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Jäger im Visier der urbanen Gesellschaft

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THEMA
Weckruf an die Jäger: Jäger im
Visier der urbanen Gesellschaft
Die Entfremdung zwischen Jägern und urbaner Gesellschaft ist unübersehbar.
Der moderne Städter hat so seine Zweifel an der Jagd und besonders an den Jägern.
Die Haltung: „Die Natur regelt sich selbst“ nimmt immer mehr zu und wird zum
Warnruf an die Jagd.
Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
market Institut für Markt-, Meinungs- und Mediaforschung, Linz
A
uf der anderen Seite gelingt es den
Jägern immer weniger, ihr Tun
glaubwürdig zu erklären. Das
„Warum braucht es die Jagd?“ ist schwer
zu vermitteln. Einerseits herrscht besten­
falls blanke Ahnungslosigkeit beim Städ­
ter, wenn es um das Thema Jagd geht,
vielfach weicht jedoch das Wissens­
vakuum massiven Vorurteilen. Und zum
anderen hat der Absender Jäger ein gra­
vierendes Glaubwürdigkeitsproblem. Zu
viele Pannen sind in der Vergangenheit
Offenbar gelingt es den Jägern immer weniger, ihr Tun glaubwürdig zu erklären
passiert, und meistens war das Krisen­
management eher schlecht.
So mancher Weidmann sieht die heran­
ziehenden Gewitterwolken aber noch
nicht, denn der Veränderungsdruck bzw.
das Veränderungstempo in Sachen Ein­
stellung zur Jagd ist unterschiedlich. Dort,
wo es ländlich zugeht, ist das Tempo der
Veränderung deutlich niedriger. So sehen
„nur“ 69 % der steirischen Berufsjäger
Veränderungen bei der Jagd, dieser Wert
liegt bei den Berufsjägern im gesamten
Österreich höher (81 %) und unter deut­
schen Berufsjägern bereits signifikant
höher (94 %).
Woher weht der Wind?
Foto Michael Migos
Entscheidend ist, woher der Wind weht.
Und der kalte Wind, den die Jagd derzeit
spürt, kommt aus dem städtischen
Bereich. Dieser Städter oder der „urbane
Moderne“ wird auch immer mehr zum
Freizeitkonkurrenten des Jägers. Es ent­
steht ein Wettbewerb um die Natur sowie
um deren Nutzung in der Freizeit. Die
Natur ist dem Städter heilig. Die Werte­
forschung belegt, wie sehr es eine Renais­
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THEMA
sance der Natur gibt. Allerdings kennt
sich der urbane Moderne nicht mehr so
recht aus in der Natur. Sein romantisie­
render Blick in den Wald ist ein verklär­
ter. Er liebt die Natur, das Wissen über
die Zusammenhänge fehlt aber nahezu
völlig. An praktischer Erfahrung mangelt
es ebenfalls weitgehend. Naturschutz
gewinnt an Bedeutung und an Glaub­
würdigkeit sowie an Spendenvolumen.
Naturverbände sind auf dem Vormarsch,
und die Jagd befindet sich auf dem Rück­
zug. Der Jagd ist es nicht gelungen,
ihre Naturkompetenz zu vermitteln. Mit
anderen Worten: Wenn es um unsere
Natur geht, verlässt sich der urbane
Moderne nicht auf die Aussagen der Jagd,
sondern vertraut eher dem Naturschutz.
Noch etwas zeichnet den urbanen
Modernen aus: Er ist eine handwerk­liche
Niete oder, positiver formuliert, ein
„Theoretiker“. Dies drückt sich unter
anderem auch beim Kochen aus. Fertig­
produkte, Zwischendurch-Mahlzeiten und
eine „Veganisierung“ der Geistes­haltung
werden typisch. Mit Fleisch kann er
bestenfalls etwas in faschierter Form
für die Pasta anfangen, eine Nuss oder
ein Karree löst ein gerüttelt Maß an
Un­sicherheit aus. Nein zu rohem Fleisch
und besonders Nein zu Wildfleisch.
