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BAUMVATER
von Bernd Bredendiek
Vorwort
'Baumvater' war ursprünglich eine Traumgeschichte, die von mir in der MilleniumNacht (99 auf 2000) geträumt wurde. Die Geschichte um den 17jährigen Mateo war
von Anfang bis Ende, mit Höhepunkten und Dramaturgie, komplett fertig geträumt
und wurde sofort nach dem Erwachen in Stichpunkten aufgeschrieben.
Ursprünglich sah' ich mich damals der Dichtkunst verschrieben, doch reizte mich der
Gedanke sehr, über einen längeren Zeitraum an einem größeren Werk zu arbeiten.
'Baumvater' war die richtige Herausforderung und so begann ich nach und nach mit
dem Verfassen meines ersten Romans. Die Umsetzung des Themas nahm Fahrt auf
und zwischen 2005 und 2010 entstanden drei Viertel des Umfangs. Erst 2012 konnte
ich das erste Skript fertigstellen und versuchte gleich einen Verlag zu finden, da mir
mein Stammverlag eine Drucklegung aus Kompatibilitätsgründen verneinte... So
legte ich 'Baumvater' fürs erste auf Eis – bis zu dem Tag, an dem ich mich dazu
entschied, all' meine lyrischen Arbeiten, sowie tagesaktuelle Kolumnen auf meiner
eigenen Page zu veröffentlichen. Da der Umgang mit meinem eigenen Schriftgut mir
so viel Freude macht und mich so reich beschenkt, bin ich zu der Überzeugung
gelangt, auch 'Baumvater' einen Platz auf meinen Seiten zu reservieren.
Mein Roman ist ein Öko-Thriller, der in erster Linie 'zeitlos' angelegt ist. Die
Botschaft ist leicht zu verstehen: Als 'Zugezogener' oder 'Migrant' bist du in
Mitteleuropa häufig ein Außenseiter. Mateo, der Held der Geschichte erkannte dies
schnell und suchte Zuflucht in den Donauauen, in der Natur, bei einem Baum, der
sein Vater zu sein schien..., den er sich nach Scheidung seiner Eltern, als Kind nur zu
gern zurückgewünscht hätte. Ob Fiktion oder Realität, Baumvater wurde Mateos
Mentor – und es erwuchs eine nahezu leidenschaftliche Verbindung. Als dann noch
Siobhan, eine irische rothaarige Reisebekanntschaft, und die erste große Liebe des
jungen Mannes ins Spiel kommt, bekommt die Geschichte den richtigen Schuss
Dramatik.
Die Verwicklungen von Berufsfindung, Liebe, Spätpubertät und
Gesellschaftsanfeindung führen zu einer Eskalation, die niemand vorausahnen
konnte...
'Baumvater' ist als einen Hommage an die einzigartige Natur entlang der Donau zu
verstehen; und ein Versuch, uns Menschen und vor allem der Jugend begreiflich zu
machen, dass es diese greifbaren Kostbarkeiten in der virtuellen Welt nicht gibt. Es
lohnt sich für unsere Natur zu kämpfen. Und manchmal muss man sich für seine
Ideale nicht nur einsetzen, sondern Krieg führen...
Viele gute Gedanken...
„Herr, ich danke dir für deine Kraft.“
BAUMVATER
INHALT
Einleitung
Kapitel 1:
Unsanfte Begegnung
Kapitel 2:
Baumvater und Sohn
Kapitel 3:
Weg ohne Wiederkehr / Die bittere Wahrheit
Kapitel 4:
Die Schule des Waldes
Kapitel 5:
Mateo und Siobhan
Kapitel 6:
Die Zeichen auf Krieg
Kapitel 7:
Die erste Konfrontation – Es gibt kein Zurück...
Kapitel 8:
Auf der Flucht – Das große Wagnis
Kapitel 9:
Zeit der Ruhe – Zeit der Zweisamkeit
Kapitel 10: Die Eskalation – Böses Erwachen
Kapitel 11: Wenn die Hoffnung stirbt
Kapitel 12: Die Verbündeten
Kapitel 13: Alles auf eine Karte
Kapitel 14: Die große Überfahrt
BAUMVATER
von Bernd Bredendiek
‚Majestätisch umrahmen mächtige Baumriesen, umgeben von wildem Gestrüpp und vielerlei
Buschwerk, den Lauf des großen Stroms. Die Lianen der gemäßigten Breiten verbinden sich im
Auenwald mit dem scheinbar immergrünen Laub des Bodens. Der Kampf ums Licht ist die tägliche,
ja sekündliche Momentaufnahme allen Lebens in diesem nahezu unzugänglichen Dschungelareal
Mitteleuropas. Ein Paradies will man auf den ersten Blick meinen… Doch der Schein trügt. An den
Grenzen der Idylle frisst sich das Ungetüm namens Zivilisation immer tiefer hinein in die Pfründe
der einstigen, natürlichen Vollkommenheit. Industrieanlagen, Entwässerungskonzepte,
Waldwirtschaft, Flussbegradigungen und dergleichen mehr kultivieren die grüne Lunge hin zu einer
für den Menschen mess- und bewertbaren Konstruktion. Mitten hinein in diesen
Entwicklungszyklus zog vor fünfzehn Jahren eine Familie aus dem Süden Europas. Mateo, der
einzige Spross der kleinen Familie, ist heute siebzehn Jahre alt und hat schon vor Jahren den Wald
als sein Refugium auserkoren. Von den einheimischen Kindern gehänselt und der sprachlichen
Defizite wegen häufig aufgezogen, fand Mateo in den Baumriesen geduldige und verlässliche
Zuhörer und Wegbegleiter. Er war so ein lebendiger Teil dieser Auen geworden, ohne sich dessen je
vordergründig bewusst geworden zu sein. Er ist der Held unserer Geschichte – lassen wir ihn die
Dinge, die sich ereigneten, aus seiner Sicht schildern.‘
Kapitel 1: Unsanfte Begegnung
Es war mir in den letzten Wochen schon fast zur Gewohnheit geworden, so oft wie ich konnte in
den Wald zu gehen. Dieser Wald am Rande der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, prägte meine
Kindheit nachhaltig. Ich hatte dort viele ‘Geheimplätze’. Doch die Unbeschwertheit dieser Tage ist
mir nur noch schemenhaft in Erinnerung, viel hatte sich verändert. Mir war so, als ob mich die
Schule und die anstehende Frage der Berufswahl sehr weit von der Unbefangenheit und dem JetztEmpfinden von einst weggedrängt hatten. Längst war ich damit beschäftigt, meine Zeit regelrecht
zu verschenken und zu verkaufen, wie es heutzutage fast ein jeder tut, den ich kenne. Dabei ging es
mir eigentlich nie richtig gut. Aber hier in ‘meinem Wald’, an meinem Lieblingsplatz, bei meinem
Lieblingsbaum, da konnte ich so richtig abschalten, ausspannen und mich ausruhen. Hier waren alle
meine Freunde; die wilden einheimischen Tierarten, die prachtvolle Pflanzenwelt des Waldes, der
moosige Waldboden mit seinen Farnen, Blaubeersträuchern, Jungbäumen, Gestrüpp und Altholz.
Er ist so richtig dick und kräftig, mein Lieblingsbaum, eine Eiche mit weit über 300 Jahren.
Geschickt kletterte ich zu meinem Lieblingsplatz; auf einen dieser langen, starken, weit
ausladenden Arme meines Giganten. Was könnte diese alte Eiche wohl alles erzählen? dachte ich
bei mir...
Ich lag in meiner Astgabel, den Sommerwind um die Nase und blickte in die Laubkrone. Es war ein
Hochgenuss. Alle Alltagssorgen wie weggeblasen; die Vögel gaben mir ein Gratiskonzert und
spielten meine Lieblingsmelodie... Glücklich und zufrieden schlief ich ein. Keiner meckerte mehr,
niemand machte Vorschriften, kein Verkehr, kein Gehetze in der Firma... - alles ganz ruhig. Aber
trotz aller Ruhe wurde ich einfach nicht diese zehrenden Gedanken an mein augenblicklich so
verwirrtes Leben los. Getrieben und geplagt wälzte ich mich in meiner Astgabel hin und her und her
und hin und noch mal von vorne...
Plötzlich, mit einem Male, begann der linke Ast auf dem ich lag, sich zu bewegen. Ich merkte mit
Entsetzen, dass sich ein Ast von dem anderen wegbewegte. Und ich lag mittendrin. Gerade noch,
bevor ich heruntergefallen wäre, sprang ich geistesgegenwärtig zu einem Ast tiefer. Jetzt hing ich
da, konnte nicht hoch, konnte nicht runter. Was war denn los mit diesem Baum? Was war das für ein
Spuk mit diesen Ästen? Jetzt fing es an dem Ast, an dem ich hing, zu vibrieren an...
“Herr erbarme dich, beschütze mich in dieser Stunde, ..Vater unser...” es half alles nichts, der Ast
schüttelte sich immer heftiger und ich kam mir vor wie ein Stück Obst, das gleich zu Fallobst
werden würde... “Hilfe, Hilfe” rief ich verzweifelt, während ich zappelte wie ein Fisch, der
unbedingt am Haken hängenbleiben wollte... Doch meine Kräfte schwanden zunehmend; ich konnte
mich kaum noch halten. Mein Leben raste in Sekundenbruchteilen an mir vorbei; noch ein letzter
Gruß; und ich ließ los. Mir wurde schwindelig vor Anstrengung, alles drehte sich, ich wirbelte
durch die Luft in Richtung Baumkrone. Mit einem kräftigen ‘Rums’ knallte mein Kopf an einen
Ast; mit dem Hinterteil voraus flog ich durch ein Dornendickicht in Richtung Moosboden. Zum
Glück fiel ich durch einen Schlehenbusch hindurch, der meinen Fall mit seinen Dornen unsanft
bremste, mitten auf eine saftige Moosfläche. Überall hatte ich Schrammen, Hautrisse und blaue
Flecken. Da hallte auf einmal ein schallendes, unheimliches Gelächter auf mich herab. “Hahaha”
und “Hohoho” röhrte ein unheimlicher tiefer Bass durch den Wald, so dass ich mir die Ohren
zuhalten musste. Wer konnte sich denn da so diebisch darüber freuen, dass mir so übel mitgespielt
wurde...?
“Was ist denn hier los? Wer lacht denn da so unverschämt? - Der sollte sich was schämen...” machte
ich mich lautstark und empört bemerkbar. Das Lachen verstummte. Es war wieder völlig ruhig im
Wald; einfach gespenstisch. Ich saß mit meinem Hosenboden auf dem Moosteppich und konnte mir
das alles nicht erklären. Jetzt hatte schon mein Lieblingsbaum etwas gegen mich; welch’ ein
furchtbarer Tag. Plötzlich fing der Boden an sich zu bewegen. Schnell nahm das Beben an Stärke
zu. Noch bevor ich mich aufrichten konnte, warf es mich auf die Seite. Auf einmal windete sich
eine Wurzel des Baumes aus der Erde, packte mich und katapultierte mich ein paar Meter vom
Baum weg.
Da lag ich nun; mit neuen Blessuren. Wenn ich Glück hätte, dann war ich jetzt außer Reichweite des
Baumes. Noch ganz benommen von den Ereignissen versuchte ich mir klar zu machen was
eigentlich geschehen war. Doch alles Grübeln brachte mir nichts; ich war völlig ratlos. Im Wald
hingegen war es wieder ganz still. Kaum ein Vogel zwitscherte. Es herrschte eine geheimnisvolle
Spannung über allem. Ich zog es vor wieder nach Hause zu gehen. Schließlich wartete am Montag
wieder die Berufsschule mit einer wichtigen Prüfung auf mich, für die ich am Wochenende noch
lernen musste. Meine Eltern hatten im letzten Jahr für mich eine Stelle als Auszubildender in der
EDV-Abteilung eines Chemieunternehmens gefunden, nicht weit von hier, direkt am Waldrand.
Kaum zu Hause angekommen gab es natürlich ein großes Gezeter von meiner Mutter. “Ja Junge,
was hast du denn da angestellt? Es ist doch gar nicht deine Art, dich mit anderen Jungs zu prügeln.”
Ich machte ihr klar, dass das zu einem jungen Mann einfach dazugehörte und dass man sich
schließlich wehren müsse. Außerdem wären die Blessuren nicht weiter schlimm und die
Schrammen verheilten bestimmt wieder bis zum Montag; zum Glück war es erst Freitag Abend und
das Wochenende stand mir ja noch bevor... Ich ging ins Bad, wusch mir das verkrustete Blut von
den Schrammen, kühlte meine Beulen und ging in mein Zimmer. Was sollte ich tun? Wie sollte ich
mit den jüngsten Ereignissen im Wald umgehen? Mit meinen Freunden konnte ich über das Erlebte
nicht sprechen, zu sehr war ich in unserer Kleinstadt als Träumer verschrien. Da fiel mir meine
Freundin ‘Siobhan’ aus Irland ein, die ich vor einem Jahr bei unserer Schulabschlussfahrt in Dublin
kennengelernt hatte. Ein Foto von ihr hing an der Mansardendecke über meinem Bett mitten in
einem kleinen Teppich von Postkarten... Sie schrieb mir erst vor kurzem und gab mir ihre e-mailAdresse. Also startete ich meinen Rechner und versuchte Kontakt mit ihr aufzunehmen - es
funktionierte. Da gab es nur ein Problem. Wie erklärte ich das Ganze in Englisch? In Irland war das
einfacher; da konnte Siobhan meine Arme und Hände zu dem gebrochenen Englisch deuten. Aber
sie war die einzige, die mir vielleicht glauben würde. Siobhan war eine echte Irin: rote Haare,
kräftige Statur und ein sonniges, wunderbares Gemüt. Sie zeigte mir ‘ihr Dublin’ und es war
wunderschön mit ihr zusammen zu sein. Irgendwie kam sie mir immer vor wie eine
Zauberschülerin, sie hatte auch eine kleine leberfleckähnliche Erhebung auf der Nase, die ihr
hübsches Gesicht aber keinesfalls entstellte. Jetzt hatte ich sie wieder direkt vor meinen Augen.
Unvergessen war mir noch der Abschiedskuss in Dun Laoghaire, dem Hafen von Dublin. Kurz
bevor ich an Bord der Fähre stieg, umarmte sie mich zum Abschied und wir gaben uns einen Kuss,
den ich mein ganzes Leben nicht vergessen würde. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ein
Mädchen mich so küsste und ich wurde beinahe ohnmächtig - danach ging es sofort zurück in
Richtung Kontinent, wie die Inselbewohner zu sagen pflegen. Wir fuhren ab; ich mit Tränen in den
Augen und sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Also machte ich mich ans Werk Siobhan von
meiner abenteuerlichen Begegnung mit dem Baum zu berichten. Ganze zwei Stunden brauchte ich
für eine einigermaßen verständliche Version. Von meiner Englisch-Lehrerin hätte ich wohl eine sehr
kritische Note dafür bekommen, dachte ich mir, doch Siobhan würde es verstehen... An diesem
Abend ließ ich das Abendessen ausfallen, legte mich ins Bett und bekam gar nicht mehr mit, dass
mein Stiefvater noch mit mir sprechen wollte. Meine Mutter Sofia hatte sich vor fünf Jahren von
meinem leiblichen Vater Stefano scheiden lassen. Für mich war das eine schwere Zeit. Ich vermisste
ihn sehr. Er hatte sich hier an diesem neuen Ort nie wirklich wohlgefühlt. Bis eines Tages Manfred
in unser Leben trat. Ein untersetzter schnauzbärtiger Typ, der sich nur allzu gerne anmaßte, mich
noch erziehen zu wollen. Viele nicht enden wollende Diskussionen und in der jüngsten
Vergangenheit vermehrt Streitigkeiten waren die Folge…
Am nächsten Morgen kam ich vor Schmerzen und Muskelkater kaum aus dem Bett. Ich dachte, die
gestrigen Geschehnisse wären alle bloß ein böser Traum gewesen. Frühstücken musste ich alleine.
Meine Eltern waren schon sehr zeitig zur Arbeit gegangen, ‘am Samstag’!? So ging das schon seit
Jahren. Es war für die beiden sehr wichtig, dass man sich alles leisten konnte; und dafür ‚durfte‘
man schließlich hart arbeiten. Ich nahm mir Tee und Toast mit auf mein Zimmer, gab wie jeden
Morgen ‘Esmeralda’, meiner Schildkröte ein paar Salatblätter und schaltete meinen Rechner ein.
Und siehe da: Siobhan hatte mir eine Nachricht geschickt. Mit der Übersetzung benötigte ich
wieder etwas Zeit, aber dann hatte ich es raus:
“Mein lieber guter Freund,” stand da geschrieben und weiter “es ist sehr schön von dir zu hören.
Dein Erlebnis mit diesem Baum hört sich sehr abenteuerlich an. Ich weiß, dass du ein Mensch mit
großen Gefühlen bist, genau wie ich. Deshalb haben wir uns in Dublin bei deinem Aufenthalt so gut
verstanden. Auch dieser Baum hat das gespürt. Deswegen hat er gerade dich ausgewählt.
Ich hoffe, er hat dir nicht zu sehr wehgetan. Du weißt ja, bei uns in Irland gibt es kaum noch
Bäume, der Mensch hat sie besiegt und damit auch sich selbst. Wir Iren versuchen seither, das, was
uns geblieben ist, zu achten und zu behüten. Deshalb sprecht ihr Europäer von der ‘grünen Insel’.
Aber wieder gut zu machen ist der Frevel an den ‘alten Weisen’ wohl nie. Geh’ hin zu deinem
Baum, nehme dir Zeit, denn es wird etwas geschehen - ich spüre es.
Gerne höre ich wieder von dir...
Deine Siobhan”
‘Geh hin zu deinem Baum!’; das war Siobhans Botschaft. Aber die Angst überkam mich. Bis jetzt
sind mir alle schwierigen Entscheidungen im Leben abgenommen worden. Wehe, wenn ich
aufbegehrte... Das wurde in unserer Kleinstadt nicht gerne gesehen. Und vor allem war ich alleine,
alleine mit dieser Geschichte. Und Siobhan war so weit weg.
Draußen triumphierte der Spätsommer und alles war voller Leben. Meine Jugendfreunde würden
sich bestimmt bald bei mir melden, um den anstehenden Samstagabend zu planen; darauf hatte ich
überhaupt keine Lust. Meine Gedanken kreisten immer noch um die Ereignisse des gestrigen Tages.
Mein Puls begann zu rasen und ich fing an zu schwitzen, wenn ich nur einen Gedanken daran
verschwendete... Dazu noch die Erinnerungen an Siobhan. Es war so als hörte ich ihre Stimme
immer wieder sagen: “Geh hin zu deinem Baum. Geh hin zu deinem Baum.” Aber so weit weg war
diese Stimme gar nicht; diese Stimme war in mir - sie kam aus meinem Herzen. Es war mein
Bedürfnis, diesem Phänomen, diesem Geheimnis selbst auf die Spur zu kommen. Siobhan hat es
verstanden, diese Neugier aus meinem Unterbewusstsein heraus zu kramen. Ich dachte bei mir, dass
es nur eine Möglichkeit gäbe mehr herauszufinden. Doch diesmal wollte ich mich besser
vorbereiten. Ich polsterte mich besser ab und packte etwas Proviant ein. Ich nahm mir vor, den
ganzen Tag mit ‘meinem Baum’ zu verbringen. Mir würde schon nichts passieren. Noch nie hatte
mir die Natur geschadet oder etwas angetan - genauso war es umgekehrt. Ich liebte die Natur über
alles... Es musste eine plausible Erklärung für das alles geben. Ich würde es herausfinden...
Für die Berufsschule und eine anstehende Schulaufgabe in Datentechnik musste ich noch lernen, so
nahm ich mir meine Schulbücher mit, denn im Wald hatte ich genügend Ruhe zum Lernen. Ich
packte alle Sachen auf mein Fahrrad, stopfte die Satteltaschen voll und machte mich auf den Weg.
Wie so oft fuhr ich durch das Stadtzentrum, vorbei an den vielen Neubau- und Industriesiedlungen,
die hier in den letzten Jahren entstanden waren. Ich erinnerte mich an meine Kindheit. Damals
thronte hier noch der Wald, standen hier noch Bäume. Mein leiblicher Vater, den ich seit vier Jahren
nicht mehr gesehen hatte, spazierte oft mit mir durch die Auen der Landschaft, zeigte und erklärte
mir die heimische Tierwelt, erklärte mir den Zyklus der Natur; schon lange hatte ich darüber nicht
mehr nachgedacht. Er war ein guter Mensch, mein Vater. Aber er war scheinbar zu schwach für
diese Welt. Die Zwänge der materiellen Gesellschaft raubten ihm seine Illusionen von Freiheit und
Selbstbestimmung und so verfiel er zunehmend dem Alkohol. Meine Mutter hatte mir immer
verboten und empfand es als Verrat, wenn ich versuchte mit ihm den Kontakt aufrechtzuerhalten.
Sie ließ ihn einfach sterben und ich hatte mich zu fügen, obwohl ich das gar nicht wollte. Oft stellte
sie mich vor meinem Stiefvater und dessen Verwandtschaft bloß. Jetzt wusste ich, dass dies nur aus
purer gekränkter Eitelkeit geschah und dass ihr die eigene Unfähigkeit, sich dieser Situation zu
stellen, dazu trieb, mich in dieser Herzensangelegenheit zu diktieren und den Kontakt zu meinem
Vater zu unterminieren. Eines Tages kam dann der Neue...! Und mit ihm kamen neue Ansichten und
Tausende von Vorschriften. Immer mehr wurde mir in den letzten Jahren bewusst, dass ich kein
Interesse hatte, in die Fußstapfen meines Stiefvaters zu treten, er war nicht meinen Blutes, er war
nicht mein Vater, so sehr er sich vielleicht auch anstrengte... Aber so lange ich die Füße unter
‘seinem’ Tisch hatte, musste ich mich fügen - eine Konfrontation war also auf Dauer unvermeidlich.
Endlich war ich am Waldrand angekommen. Es war ein wunderschöner Sommertag und der Wald
frohlockte mit dem Duft, den ich so liebte. Ich wählte meinen Lieblingspfad und fuhr mit meinem
Fahrrad in Richtung alte Eiche. Den Rest des Weges kurvte ich durch unwegsames Gelände; mit
meinem Fahrrad kam ich da nicht durch. Ich packte die Sachen in meinem Rucksack. Ich sah wohl
aus wie ein voll bepackter Muli in den Anden Südamerikas. Je näher ich der ominösen Stelle kam,
desto nervöser und aufgeregter wurde ich. Schließlich war es kaum noch zu ertragen und ich setzte
mich auf den Waldboden. Obwohl ich nicht besonders gottesfürchtig erzogen war fing ich an zu
beten. Es waren zwar nur noch ungefähr zweihundert Meter bis zu der alten Eiche, doch irgendwie
konnte ich mich nicht überwinden weiterzugehen. Nach einer kurzen Weile fiel mir ein
Eichhörnchen auf, dass einen Steinwurf von mir entfernt damit beschäftigt war, Eicheln und
Bucheckern zu vergraben. Als ob es mich nicht bemerkte kam es immer näher und näher. Ich
verhielt mich so ruhig wie nur möglich, um sein geschäftiges Treiben nicht zu stören. Der Kern des
Waldes hatte sich seit meiner Kindheit kaum verändert. Es war ein echter Mischwald mit all’ der
vielfältigen Pflanzenpracht, die einen ‘gesunden’ Wald ausmachte. Kein Kultur- oder Nutzwald, wie
er mittlerweile schon allerorten anzutreffen war. Er regenerierte sich nahezu selbst und diente der
Bevölkerung zum Teil als Freizeit-Biotop. In den letzten Jahren wurde er von allen Seiten, ob durch
Landwirtschaft oder Siedlungsbau, immer weiter eingegrenzt und isoliert. Ich stellte mir vor, wie
achtlos und selbstversessen die Menschen seine Natürlichkeit begrenzten und Pflanzen und Tiere
wie in einem Reservat einpferchten, so wie wir alles beschneiden und vernichten, was sich unserem
menschlichen Fortschritt in den Weg stellt. Dabei fiel mir auf, dass auch ich einer dieser Menschen
war, gerade jetzt, wo ich mein Berufsleben in einem Chemiekonzern gestalten sollte. Es war nicht
mein Wille, aber ich tat auch nichts dagegen. Nichts zu tun und nichts zu unternehmen war eine
besondere Schuld. Eine Schuld, die wir von Generation zu Generation bis zur Perfektion getrieben
haben; die Perfektion der Verdrängung. Und ich war eines der Puzzlesteine dieses Dilemmas,
obwohl ich das nicht wollte. Und wieder überschlugen sich meine Gedanken... Ich saß auf einem
kleinen Felsvorsprung und lehnte mich mit dem Rücken an eine kleine Buche. Von meinen
Gedanken schier überwältigt, schloss ich die Augen und versuchte mich auf den Grund des
Ausfluges zu konzentrieren. Ich konnte nicht sagen wie lange ich schlief, doch urplötzlich erschrak
ich. Auf meinem Schoß saß auf einmal das Eichhörnchen, das ich eben noch beobachtete. Von
meinem Schreck erschrocken, türmte der kleine Freund sofort ins Dickicht. Ja so etwas war mir
noch nie passiert. Sofort dachte ich an Tollwut oder sonst irgendeinen suggerierten Blödsinn, bis
mir auffiel, dass der rotbraune Nager mir einige Eicheln in den Schoß gelegt hatte. Das war nun
aber äußerst ungewöhnlich. Mein Lieblingsbaum war ebenfalls eine Eiche - ein Zufall? Ich
beschloss, die letzten Meter zu der Stelle zu gehen, an der ich gestern ‘verprügelt’ wurde. Sorgfältig
verstaute ich meinen Krempel, steckte die Eicheln in meine Hosentasche und machte mich auf den
Weg. Begleitet von ein paar neugierigen Eichelhähern, den Warnmeldeposten des Waldes, stand ich
endlich an der Lichtung; meine Ungeduld, begleitet von einem hochexplosivem adrenalintreibenden
Angst- und Neugiergefühls, muss wohl der gesamten Fauna und Flora des Waldes aufgefallen sein;
ich fühlte mich beobachtet von einer Million Augenpaaren, die darauf warteten, dass ich abermals
Prügel bekäme, oder dass ich stolperte oder was auch immer... Und da stand er dann endlich vor
mir, der Gigant des Waldes, der stolze Riese; mitten, ja direkt überwachend und überblickend, alt
und weise geworden, auf seiner Lichtung. War er das für mich überhaupt noch, nachdem, was mir
gestern auf ihm und an seinem Fuße wiederfuhr. Natürlich war er das noch, was er immer schon für
mich darstellte - eine Art große Persönlichkeit. In keinem Maße geschmälert durch die jüngsten
Ereignisse. Nachtragend war ich noch nie gewesen; und neugierig immer schon... Vorsichtigen
Fußes stand ich im Grenzbereich seiner Wurzeln, wohlwissend was diese mir gestern anzutun
versuchten. Wie auf rohen Eiern laufend, vergleichbar mit einem Trip durch unwegsames Gelände
oder dem ersten Versuch als Hochseilartist, näherte ich mich Schritt für Schritt dem alten Riesen,
bis ich an dem mächtigen Stamm ankam. Vor lauter Erregung musste ich sehr schnell atmen. Ich
fasste behutsam an die Rinde meines Freundes. Einer Intuition folgend streichelte ich die
natürlichen Falten der Eiche. Gleichzeitig mit den Gedanken beim Schöpfer und den Händen an
seiner Schöpfung versuchte ich, mich auf das Schöne zu konzentrieren. Und diese alte Eiche war
schön, schöner als alles, was ich bis dato auf der Welt, in meiner Welt erblicken konnte. Ich sank
nieder auf die Knie und bat den Baum inständigst darum, mich zu verschonen. Viel mehr noch;
mich aufzunehmen und an der Schönheit der Natur teilhaben zu lassen. Gerade ich, der doch der
Natur nichts zu leide tun konnte - so dachte ich... Da kam unvermittelt ein starker Wind auf. Wolken
zogen auf und es wurde dunkel im Wald, sehr dunkel. Mir wurde unheimlich zumute. Ich richtete
mich auf und meine Gedanken, von Angst erfüllt, dachten an Flucht. Aber ich war wie erstarrt;
erstarrt vor Angst. Meine Knochen waren aus Blei, mein Kopf eine Eisenkugel auf dünnstem
Papier, das jeden Augenblick zerreißen kann. Nur ein Wunder könnte mich vor meinem Untergang
bewahren.
