaulich und detailverliebt geschildert. Immerhin: Vaginalfisting lehnt die
anfangs noch jungfräuliche Anastasia kategorisch ab.
Doch nicht nur die Buchbranche jubelt. „Liebeskugeln spielen im ersten Roman eine Rolle, und so haben
wir 2012 und auch heute wieder Sonderschichten für die
Produktion von ‚Smartballs‘ gefahren, um der Nachfrage gerecht werden zu können“, sagt Kristy Stahlberg
vom Erotikbedarfproduzenten Fun Factory. Zeitweilig
habe es eine 300-prozentige Umsatzsteigerung gegeben. Auch wenn Philippa König von der Softcorewebsite amorelie.de einschränkt: „Viele wissen bis heute
nicht, wofür die eigentlich gut sind.“ Mangelnde Expertise hemmt selten die Kauflust. In den USA stieg der
Umsatz mit erotischen Produkten (Büchern, Videos,
Toys) nach dem Erscheinen von „Fifty Shades of Grey“
um 7,5 Prozent (bei einem geschätzten Jahresumsatz
von einer Milliarde sind das mal eben 75 Millionen Dollar), zum Filmstart wird selbst bei der Megamarktkette
Target allerlei Spielzeug verkauft.
Derartige Phänomene bleiben nicht ohne Deutungsversuche. Dass das erotische Interesse von Frauen sich
von den Bedürfnissen der Männer unterscheidet, gilt
als belegt: Männer wollen Bilder, Frauen dagegen Geschichten. Die Soziologin Eva Illouz untersuchte in ihrem Buch „Die neue Liebesordnung“ – Frauen, Männer
und Shades of Grey“ den Erfolg der Bücher. Ihr Befund:
Sadomasochismus werde als Lösung für die Widersprüche und ungeklärten Machtfragen dargestellt, mit denen sich Frauen und Männer heute auseinandersetzen
müssen. Hinter dem scheinbar schockierenden „Spielzimmer“ des Christian Grey verbergen sich tradierte
Rollenbilder: der bindungsunfähige, aber dominante
Mann, die sich nach Erfüllung in der Zweierbeziehung
verzehrende Frau. Die Analyse stimmt, allein: Das Interesse an Macht und Unterwerfung ist kein Produkt der
geschlechterverwirrten Digitalmoderne. S/M taucht in
der Popkultur immer wieder auf. In „9 ½ Wochen“ ließ
sich Kim Basinger von Mickey Rourke an die Heizung
ketten, und die Schauspielerin Maria Schneider ist nie
über die Butterszene in „Der letzte Tango in Paris“ hinweggekommen.
Mitarbeit: Claudia Scholz
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SALZBURGER FESTSPIELE 2015
Arrangement 1
Arrangement 3
29. bis 31. August 2015
Arrangementpreis pro Person im Doppelzimmer:
€ 1.410,– inkl. Karten der Kategorie 2*
€ 1.290,– inkl. Karten der Kategorie 3*
€ 460,– Einzelzimmerzuschlag
CECILIA BARTOLI © Uli Weber/Decca
Sonntag, 30. August, 11.00 Uhr, Großes Festspielhaus
WIENER PHILHARMONIKER
Unter der Leitung von Semyon Bychkov bringt das Orchester Johannes
Brahms` 3. Symphonie sowie Franz Schmidts 2. Symphonie zur Aufführung.
X Nach dem Konzert erwartet Sie ein Sektempfang in der Bar des
Hotels „Goldener Hirsch“.
X Am Abend holt Sie Ihre Limousine vom Hotel ab und chauffiert Sie zu
einem delikaten 4-gängigen Festspielmenü zum Restaurant „Brunnauer im Magazin“. Danach bringt Sie Ihre Limousine zurück ins Hotel.
Im Arrangement enthalten:
X 2x Übernachtung/Frühstücksbuffet im 4-Sterne Hotel Crowne Plaza.
Das First-Class Hotel liegt in der Stadtmitte Salzburgs und ist nur wenige Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt. Sie wohnen
in komfortabel ausgestatteten Zimmern.
X Eine Karte pro Person/pro Vorstellung
X 1x Limousinentransfer vom Hotel zum Abendessen und danach
zurück in Ihr Hotel.
X 4-gängiges Festspielmenü im Restaurant „Brunnauer im Magazin“,
inkl. Aperitif und Wein-/Getränkebegleitung.
X Sektempfang in der Bar des Hotels „Goldener Hirsch“
X Eine Überraschungs-CD, passend zu Ihrem Programm
X Salzburg-Card für 48 Stunden
10. bis 13. August 2015
Montag, 10. August, 19.30 Uhr, Stiftung Mozarteum, Großer Saal
KAMMERKONZERT FRANG & FRIENDS
Bei diesem Kammerkonzert dürfen Sie sich auf Werke von Zoltán Kodály,
Peter I. Tschaikowski und George Enescu freuen. Auf der Bühne steht die
Violinistin Vilde Frang gemeinsam mit Freunden.
Arrangement 2
24. bis 26. August 2015
Montag, 24. August, 19.00 Uhr, Haus für Mozart
IPHIGÉNIE EN TAURIDE
Christoph Willibald Glucks Opern-Meisterwerk „Iphigénie en Tauride“
mit Stars wie Cecilia Bartoli, Rolando Villazón, Christopher Maltman, dem
Orchester I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis u.a.
X während der Opern-Pause erwartet Sie ein exklusiver Sektempfang
Dienstag, 25. August, 20.30 Uhr, Großes Festspielhaus
BOSTON SYMPHONY ORCHESTRA
Dirigiert von Andris Nelsons bringt das Orchester Werke von Richard
Strauss und Dmitri Schostakowitsch zur Aufführung. Außerdem mit dabei
sind Steven Ansell an der Viola und Yo-Yo Ma am Violoncello.
X Zu Mittag holt Sie Ihre Limousine vom Hotel ab und chauffiert Sie zu einem
delikaten 4-gängigen Festspielmenü ins berühmte Schloss Restaurant
Fuschl am Fuschlsee vor den Toren Salzburgs. Nach dem Mittagessen
bringt Sie die Limousine zurück in Ihr Hotel.
Dienstag, 11. August, 20.00 Uhr, Großes Festspielhaus
IL TROVATORE
Aufgrund des enormen Erfolgs von Verdis „Il trovatore“ im Vorjahr, gelangt
die Oper im Festspielsommer 2015 nochmals zur Aufführung. Mit dabei sind
Weltstars wie Anna Netrebko, Plácido Domingo, Francesco Meli uvm. Die
Wiener Philharmoniker spielen unter der Leitung von Gianandrea Noseda.
X Zu Mittag holt Sie Ihre Limousine vom Hotel ab und chauffiert Sie zu
einem delikaten 4-gängigen Festspielmenü ins berühmte Schloss Restaurant Fuschl am Fuschlsee vor den Toren Salzburgs. Nach dem Mittagessen bringt Sie die Limousine zurück in Ihr Hotel.
X während der Opern-Pause erwartet Sie ein exklusiver Sektempfang
Mittwoch, 12. August, 19.00 Uhr, Haus für Mozart
LE NOZZE DI FIGARO
Luca Pisaroni, Genia Kühmeier uvm. zählen zur Besetzung von Mozarts
Opern-Meisterwerk „Le nozze di Figaro“. Dan Ettinger dirigiert die Wiener Philharmoniker.
Im Arrangement enthalten:
X 3x Übernachtung/Frühstücksbuffet im 4-Sterne Hotel Crowne Plaza. Das
First-Class Hotel liegt in der Stadtmitte Salzburgs und ist nur wenige
Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt. Sie wohnen in komfortabel ausgestatteten Zimmern.
X Eine Karte pro Person/pro Vorstellung
X 1x Limousinentransfer vom Hotel zum Mittagessen und danach zurück
in Ihr Hotel.
X 4-gängiges Festspielmenü im Schloss Restaurant Fuschl, inkl. Aperitif
und Wein-/Getränkebegleitung.
X Exklusiver Sektempfang während der Opern-Pause von „Il trovatore“
X Eine Überraschungs-CD, passend zu Ihrem Programm
X Salzburg-Card für 48 Stunden
Arrangementpreis pro Person im Doppelzimmer:
€ 2.440,– inkl. Karten der Kategorie 2*
€ 2.160,– inkl. Karten der Kategorie 3*
€ 610,– Einzelzimmerzuschlag
Arrangementpreis pro Person im Doppelzimmer:
€ 1.745,– inkl. Karten der Kategorie 2*
€ 1.555,– inkl. Karten der Kategorie 3*
€ 345,– Einzelzimmerzuschlag
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Für Leser der WELT am SONNTAG werden erstklassige Pakete für die Festspielsaison 2015 in Salzburg angeboten. Die vier Arrangements beinhalten jeweils hochkarätig
besetzte Aufführungen inkl. Aufenthalten in hochwertigen 4-Sterne-Hotels in Salzburg – Bestellen Sie schnell, das Kontingent ist begrenzt! Stichwort: WELT am SONNTAG
Arrangement 4
27. bis 29. August 2015
Donnerstag, 27. August, 21.00 Uhr, Großes Festspielhaus
ISRAEL PHILHARMONIC ORCHESTRA
Zubin Mehta dirigiert das Orchester zu Arnold Schönbergs „Verklärte
Nacht“ und „Kammersymphonie Nr. 1“ sowie zu Peter I. Tschaikowskis
Symphonie Nr. 6 „Pathétique“.
Freitag, 28. August, 18.00 Uhr, Großes Festspielhaus
DER ROSENKAVALIER
Freuen Sie sich auf Richard Strauss` Oper „Der Rosenkavalier“ mit Krassimira Stoyanova, Günther Groissböck, Sophie Koch, den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst uvm.
X Zu Mittag holt Sie Ihre Limousine vom Hotel ab und chauffiert Sie zu
einem delikaten 4-gängigen Festspielmenü ins berühmte Schloss
Restaurant Fuschl am Fuschlsee vor den Toren Salzburgs. Nach dem
Mittagessen bringt Sie die Limousine zurück in Ihr Hotel.
X während der Opern-Pause erwartet Sie ein exklusiver Sektempfang
Im Arrangement enthalten:
X 2x Übernachtung/Frühstücksbuffet im 4-Sterne Hotel & Villa Auersperg. Das
Stadthotel mit Garten liegt in unmittelbarer Nähe zu Salzburgs Sehenswürdigkeiten und zur Fußgängerzone „Linzergasse“. Sie wohnen in geschmackvoll
eingerichteten Zimmern.
X Eine Karte pro Person/pro Vorstellung
X 1x Limousinentransfer vom Hotel zum Mittagessen und danach zurück in
Ihr Hotel.
X 4-gängiges Festspielmenü im Schloss Restaurant Fuschl, inkl. Aperitif
und Wein-/Getränkebegleitung.
X Exklusiver Sektempfang während der Pause von „Der Rosenkavalier“
X Eine Überraschungs-CD, passend zu Ihrem Programm
X Salzburg-Card für 48 Stunden
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X 1x Limousinentransfer vom Hotel zum Mittagessen und danach zurück in Ihr Hotel
X 4-gängiges Festspielmenü im Schloss Restaurant Fuschl, inkl. Aperitif und
Wein-/Getränkebegleitung.
X Exklusiver Sektempfang während der Pause von „Iphigénie en Tauride“
X Eine Überraschungs-CD, passend zu Ihrem Programm
X Salzburg-Card für 48 Stunden
CORNELIUS OBONYA, BRIGITTE HOBMEIER © Forster
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Samstag, 29. August, 17.00 Uhr, Domplatz
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Cornelius Obonya in der Titelrolle und Brigitte Hobmeier, seine Buhlschaft, aufgeführt.
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ANNA NETREBKO, PLACIDO DOMINGO © Salzburger Festspiele/Forster
* andere Kategorien bei Verfügbarkeit möglich
Programm- und Besetzungsänderungen vorbehalten
Buchung der Arrangements und Information: Polzer Travel und Ticketcenter GmbH & Co KG
Residenzplatz 3, A-5020 Salzburg
office@polzer.com • Tel. +43/662/89 69 • Fax +43/662/89 69-700 • www.polzer.com
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38 Kultur
FREEROSS.ORG
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B
loß vier Stunden benötigt die Jury. Die Richterin nimmt den braunen Umschlag entgegen und reicht ihn dem Gerichtsdiener, der
das Urteil verliest. Rauschgifthandel. Geldwäsche. Bildung einer kriminellen Vereinigung. Schuldig in allen Punkten. Der Verurteilte ist dreißig Jahre alt, dunkle Haare, nette Kulleraugen, er sieht
völlig harmlos aus. Als er aus dem Saal geführt wird, rufen ihm die Leute, die seinetwegen gekommen sind, Abschiedsgrüße zu, einer brüllt von der
Empore herunter: „Ross ist ein Held!“
Das alles geschah am vergangenen
Donnerstag, in einem Gerichtsgebäude, mitten in Manhattan. Ross Ulbricht, der Mann, der dort verurteilt
wurde, soll der Betreiber von Silk Road
gewesen sein, dem Online-Handelsplatz für Drogen und andere illegale
Geschäfte. Im Netz nannte er sich
„Dread Pirate Roberts“, der Name
stammt aus einem postmodernen
Abenteuerroman von William Goldman, und das passt ganz gut, denn auch
die Geschichte von Ulbricht klingt
abenteuerlich und romanhaft und irgendwie postmodern. Aber wer ist dieser Ulbricht, der mit Hasch und Heroin
Millionen verdiente? Der sogar Morde
in Auftrag gegeben haben soll? Und
dem die Agenten vom FBI auf die Schliche kamen, als sie auf eine geheimnisvolle Kiste stießen – auf einen Server,
um genau zu sein, versteckt in der isländischen Hauptstadt Reykjavík?
Biografisches Material gibt es genug. Auf Ulbrichts Laptop haben die
Agenten eine Art Tagebuch gefunden,
das sich zu einer Charakterstudie zusammenfügt. Ein charismatischer Abenteurer war Ulbricht demnach nicht. Eher schon ein Nerd, ein in mancher Hinsicht typischer Digital-Unternehmer, ideologisch gar nicht so weit weg von der liberalen bis libertären Silicon-Valley-Kultur. Ulbricht verabscheute den
Staat, sah sich als Verfechter freier Märkte und technologischer Innovation, wollte eine Art anonymes Amazon ins Leben rufen, einen Schwarzmarkt für Menschen, die beim Online-Handel nicht überwacht werden wollen. Er schrieb: „Ich möchte eine ökonomische
Simulation kreieren, die den Leuten einen Eindruck davon vermittelt, wie es wäre, in einer Welt ohne systemi-
sche Gewalt zu leben.“ Ulbricht wuchs in Austin, Texas
auf. Er soll ein guter Schüler gewesen sein, Pfadfinder,
nett, hilfsbereit, naturverbunden. Auf Fotos posiert er
mit Kindern und Haustieren. Oder er umarmt Bäume.
Freunde und Familie haben die schönsten Fotos von
Ulbricht ins Netz gestellt, sie sind von seiner Unschuld
überzeugt. Dabei hat Ulbrichts Anwalt gleich zu Anfang
des Prozesses eingeräumt, dass sein Mandant Silk Road
gegründet hat. Schon bald aber habe Ulbricht seine Netzidentität als Dread Pirate Roberts an
jemand anders abgegeben und kurz
vor der Verhaftung wieder übernommen. Besonders überzeugend klingt
das nicht.
Der Pate des
Internets
OHNE SPUREN Nach einem Physikstudium beschloss Ulbricht, Unternehmer zu werden. Er lancierte eine
Website für gebrauchte Bücher, die
aber nicht gut lief. Dann kam er auf
eine bessere Idee, ein Portal, wie er
schrieb, „auf dem Leute miteinander
handeln können und keine Spuren
hinterlassen“. Um im Netz Interesse
zu wecken, mietete er eine Hütte in
der Nähe von Austin und baute halluzinogene Pilze an. „Furchtbar war
das“, schrieb er später, „ich habe
mich fast totgearbeitet.“ Doch die Pilze wirkten. Nach und nach kamen die
Nutzer, und als das Internet-Portal
Gawker im Juni 2011 einen großen Artikel veröffentlichte, wurde Silk Road
viral. Eine knappe Million Benutzerkonten soll Silk Road zuletzt gehabt
haben. Zum Vergleich: Amazon hat
270 Millionen.
Ulbricht hatte eine klar umrissene
Zielgruppe, ein gutes Timing und eine neue Technologie.
Denn Anfang 2011, als Silk Road live ging, stand auch Bitcoin ganz am Anfang. Bitcoin ist eine Währung, die digital und dezentral erzeugt wird – also von den Nutzern
selbst und ohne das Zutun einer Bank, die den Zahlungsverkehr und die damit einhergehenden Informationen
kontrolliert. Bitcoin und Silk Road waren wie geschaffen
füreinander. Außerdem setzte Ulbricht auf das Tor-Netzwerk, das man herunterladen kann, um anonym zu surfen. Rasch wurde Silk Road zum prominentesten Portal
des sogenannten Darknets, eines Internet-Schattenreichs, das für normale User nicht einsehbar ist.
Ross Ulbricht hat Silk Road gegründet,
ein Amazon für Drogen, Waffen und
Erotika. Nun bekam er lebenslänglich.
Die aufregende Geschichte des
gefährlichsten Softies der Welt
– von Konstantin Richter
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Kultur 39
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Immer schön eincremen
Ross Ulbricht auf einem
privaten Foto
Darknet, das klingt sinister wie Darth Vader. Tatsächlich war Silk Road eine kundenfreundliche und optisch
aufgeräumte Seite und orientierte sich an den etablierten E-Business-Plattformen. Silk Road galt als das Ebay,
das Airbnb, das Tripadvisor einer wachsenden Drogengemeinde, die sich nicht den Risiken des Straßenhandels aussetzen wollte. Es gab Produktfotos, Kundenbewertungen und ein Community-Forum. Tipps für die
besten Vakuumverpackungen. Überweisungen wurden
auf einem Treuhandkonto eingefroren und erst freigegeben, wenn beide Parteien zugestimmt hatten. Bei
Nutzern war Silk Road überaus beliebt. Hier ein typisches Feedback eines Drogenkäufers: „Exzellente Qualität, Verpackung und Kommunikation. Kam genauso an
wie beschrieben.“
Und Ulbricht? Er zog
nach San Francisco, zunächst zu einem Freund,
dann in eine Wohngemeinschaft, zahlte dort tausend
Dollar Monatsmiete, nannte sich Josh, gab sich als
Bitcoin-Händler aus. Achtzig Millionen Dollar soll er
umgerechnet an Provisionen verdient haben. Die derart verdienten Bitcoins legte er auf dem Rechner ab, er lebte bescheiden. Und immer wieder investierte er in das rasant wachsende Geschäft, in Kundenservice, Marketing, Qualitätskontrolle, stellte mehr Leute ein, beklagte im Tagebuch, wie
schwer es sei, geeignete Kräfte für eine „kriminelle Vereinigung“ zu gewinnen.
Dabei hielt Ulbricht das, was er tat, für alles andere
als verwerflich. Obwohl neun der zehn Top-Produkte
auf Silk Road Drogen waren, sah er die Firma als idealistisches Projekt, dessen Zweck weit über das tägliche
Geschäft hinausging. Neben Marihuana, Kokain, Heroin
hatte er auch philosophische Bücher im Sortiment, gefälschte IDs, Erotika und, eine Zeit lang, Waffen. Im
Dread Pirate Roberts Book Club lasen der Pirat und seine Anhänger die Werke von Ludwig von Mises. Der österreichische Ökonom ist einer der bekanntesten Vertreter des Libertarismus: der Überzeugung, dass der
Kapitalismus das einzig valable Wirtschaftssystem sei
und von staatlichen Eingriffen frei bleiben müsse.
Die Silicon-Valley-Variante des Libertarismus wird in
den USA als Cyberlibertarianism bezeichnet – ein Mises
2.0 also, bei dem sich ein radikaler Wirtschaftsliberalismus mit einem fast religiösen Vertrauen in den technologischen Wandel verbindet. Zu den Cyberlibertarians
werden etliche Unternehmer und Investoren im Valley
gezählt, der Prominenteste ist der in Frankfurt geborene Peter Thiel, der sein erfolgreiches Investment in den
Bezahldienst PayPal wie folgt beschrieben hat: „Die
Gründungsvision von PayPal in den späten Neunzigern
galt der Schöpfung einer neuen Weltwährung, befreit
von jeglicher politischen Kontrolle und Verwässerung,
das Ende monetärer Souveränität gewissermaßen.“
Auch Ulbricht hat sein Engagement als politisch betrachtet, als Silicon-Valley-Lösung für ein gesellschaftliches Problem. Nicht brutale Straßendealer oder erpresserische Drogenkartelle waren bei Silk Road am Werk –
so zumindest sah es Roberts –, sondern ein dezentrales
Netzwerk, das im Normalfall ohne Gewalt auskam. Für
„Ordnung und Anstand“ wollte Roberts auf dem
Schwarzmarkt sorgen und feierte den digitalen Fortschritt, der es ihm, einem „Softie“ (Selbstbeschreibung),
ermöglichte, eine Rauschgiftorganisation aufzubauen.