Damit ist der Weg zur Haltung „Die
Natur regelt sich selbst“ geebnet. Und
die Jagd beschäftigt sich mit sich selbst,
macht rote und grüne Punkte auf Tro­
phäen und beschwert sich über neue
Herausforderungen der Jagd
Während „nur“ 69 % der steirischen
Berufsjäger Veränderungen bei der Jagd
erkennen, liegt der Prozentsatz bei den
gesamtösterreichischen Berufsjägern
bei 81 %, bei den deutschen Berufsjägern
sogar bei 94 %
Beutegreifer, wie Luchs, Wolf und Bär.
Häufig wird die Tradition beschwört.
Doch auch die Nachtwächter hatten als
Berufsstand vor über hundert Jahren
noch Tradition, inzwischen existieren sie
nicht mehr. Denn Tradition schützt vor
Veränderung nicht. Und den Jägern soll
es nicht wie den Nachtwächtern ergehen.
Und das Hoffen auf Verbündete, wie die
Politik, wird ebenfalls nichts bringen.
Denn die „hohe“ Politik wird sich
mit den Jägern nicht „anpatzen“ und
scheibchenweise die Demontage der Jagd
im Sinne des gesellschaftlichen Main­
streams betreiben. Was dabei für die Jagd
herauskommt, lässt sich trefflich in
den Niederlanden (weitgehende Jagd­
einschränkungen) studieren.
Leo Tuor ist Jäger und rätoromanischer
Romanautor in Graubünden. In seiner
Jagd-Erzählung „Cavrein“ schreibt er
über den Wandel: Der Steinbock: Es gab
Jahrhunderte, in denen er böse war und
die Menschen in die Abgründe hinunter­
stieß, und wer einen Steinbock tötete, war
ein großer Held. Wer heute einen Stein­
bock nicht am richtigen Ort, zur richtigen
Zeit und im richtigen Alter tötet, ist ein
großer Schuft.
Der Wandel macht auch vor den Jägern
selbst nicht halt. Die Aussagen der öster­
reichischen Berufsjäger über die Jagd
zeigen ein zunehmendes Spannungsfeld
auf.
Der Lebensraum für Wildtiere wird
eingeschränkter. Die Herausforderungen
der Jagd nehmen zu, und gleichzeitig lässt
die Professionalität der „modernen“ Jäger
nach. Für die Jagd ist der Megatrend des
„Verlusts an handwerklichen Fertigkei­
ten“ wohl die stärkste Zukunftsheraus­
forderung neben der Verbesserung der
Dialogfähigkeit mit der Öffentlichkeit.
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Grafiken market Institut (Basis: Berufsjäger in Österreich)
Der natürliche Lebensraum der Wildtiere in Österreich wird immer kleiner und eingeschränkter
Profijäger und Berufsjäger werden immer wichtiger, um einen erfolgreichen Jagdbetrieb aufrechtzuerhalten
Durch unprofessionelle Jagdmethoden wird das Wild zu sehr beunruhigt
Die Gesellschaft geht immer kritischer mit den Jägern um
Die Schalenwildbestände, insbesondere bei Rot- und Schwarzwild, lassen sich zunehmend schwieriger regulieren
Die meisten Jäger verlieren immer mehr ihr jagdhandwerkliches Wissen
Die technische Ausstattung der Jäger wird immer besser, ihre jagdliche Leistung aber eher schwächer
Die Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege der Jäger ist zu wenig professionell
Die Medien gehen mit den Jägern nicht fair um, vielfach belustigt man sich über Jäger
Viele Jäger machen keine ehrlichen Angaben über ihre tatsächliche Abschusserfüllung
Die Jagdgesetzgebung wird immer restriktiver für die Jäger
Das Waffenrecht wird für Jäger immer restriktiver
Die Jäger fallen in der Öffentlichkeit durch negatives Verhalten auf
Den Jägern geht es noch immer viel zu sehr um kapitale Trophäen
Die Dachverbände der Jagd haben noch zu wenig auf die neuen Anforderungen an die Jagd hingewiesen, sie agieren zu traditionell
Den Jägern fehlt es vermehrt an ausreichend Freizeit für die Jagd
Die Jäger schaffen es immer weniger, die Wildbestände auf ein verträgliches Niveau zu regulieren
Es wird zu wenig Wissenschaft und Forschung im Zusammenhang mit der Jagd betrieben
Die Jäger pflegen das Miteinander mit anderen Naturnutzern zu wenig
Die Qualität der Jäger ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden
Die Jäger pflegen zu wenig Kontakt mit den Grundeigentümern bzw. deren Vertretern
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