‚Mateo war ein Kämpfer. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihn ein Sturm im Wald oder im
Freien überrascht hätte. Oft ereignen sich die Unwetter hier nach dem gleichen Schema. Erst
herrscht totale Windstille gepaart mit einer befremdlichen Lautlosigkeit. Man hört keinen Vogel
mehr zwitschern – in den Bäumen wird es gespenstisch ruhig. Auf den Feldern zirpt nicht einmal
ein Heuhüpfer… Kurzzeitig kommt der gesamte geschäftige Verkehr des Fressen-und-Gefressenwerdens zum Erliegen. Der Zustand des Nichts dauert nur ein paar Augenblicke – Augenblicke der
totalen Spannung.
Bis sich die schwarze Front, tiefdunkel gefärbte kilometerhohe Kumuluswolken, begleitet von
einem immer heftiger werdenden, ja stürmischen Wind, in Sekunden nähert. Ein gewaltiger Blitz
und der darauffolgende Donnerschlag erfüllen und vollenden das Gesamtwerk – wie schön und
aufregend kann so ein Sturm doch sein. Er zeigt dem Betrachter, dem Erlebenden, die Gewalt der
Allmacht, zeigt uns die Winzigkeit unseres Menschseins an sich… Und doch ist es so, dass wenn du
einmal diesen Gewalten ausgeliefert warst, du an ihnen wächst, als hättest du den Mount Everest
bestiegen.
Begreife deine Winzigkeit und du siehst alle deine Möglichkeiten!‘
Kapitel 2: Baumvater und Sohn
Just in dem Augenblick, in dem ich meinen ganzen Mut zusammennahm und aus meiner Lethargie
ausbrach, wie wild meine Sachen packte und meine Beine in die Hand nehmen wollte, fuhr die
Eiche einen seiner langen jungen und geschmeidigen Arme aus und packte mich wie ein Riese
einen Zwerg in die Hand nimmt. Aber der Baum tat es behutsamer als gestern. Ich hatte nicht den
Eindruck, dass die alte Eiche noch einmal so unwirsch mir mir umgehen würde. In
Sekundenschnelle wurde ich von Ast zu Ast befördert bis ich schließlich in der Baumkrone landete.
Da saß ich nun, ängstlich und verdutzt dreinblickend, fünfundzwanzig Meter über dem Erdboden...
- Und es passierte nichts; rein gar nichts. Nach einigen Minuten ließ der Wind nach, die Sonne kam
wieder heraus. Ich hatte genügend Zeit, mich von dem Schrecken zu erholen. Meine Gedankenwelt
war ausschließlich auf die jetzige Situation ausgerichtet und langsam begann ich den Baum genauer
zu betrachten. Das Farbenspiel der Blätter, inspiriert von den Launen und dem Zusammenspiel von
Wind und Sonne, das rege Leben zwischen dem Grün, die vielen Nester und die unzähligen
Insekten, ergaben eine faszinierende Gesamtkomposition. So hoch droben war ich noch nie auf
einem Baum gesessen. Meine verzweifelte Flucht aus meinem Alltagsleben hinein in die Ruhe des
Waldes war zu einem gigantischen Abenteuer mit einem für mich unabsehbaren Ende geworden.
Ich fühlte mich wie ein König, meine Krone war das Blattwerk über mir. Doch war dies kein Thron,
nicht vergleichbar mit einem Gefühl von Macht oder sonst irgendwelchen niederen Trieben. Ich
hatte festen Halt und irgendwas gab mir das Gefühl, dass ich in Sicherheit war. So verharrte ich in
dieser Position, wartend der Dinge, die da kommen.
“Warum hast du mich verraten?” vernahm ich wieder diese tiefe unheimliche Stimme. Ich schaute
mich um, blickte nach allen Seiten, nach oben und nach unten. Es war nichts und niemand zu
entdecken. Aber die Stimme schien von überall her zu kommen. “Sag’, warum hast du mich und
meine Freunde verraten?” In meiner Rat- und Hilflosigkeit erwiderte ich: “Wer spricht da? Ich bin
doch nur ein unschuldiger Junge, der noch nie jemand verraten hat. Gib’ dich zu erkennen und hör
endlich auf mir solche Angst einzujagen.”
“Es spielt keine Rolle ob du mich kennst oder nicht. Wenn du genau überlegst dann kennst du mich
schon dein ganzes Leben. Du hast mich verraten und du weißt auch genau warum. Ich weiß nicht ob
ich dich verschonen soll. Solange kenne ich dich schon, habe dich als Kind in mein Herz
geschlossen und jetzt, ..und jetzt bist du einer von ihnen geworden - warum?”
Langsam wurde mir klar, dass es wohl keinen Sinn machen würde, weiter nach der Identität meines
Peinigers zu fragen. Also versuchte ich mehr zu erfahren. “Ich weiß, dass ich Schuld auf mich
geladen habe, aber ich muss doch eine Chance bekommen, zu erklären und Näheres über alle
Umstände zu erfahren, die mich nach hier oben gebracht haben. Und vor allem, warum ich gestern
so misshandelt wurde.“
“Die Natur kennt keine Kompromisse. In der Natur bekommt niemand eine zweite Chance - sie ist
hart und kompromisslos. Was ist dein Schmerz in zwei Tagen verglichen mit dem Schmerz eines
ganzen Volkes in tausenden von Jahren. Ich will dich nicht weiter an mir verweilen lassen, weil du
dich nicht zu deinen Gefühlen bekennst und die, die dich lieben und die du vorgibst zu lieben,
einfach sterben lässt in Einsamkeit und Trauer. Genauso, wie du es mit mir getan hast.”
Allmählich wurde mir klar, dass es kein Mensch war, der mit mir sprach. Es war etwas anderes,
etwas Unerklärliches. Ich musste damit aufhören, einen Ausweg zu suchen. Denn, ausgesetzt dieser
Gewalten war mein Menschenleben zu gering, um daran zu denken, es zu retten. Keine Diplomatie
würde mich weiterbringen, kein Kompromiss, das war hier nicht gefordert. Diplomatie und
Kompromisse sind doch nur von Menschen erfunden, die ungern für die Wahrheit eintreten. Ich
werde einen Weg finden, um an die Wahrheit zu gelangen, die meine Situation erklärte. Eine
Wahrheit, die unbequemer sein würde als alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt hatte. Wenn
ich ehrlich zu mir selbst war, dann war es ja gerade die Unwahrheit, die die Menschen um mich
herum ausmachte. Und ich war einer von ihnen. Ich habe in den letzten Jahren nicht mehr nach
Wahrheit oder Unwahrheit gefragt, sondern einfach alles aufgenommen, was die Gesellschaft und
meine Eltern in mich hineinredeten und mir antrainierten. Also verließ ich mich jetzt auf meine
Intuition und reagierte: “Warum ich? Warum soll ich das Opfer sein für deine Rache? Seit vielen
Jahren komme ich hierher. Hier ist der Ort an dem ich mich immer schon wohlgefühlt habe. Ich
hasse die Hektik in der Stadt, die Hektik in den Gesichtern; und ich hasse den Drill und den Zwang,
der unweigerlich jeden auf dem Kurs hält, der eigens für ihn vorgesehen sein soll. Ich kann dieser
Maschinerie nicht trotzen, ich stecke mittendrin in der Mühle. Jetzt soll ich von dem Ort verbannt
werden, der oft meine letzte Zuflucht vor den Verfolgern bedeutete...” Es kam keine Antwort mehr
und es herrschte eine beklemmende Stille. Von der Baumkrone aus hatte ich einen guten Ausblick.
Ich erinnerte mich an die vielen Spaziergänge, die mein leiblicher Vater und ich unternahmen. Mit
dem Rucksack auf dem Rücken marschierten wir die ausgetretenen Pfade entlang und gingen auf
Entdeckungstour. In den Rucksäcken verstaut waren Angelgerät mit verschiedenen Ködern und
natürlich reichlich Schnaps und Bier; etwas Proviant für mich war natürlich auch dabei. Die Köder,
Geheimrezepturen eines erfahrenen Anglers, der auf der Welt seinesgleichen suchte, waren mit
größter Sorgfalt zuhause hergestellt worden. Brotteig mit Wurm oder Kartoffel mit Thunfisch, alles
immer mit etwas Kuhmist angereichert, damit in dem Fisch die ‘Wurm-Laune’ geweckt wird, die
unabdingbar ist, um einen Fisch zu fangen. In meinem Zimmer hing ein Schild, das mir Siobhan
geschenkt hatte, auf dem stand: ‘When Fishermen arms are longer, the Fish would be bigger.’
Genauso ein Angler war mein Vater. Unseren kleinen See gibt es heute nicht mehr; nur der kleine
Bachlauf ist geblieben. Industriebauten hatten sich das meiste Gelände einverleibt, mit dem See
verschwand der Eisvogel, die Molche, Laubfrösche - eigentlich erlitt die gesamte Fauna und Flora
einen irreparablen Schaden. Ein Gefühl von tiefer Trauer überkam mich. Das Fleckchen Erde, das
ich als Kind so liebte, war schwer beschädigt - die unvergessenen Abenteuer schon lange vorbei.
Nachdem der flüssige Proviant meines Vaters verbraucht und ich um einige wahrhaftige
Erkenntnisse über das Leben reicher war, wir schon wieder nur Teichkrebse statt Fische fingen und
die zwanzig Köderfische, die ich erwischte, wie immer freiließen, machten wir uns auf den
Heimweg. Dieser war aber meist so anstrengend, dass wir in Vaters Stammkneipe noch ‘Halt’
machten. Aber ich hatte meinen Tag in der Natur gehabt. Mein Vater, der Wald und die Tiere, der
See und die vollkommene Schönheit eines ganzen Tages - nur für mich, nur für mich ganz alleine.
Dafür war ich dankbar und bin es heute noch. Doch was ist aus alledem geworden. Ich ergab mich
in den letzten Jahren einem Schicksal, dass andere für mich planten und umsetzten. Der Weg in den
Wald war immer bloß der letzte Ausweg, so wie die Schulter eines Freundes zum Ausweinen; oder
der Schoß der Mutter, in dem ich mich angesichts der Entscheidungen, die man urplötzlich selbst zu
treffen hatte, am liebsten verkrochen hätte. Irgendwie war ich auf mein Leben nicht vorbereitet
worden und konnte Gut und Böse, die Dualität in meinem Ich nicht unterscheiden. So entschieden
andere... - über mein Leben. Mir war, als fehlte mir eine gesamte Hälfte meines Selbst. Mein Leben
glich einer Anhäufung von Phrasen und jeder Menge kleiner Missverständnisse, aufgeteilt in
unzähligen Schubladen.
Da meldete sich wieder die Stimme:
“So oft hatte ich Vertrauen in die Menschen. Immer und immer wieder hatte ich Vertrauen zu euch.
Auch zu dir hatte ich Vertrauen gefasst. Jetzt, da ich ahne, dass es mit mir bald zu Ende geht, will
ich die Lügen um mich herum nicht mehr hinnehmen. Es ist nicht mein Anliegen dich zu bestrafen.
Aber du hast mich so enttäuscht, dass ich dir das Recht entziehe, mich einfach zur Aufarbeitung
deiner Unzulänglichkeiten zu benutzen. Mir reicht es von dir und ich bin versucht, dich aus meinem
Blätterdach zu entfernen wie einen lästigen Parasit.” Die Blätter begannen wieder zu rauschen und
die Äste zu vibrieren...
“Aber ich denke...” fuhr es in mir auf, als ob es meine letzte Chance wäre mein Leben zu retten
“..ich denke über mein Leben nach. Ich glaube, ich weiß wer du bist. Du bist mein Baum. Du gabst
mir Zuflucht, wenn ich vor Angst sterben wollte, lauschtest meinen intimsten Gefühlen, warst
Vorbild an Ruhe und Gelassenheit, offenbartest mir den Zyklus von Anfang und Ende, gabst mir
Licht, wenn sich mein Gemüt verdunkelte, gabst mir Liebe und Zuversicht für mein Leben. Ich
habe immer nur von dir genommen ohne zu danken, ...ohne mich bei dir zu bedanken. Du bist es.
Du bist mein großer Baum. Du bist von makelloser Schönheit!” Nach diesen Worten war mir, als ob
ich erst heute gelernt hätte meine Stimme zu gebrauchen. Aus mir stieß ein Plädoyer heraus, zu dem
ich vor Tagen noch nicht fähig gewesen wäre...
Und es wurde wieder ruhig im Blätterdach. Langsam wich die Angst von mir und ich fühlte mich
wie befreit. Es waren meine Worte, die mich befreiten. Worte, die direkt aus meinem Gefühlen
entsprangen. Es waren keine dummen Gedanken im Weg, die sie hätten aufhalten können. Meine
künstliche Welt, aus der ich kam, war für mich greifbar geworden. Ich konnte die Abläufe des
sogenannten Alltags beobachten und durchschauen wie das Treiben in einer geschlossenen
Glaskuppel. Sie öffnete sich und ich schien eins zu sein mit der göttlichen Kraft des Universums,
eins mit meinem Selbst. Mein Leben war kein Scherbenhaufen, sondern nur ein Ergebnis fehlender
Entscheidungsgewalt und fehlenden Selbstvertrauens, jämmerlichen Selbstwertgefühls und
ungelebter Selbständigkeit; eine Summe an Ignoranz und Oberflächlichkeit dem eigenen Selbst
gegenüber. Und jetzt saß ich hier und unterhielt mich mit meinem Baum wie mit meinem eigenen
Unterbewusstsein. Doch es kamen keine Fragen oder Vorwürfe mehr von meinem Baum. Nein, es
verschoben sich langsam die Äste im Blattwerk der Baumkrone und wie aus wundersamer Hand
entstanden, wurde eine Treppe aus Ästen sichtbar, die mir den Weg zum Boden geleitete. Die Sonne
glühte durch die Laubkrone. Das gebrochene Licht glitt in geraden goldenen Bahnen hinab auf den
moosgrünen Boden. In den einzelnen Strahlenbündeln war das sprudelnde Leben gegenwärtig.
Unzähliges Kleingetier gemischt mit Blütenpollen ließ die Luft erscheinen wie die Gischt des
brandenden Meeres oder die aufsteigenden Blasen eines frisch eingeschenkten Glases
Mineralwassers. Die Farbe Grün leuchtete in allen Schattierungen von hell- bis dunkel; dieses
Schauspiel im stetigen Wechsel mit Licht und Schatten. Die Früchte der Beeren glitzerten aus
diesem Teppich wie bunte Perlen hervor. Die Bewohner des Waldes würden ihre Samen in alle
Winde verstreuen - das ist das Konzept der Natur. Der Anfang und das Ende in Eintracht, immer
gemeinsam in absoluter Vollendung. Wie auf einer Wolke wandelnd schritt ich die Treppe hinab bis
zum Boden. Kein Lüftchen regte sich und ich war froh, dass die Auseinandersetzung mit der Eiche
fürs erste beigelegt war. Ich musste erst einmal die Ereignisse verarbeiten. Das Erlebte war zu
frisch, die Emotionen zu stark. Es hat sich etwas getan in meinem Leben, in meinem Bewusstsein.
Wie werde ich damit umgehen? Was war zu tun? Was wollte ich von diesem Leben und von mir? und die wichtigste Frage: Was wollte ich nicht? Ich würde für alle diese Fragen viel Zeit benötigen.
Aber ich hatte nur zwei Tage Zeit dafür; dann musste ich wieder den Entscheidungen anderer
nachkommen;... oder auch nicht. Es würde spannend werden und ich wollte unbedingt nach Hause,
meinen PC anwerfen, und Kontakt aufnehmen - mit Siobhan...
‚Mateo war erstaunt und fassungslos zugleich. Er konnte in der kurzen Zeit die Geschehnisse kaum
verarbeiten. Das Unglaubliche war passiert. Er ist Zeuge, ja Hauptdarsteller eines Wunders
geworden. Doch wer sollte ihm das je glauben? Mateo musste sein Handeln der letzten Monate, ja
Jahre, komplett überdenken, die Konsequenzen aus den Aussagen dieses Baumes ziehen, oder aber
diese wunderliche Geschichte für immer auf sich beruhen lassen. Doch was wäre das für ein
Jugendlicher, wenn er nicht versuchte, dieser abenteuerlichen Geschichte auf den Grund zu gehen.
Je länger sich Mateo mit den Geschehnissen, vor allem aber mit seinen eigenen spontanen
Äußerungen auseinandersetzte, desto klarer wurde ihm, dass diese wirklich und wahrhaftig seinen
Gefühlen entsprangen. Mateo war seit langem wieder ehrlich zu sich selbst und ehrlich zu diesem
Baum. Von jetzt an…, dachte er bei sich, von jetzt an sollte alles anders, ja besser werden. Nur
wollte er in dieser lebensumwälzenden Angelegenheit nicht allein sein und seine Gedanken mit
einem Menschen teilen, der ihn versteht. Es blieb nur eine Person, auf die er sich wirklich ganz und
gar verlassen konnte. Leider war es nicht seine Mutter. Zu weit hatte sie sich in den letzten Jahren
von ihm entfernt. Sie könnte ihn nicht verstehen. Siobhan war die richtige Person und so freute er
sich auf dem Heimweg auf den nächsten Kontakt mit ihr…‘
Ich schrieb meiner ‘Freundin im Geiste’ ausführlich über das Treffen und die Auseinandersetzung
mit meinem Baum. Als ich Siobhan diese Zeilen in meinem allmählich besser werdenden Englisch
verfasste, wurde mir immer bewusster, wie sehr mich meine Kindheit und die damit verbundenen
Erlebnisse mit meinem Vater, beschäftigten. Ohne jemanden verurteilen zu wollen wurde mir immer
klarer, wie die Verdrängung meiner Erinnerungen an der Unselbständigkeit meiner eigenen Person,
meinem eigenen Selbst, schuld waren. Aber noch viel schlimmer war, dass mein Baum mir ganz
offensichtlich sein bevorstehendes Ende ankündigte. Das konnte doch nicht sein. Diese Eiche war
zwar alt, mindestens dreihundert Jahre, aber niemals krank oder gebrechlich. Da gab es also noch
vieles, was ich nicht wusste. In meiner Tasche befanden sich immer noch die Eicheln aus dem
Wald. Es waren vier Stück. Ich würde sie das nächste Mal mitnehmen, wenn ich zu meinem Baum
gehe, beschloss ich spontan. Aber wann würde ich ihn wieder besuchen? Da klingelte es an der
Haustür. Es waren meine Schulfreunde - sie wollten sich mit mir über Samstagabend unterhalten.
Sie wollten abends unbedingt in die Disco gehen, hatten eine Flasche süßen Rotwein dabei, die
neuesten CDs einer neuen Trendband usw. usw. Sollte ich sie über meine Geschichte mit dem Baum
einweihen; sollte ich mich vor ihnen lächerlich machen? Auch über Mädchen, mit denen sie sich
verabredet hatten, wollten sie mit mir reden. Sie fuchtelten mit ihren Handys herum, zogen
Computerspiele aus der Tasche und wollten sofort an meinem PC. Jetzt wurde es mir aber zu bunt.
Wohlwissend, dass ich noch nichts für die Berufsschule gelernt hatte; was mir allerdings schnurzpiep-egal war; und der angefangene Brief für Siobhan noch nicht gemailt war, erklärte ich meinen
Freunden, dass ich dieses Wochenende zuhause bleiben wollte. Sie machten sich daraufhin, wie es
eben ihre Art war, nach besten Kräften über mich lustig, tranken die Flasche Rotwein in neuer
Rekordzeit, telefonierten noch ein paar Leute durch und verschwanden wieder so plötzlich wie sie
gekommen waren. Ich hatte einfach keine Lust mehr, beeinflusst von den Ereignissen im Wald, da
weiterzumachen, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte; bei den Weltmeisterschaften im
Verdrängen... Und so war ich froh über die Ruhe und die Zeit, den Brief an Siobhan fertig zu
schreiben. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Aufgabe bekommen, die wichtiger war, als
vorprogrammierter Massenkonsum und gesellschaftliche Verpflichtungen anderen Menschen
gegenüber. Irgendetwas außerordentlich Wichtiges hing von mir und von meinem Handeln ab - ich
musste es unbedingt herausfinden.
Wie jeden Samstag kamen meine Mutter und mein Vater abends gegen 6 Uhr von der Arbeit nach
Hause. Sie hatten wahrscheinlich wieder jede Menge Geld verdient und würden anschließend auf
der Couch wohl wieder Urlaubspläne schmieden. Ihr Traum war es - der Traum jeden Jahres und
jeden Monats - irgendwo in der Welt herumzufliegen, einen Ort in der Natur zu entdecken, den noch
kein Mensch vor ihnen entdeckt hatte. Das alles natürlich mit Dusche, WC und Telefon, das Handy
sollte auch problemlos funktionieren, Doppelbett, Mini-Bar und Satelliten-TV und um Gottes
Willen, bloß keine Touristen... Vor dem Schlafengehen dann würde sich mein Stiefvater seine
aktuelle Auto-Zeitschrift herauskramen, um davon zu träumen, einmal dieses oder jenes technische
Wunderwerk kaufen zu können. Am Sonntag dann am Frühstückstisch würde er mich dann wieder
als Träumer und Negativisten bezeichnen, nur weil ich seine Traumwelt und seine Träume nicht
teilen kann. Zu guter Letzt würde ich eines Tages enden wie mein leiblicher Vater - als verträumter
Penner in der Gosse! Es war in der jüngsten Vergangenheit nahezu jedes Wochenende das gleiche
Lied. Erst, seitdem ich diese Lehre in dem Chemieunternehmen begann, stieg mein Marktwert bei
ihm um ein Vielfaches. Seitdem war er so richtig stolz auf mich; seitdem fühlte ich mich wie ein
Versager, wie ein Verräter... - und flüchtete mich immer öfter in den Wald zu meinem Baum. Da
schoss es mir wie ein Blitz durch den Schädel. Auch mein Baum schimpfte mich einen Verräter.
Und das war ich; ein Verräter an mir selbst; ein Verräter an der Schöpfung. Ab heute, so nahm ich
mir vor, ab heute werde ich mich meiner neuen Herausforderung stellen, die Leben heißt - mein
eigenes Leben. Gleich am Sonntagmorgen werde ich das Haus verlassen, Proviant für den ganzen
Tag zusammenpacken und den Tag im Wald verbringen. Die Bücher für die Schule würde ich nicht
mitnehmen; es gab Wichtigeres...
Meine Eltern lagen nach dem gemeinsamen Abendessen, dass wie üblich mit Fragen nach meiner
Ausbildung, nach meinem Freundes- und natürlich Freundinnenkreises und diesmal auch mit der
Frage “Warum ich denn am Samstagabend zuhause bleiben möchte, wo doch Wochenende wäre und
Jugendliche in meinem Alter...” und “ob denn was wäre mit mir...?” bestückt, auf der großen Couch
vor dem Fernsehgerät und sahen sich irgendeine der unzähligen billigen, aggressiven Talkshows auf
einem dieser unzähligen schlechten Privat-Fernsehsendern an. Ich teilte ihnen noch mit, dass ich am
Sonntag früh raus müsse und nicht am gemeinsamen idyllisch-harmonischen Sonntagsfrühstück
teilnehmen könne. Es fand allgemeinen Anklang, meinte ich aus ihrer Reaktion entnehmen zu
können.