Dass Internetnutzer, die dem Geschäft mit Drogen
bis dahin ferngeblieben waren, auf Silk Road zu Dealern
und Süchtigen wurden, nahm Roberts ebenso in Kauf
wie die Tatsache, dass auf der Seite immer größere
Stückmengen gehandelt wurden. Aus einem B2C-Portal
für Privatverbraucher wurde allmählich ein B2B-Portal.
Dealer verkauften an Dealer und freuten sich über den
mühelosen Effizienzgewinn. Im Prozess hat die Staatsanwaltschaft einen typischen Nutzer, einen Heroinhändler, in den Zeugenstand berufen. Frage: „Haben Sie
vorher jemals gedealt?“ Antwort: „Nein.“ – „Hätten Sie
Drogen auch auf der Straße verkauft?“ – „Niemals.“ –
„Warum haben Sie es dann bei Silk Road getan?“ – „Ich
habe gesehen, dass es relativ einfach war, es gab mir Sicherheit und Anonymität.“
Der Erfolg von Silk Road dürfte Ulbrichts Erwartungen übertroffen haben. Entsprechend wuchs auch
seine Angst, entdeckt zu werden. In seinem Tagebuch
beschrieb er, wie nervös ihn Gespräche mit nichts ahnenden Bekannten machten. Dabei wollte er, wie jeder Täter, das Geheimnis irgendwo loswerden, sein
Mitteilungsbedürfnis
wuchs, die Beiträge im
Communityforum gerieten zunehmend pathetisch, Anzeichen einer
unsteten Psyche vielleicht. „Ich liebe euch alle“, schrieb er im November 2012. „Unter all den
Menschen auf der Erde
seid Ihr es, die Ihr hier
dabei seid, im Frühstadium dieser Revolution. Danke
für Euer Vertrauen, Euren Glauben, Eure Kameradschaft und Eure Liebe.“
„Im Tagebuch beschrieb er,
wie nervös ihn Gespräche
mit nichts ahnenden
Bekannten machten“
DUMMER FEHLER Die Agenten vom FBI stießen relativ früh auf Ulbricht. Er hatte ganz zu Anfang in einem
Bitcoin-Forum auf Silk Road verwiesen und dabei einen Decknamen benutzt, unter dem er an anderer Stelle seine Mail-Adresse gepostet hatte. Eine Dummheit.
Ein FBI-Agent schlich sich bei Silk Road ein, wurde
Mitarbeiter, kommunizierte regelmäßig mit Dread Pirate Roberts, lockte ihn mit Mails, während andere
Agenten darauf warteten, dass sich Ulbricht irgendwo
in der Öffentlichkeit zeigte und auf dem Laptop einloggte. Im Oktober 2013 schnappte die Falle zu. Ulbricht betrat eine Bücherei in Glen Park, setzte sich in
die Science-Fiction-Abteilung und loggte sich als
„Dread Pirate Roberts“ ein. Zwei Agenten, die ihm unauffällig gefolgt waren, begannen laut zu streiten, um
ihn abzulenken, ein Dritter griff nach seinem Laptop.
Dann wurde er verhaftet.
Einige Frage bleiben offen, Stoff für Verschwörungstheorien. Die FBI-Agenten haben niemals plausibel erklären können, wie sie auf den Silk-Road-Server in
Reykjavík gestoßen sind. Noch mysteriöser wird es da,
wo Ulbricht Auftragskiller angeheuert haben soll, um
Leute loszuwerden, die seinem Projekt hätten gefährlich werden können. 600.000 Dollar in Bitcoins hat
Ulbricht angeblich für Morde ausgegeben und dabei unter anderem einen getarnten Agenten beauftragt. Zu
Tode gekommen ist jedoch niemand, und die Aufträge
sind nicht in die Anklage eingeflossen, warum nicht?
Und auch die Echtheit der Tagebücher ist vielfach angezweifelt worden. Ein bisschen zu perfekt, zu lückenlos erscheint die Geschichte, die Ulbrichts Wandlung
vom Studenten zum Drogenbaron Schritt für Schritt
nachvollzieht.
In seinem Schlussplädoyer hat der Anwalt, der Ulbricht vertritt, behauptet, jemand habe sich der NetzIdentität Ulbrichts bemächtigt und die Tagebücher kreiert, um ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben. „Im
Internet ist nichts so, wie es scheint“, sagte er. „Wir wissen nicht, wer Dread Pirate Roberts ist, aber wir wissen,
wer Ross Ulbricht ist.“
Die Geschworenen waren da anderer Meinung. Sie
beschlossen, dass, zumindest in diesem einen Fall, Internet und Wirklichkeit übereinstimmen. Dread Pirate
Roberts ist Ross Ulbricht, und Ross Ulbricht muss ins
Gefängnis, womöglich lebenslang, das Strafmaß wird
im Mai verkündet.
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PLATTENKRITIK
Marita Hackman
Selbst im Forum der Lana-Del-ReyUltras wird sie thematisiert: Marika
Hackman eilt der Ruf voraus, dieses Jahr
musikalisch mitzuprägen. Das von Charlie Andrew (alt-J) produzierte Debüt
bestätigt denn auch die Vorschusslorbeeren. Marikas angenehm kantiger Folk
zeigt das Schwarze unter den Füßen und
bietet traurige Schönheit unter gärenden Soundlandschaften, die eher an
norwegische Berghütten erinnern als an
eine Feiergemeinde wie Brighton. Dabei
schafft die fast 23-Jährige den gewagten
Spagat zwischen Nico und Laura Marling – und pirscht sich in ihren poppigeren Momenten an Glass Animals heran.
„The blood is frozen in my veins“ lautet
die Kernzeile des pastoralen Glanzlichts
„Monday Afternoon“ – doch da ist Feuer
unterm Eis.
Frank Lähnemann
Marita Hackman:
„We Slept At Last“
(Dirty Hit/Caroline)
Der „Rolling Stone“, Deutschlands wichtigstes
Musikmagazin, erstellt die Plattenkritik
exklusiv für „Welt am Sonntag Kompakt“
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40 Kultur
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
„Udo Jürgens? Kenn’ ich nicht“
Humor austesten
Oliver Polak und Haftbefehl
hinten in der S-Klasse
AVANTI MEDIA/FABIAN MEYER/CHRISTOPHER ROWE
S
ie sehen sich so ähnlich. Dunkle Haare,
dunkle Augen. Der
eine deutlich kräftiger in Bomberjacke
und Jogginghose und mit Bart,
der andere in Jeanshose und
Jeanshemd, beide mit Sonnenbrillen. Der eine Stand-upComedian und Bestseller-Autor, der andere der derzeit
größte Rapper im Land. Ihre
Kunst nährt sich vor allen
Dingen aus Hass und Wut und
Verzweiflung. Starke Gefühle,
starke Persönlichkeiten.
Oliver Polak, Jude, geboren
in Papenburg, Sohn eines
deutschjüdischen HolocaustÜberlebenden und einer russischen Jüdin. Haftbefehl, in Offenbach in einer kurdischen Einwandererfamilie geboren, gläubig ja, aber leider nicht praktizierend, sagt er.
Der eine ist ein Teil von Berlin-Mitte, der andere trotz
seines Erfolgs immer noch ein Kind des hessischen Gettos. Zwei, die sich auf den ersten Blick nicht mögen dürften. Für die Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ haben
sie es trotzdem miteinander versucht.
Sie stehen vor einer Wurstbude und lernen sich wie
pubertäre Kids kennen. Grummeln, dummes Zeug reden. Musikgeschmack austesten. Rumstehen. „Supermegabeschissener Taxifahrer“, beschwert sich Polak über
den Mann, der ihn zum Imbiss gebracht hat.
„Warum?“
„Weiß nicht, der hat nichts drauf.“
Frankfurt am Main. Irgendein Imbiss, dessen Dach
Stacheldraht ziert. Sie essen Rindswurst. Polak: „Ich bin
ehrlich, ich kenn’ nur einen Song von dir.“
Haftbefehl: „Was hörst du?“
„Wenig Deutschrap. Mehr Indie, Elektro und Udo
Jürgens.“
„Udo Jürgens? Kenn’ ich nicht.“
„Der Mann mit dem weißen Bademantel am Ende
seiner Show.“
„Nee.“
„Ich war noch niemals in New York.“
„Nee.“
„Du verarscht mich.“
„Ne, gar nicht.“
„Mercic, Chérie das hören wir nachher im Auto.“
„Ja, mach mal an.“
Sie steigen ein in eine schwarze S-Klasse. Sie fahren
zur JVA nach Preungesheim. Wieder Stacheldraht. Eine
metallische Stimme sagt „Ja“ durch die Sprechanlage.
Für die Gefangenen hat Haftbefehl rote Marlboro mitgebracht. Umsonst. Nicht erlaubt. Sie werden abgetastet.
„Kennst du das, wenn die dich abtasten, und es macht
dich ein bisschen geil“, fragt Polak den Rapper. Es ist ein
Witz, der den Abtastenden demütigen soll – und Haftbefehls Sexualmoral austesten. Natürlich kennt Haftbefehl
das nicht. Der Comedian hat vielleicht gehofft, dem Rapper ein „voll schwul“ zu entlocken. Er bekommt aber nur
einen verunsichert schauenden Haftbefehl. Ein paar
Witze über die Anstalt. „Sieht aus wie im Ibis-Hotel.“
Einmal auf dem Hof hinter der Mauer stehen. Dann verlassen die beiden unter dem animalischen Geschrei der
Für Arte trifft der
deutschjüdische
Comedian Oliver
Polak auf den
deutschkurdischen
Rapper Haftbefehl.
Kann das gutgehen?
– von Frédéric Schwilden
Eingeschlossenen die Anstalt.
„Alter“, kommentiert Polak
das Schauspiel. Die Besucher
steigen in die S-Klasse. „Das
ist einer der unangenehmsten
Menschen, die ich in den letzten Monaten kennengelernt
habe“, sagt Polak über den
Mann an der Pforte der JVA.
„Na, Dicker, die sind halt abgewichst hier. Die haben nur
mit ...“, sagt Haftbefehl, ehe
ihn Polak unterbricht. „Ja, Alter!“ Und Haftbefehl: „Was
meinst du, wie oft der in die
Fresse bekommen hat.“
SODOMIE UND HITLER
Polak macht Witze über Konzentrationslager, Sex mit Tieren und alle Schweinereien,
die man sich ausdenken kann. Er verkleidet sich als depressiver Adolf Hitler. Haftbefehl lebt davon, dass andere seine lyrischen Gewalt-Collagen ästhetisch finden.
Beide werden von den Feuilletons geschätzt, Haftbefehl
für seine Sprachqualitäten, Polak für seine befreiende
Form des deutschjüdischen Humors.
Die alte Wohnung von Haftbefehls Familie zieht
vorbei. Polak war depressiv. Haftbefehls Vater tötete
sich selbst, einer Depression wegen. Sie essen schmatzend und rülpsend Döner von Styroportellern auf dem
Rücksitz des Mercedes. „Sind deine Eltern reich?“,
fragt Haftbefehl. Polak fragt, warum. „Weil Juden
meistens reich sind“, antwortet der Rapper und lacht.
Haftbefehl findet, dass man über Juden Witze machen
darf, über Sodomie und Vergewaltigungen aber nicht.
Er trinkt ein San Pellegrino. „Dass alle Juden reich
sind, ist der größte Schwachsinn, den ich gehört habe“,
sagt der Stand-up-Comedian. Haftbefehl stößt auf und
drückt sich den Zeigefinger ins Auge. „Amerikanische
Juden?“
„Auch nicht. Das ist auch ein antisemitisches Klischee. Das ist so, als würde ich sagen, alle Mullahs
ficken Ziegen.“
„Ja.“
„Stimmt ja auch nicht.“
„Stimmt auch nicht.“
„Oder?“
„Ja, hast recht.“
Sie fahren auf den Rummel. In ein kleines KabarettTheater. Sie gehen essen. Immer bleiben sie die kleinen
Jungs, die alle anderen ein bisschen scheiße finden. Im
Theater erzählt Polak dem Theaterbesitzer, dass er Kabarett in Deutschland für Dreck hält.
Es geht um eine Wohnung im Frankfurter Stadtteil
Sachsenhausen. „Schöne Gegend“, ist die Antwort des
Rappers. Polak meint, er sei immer zusammengezuckt
bei diesem Namen.
„Warum?“
„Das war der Name von einem Konzentrationslager.“
„Wusst ich nicht.“
Wieder schmatzend. Wieder rülpsend. Am Ende fahren sie zu Udo Jürgens’ „Ich weiß, was ich will“ davon.
„Durch die Nacht mit ... Haftbefehl und Polak“ läuft am
Sonntag um 23.10 Uhr auf Arte.
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Kultur 41
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
„Rockmusiker,
die sich über
Aufmerksamkeit beklagen,
haben ein paar
grundlegende
Dinge nicht
verstanden“
Der nächste Kunst-Blockbuster
1
Kunst Klassische
Moderne geht immer:
Und so kündigt die
Fondation Beyeler ihre
Ausstellung „Paul
Gauguin“ im schönen
Museumsbau, den
Renzo Piano dem 2010
verstorbenen Sammler
in Riehen bei Basel
hingesetzt hat, auch
stolz als „einen der
großen europäischen
Kulturhöhepunkte
2015“ an. Von heute an
bis zum 28. Juni ist der
Blockbuster zu sehen
– mit Leihgaben aus
aller Welt, etwa der
„Frau mit Fächer“ von
1902 (Foto).
KOFFER
Berlinale So groß ist das Festplattenaggregat, von dem aus alle
tausend Filme des Festivals in die
Kinos projiziert werden. Vor wenigen Jahren waren es noch 20
Kilogramm schwere Filmkopien,
die zwischen den Berlinale-Kinos
hin- und hergefahren wurden. Die
Verwandlung der Berlinale von
einem riesigen Berg Zelluloid in
ein lachhaft kleines Computertürmchen ist das beste Bild für die
Revolution, die (auch) im Medium
Kino stattfand (und findet).
MARYLIN MANSON,
Rockmusiker, hat’s verstanden
Auf den Bäumen
Film Der Anfang ist geschafft, das
Gemecker wie jedes Jahr groß:
der Eröffnungsfilm „Niemand will
die Nacht“ von Isabel Coixet?
Totaler Kitsch. Die Hauptdarstellerin Juliette Binoche? Toll, sicher,
aber diese Frauen-am-PolarkreisMystik ... Die Eröffnungsparty?
Finster, finster, aber der BerlinalePalast hat eben den Charme eines
Parkhauses. Über die BerlinaleMeckerbrücke muss immer neu
gegangen werden. Bis Sonntag.
Dann ist für ein Jahr vorbei.
Mehr Kultur-News
finden Sie im Internet auf
der Seite welt.de/kultur
u
W
GETTY IMAGES; SONY MUSIC, MATTHIAS HORN; CARL HANSER VERLAG; MUSEUM FOLKWANG/ESSEN; GETTY IMAGES; THE ESTATE OF LARRY SULTAN, COURTESY GALERIE THOMAS ZANDER/KÖLN; WARNER MUSIC GROUP/GETTY IMAGES
Charli XCX
Über die Meckerbrücke
SIBYLLE BERG in ihrem neuen
Buch „Der Tag, als meine Frau
einen Mann fand“, in dem sich
Rasmus, der Mann, sicher ist, dass
seine Frau Chloe beim gemeinsamen Dinner genau diese Worte
über ihren jungen Liebhaber
denkt. Mit ihm hat sie bis dahin
vieles getan, aber nicht geredet
11
Hoch gehandelt
Hip-Hop An dieser Stelle
könnte jetzt der neueste Stand
der beliebten Serie „Deutschland ärgert sich über Bushido“
stehen, das lassen wir aber
einfach mal. Und halten einfach fest, dass Freitag „Carlo
Cokxxx Nutten 3“ (Bushido/
Sony Music) erscheint, für alle,
die nur die Soap kennen: Das
ist die Fortsetzung der CCNAlben des Rappers. Anders als
bei den Vorgängern „macht er
es diesmal alleine“, also ohne
Partner, wie rap.de verkündet –
„disst“ aber wieder „alles, was
nicht bei zwölf auf den Bäumen“ ist. Echt, jetzt?
„Verdammt,
der Dildo
kann ja
sprechen“
DAS GUTE,
Schöne,Wahre JAHRE
Neue Stars, alte Irre,
Literatur Eine Gattung wird „entdeckt“: Im 11. Jahr des Preises der
Leipziger Buchmesse nominiert
die Jury tatsächlich erstmals einen
Lyrikband. In der Kategorie „Belletristik“ hat die Jury um Sprecher
Hubert Winkels Jan Wagners
Gedichtband „Regentonnenvariationen“ (Hanser Berlin) nominiert.
traurige Bilder: Was diese
Woche in der Kultur passiert
Wo das Begehren zu Hause ist ...
Die nächste Madonna
Fotografie Es ist eines der Bilder, die Larry Sultan berühmt gemacht
haben, dem das Kunstmuseum Bonn eine Ausstellung widmet (bis 17.5.):
Es zeigt eine Frau, die sich Sharon Wild nennt, stammt aus der Serie
„The Valley“ (2001) und ist nur vordergründig ein Bild über die Pornoindustrie, die sich im San Fernando Valley niedergelassen hat.
Pop Wenn man mit 22 ständig
Sätze beginnt mit „Es nervte mich,
als ich jünger war ...“, dann ist man
altklug oder hat schon viel erlebt.
Letzteres gilt für Charlotte Aitchison, die bereits Hits für Britney
Spears schrieb, bevor sie als Charli
XCX selber welche landete. Ihr
neues Album „Sucker“ (Asylum/
WEA) erscheint Freitag.
Prekäre Unterhaltung
Theater Die Ankündigung des
Hamburger Schauspielhauses
zu Christoph Marthalers Version von John Osborne „Der
Entertainer“, in dem es ursprünglich um den Niedergang
der englischen „Music Hall“
geht, klingt wie die MarthalerDefinition schlechthin: „Es geht
um eine Gruppe aus der Zeit
gefallener Menschen in prekären Verhältnissen, die daraus
Unterhaltung machen.“ Premiere ist Samstag.
„Wo ich bin,
ist oben“
UDO LATTEK, (1935–2015) Trainerlegende und Fußballphilosoph
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Unter normalen Irren
Buch Wenn man die Bücher von
T.C. Boyle betrachtet, die immer
von Amerika handeln, dann könnte
man sagen: Nicht aus der Mitte
entspringt, sondern von den Rändern her erklärt sich der Fluss.
Nicht die Mittelschichtsschluffis
eines Jonathan Franzen sind es,
durch die er Amerika erklärt,
sondern die Sonderlinge. In „Hart
auf Hart“ (Hanser; 22,90 Euro)
sind es drei: der Geschichtslehrer
und Vietnamveteran Sten, sein
durchgeknallter Sohn Adam, 25,
der als Einsiedler lebt, Mohn anbaut, Waffen hortet, sich vor
Aliens fürchtet und zu morden
beginnt, sowie die Spießer-Hasserin und Öko-Kriegerin Sara, 40, die
sich in Adam, von dem sie aufgegabelt wird, verliebt. Ein „Thriller“ mag das nicht sein: Aber eine
Geschichte, der man gern folgt.
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„Nobelhart & Schmutzig”,
DAS neue Restaurant in
Berlin Seite 46
Brad Elterman – DER
Paparazzo Hollywoods
Ägypten – DA muss
man jetzt hin. Sofort
Seite 48
Seite 50
BESSER LEBEN
Wahre Liebe
SERIE
Teil 4:
Liebe
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STIL
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Die meisten sind auf der Suche nach romantischer Verliebtheit,
Schmetterlingen und sprühenden Funken – dabei führt der
Weg zum dauerhaften Beziehungsglück über den Kopf statt
den Bauch – von Nicola Erdmann
UND VERNUNFT Die braucht es, um sich auf
eine Beziehung mit jemandem einzulassen, der
kein wohliges Sehnen hervorruft. Genau dieser
Perspektivwechsel von der Romanze zur Realität kann sich lohnen. Vom Paar- und Psychotherapeuten Arnold Retzer stammt die vor fünf
Jahren erschienene und viel diskutierte „Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe“. In
„Lob der Vernunftehe“ konstatiert er: „Vernünftige Vorstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen führen zu einer guten ehelichen
Lebensqualität.“ Und die ist es nämlich, die
uns dauerhaft glücklich macht und erfüllt.
Nicht das wahnsinnig aufregende Auf und Ab,
das Gefühlskarussell aus Enttäuschungen und
Höhenflügen – so spannend das sein mag.
Nein, der Schlüssel zum Liebesglück heißt Vernunft –, weil, wie Arnold Retzer sagt, eine Vernunftbeziehung „realistisch, lebbar und erfolgreich ist“.
Doch es ist die romantische Liebe, die erotische Anziehung, die medial wie gesellschaftlich
gefeiert wird. Die „FAZ“ nannte den Mythos
von der romantischen Liebe gar den „Leitstern
unserer Zeit“, eine „Pseudoreligion“ – was
nicht übertrieben ist. Prominente wie Nichtprominente inszenieren ihre Hochzeiten bis
zur Perfektion, lassen sich für ihre Liebe be-
S
wundern und tragen sie zur Schau. Denn Romantik läuft gut: Die VOX-Sendung „4 Hochzeiten und eine Traumreise“ etwa erreicht
zweistellige Marktanteile in der jungen Zielgruppe. Der am häufigsten verwendete
Hashtag auf Instagram lautete 2014 „#love“.