Kapitel 3: Weg ohne Wiederkehr / Die bittere Wahrheit
Es folgte ein wundervoller Sonntagmorgen. Die aufgehende Sonne begleitete mich auf dem Weg
zum Wald. War sie zwischen den Häuserketten und Straßenwällen nur gebrochen und schemenhaft
zu erkennen, so thronte sie mit ihrer ganzen Pracht über dem Wald. Im Wald brach sich das Licht
zwischen den Blättern wie im Dschungel und es entstand ein buntes Gewimmel und Geflimmer in
der Luft. Der Tag war jung und voller Kostbarkeiten. Von da an schob ich mein Fahrrad - ich wollte
diesen Tag in vollen Zügen genießen und meinem Bewusstsein sollte nichts entgehen. Eine
Ringelnatter, mitten auf dem Weg, sonnte sich unbekümmert. Ein erster Ort zum Verweilen, ein
Ruhepunkt. Ein Unwissender, ein Laie hätte sie vielleicht vor mir entdeckt und gedacht, dass
Schlangen gefährlich sind oder ein digital verseuchter Jugendlicher würde sie totschlagen, um
anderen Schaulustigen oder seiner Clique zu imponieren. Dabei war es bloß eine harmlose
Ringelnatter, die gerade ein Sonnenbad nahm - ich wollte sie nicht weiter stören. Stolz präsentierte
der Gimpel, der Dompfaff, seine geschwellte rote Brust. Der Nachwuchs war flügge und es schien
so, als ob sich Vater Gimpel nach den Monaten der totalen Verausgabung für seine Jungen die lang
verdiente und ersehnte Ruhe gönnte. Ich saß auf einem Baumstumpf und hielt inne. Neugierig
beobachtete mich das Getier um mich herum - ich tat dasselbe und bemühte mich um
Regungslosigkeit. Es ist im Wald die einzige Möglichkeit etwas zu sehen, etwas zu entdecken, die
Natur um mich herum wirklich konzentriert wahrzunehmen. Ich hatte es in meiner Kindheit gelernt
im Wald oder am See auszuharren. Ich wurde bereits im Kindesalter zum Naturforscher. Verwegen
war damals das Unterfangen ein eigenes Terrarium zu bauen. Irgendwann nahte dann aber der
Winter und es war unmöglich, einheimische Tiere in Gefangenschaft über denselben zu bringen. Ich
erkannte viele Vogelarten am Flugbild, am Gesang und an ihrem Verhalten. Ich kannte
Lebensräume und Biotope und war das ganze Jahr auf der Pirsch. Einen Eisvogel zu sehen war für
mich ein Glücksereignis, genauso wie die Begegnung mit der Kreuzotter oder das Rendevouz mit
einem Laubfrosch. Hier im Wald wurde mir langsam klar, wie naiv ich mit den wichtigen Fragen
meines eigenen Lebens umging. Die vom Geld unterjochte angebliche Freiheit kostete einen sehr
hohen Preis, nämlich mein selbstbestimmtes Leben. Aber es war doch ‘mein’ Leben, um was es da
ging. Und wieder waren meine Gedanken in einer Sackgasse. Ich war zum Spielball zwischen
elterlich-gesellschaftlichen Interessen und dem natürlich-eigenen Denken geworden. Das Klopfen
des Buntspechts rüttelte mich heraus aus meinem Gedankendilemma. Wie das Tackern eines
Maschinengewehrs hämmerte es hallend durch den Wald. Es war wie ein Klopfen an meinen Kopf
und ein Flüstern, das mir sagte “Steh’ auf und geh’ weiter und sorg’ dich nicht, du bist Zuhause...”
Auf halbem Weg zu meinem Baum waren zwei Tümpel, versteckt im Dickicht. Der Erdkrötenlaich
war längst geschlüpft und die ersten jungen Kröten verließen das Nass, oder das, was davon übrig
war. Viele Kaulquappen vertrockneten elendiglich in dem jeden Tag weniger werdenden Wasser. In
manchen heißen Sommern schaffte es keine einzige von ihnen. Doch trotzdem kommen die Kröten
immer wieder an diesen Ort um zu laichen; Jahr für Jahr. Wenn der Wald nicht mehr ist, dann gibt
es keine Kröten mehr... Ich erinnerte mich daran, wie groß dieser Wald einmal war und wie wenig
davon übrig geblieben ist. Ich schämte mich dafür, und noch mehr für den Umstand, dass ich in der
Firma arbeitete, die für die Rodung ‘meines Waldes’ mit verantwortlich war. Mein Baum schimpfte
mich einen Verräter - und er hatte Recht. Wie viele Verräter mag es auf der Welt geben? Und wie
viele werden wohl nie dahinter kommen, warum sie Verräter sind. Der Junge, der im Sandkasten
spielte und mit den Mädchen Kuchen backte, arbeitet heute in einer Brotfabrik und studiert auf der
Abendschule die Innovationen in der Backtriebmittel-Chemie-Industrie. Der beste und
geschickteste BMX-Fahrer im Alter von 10 Jahren steht heute am Fließband und versenkt einen
übergroßen Dichtungsgummi in einen der Motorblöcke der zu produzierenden Autos. Erst wenn der
Gummi ein eintscheidendes “Splatsch” macht und der ölig-schmierige Sabber um sich spritzt, sitzt
er richtig... Oder das kleine Mädchen, das am liebsten Ärztin spielte und später, nach vielen
frustrierenden, illusionslosen Berufsjahren als Krankenschwester zwei Kinder bekam, nur um der
‘Hölle Krankenhaus’ auf Zeit zu entfliehen. Jetzt wurde mir klar, dass nahezu kein Mensch den ich
kannte, einen Beruf ausübt, in dem er voll aufging und glücklich war; einen Beruf, eine
Bestimmung, die ihm oder ihr als Individuum wirklich Spaß machte.. Also stellt sich doch die
Frage: Wer konnte sich anmaßen darüber zu entscheiden, was ich tue, wenn nicht ich selbst!!
Schwierig ist dabei nur, diese Erkenntnis in einer Welt umzusetzen, die scheinbar gerade das mit
allen Mitteln verhindern wollte.
Nur noch wenige Schritte bis hin zu meinem Baum. Für Angst oder Sorgen war kein Platz in
meinem Kopf. Eher war mir ein Gefühl von Wahrheit anheim und ich freute mich auf die neuerliche
Begegnung mit der Eiche. Einladend stand sie da auf der kleinen Lichtung. Mit weit ausgebreiteten
Armen wirkte sie auf mich wie der verloren gegangene Vater. An ihrem Stamm rankten sich viele
Schmarotzer nach oben zum Licht hin. Noch hatte der Baum Kraft genug, sich gegen Efeu,
Knöterich und Winde zur Wehr zu setzen. Ich kletterte hinauf zu meinem Lieblingsplatz und legte
mich gelassen in die Astgabel, aus der ich noch vor zwei Tagen äußerst unsanft entfernt worden
war. Ich wollte mich nicht aufdrängen und döste, noch ganz benommen von meiner Gedankenlast,
in Ruhe vor mich hin. Ich war froh, dass das letzte Treffen mit meinem Baum besser verlief und
fühlte mich sicher und geborgen. Mit einem Male drang der tosende Lärm einer Motorsäge, gleich
einem kleinen Motorrad mit einem Loch im Auspuff, nur noch viel giftiger und lärmender, durch
die scheinbare Idylle des Waldes. Der Gesang der Vögel verstummte und sie drifteten mit
kreischenden Lauten panisch auseinander. An solche unnatürlichen, plötzlich auftretenden
Geräusche kann sich kein Tier gewöhnen - das eine arrangiert sich, das andere zieht weiter bis in
das letzte Rückzugsgebiet, falls noch eines existiert. Durch den Lärm der Motorsäge geraten
Vogeleltern bei der Futtersuche aus ihrem gewohnten Rhythmus. Das Füttern der Jungen wird
unterbrochen, viele Nester fallen dem Ausforsten zum Opfer, Hunde vertreiben die kleinen Jäger
des Waldes bis in die entlegensten Gebiete oder bringen sie gleich ganz zur Strecke. Der Mensch
wurde der regulierende Faktor der Natur und trat an die Stelle von Luchs und Fuchs, Wolf und Bär.
Die übrig gebliebenen Greife warten an Autostraßen auf die Beute des Straßenverkehrs oder werden
abgeschossen, weil sie den Feldhasenbestand zu stark dezimieren. Eichhörnchen werden
geschossen, weil es keine Baummarder und keinen Habicht mehr gibt und sie bei der Futtersuche
Singvogelnester plündern, die Singvögel wiederum sind in ihrer Art gefährdet und so weiter und so
weiter... Nach einer Weile verstummte das unpassende Geräusch einer menschlichen
Höllenerfindung, die mittlerweile die Grüne Lunge unserer Welt, den Urwald Südamerikas, an den
Rand des Abgrunds gerodet hatte. Langsam kehrte wieder die gewohnte vertraute Ruhe in den Wald
ein. Das Sommerkonzert meiner Freunde begann wieder von neuem und ich beschloss, diesmal
selber in die Krone hinauf zu steigen. Mir konnte doch in dieser guten Gesellschaft nichts passieren.
Am mächtigen Stamm entlang reihte sich Narbe an Narbe in der borkigen Rinde. Wie die Stirn
eines uralten Mannes, unterbrochen von Astbrüchen, Wunden, die vor vielen Jahrzehnten der Sturm
hinterließ. Es mutete beinahe an wie die Kriegsverletzungen eines alten Veteranen. Doch die Natur
findet bekanntlich immer einen Weg und so hatte die Eiche die Kraft, zwei neue Haupttriebe auf
den Weg Richtung Sonne zu schicken; einmalig in ihrer Vollendung. Oben angekommen wurde mir
klar, dass ich einen neuen Lieblingsplatz hatte. Hier oben war ich mit mir selbst verabredet. Den
Schutz gebot mir mein Baum.
“Heute sind wir aber mutig.” rumorte die mir bekannte Stimme. “Ich erinnere mich da an einen
kleinen Jungen, der vor vielen Jahren auf mir herumkletterte. Nur hat er sich noch nie so weit nach
oben getraut.”
“Ja,” erwiderte ich “das ist das wirkliche erste Mal für mich hier oben. Ich will etwas herausfinden
über mich. Je höher ich klettere, desto wahrscheinlicher scheint mir die Lösung.”
“Wo ist denn deine Angst geblieben? Fürchtest du dich nicht vor einer neuen Lektion?”
“Meine Ängste sind ganz anderer Natur und Ursprungs. Vor dir will ich keine Angst haben. Dich
kann ich besuchen, berühren, dir alles erzählen, mit dir meine Gedanken teilen. Du hörst mir zu,
selbst wenn ich nicht spreche. Angst muss ich vor denen haben, die es gut mit mir meinen. Angst
muss ich vor all’ dem haben, dem so viele Menschen, ohne selbst darüber nachzudenken,
hinterherlaufen. Angst muss ich haben vor einem Leben, dass nicht nach göttlichen Werten wie
Freiheit, Selbstbestimmung und Glaube ausgerichtet ist, sondern vor einem Leben, das den
fehlerhaften Ansichten fehlerhafter gesellschaftlicher Strukturen und eines völlig falsch
interpretierten Lebenssinns unterliegt. Diese irdische, fehlerhafte Gewalt sitzt uns ab frühester
Kindheit im Nacken, in welcher Form auch immer, und versucht mit allen Mitteln unsere wirkliche
Bestimmung zu untergraben. Wie sonst ist es zu erklären, dass so viele Menschen in der westlichen
Zivilisation keine Ahnung von sich selbst, geschweige denn von ihrer Bestimmung haben. Hier im
Wald, bei dir und deinesgleichen, war und werde ich immer sein, um eben keine Angst zu haben.”
Selbst ein wenig überrascht von meinen eigenen Worten schwang ich mich behende zu einem unter
mir liegenden Ast. Ich wollte wieder spielen, herumturnen. Meine Kindheit kam wieder zu mir
zurück, nein, ich war das Kind, dasselbe Kind von damals. Ich hatte dieselben Gefühle und streunte
durch das Blattdickicht, fast ein wenig zu waghalsig. Denn ich war viel größer als früher und konnte
mich dementsprechend nicht so geschmeidig zwischen den Ästen bewegen. Dafür war ich kräftiger
und hatte dadurch besseren Halt.
“Das sind gute Gedanken will ich sagen. Du hast dich in drei Tagen sehr verändert. Von allem was
ich da höre, komme ich zu dem Schluss, dass du etwas lernen möchtest. Meine Wut, die ich anfangs
an deiner Person ausließ, galt nicht ausschließlich dir; trotzdem freut es mich, dass du die
Abreibung erhieltest. Heute ist ein schöner Tag und ich möchte dich mit etwas überraschen. Dazu
musst du aber erst einmal von mir herunterklettern und dich unten am Fuß hinsetzen und so lange
die Augen geschlossen halten, wie du nur kannst. Am besten ist es, du nimmst zwei Ahornblätter
von dem großen Ahorn neben mir, machst sie mit deinem Speichel nass und klebst sie auf deine
Augen.”
Ich tat, wie mir der Baum auftrug, ging zum Ahorn, nahm mir zwei Blätter und ging zur Eiche
zurück. Ich setzte mich im Schneidersitz neben den Baum und wartete...
“Das ist eine gute Position. Jetzt stell’ dir mal vor, was dir nicht schwerfallen wird, du kennst dich
in deinem Leben nicht mehr aus. Du fühlst dich verloren, verbogen und immer verfolgt. Sie sind
hinter dir her; die Sorgen der anderen, die mittlerweile zu deinen geworden sind. Sie und ihre
irdischen Erfinder sind dir immer auf den Fersen. In ihrer Welt aus steinernen und betonenen
Grenzen bist du nur willkommen, wenn du dich einfügst. Und so verfolgen sie dich immer und
immer wieder. Du rennst durch deine Kindheit, durch die Zeit der Schule - sie sind hinter dir her.
All’ das Spielerische in dir wird nach und nach abtrainiert. Kanntest du als Kind noch die
unabdingbare Wahrheit, so verkaufst du heute die Lüge als Wahrheit, gerade so wie es die
Gesellschaft vorlebt. Und du läufst weg von den Zwängen, suchst die dir eigene Unschuld deiner
Kindheit. Nur jetzt bist du allein, ganz allein, so wie am Anfang. Und du kommst an den Waldrand;
du läufst um dein Leben willen. Endlich verstummt die Horde der Verfolger, denn du bist da, wo du
dich auskennst, in deinem Wald. Du läufst zielstrebig zu einem deiner vertrauten Geheimplätze,
eben zu dem Platz, an dem du dich gerade befindest. Du bist erschöpft und total allein - allein in
dem großen Wald. Du setzt dich im Schneidersitz neben mich hin und schließt die Augen. In deinen
Gedanken ist nur noch Schönheit und Reinheit, und du lauscht den vertrauten Stimmen deiner
Kindheit, segelst hinweg über Wiesen und Felder, du bist leicht wie eine Feder und lässt dich tragen
vom Wind, wieder hin zu meinen Füßen.”
Ich spürte, dass sich um mich herum etwas verändert hatte. Es war merkwürdig still geworden. Der
Baum sprach nicht weiter und ich wusste einen Augenblick nicht, was ich tun sollte. Da spürte ich
etwas wolliges, etwas kuscheliges an meinen Füßen und dann ein Kribbeln an meinen Händen.
Plötzlich schlüpft mir etwas in mein Hosenbein; und etwas Glitschiges kriecht meinen Unterarm
hinauf - ich war wie elektrisiert, wagte aber nicht etwas zu unternehmen. Ich hatte furchtbare Angst.
“Armer Junge oder soll ich sagen Junger Mann...” sagte die Eiche “Jetzt hast du Angst. Nimm’ die
Blätter von deinen Augen und habe Vertrauen. Schaue dich um - du brauchst keine Angst zu haben.”
Mein Herz schlug wie wild und langsam hob ich meine Hände zum Gesicht, bemüht, nicht in Panik
zu geraten. Ich nahm langsam, ganz langsam die Blätter von den Augen und öffnete langsam, ganz
langsam meine Augen. Erst nur einen kleinen Schlitz, denn die Sonne blendete extrem. Und was ich
dann sah, nachdem sich meine Augen an das Licht gewöhnten, war ...ein Wunder! Das wollige
Etwas an meinen Füßen war ein ausgewachsener Fuchs; das Krabbeln an den Händen viele kleine
Waldmäuse; in meinem Hosenbein vergnügten sich ein paar Eidechsen und das Glitschige am
Unterarm waren Frösche und Kröten. Um mich herum waren die Tiere des Waldes, die jetzt wie
wild durcheinander sangen und tirrilierten, krächzten und piepten, grunzten und zirpten. Es war ein
Wunder geschehen – die meisten Tierarten des Waldes tollten und tobten vergnügt um mich und um
die Eiche herum. Da war der Wächter des Waldes, der Eichelhäher, der Wiedehopf mit seinem
imposanten Federschopf, ein Spießer namens Neuntöter, Habicht und Kauz, Singvögel,
Fledermäuse, Iltis, Baummarder, Dachs, das Rotwild, Wildschweine, alles Kriech- und
Insektengetier, ja sogar Kreuzotter und Ringelnatter. Alle Tiere, die mich seit meiner Kindheit über
alle Maße faszinierten, waren an diesem Platz versammelt. Ich war glücklich wie nie zuvor in
meinem Leben und brauchte Zeit, ja viel Zeit, um mich zu fassen. Die Überraschung war gelungen
und ich brachte kein Wort heraus.
“Genieße diese Augenblicke Mateo. Ich habe dir dieses Wunder zuteil werden lassen, weil du ein
tiefes Gefühl für deine Welt in dir trägst und weil du nicht so oberflächlich bist wie die anderen. Ich
wollte dir damit meine Macht demonstrieren und dir das Urvertrauen zurückgeben, dass du in
deiner Kindheit verloren hast. Du bist kein Verräter; du hast eine neue Chance verdient, aber es wird
die letzte sein und du musst einen schweren Weg gehen. Für die nächsten Stunden lasse ich dich
allein mit deinen Freunden. Ich will mich ausruhen, denn solche ‘Überraschungen’ kosten viel
Kraft.”
Ich verstand sehr wohl und genoss die Zeit mit den Tieren. Sah’ ich die Wildnis bisher nur aus der
Ferne, so durfte ich jetzt selbst ein ‘wildes Tier’ sein. Ich brauchte nicht mehr ruhig zu verharren,
sondern konnte ausgelassen mit meinen Freunden spielen. Ich durfte sie berühren, genauso wie den
großen Baum, der mir dieses Wunder ermöglichte. Immer mehr erinnerte mich der Baum an den
verlorenen Vater. Es gab keine Grenzen, sondern nur wildes Entdecken, ausgelassenes Herumtollen
und Herumalbern, vielleicht wie einst unsere Vorfahren. Jetzt erst wurde mir klar, welch’ wilder
Mensch mein Vater war. Es muss für ihn sehr schlimm gewesen sein, von der sogenannten
zivilisierten Gesellschaft gebändigt worden zu sein. Stunde um Stunde verging und ich ließ kein
Spiel mit den neuen Freunden aus. Es war viel zu entdecken und ich durfte dabei sein. Ich war einer
von ihnen, akzeptiert und geliebt, und mein großer Baum hatte mir das ermöglicht. Doch wie würde
dieses Abenteuer enden? Welchen Preis müsste ich dafür bezahlen? Die Sonne verschwand
allmählich zwischen den Baumkronen und ich ging wieder zurück zu meiner Eiche. Ich war zwar
völlig erledigt, aber überglücklich. Zufrieden bei der Eiche angekommen, schwang ich mich wieder
hinauf in die Laubkrone, suchte mir einen bequemen Platz um mich auszuruhen.
“Es wird dunkel, junger Mann. Du musst dich bestimmt auf den Nachhauseweg machen.” sprach
die Eiche. Vor lauter Herumtollen hatte ich diesen Umstand völlig vergessen. Aber irgendwie war
mir das auch egal. Morgen wäre Berufsschule; eine Schule für einen Beruf, den ich nicht ausüben
wollte. Was sollte ich da? Nur um den niederen Wünschen meiner Eltern zu genügen, Nein!
“Du hast recht großer Baum. Nur, wo und was ist mein Zuhause?”
“Ich merke schon, du hast viel nachgedacht in letzter Zeit. Das macht mich ebenso glücklich wie
dich. Ich wollte einen Freund an meiner Seite wissen, bevor meine letzte Stunde schlägt...”
“Warum letzte Stunde?” fragte ich den Baum bestürzt.
“Du hast doch das Geräusch gehört - die vielen Motorsägen. Auch mir haben die Waldarbeiter ein
Zeichen in den Stamm geritzt, so wie vielen anderen Bäumen vor mir; ich werde ‘ausgeforstet’,
abgeholzt; der Wald wird gerodet...!”
“Das darf nicht sein lieber Baum. Du bist so groß und so stark; ein Symbol an Kraft für den ganzen
Wald, der König dieses Kleinods; das letzte Rückzugsgebiet, das den Kleinstädtern geblieben ist.
Du darfst nicht gefällt werden. Du darfst nicht sterben, jetzt, da ich dich wieder neu lieben und
verstehen lernte.”
“Nein, es macht keinen Sinn. die Waldarbeiter werden ihren Auftrag erfüllen. Es geht um den
Ausbau der Industrieanlagen; neue Gewerbegebiete sollen entstehen, der kleine Rest Wald stört da
nur. Deshalb wollte ich noch einmal Kontakt zu dir aufnehmen. Ich wollte zumindest dir die Augen
öffnen; du hast ein Leben in diesem Arbeitsmolloch nicht verdient - ich will auf meine alten Tage
hin dein Mentor sein und dich zu einem starken Krieger machen, der sein Schicksal selbst in die
Hand nimmt und seiner Bestimmung folgt, auf dass er nicht eines Tages am Leben zerbricht, weil er
sich nicht sicher war, welcher Weg der richtige wäre... Verräter nannte ich dich, weil du im Begriff
standest mit den Frevlern an Mensch und Natur gemeinsame Sache zu machen.” erklärte der Baum.
Spätestens jetzt musste mir ein Licht aufgehen. Es passte eins zum anderen. Nicht nur, dass ich in
dieser stumpfsinnigen Firma gelandet und irgendeinen unnützen unnatürlichen Beruf erlernte, nein,
auch die Oberflächlichkeit meiner Mutter, ihren eigenen Sohn trotz seiner Interessen einfach hinter
den ihrigen hinten anzustellen und einem neuen Mann das Initiationsterrain zu überlassen, der von
der Kraft meines Ursprungs und Blutes keinerlei Ahnung hatte, trug zu den Verwirrungen in
meinem Leben erheblich bei. Auch verleugnete sie mit ihrer weiblichen Pomadigkeit ihre eigene
Herkunft, das Leben ihres Vaters, der in Italien ein großen Weingut bewirtschaftete und stolzer
Besitzer von mehreren Pferden war. Mir wurde klar, dass dies alles in mir schlummerte und jetzt
fulminant zum Ausbruch kam. Auf was für ein unseeliges Leben hatte ich mich da eingelassen. Ich
war zum Sklaven der Gesellschaft geworden, so wie es mein Stiefvater meiner Mutter injizierte. Ihr
Leben war durch die Flucht aus der Heimat und das spirituelle Leiden ihres Vaters nahezu
ausschließlich von Niederlagen und Schicksalsschlägen geprägt und so vermied sie es für ihr
restliches Leben, den Zwängen zu trotzen, zu rebellieren und zu widerstehen. So wollte sie
schließlich auch ihr Kind zu einem Mitläufer erziehen, und es gelang ihr beinahe… Die Zeit für
etwas Neues, etwas Bahnbrechendes war gekommen.
“Nein!” rief ich bestimmt. “Nein, ich werde nicht mehr in diese halt- und maßlose Welt
zurückgehen. Nicht in diese Drecksfirma und nicht zu Eltern, die es angeblich so gut mit mir
gemeint hatten. Ich werde hier bei dir bleiben und kämpfen. Ich werde kämpfen um jedes Blatt und
um jeden Ast, um jede Wurzel und um jedes Tier, dass hier wohnt.” unterstrich ich vehement mein
Vorhaben.
“Reg’ dich nicht unnötig auf; du wirst deine Energie noch dringend benötigen, wenn du den Kampf
aufnehmen willst. Aber es wird ein sinnloser Kampf werden, den du aufnimmst. Du musst dir ein
Konzept zurechtrücken, du musst dich versorgen, du musst beharrlich und unabrückbar für deine
Überzeugung eintreten, so, wie es nur ein Krieger kann. Und da gibt es nicht mehr viele auf dieser
Welt.” führte der Baum aus.
“Ob sinnlos oder nicht, das wollen wir sehen. Als erstes richte ich mich auf die bevorstehende
Nacht ein.” Falls es zu kalt werden würde, dachte ich bei mir, könnte ich den Unterstand am
Forsthäuschen nutzen und dort schlafen. Andererseits gab es in der Nähe eine verlassene,
wahrscheinlich alte Bärenhöhle, versteckt hinter wildem Buschwerk. Die Höhle kannte ich noch aus
meiner Kindheit. Oft suchten mein Vater und ich dort Unterschlupf, wenn uns ein Gewitter
überraschte. Zum Glück hatte ich genügend Proviant dabei, wohlwissend, dass ich ja den ganzen
Sonntag im Wald bleiben wollte. Falls die Vorräte erschöpft sein würden, könnte ich Beeren
pflücken und hie und da die an den Wald angrenzenden Felder für den Eigenbedarf plündern. Dort
wuchsen Kartoffeln, Rüben, Mais und vieles andere mehr... Schließlich war Hochsommer und es
gab genügend Nahrung im und am Wald. Bei meinem Vorhaben ging es nicht ums nackte
Überleben, sondern um eine Herausforderung, die zu bestehen war. Die körperlichen Bedürfnisse
hatten sich da hinten anzustellen.
“Ich finde es schön, dass du bei mir bleiben möchtest. Aber mache dir keine Illusionen; es wird
schwer sein gegen die Mächte des weltlichen Fortschritts aufzubegehren. Sie werden dich
behandeln wie einen Kranken, wie einen Aussätzigen; wohl kaum werden sie dich feiern wie den
Messias der Bäume und des Waldes.” klärte mich der Baum auf.
“Darum geht es für mich nicht. Es geht darum endlich mit den Lügen aufzuhören, mich wahrhaftig
zu meiner Bestimmung zu bekennen und beeinflussende störende Faktoren auszuschalten. Dazu
kommt die wahre Liebe zur Natur. Damit, dass du die Tiere vor mir versammelt hast, reichtest du
mir die Hand zur Versöhnung. Eine Geste, die ich nicht verdient habe. Zu oberflächlich war ich bis
heute mit den wichtigsten Fragen meines Lebens umgegangen.”