Insgesamt sind mehr als 700 Millionen Bilder
damit abrufbar. Darauf zu sehen: glückliche
Paare, Verlobungsringe, Sonnenuntergänge
hinter zwei Händen, die ein Herz bilden.
Alles Versuche, nachzuahmen, was Filme,
Lieder, Romane inszenieren. „Millionen Menschen verschwenden riesige Mengen Energie,
indem sie verzweifelt versuchen, die Realität
ihres Lebens mit dem unrealistischen Mythos
der romantischen Liebe in Einklang zu bringen“, schreibt der Psychiater M. Scott Peck.
Auch Soziologin Eva Illouz verweist auf das
Problem der überhöhten Erwartungen an das
Liebesleben – als Ursache für Trennungen oder
gar nicht zustande kommende Beziehungen.
Dabei stehen gesunde Beziehungen soziologischen Theorien zufolge auf mehreren Säulen:
Erotik, gemeinschaftliche Partnerschaft und
solide Freundschaft sind gleichermaßen wichtig – haben aber in der Gesellschaft nicht den
gleichen Stellenwert.
So suchen immer mehr Singles mit den
Werkzeugen der Vernunft nach einem Partner:
Sie lassen sich von Online-Partnervermittlungen „matchen“ und per Persönlichkeitstests
und Algorithmen vermeintlich ideale Partner
vorschlagen. Unlängst heirateten sogar im Rahmen der Sat.1- Sendung „Hochzeit auf den ersten Blick“ Menschen, die sich vorher überhaupt nicht kannten und die Beziehungsexperten füreinander bestimmt hatten. Kommt es
dann aber zu einem Date (beziehungsweise der
Hochzeitsreise), wollen sie es alle doch: das irrationale Kribbeln.
Wenn es ausbleibt, werden selbst hohe
Übereinstimmungswerte in den Wind geschlagen. Dann ist es egal, ob rational alles passt –
etwa der ähnliche Bildungshintergrund, die gemeinsamen Vorlieben. Es soll immer „klick“
machen. Wo bleiben bloß die Schmetterlinge?
Mehr als 70 Prozent aller deutschen Männer
und Frauen glauben an Liebe auf den ersten
Blick – die sie dann auch erwarten. Paartherapeuten halten aber nicht viel davon: „Viele Singles denken schon beim ersten Date: Warum
spüre ich denn jetzt nichts? Was ist los?“, sagt
Ingrid Strobel, die bei Sat.1 mithalf, die Hochzeitskandidaten auszusuchen. „Dabei sollte
man erst mal den Boden bereiten für gemeinsame schöne Momente, die sich dann hoffentlich summieren – und das Paar ans Ziel der Liebe bringen.“ In der Sendung gelang das von
vier Paaren einem einzigen.
Auch Sarah kommen kurz nach dem unspektakulär-pragmatischen Start ihrer Beziehung
zu Felix Zweifel. Eine Freundin sagt zu ihr:
„Wenn der Alltag kommt, brauchst du dann
nicht wenigstens eine Erinnerung an das magische Kribbeln vom Anfang?“ Nein. Weil es kein
unsanftes Erwachen gibt, wenn „Verliebtheitshormone“ nachlassen. Weil die freundschaftliche Liebe als Beziehungsstil, so belegt es der
Soziologe John Alan Lee in einer Längsschnittstudie, dauerhaft genauso glücklich macht wie
altruistische und romantische Liebe.
EINER, DER DA IST Klassischerweise beginnen Beziehungen mit erotischer Anziehung –
wer Glück hat, überführt diese nach zwei bis
vier Jahren in eine Partnerschaft mit freundschaftlicher Liebe. Dafür, dass es eben auch andersrum funktioniert, ist Susanne Wendel das
Paradebeispiel. Die heute 42-Jährige tat sich
2011 mit Frank-Thomas zusammen – aus reiner
Pragmatik: „Mir war nie einer gut genug, aber
dann war ich plötzlich Ende dreißig und wollte
noch ein Kind.“ Da habe sie sich gesagt: „Gut,
ich nehme jetzt einen, der da ist.“ Das war ihr
guter Freund Frank-Thomas. Er wollte das
Gleiche und ließ sich ein auf den Plan „wir versuchen es jetzt einfach mal“ – samt Verlobung.
„Es gab weit und breit keine Funken oder
Schmetterlinge“, erzählt Susanne Wendel. „Zunächst war das wirklich eine riesengroße Überwindung.“ Das mag befremdlich klingen, für
die beiden jedoch war es der Weg zum heute
perfekten Lebensglück. Mittlerweile sind sie
Eltern eines Sohnes und „total happy“.
Eine solche Beziehung aufzubauen – das
dauert. „Man muss am Haus der Liebe bauen,
das frustriert auch mal“, sagt Paarberaterin
Ingrid Strobel. „Man sollte flexibel sein, Empathie aufbringen, geduldig und diszipliniert
sein.“ Besonders wichtig seien der „unbedingte
Wille, sich auf den Partner einzulassen, und
das Bewusstsein, dass Liebe nicht vom Himmel
fällt“.
Susanne Wendel brauchte zweieinhalb Jahre, um festzustellen, dass zwischen ihr und ihrem Mann echte Liebe gewachsen war. „Da gab
es nicht den einen Moment, in dem das passierte, sondern viele schöne Erlebnisse, die uns
zusammengeschweißt haben.“ Der Psychiater
M. Scott Peck konstatiert: „Wahre Liebe ist ein
Akt des Willens, nicht der Emotion. Wer sich
bewusst entscheidet zu lieben, liebt wirklich.“
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SILJA GÖTZ; DOMINIK BUTZMANN; GETTY; BRAD ELTERMAN
Sarah war sieben Jahre lang Single. Im Sommer
2010 lernt sie bei der Arbeit Felix kennen, einen
der „nettesten Menschen der Welt“, wie sie
bald von ihm sagt, aber Interesse an ihm als
Mann hat sie nicht. Optisch ist er nicht ihr Typ,
außerdem ist er ziemlich klein, sie hat andere
Vorstellungen. Doch sie arbeiten über Wochen
zusammen, er zeigt irgendwann ziemlich deutlich sein Interesse an ihr, sie sind sich einig
über zentrale Fragen, haben die gleichen Ziele,
den gleichen Humor. Sarah mag Felix – und als
er sie irgendwann küsst, macht sie mit.
Ein paar Wochen später werden sie ein Paar
– es ist unkompliziert mit ihm, er meldet sich,
wenn er es sagt, sie verstehen sich. „Ich war so
lange Single“, sagt Sarah, „und ich dachte mir
einfach: Es stört mich nichts Gravierendes, wir
verstehen uns so gut, ich sollte das jetzt einfach mal machen.“
Aber darf eine Beziehung so anfangen? So
nüchtern, überlegt, ohne Schmetterlinge-imBauch-Moment? Ja. Sie darf nicht nur – sie hat
sogar die größeren Erfolgsaussichten als eine
Liebe, die auf romantischer Verliebtheit gründet. Und sie ist die Chance für die vielen Singles, die regelmäßig an ihren zu hohen Ansprüchen und Vorstellungen davon scheitern, wie
eine vermeintlich perfekte Liebe zu sein hat:
„Eine warmherzige Zuneigung reicht für eine
glückliche Beziehung völlig aus“, sagt Paartherapeutin Ingrid Strobel. „Rauschhaftes Verliebtsein bildet nicht die Basis für eine langfristige Partnerschaft.“ Viel wichtiger seien gemeinsame Ziele, ähnliche Werte und Moralvorstellungen.
44 Stil
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Harte Fakten zum
großen Gefühl
Mit ohne Biss
Der Vampir Edward Cullen und die Sterbliche Bella
Swan aus der „Twilight“-Saga haben Millionen Jugendlichen demonstriert, wie man das erste Mal um
Jahre hinauszögert. Er will keinen Sex, damit er nicht
im Zuge zügelloser Leidenschaft zubeißt. Und noch
mehr der Romantik: Die Darsteller der Verfilmung,
Kristen Stewart und Robert Pattinson, waren selbst
zusammen – bis sie ihn betrogen haben soll.
Die Wissenschaft packt die Liebe in
nüchterne Zahlen – und weiß, was ihr
bekommt und was nicht – von Fanny Jiménez
Pärchen aus dem
Fernsehmärchen
E
Gelbe Gefühle
Beide sind gelb. So weit die Gemeinsamkeiten.
Homer Simpson ernährt sich von Donuts, wiegt
mindestens 100 Kilo und hat keinerlei kulturelles
Interesse. Seine Frau Marge ist schlank, elegant und
interessiert sich für Kunst. Kein Wunder, dass sie
überlegte, ihn für einen französischen Bowlinglehrer
sitzen zu lassen – um dann wieder zu Homer ins
Atomkraftwerk zu eilen. Doch romantisch.
Cyber-Erotik
Im Film „Her“ verkörpert Joaquin Phoenix einen
einsamen Melancholiker im futuristischen Los
Angeles, der sich in die Stimme von Scarlett Johansson verliebt. Sie gehört zu seinem neuen intelligenten
Betriebssystem „Samantha“ – mit dem er sich bald
liiert fühlt. Kurz darf man an ein Beziehungsmodell
der Zukunft glauben – bis sie mit ihm Schluss macht,
weil sie sich zu Höherem berufen fühlt.
CONCORDE VERLEIH; 20TH CENTURY FOX; TARGET PRESSE AGENTUR; INTERTOPICS; REX FEATURES
Streng genommen gehört die Liebe zwischen
Deutschlands erfolgreichster Schlagersängerin und
Deutschlands erfolgreichstem Schlagermoderator
nicht unter die fiktionalen Romanzen. Doch scheint
das Glück von Helene Fischer und Florian Silbereisen zu perfekt, um wahr zu sein. Nach einem Kuss
vor der Kamera versicherten sie sogleich, das sonst
daheim zu erledigen. Wohl vor Alpenkulisse.
Die Liebe ist der nützlichste Rohstoff für Autoren,
die Erfolgsgeschichten produzieren wollen. Wie jene
von Claire und Francis Underwood, dem machtbewussten Paar aus der Serie „House of Cards“
(Kevin Spacey und Robyn White). Er, der Berufspolitiker, liebt sie, eine Wohlfahrtsunternehmerin,
nach eigener Aussage „mehr als Haie Blut“. Mit vereinten Kräften intrigieren die beiden sich nach oben.
Beziehung stabil zu halten. Andere Wissenschaftler sagen, dass Berührungen
das Wichtigste für die Zufriedenheit
sind, und dabei seien Küsse wichtiger als
Sex. Bis zu 100.000 von ihnen verschenken wir im Laufe des Lebens an Partner,
mit einer mittleren Dauer von zwölf Sekunden. Der US-Forscher John Gottman
wiederum hat gezeigt, dass eine Beziehung glücklich ist, wenn auf fünf positive
Interaktionen zwischen den Partnern eine einzige negative kommt. Mit dieser
Gottmann-Konstante lässt sich in mehr
als 90 Prozent aller Fälle korrekt vorhersagen, ob ein Paar sich trennen wird. Besonders schädlich
sind folgende Verhaltensweisen: häufige Kritik am Partner, Respektlosigkeit, Schuldzuweisungen und die Tendenz zum emotionalen Rückzug.
Auch
Untreue
lässt Beziehungen
oft scheitern: In 21,3
Prozent ist das der
Trennungsgrund. In
52 Prozent der Fälle
reicht dann die Frau
die Scheidung ein.
In Großstädten
leben gut 15 Prozent der verheirateten
Paare nicht im gleichen Haushalt. Diese
LAT-Paare (Living apart together) sind
zwar oft etwas glücklicher, ihre Beziehung zerbricht aber häufiger. Das liegt
auch daran, dass Besitz wie ein Haus und
gemeinsame Aufgaben wie die Kindererziehung eine Beziehung effektiv zusammenhalten können – selbst wenn die Gefühle nicht mehr mitspielen.
16,4 Prozent aller Ehen, die 2013 geschlossen wurden, begannen im Internet. Rund elf Prozent der Singles bis 49
Jahre nutzen das Internet für die Partnersuche. Bei den Älteren sind es noch
mehr: Im Alter zwischen 50 und 59 Jahren versuchen das 30 Prozent der Alleinstehenden. Männer ab 65 Jahren suchen
gern nach den Schlagworten „blond,
blauäugig, geschieden, sportliche Figur,
Ausbildung, zehn Jahre jünger“. Frauen
in dem Alter möchten „braunäugig, Witwer, Nichtraucher, mit normaler Figur
und Studium, ein bis zwei Jahre jünger“.
„Besonders
schädlich sind:
häufige Kritik
am Partner,
Respektlosigkeit,
Schuldzuweisungen
und die Tendenz
zum emotionalen
Rückzug“
Heimatfilm
Haifisch-Herzen
ine Ehe hält in Deutschland derzeit durchschnittlich 14,8 Jahre. Je
älter die Partner sind, wenn sie
heiraten, und je länger sie vor der Ehe
zusammen waren, desto besser stehen
Studien zufolge ihre Chancen, dass die
Sache hält. Das sieht in Deutschland gar
nicht schlecht aus, denn Paare lassen
sich mit dem Heiraten Zeit: Das mittlere
Heiratsalter der Männer liegt bei 33,6
Jahren, das der Frauen bei 30,9 Jahren.
Etwa zweieinhalb Jahre später folgt
das erste Baby. Die ersten zwei Jahre einer Beziehung sind die schönsten. Verantwortlich ist dafür der Botenstoff Dopamin: Beim Anblick des geliebten
Menschen werden
große Mengen davon im Gehirn freigesetzt, was zu
rauschähnlicher
Euphorie
führt.
Gleichzeitig werden Gehirnareale
heruntergefahren,
die für rationale
Einschätzungen
verantwortlich
sind. Das führt zu
einer übermäßigen
Idealisierung. Nach
zwei Jahren wird
der Partner zum normalen Menschen,
Schwächen inklusive. Zum Glück stärkt
dann das Hormon Oxytocin Bindung
und Treue, vor allem bei Männern.
DAS VERFLIXTE SIEBTE JAHR gibt es
tatsächlich. Die Zufriedenheit mit der
Beziehung erreicht bei sehr vielen Paaren zwischen dem fünften und achten
Jahr einen Tiefpunkt. Wer den übersteht,
hat gute Chancen, eine Beziehung fürs
Leben gefunden zu haben. Immerhin 72
Prozent der Deutschen glauben laut einer Statistik aus dem Jahr 2012 an die
Liebe fürs Leben. Rund eine Million Paare haben sie gefunden: Sie haben mehr
als 50 Jahre ihres Lebens zusammen verbracht und goldene Hochzeit gefeiert.
Was hält Paare zusammen? Auf diese
Frage geben Forscher unterschiedliche
Antworten. So haben Psychologen der
University of Virginia herausgefunden,
dass dreimal am Tag 90 Sekunden Zeit
für den Partner genügen sollen, um eine
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Stil 45
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14.
FEBRUAR
Süßigkeiten In Japan ist es zum
Valentinstag Brauch, dass Frauen
die Männer mit Schokolade beschenken. Dafür bekommen sie
am 14. März, am „White Day“, dann
im Gegenzug weiße Schokolade.
Die Südkoreaner haben den
Brauch noch ausgebaut: Wer
nichts bekommen hat, der isst am
14. April, dem „Black Day“, aus
Trauer schwarze Nudeln.
Schön sauber bleiben
Liebevoll gestaltet Damit ist
man mit allem Notwendigen ausgerüstet und kann man auch über
Nacht bleiben: Nylon-Kulturbeutel
in Buchform von Olympia Le Tan
für Lesportsac, um 65 Euro bei
Lesportsacglobal.com
„Wenn du
liebst, dann
liebst du. So
ist es. Das
Alter ist nur
eine Zahl“
NAOMI CAMPBELL, 44, Model,
spielt in der US-Serie „Empire“ eine
Frau, die einen jüngeren Mann liebt.
Zur Notiz genommen
Gedankenvoll Set aus drei Notizbüchern von Sister Corita. Hinter
den kleinen Büchlein steht die
Geschichte einer der interessanten Ordensfrauen: Corita Kent,
1918 bis 1986, trat im Alter von 18
Jahren in den Orden der „Sisters
of the Immaculate Heart of Mary“
ein (bis 1968). Und wurde eine der
bekanntesten Pop-Art-Künstlerinnen der 1960er-Jahre, sie war
unter anderem befreundet mit
Alfred Hitchcock, Charles Eames,
John Cage. Ihr Motto: „Nothing’s a
mistake. There is no win, no fail,
only make.“ (Nichts ist ein Fehler,
es gibt nicht Sieg, nicht Niederlage, nur Machen.“ Mehr über ihr
Leben und ihre Kunst unter corita.org (Englisch), Notizbücher
16 Euro bei Colette.fr
SCHÖNE
neue Welt
Schenk ein Herz
Abgesichert Der herzige Schlüsselanhänger aus Leder trägt die
typischen Nieten von Valentino.
Das einzige Problem dürfte sein:
Wenn der Beschenkte jetzt doch
mal wieder seine Haustürschlüssel
verliert – ist mit dem Anhänger
mehr Geld weg, als eine Türöffnung bei den meisten Schlüsseldiensten kostet. 170 Euro bei
Stylebop.com
Ein Hoch auf die Heels
Nur nicht rot werden. Oder doch?
Eine liebevolle Sammlung zum
Valentinstag
Liebevoll „Heart
Cone Chair“ von
Verner Panton,
2630 Euro bei
Ambientedirect.com
Herzumrankt Charmant lockt die
Designerin auf ihrer Internetseite:
„Komm in Charlottes Netz!“ Charlotte, so heißt in dem Kinderbuchklassiker „Wilbur and Charlotte“,
die Spinne (Wilbur ist ein Schwein
und ihr Freund). ,„Head over
Heals“ Platform-Pump, 925 Euro
bei Charlotteolympia.com
Süßer Karamellduft
Die Liebe und der Magen
Weichkochen Im Le-CreusetBräter kann man den Valentinstagsklassiker Tomatensuppe servieren – vier Schalotten in Olivenöl andünsten, mit Weißwein ablöschen, Gemüsebrühe dazu, eine
Dose Kokosmilch unterrühren,
gehackte getrocknete und in
Olivenöl eingelegte Tomaten dazu..
Würzen. Mit frischem Basilikum
und gerösteten Pinienkernen
servieren. Vom Blog „loveandlemons.com“). Mini-Cocotte als
2er-Set, um 36 Euro bei Amazon.
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Lecker Die Parfumeurin Daniela
Andrier hat für Prada „Candy“
entworfen, mit köstlicher Karamellnote. Andrier wurde in
Heidelberg geboren, studierte an
der Sorbonne Philosophie, bevor
sie auf die Parfumeurschule wechselte. Sie erinnere sich aber, sagte
sie einmal im Interview, daran,
schon als kleines Mädchen vor
allem auf Gerüche geachtet zu
haben, und zählt auf: Die süßlichen Mottenkugeln, die mit
Zitrone beträufelten Apfelschnitze
im Kindergarten, die Parfums der
Konzertbesucher. Schon damals
experimentierte sie – und kippte
im Bad die Parfums ihrer Mutter
zusammen. „Candy“, Eau de Parfum von Prada im Geschenk-Set,
um 80 Euro bei Sephora.com
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46 Stil
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Der Wirt und
sein Chef
DOMINIK BUTZMANN
Billy Wagner
(rechts) und
Micha Schäfer
im „Nobelhart
& Schmutzig“
Brutal lokal
A
ls Billy Wagner im vergangenen
Dezember
zum
Richtfest auf die Baustelle
seines Restaurants „Nobelhart & Schmutzig“ an der
Berliner Friedrichstraße einlud, geriet
der Abend schnell zum Gastro-Rave. Die
200 gereichten Fenchelknollen aus
Mecklenburg-Vorpommern waren in weniger als einer Stunde weg. Man betrank
sich mit Lambrusco von Cantina della
Volta aus der Emilia-Romagna und Hellem vom Hofbräuhaus Traunstein, es
wurde stark geraucht. Ganz nach dem
Geschmack des Hausherrn, der auf ein
hölzernes Bierfass geklettert war, um
den Gästen zu erklären, warum er als bekanntester Sommelier Deutschlands ein
eigenes Restaurant eröffnen wird. „Ich
will nicht mehr eine halbe Ewigkeit warten, wenn ich irgendwo geilen Scheiß getrunken habe, den ich ausschenken will“,
rief Wagner in die Menge.
Inzwischen ist aus der Baustelle ein
Restaurant geworden, Billy Wagner steht
in der Einrichtung herum und ist etwas
ruhiger als sonst. Er wirkt fast so, als
könne er es selbst kaum glauben, dass er
hier am 13. Februar das heiß erwartete
neue Restaurant Deutschlands eröffnen
wird. Schon jetzt hat das „Nobelhart &
Schmutzig“ mehr als 3000 FacebookFollower, ohne dass nur einer von ihnen
unter Echtzeitbedingungen dort gegessen hätte. Aber Billy Wagner eilt sein Ruf
als Popstar der deutschen Weinszene voraus, auf den sich viele einigen können.