“Sie werden dich vermissen und suchen. Deine Familie, deine Freunde und die Leute der Firma und sie werden dich finden. Hast du dir einmal überlegt was dann passiert? Du wirst dann vieles
erklären müssen, und jeder wird dich für verrückt abstempeln und geändert hast du nichts. Sie
werden dich mit Gewalt aus meiner Krone holen und einsperren, ruhigstellen und versuchen dich
zurück auf ihren Weg zu bringen. Bis du merkst was vor sich geht, werden sie Hand an mich legen
und mich beseitigen; ich passe nicht ins Konzept und behindere das Wachstum. Mein Wachstum,
meine Kinder und Kindeskinder behindern das Wachstum toter Materie; das Leben stört den Fluss
des Geldes und der Macht.”
Als der Baum das gesagt hatte kam ich allmählich ins Grübeln. Doch auch wenn alles so kommen
würde, hätte ich für mich persönlich keine Niederlage erlitten. Der Schmerz wäre furchtbar und
mein bisheriges Leben bis in die Grundmauern erschüttert, aber das war es ja eh’ schon. Sorgen
machte ich mir eher um Siobhan. Wenn ich hier im Wald bleiben würde könnte ich den Kontakt zu
ihr nicht aufrechterhalten. Sie würde nicht wissen, wie die Auseinandersetzung hier weiter verläuft
und stünde völlig im Unklaren. Aber man muss im Leben Prioritäten setzen, dachte ich bei mir, und
die Zeit würde die Dinge richten. Siobhan würde sagen, dass die Aufgabe größer ist als
zwischenmenschliche Erwartungen und Erfüllungen... - zu allerletzt könnte es sein, dass ich diese
Aktion aus Geltungssucht anderen gegenüber startete. Es war die Konfrontation mit meinem
zweiten Ich, mit dem ‘Wilden Ich’. Und diesen Kampf kann schließlich nur Ich gewinnen. Jeder
Schritt in diese wilde Richtung wäre ein Gewinn für mich selbst. Tue ich es nicht, endete ich wohl
eines Tages mit ärmellosen Unterhemd und einer Dose Bier aus dem Kühlschrank vor der Glotze,
träumte von Urlauben im Paradies ohne Touristen und verkümmerte zum autoverliebten
Korinthenkacker, der seinen schwerfälligen Hintern jeden Tag in die traumatische Arbeitswelt
schleppte, um dem System gerecht zu werden. Dem System wohlgemerkt, nicht sich selbst. Dann
schon lieber zerstört und illusionslos in der Gosse enden wie mein leiblicher Vater. Lieber hätte ich
es versucht und dann verloren, als es niemals versucht zu haben. Nach diesen Gedankengängen
spürte ich wieder meine Energie und fühlte mich großartig. Gleich morgen in aller Frühe würde ich
mit dem Training beginnen mit dem Ziel zum Baummenschen zu reifen; sollte ich eine reale
Chance haben gegen den gewissenlosen Mob.
Die unzähligen Gedanken um mein Leben, meine Vergangenheit, um meine Situation, machten
mich müde. Ich aß noch das letzte Stück Brot und einen Apfel, ein paar Beeren, die ich mir pflückte
und beeilte mich, meinen Schlafplatz in der Baumkrone zu beziehen. Dort war ich nicht allein;
Fledermäuse, Eichhörnchen, Singvögel - ja viele wohnten hier und hatten es gemütlich. Ich
sammelte einige Zweige und Blätter zusammen und suchte mir einen sicheren Schlafplatz in der
Baumkrone. Ich kam mir beinahe selber vor wie ein Tier, aber es machte mir auch unheimlich viel
Freude und forderte Ideen, Durchhaltevermögen und Kreativität. Keiner von uns beiden ergriff
mehr das Wort und so bettete ich mich für die erste Nacht in meinem Baum. Unheimlich klang der
Ruf des Kauzes durch die Nacht. Fuchs und Marder waren auf ihren Streifzügen, die Nachtigall
trällerte romantische Weisen. Ein sanfter Nachtwind strich über den Wald und das Rauschen der
Blätter erinnerte an Sinfonien vergangener Größen, die sich vielleicht so inspirieren ließen. Mein
letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt Siobhan und so schlief ich ein; mit einem glücklichen
Lächeln auf dem Gesicht, denn ich war tatsächlich zu Hause...
‚Mateo hatte eine Entscheidung getroffen. Eine für sein weiteres Leben in höchstem Maße
ungewöhnliche und bahnbrechende… Seine gesamte aufgestaute Unzufriedenheit mit seiner
gegenwärtigen Lebenssituation schlug in dieser Entscheidung auf. Beruf, Stiefvater, die verlorene
Mutter, der verlorene Vater, und Baumvater als Sinn- und Ebenbild seiner einstigen
Naturverbundenheit, der ihn ebenfalls bald verlassen würde. Das war für diesen siebzehnjährigen
jungen Mann einfach zu viel und er versuchte den Befreiungsschlag, sich mit einem Male aus der
Enge der Situation zu lösen. Es machte für ihn keinen Sinn mehr, sich den Problemen zu stellen und
nach Lösungen zu suchen, sich im Sinne anderer auf die eine oder andere Art zu arrangieren. Mateo
suchte vorsätzlich die totale Konfrontation und wollte sich hierfür auf neutralem Boden rüsten. An
Konsequenzen, die aus seiner Verweigerung entstehen könnten, dachte er nicht – er fühlte sich
durch und durch im Recht und sah es als übergeordnete Aufgabe an, selbstlos für seine Liebe zu
diesem Baum einzutreten. Viel eher freute sich Mateo auf die Gegenwart und auf den nächsten
Morgen. Er freute sich aber auch über den Zuspruch von Siobhan, seiner irischen Freundin. Ihr
galten die letzten Gedanken eines aufregenden, ja unglaublichen Tages.
Die Dunkelheit legte sich um die alte Eiche und wickelte den Jungen in eine Hülle aus schwarzem
Samt. Die Sterne glitzerten gleich einem diamantbesticktem schwarzem Teppich und rahmten
dieses Bild für einen Moment in die Ewigkeit. Der Schöpfer selbst nahm den Pinsel zur Hand und
malte dieses Bild des Friedens und der Unschuld. Für einen Augenblick blieb alle Zeit dieser Welt
stehen…
Mateo schlief in den Armen des Giganten wie ein Säugling am Busen seiner Mutter. Der Anblick
dieser Ruhe, dieser Harmonie gebot etwas Göttliches. Es wird das letzte Mal sein, für eine lange
Zeit – die letzte Nacht des Friedens.‘
Der folgende Tag begann mit einer kräftigen Morgendusche. Ein kalter Regen ergoss sich ausgiebig
über dem Waldstück. Das Blätterdach gebot zwar etwas Schutz, doch war es unvermeidlich, dass
ich schon nach kurzer Zeit tropfnass war. Ohne zu murren ertrug ich die Nässe und versuchte meine
anderen Sachen trocken zu halten.
“Du hast heute viel vor...” begrüßte mich der Baum. “Du musst dir einen Unterstand bauen, eine
Feuerstelle ausheben, dir etwas Essbares suchen und vor allem deine Gedanken abstellen.”
Ich war noch gar nicht richtig wach, doch der Baumriese hatte natürlich recht. Zwischen Wollen
und Umsetzen war es noch ein harter steiniger Weg. Aber ich hatte viel Zeit. Normalerweise säße
ich jetzt in einem sterilen, mit Neonleuchten ausgestattetem, stickigen Büro, umgeben von
künstlichem oder hochgedüngtem Grün aus dem Baumarkt. Das Telefon würde mich ständig
terrorisieren, Termine mich hetzen etc. etc.; oder ich säße in der Berufsschule und müsste mir das
Wehklagen meiner Mitschüler anhören. Sprüche, wie ‘ach, wenn’s doch schon Feierabend wäre’
oder ‘ach wenn’s doch schon Wochenende wär’, sind ja besonders am Montag sehr beliebt. Aber
diesmal rief mich keine Stempeluhr zur Ordnung, keine Eltern stünden ungeduldig und antreibend
vor dem Bett, kein Schulbus trieb mich zur Eile... Stattdessen saß ich auf meinem Baum, war
pitschnass bis auf die Knochen und hatte Hunger; und den galt es jetzt abzustellen. Also stieg ich
aus meiner Baumkrone herab und suchte nach Essbarem. Wieder bestand mein Essen in erster Linie
aus Beeren und Früchten. So konnte das natürlich auf Dauer nicht weitergehen. Ich benötigte einen
Plan. Ich suchte nach Möglichkeiten mich irgendwie durchzuschlagen. Dazu gehörte meines
Erachtens die Jagd, das Fischen, und die Kunst, ein Feuer ohne Streichhölzer oder Feuerzeug zu
entfachen. Für die Jagd bräuchte ich Pfeil und Bogen, sowie eine Steinschleuder, für das Fischen
eine Angel. Zum Glück hatten wir Hochsommer. Im Wald gab es reichlich Möglichkeiten sich
notdürftig ‘über Wasser’ zu halten. Es ging um den heutigen Tag und morgen ginge es um den
morgigen und so fort. Als erstes schlachtete ich meinen Rucksack aus und fand einige Meter
Schnur, mein Taschenmesser und Faden. Mir war klar, dass ich in der elterlichen Wohnung und in
der Werkstatt meines Stiefvaters noch viele nützliche Dinge vorrätig hätte, doch es wäre wohl ein
Fehler, heute oder in den nächsten Tagen dort aufzutauchen. Sicherlich würde spätestens am
heutigen Abend die Polizei über mein Verschwinden in Kenntnis gesetzt. Trotzdem benötigte ich
einige wichtige Utensilien zum Überleben. Es galt also mich auf das Nötigste zu beschränken. Der
Hunger war vorerst das dringlichste Problem und so machte ich mich auf die Suche. Aber was
nützten mir meine Erfahrungen in der Schule oder in der Lehre - hier im Wald überhaupt nichts. So
musste ich mich wohl oder übel auf mein eigenes Geschick verlassen. Und das gestaltete sich als
äußerst schwierig. Nach längerem Grübeln fiel mir ein, dass an der Nordseite des Waldes einige
Kartoffel- und Kornfelder angrenzten. Wasser gab es am Försterhäuschen, gar nicht weit von hier.
Mit Papier und Bleistift, die ich in meinem Rucksack stets mit mir führte, machte ich mir einige
Notizen - einen Plan. So verwendete ich den Vormittag darauf mich mit Wasser und ‘geliehenem’
Gemüse einzudecken. Kartoffeln, Rüben und Korn packte ich in den Rucksack und das Wasser
füllte ich in die zwei Wasserflaschen, die ich von zu Hause mitgenommen hatte. Es war alles sehr
mühsam, aber immer noch besser, als öde und nutzlos in Schule oder Beruf zu stecken und mich
den ganzen Tag zu langweilen. So ließ ich mir Zeit und versuchte jeden Punkt meines Planes zu
erfüllen.
DER PLAN
Frühstück - Beeren, Wurzeln suchen
Kartoffeln und Korn vom Acker holen
Feuerstelle ausheben
Schlafplatz befestigen
Angelrute und Steinschleuder schnitzen
Pfeil und Bogen bauen
Trockenes Holz suchen/lagern
Salz besorgen
..in Option: Schlafsack, Streichhölzer, Kochtopf/Pfanne, Werkzeug, zweckmäßige Kleidung und
Sonstiges...
Allein das Erstellen des Planes verbrauchte unnötig Zeit und Energie. Nicht im Traum hätte ich je
daran gedacht, dass ich mir diese Zeit hätte sparen können. Denn der Plan zum Überleben ergibt
sich in der Natur ganz von selbst. Für dieses Wissen brauchte es Erfahrung, die ich zu diesem
Zeitpunkt noch nicht hatte. Die Eiche hatte sich sicherlich bei meinen Aktionen kaputtgelacht, ließ
mich aber von alledem nichts wissen. Wahrscheinlich war mein Plan in keinster Weise ausgewogen
oder komplett, aber ich wusste es einfach nicht besser. Wichtiger war mir, meine Aufgabe zu
erfüllen und alles dafür zu tun, den Baum und somit auch mich zu retten. Es war mir fast so, als ob
mich der Baum bei allen meinen Aktivitäten äußerst penibel beobachtete, aber ein Kommentar blieb
aus. Es war mittlerweile Mittag geworden, die Sonne stand zentral über dem Wald.
“Was willst du denn mit einem Plan? Wenn du Hunger hast, so kümmere dich darum. Genauso ist
es mit dem Trinken, mit dem Schlafen, mit der Kälte oder Wärme. Die Natur bestimmt deinen Plan;
sonst niemand...” kritisierte die Eiche. “Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Du bist sehr
hektisch und hast für nichts wirklich Zeit. Das ist bei euch Menschen eine weit verbreitete
Krankheit. Stell’ dir vor du wärst auf einer einsamen Insel und musst dich jetzt alleine
durchschlagen. Immer das Wichtigste zuerst, die Antworten gibt dir die Natur und dein eigenes
unverfälschtes Bewusstsein, das letztendlich nur von deinen Bedürfnissen geprägt ist.”
Ich wollte mit dem Baum keine großen Diskussionen beginnen. Also beschloss ich, mich als erstes
um das Ausheben der Feuerstelle zu kümmern. Ich sammelte große Steine und hob ein rundes Stück
Waldboden aus, sodass ich die Feuerstelle jederzeit wieder zudecken und tarnen konnte. Die Steine
platzierte ich außen und ließ genügend Platz zum späteren Feuer. Aber gerade das war mein
Problem, das Feuer! Am Anfang probierte ich es mit der Stöckchen-Holz-Schnur-Methode. Nach
einer Stunde, die mir unendlich vorkam, waren meine Hände knallrot vom Stöckchen-Drehen.
Meine Hände waren heiß, die Stoßflächen am Stöckchenende zum Holz hingegen lauwarm - das
konnte nicht die Lösung sein. Dann erinnerte ich mich an die früheren Wanderwege im Wald, die
ich nur zu häufig mit meinem Vater abgeschritten war. Sie waren zur Befestigung mit Kies
aufgeschüttet. Vielleicht funktioniert ja die Feuerstein-Methode. Aus einigen Steinzeit-
Dokumentationen wusste ich davon. Dazu braucht man zwei Feuersteine, trockenes Moos und Gras,
trockenes Laub und kleine Ästchen. Ich suchte mir einen windgeschützten Ort zwischen Steinen
und Baumwurzeln. Hier richtete ich alle Feuerutensilien sauber zurecht. Die Feuersteine fand ich an
einem ehemaligen Kiesweg. Wieder an der Feuerstelle angekommen probierte ich sogleich die
Prozedur. Ich versuchte mit den Feuersteinen, die ich schnell aneinanderschlug, die entstehenden
Funken in das trockene Moosbett zu schlagen und aufzufangen. Es war ein äußerst mühseliges
Unterfangen und die Funken wollten sich einfach nicht am Moos entzünden. So vermischte ich
verschiedene trockene Materialien. Mir war klar, dass ich keinen Feuerschwamm hatte, wie ihn vor
tausenden von Jahren die ersten Menschen zum Feuermachen verwendeten. Aber Hartnäckigkeit
siegt und ich schlug wie besessen die Feuersteine immer wieder aneinander. Zehnmal schlagen und
dann pusten und wieder von vorne... Meine Arme und Hände ermüdeten und die Handballen taten
mir weh. ‘Ein Himmelreich für eine Schachtel Streichhölzer..’ dachte ich bei mir und schlug weiter
die Feuersteine. Für die Zukunft würde ich mir extra trockenes Moos und Gras besorgen, das ich
eigens für das Feuermachen verwenden würde. Es war Nachmittag geworden und mein Hunger
wurde langsam aber stetig unerträglicher. Das Feuer brannte immer noch nicht. Trotzdem gab ich
nicht auf. Ich presste das Moos-Heu-Gemisch zu einem kleinen Handnest und probierte es von
neuem. Endlich konnte ich die ersten Funken an dem Material erkennen, konnte aber keine Flamme
entfachen. Ich probierte alles Mögliche, bis ich das kleine Moos-Nest leicht an die Öffnung einer
windstillen Stelle hielt. Doch auch das half nichts. Ich erinnerte mich, dass die Steinzeitmenschen
die entstehenden Funken ganz vorsichtig im Stroh fingen und diesen Funken mit dem Stroh in der
geschlossenen Hand anpusteten. Das versuchte ich mehrmals, und siehe da, nach einigen
Misserfolgen gelang es mir einen Funken zu isolieren. Ganz vorsichtig pustete, ja hauchte ich
meinen Atem in die Hand. Mit einem Male züngelte eine Flamme aus meiner Hand und es wurde
schnell heiß. ‘Jetzt bloß ruhig bleiben’ sagte ich zu mir und brachte vorsichtig das zarte Flämmchen
zu der vorbereiteten Stelle. Nach ein paar Augenblicken fing das Gesamtwerk zu rauchen an und
mit einem Schlag loderte urplötzlich, wie von Geisterhand entfacht, ein Feuer - mein erstes
konventionell erzeugtes Feuer. Auf mich wirkte dieses Ereignis wie ein Wunder und ich führte
einen Freudentanz um das Feuer auf. Was wird sich wohl der Baum gedacht haben als er
‘Rumpelstilzchen’ springen sah. Für mich hingegen war es die bis dato größte Leistung meines
Lebens...!
Nach Auskostung meines Erfolges stellte ich reflektierend fest, dass es wohl dem Glücke zu
verdanken war, dass diese äußerst abenteuerliche Prozedur funktionierte. Ich würde noch an meiner
Feuer-Entfachungstechnik feilen müssen. Doch für den Augenblick reichte das Erreichte…
“Das hast du sehr gut gemacht.” lobte mich der Baum. “So solltest du es mit allen Dingen machen.
Prüfe erst dein Vorhaben und mache dir dann anschließend Gedanken über den besten Weg.
Probiere alles aus wie ein kleines Kind. Die Erwachsenen wollen oft immer alles besser wissen und
bedienen sich gerne der einfachsten Mittel. Aber ich sage dir: Gerade an diesen elementaren
Dingen, wie zum Beispiel das Feuermachen, musst du dir die Natur und ihre Gewalten zunutze
machen. Sieh’ einfach einmal einem Kind beim Spielen zu. Du wirst bald erkennen, dass es viele
Positionen erst ausprobiert, um dann am Ende die richtige Lösung zu finden. Es hat es selbst
gelernt. Eltern mischen sich meist vorher schon ein und lösen das Problem,, dabei ist es für das
Kind nie eines gewesen, sondern eher ein Lernspiel, eine kostbare Lebenserfahrung. Das Kind hat
die Geduld dazu, seine Eltern nicht... Jeder Mensch muss lernen, dass alles, was im Leben wichtig
ist, Zeit benötigt. Die Kinder werden ihre Erfahrungen selber machen und lernen so auf natürlichem
Wege, Geduld mit den Prozessen der Natur zu entwickeln.”
Mir wurde klar was der Baum damit meinte und so ergänzte ich: “Eltern mischen sich gerne ein,
wissen alles besser und haben oft keine Geduld für die Erfahrungsprozesse ihrer Kinder. Beim
Spazierengehen sind Kinder zu langsam; bei den Spielsachen halten sie keine Ordnung; in der
Schule sollen sie funktionieren. Im Prinzip hat das Kind und auch später der Jugendliche in dieser
Gesellschaft überhaupt keine Möglichkeit, die Natur, sich selbst und die eigene Bestimmung zu
finden und kennenzulernen. So entwickeln sich Kinder und Jugendliche mehr oder weniger zum
besseren oder schlechteren Abbild der Eltern und unterliegen den maßlosen Konditionierungen des
augenblicklich vorherrschenden Systems.”
Der Hunger plagte mich fürchterlich und es war ein gutes Gefühl, die Kartoffeln ins mittlerweile
lodernde Feuer zu legen. Doch das allein würde wohl als Mahlzeit auf Dauer nicht genügen. Also
machte ich mich schnell daran mir eine Angel zu basteln. Genügend Schnur und Faden hatte ich im
Rucksack. Für kleine Fische würde es allemal reichen. Als Haken verwendete ich den Stift an den
Gürtelschnallen des Rucksacks. Mit den Steinen bearbeitete ich ihn so lange, bis eine echte Spitze
entstanden war. Mit meinem Taschenmesser arbeitete ich mit großer Mühe winzig kleine
Widerhaken ein, damit sich der gefangene Fisch nicht wieder befreien konnte. Zum Angeln selbst
könnte ich an den ‘Silbersee’ gehen, der unweit von hier am Waldrand lag. Als Kind spielte ich oft
dort und ging zum ‘Schwarzangeln’, was ja strengstens verboten war. Doch wer kümmert sich um
Verbote, wenn er hungrig ist? Angeln war für mich kein neues Abenteuer; ich hatte bereits
Erfahrungen mit meinem Vater sammeln können. Meine Angel war sicherlich nicht die schönste,
aber ich wollte ja auch keine großen Fische fangen. Ich wollte nur ‘Fisch’ fangen; einen
Schönheitspreis gab es da nicht zu gewinnen. Natürlich sah mir der Baum bei meinen Bemühungen
zu und konnte sich seine Sicht der Dinge nicht verbeißen.
“Eine schöne Angel hast du da. Ich bezweifele nicht, dass du damit Erfolg haben wirst. Aber auf
diese Art und Weise musst du auf die Fische warten. Du musst warten, bis sie deinen Köder
erkennen, anbeißen und noch Glück haben, dass sie am Haken hängen bleiben. Denke nach, und du
wirst sehen, dass es auch Methoden gibt, dass die Fische zu dir kommen.”
Mir war das langsam der Bevormundungen zuviel. Das kannte ich zur genüge von zu Hause. Ich
war hungrig und deshalb auch trotzig. Ich wollte mir nichts mehr sagen lassen... Es war schon spät
und das Loch in meinem Magen war übergroß. So machte ich mich auf den Weg zum See. Es
dämmerte bereits, als ich den Silbersee erreichte. Ich suchte mir eine ruhige und nicht einsichtige
Stelle und buddelte nach Köderwürmern. Diese spießte ich an meinem provisorischen Haken auf
und warf anschließend die Angel nahe am Ufer aus. Es wurde dunkel und meine Erwartungen
erfüllten sich nicht. Es war zu spät geworden und die Eiche hatte wieder einmal recht. Es war
sinnlos geworden den kleinen Fischen nachzustellen und so brach ich mein Vorhaben enttäuscht ab.
Der Weg zurück zu meinem Lagerfeuer schien endlos und als die Silhouette des vergehenden
Rauches des Lagerfeuers durch den Wald schimmerte wurde mir klar, dass es ein Fehler war noch
zum Fischen zu gehen. Man kann das Glück eben nicht herausfordern. Die Kartoffeln waren
verkohlt und der morgendliche Plan, den ich aufstellte, war längst überholt. Es war wie im richtigen
Leben. Ein Plan richtet sich eben immer nach der Tagesform und den aktuellen Gegebenheiten. Der
morgige Tag würde dem Fischfang gewidmet werden und nur diesem, aber eben mit aller
Konsequenz und Geduld. Der erste Tag im Wald neigte sich dem Ende und Erfolg und Misserfolg
reichten sich die Hand. Mein Baum erwartete mich bereits. Wahrscheinlich war die Enttäuschung
meinem Gesicht anzumerken, denn er sprach mich sofort darauf an.
“Ich sagte dir bereits, mache dir erst Gedanken über dein Vorhaben und suche Erkenntnisse über das
zu Erlangende. Du hast das Feuer unbeaufsichtigt und die Kartoffeln verkohlen lassen. Stattdessen
gabst du deinem inneren Trieb nach Jagd, getrieben durch den Hunger, kopflos freien Lauf und hast
somit wertvolle Zeit vergeudet. Das Ergebnis ist ungestillter Hunger. Nimm’ die Kartoffeln aus dem
Feuer, oder zumindest das was davon übrig ist, und komme herauf.”
Ich tat, was mir der Baum auftrug. Von den Kartoffeln waren nur noch verkrustete Hüllen übrig
geblieben. Sie waren ungenießbar. Trotzdem nahm ich sie mit nach oben. Als ich mich
einigermaßen in der Baumkrone eingerichtet hatte legte die Eiche los.
“Du hast Hunger - wir wollen essen!” Die Eiche fing an tief Luft zu holen. Im Blattwerk bewegte
sich etwas und die Baumrinde erzitterte. Ich verfolgte das Vibrieren aufmerksam den Stamm
entlang bis zum Boden. Die Wurzeln schwollen an und die Erde am Boden bewegte sich. “Aaah!
Jetzt gibt es erst einmal etwas zum Trinken.” Direkt vor meinen Augen trat Wasser, kristallklares
Wasser aus der Rinde. “Trinke es! Trinke es! Das ist gutes Wasser. Meine feinen Wurzeln holen sich
nur das Beste aus dem Grund.” Die Blätter der Eiche quollen an und die ganze Schönheit des
Baumes kam zur Geltung.
Über uns brachen die Wolken auf und der Mond stand rund wie ein Ball am Firmament. “Nimm’
etwas Honig zu deinen Kartoffeln.” empfahl die Eiche. Aus einem kleinen Astloch rann ein
goldbrauner Sirup und ich kostete... Es war eine Art Honigsirup. Ich tauchte meine halbverkohlten
Kartoffeln darin und aß sie alle auf - ratzeputz! “Wie machst du das mein Freund?” fragte ich den
Baum, nachdem ich mich restlos sattgegessen hatte. “Ich tue es, damit du die Natur verstehen lernst.
Es ist alles da was du brauchst. Jedoch nur, wenn du sie auch pflegst und die natürlichen
Gegebenheiten sich gegenseitig ergänzen. Du musst wissen, wann und wie du etwas der Natur
entnimmst. Es darf ihr niemals schaden. Das ist deine Verantwortung als Mensch.”
“Ich möchte so vieles auf einmal tun und mit meiner Arbeit schnell vorankommen.” entgegnete ich
dem Baum.
“Aber das ist doch keine Arbeit, die du hier verrichtest - es ist dein Leben! Jede deiner Taten
erfordert Hingabe, Dankbarkeit, Demut und Liebe. Was spielt da so etwas Kleingewichtiges wie
Zeit eine Rolle. Frage ein Eichhörnchen oder einen Falken wie spät es ist!? Hier an diesem Ort gibt
es nicht mehr und nicht weniger für dich zu finden als die wahre Suche und die wirkliche
Bekanntschaft mit deinem Selbst! Dein Selbst ist gütig und um das Geben bemüht. Du hast bis jetzt
auf dein eigenes Leben verzichtet. Ich will dich für dein Leben stark machen. Ich will dir deine
wahre Bestimmung offenbaren und für die Umsetzung dieser so fest machen, wie es nur möglich
ist. Du sollst ein Krieger werden. Wenn du gerufen bist von dem Herrn, dann darfst du nicht zögern,
deiner Bestimmung zu folgen; egal was kommen mag! Die irdische Welt ist dein Schlachtfeld. Die
Kraft dafür holst du aus deinem wahren Selbst. Dein Körper ist das Werkzeug für diese Aufgaben.
Behandle ihn gut, denn du hast nur diesen einen in deinem irdischen Leben. Er ist deinem Selbst
nur geliehen, um den Weg zu gehen, den du gehen musst.” Mit diesen Worten der Eiche endete
mein erster Tag im Wald.
‚Für Mateo war der erste Tag im Wald ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zum einen steuerte ihn
seine ungestüme Jugend bei der Planung und Umsetzung seiner zu schnell ins Leben gerufenen
Vorhaben auf Selbstversorgung zu unkoordiniert und rabiat. Zum anderen wollte er natürlich seinem
Mentor seine Selbstständigkeit unter Beweis stellen. Letztendlich fehlten ihm Erfahrung und
natürlich dazu das entsprechende Durchhaltevermögen. Die Empfehlungen des Baumes langweilten
Mateo zunehmend und so wollte der Ungestüme selbst und selbstbestimmt ans Ziel kommen. Die
Ergebnisse waren nicht die erwünschten und sie konnten es auch nicht sein. Die wichtigste
Erkenntnis des vergangenen Tages jedoch war, dass Mateo sich hier draußen bei und mit dem Baum
wohlfühlte wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Er ließ sich selbst von der erschreckend kalten
Morgendusche nicht schrecken und ging die Dinge an, die getan werden sollten oder mussten. So
sehr ihn die Bevormundungen und Ratschläge des Baumes auch ärgerten, so sehr inspirierten sie
ihn. Die Thesen des Baumes vom Sinn des Lebens blieben Mateo nachhaltig im Kopf. Der Titel
des Kriegers wollte nicht aus den Gedanken des Jungen weichen und so gefiel ihm die Vorstellung
selbiger zu sein und zu werden immer mehr. Das war für ihn etwas ganz Außergewöhnliches und
Besonderes. Doch gab es für Mateo noch viel zu lernen, das war ihm bewusst. Probleme hat Mateo
mit den für ihn unerklärbaren Wundern. Das Wasser und der Harzhonig des Baumes – diese Dinge
konnte er nicht aus seinen Gedanken vertreiben. Es waren für ihn seltsame, in höchstem Maße
mysteriöse Ereignisse, die der Siebzehnjährige erst verarbeiten musste. Die Zeit der Märchen und
Heldensagen schien doch schon seit vielen Jahren vorbei zu sein – nun waren sie wieder voll
entflammt und in höchstem Maße präsent.‘
Kapitel 4: Die Schule des Waldes
Meine Gefühle waren von dem Wunsch nach diesem neuem Leben, von dem die Eiche sprach,
beseelt. Die Natur war mir so nahe wie nie zuvor. Es war, als ob sich ein Kreis geschlossen hätte,
oder sich ein großes Tor öffnete. Mein Blick war klar und ungetrübt, mein Urvertrauen zu mir selbst
neu hergestellt - das pure Leben in mir. Meine reine eigene Natur kam zum Vorschein und die große
gläserne Kuppel, die mir schon immer ein Gefängnis war, öffnete sich zum zweiten Male in
meinem Leben. Zum ersten Mal machte ich Bekanntschaft mit der Freiheit und hatte das
fadenscheinige Muster der Frevler durchschaut - ich werde rebellieren, das war klar - genauso wie
es meinem Selbst bestimmt war... Ich werde um meine Freiheit kämpfen, denn mein Leben gehörte
mir und sonst niemandem!!
In dieser Nacht plagten mich fürchterliche Alpträume. Nicht etwa die Angst, eventuell vom Baum
herunter zu stürzen zu können, nein, es suchten mich meine Gedanken heim. Ich sorgte mich um
meine Eltern, fremde Menschen suchten und verfolgten mich. Sie schienen mir die ganze Nacht auf
den Fersen. Immer gelang es mir erst im letzten Augenblick, ihnen allen zu entkommen. Die
Schlafposition in der Astgabel wurde von meinen hektischen Alptraumgestiken zunehmend
unangenehmer. Mit einem Male fiel ich aus meinem Laubbett, und, wie wenn es der Baum geahnt
hätte, fing er mich kurz vor dem Boden auf. “Na na na, was ist denn los mein Junge? Sie verfolgen
dich sogar nachts bis hinein in deine Traumwelten. Aber auch deine Traumwelt ist Gedankenwelt.
Du kannst sie positiv beeinflussen. Du wirst in deinem Leben etwas Stärkeres setzen als ein
schlechtes Gewissen gegenüber anderen... An der Qualität deiner Träume erkennst du das wahre
Dilemma, in dem du dich befindest. Du bist nicht im Wald und nicht bei mir und nicht in der Stadt
bei deinesgleichen - du bist zerrissen zwischen diesen beiden Welten - eine davon muss sterben. Du
sollst einzig und allein deinem Selbst gerecht werden, ohne allerdings dabei in Selbstgerechtigkeit
zu verfallen. Die einzige Antwort auf deine dich aufzufressen drohenden Gedanken ist die Liebe.
Die Liebe zu jeder deiner Handlungen, die Liebe zur Schöpfung, die Liebe zum Erleben jedes
Augenblickes. Mehr gibt es auf dieser Welt nicht zu bekommen - das ist alles! Das Wissen darum
nützt dir wenig; das ist nur sinnlose Theorie. Du musst es leben von ganzem und mit reinem
Herzen. Den ersten Tag warst du bei mir und dachtest doch nur in erster Linie an Pläne, an Jagd und
eigentlich an alles, was dir praktikabel und rentabel erscheint. Das Einzige, was du am ersten Tag
sehr gut gemacht hast, war dein Freudentanz nach der äußerst holprigen Feuertortur. An diesem
Ereignis, dass dir sicherlich nicht mehr so bewusst ist wie mir, solltest du deine zukünftigen
Aktionen messen. Und bitte, gehe morgen nicht in den Wald um Tiere zu töten und zu essen. Am
Anfang steht die Reinheit, also wirst du dich zu allererst reinigen. Man kann wohl eine Reinigung
nicht mit einem Tötungsdelikt beginnen. Wir haben Hochsommer und die Früchte wachsen dir wie
göttliche Magie direkt in deinen Mund hinein, du musst sie nur in demselben zergehen lassen und
sie hinunterschlucken. Sieh dir deine Haut an, sie ernährt sich von der Sonne, von Licht. Sieh dir
die Sonne an, alles lebt von ihr, alles gedeiht durch ihre Kraft. Der Mensch ist die
hochentwickelteste Pflanze von allen... Er saugt die Sonnenenergie auf und wandelt sie um in
Wachstum, mit dem Unterschied, dass vor allem sein Geist durch sie wächst, nicht nur der Körper.
Der Genuss von Fleisch ist für den Menschen eher ein Übel als ein Nutzen. Denn wie viel mehr
Sonne und Licht birgt eine Frucht in sich im Gegensatz zu einem Tier.”
Aufgrund meiner misslichen Situation war mir überhaupt nicht nach Reden zumute. So stieg ich
vom Baum herab - es war stockdunkle Nacht. Ich war sehr zornig und nahe daran alles hinzuwerfen
und den Heimweg anzutreten. Da erinnerte ich mich an die alte Bärenhöhle, die mein Vater mir
einmal vor vielen Jahren bei einem unserer vielen Waldspaziergänge zeigte. Sie lag an einer kleinen
Anhöhe, so um die 500 Meter von hier. Dort könnte ich den Rest der Nacht verbringen. Ich war
todmüde und tapste wie ein Elefant im Porzellanladen durch die Finsternis. Als ich endlich an der
Höhle ankam, wusste wohl jedes Tier im Wald, wer da wohin unterwegs war. Glücklich darüber,
angekommen zu sein, kroch ich auf allen Vieren in die Höhle. Da schauten mich plötzlich glutrot
leuchtende Augen an und ich vernahm ein furchterregendes Knurren. Dann ging alles sehr schnell.
Ich erschreckte mich und konnte nicht vor oder zurück. Ich spürte einen heftigen Schmerz an
meinem rechten Bein und bemerkte, dass ein wolliges Etwas an mir vorbei ins Freie entwich. Mein
Bein blutete heftig, doch ich konnte nichts sehen. Am Geschmack erkannte ich, dass ich verletzt
war. Es war mir jedoch ziemlich egal, denn ich war hoffnungslos übermüdet - ich wollte nur
schlafen. Endlich eingeschlafen, dauerte es bis zum nächsten Mittag, bis ich registrierte, dass es Tag
war. Als ich meinen Kopf aus dem dunklen Waldverlies reckte, stand die Sonne direkt über meinem
rotierenden Schädel. Es stimmte, was der Baum mir sagte; ‘Zeit spielte hier keine Rolle.’ Eher noch
die Tatsache, dass ich den halben Tag verschlafen hatte. Ich begutachtete meine Verletzung an
meinem rechten Bein und musste feststellen, dass ich an der Wade eine Bisswunde hatte. Es sah
nicht sonderlich schlimm aus, doch war es in der Höhle sehr feucht gewesen, was der Wunde nicht
besonders zuträglich war.
Als ich mich etwas später auf den Weg zurück zur Eiche machen wollte, vernahm ich laute
Stimmen, die unüberhörbar durch den Wald hallten. “Immer die Abstände einhalten. Wenn
irgendjemand etwas findet, soll er es sofort melden!” rumpelte der Tonfall des Polizeiwachtmeisters
durch den Wald. Zweifellos war diese Truppe auf der Suche nach mir und durchstreifte deshalb
dieses Gebiet. Ich versteckte mich sofort in meiner Höhle und beobachtete die Szenerie aus
angemessener Entfernung. Der Trupp ging geradezu in Richtung Eiche. Sicher würden die Männer
da einige meiner Sachen finden und natürlich, trotz der Tarnung, auch die Feuerstelle. Doch was
sollte ich machen? Es war zu spät ihnen zuvor zu kommen. Schlimmstenfalls, dachte ich, würden
sie in den nächsten Tagen nochmal wiederkommen. Aber für den Fall würde ich vorsorgen, denn in
meiner Höhle fände mich so schnell niemand. Als die Stimmen weit genug entfernt waren, verließ
ich zögerlich mein Versteck. Die Sonne blendete mich und ich hatte einen muffigen Geruch von
modernder Erde an mir. Zudem hingen jede Menge Haare an meinen feuchten Klamotten. Jetzt
konnte ich mich auch meiner Verletzung an meinem rechten Bein widmen. Dem Bissmuster und
den Haaren nach zu schließen, handelte es sich bei meinem Widerpart um einen Fuchs. Er war wohl
in der Situation erschreckter als ich gewesen und handelte aus reinem Überlebenswillen. Schon
geisterten Schreckensbilder von Fuchsbandwurm und Wildtollwut durch meinen Kopf. Überhaupt
musste ich erkennen, dass so ziemlich alles, was heutzutage mit dem Wald in Verbindung gebracht
wird, in ein negatives Licht gerückt wurde. ‘Esse keine Beeren wegen diversen Würmern, keine
Pilze wegen Schwermetallen und radioaktiver Belastung, keine Früchte wegen eben diesem
Fuchsbandwurm und diversen Vergiftungen, meide Unterholz wegen Zecken, Waldlichtungen
wegen Kreuzottern und Vipern, bei Unwetter Einschlaggefahr und so fort. Die Bisswunde hingegen
sah nicht weiter schlimm aus. Der Fuchs biss mich vor Schreck, aus Angst, im Affekt - sollte ich
ihm einen Vorwurf machen - hätte ich nicht ebenso gehandelt? Niemand hätte es wohl gerne gehabt,
wenn man ihn des nachts von seinem angestammten Schlafplatz vertrieb... Vielleicht hätten wir uns
auch einigen können - doch konnte ich nicht ‘fuchsisch’. Bei meinem plumpen Auftreten wäre das
aber eine Zumutung für Tier oder Mensch gewesen. Ich machte mich sogleich auf den Weg zurück
zur Eiche und ließ dabei höchste Vorsicht walten. Vielleicht kämen sie das nächste Mal mit ihren
Spürhunden. Ich dürfte in Zukunft nichts dem Zufall überlassen. Beinahe kam ich mir vor wie ein
Verbrecher und in gewisser Weise war ich es auch. Wie bereits von mir erwartet hatten sie die
Feuerstelle entdeckt und verschiedene Untersuchungen angestellt. Ob sie wohl herausfanden, dass
ich das Feuer mit bloßen Händen entzündete? Es wäre eine kleine Genugtuung für mich gewesen...
- vor allem aber dann, wenn es meine Eltern erführen! Priorität für sie wäre wohl, dass es ein
Lebenszeichen von mir wäre. Ein Gutes hatte mein ‘Abenteuer’ auf jeden Fall: sie würden eine zeit
lang weniger fernsehen und eventuell auch ihr arbeitsspezifisches Engagement hinterfragen. Was
mich betraf - ich hatte kein schlechtes Gewissen! Instinktiv ahnte ich, dass ich der Eiche heute
fernbleiben müsste, wollte ich mich nicht verraten und ‘eingefangen’ werden. Gleichzeitig warf
diese angenommene Situation die Frage auf, was denn passieren würde, wenn... Käme ich dann ins
Gefängnis? Oder bekomme ich dann einen Stempel zwischen meine Augen? Zu viele Fragen - keine
Antworten! Ich entbot kurzerhand meinem Freund, der Eiche, einen leisen Gruß - “Auf
Wiedersehen - bis die Tage!” “Oder Nächte.” erwiderte er mir und ich machte mich auf den Weg,
etwas tiefer in den Wald. Die Holzfäller würden wohl nicht die nächsten Tage erscheinen und meine
Eiche als erstes fällen... Im Augenblick zählte allein erst einmal Ich! Und es war herrlich, ein
unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, ungekannt, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, durch
den Wald zu marschieren. Ich hielt mich vordringlich den Pfaden fern und wenn ich an einem Ort
verweilen wollte, inspizierte ich penibel das nähere Umfeld nach verdächtigen menschlichen
Geräuschen. Auf meinen Streifzügen durch den Kulturwald fand ich ein paar Steinpilze und merkte
mir die Orte genau. Ich konnte die wäldlichen Kostbarkeiten im Prinzip gar nicht verfehlen, denn
wer sich im Unterholz bewegt, zu dem kommen die Köstlichkeiten des Waldes von ganz allein... Es
war Nachmittag geworden und ich war hungrig. Das tägliche Problem bedarf einer Lösung.
Haselnüsse taugten gut als Vorspeise, doch hatte ich naturgemäß großen Appetit auf Steinpilze. Auf
meinem Streifzug fand ich zum Glück Salzkristalle, die für die Rehe ausgelegt waren - sie würden
es mir verzeihen. Mit etwas Geduld komplettierte ich meinen Einkaufszettel mit wildem
Schnittlauch und wilden Möhren. Die Wurzeln von letzteren waren recht klein und so verwendete
ich das junge Kraut gleich mit. Keinesfalls war es zu irgendeinem Augenblick langweilig für mich,
ich war auf der Suche nach einem schönen Platz, am besten eine kleine Anhöhe. Nach akribischem
Forschen fand ich endlich einen kleinen Ausguck. Auf dem Hügel standen stolz alte Kiefern im
Wechsel mit Eichen aller Staturen und Figuren. Sie umragte ein Meer von fast seidenartig
anmutendem Gras. Unter den alten Riesen war der Boden knochentrocken. Weißdorn, Wacholder
und Schlehenbüsche rundeten das Bild - nach Beeren war mir heute beileibe nicht. Das trockene
Gras eignete sich hervorragend zum Feuermachen. Dieses Mal brauchte ich nur knapp eine Stunde
bis es mir gelang. Die aggressiven Stechmücken und Pferdebremsen trieben mich hartnäckig an.
Feuer ist das beste Mittel, um sie zu vertreiben. Ich würde meine Haut nach dem Mahl mit Asche
einreiben - vielleicht hilft es. Als Topf für mein Pilz-Karotten-Kräuter-Gericht verwendete ich einen
alten Bundeswehrhelm, den ich auf meiner Odyssee durch den Wald gefunden hatte. Ich riss das
Innenleben aus dem Helm und baute mir aus Weidenstangen eine stabile Kochvorrichtung über dem
Feuer. Mit dem Kinnverschluss hängte ich den Kessel ein. Leider hatte ich weder Öl noch Fett. So
blieb mir nichts anderes übrig, als einige Bucheckern und Eicheln auszustampfen, um aus diesen
einen Hauch Öl zu gewinnen. Im Nu ließen die Pilze in diesem provisorischen Fett ihr Wasser und
ich gab die Zutaten nach und nach dazu. Geduld ist der beste Koch, erinnerte ich mich an einen der
Sprüche meines Vaters, und speiste köstlicher als jemals zuvor in meinem Leben. Gerne würde ich
mich darüber mit jemanden austauschen, zum Beispiel mit meinen Eltern oder mit meinen
Freunden, doch wenn ich ehrlich bin, wäre da nur ein einziger Mensch - Siobhan! Und überhaupt,
was sollte die Prahlerei - Prahlhänse waren mir zuwider und in der Höhle der letzten Nacht war es
zu feucht... Also machte ich mich nach dem Mahl auf den Weg nach Nirgendwo! Mein Vater sagte
immer zu mir; ‘Immer, wenn du dich im Wald verlaufen hast, dann lernst du ihn wirklich und ganz
und gar kennen!’ - er hatte recht! Und so genoss ich es, mich an diesem Tag im Wald so richtig,
nach allen Regeln der Kunst, zu verlaufen. Ein wirkliches ‘Verlaufen’ jedoch konnte es in diesem
Land wohl an keinem Punkt geben. Ein Land, in dem kein Stück der Natur gehörte, sondern alles
feinsäuberlich penibel ausgemessen und verkauft war und jeder Quadratzentimeter einem
Eigentümer unterlag...
Gegen Abend, nachdem ich mich sattgegessen hatte, kletterte ich auf eine der vielen Eichen, um
Ausschau zu halten. So entdeckte ich zufällig eine kleine Hütte im Wald und machte mich flugs auf
den Weg. Ich vergewisserte mich, dass ich allein war und inspizierte sie genau. Sie lag geschützt
mitten im Wald und die Eingangstüre war mit Schloss und Riegel gesichert. Die Reifenspuren an
der Front ließen auf gelegentliche Treffs von Einheimischen schließen. Direkt daneben war ein
kleiner Teich angelegt worden, der mit kleinen Uferböschungen umsäumt war, die hervorragende
Deckung boten. Mein Abendessen setzte sich aus wilden Möhren und frischem Wasser zusammen.
Die Sonne ernährte mich schließlich den ganzen Tag - so mangelte mir an nichts und ich begab
mich zur Ruhe. Und - wer nicht arbeitet muss auch nicht so viel essen... - eine Logik, die viel für
sich hatte.
Zwei Tage und Nächte verbrachte ich an diesem Teich. Das nette Holzhäuschen war komplett
eingerichtet und die letzte Nacht verbrachte ich im Holzschuppen, der zu meinem Glück mit ein
paar Pferdedecken ausgestattet war. Dazu lagerten unter einer Luke ein paar Gläser Eingemachtes
und diverse Konserven. Ich verzehrte das Eine oder Andere mit einem leicht schlechten Gewissen,
oder auch nicht, doch war meine Situation eine besondere und der Tatbestand nur schlichter
Mundraub, der wohl ungeahndet bleiben müsste... Am dritten Tag machte ich mich frühmorgens auf
den Weg. Die Bisswunde des Fuchses an meinem Bein war nahezu verheilt. Ich behandelte sie mit
einem Brei aus Brennesseln, Kamille, Weißdorn, Ringelblume und Waldmeister. Das waren so
ziemlich die einzigen Kräuter, die ich nachweislich kannte... Diese Mixtur und mein fester Glaube
daran ließen mein Bein ausheilen - ich war richtig stolz auf mich. Auf meinen Streifzügen fand ich
viele nützliche Sachen wie leergetrunkene und achtlos weggeworfene Flaschen, ein altes
Taschenmesser, schöne Astgabeln für zwei Steinschleudern, einen dienlichen Wanderstock, einen
alten Hut und vieles mehr... Mittlerweile sah ich aus wie ein Wegelagerer und fand mich mit dem
Outfit gar nicht übel - fast trendy! Nur war das alles schon längst kein Abenteuer mehr, denn ich
spürte wie sich langsam die Tür zu meinem alten Leben schloss... - unwiederbringlich! Ich
vermisste niemanden und bekam jeden Tag neue Freunde und neue Freude in mein Leben. Ein
kleiner Bach kreuzte meinen Weg und ich erfrischte mich in dem kleinen unverhofften Rinnsal.
Da hörte ich plötzlich aus der Ferne Hundegebell! Sie kamen mit Hunden - sie waren mir auf der
Spur! Mit der mannigfaltigen Abenteuerliteratur eines 17-jährigen im Kopf watete ich bachaufwärts
durch das Wasser, um meine Duftspur zu verwischen. Ich schnitt, wie wild geworden, unterwegs
Weidenruten ab, band diese zu einem Besen und zog am Ufer diese Schleppe hinter mir her. Panisch
suchte ich einen geeigneten Baum, eine vor Laubwerk strotzende Linde und versteckte mich in
ihrem Blätterdach und verharrte wie der Todgeweihte vor dem Schurken... Mal rückte das
Hundegebell näher, mal war es wieder weiter entfernt... Es dauerte Stunden, Stunden der Angst,
Stunden des Entdeckt-Werdens, Stunden der Verzweiflung, bis Gebell und Menschenstimmen
endlich verstummten. Derweil war es später Nachmittag geworden. Die Sonne legte sich auf den
Wald nieder, um dann hinter diesem grün-grau-roten Vorhang ohne eine letzte Verbeugung von der
Bühne zu verschwinden. In ihrem glutartigen Rot stiegen Fledermäuse auf und manövrierten
geschickt, tanzten vor der Kulisse dahinziehender Schafherden, weit entfernt am Firmament. Es war
Zeit wieder herunterzusteigen - die Gefahr war vorbei, doch meine Angst nicht... - die Gedanken
waren zurück! Meine Beine waren taub und verlangten nach Bewegung. So gab’ ich dem Wunsche
gerne nach und schickte mich an, die alte Eiche zu besuchen. Ich brauchte dringend Unterstützung
und Rat - ich fühlte mich plötzlich allein und verlassen. In flottem Tempo bewegte ich mich,
beinahe hektisch, in meinem neuen Zuhause. Der unheimliche Ruf des Kauzes begleitete mich, er
war der richtige Kamerad auf meinem Weg. Buschwerk, tiefhängende Äste, glühende Augen - alles
keine Hindernisse mehr für mich... Meine Bewegungen und mein Sinnesempfinden waren sensibler
geworden. Ich spürte die Hindernisse und mein ganzer Körper war in ständiger Alarmbereitschaft,
wobei die Betonung klar auf ‘Bereitschaft’ lag, denn eine Not verspürte ich zu keiner Zeit. Auch
Ängste waren mir fremd geworden - ich freute mich auf die Begegnung mit meinem ‘Baumvater’!!
“Baumvater! Baumvater!” rief ich ihm aus der Ferne zu. “Lieber Baumvater!”
“Mateo, Junge! Was ist los mit dir? Je später der Abend, desto...” erwiderte er.
“Sie haben mich nicht bekommen. Ich habe sie ausgetrickst. Ein Fuchs hat mich gebissen und ich
habe mich selbst geheilt, ..mit Kräutern. Ich bin beweglicher denn je und Feuer bekomme ich jetzt
schon in ein paar Minuten hin...” polterte es aus mir heraus.
“Ich sehe Junge, ich sehe. Du siehst gut aus. Aber in einem muss ich dir widersprechen. Nicht du
hast dich geheilt. Nein, es war die Natur, die Erfahrung mit ihr, der Versuch, das Bemühen, das
unabdingliche Jetzt, das dies vollbrachte. Genauso, wie sie es dir antat...!”
Es war der einzige Punkt, den die Eiche heute an mir kritisierte…
‚Mateo war im Wald angekommen. Und er hat für seinen Freund einen Namen gefunden. Es
verwundert kaum, dass das Wort Vater in diesem Namen Bestand hatte. Wie sehr musste der Junge
wohl seinen leiblichen Vater in der Vergangenheit vermissen oder vermisst haben. Einen Trennung,
eine Scheidung, das ist wohl etwas für Erwachsene und als Thematik für Kinder höchst
unverständlich, ja schlichtweg eine Katastrophe. Mateo sah in der Eiche nicht nur einen Mentor,
sondern durchaus väterliche Züge. Zumindest war es sein Wunsch, dass ein Vater so sein sollte wie
diese Eiche. Aber noch viel mehr hat sich in den letzten Tagen ereignet. Mateo ist in kürzester Zeit
seinem Zuhause auch mental enteilt und ist dabei, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und
sich ohne Rücksprache mit Dritten auf ein neues Schicksal, ja Abenteuer, einzulassen. Egal, ob die
Bemühungen sich zu versorgen oder Feuer zu entfachen, von Erfolg gekrönt sind. Für den Jungen
zählte nur, sich nicht entmutigen zu lassen und die Prozesse Detail für Detail zu entdecken und zu
einem Erfolg wachsen zu lassen. Doch all‘ die kleinen Erfolge wären Makulatur, hätte ihn der
Suchtrupp an der Höhle aufgestöbert. Ja, die Behörden waren bereits alarmiert und es wurde
eindringlich nach Mateo gesucht. Ein Suchtrupp mit knapp 15 Mann war durch den Wald unterwegs
und hatte zweifellos Spuren von ihm entdeckt. Was Mateo nicht wissen konnte, ist, dass seine
Eltern natürlich eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten und dass Polizei, Feuerwehr, technisches
Hilfswerk und verschiedene engagierte Bürger, sowie Forstleute und Waldbesitzer über das
Verschwinden Mateos in Kenntnis gesetzt wurden. Sogar Hundeführer waren bereits bestellt und
die nächste Suchaktion wurde bereits vorgeplant. Von all‘ dem wusste Mateo nichts, doch müsste er
sehr schnell im Wald reifen, um den nächsten Suchaktionen zu entgehen. Gleichsam schritten die
Rodungsarbeiten im Wald voran und es wird nicht mehr lange dauern, bis auch das kleine Wäldchen
an der Waldlichtung den Sägen zum Opfer fiele… Die Uhr tickte… - in alle Richtungen – „Mateo,
sei wachsam!“ ..möchte man ihm zurufen…‘
Kapitel 5: Mateo und Siobhan
Der neue Name schien meinem Baum zu gefallen - Baumvater! In dieser Nacht erzählten wir alles
was uns einfiel. Wir lachten und weinten miteinander, wir schwelgten in Erinnerungen und sprachen
über das aktuelle Geschehen. Baumvater erzählte mir, dass sogar die Feuerwehr, meine Eltern und
einige meiner Freunde an ihm Untersuchungen anstellten. ‘Es läge die Vermutung nahe, dass ich
mich noch im Wald aufhalten könnte, da die Spuren von mir darauf hinwiesen...’, so der einhellige
Tenor der besorgten Gemeinschaft. Was sollte ich davon halten? Im Prinzip interessierte es mich
nicht. Doch da fuhr Baumvater fort: “Da war aber gestern noch jemand.” “Wer?” fragte ich sofort
und mit Nachdruck, da die Eiche sehr geheimnisvoll tat. “Ein junges Mädchen mit Sommersprossen
und roten Haaren - sehr roten Haaren.” Wie ein Blitz fuhr es mir durch Geist, Seele und Körper.