Als der 33-Jährige vor einem Jahr die
Berliner Weinbar „Rutz“ verließ, der
„Gault Millau Weinguide 2014“ hatte seine Weinkarte gerade zur besten
Deutschlands gekürt, wurde das stark
Bereit für den großen Hype:
Das neue Berliner Restaurant „Nobelhart
& Schmutzig“ – von Lorraine Haist
betrauert. Als Sommelier und Restaurantleiter hatte er das Sternelokal gemeinsam mit dem Küchenchef Marco
Müller fünf Jahre lang geprägt. Und es
durch seine Persönlichkeit, in der sich
grenzenlose Begeisterungsfähigkeit für
Wein, Kenntnisreichtum, Offenheit,
Neugier, ein Händchen für Menschen
und ein gewisser Hang zum Derben angenehm verbinden, zu einer Hausnummer in der Weinwelt gemacht.
Mit Adjektiven wie „kompromisslos“
und „meinungsstark“ wurde Wagner in
den vergangenen Jahren häufig beschrieben. Vor allem deshalb, weil er
sich für naturnah hergestellte, ungewöhnliche, interessante Weine mit Substanz und Geschichte einsetzt. Sein Umgang mit Wein ist im besten Sinne ein
nachhaltiger, aber auch ein sehr persönlicher, und er ist damit auch deshalb so
erfolgreich, weil das sehr zeitgemäß ist –
aber eben noch lange nicht selbstverständlich.
Das ist beim Wein so wie beim Essen,
vor allem in Deutschland. Den allermeisten Köchen in der deutschen Spitzengastronomie fehlt es bei allem Handwerkszeug bis heute an Mut und Selbstbewusstsein, um wirklich Eigenes zu schaffen. Etwas, über das man sich auch außerhalb von Deutschland unterhalten
könnte. Billy Wagner will das mit seinem
Restaurant ändern, egoistische Motive
dienen ihm dabei als Mittel zum Zweck:
„Ich will nicht jedes Mal mit der Gleichen ins Bett steigen, genauso, wie ich
nicht jedes Mal den gleichen Rotwein
trinken will“, sagt er. „Ich finde es gut,
dass es Sternerestaurants gibt, die Steinbutt und Gänseleber servieren oder
Streetfood mit Barbecue und Pastrami.
Aber bei uns gibt’s was anderes.“
Flugente vom Prignitzer Landhof bei
Perleberg oder Runkelrübe vom Landwirtschaftskollektiv „Wilde Gärtnerei“
in Rüdnitz zum Beispiel, eine biologisch
orientierte, saisonale Regionalküche, die
fast ausschließlich mit Produkten aus
der Umgebung von Berlin arbeitet. Zitronen, Pfeffer und Schokolade gibt es
nicht, stattdessen Kreativität durch
Selbstbeschränkung. Bei Wagner heißt
das: „brutal lokal“.
DER KOCH Seinen idealen Partner fand
Billy Wagner in dem jungen Koch Micha
Schäfer. Der 27-Jährige arbeitete zwei
Jahre lang unter Matthias Schmidt in der
Zweisterneküche der Frankfurter „Villa
Merton“ und wurde Wagner von
Schmidt als Ausnahmetalent ans Herz
gelegt. In der „Villa Merton“ konnte man
bis zum Weggang von Matthias Schmidt
Ende des vergangenen Jahres erstmals
eine Ahnung davon bekommen, wie
deutsche Küche auf einer internationalen Bühne reüssieren könnte – als radika-
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le Regionalküche, orientiert an den Prinzipien der New Nordic Cuisine.
Noch wesentlich einfacher, unverstellter ist das, was bei Micha Schäfer beim
Probekochen auf die Keramikteller (Berliner Handarbeit) kommt. Ein cremigfestes, blütenweißes Stück Zander von
der Müritz, mit Oberhitze gerade so
durchgegart und mit einem Hauch Kamille bestäubt, in einem satt orangeroten Saft aus Muskatkürbis. Mehr nicht.
Das schmeckt nach Fisch und Kamille
und Muskatkürbis, nach Blüten und
Früchten, so erfrischend wie ein Schluck
Tee am Morgen. In der Schale gebackene
Schalotten in einem Sud aus Zwiebelgewächsen, darin grüne Brutzwiebeln vom
Wunder-Lauch, einer um Berlin wuchernden Lauch-Art, die Schäfer im Keller des Restaurants in Sand konserviert:
wärmend, sanft und knackig zugleich, eine Essenz des Winters.
Ein Dessert, das Micha Schäfer am Probe-Abend testet, zieht einem dann fast die
Schuhe aus. Eine köstliche, feste HefeeisNocke, die Patissière Kathrin Engelen in
Sauermalzschrot wälzt, das eigentlich
zum Bierbrauen gedacht ist. Serviert wird
sie in einem Quittensud, darin eingelegte
Zierquitten, die mehr nach unreifen Aprikosen als nach Quitten schmecken, und
ein Klecks Apfelkraut aus Elstar-Äpfeln.
Das Ganze ist so sauer, dass man einen
Magen braucht, der Angriffe solcher Art
verzeiht. Die sanfte Süße zusammen mit
der enormen Säure ergibt aber ein Geschmackserlebnis, das man vielleicht
kennt, wenn man schon mal bei einem Extrem-Naturalisten wie dem Schweden
Magnus Nilsson im „Fäviken“ war.
In Deutschland aber gab es so etwas
bislang nicht.
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Stil 47
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Schwarzwurzel-Gratin
2 Bund Schwarzwurzeln
1 Knoblauchzehe
etwas Butter
300 ml Milch
1 gehäufter TL Mehl
1 EL geriebener Parmesan
Der Saft einer halben Zitrone
Salz, Pfeffer, Muskat
Zurück zu den Wurzeln
Die Schwarzwurzeln schälen und in Zitronenwasser geben. Eine
flache Auflaufform mit der Knoblauchzehe ausreiben und leicht
buttern. Die Schwarzwurzeln in je drei Teile schneiden. Etwas Butter
in einem Topf aufschäumen und die Wurzeln darin dünsten, mit Salz
und Pfeffer würzen und mit wenig Wasser ablöschen. Bei geschlossenem Deckel 10 Minuten dünsten. Etwas Butter in einem Topf
aufschäumen, Mehl einstreuen und unter Rühren anschwitzen, aber
nicht bräunen. Mit der Milch ablöschen und unter Rühren 5 Minuten
kochen lassen. Vom Herd nehmen, die verbliebene Flüssigkeit der
Schwarzwurzeln zur Milch geben und den Käse unterrühren, mit
Salz, Pfeffer, Muskat abschmecken. Die Schwarzwurzeln in die Auflaufform schichten, mit der Mischmischung übergießen und im
vorgeheizten Backofen bei 200°C ca. 15 Minuten goldgelb backen.
Sie kommen aus der Erde, sie schmecken
aromatisch, und sie sind erstaunlich
vielseitig. Kochen mit Knollen: Fünf einfache
Vorschläge – von Volker Hobl und Robin Kranz
Gelbe Möhren
und Parisienne
600g geschälte Möhren
6 EL Weißweinessig
2 EL Ahornsirup
1 walnussgroßes Stück Ingwer,
geschält und in Scheiben
geschnitten
6 EL kalt gepresstes Rapsöl
Salz und Pfeffer
Die Möhren waschen und grob
raspeln, den Ingwer fein reiben,
zu den Möhren geben und mit
den übrigen Zutaten vermengen.
Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Mindesten zwei Stunden
ziehen lassen.
KlettwurzelCremesuppe
Gedünsteter Knollenziest
mit Linsen
2 EL Schalotten, in feine Ringe
geschnitten
300 g Klettwurzeln
1 kleine Kartoffel, geschält und in
feine Scheiben geschnitten
1 Glas Weißwein
400 ml Gemüsefond
200 ml Sahne
Salz, Pfeffer, Zitronensaft
1 Zwiebel, in feine Würfel geschnitten
2 EL Knollensellerie in kleinen Würfeln
2 EL Rapsöl
2 TL Ras el-Hanout
1 Tasse Linsen
300g Knollenziest (eine kartoffelähnliche,
ursprünglich aus China stammende Knolle, die
auch „Chinesische Artischocke“ genannt wird)
1 EL fein geschnittene Streifen vom
hellgrünen Teil eines Porree
2 EL kleine Apfelwürfel
Salz, Pfeffer
etwas Abrieb einer unbehandelten Zitrone
Die Klettwurzeln waschen, schälen
und zwei große Exemplare zurückhalten. Die anderen Wurzeln in feine
Scheiben schneiden und mit den
Schalotten und der Kartoffel in
etwas Pflanzenöl anschwitzen. Mit
Weißwein ablöschen, ca. 5 Minuten
kochen lassen und anschließend mit
Gemüsefond und Sahne auffüllen,
mit Salz und Pfeffer würzen und
weitere 20 Minuten kochen lassen.
Derweil die übrigen Klettwurzeln in
dünne Scheiben schneiden und in
etwas Pflanzenfett in einer beschichteten Pfanne goldgelb braten.
Die Suppe mit dem Pürierstab fein
pürieren, mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft abschmecken und mit den
gebratenen Scheiben servieren.
Zwiebel in etwas Öl glasig dünsten. Den Topf vom
Herd nehmen, das Ras el-Hanout einrühren, die
Linsen dazugeben, alles ca. zwei Fingerbreit mit
kaltem Wasser bedecken und langsam zum Kochen
bringen. Je nach Linsensorte etwa 30 Minuten
weich kochen. Mit Salz, Pfeffer und dem Zitronenabrieb abschmecken.
Butter aufschäumen den Knollenziest zusammen
mit den Lauchstreifen und den Äpfeln 4–5 Minuten
dünsten. Salzen, pfeffern und zusammen mit den
Linsen servieren.
Gebackener Topinambur
600g Topinambur
3 EL Rapsöl
1 EL Butter
200g Quark vollfett 40%
4 El fein geschnittener Schnittlauch
Salz, Pfeffer
Den Topinambur schälen, je nach Größe halbieren und in eine Schüssel geben. Das Öl dazugeben,
mit Salz und Pfeffer würzen und gut durchmengen, sodass der Topinambur mit einem feinen
Ölfilm überzogen ist. Die Stücke auf einem Backblech verteilen und im vorgeheizten Backofen bei
200°C Ober- und Unterhitze backen. Nach ca. 10–15 Minuten wenden und so lange weiterbacken,
bis der Topinambur weich und an manchen Stellen etwas gebräunt ist. Die Butter aufschäumen
und bräunen. Die Nussbutter in den Quark rühren, den Schnittlauch unterheben und kräftig mit
Salz und Pfeffer abschmecken. Den Topinambur zusammen mit dem Quark servieren.
ROBIN KRANZ
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48 Stil
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Oh, David Bowie! Es war frühmorgens, er hatte gerade
das Tonstudio verlassen, die Bänder mit Aufnahmen
fürs nächste Album in der Hand. Was für ein Glück ich
hatte: Seine Kleider sehen cool aus, die Zigarette hängt
lässig im Mund, sein Schatten ist gestochen scharf
Madonnas Moment Die American Music Awards 1982.
Ich fand, all diese Fotografen machten das falsche
Bild. Hinter Madonna befand sich das Logo irgendeines
Sponsors – wer will das drucken, geschweige denn
sehen? Madonna war noch ganz am Anfang ihrer
Karriere. Aber ich glaube, sie wusste, dass das ein
wichtiger Moment für sie sein würde
Brooke Shields’ Zunge Das Bild habe ich wahrscheinlich 1987 auf einer Party gemacht, die für Debbie Harry von
der Band Blondie in einem Laden der italienischen Modemarke Fiorucci ausgerichtet wurde. Heute befindet
sich dort die Filiale einer Bank. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich gesagt habe: „Mach mal was Komisches“,
jedenfalls aber streckte Brooke Shields die Zunge heraus. Brooke Shields’ Zunge macht dieses Foto aus
Tom und Bill Als ich Tokio Hotel
im Auftrag des „Interview“Magazins traf, hatte ich keine
Ahnung, dass sie so berühmt sind.
Tom und Bill sind aber liebe Jungs.
Da sitzen sie in meinem Garten,
den Hund hatten sie mitgebracht.
Mein Haus ist nur eine kleine
Hütte, aber ich habe es nach dem
Anwesen von Henri Matisse an der
Côte d’Azur benannt: Villa Le Rêve
BRAD ELTERMAN (6)
Michael Jackson und
Liza Minelli Ein berühmter
Popmusiker und eine berühmte
Schauspielerin. Zwei Persönlichkeiten in enger Umarmung.
Seine schwarze Hand auf ihrem
weißen Pullover. Ein großartiges
Bild. Keine Ahnung, was
da mit seinem Haar los war
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Stil 49
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Hollywoods
höflichster
Paparazzo
Seit 40 Jahren fotografiert Brad
Elterman in Los Angeles die Stars –
und die, die es noch werden wollen.
Eine Geschichte in Bildern
RÄTSEL
unredlich, LandFortzug,
schaft,
niederAbschied
Bezirk
trächtig
musikal.
Bezeichnung für
Tiefton
Koseform v.
Auguste
Figur
aus
„Micky
Maus“
Eierspeise
B
Frauen tanzten. „Das war damals keine
große Sache. Ich war jede Woche auf
drei oder vier solcher Feiern“, sagt er
heute. Später gründete er nacheinander drei Bildagenturen und verkaufte
sie wieder. Und während um ihn herum
mit dem Paparazzo ein neuer Typ von
Celebrity-Fotograf seinen Aufstieg erlebte, verteidigte Elterman den höflichen Schnappschuss als Kunstform.
Seit er vor ein paar Jahren ein paar
Bilder auf einem Tumblr hochlud und
damit weltweit neue Fans gewann, erlebt der 56-Jährige eine Art zweiten fotografischen Frühling. Die Galerie für
Moderne Fotografie in Berlin zeigt mit
„Women“ noch bis 21. Februar eine
Auswahl von Eltermans Bildern toller
Frauen. Für uns kommentiert er seine
schönsten Aufnahmen.
Anne Waak
Bindewort
islam.
Rechtsgelehrter
Verbrennungsrückstand
Frauenname
(lat.:
Königin)
sagenh.
Nixe am
Rhein
falscher
Stolz
bayerisch:
Brathuhn
ugs.:
rennen
8
Reitund
Zugtier
5
Trag- u. Gebirge
Reittier in
in südl.
Ländern Europa
Kurzwort
für
Memorandum
6
Großmutter
trop.
Wirbelsturm
Ausruf
des Verstehens
Qualbereiter
best. Artikel
ugs.:
schlechte
Luft
Erdöllagerstätte
4
Stadt im
Kreis Warendorf
(NRW)
Araberfürst
Berbervolk der
Sahara
7
berittener
kanad.
Polizist
zwei
RheinZuflüsse
9
®
knapp,
schmal
1
Abk.:
Religion
2
3
1
Auflösung aus dem
Auflösung
ausvorvergangenen
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R A B A U K E
B U E S S E N
B L Z
(1-9) Interview
ital. Insel
Skatspielart
Koseform
von
Ilona
vornehm;
kostbar
Handlung
Leben,
Wirklichkeit
Figur
aus drei
Noten
Vorname
Amundsens
† 1928
japan.
Kleidungsstück
NeckarZufluss
zwei zusammengehörende
Dinge
Teil
antiker
griech.
Säulen
büscheliger
Blütenstand
Schiffsschlafstelle
2
Knochenfisch
3
ungereinigte
Ölsäure
Gebäude
Körperglied
rad Elterman war gerade
mal 16 Jahre alt und ging
noch zur Schule, als er mit
einer geliehenen Kamera
anfing, das zu fotografieren,
was ihn interessierte: junge Bands, die
Anfang der 70er-Jahre in den Clubs von
Hollywood auftraten. Es war eine Welt
ohne PR-Agenten, Entzugskliniken und
Gossip-Webseiten, dafür mit freiem
Zugang zum Backstage-Bereich. Ein
Bild von Bob Dylan machte Elterman
1974 zum gefragten Fotografen für Musikmagazine in den USA und Japan. In
Deutschland druckten Zeitschriften
wie „Bravo“ oder „Popcorn“ seine Bilder, aber auch ein Heft namens „Das
Freizeit-Magazin“. Er war ein gern gesehener Gast auf Partys in Beverly
Hills’ Villen, um deren Pools nackte
Gesangsstück
4
5
N
A
T
A
L
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G R E B E
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9
slv1318.21-6
SUDOKU
LEICHT
SCHWER
Me and Margaret
Das bin ich mit meiner lieben Freundin
Margaret. Sie kam
öfter bei mir zu
Hause vorbei und
wir hingen gemeinsam an meinem Pool
herum. Und sie
stellte mich all ihren
Freundinnen vor. Es
ist immer angenehm,
eine attraktive Frau
zu kennen
MITTEL
Lösung des Rätsels
der vergangenen
Woche: im Uhrzeigersinn rechts
beginnend leicht,
mittel und schwer
Autor: Stefan Heine
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50 Reisen
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Gähnende Leere,
müdes Kamel
Ägypten hat man
derzeit ziemlich
für sich
Ägyptens Pyramiden hat man sich irgendwie größer vorgestellt. Zunächst
herrscht deshalb ein wenig Enttäuschung vor. Doch dann begreift man: Gerade darin besteht die Kunst ihrer Erbauer, dass diese Bauten den Betrachter
nicht überwältigen. Ohnehin sollte das
Volk sie nur aus der Ferne betrachten,
von ihren Feldern im fruchtbaren Tal des
Nils. Und je mehr man sich von ihnen
entfernt, desto erhabener wirken sie tatsächlich.
Die Große Pyramide des Cheops ist
der gewaltigste Steinbau der Erde: Ihre
Grundfläche entspricht neun Fußballfeldern, an der Spitze war sie ursprünglich
höher als das Straßburger Münster, mit
ihren Steinen könnte man drei Viertel
des Äquators belegen. Aber die Pyramiden sind unvergleichlich. Absolute Architektur. Und wer jetzt Ägypten besucht, hat sie fast für sich allein.
Seit der Revolution vom 25. Januar
2011, der Zwischenherrschaft der Muslimbrüder und dem Militärputsch von
2013 ist Ägyptens Tourismusindustrie
zusammengebrochen. Mit 14 Millionen
Besuchern jährlich rechnete man vor der
Revolution, wobei sich der Besucher angesichts der maroden Infrastruktur
fragt, wie dieser Ansturm hätte bewältigt werden sollen. Dieses Jahr werden
es allenfalls drei bis vier Millionen sein,
und viele von ihnen fahren nur an die
Bade- und Tauchparadiese am Roten
Meer. Die besonders bildungsbeflisse-
GETTY IMAGES
Ä
Worauf
warten Sie
noch?
Noch nie waren die Preise so niedrig,
noch nie konnte man ungestörter die
Kulturschätze besichtigen. Plädoyer für
eine Reise nach Ägypten – von Alan Posener
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nen Deutschen meiden wohl aus Angst
das Land, ebenso die Franzosen. Die
Russen, um die sich das ägyptische Ministerium für Tourismus besonders bemüht, etwa, indem ihnen die Visumgebühr von umgerechnet 25 Euro erlassen
wird, haben mit alter Geschichte wenig
am Hut. Einzig die Engländer, durch die
koloniale Erfahrung gewitzt, lassen sich
durch Revolutionen und Konterrevolutionen nicht aus der Ruhe bringen und
wandern kurzbehost durch die Ruinen
der ältesten Zivilisation der Erde.
TOTALE RUHE So sind die Pyramidenanlagen von Gizeh und Sakkara, die herrlichen Tempelanlagen bei Luxor am Nil,
das Tal der Könige und erst recht die weniger bekannten Sehenswürdigkeiten zuweilen fast menschenleer. Jedes Foto,
das man mit seinem Smartphone macht,
wirkt wie aus einem Reisemagazin, weil
man, ungestört von Touristenhorden,
nach Belieben knipsen kann.
Die Nildampfer rosten am Kai von Luxor vor sich hin, viele Hotels haben geschlossen, bei den anderen muss man
nicht um den Zugang zum Büfett kämpfen und schon gar nicht nach deutscher
Art die Plätze am Pool mit Handtüchern
belegen, obwohl manche es dennoch
nicht lassen können. Auf den Märkten
von Kairo, Assuan oder Luxor hört man
fast nur Arabisch, um den Gast reißen
sich Kofferträger, Andenkenverkäufer,
Taxifahrer, Kutscher. Wer das Feilschen
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Reisen 51
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Kairo
Gizeh
(Pyramiden)
„Ein Tag im Paradies gelebt / Ist nicht
zu teuer mit dem Tod bezahlt“
ÄGYPTEN
Der Tourist heute denkt anders als einst FRIEDRICH SCHILLER. In Ägypten sorgt viel Polizei dafür, dass er sich gut fühlt
AFRIKA
Sinai
ISRAEL
Mittelmeer
Alexandria
KarnakTempel
Luxor
Assuan
200 km
kennt, erlebt zu seiner Überraschung,
dass die Verkäufer oft auf das erste Angebot eingehen. Sie sind froh, überhaupt
eine echt altägyptische Alabasterbüste
made in China verkaufen zu können.
Um es kurz zu machen: Wenn Sie immer schon das Land der Pharaonen besuchen wollten – tun Sie es jetzt. Noch
nie waren die Preise so günstig, noch nie
konnte man ungestörter die Kultur des
alten – und neuen – Ägyptens genießen.
Dabei sind die „Highlights“ im Reiseführer – die Pyramiden und die Sphinx von
Gizeh, der Große Tempel in Karnak, das
Grab des Tutanchamun – oft nicht die
wirklichen Höhepunkte einer solchen
Reise in die Vergangenheit.