Siobhan war hier, zweifellos. Ich wollte mich und meine Gefühle nicht gleich Baumvater verraten
und versuchte mich zu beherrschen. Trotzdem jubilierte dieses Gefühl in mir so heftig, sodass es
mir Mühe bereitete, meine innere Aufgewühltheit zu unterdrücken - aber es war ein überwältigend
angenehmes Gefühl. Wohlig und bis dato ungekannt durchströmte es mich, verursachte
schweißnasse Hände, trieb mir unzählige winzige Perlen auf die Stirn. Meine Augen funkelten wie
glänzende bunte Glasschusser und ich hätte vor Glück meinen Baumvater umarmen können. “Du
kennst dieses Mädchen, nicht wahr? Ist es diese Irin namens Siobhan, von der du mir in einer
unserer gemeinsamen Nächte erzähltest?” riss mich Baumvater unvermittelt aus meinen
Tagträumen und Erinnerungen. “Ja, sie ist es!” entgegnete ich ihm. “Ich muss sie unbedingt treffen.
Bis ich endgültig bei dir im Wald blieb, verbrachte ich noch teilweise zwei Tage und Nächte zu
Hause und unterrichtete sie von den unheimlichen Geschehnissen hier im Wald und natürlich
erzählte ich auch von dir. Jetzt bin ich endlich nicht mehr so ganz allein und kann mit ihr meine
Gedanken teilen.”
“Du bist nicht allein, mein Freund. Und das weißt du. Die letzten Tage haben es dir bewiesen. Ich
merke dir an, dass da mehr ist, als du mir jetzt anvertrauen möchtest. Aber ich kann dich sehr gut
verstehen - du bist schließlich ein Mensch... Ach, ehe ich es vergesse. Deine Siobhan hat dir eine
Botschaft hinterlassen und sie in eines meiner hohlen Astlöcher gelegt.”
Sofort besorgte ich mir den zusammengeknüllten Zettel und entfaltete ihn. Vor lauter Aufregung
vergaß ich, dass die Botschaft natürlich in Englisch verfasst war. Aber der Text war leicht zu
verstehen.
‘Hallo Mateo, ich weiß du bist hier irgendwo. Deine Eltern haben mir dein Zimmer gegeben. Sie
machen sich große Sorgen. Ich würde dich gerne sehen. Bitte sage mir wo wir uns treffen können.
Mir ist klar, dass es gefährlich sein kann, wenn wir uns treffen. Habe bitte keine Angst, denn ich
werde dich nicht verraten. Ich komme ab morgen jeden Tag im Morgengrauen und in der
Abenddämmerung zu dieser Eiche. Ich nehme an, das ist der Baum, von dem du mir erzähltest. Er
ist wunderschön und von stolzer Statur. Er gefällt mir - er wirkt majestätisch, wie ein großer
König...
Deine Siobhan’
Heute kam sie also nicht mehr, dachte ich. Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken,
jetzt sofort heimlich nach Hause zu schleichen, um mit ihr zu reden, sie zu sehen, einfach mit ihr
zusammen zu sein - so groß war die Sehnsucht mit einem Menschen meines Vertrauens zu
sprechen. Schließlich war es schon geraume Zeit her, dass ich mit einem menschlichen Wesen
kommunizierte. Aber es wäre dumm, gerade jetzt, nachdem ich mich im Wald einigermaßen
zurechtfand, alles aufs Spiel zu setzen. Und was würde mit Baumvater geschehen? Schnell
verabschiedete ich mich wieder von dieser unvernünftigen Idee, denn morgen war schließlich auch
noch ein Tag. Ich hatte mir geschworen diese Sache durchzustehen. Es ging um dieses neue, so
zerbrechliche Leben, dass ich für mich in den letzten Tagen eingeläutet hatte. Ich war so nahe bei
meinem Selbst wie noch zu keinem anderen Zeitpunkt in meinem Leben. Diese Erfahrungen, diese
Errungenschaften würde ich mir so schnell von keinem streitig machen lassen. Baumvater darf nicht
gefällt werden! Überhaupt dürfte man doch nicht einfach Bäume fällen oder Tiere töten nur der
eigenen Profitsucht wegen. Baumvater und ich tauschten uns an diesem Abend noch lange aus und
uns beiden war klar geworden, dass die gemeinsamen Tage anfangs zwar nur ein Intermezzo waren,
aber jetzt thematisch immer mehr an Gewicht gewannen - egal wie unsere Geschichte wohl
ausgehen möge... Wir konnten beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen, auf welche
Katastrophe wir zusteuerten. Wir vereinbarten uns für den nächsten Morgen, ganz so wie es auch
Siobhan ankündigte. Danach schlug ich mich wieder in die Büsche. Am heutigen Abend stand das
Studium verschiedener Waldbewohner auf dem Programm. So machten mir die Eichelhäher große
Freude. Noch vor einer Woche ertappten sie mich bei jedem meiner Schritte und veranstalteten
dementsprechendes Gezeter. Ich kam mir stets vor wie ein Elefant im Porzellanladen. Mittlerweile
hatte sich das Bild gewandelt. Ab und an ertappte ich die Eichelhäher. Ob bei der Nahrungssuche
oder beim Bad in einem Ameisenhaufen. Was unsere gegenseitige Beobachtungsgabe anging
standen wir uns in nichts mehr nach. Diese Lautlosigkeit zu perfektionieren war die
Grundvoraussetzung, um nur irgendetwas im Wald zu entdecken oder beobachten zu können. Um
für die Tiere des Waldes unerkannt zu bleiben musste man riechen wie sie…, schleichen wie ein
Luchs, listig sein wie ein Fuchs, ruhig verharren wie ein Kitz im Felde, wendig sein wie ein
Feldhase, seinen Status präsentieren wie ein stolzer Wolf; schlicht, ich musste selbst zu einem Teil
des Waldes werden. Die Kunst des Feuermachens allein half da herzlich wenig. Und so ging ich
nach und nach die Spielchen ein, die mir der Wald anbot, die der Wald von mir forderte. Das ständig
vom Revierfieber getriebene Rotkehlchen machte einen mehr als neugierigen Eindruck und würde
es bei Gefahr wohl mit jedem aufnehmen, der nicht größer ist als es selbst. Der flinke Zaunkönig
hielt meine Augen bestens in Schwung. Mal hier mal dort karikierte er für mich das Leben vieler
meiner menschlichen Artgenossen. Auch sie bewegten sich aus meiner Erfahrung heraus immer
äußerst hektisch, planlos und verwirrend. Jedoch treffen beide letzteren Attribute nicht auf den
Zaunkönig zu, denn jede seiner Handlungen machte Sinn. Er ist derjenige, der stets seinen
Besitzanspruch schier selbstlos Nachdruck verleiht. Schichtest du einen Stoß aus Holzscheiten,
dauert es keine fünf Minuten und er sitzt darauf um zu verkünden, dass dieser jetzt zu seinem
Revier gehört – und das tut er lauthals. Verzückt und verträumt beobachtete ich das Treiben der
Singvögel und zunehmend wurde mir klarer, wie wenig wir von diesem Wissen in der Schule
vermittelt bekamen. Was nützt es, die verschiedenen Vögel aus Büchern oder von Bildern her zu
erkennen, wenn wir sie nicht wirklich kennen oder sie in ihrem natürlich angestammten
Lebensraum ‘erlebt’ haben. Kaum einer meiner Freunde oder Bekannten würde zweifelsfrei
bestimmen können, wie ein Zaunkönig oder ein Kleiber aussah und was die Besonderheiten an
ihnen waren. Könnte es etwa sein, dass ich ein absoluter Sonderling war und irgendetwas mit ‘mir’
nicht stimmte? Könnte es etwa sein, dass die Evolution des Menschen sich über der der Natur zu
bewegen hätte und die Expansion einer Fabrik auf Kosten des Waldes etwas Normales sei..., oder
dass ein Naturmensch wie ich es war, durchaus im Büro dieses Konzerns an diesem Dilemma als
stiller Beobachter teilhaben sollte, sich aber hierfür innerlich zerfleischen musste, bis nichts mehr
von diesen Gefühlen übrig war. Nein! Das konnte nicht möglich sein. Ich entschied, dass meine
Weltsicht von Grund auf in Ordnung war und beschäftigte mich wieder mit der wichtigsten Sache
des heutigen Abends - dem Studium der heimischen Singvögel. Der Wald war die Bühne und die
Hauptdarsteller gaben sich größte Mühe mir zu gefallen. Unter anderem zeigten sie mir dabei
wieder allerlei Essbares. Die Früchte und Blüten, die sie mir unbeabsichtigt zeigten, reichten aus für
Tee und Kompott.
Es war dunkel geworden und in meinem kleinen mobilen Beutel hatte sich einiges angesammelt.
Beeren, Bucheckern, Nüsse, wilde Möhren, Petersilie, Schnittlauch - von vielem etwas. Das ganze
verkochte ich in meinem Helm zu einem köstlichen Eintopf. Diesmal fehlte leider das Salz und so
waren die Zutaten köstlich, doch mangelte es am Geschmack. Mir fiel gar nicht auf, dass ich mein
Lager an einem beliebigen Ort aufschlug - mittlerweile fühlte ich mich nahezu überall im Wald
zuhause. Ich gewöhnte mich daran bei anbrechender Dunkelheit ein Gebiet auszukundschaften und
mich an meist etwas erhöhten Punkten niederzulassen. Der Mond stand fast voll über dem Wald am
Firmament. In dieser Nacht gehörten meine Gedanken nur diesem rothaarigen Mädchen aus Irland.
Wie feine gälische Schriftzeichen wehte ihr Namenszug durch meine Träume. Sie schritt auf ihnen
herab wie auf einer unsichtbaren Treppe. Ihr rotes Haar glühte im Sonnenlicht, sie kam wie ein
Engel herab zu mir, mich und Baumvater zu erlösen. Wir umarmten und küssten uns und Baumvater
hielt seine starke Hand schützend über allem…
Wohlig warm war es unter meiner Laubdecke und ich räkelte mich auf meinem Moosbett hin und
her, bis ich nach einer geschlagenen Stunde endlich den Willen fand aufzustehen, um den neuen Tag
zu begrüßen. Es war noch sehr früh am Morgen und das Licht drang nur in einzelnen Strahlen bis
zu mir herunter. Ich war wie besessen von dem Gedanken Siobhan heute zu treffen. Zu meiner
Ernüchterung aber stellte ich fest, dass ich stank wie ein Moschusochse und aussah wie ein Trapper
Alaskas aus dem vorigen Jahrhundert, der seit Jahr und Tag keine Menschenseele mehr getroffen
hatte. Was mir im Wald über die letzten Tage so nützlich erschien, nämlich wie derselbige zu
riechen und zu schmecken, war nun zur reinen Makulatur geworden. Mein erster Weg führte mich
deshalb naturgemäß zu dem nahe gelegenen Bach um die gröbsten Verunreinigungen zu entfernen.
Ich bewegte mich heute recht unbedacht und tolpatschig, denn die Eichelhäher warnten einander
gegenseitig wie an meinem ersten Tag im Wald und beinahe jeder Ast, der am Boden lag, schnellte
mir an Körper und Gesicht. Darauf konnte ich mir keinen Reim machen... Ich rupfte mir die
Klamotten restlos vom Körper, setzte mich in den Bach, und meine alte grüne Cordhose blieb von
ganz allein am Baume stehen. Fürs Zähneputzen benutzte ich seit Tagen schon eine Geheimrezeptur
aus Waldkräutern, eine Geheimmischung - sie tat ihren Zweck sehr gut. Es war alles sehr
erfrischend, doch lag meine letzte Körperpflege Tage zurück. Das größte Problem jedoch war meine
Kleidung, denn dieselbe musste ich mir wohl oder übel wieder überziehen, ganz egal wie sie stank.
Erst jetzt erkannte ich, dass ich es wohl kaum für längere Zeit im Wald aushalten würde. Siobhan
könnte mich ja in meinem Bestreben, in meinem Kampf unterstützen. Ich beeilte mich, denn der
Morgen graute und Siobhan würde bald am vereinbarten Treffpunkt erscheinen. Erwartungsfroh
machte ich mich auf den Weg und meine Tolpatschigkeit hielt unverhohlen an. Zu meinem Glück
war zu dieser Uhrzeit allen Anschein nach kein Suchtrupp unterwegs, denn sie hätten mich wohl
nach einigen Metern erwischt. Ungeduldig und voller Vorfreude erschien ich an vereinbarter Stelle,
bei der Eiche. Siobhan war offensichtlich noch nicht da und Baumvater blieb mein unruhiges
Verhalten nicht verborgen.
“Du bist überpünktlich Mateo. Heute ist dein großer Tag. Sei geduldig, sie wird schon kommen,
deine Irin.” Just in dem Augenblick trat Siobhan auf die Lichtung. Sie hatte mich noch nicht
bemerkt, denn ich stand in einem von ihrer Sicht aus ungünstigen Winkel zu ihr. Plötzlich ergriff
mich furchtbares Herzklopfen. Alle Reden, die ich mir vorher in vielen Selbstgesprächen überlegt
hatte, waren mir entfallen. Ich traute mich für ein paar Momente nicht einmal ihr gegenüber zu
treten. Zu groß war mittlerweile meine Furcht vor Menschen geworden. Ich kam mir schließlich die
letzten Tage vor wie ein gejagter Fuchs und hatte das Urvertrauen in die Menschheit nahezu
verloren. Doch hatte Siobhan mit alledem nichts zu tun. Sie kam sogar aus Sorge um mich den
weiten Weg von Irland bis nach Süddeutschland, nur, um nach mir zu sehen. Sie war meine
Verbündete, genau wie es auch Baumvater war. Also stellte ich mich auf die Lichtung und gab mich
zu erkennen. Mein Körper vibrierte und ich war unfähig nur ein einziges Wort an sie zu richten. Da
rief sie mir zu: “Mateo, dear Mateo!” rannte auf mich zu und nahm mich mit ihrer ihr eigenen
ganzen Herzlichkeit in die Arme. Ich reagierte völlig verdutzt und war stocksteif wie ein Brett; wie
ein abgestorbener Ast. Zu lange hatten wir uns nicht gesehen, zu groß meine Gefühle, als dass ich
sie mit irgendeiner Geste hätte ausdrücken können. So sank ich, von meinen Gefühlen und
Gedanken völlig übermannt, halb ohnmächtig zu Boden...! Ich zitterte und stammelte mehrmals
ihren Namen heraus: “Siobhan, Siobhan - liebe Siobhan.” Schnell machte sie mir begreiflich, dass
dies nicht der rechte Ort war miteinander zu reden. “Come on Mateo. We have to go soon, they
search for you. They come in a few of minutes.” Da schlug blitzartig mein Bewusstsein um, denn
ich wusste nur zu genau, was sie damit meinte. Ich verabschiedete mich von Baumvater, was bei
Siobhan einige Verwunderung auslöste, nahm sie bei der Hand und wir schlugen uns eiligst in die
Büsche. Mein Instinkt und mein ‘Waldbewusstsein’ war wieder einsatzfähig und ich konnte meine
gemachten Erfahrungen wieder hundertprozentig abrufen. Behende bewegten wir uns beide durch
den Wald, wobei ich sehr wohl auf das Tempo von Siobhan Rücksicht nahm. Wir sprachen auf dem
Weg zu der alten Bärenhöhle kein einziges Wort und Siobhan schien mir blind zu vertrauen. Und
das war gut so, denn es war, solange wir nicht an einen sicheren Ort gelangen konnten, nicht
sinnvoll, unser Wiedersehen gleich mit dem Entdecktwerden durch die Meute aufs Spiel zu setzen.
Endlich an der Höhle angekommen begann ich die Konversation mit den Worten: “That’s my new
home. I have to talk so much with you. You are the first human I talk since a cople of time; since
two weeks or more...” brach es förmlich aus mir heraus. Wir setzten uns an meinen Lagerplatz und
Siobhan musterte mich mit ihren durchdringenden Blicken, besah’ die Bärenhöhle, prüfte meine
Kleidung und gab mir zu verstehen, dass sie nicht so recht nachvollziehen konnte, was überhaupt
mit mir passiert war. Ja, es war jede Menge passiert und ich bemühte mich, ihr in den nächsten
Stunden zu erklären, wie es zu meiner Situation gekommen war. Sie hörte mir interessiert zu und es
war für mich eine große Genugtuung, dass sie mir glaubte und mich nicht gleich als ‘verrückt’
abstempelte. Hätte sie sich denn sonst auf diese lange beschwerliche Reise begeben, wenn sie mir
nicht vertraute oder mich für verrückt hielt. So saßen wir Stunde um Stunde und erzählten uns die
Erlebnisse der letzten Tage aus der jeweiligen Sicht. Dass sich meine Eltern sorgten war für mich
nichts Neues. Dennoch fragte ich eindringlich, was meine Eltern, die Polizei, die Suchtrupps und
die Leute der Firma unternehmen wollten, um meiner habhaft zu werden. Zu meinem Glück konnte
die Polizei und vor allem mein Arbeitgeber noch keinen direkten Zusammenhang zwischen
Baumvater und mir erkennen. Das wäre fatal gewesen und hätte wahrscheinlich das Ende meines
neu gewonnenen, einzigen Freundes nur beschleunigt. Ungläubig reagierte Siobhan darauf, dass ich
mit dem Baum sprechen könne, und dass Baumvater die Wunder geschehen ließ, von denen ich ihr
ausführlich, natürlich in gebrochenem Englisch, berichtete. Fasziniert lauschte ich ihrer Stimme
wenn sie sprach und meine Augen konnten nicht ablassen von ihrer Anmut. Es war ihr nicht
entgangen und oft musste sie mich dazu ermahnen ihr konzentrierter zuzuhören. Die Zeit verging
wie im Flug und wir saßen immer noch am gleichen Fleck. Gerade, als ich ihr zeigen wollte was der
Wald mich alles lehrte und wie ich mich in ihm bewegen konnte, brach sie das Gespräch abrupt ab.
“I have to go. I told your parents, that I’ll be back at lunch. Please be careful on you. I’ll coming
soon...” Wir machten aus, dass wir uns morgen gegen Mittag träfen und ich teilte ihr noch einige
meiner Wünsche mit, nach Sachen aus meinem Zimmer, die ich dringend benötigte - vor allem aber
Schlafsack, Werkzeug, Feuerzeug, Streichhölzer, Kerzen, Taschenlampe, Speiseöl, Salz und frische
Kleidung! Sie sollte meinen Eltern erklären, dass sie im Wald Picknick machen und die heimische
Flora und Fauna studieren wolle und erst am Abend wieder zu ihnen nach Hause käme, damit sie
keinen Verdacht schöpfen würden. Kein Wort aber von mir; das war die absolute Bedingung und
wir vereidigten uns darauf mit einem tiefen Blick in unsere jugendlichen ungestümen Augen! Sie
sah meine wilde Entschlossenheit, war aber ein bisschen entsetzt über mein Aussehen. Für
ungewöhnliche Vorhaben braucht es ungewöhnliches Vorgehen. Unwichtigkeiten wie das Aussehen
oder ordentliches Auftreten wären da nur störend und nicht weiter von Belang. Und für den Wald
war mein Auftreten angemessen - so empfand ich! Ich begleitete Siobhan noch bis zu einem der
bekannteren Pfade, erklärte ihr den Rest des Weges und verabschiedete sie mit einer innigen
Umarmung. An einen Kuss wie damals in Irland dachte in dem Augenblick keiner von uns.
Wahrscheinlich war ich auch für so etwas einfach zu ‘dirty’, wie Siobhan mir mehrmals an der
Bärenhöhle zu verstehen gab. Mir selbst wäre das nicht aufgefallen... - ich empfand mich
schließlich als äußerst natürlich. Nach unserem vorübergehenden Abschied war ich der glücklichste
Mensch auf Erden und meine Zuneigung zu ihr veränderte sich in wahre Liebe. Ich hatte eine
Verwandte im Geiste gefunden und konnte mich, mit ihrem Vertrauen im Rücken, wieder voll auf
meine Aufgabe konzentrieren. Mein Selbstbewusstsein war stark wie nie zuvor und ich erlebte
einen Motivationsschub, den ich bis dato noch nicht gekannt hatte. Von jetzt an hatte meine Aktion
nichts mehr mit verspielter Jugend zu tun. Nein, mein Vorgehen nahm klare Konturen an, bekam ein
unauslöschbares Fundament - ich hatte einen Sinn in meinem Handeln gefunden. Vor allem aber
war ich nicht mehr allein. Und auch Baumvater hatte eine Mitstreiterin gefunden, die uns helfen
könnte, unsere gemeinsame Mission durchzuführen, ihn gegen die Rodungskolonne zu schützen
und somit sein Leben und das meiner vielen Freunde zu retten. Sorgsam und übervorsichtig spähte
ich auf dem Weg zu Baumvater nach meinen Verfolgern und näherte mich langsam der bekannten
Lichtung. Ja, sie waren da gewesen. Das konnte ich leicht an den Fußspuren erkennen. Sie prüften
scheinbar sehr penibel das Gelände, denn mir fiel auf, dass sie Baumvater mehrmals umrundeten.
Am schlimmsten jedoch war, dass sie an der Eiche ein neues Symbol mit weißer Farbe anbrachten.
Es war ein klarer Hinweis für Holzarbeiter. Wie ein Schock fuhr es in mir hoch und ich kletterte
sogleich in die Baumkrone meines Freundes.
“Da bist du ja, Junge. Wie erging es dir mit deiner irischen Freundin?” sprach’ mich die Eiche an.
“Wir werden uns morgen wiedersehen, Baumvater. Aber wie ich sehe hattest du auch Besuch. Und
dem Zeichen nach zu urteilen sind sie nicht nur wegen mir gekommen.” erwiderte ich.
“Du hast leider recht Mateo. Sie kamen nicht nur wegen dir. Die Baumfäller rücken näher und
nächste Woche werden sie auch mich fällen. Ich habe noch sieben oder acht Tage zu leben. Du
kannst gegen sie nichts ausrichten - es sind zu viele. Sie werden keine Rücksicht nehmen. Nicht auf
dich und nicht auf mich, nicht auf die Tiere und auch nicht auf viele meiner Artgenossen. Es ist die
Macht des Geldes, der Hunger nach Wachstum und Fortschritt. Du und ich, wir wissen, dass es kein
Fortschritt sondern ein Rückschritt ist, den sie eines Tages bedauern werden. Doch das liegt in
ferner Zukunft.”
“Ich werde kämpfen, Baumvater! Ich werde um dich kämpfen. Um dein und um mein Leben.
Siobhan bringt mir Werkzeug und einige andere Sachen mit. Wir werden vorbereitet sein wenn sie
kommen.”
“Mache dir keine Hoffnungen und hüte die Erfahrungen, die du gemacht hast. Es gibt so viele junge
Menschen, Kinder und Jugendliche, die von ihrem wahren Selbst nichts wissen, und blind und
bewusstlos durch eine Welt laufen, die ihnen künstlich vorgegaukelt wird. Sie werden die Realität
nicht begreifen wollen. Zu groß ist die Macht der Ersatzbeschäftigungen und Ersatzbefriedigungen.
Du hast die Gabe, ihnen ein Lehrmeister zu werden und sie so zu initiieren, wie ich es mit dir
probiert habe. Das ist alles was ich dir geben konnte. Es war der letzte Auftrag meines Lebens - für
einen neuen Anfang im Bewusstsein der Menschen. Dich habe ich auserwählt. Du sollst deine
wiedergewonnene Kraft nicht an mir und um meinetwillen verschwenden und verschenken, denn
sie werden alles tun um dich zu brechen. Noch bist du zu jung und zu schwach...”
‚Endlich war es soweit. Mateo hatte seine Verbündete, ja seine große Liebe ganz nah an seiner
Seite. Gleichzeitig war Siobhan aber auch sein Maulwurf, sein Spion in der ‚feindlichen Welt‘ – ein
Umstand mit reichlich Zündstoff. In dem Kopf des Siebzehnjährigen überschlugen sich Sorge und
Euphorie, Glücksgefühle und Trauer schier im Minutentakt. Den geliebten Menschen soeben in die
Arme geschlossen – und gleichzeitig den Abschied vom geliebten Freund und Mentor zur Kenntnis
nehmen müssen – das war zu viel für das jugendliche, jung-männliche Gemüt Mateos.
Der Junge wollte sich nicht schrecken lassen, und in seinem Übermut war an Furcht, Flucht oder
Rückzug aus dieser abenteuerlichen Geschichte nicht zu denken. Glücksgefühle und Aggressionen
verschmolzen zu einer energetischen hochexplosiven Mixtur.
Der anderen Seite hingegen waren die Zusammenhänge zwischen der Baumrodung und dem
Verschwinden Mateos in keiner Weise bewusst. Sie wollten nur den Jungen endlich ausfindig
machen und die Geschichte klären, um anschließend ohne Störung mit den Rodungsarbeiten für das
Gewerbeprojekt weitermachen zu können. Von einer Beteiligung Siobhans im Zusammenhang mit
dem vermissten Jungen wusste naturgemäß auch niemand etwas. Also rüsteten sich beide Seiten
unausweichlich für die Konfrontation, die nun Zug um Zug immer mehr Tempo aufnahm… - eine
Lösung des Konfliktes war ferner denn je…‘
Kapitel 6: Die Zeichen auf Krieg
Das waren nicht die Worte die ich von Baumvater hören wollte. Melancholie schwang in den
Ausführungen der alten weisen Eiche. Ich fühlte mich als Kämpfer und wollte mich beweisen, auch
wenn die Gegner übermächtig waren. Meine Ausbildung im Wald war nur kurz, doch hatte ich
genügend Zeit einen Gegenschlag vorzubereiten. Ich vermied es, Baumvater zu widersprechen. Der
Sinn stand mir nach einem Schlachtplan und so sammelte ich so viele Ideen, wie ich nur konnte. Da
ich die Stelle kannte, an der die Bauwägen der Holzfäller standen, würde ich meine Aktion dort
beginnen...
DER SCHLACHTPLAN
- Zucker in die Tanks der Kettensägen füllen (Sabotage)
- Zecken sammeln und an Büschen verteilen (..die Antwort der gequälten Natur)
- Reifen der Bauwägen aufstechen
- Weißes Kreuz an Baumvater ausschaben
- Feuergräben ziehen (Öl besorgen und Moos/Stroh verteilen)
- Steine und Wurfgeschoße im Blätterdach verteilen und montieren
- Steinschleudern mit Zugsystem installieren
- Bögen bauen und Pfeile schnitzen
- Im Blätterdach verschanzen und anbinden
- Gnadengesuch für Baumvater bei Stadt und Firmen einreichen (Siobhan)
- Artikel für regionale Zeitung verfassen
Kaum war mein ‘Schlachtplan’ verfasst, überkamen mich schon die ersten Reuegefühle. Ich spürte
zu viel Hass in mir. Aber es war mir und meiner Jugend egal, ob Baumvater recht hatte. Zu oft bin
ich bevormundet worden, von welchem Vater oder Mutter auch immer... Es war, als ob ‘die
Gesellschaft’ es ein zweites Mal unternahm, mir meinen Vater und das, was ich über alles liebte, zu
nehmen - einfach unwiederbringlich wegzunehmen. In meinen Erinnerungen waren noch fest die
Thesen und Überzeugungen meiner Mutter verankert. “Du selbst und die Familie sind das höchste
Gut, dass es zu schützen gilt.” Baumvater war zu einem Teil meiner Familie geworden, anstelle
derer, die mich verlassen hatten. Keinen Gedanken wollte ich an Frieden und Verständnis
verwenden - ich hatte den Krieg nicht begonnen! Baumvater konnte doch nicht allen Ernstes von
mir erwarten, dass ich still hielt, während sie ihn vor meinen Augen fällen und töten würden. Dieser
zum wiederholten Male erfahrene Schmerz würde etwas in mir zerbrechen lassen, das dann wohl
für immer verloren schien. Immer lauter klangen mir die Worte der Eiche in den Ohren; ‘ich sollte
meine Kraft nicht um seinetwillen vergeuden - sie würden versuchen mich zu brechen’. So sehr ich
versuchte meine Gedanken zu ordnen und Frieden in meine Seele einkehren zu lassen, umso
verlorener und einsamer fühlte ich mich. Ich erinnerte mich wieder an meine Zeit in der Kirche, an
die Predigten unseres Pfarrers während meiner Konfirmationszeit. Ich konnte es damals, vor vier
Jahren, nicht unterlassen, mich ständig mit ihm über den Glauben und die Scheinheiligkeit der
Sündergemeinschaft, fast bis aufs Blut zu streiten. Ich war sogar bereit auf die Konfirmation zu
verzichten, was wiederum meine Eltern auf den Plan gerufen hätte, die auf Gedeih’ und Verderb
darauf bestanden - der Leute wegen...! Mein Pfarrer verzichtete darauf mich zu verstoßen und
verzieh’ mir ein ums andere Mal meine nahezu blasfemischen Äußerungen. Auch Baumvater bat
mich um die Einhaltung des Friedens... und bestand auf die Beharrlichkeit meines Weges. Hatte ich
denn einen Pakt mit dem Teufel geschlossen oder was war in mich gefahren? Ich war es seit meiner
Kindheit gewohnt um alles zu kämpfen. Waren es Prestige-Werte wie Geld, Siege, Kraft,
Beweglichkeit oder Ausdauer; der erste Platz war immer mein Begehr und ich war jederzeit dazu
bereit sogar bis über meine Leistungsgrenzen hinaus zu gehen.
Es war Nachmittag geworden und ich begann damit das weiße Kreuz aus der Rinde zu raspeln. Es
dauerte nicht lange und der erste Schritt für meinen Krieg war getan. Während dieser Arbeit
verdrängte ich die Zweifel an meinen Plänen und zog los um geeignete Astgabeln für die
Steinschleudern zu suchen und abzuschneiden. Alles gelang wie im Fluge. Die Astgabeln boten sich
förmlich an; beinahe war es so, als ob sie mich riefen: ‘Komm’ und hol’ uns - du brauchst Waffen
Mateo..! - Nimm’ mich, nimm’ mich!’ So war es auch mit den Ruten für die Bögen, mit den harten
Haselnußstecken für die Pfeile. Ich ging völlig auf in meiner Suche nach Kriegsmaterial und war
wie besessen von meinem Kampf, den ich zu schlagen hatte, ja schlagen musste. Weit, sehr weit
von meinem Bewusstsein entfernt, entschwanden alle Erinnerungen an die Worte Jesu... Kein
Gedanke daran, ‘auch die andere Wange hinzuhalten’. ‘Wer frei von Schuld und Sünde, der werfe
den ersten Stein, der schieße den ersten Pfeil’ - ich sollte der erste sein, der warf und schoss!! Mein
Hass auf die zukünftigen angekündigten Mörder meines Baumvaters wuchs und wuchs. Für viele
Stunden war ich wie erstarrt in diesem Bestreben und auch Siobhan war mir nicht mehr greifbar,
nicht mehr nahe. Als ob das Tier, der Unmensch in mir erwacht wäre, erledigte ich akribisch meine
mir auferlegten Aufgaben. Erst als die Dunkelheit hereinbrach kam ich langsam zur Ruhe und
machte mich mit meinen gesammelten Materalien auf den Weg zur Höhle. Ich war zufrieden mit
mir und zündete mittlerweile fix und geübt entweder mit Steinen und Stroh oder mit einem
Reibeholz, routiniert mein Lagerfeuer an. Flugs holte ich einige Vorräte aus der Höhle und bereitete
mein Abendmahl. In dieser Nacht quälten mich ungekannte Albträume. Wir hatten abnehmenden
Mond. Wie eine Sichel, die alles in mir zertrennen und zerschlagen wollte stand sie über dem Wald.
Ich wollte mein Schicksal, mein Glück herausfordern und war zu allem bereit; in meinen Traum
kämpfte ich gegen die mich hetzende und jagende Meute um mein Leben. Kurz bevor sie mir den
Gnadenstoß versetzen wollten..., küsste mich der neue Tag - mit einem einzigen feinen Lichtstrahl
in meine noch unschuldigen Augen.
Ein wunderschöner Tag kündigte sich an. Beim Anblick der Schleudern und Bogen, die ich gestern
baute erschrak ich und meinte nicht, dass ich einen solchen Morgen verdient hatte. Ich musste mich
beeilen, denn Siobhan würde pünktlich sein. Ich war ihr einige Erklärungen schuldig geblieben und
wollte sie davon überzeugen, dass wir gemeinsam für Baumvater eintreten mussten. Zum Glück
hatte ich meine Kleider über Nacht draußen hängen lassen. Sie rochen nicht so muffig wie sonst
und der erfrischende Duft des Waldes übertünchte meine Ausdünstungen einigermaßen. Siobhan
erwartete mich bereits am Treffpunkt. Ihr Rucksack war voll bepackt, so wie ich es ihr aufgetragen
hatte. Wir umarmten uns und gaben Küsschen wie es in Irland Sitte war. Vor Jahresfrist in Dublin
hatte ich noch Probleme mit diesem Ritual, denn hier in Süddeutschland, wo ich aufwuchs, war das
Küssen weitestgehend verpönt. Mir hingegen war dieser Umstand schon immer schleierhaft
gewesen, denn in unserer Familie war das Küssen ein bewährtes Ritual, um die familieninternen
Banden zu stärken. Siobhan hatte an alles gedacht. Mir kam es vor wie an Weihnachten, als ich die
Mitbringsel begutachtete. Kleinigkeiten wie Streichhölzer und Feuerzeug erschienen mir wie
Heiligtümer - die frische Kleidung ein Geschenk Gottes. Am wichtigsten jedoch war der
Schlafsack, der von nun an mein Bett sein sollte. Vor lauter Dankbarkeit führte ich einen Tanz auf
wie einst die Indianer in Nordamerika, wenn sie erfolgreich von der gefährlichen Büffeljagd erst
nach Tagen wieder heimkehrten. Sogar an mein großes Bowie-Messer hatte sie gedacht, an
Schnüre, Werkzeug und natürlich Seife, was wohl als ‘Wink mit dem Zaunpfahl’ zu verstehen war.
Ein verschmitztes Grinsen konnte sich Siobhan nicht verbeißen. Doch waren die vielen Fragen, die
sie an mich hatte, klar aus ihren Augen abzulesen. Wir suchten uns einen ruhigen Platz zum Reden.
Der Silbersee schien mir der richtige Ort hierfür zu sein. Ich bereitete meine Angelrute vor und den
selbstgebauten Setzkescher für den Krebsfang. Ich band einen toten Fisch, den ich am Ufer fand, in
der Mitte fest, und setzte diesen einige Meter vom Ufer entfernt, an einer abschüssigen Stelle ins
Wasser. Siobhan beobachtete mich bei allen meinen Unternehmungen sehr genau und war von
meiner nicht zu leugnenden Geschicklichkeit überrascht. Den Angelköder legte ich auf Grund und
befestigte eine selbstgebaute, etwas abenteuerlich aussehende, Klingel an der Rute. Jetzt war Zeit
zum Reden. Siobhan hatte sich gut vorbereitet und sie fragte ohne zu Zögern nach meiner
Beziehung zu der Eiche. Das hatte für sie höchste Priorität. Ich erklärte ihr so gut es ging meine
Verbindung zu ihm und schilderte die anhängigen Geschehnisse. Natürlich konnte ich keinen Hehl
daraus machen, dass die Ursache allen Übels, meine Berufswahl und meine fehlende
Entscheidungskraft war. Auch Siobhan hatte in diesem Jahr mit einer Ausbildung zur
Krankenschwester in einem Klinikum in Dublin begonnen. Sie war sehr zufrieden damit kranken
und alten Menschen helfen zu dürfen. Es blieb ihr angesichts meiner im Wald erworbenen
Fähigkeiten nicht verborgen, dass eine große Diskrepanz zwischen meiner Berufswahl und der mir
eigenen unbändigen Freiheitsliebe und Naturverbundenheit bestand. Vor allem aber äußerte sie ihre
Besorgnis bezüglich meiner Wahrnehmung und war geneigt, mir zu unterstellen, dass ich mich in
irgendetwas hineinsteigern würde. Es war an der Zeit ihr einen Beweis für meine Behauptungen zu
erbringen, denn zu abenteuerlich war die Story... Es schien mir unumgänglich, wollte ich gänzlich
ihr Vertrauen gewinnen. Am schlimmsten an allem jedoch, befand Siobhan, sei mein Hass gegen
meine Mitmenschen, die ich für all’ das verantwortlich machte. Schließlich war ich derjenige, der
zu dem Job und meiner näheren Zukunft ‘Ja’ gesagt hätte... - da hatte sie recht! Auch der jetzige
Umgang mit meinen Eltern erschien Siobhan sehr zweifelhaft, denn Sorgen und Ängste hinterlassen
große Schmerzen und Leid. Siobhan war Irin und streng katholisch erzogen. ‘Du sollst deinen Vater
und deine Mutter ehren!’ trichterte sie mir ein. Es war ihr ein Anliegen dies von mir einzufordern.
Schließlich mochte sie meine Eltern sehr und war durch diese Geschichte direkt betroffen und
erlebte jeden Tag, wie meine Mutter aus Ungewissheit um mein Schicksal trauerte und weinte. Sie
war sehr verzweifelt. Ich verstand und sah mit zunehmender Dauer unseres Gespräches mein
Unrecht ein. Doch das Unrecht, das Baumvater wiederfahren sollte, erschien mir schlimmer und
mein Stolz und meine Ehre waren herausgefordert. Wieder und wieder sprach mich Siobhan auf die
Fiktion Baumvater an. Sie hatte Angst um mich, dass ich den Verstand verlöre, obwohl sie mit
eigenen Augen sehen konnte, dass ich mich gewandelt hatte und bedingungslos meiner Intuition
folgte. Mir war bewusst, dass dies kein Spiel mehr war... Aber ich wollte Siobhan unbedingt
überzeugen und schlug ihr einen Deal vor. Erst wollte ich mit Baumvater sprechen, ihn darum zu
bitten, sich auch meiner irischen Freundin zu eröffnen. Erst wenn ich grünes Licht von ihm bekäme,
könnte ich einen Beweis für meine Darstellungen und Behauptungen erbringen. Jesus selbst, kam
mir in den Sinn, verzichtete immer darauf den Pharisäern und Schriftgelehrten Beweise zu
erbringen; es sollte sich alles so erfüllen wie Gott es wollte... Dieser Vergleich hinkte zwar, denn
Siobhan war alles andere als eine Pharisäerin, doch wollte ich ihr Vertrauen um jeden Preis.
Trotzdem wäre es nahezu vermessen von Baumvater einen ‘Beweis’ zu verlangen. Ich versuchte
inständig Siobhan diesen Umstand zu erklären. Ich bemühte mich, ihr meinen Standpunkt, so
paradox er war, in Englisch zu erklären... Es gelang, gute Güte, es gelang..., und meine EnglischKenntnisse verbesserten sich trotz der kurzen Zeit - ‘Learning by Talking’ - das schien besser als
jeder Englisch-Unterricht. Siobhan hingegen verlangte nichts dergleichen, also keinerlei Beweise,
betonte aber mit Nachdruck ihre Angst um mich. Niemand würde meinen Krieg akzeptieren, und
falls jemand bei meinem Vorhaben zu schaden käme, müsste ich die Folgen tragen - ertragen! Nach
stundenlangem Dialog zog ich den Setzkescher aus dem Wasser und siehe da, drei Krebse waren
der Erfolg. Wir freuten uns beide über das Jagdglück und kurz bevor wir wieder zu unserem Lager
aufbrechen wollten, klingelte sogar noch die Klingel an der Rute. Eine Schleihe mit knapp einem
Pfund Gewicht zappelte am Haken und wir traten wie zwei überglückliche Vagabunden den Weg
zur Höhle an. Vorsicht war geboten, denn der Förster machte schon seit Tagen seine Runden im
Wald und kontrollierte sein Revier. Ein uralter Rauhaardackel war stets sein Gefährte und es kostete
mich stets viel Mühe, ständig meine Spuren zu verwischen und unerkannt zu bleiben. Jetzt, wo
Siobhan bei mir war, fühlte ich mich sicherer als zuvor, denn es war nur von einem Delinquenten
die Rede, nicht aber von zwei... Zu zweit waren wir unauffälliger und man würde uns wohl für ein
Liebespärchen halten. Allerdings verlangte Siobhan von mir, dass ich meinen Eltern eine Nachricht
zukommen ließ - sie bestand förmlich darauf. Mir jedoch war viel wichtiger sie in meine Pläne
einzuweihen, Baumvater zu verteidigen. Also unterbreitete ich ihr meinen Schlachtplan, zeigte ihr
an der Höhle meine bisherigen Vorbereitungen. Meine Pläne erzeugten nur Kopfschütteln und eine
gewisse Enttäuschung in ihren Augen war unübersehbar. Ich ignorierte ihre Reaktion und machte
mich daran Feuer zu entfachen - natürlich auf die alternative Art und Weise... Nach wie vor wollte
ich ihr imponieren, so wie es wohl Jugendliche in meinem Alter gerne tun und ich glaubte, es
machte großen Eindruck auf sie. Siobhan erzählte mir beim Essen so einiges über die Jugendlichen
in Irland und den Erfahrungen, die sie gemacht hatte. Mir wurde bei ihren Argumentationen immer
bewusster, wie sehr sich doch die Bilder glichen, denn auch in Dublin und Umgebung stand der
Spaßfaktor an erster Stelle. Für Protagonisten, wie ich einer war, gab es dort keinen Platz.
Ausgrenzung war der Lohn, den sie für ihre Individualität erhielten; Anpassung der einzige Weg,
um anerkannt zu sein und zu bleiben. Handy-Manie, der Run auf Idole, das schnelle Geld, das
Eifern um Ansehen und der rücksichtslose Umgang mit Gefühlen waren dort wie hier die
Zeiterscheinung Nummer Eins. Es stimmte mich traurig und wir stellten beide fest, dass wir in
unserer Welt, mit unserer Weltanschauung, eine Art Außenseiter waren. Siobhan hatte zwei ältere
Brüder. Der eine war Busfahrer und haute regelmäßig sein verdientes Geld sprichwörtlich auf den
Kopf. Der zweite litt an Fresssucht und trank zu viel Alkohol, was ihm kürzlich erst den
Führerschein kostete. Sie war sichtlich froh den Alltagsproblemen in der irischen Hauptstadt für ein
paar Wochen entflohen zu sein und ihre Eltern, die ich letztes Jahr kennenlernen durfte,
unterschrieben ihr gerne die Berechtigung nach Deutschland zu reisen, besser gesagt, mich zu
besuchen. Vom gemeinsamen Mahl gestärkt machten wir uns auf den Weg zur Eiche. Würde
Baumvater meiner irischen Freundin ein Zeichen geben, wenn ich ihn darum bitte? War ein Zeichen
überhaupt nötig? Wie würde sie reagieren, wenn sie mit diesem ‘Wunder’ konfrontiert würde? Ich
hatte furchtbare Angst, dass dies alles für Siobhan zu viel wäre und sie sich dadurch von mir
abwenden könnte... Doch Baumvater lehrte mich Vertrauen, ja Urvertrauen in die Natur und in die
Geschicke des Lebens zu haben. Auch der Mensch war ein Teil der Natur, nur hatte er den Umgang
mit derselben verlernt. Ich musste es wagen, wollte ich Siobhan nicht verlieren. Ich musste ihr
Vertrauen einfordern, denn ich liebte sie über alles... - meine Siobhan! Der Respekt und die Achtung
vor uns und unseren Gefühlen war so stark, wie es nur bei Liebenden sein kann. Nicht das
gegenseitige Benutzen und Ausnutzen stand im Vordergrund, sondern das Achten des Gegenüber
mit all’ seinen Gefühlen. Unser Zusammensein hatte etwas Magisches von Anfang an, unser Glück,
das blinde Verständnis, das Urvertrauen, das sich nur zwei Liebende zuteil werden lassen konnten.
Wir wussten beide darum und genossen jede Minute unserer Zweisamkeit. Auf dem Weg zur Eiche
präsentierte ich Siobhan meinen Wald, zeigte ihr die Vielfalt und die geheimen Gesetze der Natur,
die nur dem offenbart werden, der sich an sie hielt. Natürlich vollführte ich auch die tollsten
Kunststücke und kletterte einem Affen gleich durch die Wipfel der Baumriesen, dass es ihr sichtbar
schlecht erging, wenn sie mich in meiner Euphorie erblickte. Langsam aber sicher schien Siobhan
zu begreifen, was der Wald mit mir anstellte und warum mir Baumvater so wichtig war. Das
Zeichen war mein verändertes, mein gefundenes Selbst.
‚Mateo verlangte viel, vielleicht zu viel von seiner Freundin… Er wollte von Siobhan eine
Entscheidung provozieren. Er wollte zu dem Zweck sogar Baumvater benutzen. Doch wer sollte
ihm sein Vorhaben verdenken, war er doch allein mit seiner Geschichte. Für Siobhan geriet Mateos
Vorhaben zur fixen Idee. Sie hatte Angst davor, diesen ‚Beweis‘ zu erleben. Sie liebte ihren Mateo
so wie er war. Da war ein Beweis überflüssig. Und, was der Junge zu dem Zeitpunkt nicht wissen
konnte, sie glaubte ihm – sie glaubte ihm die ganze Geschichte. Ein Vertrauensbeweis war zwischen
den beiden Liebenden nicht vonnöten. Siobhan war durch ihre Kindheit und zusätzlich durch ihre
Ausbildung zur Krankenschwester stark geprägt. Zusammenhalt war eine der wichtigsten Tugenden
ihrer Erziehung und in Irland ein stark traditionelles Gut. Entweder ganz oder gar nicht… - das war
Siobhans Devise. Und selbst wenn ihr Freund einer fixen Idee nachhing, so hat der dennoch die
Unterstützung seiner Freundin verdient. So war Siobhan erzogen und nach diesem Lebensmotto
richtet sie ihr Sein aus. Bange Augenblicke erwarteten nun die alte Eiche. Sie soll den
Schiedsrichter in dieser jungen Romanze spielen – sie soll Einfluss auf die Gefühle der beiden
Liebenden nehmen. Liebe und Hass, Spiel und Ernst, Abenteuer und Langeweile – diese Dualitäten
des Lebens liegen so nah beieinander… Der Schiedsrichter, der eingreift, würde allenfalls die
ungläubigen Blicke der Delinquenten und zum Schluss gar Spott oder Unverständnis für sein
Einmischen ernten – eine undankbare Aufgabe!‘
Kurz bevor wir an der Lichtung ankamen, nahm Siobhan mich zur Seite und bearbeitete mich
eindringlich, auf das Zeichen Baumvaters zu verzichten. Ich erklärte ihr mit derselben
Eindringlichkeit, dass es egal sei, ob oder ob nicht... Wenn Baumvater mich liebte, so liebte er auch
sie, meine Freundin. Wenn er ein Zeichen geben wolle, so gäbe er eines. Es war nie sein Begehr zu
protzen oder gar Menschen zu strafen. Er wollte mich nur aus meinen Albtraum wecken. Er wollte
mich ins wahre Leben zurückholen. Auch Siobhan hatte Baumvater ein Zeichen gegeben. Zum
einen mit ihrer Unterstützung aus der Entfernung, zum anderen mit ihrer Anwesenheit, hier, an den
Tagen der Entscheidung!
Wir schritten auf Baumvater zu und ich wandte mich demütig an ihn: “Ich habe eine große Bitte an
dich, Baumvater. Ich will mich von meiner Freundin verstanden wissen, die keine Mühe scheute,
mich in meinem verrückten Disput mit mir und meinen Verfolgern aufzusuchen, um mich zu
unterstützen, mir zu helfen. Gebe ihr ein Zeichen, so wie du mir so viele gabst...”
“Das ist nicht mein Begehr und nicht deines, Mateo, lieber Freund. Sie muss dich nehmen so wie du
bist - mit allen deinen Extremen und Verrücktheiten. Denn ich bin erwachsen, ich bin es seit
Hunderten von Jahren. Eine Beziehung erwächst aus Vertrauen. Vertrauen, dass ich nur dir
zukommen lassen will. Siobhan kann von all’ dem was ich dir sage nichts hören. Es wird keinen
Beweis dafür geben, dass wir miteinander sprechen können. Es wird kein Wunder geben, dass dein
Handeln und deinen Wunsch nach Krieg oder Frieden rechtfertigt.”
Ich war verdutzt und erstaunt über diese Antwort. Zur Vergewisserung fragte ich bei Siobhan nach
ob ihr irgendetwas, ja zumindest ein kleines Zeichen, eine winzig kleine Regung Baumvaters
auffiel. Doch sie verneinte... Ich kam mir verlassen vor und total auf mich allein gestellt. War das
eine Prüfung, oder der Beweis für meinen schwindenden Verstand?
“Aber Baumvater, lieber Freund, warum willst du mich so im Regen stehen lassen, und der einzigen
Person, der ich Vertrauen schenke, dein Vertrauen vorenthalten?” bedrängte ich die alte Eiche
inständig.
“Erinnerst du dich noch an das Eichhörnchen, dass dir die Eicheln in den Schoß legte. Das ist das
einzige Zeichen, dass ich imstande bin dir zu geben. Gebe diese Eicheln Siobhan. Dann wird sie dir
vertrauen.”
Mit diesen Worten endete unser Gespräch und ich stand da wie ein begossener Pudel. Siobhan hatte
den Verlauf dieses Gespräches vorausgeahnt als sie mich darum bat auf einen Beweis zu verzichten.
Die Eicheln hatte ich sorgfältig aufbewahrt und versteckte selbige seinerzeit in der Bärenhöhle. Mir
war schwindelig vor Anstrengung und vor Enttäuschung und ich fürchtete mich davor Siobhan die
Worte Baumvaters zu erklären.
Die Zeit wurde langsam knapp, denn der Abend nahte und sie musste, wie mit meinen Eltern
verabredet, wieder zurück. Für mich war das Gespräch mit Baumvater eine persönliche Niederlage
vor Siobhan, die sich jedoch nichts anmerken ließ. Ich hingegen fürchtete um unsere Freundschaft
und wir machten uns wortlos auf den Weg zurück zur Bärenhöhle. Von den Eicheln, wie es mir
Baumvater auftrug, erwähnte ich vorerst nichts. Zu groß war die Enttäuschung und ich hatte
furchtbare Angst, mich vor ihr der Lächerlichkeit preiszugeben. Hoffentlich sollte ich diese
Entscheidung nicht eines Tages bereuen und hoffentlich käme sie wieder zurück am nächsten Tag...
Ich brachte meine junge Irin zurück zum Weg. Sie sprach nicht viel mit mir, wohlwissend, dass mir
kein Trost hätte helfen können. Doch bestand sie darauf meiner Mutter von unserem Treffen zu
berichten. Ich gestattete es ihr nach einigem Zögern... Wir verabschiedeten uns mit einem Kuss, als
ob am heutigen Tag nichts geschehen wäre. Für Siobhan war das wahrscheinlich auch so - für mich
hingegen eher nicht, denn die Zeit lief unerbittlich weiter. Noch fünf, höchstens sechs Tage für die
große Eiche. Dann würde dieser starke Riese fallen. Also machte ich mich daran meinen
Schlachtplan in die Tat umzusetzen. Als erstes würde ich mich jedoch in die richtige Stimmung
bringen; so wie einst die Indianer Nordamerikas, bevor sie auf Kriegspfad auszogen. Farbe war
wichtig für die Kriegsbemalung, Asche für die Tarnung, und Schmuck, den ich anfertigen wollte...