Interessanter als Gizeh ist die Stufenpyramide von Sakkara mit ihrer Tempelanlage, geschaffen vom genialen Architekten Imhotep vor über 4000 Jahren.
Schöner als der gewaltige Tempel von
Karnak ist der benachbarte Tempel von
Luxor, der nachts illuminiert wird und in
dessen tiefen Schatten sich ägyptische
Liebespaare drücken. Schöner als die mit
formalen
Götterdarstellungen
geschmückten Gräber der Könige sind die
Gräber ihrer Baumeister, Ärzte und Höflinge, an deren Wänden das Alltagsleben
der Ägypter lebendig wird: Arbeiter auf
den Feldern, schöne Frauen mit entblößten Brüsten, schwarzen Ringellocken
und durchsichtigen Gewändern; braun
gebrannte Männer im Lendenschurz.
Mit großen Augen steht zuweilen eine
heutige Ägypterin, deren Gesicht so aussieht, als sei eine ihrer längst toten Vorfahren in ihr lebendig geworden, im knöchellangen Kleid mit Kopftuch vor solchen Bildern. Und bewundert die Lebensfreude dieser uralten Kultur, die so
modern anmutet, dass es einem den
Atem raubt.
Überhaupt ist die neue Regierung des
Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi be-
müht, den Ägyptern ein Gefühl für die
Vielfalt und Schönheit ihrer eigenen Tradition zu vermitteln, um die von den
Muslimbrüdern geschürten religiösen
Gegensätze durch einen inklusiven Nationalstolz zu ersetzen. Häufiger als früher begegnet man Gruppen von Schulkindern, Hochschulstudenten oder Betriebsausflüglern, die nicht nur die Zeugnisse der altägyptischen Kultur bewunANZEIGE
#!" $ ! dern, sondern auch – zum ersten Mal in
der Geschichte des Landes – koptische
Kirchen besichtigen.
Sicherlich ist es für einen Touristen
nicht ganz angenehm, ein Land zu besuchen, dessen Regierung durch einen
Putsch gegen den ersten frei gewählten
Präsidenten an die Macht kam. Ob es unter dem Muslimbruder Mohammed Mursi angenehmer gewesen wäre, steht dahin. Für die Muslimbrüder sind die
Schätze des alten Ägypten Zeugnisse eines Götzendienstes und Touristen Träger lockerer Sitten und Verderbnis.
Wenn man sich ein paar Tage im Land
aufgehalten hat, insbesondere in kleineren Städten wie Assuan oder Luxor, wo
Kopftücher und lange Mäntel die Regel
sind, fällt einem eine sonnengerötete
Touristin in Hotpants und Top als genauso merkwürdig auf wie in Deutschland eine Frau im Tschador mit Schleier.
Zu den lohnendsten Erlebnissen in der
Fremde gehört ja die Relativierung der
eigenen Vorurteile und Wahrnehmungen. Als Gast aber will man dennoch das
Gefühl haben, willkommen zu sein –
nicht nur wegen seines Geldes.
Das Gefühl hat man in Ägypten unbedingt. Überall rufen einem die Kinder
zu: „How are you? What’s your name?“
Männer und Frauen, auch vollverschleierte, lächeln einem zu, und sei es nur
mit ihren schwarzen Augen. T-Shirts
und Hosen mit Stars & Stripes oder dem
Union Jack sind als Fashion-Accessoire
bei der Jugend so beliebt wie chinesische Motorräder.
KLEINER TIPP Deshalb sollte man den
Ausflug in die ägyptische Kultur nicht
beschränken auf jene Stippvisiten zu den
Pyramiden oder nach Luxor, die von den
Badehotels am Roten Meer oder von
Kreuzfahrtschiffen aus organisiert werden. Viel schöner ist es , nach einigen Tagen in Kairo nach Assuan zu fliegen und
mit einem Nildampfer flussabwärts zu
gleiten bis Luxor und sich dort Zeit zu
nehmen für Ausflüge in die Umgebung,
bevor man mit dem Flugzeug wieder
nach Kairo fliegt – oder zur Erholung an
die Korallenparadiese des Roten Meers.
Auch sollte man sich vor bestimmten
Sonderangeboten hüten. Wer in den
Sommermonaten – von Juni bis Oktober
– an den Nil fährt, wird bei Temperatu-
ren über 40 Grad das Besichtigungsprogramm als Tortur empfinden. Viel schöner ist es, das Land im Spätherbst zu besuchen, wenn die Tage nicht mehr so
heiß, aber die Nächte noch lau sind, im
Dezember oder Januar zur koptischen
Weihnachtszeit; im Februar, wenn der
Himmel tiefblau und der Morgen frisch
ist; im März, wenn Störche und Kraniche
und Milane das Niltal durchqueren.
„Ein Tag im Paradies gelebt / Ist nicht
zu teuer mit dem Tod bezahlt“, so Friedrich Schiller. Aber der Tourist denkt
anders. Wie ist es also um die Sicherheit
bestellt? Polizei und Militär sind allgegenwärtig. An allen Straßen gibt es
Checkpoints, vor allen wichtigen Denkmälern Sicherheitsleute und Metalldetektoren. Sicher, auch den Polizisten
ist die Siesta heilig, aber die Sicherheitskräfte kennen ihre Pappenheimer. Und:
Absolute Sicherheit gibt es nirgendwo.
Schnappen Sie sich also einen Schmöker für die langen, faulen Tage der
Nilfahrt – sehr zu empfehlen: Mika
Waltaris Roman „Sinuhe der Ägypter“ –
und machen Sie sich auf den Weg. Sie
werden allenfalls von den Pyramiden,
nicht aber vom Land enttäuscht sein.
Anreise nonstop nach Kairo etwa mit Lufthansa (lufthansa.com) oder Egyptair
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Veranstalter Studienreisespezialist Gebeco
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Kennenlernen“ ab 1295 Euro an, inkl. Flug,
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52 Reisen
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rokkoli, Radieschen und Salat in Herzform
gepflanzt, flankiert von Geranien und Primeln; Tulpen, Nelken und Stiefmütterchen
unter Kirschbäumen, deren Blüten in blendendem Weiß strahlen – das alles hier im
Norden Thailands, drei Fahrstunden entfernt von Chiang Mai, in der „No-go-Area“ des „golden triangle“?
„Very dangerous – but before“, sagt eine Blumenverkäuferin. Die Frau im bunten Wickelrock sitzt am Eingang der täglich von 8 bis 17 Uhr geöffneten „Angkhang
Royal Agricultural Station“. In diesem nach Asien versetzten europäischen Blumen- und Gemüsegarten erstreckten sich noch vor einem halben Jahrhundert riesige Opiumfelder, die Gegend war beherrscht von Gewalt. Seit 1958 ist der Schlafmohnanbau offiziell verboten, und besonders der Anbau von Tee, Obst und Gemüse hat den Drogenhandel nahezu gestoppt.
Wer jetzt etwas Süßliches riecht auf einer Entdeckungstour durch die „Station“, die Farm und Touristenmagnet zugleich ist, nimmt den Duft von Aprikosen und Kiwi wahr. Und die in die hügelige Landschaft
hineingestellten Plakate mit dem Königs-Konterfei
zeigen, dass es auch hier, im Gebiet von eher animistisch und christlich als buddhistisch geprägten Minderheiten, ein Vorher und Nachher gegeben hat. Anfang der 60er-Jahre war der damals noch exzessiv reisefreudige König Bhumibol mit seiner Gattin Sirikit
nicht etwa in der verwöhnten Metropole Bangkok oder
im sanften Chiang Mai geblieben, sondern wagte sich
weit hoch in den bislang vernachlässigten Norden, um
auch dort seine schnell berühmt gewordenen „Kings’s
projects“ zu initiieren. Was im Fall der Region von Doi
Angkhang hieß: Finanzielle und logistische Unterstützung zum Anbau von Blumen-, Früchte- und Gemüsesorten, deren Namen man bislang in Thailand noch nie
gehört hatte, obwohl das Höhenklima doch gerade für
diese Exoten außerordentlich günstig ist. Nur mit der
Kultivierung von Äpfeln hat es nicht geklappt, dafür
liefert man für Feinschmeckerrestaurants und den Export inzwischen sogar Birnen.
Mit den Früchten kamen auch bald die thailändischen Binnentouristen, die hier in den Bergen nun eine
Art kleiner Schweiz entdecken konnten – statt eines
asiatischen Kolumbiens mit Drogenhändlern aus Bangkok und ihren blutigen Konkurrenzkämpfen, von denen
die verschüchterte einheimische Bevölkerung nicht einmal finanziell profitieren konnte. Seither hat sich die
Situation der Musur und Palong stetig verbessert. Das
sind die hier ansässigen sogenannten „hill tribes“, die
man politisch korrekt auf Deutsch wohl eher als „BergEthnien“ denn als Stämme bezeichnet. Wer in Doi
Angkhang das breit gefächerte Tourismus-Angebot von
Trekking über Mountainbiking bis zum Muli-Reiten an-
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Reisen 53
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Strawberry fields forever Ungewohnte
GETTY IMAGES; DPA PICTURE-ALLIANCE/A. LAULE
Pracht im hohen Norden von Thailand
aus einem der irgendwo angeschalteten Transistorradios „Strawberry Fields Forever“ erklingt, aber das
Echo von modernem Thai-Pop, gefolgt von regionalen
Zirpmelodien, ist womöglich noch eindrucksvoller.
Und die alte Frau, die mit ihrer heimkehrenden VierRinder-Herde den Weg gekreuzt hatte, verschmitzt lächelnd und die Zähne schwarz vom Betelblatt-Kauen,
sie sitzt nun vor einer Hüttentür, während sich ein jüngerer Verwandter an seinem Toyota-Pick-up zu schaffen macht. Ein Idyll der Authentizität. Was man von
dem Schweizer Chalets nachempfundenen „Angkhang
Nature Resort“ freilich nur bedingt sagen kann: Der
Baustil passt eigentlich nicht hierher. Nur die eisigen
Nachttemperaturen erinnern hier an Mitteleuropa.
Auf dem Rückweg hinunter nach Chiang Mai strahlt
wieder die Sonne. Derart prall scheint sie auf das kunstvolle Ensemble von Kürbissen, Feld- und Wiesenblumen, dass die Bangkoker jeunesse dorée – gelangweilt
wirkende Leute im Hipster-Look – gar nicht so recht
weiß, was sie tun soll: Die ungewohnten Früchte vor einer geradezu atemberaubenden Berg- und Tallandschaft als Hintergrund für ihre Selfies nutzen oder oben
auf dem Hügel im Panoramarestaurant ihre Mails checken und den künstlich gebleichten Gesichtsteint pflegen.
Anreise Zum Beispiel mit Thai Airways von Frankfurt oder
München nonstop nach Bangkok (www.thaiair.de), mit
Lufthansa (www.lufthansa.com) von Frankfurt oder auch
mit Air Berlin (www.airberlin.com) von Berlin nach Bangkok, Inlandsflüge mit Thai Airways.
Unterkunft In Chiang Mai das „Shangri-La Hotel“, DZ ab
130 Euro, www.shangri-la.com/ChiangMai. Im Norden:
Inmitten des Angkhang-Royal-Projekts befindet sich das
„Angkhang Nature Resort“, DZ umgerechnet ab 65 Euro,
www.angkhangnaturechiangmai.com
Auskunft Thailändisches Fremdenverkehrsamt,
Tel. 069/138 13 90, thailandtourismus.de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von
Thai Airways und dem thailändischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit unter: www.axelspringer.de/
unabhaengigkeit
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nimmt, wird jedenfalls immer wieder auf lokale Guides
treffen, die in selbstbewusstem Englisch von ihren Vorfahren erzählen, die einst vor Jahrhunderten aus Tibet
hierher ins damalige Siam gekommen waren.
FRIEDEN DURCH TOURISMUS Ist das Flanieren unter Kirschblüten und der Anblick kreischender und
Smartphones haltender Thai-Teenies vor den Strohblumen-Gestecken eines „Tower of Flower“ schon eine eigene Erfahrung, so wird die Überraschung über die ungewöhnliche Botanik noch getoppt – und zwar im
Schützengraben der Staatsgrenze bei Ban Nor-Lae.
Wohl hat man darauf verzichtet, auch hier die rötlichbraune Erde mit Primeln zu bepflanzen, doch könnte
die Atmosphäre an diesem Grenzabschnitt zu Birma
kaum entspannter sein. Man darf die Grenzsoldaten fotografieren, zwischen Wachhäuschen und Unterständen herumlaufen und auf die birmanische Seite lugen.
Hier hat der Tourismus tatsächlich Friedfertigkeit zustande gebracht – und einen bescheidenen
Wohlstand.
Statt illegaler Pflanzen
BIRMA
baut man hier Geranien
(MYANMAR)
und Stiefmütterchen
ASIEN
an und erfreut sich an
der Tatsache, dass
Doi Angkhang
der asiatische Markt
Ban Nor-Lae
LAOS
tatsächlich nach solchen
„deutschen
THAILAND
Blumen“ verlangt.
Doch der Zukunft
Chiang Mai
ist man nicht durchgän50 km
gig zugewandt. Auf dem
Rückweg zum Parkplatz fallen die an die Holzwände geklebten Plakate des inzwischen 87-jährigen Königs auf.
Sie stammen aus einer längst vergangenen Ära und zeigen Bhumibol als innovativen jungen Reformer, mit
Wanderstock, Fernglas, Metermaß oder Pflugschar in
der Hand. Vergilbte, verwaschene Farbfotos, durch die
der Nordwind fährt. Zum König gibt es keine Alternative, obwohl doch jeder weiß, dass er nicht unsterblich
ist. Diese Tatsache wird im „Land des Lächelns“ geflissentlich weggelächelt; kaum ein Thai will sich eine Zukunft genauer ausmalen, in der es den König nicht mehr
gibt.
Zweifellos setzt man in Thailand auf das Bewahren,
weshalb auch der Abendspaziergang durch das nahe gelegene Dörfchen Kob Dong unvergesslich bleibt. Gekringel von Rauchfähnchen aus den Feuerstellen der
Holzhütten in einem Halbrund ober- und unterhalb
von Terrassen, auf welchen kein Reis angebaut wird,
sondern – Erdbeeren. Beinahe erwartet man, dass jetzt
Es gibt so viel zu
entdecken
Gibt es überhaupt ein Gericht, das nicht perfekt mit einem
Bordeaux harmoniert? In 700 Jahren ist uns noch keins begegnet.
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Bundesliga: Dortmund
kann doch noch
gewinnen Seite 56
Kein Zufall: Philipp
Lahm plant seine
Zukunft Seite 58
Macht Ärger:
Österreichs Ski-Star
Anna Fenninger Seite 60
CHAMPIONS LEAGUE
„Ronaldo ist
wie ein Alien“
Zinedine Zidane über den besten Fußballer der
Welt, Schalkes Chancen gegen Real Madrid und
das Talent seines Sohnes Enzo – von Lars Wallrodt
E
Er trägt Maßanzug, sehr figurbetont. Er kann es sich
leisten, trotz seiner 42 Jahre. Zinedine Zidane, Frankreichs Fußballidol, erscheint zum Interview-Termin wie
ein Fotomodel. Ist er auch: Gerade hat er in einem Madrider Studio Aufnahmen für eine Modelinie für Männer gemacht. Der Name, aber vor allem das markante
Gesicht des dreimaligen Weltfußballers ist weltweit so
bekannt wie der Eiffelturm. Viele halten ihn noch heute
für den besten Fußballer aller Zeiten. Derzeit trainiert
er die zweite Mannschaft von Real Madrid.
Ich verstehe, dass die Deutschen gern Manuel Neuer
als Weltfußballer gesehen hätten. Nicht nur in Deutschland wurde ja darüber diskutiert, auch in Spanien und
Frankreich gab es diese Debatte. Ich hätte Neuer den
Titel sehr gegönnt. Er ist ein fantastischer Spieler, der
das Torwartspiel auf ein anderes Level gehoben hat mit
seinem offensiven Spiel, ein Phänomen zwischen den
Pfosten. Aber gleichzeitig ist da Ronaldo, ein Spieler
wie von einem anderen Planeten, er ist wie ein Alien.
Was er kann, ist einmalig.
Sie für „Canal+“ zusammengestellt haben, nur auf die
Bank gesetzt? Bei Ihnen steht Iker Casillas im Tor.
Mit Iker habe ich selbst lange zusammengespielt, ich
bin da vielleicht nicht ganz objektiv. Andererseits: Casillas ist ebenfalls ein großartiger Torwart. Ich musste
mich zwischen zwei Giganten entscheiden, zwischen
den beiden besten Keepern der Welt. Neuer ist so jung,
er wird in den kommenden Jahren sowieso in allen
Weltauswahlen genannt werden. Auch in meiner. Versprochen.
WELT AM SONNTAG: Monsieur Zidane, Sie modeln
jetzt auch. Ist es Ihnen zu langweilig, einfach nur
Fußballtrainer zu sein?
ZINEDINE ZIDANE: Nein, auf keinen Fall. Fußball ist
ein wichtiger Teil in meinem Leben und wird es immer
bleiben. Aber es macht mir Spaß, auch mal über den
Tellerrand zu blicken und andere Sachen auszuprobieren. Es hat Spaß gemacht, vor der Kamera zu stehen.
Aber mein Platz ist auf dem Feld, bei meiner Mannschaft.
Sie als Franzose hätten das Recht, wütend auf Neuer
zu sein. Immerhin war er im Viertelfinale der WM gegen Frankreich entscheidend am Sieg beteiligt.
(schmunzelt) Ja, die Parade kurz vor Schluss gegen Karim Benzema war schon außergewöhnlich. Keine Ahnung, wie er den Ball gehalten hat. Aber er hat leider
nur seinen Job gemacht. Er musste uns wehtun. Das
kann ich ihm nicht vorwerfen.
Kein deutscher Weltmeister tauchte in Ihrer Startelf
auf. Wie kommt das?
Ganz ehrlich: Ich hätte Toni Kroos und Bastian
Schweinsteiger nehmen können. Aber ich musste mich
irgendwie entscheiden. Das ist der schwere Teil bei der
Arbeit eines Trainers: sich entscheiden zwischen vielen
guten Optionen.
Anders als Cristiano Ronaldo, der seine eigene Unterhosenkollektion bewirbt, haben Sie immerhin die
Hose anbehalten.
(lacht) Ich habe nicht die Genehmigung von meiner
Frau bekommen. Sonst hätte ich vielleicht drüber nachgedacht.
Apropos Ronaldo: In Deutschland wurde kontrovers
diskutiert, ob es gerecht war, dass er und nicht Manuel Neuer Weltfußballer geworden ist. Wie sehen Sie
das?
Wenn Sie so ein großer Neuer-Fan sind, warum haben
Sie ihn dann in Ihrer persönlichen Weltauswahl, die
ZINEDINE ZIDANE
FRANKREICHS GRÖSSTER
Sie trainieren seit Sommer 2014 Real Madrid Castilla,
das Nachwuchsteam von Real. Wieso geht ein Weltstar wie Sie in die dritte Liga?
Zinedine Zidane, 42, genannt Zizou, wurde als Sohn algerischer
Einwanderer in Marseille geboren. Wie Michel Platini reifte er bei
Juventus Turin. Er wechselte für 73,5 Mio. Euro zu Real Madrid und
gewann die Champions League. 1998 führte er Frankreich zum WM-,
2000 zum EM-Titel. Er wurde dreimal Weltfußballer. Derzeit trainiert
er Reals Nachwuchsteam.
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SPORT
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DPA PICTURE-ALLIANCE/ANDREAS GEBERT; BONGARTS/GETTY IMAGES; GETTY IMAGES; IMAGO/ZUMA PRESS
Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Ich mag früher ein guter Spieler gewesen sein. Aber als Trainer bin
ich ein Anfänger. Natürlich gab es ein paar Anfragen aus
ersten Ligen. Aber ich möchte es richtig machen und
nicht nur wegen meiner Vergangenheit einen Job bekommen, sondern wegen meines Könnens. Dafür muss
ich lernen.
Es heißt, Sie würden in der dritten Liga nur warten,
bis Carlo Ancelotti bei Real seinen Platz räumt.
Das ist Unsinn. Ich bin Trainer der Castilla, und ich bin
das sehr gern. Ich lauere nicht darauf, dass ein anderer
einen Platz für mich frei macht. Ancelotti ist ein fantastischer Trainer, von dem ich viel lerne. Ich hoffe, dass er
noch lange Coach von Real Madrid ist. Ob ich ihn irgendwann beerbe, weiß ich nicht. Das ist auch nicht
mein Thema jetzt.
Beim Nachwuchsteam von Real Madrid trainieren Sie
auch Ihren Sohn Enzo. Wie ist das?
Das funktioniert prima. Ich behandle ihn wie jeden anderen Spieler. Ich hoffe, dass ich auch noch meine anderen drei Söhne irgendwann in meine Mannschaft bekomme. Sie spielen ja auch in der Jugend von Real.
Ist Enzo so gut wie sein Vater?
(lacht) Nein.
Nein?
Noch nicht. Aber er ist ja auch erst 19. Es wäre bedenklich, wenn er jetzt schon so gut wäre wie ich zu meiner
besten Zeit. Aber ich hoffe, dass er es wird. Gern auch
besser.
Wie gucken Sie die Spiele Ihrer Söhne an? Sind Sie einer jener Väter, die reinbrüllen und den Schiedsrichter beschimpfen?
Auf keinen Fall. Ich bin da eher der ruhige Typ. Ich rufe
nie etwas rein. Manchmal sprechen wir zu Hause über
das Spiel, analysieren vielleicht die eine oder andere Situation. Aber ich will keinen Druck aufbauen, und Fußball soll auch nicht im Mittelpunkt unserer Familie stehen. Nein, ich bin schon ein ruhiger Vater, entspannt.
In der Champions League trifft Real Madrid im Achtelfinale auf Schalke 04. Im vergangenen Jahr gab es
eine 1:6-Packung für die Deutschen. Diesmal wieder?
Ich würde als ‚Madridista’ gern sagen, das Schalke keine
Chance und Real das Viertelfinale schon sicher hat.
Aber gerade in der K.o.-Phase kann alles passieren. Man
muss immer vorsichtig sein – gegen eine deutsche
Mannschaft erst recht.
Aber eigentlich gehen doch alle Experten vom Finale
zwischen Real und Bayern München aus, wenn das
Losglück mitspielt.
Das wäre das logische Finale, stimmt, aber Logik hat im
Fußball nichts zu suchen. Es gibt keine Logik mehr. Die
Spitze ist so nah zusammengerückt, es gibt ab einem
gewissen Level keine kleinen Teams mehr, schon gar
nicht in der Champions League. Dort gibt es keine
leichten Siege. Diese Zeiten sind lange vorbei. Dort
kämpfen alle wie verrückt.
Was halten Sie von der Entwicklung des FC Bayern?
Sie ist großartig. Der FC Bayern war ja schon immer
gut, aber jetzt ist der Klub in der absoluten Weltspitze
angekommen. Das liegt vor allem an Pep Guardiola, er
hat dem Verein einen Extrakick gegeben. Schon vorher
haben die Bayern schnell und offensiv gespielt. Aber
unter Guardiola ist das gewisse Extra hinzugekommen.
Dürfen Sie als Madridista das eigentlich sagen? Guardiola ist in Spanien doch auf ewig mit dem FC Barcelona verbunden.
Aber darum darf ich doch trotzdem sagen, dass ich ihn
für einen großen Trainer halte. Ich kenne ihn ja noch
als Spieler, wir haben oft gegeneinander gespielt. Nun
bin ich ein Neuling als Trainer, und er ein Weltklassecoach. Da ist es doch klar, dass ich ihn respektiere und
ihm viel Sympathie entgegenbringe. Er macht einen
fantastischen Job, wie schon in Barcelona. Ich schaue
mir genau an, wie er arbeitet.
Wenn Real Madrid ins Champions-League-Finale
einziehen sollte, findet das Endspiel im Berliner
Olympiastadion statt. Mit welchen Gefühlen würden
Sie anreisen?
Sie meinen wegen 2006?
Ja. Im WM-Finale sahen Sie nach einem Kopfstoß gegen Marco Materazzi die Rote Karte, es war das letzte Spiel Ihrer Karriere. Frankreich verlor.
Ja, und deshalb wird das Berliner Stadion immer ein
besonderer Ort für mich sein. Mein ganzes Leben lang.
Ich habe gelernt, dass im Leben nicht nur gute Dinge
passieren. Und dieses Ereignis gehört auch zu mir –
wenn auch nicht als Sternstunde. Aber es ist ein Teil
meines Lebens. Ich musste lernen, damit umzugehen.
Und das ist mir gelungen.
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56 Sport
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Bayern München
zurück in der Spur
Stuttgart
Bayern
(0:1)
0:2
Geht doch!
Marco Reus (r.)
nach seinem 1:0
Ein Wunder: Dortmund siegt
War das endlich die Wende? Borussia Dortmund gewinnt dank Reus
und Aubameyang hochverdient mit 3:0 beim SC Freiburg
Freiburg
Dortmund
Perfekter Einstand
für Schürrle
Wolfsburg
Hoffenheim
E
(2:o)
3:0
s brauchte gestern keine halbe
Stunde, da hatte sich die Frage erledigt, ob André Schürrle die 32
Millionen Euro wert ist, die der VFL
Wolfsburg für den Flügelstürmer an den
FC Chelsea überwiesen haben soll. Nach
drei Spielminuten flankte Schürrle
scharf und präzise von links vors Tor, 1:0
durch Bast Dost. Und in der 28. Minute
hämmerte Schürrle den Ball aus 16 Metern an die Latte, Kevin De Bruyne hielt
den Kopf hin, 2:0. Dass Schürrle auch
nach hinten arbeiten kann, bewies er
dann – und bekam in der 40. Minute für
ein taktisches Foul die Gelbe Karte. Da
war Hoffenheim noch gar nicht richtig
auf dem Platz. Nach der Pause änderte
sich das. Hoffenheim wurde mutiger,
kam zu guten Chancen, besonders durch
Firmino, das Tor aber machten wieder
die Wolfsburger. Schürrle, der sich bei
einem Zusammenprall eine Beule am
Kopf geholt hatte, erobert in der 84. Minute den Ball, Pass auf Dost, der zu De
Bruyne: satter Schuss. 3:0. Ein perfekter
Einstieg für den Heimkehrer.
PICTURE ALLIANCE/DPA
D
er FC Bayern München hat seine
Schwächephase
überwunden.
Nach zwei Spielen ohne Sieg
strahlte der Titelverteidiger im Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart wieder Souveränität aus. Gegen die heimschwachen Stuttgarter reichte den Bayern dabei eine eher durchschnittliche
Leistung. Mit seinem 12. Saisontor ebnete Arjen Robben (41. Minute) den
Münchnern den Weg zum Sieg. Nach der
Pause sorgte David Alaba mit einem
spektakulären Freistoß in den Torwinkel
für die Entscheidung (51.).
Der VfB fiel durch die siebte Niederlage vor eigenem Publikum auf den 18.
Platz zurück. Die Münchner taten sich
gegen die geschickt verteidigenden und
gut gestaffelten Stuttgarter vor 60.000
Zuschauern in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena lange schwer. Sie hatten
zwar deutlich mehr Ballbesitz, machten
daraus aber 40 Minuten lang nichts. Es
fehlten Aggressivität, Laufbereitschaft,
Kreativität und der Zug nach vorn. Die
Stuttgarter resignierten keinesfalls,
konnten aber die routiniert agierenden
Bayern kaum ernsthaft gefährden.
(0:1)
0:3
G
roßes Aufatmen in Dortmund. Die Borussia kann –
ob trotz Jürgen Klopp oder
wegen ihm ist letztlich egal
– tatsächlich in der Bundesliga noch gewinnen. Auch wenn sie
für den hochverdienten Sieg beim FC
Freiburg zunächst etwas Hilfe brauchte.
Der BVB begann wie die Feuerwehr:
Trotz elf Niederlagen in 19 Spielen
schnürte er die Freiburger zu Beginn ein.
Vier Großchancen allein in den ersten
fünf Minuten, meist vereitelt vom großartig haltenden SC-Torwart Roman Bürki. In der 9. Minute aber war auch Bürki
Fröhlich frei
dank Dardai
Mainz
Hertha
S
(0:2)
0:2
elten haben die Spieler von Hertha
BSC in der jüngeren Vergangenheit
so viel gelacht im Training. Es wird
geklatscht, geflachst und gelobt. Nach
der Entlassung des strengen Trainers Jos
Luhukay und der Berufung von Pal
Dardai zum Interims-Coach – mit seiner
machtlos, Dortmund ging in Führung –
dank eines Blackouts des Freiburger Mittelfeldspielers Mike Frantz. Seinen viel
zu kurzen Rückpass erlief der schnelle
Pierre-Emerick Aubameyang, Pass zum
mitgelaufenen Reus, der ins leere Tor
schob. Um die Überlegenheit des Tabellenletzten beim 15. der Bundesliga zu
verdeutlichen: nach 40 Minuten hatte
Dortmunf zehn zu eins Torschüsse. Die
erste Freiburger Chance kam mit einem
Gewaltschuss von Kapitän Oliver Sorg,
den Roman Weidenfeller wegfaustete,
erst kurz vor der Pause.
Auch nach der Pause änderte sich das
Bild nur vordergründig. Freiburg versuchte zwar, nach vorn zu kommen und
Druck aufzubauen, wurde im eigenen
Stadion aber immer wieder ausgekontert. Nachdem der starke Marco Reus
mehrere Chancen knapp vergab, war es
schließlich der zweite schnelle Mann im
Angriff des BVB, der für die Entscheidung sorgte: Nach einem Ballverlust der
Freiburger im Mittelfeld konterte Dortmund und vollstreckte in der 56. Minute
eiskalt: Ilkay Gündogan steckte den Ball
für Aubameyang durch, der frei vor Bürki
auftauchte und locker zum 2:0 einschoss. Freiburg mühte sich, hatte gegen
Ende auch mehr Ballbesitz, aber keine
Chance. Was im bisher so schwächelnden BVB steckt, zeigte das Team erneut
in der 73. Minute. Da vollendet wieder
Aubameyang mit einem präzisen Flachschuss eine tolle Kombination zum 0:3.
Gelassenheit und seinem Optimismus
quasi das Gegenmodell zum Vorgänger –
scheint beim Tabellenvorletzten der
Fußball-Bundesliga die Verkrampfung
einer gewissen Lockerheit gewichen zu
sein. Das war auch im Spiel gegen den
FSV Mainz zu spüren, für das Dardai fünf
Änderungen in der Startelf vorgenommen hatte. Die losgelöst und erfrischend
aufspielenden Berliner siegten vor
26.756 Zuschauern souverän 2:0 – der
erste Sieg nach drei Niederlagen hintereinander ohne Torerfolg.
Den Führungstreffer der Gäste erzielte Jens Hegeler in der 35. Minute durch
Foulelfmeter. Vorausgegangen war eine
unglückliche Notbremse des Mainzer
Torhüters Loris Karuis am Berliner Valentin Stocker, die auch noch mit Platzverweis geahndet wurde.
Gelb-Rot sah auch Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger nach zwei Fouls innerhalb von vier Minuten (58.). Zu diesem Zeitpunkt führte die Dardai-Elf
nach einem Abstaubertor von Roy Beerens ins leere Gehäuse bereits mit 2:0
(43. Minute). Der Hauptstadtklub lässt
mit diesem Sieg die Abstiegsränge hinter
sich, ein Einstand nach Maß für den Ungarn Dardai.
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Sport 57
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Der Heimfluch
der Kölner
Köln
Paderborn
U
0:0
nd wieder konnte der 1.
FC Köln den Heimfluch
nicht besiegen. Die Kölner hatten zur Halbzeit mehr
Ballbesitz (54 Prozent), mehr
Torschüsse (8:3) und die bessere
Zweikampfquote (57 Prozent).
Sie wurden aber auch ihrem Ruf
gerecht, bei Heimspielen erschreckend harmlos zu sein. Bis
zum Duell gegen Paderborn gelangen ihnen ja auch nur vier
Treffer. Für die Gastgeber war
es vor 49.500 Zuschauer bereits
die sechste Nullnummer der
Fußball-Saison – und die fünfte
im eigenen Stadion. Die Paderborner – Überraschungsmannschaft der Hinrunde mit 19
Punkten – blieben bereits in der
zehnten Partie in Serie ohne
Sieg. Die beiden Aufsteiger boten über lange Strecken keine
bundesligataugliche
Vorstellung. Beiden Mannschaften gelang es kaum, sehenswerte
Spielzüge zu entwickeln, die
Teams leisteten sich vor allem
viele Abspielfehler.
Besonders bei den lange ohne
Erfolgserlebnis gebliebenen und
dadurch verunsicherten Paderbornern lief vor allem in der ersten Hälfte nicht viel zusammen.
Lediglich einen Torschuss wagte
das Team von Trainer André
Breitenreiter: In der 36. Minute
schoss Alban Meha aus 20 Metern zu zaghaft und deutlich am
gegnerischen Tor vorbei.
Doch gegen die sehr tief stehenden Gäste, die zum Teil mit
elf Mann im eigenen Strafraum
verteidigten, fanden auch die
Rheinländer kaum Lücken, um
Chancen zu kreieren.
Bundesliga
Schalke – Gladbach
Freiburg – Dortmund
Köln – Paderborn
Mainz – Hertha BSC
Wolfsburg – Hoffenheim
Stuttgart – München
Hamburg – Hannover
Bremen – Leverkusen
Augsburg – Frankfurt
20
1. München
20
2. Wolfsburg
20
3. Schalke
20
4. Gladbach
19
5. Augsburg
19
6. Leverkusen
20
7. Hoffenheim
19
8. Hannover
19
9. Frankfurt
20
10. Köln
19
11. Bremen
20
12. Mainz
20
13. Hertha BSC
19
14. Hamburg
20
15. Paderborn
20
16. Dortmund
20
17. Freiburg
20
18. Stuttgart
1:0 (1:0)
0:3 (0:1)
0:0
0:2 (0:2)
3:0 (2:0)
0:2 (0:1)
Sa., 18.30
So., 15.30
So., 17.30
45:9
49
41:19 41
31:22 34
27:17 33
26:22 33
29:20 32
31:33 26
22:28 25
36:39 24
19:23 24
30:40 23
25:26 22
26:38 21
12:21 20
21:34 20
21:27 19
21:30 18
20:35 18
Schalke siegt
im Spitzenspiel
Schalke
Gladbach
(1:0)
1:0
T
rotz Personalnot durch
ein halbes Dutzend Verletzte bleibt Schalke 04
weiter auf Kurs Champions League. Die Königsblauen setzten
sich im Spitzenspiel gegen Borussia Mönchengladbach mit 1:0
(1:0) durch und kletterten zumindest bis heute auf den dritten Tabellenplatz. In seinem
250. Bundesligaspiel traf der
Schweizer Traquillo Barnetta
(10.), es war sein 29. Bundesligator insgesamt. Barnetta verwertete eine scharfe Hereingabe
von Kevin-Prince Boateng zum
Siegtor. Gegen die kompakte
Defensive der Schalker fanden
die Gladbacher dagegen keine
Mittel. „Schalke hatte nicht viele Chancen, wir haben das Spiel
gemacht. Das war eigentlich ein
typisches 0:0-Spiel, umso ärgerlicher, dass wir verloren haben“,
meinte Gladbachs Kapitän Toni
Jantschke nach dem Spiel. Die
Partie hatte mit zehn Minuten
Verspätung begonnen. Die Sicherheitskontrollen waren verschärft worden, weil es offenbar
eine Bombendrohung gegeben
hatte.
Im Tor der Schalker stand,
nachdem mit Fabian Giefer auch
der zweite Keeper verletzt ausgefallen war, wieder der 19-jährige Timon Wellenreuther, die
Nummer drei. Er blieb über weite Strecken beschäftigungslos.
Nur gegen den eingewechselten
Ibrahima Traoré, der aufs Tor
zulief, musste der 19-Jährige einmal ernsthaft parieren (65.) –
und machte das souverän.
Schalke tat an diesem Abend
eben nicht mehr, als es musste.
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58 Sport
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Neuer
Gesellschafter
MATTHIAS ROBL; GETTY IMAGES
Philipp Lahm,
dem 50
Prozent am
SportprodukteUnternehmen
Sixtus gehören
sollen, in der
Produktionshalle in Hausham, etwa 50
Kilometer
südlich von
München
Alles im Blick
Philipp Lahm arbeitet bereits an der Karriere nach der Karriere –
schon 2018 kann er zu einem der Bayern-Bosse werden – von Julien Wolff
P
Philipp Lahm, 31, ist weltweit einer der bekanntesten
Sportler. Kapitän des FC Bayern, Ex-Spielführer der
deutschen Nationalmannschaft, Bambi-Gewinner. Und
seit Neuestem auch Unternehmer. Auf der Ispo, der
weltgrößten Messe für Sportartikel, stellt sich der Kicker am Donnerstag in seiner neuen Rolle vor. Er arbeitet ab sofort – gewissermaßen nebenberuflich – als
Markenbotschafter und Gesellschafter von Sixtus, einem bayerischen Hersteller für sportliche Pflegeprodukte. „Ich suche immer neue Herausforderungen und
will mich weiterentwickeln“, sagt Lahm, an diesem Tag
im Business-Look. „Unsere Vierfachseife kann ich besonders empfehlen. Die ist exzellent.“ Er grinst.
Bis vor Kurzem war Sixtus ein Familienunternehmen. Wie die Gesellschafterstruktur jetzt ist, will jemand auf der Messe wissen. Lahm sagt: „Wir sind
gleichberechtigt.“ Das genügt dem Publikum nicht, es
fordert konkrete Informationen. „Ich habe den Gesellschaftervertrag leider nicht dabei“, sagt der Defensiv-
spezialist freundlich. Lahm kann eben auch Unangenehmes charmant weglächeln. Eine Qualität, die in der
Wirtschaft von Nutzen ist. Dem Vernehmen nach hält
Lahm übrigens 50 Prozent an der Firma, die pro Jahr einen mittleren, einstelligen Millionen-Euro-Betrag an
Umsatz hat.
Sein Einstieg bei dem Unternehmen ist dabei weit
mehr als nur eine Geldanlage. Es ist vielmehr ein weiterer Schritt in seinem Masterplan.
Lahms Vertrag beim FC Bayern, der mit etwa zehn
Millionen Euro pro Jahr dotiert sein soll, gilt bis 2018.
Dann wird er 34 Jahre alt sein und seine Laufbahn beenden, das hat er bereits angekündigt. Danach kann
Lahm der neue, starke Mann im deutschen Fußball werden. Als Führungskraft bei den Bayern oder dem Deutschen Fußball-Bund. Kaum ein Spieler ist in seinem
Klub und im Verband so respektiert wie Lahm. Das bietet Möglichkeiten. Philipp Lahm möchte für alle gerüstet sein.
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Sport 59
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
Sportler schließen mit Unternehmen für gewöhnlich
Verträge ab, um Geld zu verdienen, ihr Image zu verbessern oder zu korrigieren. Lahm will sich zudem Wissen aneignen für eine adäquate Aufgabe nach der Karriere. „Ich möchte sehen, wie in diesem Unternehmen,
in der Produktion gearbeitet wird. Und mich irgendwann dann auch mit den Zahlen beschäftigen“, erklärt
Lahm. Auch in seinem neuen Job ist der Weltmeister
ergebnisorientiert.
Im November brach sich Lahm im Training das
Sprunggelenk. Fußball spielen kann er wohl erst wieder
im März. Die Bayern hoffen, dass er rechtzeitig fit ist zu
den großen Partien in der Champions League. Dafür
arbeitet Lahm jeden Tag intensiv. Lahm betont immer
wieder, dass er seine letzten Jahre als Spieler „nicht
einfach nur so ausklingen lassen“ möchte. „Ich will
noch einmal die Champions League gewinnen und bin
in erster Linie Spieler. Nur bin ich auch jemand, der
vorausschaut.“
WEITER HORIZONT Lahm fand schon immer, dass
sich Fokussierung auf den Sport und weitere Tätigkeitsfelder nicht ausschließen. Er vertritt die These: Der
Mensch reift und entwickelt sich vor allem dann, wenn
er verschiedene Interessen hat. Die Spielergewerkschaft VDV schlägt schon seit Jahren Alarm, weil jeder
vierte deutsche Fußballprofi pleite und planlos sei nach
dem Karriereende. Bildung und Zukunftsplanung kämen während der aktiven Zeit viel zu kurz, warnt Geschäftsführer Ulf Baranowsky.
Die Anforderungen für die Zeit
nach der Karriere hat der Musterprofi Lahm schon in jungen Jahren genau erkannt. Bereits mit 24
Jahren gründete der gebürtige
Münchner deshalb seine eigene
Stiftung. Zum Start brachte er
150.000 Euro Kapital ein. Die Stiftung soll Kinder in Deutschland
und Südafrika von der Straße holen, ihnen die Bedeutung von Bildung und gesunder Ernährung
vermitteln. Lahm studiert regelmäßig die Berichte über die Ergebnisse und reist oft selbst zum
Kap der guten Hoffnung.
Aber auch auf anderen Gebieten versucht der Berufssportler
seinen Horizont zu erweitern: Er
spricht gelegentlich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und veröffentlichte das Buch „Der feine
Unterschied: Wie man heute Spitzenfußballer wird“. Philipp Lahm,
der Allrounder – auf und neben
dem Platz.
Der Kapitän der Weltmeisterelf
könnte pro Woche fünf Vorträge
in Unternehmen halten. Er
nimmt jedoch nur Termine an,
die auch ihm neue Erkenntnisse versprechen. So traf
sich Lahm zuletzt mit Bossen einer Privatbank, eines
großen Versicherungskonzerns und einer Unternehmensberatung. Er sprach über den Umgang mit hohen
Erwartungen, mit Erfolgen, sein Leben in der Öffentlichkeit sowie seine Ansichten über Führungsstil – und
sammelte im Gegenzug bei Hintergrundgesprächen interessante Informationen für seinen Businessplan.
Zuletzt unterhielt er sich unter anderem mit Jürgen
Graalmann, dem Vorstandsvorsitzenden der AOKKrankenversicherung. „Ich habe den Ansporn, etwas
anderes zu machen. Und will schon bis zu meinem
Karriereende Erfahrungen gesammelt haben“, erklärt
Lahm.
Franz Kroha ist bei Sixtus ebenfalls Gesellschafter
und führt die Geschäfte. Das Unternehmen mit Sitz in
Hausham, etwa 50 Kilometer südlich von München,
gibt es seit 1931. Die Hälfte seines Umsatzes generiert es
im Ausland, hat 32 Mitarbeiter. Lahm hat es von seinen
beiden Wohnsitzen in der City und am Tegernsee nicht
weit und kam kürzlich das erste Mal vorbei. Die Belegschaft staunte nicht schlecht, als der Star im weißen Laborkittel durch die Produktionshalle lief. „Mit ihm können wir das Unternehmen weit nach vorn bringen“,
hofft Kroha. Doch was macht Lahm für Konzerne so interessant? Und warum prophezeien Fußballfunktionäre
ausgerechnet Lahm eine besonders steile Karriere nach
der Karriere?
Christian Scholz, Professor für Organisation und
Personalmanagement an der Universität des Saarlandes, erklärte nach Lahms Rücktritt aus der Nationalelf:
„Manager sollten wie Lahm denken: eigene Positionen
hinterfragen und öfter Nein sagen.“ Bayern-Mitarbeiter
bestätigen die Ferndiagnose. Lahm, so die Insider, könne exzellent mit Menschen umgehen und sich schnell
in neuen Situationen zurechtfinden. Zudem sei Lahm
ein Analytiker, der sich nicht scheue, auch emotional
schwierige Entscheidungen durchzusetzen, um ein hohes Ziel zu erreichen.
Bayerns Pep Guardiola, der als Cheftrainer schon Diven wie Messi, Ibrahimovic, Pique oder Xavi führte,
schwärmt ebenfalls von den Führungsqualitäten seines
Kapitäns: „Philipp ist der intelligenteste Spieler, den ich
in meiner Karriere trainieren durfte.“ Beim FC Bayern
loben sie die soziale Kompetenz Lahms. Dass er genau
wisse, wen man eher mit Lob und wen mit Kritik motiviere. Personalberater sprechen von
„Soft Skills“.
DER NACHFOLGER? Selbst in der Vorstandsetage des Rekordmeisters an der
Säbener Straße fällt inzwischen öfter
mal der Name Lahm, wenn die Bosse
über langfristige Pläne sprechen. Der
Vertrag von Klubchef Karl-Heinz Rummenigge, 59, gilt noch bis Ende 2016. Die
Nachfolge-Regelung ist eine der größten
Herausforderung für die Verantwortlichen. 528 Millionen Euro Umsatz, über
500 Mitarbeiter, mitgliederstärkster Verein der Welt, neues Büro in New York –
die Ansprüche an die potenziellen Kandidaten wachsen mit den finanziellen
Perspektiven des Klubs.
Ein künftiger Vorstand, heißt es
intern, sollte am besten Stallgeruch haben. In den vergangenen Jahren wurden
daher immer wieder Stefan Effenberg
und Oliver Kahn genannt. Kahn wirbt
für einen Wettanbieter, Effenberg gibt
den TV-Experten, als unternehmerische
Führungskraft aber profilierte sich
keiner von beiden. Rummenigge hat
das offenbar erkannt: Er bezeichnete
Lahm zuletzt als Kandidaten für seine
Nachfolge.
Lahm hat die Entscheidungen der
Vereinsführung stets analytischer verfolgt als viele seiner Mannschaftskollegen. „Ich habe bis jetzt schon
zehn Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet“,
sagt er, „da kriegst du einiges mit.“
In den kommenden Jahren wird Lahm daran arbeiten, seine Kompetenzen auszubauen. Entscheidungsfindung, Neue Medien, Delegieren, Marketing - er hat
sich viel vorgenommen. Menschen, die ihn gut kennen,
glauben, dass er sich als Führungskraft behaupten wird.
Viele sehen in ihm auch einen guten Trainer. Doch diesen Job kann er sich „nicht wirklich“ vorstellen. Management beim FC Bayern, das scheint es zu sein für ihn.
„Ich bin seit 1995 im Verein“, sagt er, „und ich möchte
ihm gern verbunden bleiben“. Dann lächelt Lahm und
sagt, dass er sich sehr gut vorstellen könne, im Fußball
zu bleiben.
„Ein Leben lang.“
„Ich will noch mal
die Champions
League gewinnen.
Aber ich bin auch
jemand, der
vorausschaut“
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NACHRICHTEN
Atlanta siegt im Topspiel
Mit einer eindrucksvollen
Teamleistung gewannen die Atlanta
Hawks zu Hause das Topspiel der NBA
gegen die Golden State Warriors. Im
Duell der jeweils führenden Mannschaften der Eastern (Atlanta) und der Western Conference (Golden State) siegten
sie mit 124:116 (52:52). Gleich sieben
Spieler der Hawks trafen dabei gegen die
Golden State Warriors zweistellig, die
mit dem Sieg und einer Bilanz von nun
42:9 gewonnenen Spielen ihren Status
als derzeit bestes NBA-Team vor den
Warriors (39:9) verteidigten. Dem deutschen Jungstar Dennis Schröder gelangen dabei neun Punkte und sieben
Korbvorlagen.
BASKETBALL
Fehlstart im Fed-Cup
TENNIS Den deutschen Damen droht im
ersten Fed-Cup-Duell des Jahres eine
bittere Enttäuschung. Zum Auftakt der
Begegnung mit Australien unterlag Angelique Kerber in Stuttgart Jarmila
Gajdosova 6:4, 2:6, 4:6. Kerber kassierte
bereits ihre dritte Niederlage im vierten
Duell mit Gajdosova (Nr. 54). Die Weltranglistenzehnte aus Kiel hatte noch
beim Halbfinalsieg im vergangenen Jahr
in Brisbane beide Einzel gegen Australien gewonnen. Bei einer Niederlage
müssen die Vorjahresfinalistinnen in die
Relegation. Dort warten Gegner wie die
USA mit Serena und Venus Williams.
Özil trifft, Arsenal verliert
PREMIER LEAGUE Mesut Özil zeigte auch
im zweiten Spiel nach seiner Verletzungspause, wie wertvoll er für den FC
Arsenal sein kann, am Ende aber verlor
sein Team im Londoner Stadt-Derby bei
den Tottenham Hotspurs mit 2:1 . Der
deutsche Weltmeister hatte seine Mannschaft in der 10. Minute mit 1:0 in Führung geschossen, nach der Pause aber
konnten die Spurs, die Arsenal immer
wieder einschnürten, das Spiel drehen.
Der englische Shootingstar, Stürmer
Harry Kane, wendete das Spiel mit seinen beiden Toren in der 56. und 86.
Minute – und beendete damit die Serie
der „Gunners“ von drei Siegen.
Union Berlin dreht das Spiel
In der zweiten Bundesliga
konnte der FC Union Berlin aus einem
0:1 noch einen 2:1-Sieg gegen den VFL
Bochum machen. Entscheidend war die
Einwechslung von Stürmer Martin Kobylański zur Pause, der den Ausgleich
mit einem wunderschönen Schlenzer
selbst machte und den Siegtreffer von
Kreilach einleitete. Im zweiten, ganz
schwachen Samstagsspiel trennten sich
die beiden Kellerkinder Sandhausen und
St. Pauli 0:0. Die Liga wird weiter souverän vom FC Ingolstadt angeführt, der
Freitagabend 1:0 in Fürth gewann.
FUSSBALL
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60 Sport
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Gold-Anna und das Geld
Z
wei Hundertstelsekunden. Kaum zu fassen.
Als Konkurrentin Tina Maze, 31, ins Ziel
rauscht, verbirgt Anna Fenninger, 25, für einige Momente das Gesicht hinter ihren behandschuhten Händen, und ihr Oberkörper
kippt nach vorn. Um zwei Hundertstel bezwungen.
Dann richtet sich Fenninger auf. Sie lächelt. „Beim Super-G hatte ich das Glück auf meiner Seite, heute hatte
es die Tina“, sagt Fenninger später. Und: „Im Leben
kommt alles zurück.“ Das Gute wie das Schlechte.
Fünf Tage erst laufen die Weltmeisterschaften, aber
Anna Fenninger aus der 3500-Seelen-Gemeinde Adnet
im Salzburger Land ist schon nahe daran, die erfolgreichste Skirennläuferin der Wettbewerbe im US-Bundesstaat Colorado zu werden. Silber in der Abfahrt am
Freitag hinter der Slowenin Maze und vor der Schweizerin Lara Gut, 23, war dabei für sie „fast noch emotionaler als mein Goldlauf im Super-G, weil ich gelöster an
das Rennen herangegangen bin“. Den Drang etwas beweisen zu müssen, hatte sie schließlich schon Dienstag
als Weltmeisterin abgehakt. Weitere Großtaten sind
realistisch. Super-Kombination, Teamevent und Riesenslalom stehen noch bevor.
Einheimische Medien taxieren ihre Jahresgage 2015
auf drei Millionen Euro. Doch in ihrer Vermarktung ist
sie eingeschränkt. Als Athletin des Österreichischen
Skiverbands (ÖSV) darf sie selbst nur eine Fläche auf
ihrer Sportbekleidung verkaufen: jene auf der Kopfbedeckung. Bislang ist der Helmsponsor eine Bank,
die schon immer nationale Sportgrößen wie Hermann
Maier sponserte. Der Vertrag läuft im Sommer aus, und
Fenninger möchte sich vom so wortgewaltigen wie –
nett ausgedrückt – gestaltungsfreudigen Verbandspräsidenten Peter Schröcksnadel, 73, und dem ÖSV nicht
diktieren lassen, welches Logo auf ihrem Helm prangt.
Fenningers deutscher Manager, Klaus Kärcher, ist
jenseits der Alpen inzwischen eine Art Persona non grata. Das als Verbandssponsor auftretende Massenblatt
„Kronen Zeitung“ steckt in der Zwickmühle: Einerseits
eng mit dem ÖSV verbandelt, kann
die Zeitung die beste Skifahrerin des Landes andererseits
schwerlich dauerhaft kritisieren („Anna Fenninger,
die Einzelgängerin!“).
Momentan
herrscht
Burgfrieden. Die Athletin
wähnt sich zwischen den
Stühlen und sieht es als Lernprozess. Vor der WM sagte
Fenninger: „Die vergangenen
Wochen waren hart für mich.
Aber diese Dinge machen mich
nur noch stärker, und sie verändern meine Denkweise.“ Sie versuche stets,
führt Fenninger aus, andere zu verstehen, sich in deren
Lage zu versetzen, nachzuvollziehen, wie der Verband,
ihr Manager oder ein Sponsor denken. „Aber ich bin
kein Mensch, der einfach mitschwimmt und zu allem Ja
und Amen sagt.“
GOLD, SILBER, WELTCUP Nicht einmal nach ihrer
erfolgreichsten Saison im vorigen Winter, als sie den
Gesamtweltcup gewann und Olympiagold und -silber
in Sotschi holte, verlor sie die Bodenhaftung. „Abgesehen von einer coolen Feier mit meiner Familie“,
sagt sie, „sind für mich die erreichten Erfolge die
größte Belohnung.“ Den einzigen Luxus, den sich die
25-Jährige leistet, ist eine Harley-Davidson. Und sie
Österreichs beste
Skiläuferin Anna
Fenninger liegt im
Clinch mit dem Verband.
Es geht um Sponsoren
– von Jens Hungermann
Anna Fenninger
„Mich von dummen Reaktionen
fertigmachen
zu lassen, das
brauche ich nicht“
DPA/PA/KLAUS TECHT
möchte bald wieder nach Namibia reisen. Dort unterstützt Fenninger als Europa-Botschafterin die Tierschutzorganisation Cheetah Conservation Fund, die
sich unter anderem für den Erhalt des Lebensraums
von Geparden engagiert.
DIE GEPARDEN „Mit den Geparden habe ich mich vor
zwei Jahren bei meiner ersten Reise beschäftigt. Seither hat mich das Thema gepackt“, erzählt sie. Und:
„Ich bin ziemlich verliebt in die Tiere.“ Der Kontakt
mit den Raubkatzen habe ihr „extrem viel für meine
Persönlichkeit gebracht. Die Tiere strahlen eine unheimliche Ruhe aus, und im nächsten Moment schalten
sie um und sind die schnellsten Jäger auf Erden. Das
hat mir sehr imponiert. Es spiegelt mein Sportlerleben
wider“. Sie sei ein Mensch, der Ruhe brauche und Ruhe
ausstrahlen möchte. „Und wenn ich mich aber aus dem
Starthaus katapultiere“, sagt sie, „muss ich den Killer
rauslassen. Das empfinde ich als Parallele.“
Die 1,66 Meter große Salzburgerin hat in ihrer Karriere schon etliche Höhen und Tiefen erlebt, die sie zur
nervenstarken Rennläuferin haben werden lassen. Als
Schülerin wurde sie im engmaschigen Sichtungssystem
Österreichs früh als Riesentalent erkannt, gewann als
Teenager diverse Junioren-WM-Medaillen sowie zwei
Gesamtsiege im Europacup. Mit 17 debütierte Fenninger im Weltcup, zwei Jahre später erzielte die Riesenslalomspezialistin dort ihren ersten Podestplatz, dem
sie bis heute 34 weitere folgen ließ. Längst war da die
Öffentlichkeit auf die smarte wiewohl scheue Frau aufmerksam geworden, die gemeinsam mit Männerstar
Marcel Hirscher, 25, die Skihotelfachschule in Bad
Hofgastein besuchte.
Mit der Empfehlung eines vierten und eines
siebten Platzes bei der WM 2009 und mit enormen Erwartungen bedacht, reiste die damals 20Jährige zu Olympia nach Vancouver. „Ich war
schon auf einem guten Weg“, erinnert sie sich,
„dadurch habe ich mir viel Druck gemacht.“
Alle Welt habe sie 2010 belagert, um ihr einzuimpfen, dass es das Größte sei, bei Olympia zu gewinnen. „Das ist dann alles nach
hinten losgegangen.“ Sie belegte die Plätze
25, 16, 16 und geriet in eine Krise. „Mein
Selbstvertrauen war am Boden.“
Nach jener Saison habe sie wieder „ganz
bewusst“ bei null begonnen, mit ihrem alten
Trainer und einem neuen Servicemann. Der präparierte die Skier der Stilistin so, dass sie rasch wieder
Selbstvertrauen fasste. Fenninger arbeitete sich aus
dem Leistungsloch heraus – und gewann 2011 in Garmisch-Partenkirchen den WM-Titel in der Super-Kombination. „Gold-Anna“ verzückte die Skifans fortan
derart, dass der ÖSV seinem Star zwei Jahre später bei
der Heim-WM etliche Bodyguards zur Seite stellen
musste.
Welche skurrilen Ausmaße der Hype um Fenninger
in der Alpenrepublik annehmen kann, illustriert ein
Beispiel aus jenem Sommer 2013. Fenninger färbte sich
die Haare blond. Prompt entspann sich eine öffentliche Debatte um Gründe und Geschmack. „Ich hätte nie
gedacht, dass das solche Auswirkungen haben würde“,
gesteht sie. „Ich wollte es halt mal ausprobieren und
habe nie darüber nachgedacht, ob es anderen gefällt.
Ich habe dadurch einmal mehr gelernt: Ich werde beobachtet.“ Darüber hinwegsehen zu können, sei ein
wichtiger Lernprozess gewesen. „Mich von dummen
Reaktionen fertigmachen zu lassen, das brauche ich
nicht“, sagt sie. „Und das lasse ich auch nicht zu.“
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62 Leute
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
MISTKERL DER WOCHE
Lance Armstrong, 43, bekannt
als Fahrradschurke (Doping), war
jetzt mit dem Auto unterwegs.
Alkoholisiert, nach einer Partynacht in Aspen, und erwischte
gleich zwei andere Wagen. Seine
aktuelle Freundin Anna Hansen
nahm zunächst die Schuld auf
sich: „Wir wollten unseren Namen nicht wieder in den Zeitungen geschmiert sehen“, so Hansen. Zur besonderen Schwere der
Schuld trägt bei, wie das Magazin
„Gawker“ hilfreich erinnerte:
„Armstrong hat viel zu viele Männer, die niemals Radlerhose tragen sollten, inspiriert, Radlerhosen zu tragen!“
JAHRE
Sylvester Stallone, 68, ist wieder
Rocky Balboa – nach 19 Jahren
Pause. Er dreht in Philadelphia
(im US-Bundesstaat) den Nachfolger der Rocky-Serie, „Creed“.
Statt selbst in den Ring zu steigen, ist Rocky inzwischen Trainer
und bereitet den Enkel seines
früheren Rivalen, dann Freundes,
Apollo Creed, auf dessen großen
Kampf vor. Der junge Boxer Adonis Creed wird gespielt von Michael B. Jordan, 27.
Rihanna sagt Hai
Rihanna, 26, Sängerin, hat
sich bei Modeaufnahmen mit
Haien für „Harper’s Bazaar“
an ihre Kindheit erinnert.
„Ich bin am Strand aufgewachsen. Wenn ein neuer
Teil von ,Der weiße Hai‘ erschien, habe ich nur am
Strand gesessen. Ging sie
doch einmal ins Wasser, habe
ihr Vater die Titelmelodie des
Films angesummt. „Ich bin
dann sofort wieder raus.“
PICTURE ALLIANCE / ABACA (2); REUTERS; GETTY (4); DDP; /DPA PICTURE-ALLIANCE / HT
19
Ein
seltsamer
Mann
Idris Elba über seine Karriere, seine Faulheit und seine größte Angst
IDRIS ELBA, 42, Schauspieler („Mandela“) erinnerte sich im Interview mit der
„Daily Mail“ an seine Kindheit. Sie
wohnten in einem Hochhaus in einem
sozial schwachen Londoner Bezirk, „und
jeden Morgen kam meine Mutter ins
Schlafzimmer, sagte, es ist ein bisschen
stickig hier und riss die Vorhänge zur
Seite. Jeden Morgen, jeden Morgen.“ Er
sei ein mageres, schüchternes Kind gewesen, dass es immer allen recht machen wollte, so Elba: „An meinem ersten
Schultag, als ich ankam, fing einer an zu
singen ,Feed the World‘ – so dünn war
ich. Alle lagen am Boden vor Lachen.“
Idris prügelte sich mit dem Sänger:
„Heute ist er mein bester Freund.“ Stolz,
meine Elba, sei er vor allem auf seine
Karriere: „Weil ich für wirklich jeden Job
kämpfen musste. Ich war immer der große schwarze komische Mann, der nirgendwo richtig hinpasste.“ Dafür habe er
aber sein Privatleben vernachlässigt.
Auf die Frage nach seiner schlimmsten
Charakterschwäche meinte Elba, er sei
faul, „ich prokrastiniere fürchterlich,
schiebe alles auf.“ Dennoch schafft er es
offenbar, neben seinen Filmen auch
noch DJ, Sänger und Produzent zu sein –
„und ich bin auch, immer noch, ein ganz
anständiger Breakdancer!“ Trainiert habe er schon als Kind, im Wohnzimmer
(und dabei die Lampe zerstört).
Seine größte Furcht übrigens ist der
„Truman Show Moment“: In dem Film
wird Jim Carrey von Kameras dauerbeobachtet; was er für sein Leben hält,
ist nur eine endlose TV-Serie. Er wird
erst misstrauisch, als auf einmal ein
Scheinwerfer abstürzt: „Das ist meine
größte Angst. Dass ich aufwache – und
merke, das passiert mit mir auch.“
„Wie zur Hölle bist du in England
an nen Burrito gekommen?“
ADELE, 26, hinter der Bühne zu Katy Perry, 30, nach deren Konzert im „Hammersmith Apollo“ in London.
Sprach’s, und riss Perry den Burrito aus der Hand. Perry mag sie seitdem sehr
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Leute 63
W E LT A M S O N N TAG N R . 6 , 8 . F E B RUA R 2 015
„Mit
meinem
Dad?
Jesus?
Oder doch
Marilyn
Monroe?
Weiß nicht“
Nordkorea intim
Jang Jin-sung,
früherer Nationaldichter in Nordkorea und nach
seiner Flucht Autor
des Buches „Dear
Leader“ über die
Zustände in Nordkorea, hat enthüllt,
dass die Komödie
„The Interview“ gar nicht so
falsch lag. Kim Jong-uns Vorgänger als Diktator, sein Vater
Kim Jong-il (Bild) nämlich habe
bei der ersten Begegnung mit
dem Dichter zu Volksliedern
geschluchzt, einen MalteserWelpen gestreichelt – und das in
High Heels.
Lady Gaga und ihre neuen Freunde
KIM KARDASHIAN, 34, berühmt, auf
die Frage, mit wem sie am liebsten ein
Selfie machen würde
Lady Gaga, 28, Sängerin, arbeitet doch mit Sir Paul McCartney, 72, zusammen.
„Als er das erste Mal anrief, habe ich den Anruf weggedrückt. Ich dachte, das muss
ein Telefonscherz sein“, so Gaga. Sie schwärmt: „Tolle Musiker“, mit denen sie
„viele geheime Projekte“ verwirkliche. Überhaupt wirkt die Lady, die oft und offen
über ihre Probleme geredet hatte – unter anderem litt sie unter Bulimie und Magersucht; noch im Herbst vergangenen Jahres gab sie öffentlich zu, täglich Medikamente gegen Depressionen zu brauchen –, gerade überraschend fröhlich. Vor der Session mit den alten Herren veröffentlichte sie die Botschaft: „Morgen-Workout, Probe,
dann ins Studio. Ein weiterer schöner Tag – Zeit, ihm in den Hintern zu treten!“
(„Kick ass“ meint als Slangausdruck auch: einfach klasse, geil und Ähnliches).
Schlaftabletten-high?
Conrad Hilton, 20, der
kleine Bruder von Paris, 33,
steht in Los Angeles vor
Gericht – weil er auf einem
Zehn-Stunden-Flug von
London nach LA die Crew
und sämtliche Mitreisende
mit dem Tod bedroht hat;
zumindest die Crew wollte
er anschließend von seinem
Dad auch noch feuern lassen: „Ich werde jeden hier
besitzen, ihr Scheißbauern!“
„Ich sorge in 30 Sekunden
dafür, dass ihr alle gefeuert werdet!“ Sein Anwalt
Robert Shapiro, 71, (der
Verteidiger von O. J.
Simpson) entschuldigte
Hilton: Er sei aufgeputscht
gewesen – weil er eine
Schlaftablette genommen
habe.
70
JAHRE
Queen Elizabeth II., 88 (Foto von 1974), will keine Corgis mehr
halten. Das berichtet die „Daily Mail“. Das Ende einer Ära;
seit 70 Jahren lebten immer Corgis im Haushalt der
Königin. Doch jetzt habe Elizabeth Angst, einen
Hund zu übersehen und über ihn zu stürzen.
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Kiel
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Gebietsweise Regen oder Schnee
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Las Palmas
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Bordeaux
Nizza
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Madrid
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Brüssel
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Friedrichshafen
Oslo
Vorhersage
Montag
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Reykjavik
Der Sonntag startet in den Mittelgebirgen und im Süden mit
Schneefällen. Sonst ist es wechselnd bewölkt, und im Tagesverlauf ziehen einige Regen-, Graupel- und Schneeschauer über den
Norden und Osten. Die Schneefälle im Süden lassen später
meist nach. Die Temperaturen erreichen minus 1 bis plus 6 Grad.
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Kaltluft
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TV-Programm
SONNTAG, 8. FEBRUAR 2015
ARD
ZDF
PRO SIEBEN
KABEL 1
RTL
SAT 1
5.30 Kinder-TV 10.03 ¥ g Tiere
bis unters Dach 10.30 ¥ Die Maus
11.00 ¥ Von einem, der auszog,
das Fürchten zu lernen
Märchenfilm, D 2014
12.03 ¥ Presseclub
12.45 ¥ g Europamagazin
13.15 ¥ Tagesschau Mit Wetter
13.30 ¥ Das Traumhotel: Malediven Familienfilm, D/A 2011
15.00 ¥ Das Traumhotel: Tobago
Familienfilm, D/A 2011
16.30 ¥ g Das Geheimnis
der Wüstenelefanten
17.15 ¥ Tagesschau Mit Wetter
17.30 ¥ g Gott und die Welt
Partnersuche im Internet
18.00 ¥ g Sportschau
18.30 ¥ g Bericht aus Berlin
18.50 ¥ g Lindenstraße
19.20 ¥ g Weltspiegel U.a.:
Türkei: Das System Erdogan
20.00 ¥ Tagesschau Mit Wetter
20.15 ¥ g Tatort: Château
Mort TV-Krimi, D/CH 2015
Mit Eva Mattes, Sebastian
Bezzel, Justine Hauer
21.45 ¥ g Günther Jauch
Schicksalstage in Europa –
auf wen hört Putin noch?
22.45 ¥ g Tagesthemen
23.05 ¥ ttt – Titel, Thesen, Temperamente U.a.: Menschenschmuggel ohne Skrupel
23.35 ¥ Druckfrisch
U.a.: T.C. Boyle: Hart auf
hart / Hermann Parzinger:
Die Kinder des Prometheus
0.05 H ¥ g Dieci Inverni
Komödie, I/RUS 2009
1.45 H ¥ g Babel
Drama, F/USA/MEX 2006
5.40 ¥ g hallo deutschland 6.00
Kinder-TV 9.00 ¥ sonntags 9.30 ¥
Katholischer Gottesdienst 10.15 ¥
Ein Sommer in Paris Komödie, D 2011
11.45 heute
11.50 ¥ g Sport extra:
Skeleton / ca. 12.10 Bob / ca.
12.25 Shorttrack / ca. 12.50
Biathlon / ca. 13.55 Bob / ca.
14.25 Skispringen: Weltcup
der Damen / ca. 14.50 Biathlon: 12,5 km Verfolgung Herren / ca. 15.50 Skispringen /
ca. 17.35 Eisschnelllauf /
ca. 17.45 Shorttrack
18.00 ¥ g Ski alpin: WM
Live aus Vail/Beaver Creek
(USA). Superkombination
Herren, Abfahrt
19.00 ¥ heute Wetter
19.10 ¥ Berlin direkt
19.30 ¥ g Terra X
20.15 ¥ g Endlich Frühling
Melodram, D 2014
Mit Simone Thomalla,
Carolyn Genzkow, Marco
Girnth. Regie: Michael Karen
21.45 ¥ heute-journal Wetter
22.00 ¥ g Ski alpin: WM
Live aus Vail/Beaver Creek
(USA). Superkombination
Herren, Slalom
Kommentar: Michael Pfeffer
23.15 ¥ g Inspector Barnaby:
Gesund aber tot
TV-Krimi, GB 2011. Mit John
Nettles. Regie: Renny Rye
0.45 heute
0.50 g ZDF-History Überlebt –
wie durch ein Wunder
1.35 ¥ Inspector Barnaby: Gesund aber tot Krimi (Wh.)
5.50 g Steven liebt Kino – Spezial
6.10 g Cougar Town 6.50 g Two
and a Half Men 7.40 g The Big Bang
Theory 8.35 g How I Met Your Mother 9.25 H Shaggy Dog – Hör mal,
wer da bellt Komödie, USA 2006
11.15 H Batman Forever
Fantasyfilm, USA/GB 1995
13.25 H g The Green Hornet
Actionkomödie, USA 2011
15.25 H g Batman Begins
Actionfilm, USA/GB 2005.
Mit Christian Bale
18.00 Newstime
18.10 Die Simpsons
19.05 g Galileo Spezial
Superhelden
20.15 H g The Amazing SpiderMan Actionfilm, USA 2012
Mit Andrew Garfield,
Emma Stone, Rhys Ifans
Regie: Marc Webb
23.00 H g Watchmen –
Die Wächter ScienceFiction-Film, USA 2009
Mit Malin Akerman, Billy
Crudup. Regie: Zack Snyder
2.00 H g The Amazing
Spider-Man
Actionfilm, USA 2012
Mit Andrew Garfield (Wh.)
4.35 Malcolm mittendrin
Comedy-Serie. Hallo, Baby! /
Das Straßenfest
5.30 Steven liebt Kino – Spezial
5.50 Cold Case – Kein Opfer ist je
vergessen 6.50 g Elementary Für
das Allgemeinwohl 7.45 H Die Wilde von Beverly Hills Komödie, USA
1989 9.50 H Die goldenen Jungs –
City Slickers II Komödie, USA 1994
12.05 H Top Secret
Actionkomödie, USA/GB
1984. Mit Val Kilmer
13.55 g K1 Reportage spezial
16.00 g News
16.10 g Mein Revier
18.10 g Rosins Restaurants –
Ein Sternekoch räumt auf!
„Landhaus Eyendorf”
in der Lüneburger Heide
20.15 g K1 Reportage spezial
On the Road (2/4). Die Reportage informiert u.a. über
deutsche Trucker, amerikanische Oldies und tschechische Verkehrskontrollen.
22.20 g Abenteuer Leben
Pott-Familie Meusch baut
sich ein Feierparadies
Moderation: Andreas Türck
0.10 g Mein Revier
Ordnungshüter räumen auf
2.20 H Die Wilde
von Beverly Hills
Komödie, USA 1989 (Wh.)
4.05 H Trespassing
Horrorfilm, USA 2004
5.00 Verdachtsfälle 5.55 Verdachtsfälle 6.55 Das Strafgericht
7.55 Die Trovatos – Detektive decken auf 8.55 Die Trovatos – Detektive decken auf 9.55 g Monk
Mr. Monk und das Erdbeben / Mr.
Monk und Willie Nelson
11.50 g Dr. House
Arzt-Serie. Schizophren? /
Fremd- und nicht gut
gegangen. Mit Hugh Laurie
13.45 Best of...! Deutschlands
schnellste Rankingshow
14.45 g Deutschland
sucht den Superstar
16.45 Undercover Boss
17.45 g Exclusiv – Weekend
18.45 g RTL aktuell
19.05 g Vermisst
Rolf sucht seine Geschwister in Deutschland / Elke
sucht ihren Vater in Italien
20.15 H ¥ g The Last Stand
Actionthriller, USA 2013
Mit Arnold Schwarzenegger,
Johnny Knoxville, Forest
Whitaker, Rodrigo Santoro
Regie: Kim Jee-Woon
22.10 „Spiegel”-TV Magazin
Das große Fasten: Reise
durch eine essgestörte
Republik. Moderation: Maria
Gresz, Kay Siering
23.00 H ¥ g The Last Stand
Actionthriller, USA 2013
Mit Johnny Knoxville (Wh.)
0.55 g Exclusiv –
Weekend (Wh.)
1.50 Familien im Brennpunkt
2.45 Die Trovatos –
Detektive decken auf
3.35 Verdachtsfälle
5.50 g Steven liebt Kino – Spezial. Blackhat 6.05 g In Gefahr – Ein
verhängnisvoller Moment 7.00 g
In Gefahr – Ein verhängnisvoller
Moment 8.00 g So gesehen –
Talk am Sonntag 8.20 g Auf
Streife 9.15 g Auf Streife 10.15
g Auf Streife Reportagereihe
11.15 g Auf Streife
12.15 g Auf Streife
13.15 H g Hotel Transsilvanien
Animationsfilm, USA 2012
Regie: Genndy Tartakovsky
Mitten in den Vorbereitungen zur Geburtstagsfeier
seiner Tochter stolpert ein
Mensch in Draculas Hotel.
15.00 g The Biggest Loser
17.55 g Hochzeit auf den
ersten Blick Spezial –
Wie ging es weiter?
19.55 Sat.1 Nachrichten
20.15 g Navy CIS
Krimi-Serie. Meister der
Irreführung. Eine Psychiaterin wird erschossen. Ihre
zehnjährige Tochter, die
Misshandlungsspuren
aufweist, findet die Tote.
21.15 g Navy CIS: L.A.
Der Doppelgänger. Sam
wird wird wegen Mordes an
Leyla Walden verhaftet.
Doch Callen ist fest von
Sams Unschuld überzeugt.
22.15 g Scorpion Infiziert
23.15 g Criminal Minds
Der Fürst der Finsternis
0.10 g Navy CIS (Wh.)
1.10 g Navy CIS: L.A. (Wh.)
2.00 g Scorpion Infiziert (Wh.)
2.45 g Criminal Minds (Wh.)
ARTE
3SAT
VOX
RTL 2
12.30 ¥ g Philosophie 13.00 g
Square Idee 13.40 g 360° – Geo
Reportage 14.30 g Wildes Indochina 15.15 g Ägypten: Geburt
einer Großmacht Dokumentarfilm,
D/ISR/EG 2010 16.50 g Schwerpunkt: Die Bären sind los: Filmreihe
zur 65. Berlinale: Metropolis 17.35
g Eine unvollendete Liebe 18.30
g Joseph Calleja – Eine Hommage an Mario Lanza 19.15 ARTE
Journal 19.35 ¥ g Karambolage
19.45 g Zu Tisch ... 20.15 H g
Schwerpunkt: Die Bären sind los:
Filmreihe zur 65. Berlinale: Der große Crash – Margin Call Thriller,
USA 2011 21.55 g Juliette Gréco –
Die Unvergleichliche Dokumentarfilm, F 2011 23.10 g Durch die
Nacht mit ... Haftbefehl und Oliver
Polak 0.00 g ARTE Lounge
13.05 ¥ g Erlebnis Österreich
13.30 ¥ Universum Die Traun – Ein
Fluss wie ein Kristall 14.20 ¥ Universum. Fluss ohne Grenzen – Auenwildnis an der March 15.10 ¥ Universum Kamp – Ein Fluss für alle
Sinne 15.55 ¥ õ Universum Rose –
Königin der Blumen 16.40 Reiseziel.
Abenteuerurlaub in Neufundland
16.50 H g Sturmfahrt nach Alaska Abenteuerfilm, USA 1952 18.30 g
Schweizweit 19.00 ¥ g heute
19.10 NZZ Format 19.40 Schätze
der Welt – Erbe der Menschheit
Heimat der Feuergöttin Pele – Hawaii (USA) 20.00 ¥ g Tagesschau
20.15 H ® g Der weite Himmel
Abenteuerfilm, USA 1952 22.35 H g
El Perdido Western, USA 1961 0.20
H g Das Kabinett des Dr. Caligari
Horrorfilm, D 1920. Mit W. Krauss
5.20 Menschen, Tiere und Doktoren 6.15 g hundkatzemaus 7.25
g Die Pferdeprofis 8.30 g Vier
Hochzeiten und eine Traumreise
13.30 g Goodbye Deutschland!
Die Auswanderer 15.30 g Auf
und davon 16.30 g Schneller als
die Polizei erlaubt 17.00 g auto
mobil Alkoholtest via Laser 18.15 g
Biete Rostlaube, suche Traumauto 19.15 g Die Küchenchefs. Restaurant „Ami” in Chemnitz 20.15 g
Das perfekte Promi Dinner Show.
Mit Henning Krautmacher („Höhner”), Oliver Niesen („Cat Ballou”),
Frank Reudenbach („Klüngelköpp”),
Bastian Campmann („Kasalla”) 22.45
Prominent! 23.25 g Biete Rostlaube, suche Traumauto (Wh.)
0.30 g Goodbye Deutschland!
Die Auswanderer Reportagereihe
6.15 X-Factor: Das Unfassbare
7.00 g Der Trödeltrupp (Wh.)
9.00 Zuhause im Glück – Unser
Einzug in ein neues Leben 10.55
g Die Bauretter 13.00 g Die
Schnäppchenhäuser – Der Traum
vom Eigenheim 14.00 g Die
Schnäppchenhäuser – Der Traum
vom Eigenheim 15.00 g Der Trödeltrupp 17.00 g Der Trödeltrupp 18.00 g Grip – Das Motormagazin 19.00 g Grip – Das Motormagazin U.a.: Erstkontakt – Donkervoort D8 GTO / Reportage –
Pikes Peak Rennen USA 20.00 g
RTL II News 20.15 H g Honey Romantikkomödie, USA 2003. Mit Jessica Alba 22.05 H g Fighting Actionfilm, USA 2009 0.10 Das Nachrichtenjournal 0.40 H g Honey
Romantikkomödie, USA 2003 (Wh.)
NDR
MDR
11.30 ¥ Kesslers Expedition 13.00
¥ g Typisch! 13.30 ¥ NaturNah
14.00 ¥ g Mein schönes Land TV
15.30 g 7 Tage ... 16.00 Lieb und
teuer 16.30 DAS! Wunschmenü
mit Rainer Sass 17.00 Bingo! 18.00
¥ g Hanseblick 18.45 ¥ g DAS!
19.30 Ländermagazine 20.00 ¥ g
Tagesschau 20.15 ¥ g Landpartie. Sylt – Frieslands schönste Insel
im Frühling 21.45 g Sportschau –
Bundesliga am Sonntag 22.05 ¥
g Die NDR Quizshow 22.50 g
Sportclub 23.35 g Sportclub Reportage Ski-Wahnsinn in Lech 0.05
¥ Kommissar Beck – Die neuen
Fälle: Kuriere des Todes TV-Krimi,
S 1998 1.30 ¥ g Hanseblick (Wh.)
11.00 H ¥ g Katja, die ungekrönte Kaiserin Historienfilm, F 1959
12.30 g Brisant – die Woche
13.10 ¥ Die Stein Ende gut ... 14.00
¥ Riverboat 16.00 ¥ MDR aktuell
16.05 g Heute auf Tour 16.30 ¥
g Sagenhaft. Die Altmark 18.00 ¥
g MDR aktuell 18.05 ¥ g In aller
Freundschaft 18.52 Unser Sandmännchen 19.00 MDR Regional
19.30 ¥ g MDR aktuell 19.50 ¥ g
Kripo live 20.15 Ein Kessel Komik
21.45 ¥ g MDR aktuell 22.00 ¥ g
Sportschau – Bundesliga am
Sonntag 22.20 ¥ g Sprung ins
Leben Drama, D 2014 23.50 Die
Jagd nach dem Zarengold 0.50 ¥
g Wiedersehen macht Freude
TV-Tipp des Tages
ACTIONTHRILLER
The Last Stand
20.15 | RTL Der flüchtige Kartellboss Cortez macht mit
skrupellosen Söldnern Station im verschlafenen Ort
des Kleinstadtsheriffs Ray Owens (Arnold Schwarzenegger). Dieser will die Gangster ohne Hilfe von außen
aufhalten und schart einige mutige Bürger um sich.
N24 Nachrichten um 8, 9, 12, 15, 18,
19 und 20 Uhr
10.05 Deepwater Horizon – Explosion auf der Ölplattform
11.05 Hovercrafts – Schwebende Alleskönner
12.15 Die Wahrheit über
die Mondlandung
13.10 Die geheimen UFO-Akten –
Besuch aus dem All (1–2)
15.15 g Geniale Erfindungen
Das Auto
16.10 g Brücken am Limit
17.10 g Angst auf Schienen –
Die gefährlichsten Bahnstrecken der Welt
18.10 g Der Untergang
der Bismarck
19.10 Auf der Suche
nach Hitlers Leichnam
20.05 Die 9/11-Verschwörung? –
Was wirklich geschah
21.05 g John F. Kennedy –
Tatort Dallas
22.05 g Geheimakte Amerika
23.05 Gangs of America
0.00 g Apokalypse Hitler –
Der Aufstieg (1)
1.05 g Apokalypse Hitler –
Der Führer
16.10 In luftiger Höhe zu
arbeiten ist nicht leicht
PHOENIX
EUROSPORT
18.15 Mantua – Die ideale Stadt
der Renaissance 18.30 Mit dem
Luxuszug von Bangkok nach Laos
(Wh.) 20.00 ¥ Tagesschau 20.15
Im Bann der Arktis – Mit Klaus
Scherer von Grönland nach Alaska (1–2/2) 21.45 Kanadas Hudson
Bay 22.30 Bonanza in Alberta
23.15 Die Kinder von Aleppo
12.45 Biathlon: Weltcup Live 13.45
g Winter-Universiade: Live 15.00
Biathlon: Weltcup Live 15.45 g
Skispringen: Weltcup Live 17.30
g Ski alpin: WM Live 19.30 g
Fußball: Africa Cup of Nations
Live. Finale: Elfenbeinküste – Ghana
22.15 g Ski alpin: WM Live. Superkombination Herren, Slalom
BR
WDR
12.45 Polizeiinspektion 1 14.05 H ¥
Der Jäger von Fall Heimatfilm, D
1956 15.30 ¥ Welt der Tiere 16.00 ¥
weiß blau 16.45 ¥ Rundschau 17.00
¥ Schuhbecks 17.30 Alpen-DonauAdria 18.00 Aus Schwaben und Altbayern 18.45 ¥ Rundschau 19.00 ¥
Unter unserem Himmel 19.45 ¥ õ
Chiemgauer Volkstheater Lustspiel,
D 2014 21.15 ¥ Bergauf, bergab
21.45 Sportschau – Bundesliga am
Sonntag 22.05 Blickpunkt Sport
22.50 Blickpunkt Sport Regional
Aus Nürnberg 23.00 ¥ RundschauMagazin 23.15 H ¥ Don Mariano
weiß von nichts Mafiafilm, I/F 1968
1.00 Startrampe Auf Roadtrip mit
der Kölner Band AnnenMayKantereit
12.45 ¥ g Plötzlich Millionär Komödie, D 2008 14.15 ¥ g Wunderschön! 15.45 ¥ Cosmo-TV
16.15 ¥ g Mein Mann ist schwul
16.45 ¥ g Kennen Sie Ihren Liebhaber? Kriminalfilm, D 2012 18.15 ¥
Tiere suchen ein Zuhause 19.10 ¥
Aktuelle Stunde 19.30 ¥ Westpol
20.00 ¥ g Tagesschau 20.15 ¥
Blötschkopp und die Rampensäue
(1/3) Die große WDR-Karnevalsshow
21.45 ¥ g Sportschau – Bundesliga am Sonntag 22.15 ¥ Zimmer
frei! Gast: Wotan Wilke Möhring
(Schauspieler) 23.15 ¥ g Spätschicht 23.45 ¥ g Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs 0.15 g
Rockpalast. Eurosonic Festival 2015
» O N L I N E : A U S F Ü H R L I C H E P R O G R A M M Ü B E R S I C H T U N T E R W E L T. D E / T V - P R O G R A M M «
Heute um 22.05 Uhr
Was im Oval Office wirklich geschieht
„USA Top Secret: Die dunkle Seite des Weißen Hauses“
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