Viele Materialien hatte ich bereits in meiner Höhle gesammelt. Da lagen bereits abgestoßene Hörner
von Rehböcken, Hauer von Wildschweinen, die ich aus gefundenen Schädeln herausgebrochen
hatte und, worauf ich besonders stolz war, etliche Habichtfedern. Also fertigte ich kurzerhand am
Abend eine Kette an, bastelte ein Stirnband mit Federn von Bussard, Kauz und Habicht. Mein
Gesicht rieb ich mir mit Asche ein und mischte eine Tinktur aus Harz, Kohle und... - da fehlt aber
noch etwas...? Blut, ja genau Blut! Ich schnitt mir mit dem Messer an jeder Schulter Ritze in die
Haut, die ich systematisch aneinander ordnete. Es tat nicht weh, denn ich war wie besessen von dem
Gedanken, meinen Krieg zu schlagen... In meinem Outfit, das wohl eine Mischung darstellte
zwischen Steinzeitmensch, Indianer und Trapper, trat ich gegen Mitternacht vor die Höhle, schürte
das Feuer bis es hell empor loderte und führte einen wilden Tanz auf! Der Wald hatte heute einen
neuen Ureinwohner bekommen. Ich heulte wie ein Wolf, ich imitierte Vogelstimmen, brummte wie
ein Bär, schlich wie ein Luchs und bewegte mich grazil wie ein Marder ‘an’ meinem neuen
‘Zuhause’. Wenn mich Siobhan sehen würde oder meine Eltern oder sonst wer - sie würden mich
sofort in eine Therapie schicken… Doch mir war alles egal - ich tanzte bis tief in die Nacht – mit
blutverschmiertem Gesicht; und Augen, die zu allem bereit waren. Irgendwann in den
Morgenstunden brach ich erschöpft zusammen und schleppte mich mit letzter Kraft in die Höhle.
Zum Treffen mit Siobhan konnte ich nicht erscheinen, denn ich erblickte das Sonnenlicht erst gegen
Mittag!!
‚Der Frust musste raus. Mateo erstickte in diesem Vakuum des ‚Nicht-verstanden-worden-seins‘.
Andererseits konnte er Baumvater nicht böse sein, denn seine Erklärung klang weise und plausibel.
Nichtsdestotrotz schmeckte die erlebte Situation nach Niederlage. Mateo war nicht in der Lage, eine
solche in seinem Zustand rationell zu verarbeiten oder auszuhalten. Er brauchte ein Ventil, er
brauchte Aggressionsabbau… So tanzte er und kennzeichnete seine Lust und seinen Frust mit
Schmuck und Blut. So verschmolz der junge Mann mit der Schöpfung – für diese Nacht.
Der Wald sah zum ersten Mal den Krieger Mateo – mit all‘ seinen Emotionen und seinen
animalischen Trieben. Ein neuer Mensch war geboren. Klänge drangen durch die sonst so idyllischharmonische Runde, die wohl seit Jahrtausenden nicht mehr zu hören waren. Für eine Nacht
verstummte das Geschrei des Kauzes und das Keifen des Baummarders. Für diese Nacht kehrte der
Urmensch zurück in den einstigen Dschungel und meldete seine Ansprüche an. Dazu brauchte es
keine Maschine, keine Kettensäge und keine Walderntemaschinen. Der schlichte Mensch
verkörperte alle Urgewalt aller Zeiten… - er war zurück!‘
Mein Erwachen war geprägt von großer Scham... und einer Art Selbsternüchterung. Mein
Schlachtplan war für Momente in weite Ferne entrückt - ich war wie verkatert, wobei ich wohl in
diesen Jahren noch nicht genau wusste, was ein ‘echter Kater’ war.. Für Siobhan war in meinen
Gedanken für heute kein Platz. Ich musste mich ordnen und, so dumm es klang, meditieren..
Praktiken hierfür waren mir gänzlich unbekannt. Es ging wohl darum, den selbstkreierten gestrigen
Trance-Tanz aufzuarbeiten, mich ganzheitlich mit der Natur und der Schöpfung zu verbinden. So
suchte ich mir einen schönen Baum in der Nähe der Höhle und stieg hinauf. In einer gemütlich
anmutenden Astgabel, nicht weit von einem Habichthorst entfernt nahm ich Kontakt mit der
Schöpfung, mit allem Übergesinnten auf. Es ging darum, meine Winzigkeit zu begreifen, um daraus
Stärke zu gewinnen. Der Vorgang und die Einkehr dauerten Stunden - und ich verweilte in einer Art
Halbschlaf. Ich spürte eine absolute entspannte Einheit meines Geistes und meines Körpers; meine
innere Stimme sagte zu mir: “Mateo, mach’ dich auf den Weg - Du bist bereit - es ist das zu tun,
was du tun musst - es ist soweit..” Und ich machte mich auf den Weg. Meinen Hunger stillte ich an
diesem Abend mit Beeren und Wurzeln.., holte mir noch ein paar Handvoll Essbares aus der Höhle
und steckte es in meine Taschen. Heute muss ich die Reifen der Holzerntemaschinen am
Holzfällerlager aufstechen! Der Weg zu besagtem Lager war mir wohlbekannt - häufig schon bin
ich ihn im Geiste gelaufen.. Mit höchster Vorsicht und Penibilität vermied ich es Spuren zu
hinterlassen. Es muss wohl Mitternacht gewesen sein, als ich ankam. Zu meinem Glück brannte in
keinem der Bauwagen Licht und die Arbeiter schliefen. Vielleicht waren sie aber auch zu Hause bei
ihren Familien. Ich konnte ja nicht ohne weiteres in die Wägen leuchten, um hierfür Gewissheit zu
erlangen. Mir war klar, es musste schnell gehen. Die Bauwagen, deren Vier, standen in einer Art
Quadrat. Einer der Wägen war wohl zur Geräteaufbewahrung bezweckt, denn unter einem Vorzelt
stand eine mobile Werkbank mit Werkzeug darauf und zwei zerlegte Kettensägen mit Ersatzteilen.
Vorsichtig wie ein Luchs versuchte ich mit einer Kerze, die ich mir vorsorglich mitnahm, in den
Gerätewagen zu leuchten. Und welch’ Glück, ich hatte gut getippt. Schlachtplan hin oder her, ich
war verdutzt, und augenblicklich kaum zu einer Tat fähig.. - wie erstarrt stand ich vor meinen
Aufgaben, nicht fähig Recht von Unrecht zu unterscheiden - es plagte mich der Skrupel, das
schlechte Gewissen - was sei nun zu tun. Hatte Baumvater mit seinem Friedensgesülze recht; er, der
doch sein Leben auf so rohe und unsensible Weise hat verlieren sollen. Hatte ich das Recht, einfach
Werte, ja Geldwerte von anderen Menschen zu sabotieren, zu zerstören - ja, bin ich gerade im
Begriff, mein eigenes Leben zu zerstören, ja wegzuwerfen - und was wären wohl die Folgen... - ich
zog mich mit meinen Zweifeln auf eine kleine Anhöhe zurück und kauerte in mich hinein... - wem
ich wohl alles eine Schande wäre... - und zu welchen Siegeszug wohl mein Stiefvater losziehen
könnte, mit einer solchen Niederlage des ungeliebten Stiefsohnes ausgestattet!
Kapitel 7: Die erste Konfrontation – Es gibt kein Zurück…
Nicht Trotz war heute Nacht gefragt, sondern Konsequenz - konsequentes Handeln.. Sind es fünf,
sind es sechs Tage für Baumvater - Wer bin ich? Bin ich ein Industrielehrling wider besseren
Wissens? Ist das Leben die Gesamtlüge irdisch entwurzelter Kräfte, die zum Spaßvertreib die
Schöpfung verraten, das Wort Jesu in die Menge schleudern, um es täglich zu verleumden... Und
bin ich als Anarchist es nicht Wert, hierfür schlichtweg entfernt und umerzogen zu werden, da ich
störe.. Und stört nicht jeder, der anders denkt. Und kaufen wir nicht alle die Tonträger von mutigen
Musikern und Bücher von mutigen Dichtern um uns an der geschriebenen Revolution zu erfreuen,
die wir nicht imstande sind auch nur im Kleinsten zu leben, umzusetzen. Mein Geist, mein Hass
hatte mich zurückerobert - der Plan nach Vergeltung schrie wieder in mir auf und es trieb mir
Tränen in die Augen, denke ich an den verlorenen Eisvogel vor meiner Haustür, an einem schönen
Bach, den es heute nicht mehr gibt. War es nicht sein schillerndes Federkleid und sein laut
pfeifender Ton, die es mir ermöglichten, für viele Stunden die Zeit zu vergessen. War es nicht dieser
kleine Freund, der mir die Tür zur Zeitlosigkeit öffnete... - diese schnöde Zeit, die schon seit dem
Mittelalter mit markigem Getöse aus abertausenden Kirchturmglocken über uns Vasallen und
Lakaien herniedertönte, um uns zu Arbeit und zu Gehorsam zu knechten und uns anrieten, die Natur
zu entblößen, sie zu treten und unsere eigene Freiheit zu verraten und zu kreuzigen - immer wieder
und immer wieder aufs Neue...
Es konnte mich nun der Zucker, den ich leider für die Motorsägen vergaß mitzunehmen, nicht mehr
aufhalten. Gewandt schlich ich den Hügel hinab, ging lautlos um den Bauwagen herum hin zur Tür
und drehte vorsichtig am Knauf.. - es war offen! Offen und stockfinster war es - aber niemand
schlief in diesem Wagen, welch’ Glück. Ich konnte also mit Gelassenheit, aber gebotener Eile mein
Sabotagewerk verrichten und schritt zur Tat. Ich hatte mir vorsorglich statt des Zuckers reichlich
Erde in die Taschen gestopft. Die Wirkung müsste dieselbe sein, so erachtete ich, ohne es beweisen
zu können. Zumindest würde das eine Generalüberholung der Baumkiller vonnöten machen. Was
soll ich Reifen aufstechen.. - das ist doch Massage an einem Holzbein, die Wägen werden doch
nicht zu Baumvater gerollt. Die Motorsägen sind die Feinde, sind die Werkzeuge der Untat, die
Bösewichter, die es auf Baumvater abgesehen hatten. Man ziehe am Anlasser und mit der Kraft des
Benzins werden viele Pferdestärken entfacht, die einen jahrhundealten Riesen in nur wenigen
Minuten dahinraffen.. Das hatte in meinen Augen nichts mit Ganzheitlichkeit zu tun. Es ist wohl
dieselbe Maßlosigkeit, die in jedem Fortschritt liegt. Angefangen von der elektrischen Kaffeemühle,
über den Rasierapparat und Geschirrspülmaschine bis hin zum Zweitwagen der neureichen
Schminkeule, die zum Prominieren der gestohlenen Liebe eine Ersatzbeschäftigung verordnet Shoppen, um der fehlenden Zuneigung des Partners ein Gegengewicht zu setzen. Das ist nur ein
kleiner Auszug einer ausschließlich materiell denkenden Gesellschaft, die innovationssüchtig ist, da
sie Angst davor hat, spirituelles Wachstum und Phantasie mit tugendhaften Werten zu bezahlen. So
zieht sie es vor, den einfachen Weg, den Weg der Raffsucht und der Maßlosigkeit zu gehen - von
Generation zu Generation - Zuwachs allerorten als oberstes Heilsprinzip! Der Einklang mit der
Natur hat keinen Zuwachs, sondern erlebt als einziges Wachstum seinen stufenweisen Niedergang!
Kettensäge um Kettensäge wird von mir mit Erde betankt - ich habe sie nicht gezählt, sondern
stoisch mein Werk vorangebracht, bis.. hinter meinem Rücken die Türe knarrte! Ich drehte mich um
- und ein riesen Kerl stand vor mir, mit einer Petroleumlampe in der rechten Hand! Er schrie auf:
“Ja Kruzifix, was machst du denn da, du Hund.. du..” und griff mit seiner linken, unfassbar großen
Pranke nach mir. Schon hatte er mich am Arm erwischt! Mir fuhr ein gewaltiger Schreck in die
Glieder und mit einem Male sah ich durch das Bauwagenfenster, wie überall Lampen schwenkten..
An dem Typen kam ich nicht vorbei, zu mächtig stand er in der Tür. Aber zu meiner Verwunderung
hatte ich keine Angst, denn ich empfand mich absolut im Recht. Sein Griff war hart und eisenfest
und ich würde mich nicht losreißen können - schon stand noch jemand in der Tür. “Michal, halt den
Gauner fest!” schrie der und wollte ebenfalls zur Tür hinein.. Da packte ich all’ meinen Mut
zusammen, griff nach meinem Bowie-Messer und stach in den Unterarm meines Peinigers, der
nicht wusste wie ihm geschah und laut aufschrie. “Der Hund hat ein Messer - die Sau hat mich
verletzt...” Ich riss mich los, schnappte mir eine ölige Decke, die herumlag, hielt sie vor’s Gesicht
und sprang todesmutig durch das Bauwagenfenster, das in tausend Splitter zerstob. Ich rollte mich
ab so gut ich konnte. Um mich herum drei Männer mit Lampen, die mich zu greifen versuchten. Mit
einem gewaltigen Urschrei und einer Drohgebärde mit meinem Messer verschaffte ich mir Raum,
erspähte einen Fluchtweg durch zwei der Arbeiter mitten hindurch und sprang mit zwei, drei
gewaltigen Sätzen in den Wald... Ich rannte was das Zeug hielt und schaute nicht um. Mein Puls
raste vor Wildheit, nicht vor Angst - es war keine Angst, die mich rennen ließ. Es war Adrenalin, es
war das Gefühl des Sieges, ich fühlte mich wie im Rausch und lief in einer Art Siegeszug durch
‘meinen Wald’, der ab dieser Nacht mein Verbündeter gegen alle Mächte sein sollte... Ich hatte
gewonnen, ich hatte die Kettensägen zum Verstummen gebracht. Ich hatte die erste Schlacht
geschlagen und den Sieg davongetragen. Nachdem ich durch mehrere Waldstücke gelaufen war
fühlte ich mich sicher. Niemand würde mich bei dem Tempo, das ich vorlegte, hätte verfolgen
können. Und die Folgen meines Tuns waren mir an diesem Abend schlichtweg egal! Seit dieser
Nacht war ich kein Ausreißer mehr, sondern ein gefährlicher Ausreißer - der Junge mit dem Messer.
Der Junge, der nicht davor zurückschreckte, Waffengewalt anzuwenden. Das Problem war, dass
niemand wusste, aus welchen Beweggründen ich handelte - was mir aber zu dem Zeitpunkt nicht
klar war! Endlich an meiner Höhle angekommen, stellte ich fest, dass ich von Glassplittern übersäht
war. Über meinem rechten Auge klaffte eine Wunde und am linken Jochbein steckte ein großer
Splitter in meinem Fleisch. Mein Gesicht war blutüberströmt und die Hände und Ellen waren
gespickt von kleinen Wunden. Doch ich spürte nichts, machte Feuer und reinigte die lädierten
Stellen mit meinem Wasservorrat so gut ich konnte. Müde und total erschlagen kroch ich in meinen
Schlafsack - der Schlaf überfiel mich blitzartig, doch sollte er nicht lange vorhalten... Das
Geschehene arbeitete nun nicht in meinen Träumen, sondern in meinem Bewusstsein. Der Schlaf
kam einer Ohnmacht gleich - die Verdrängung der Ereignisse würde folgen - Ruhe kehrte ein, die
Ruhe vor einem großen Sturm. Mateo hatte allen den Krieg erklärt - Sie werden sich zur Schlacht
formieren.. und es sind deren viele...
‚Es war geschehen. Es war vollbracht… Der Junge hatte soeben in das Wespennest gestochen. Der
Alarm ist ausgelöst. Das System wird sich formieren. Formieren in einer Stärke, die dieser Wald
seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Gut dass Mateo nur erahnen kann, was sich nun in der
Verwaltung und in der Exekutive einer Kommune abspielt. Schließlich ist für das System ein
‚Gewalttäter‘ auf freiem Fuß. Das bedeutet eine Gefahr für die Allgemeinheit. Es gilt also in erster
Linie der Schutz der Bevölkerung. Den zu gewährleisten ist oberste Priorität. Die Telefone laufen
heiß… - die Gemüter heizen sich auf – die Truppen werden angefordert. Für Mateo begann ab
letzter Nacht die Uhr erbarmungslos herunter zu ticken. Eine Flutwelle nicht gekannten Ausmaßes
nahm seinen Beginn in dem nächtlichen Messerstich. Das System ist gefordert… der Bürgermeister
ist nun genötigt schnell zu handeln… - und der Druck auf einen baldigen Erfolg höchst prioritär…
Mateo war der Fuchs – die Verfolger waren die Meute… und die Treiber waren die Leute…‘
“Baumvater! Baumvater!” murmelte ich, als ich erwachte. Die Sonne war kaum aufgegangen, der
Boden dampfte. Ein Dachs wühlte unweit meiner Höhle nach Nahrung - ein herrlicher Anblick, ein
stolzes Tier. Ja, Baumvater muss mein erstes Ziel sein. Es war nicht der Sieg, den es zu verkünden
galt. Es war die gute Absicht, es war das Zeichen, das ich setzen wollte - das ich ihm mitteilen
wollte. Es war der dringende Rat, den ich wieder mal von ihm brauchte. Auf dem Weg zu ihm
wurde klar, dass es mir nicht mehr allein nur um ihn ging. Es ging um die Generalabrechnung mit
dem System, in dem ich mental verhungerte; das mir und meinem Selbst keinen Platz zur
Entfaltung ließ. Es konnte nicht sein, dass mir wieder etwas genommen werden würde, dass ich
über alles liebte. Vergnügt und leicht spielerisch näherte ich mich meinem Mentor. “Baumvater..,
ich muss dir etwas erzählen. Ich habe den Kettensägen den Kampf angesagt. Ich habe sie außer
Gefecht gesetzt.” Baumvater schwieg eine zeitlang - so wie ich. Ich hatte gelernt, nicht zu drängen.
Es hetzte uns beide niemand, ein Gespräch nur um des Sagens willen, ständig am Leben zu
erhalten. Es sind konkrete Aussagen, die ein Gespräch ermöglichen, nicht die ständigen Floskeln
drum herum, die nur dazu dienten, Unsicherheiten zu tünchen oder Belangloses in den Tag hinein
zu plaudern.. “Mateo, du bist verletzt. Dein Körper ist übersäht von kleinen Wunden. Was hast du
getan?” Ich erklärte Baumvater ohne Umschweife den nächtlichen Hergang und meine Tat - ohne
Begründung. “Wenn ich könnte, lieber Mateo, dann würde ich mich dir zuliebe selber fällen. Sie
werden dich nicht verstehen; und ich habe große Zweifel an deinem Vorgehen und Vorhaben.
Mateo, du willst nicht hören! Vielleicht sollst du auch nicht hören. Ich hoffe doch, dass dem Manne
kein Schaden bleibt und dass seine Wunde verheilen wird. Ich möchte, dass du dir darüber
Gedanken machst.” Nach einer Weile sprach Baumvater weiter.. “Mateo, du musst gehen und zwar
schnell. Deine Tat wird nicht ungestraft bleiben und sie werden dich in einer Weise jagen, die du
nicht mehr abschätzen kannst. Es werden Hunderte kommen, um dich zu suchen... Sie werden dein
Versteck finden! Du bist für sie ab heute ein gefährlicher Mensch, der eingesperrt werden muss. Sie
werden nicht danach fragen was dich bewegt. Sie werden handeln - und das in einer sehr
unbarmherzigen Weise. Du hast in der letzten Nacht wie ein Tier gehandelt, dass man in die Enge
treibt. Jedes Tier handelt so, wie du es gemacht hast - die Natur hat dich so handeln lassen. Dafür
gibt es von den Menschen kein Verständnis, denn du bist in ihren Augen der Aggressor, auch wenn
sie wissen, warum du so gehandelt hast. Es wird für sie keine Verhältnismäßigkeit zu deiner
Reaktion geben... - Mateo, lauf und denke gut darüber nach, wo du dich in den nächsten Tagen
aufhalten wirst. Mateo, sei schlau, und vertrau’ dich jemanden an, bevor du noch den Verstand
verlierst. Ich bitte dich inständig darum. Mateo, tauch’ unter. Wenn sie dich jetzt fassen, werden sie
dich brechen und du wirst nicht der sein und nicht der werden, der du werden kannst. Mateo, ich
liebe dich, mein Sohn! Lauf, so schnell du kannst...!”
Ich verstand sehr wohl, was Baumvater mir sagte.. Der Messerstich würde einen Erdrutsch
auslösen. Das war Körperverletzung und zöge mindestens eine Jugendstrafe nach sich; Klinik,
Gefängnis und dergleichen wären die unmittelbaren Folgen. Just als Baumvater mit seinen
Ausführungen endete, wurde mir schlagartig bewusst, welche Auswirkungen meine vornächtliche
Tat haben könnte - es war ein Desaster. Ob Notwehr oder nicht, das spielte dabei keine Rolle. Ich
hatte fremdes Eigentum zerstört und einen fremden, ‘unschuldigen’ Menschen mit einem Messer
verletzt – für die andere Seite war der Aggressor zweifellos ich.. Die Folgen, falls mich Polizei,
Eigentümer, das Gesetz etc., stellen würden, wären unabsehbar und zögen auf jeden Fall eine nicht
unerhebliche Strafe, womöglich eine Jugendstrafe nach sich. Baumvater hatte Recht, sie werden
mich jagen, bis sie mich in ihr Gewahrsam gebracht haben, bis sie mich in ihren Bestrafungs- und
Rechtsprozess eingliedern können, um dem Gesetz letztendlich genüge zu tun. Meine Ansichten,
meine Intention, die Unversehrtheit Baumvaters, all’ das würde als fixe Idee eines ausgeflippten
Jugendlichen angesehen, therapiert und abgetan. Es käme weitläufig wohl der Tat eines
Amokläufers gleich. Mit einem Male; meine Unsicherheit war gerade am Höhe-, ja am Siedepunkt
angelangt, kam Siobhan, völlig ausser Atem, aus dem Dickicht angerannt. “Mateo, Mateo!” rief sie
mir schon aus einiger Entfernung zu. “What did You do? What’s about this accident last night?
Mateo, my friend, what the hells going on in Your head? Hurry up Mateo. You have to leave this
place at once! What You want to do now?” Aus ihren Augen las ich pure Angst, große Sorge und
Verzweiflung; wohl nicht mehr als bei mir selbst... Ich erklärte ihr schnell und knapp, dass ich den
Waldarbeiter nicht verletzen wollte und dass ich nicht davon abrücken kann, meinem Baum mit
allen Mitteln das Leben zu verteidigen und somit das Leben zu retten. Doch das spielte
augenblicklich keine Rolle, denn es war keine Zeit mehr zum Reden. Sie erklärte mir, dass die
Polizei und viele Bürger sich bei meinem Elternhaus versammelten und Suchtrupps einteilten.
Sogar ein Hubschrauber sollte zum Einsatz kommen. Es war auch keine Zeit mehr zur Bärenhöhle
zurückzukehren, um die wichtigsten Sachen zu packen. “We have to swim about the River!” schlug
sie vor. Und sie hatte Recht. Jenseits des Flusses würden sie mich eventuell nicht suchen, so hofften
wir. Es waren knapp zwei Kilometer bis dorthin - dann durch die Auen und querfeldein über die
Felder; ja, das könnte funktionieren. Ich kannte da eine baufällige Kapelle, die mit einem weit
verschachtelten Gewölbe unterkellert war. Als Kind fuhr ich oft mit dem Fahrrad dorthin und spielte
dort, was 8-12jährige so spielten... Oft war ich ganz allein dort und hing meinen Gedanken nach.
Auch einer dieser vielen, für mich magischen Orte, die mir in meiner ruhelosen Welt Frieden und
Geborgenheit schenkten, wenn ich von Schule, Stress, dem Fluglärm des nahen Militärflughafens
und den Streitigkeiten meiner Eltern einfach die Nase voll hatte. Keinesfalls hätte ich mich deshalb
jemals als Eigenbrötler tituliert - nein, es war Sehnsucht, die pure Sehnsucht nach absoluter Freiheit
und Selbstbestimmtheit, die mich zu diesen Orten trieb, wie eben auch zu meinem Baumvater,
meinem Lieblingsplatz. Bei Siobhans Vorschlag den Fluss zu überqueren, fiel mir auf, dass sie von
uns und wir sprach. So fragte ich sie: “Dear Siobhan, why You say We...? It’s not possible and not
right that I let You come with me. Please stay here, I have to go this way allone...” waren meine
Worte, obwohl ich entsetzliche Angst hatte die nächsten Stunden alleine zu verbringen. Doch
Siobhan ließ nicht locker, ließ sich nicht beirren. “I am a proud Irish. It doesn’t matter if I be a girl
or a boy - I’m an Irish, and You are my friend - You’ll never go alone, my dear friend - Mateo NEVER!” Diese Sätze waren so bestimmt und klar; ihre grünen Augen blitzten wie Edelsteine
während dieser Aussagen, dass kein weiteres Wort mehr nötig war. Wir machten uns schleunigst auf
den Weg.
‚In der Freundschaft selbstlos, das ist eine der höchsten Tugenden Irlands. Die Wurzeln dieses
Verhaltens liegen in der Geschichte dieses so extrem ausgebeuteten und unterdrückten Landes. Die
englischen Besatzer ließen über Jahrhunderte nicht an ihrem Anspruch trotzen und unterjochten die
irische Insel mit allen Mitteln. Das prägte dieses Volk und ließ eine ganz besondere Mentalität
gedeihen, die bis heute in den Köpfen und im Handeln der Iren haften blieb. Ist ein Freund in Not,
so muss unweigerlich geholfen werden… - und sei es über Grenzen hinweg. Das war nicht nur ein
Angebot oder eine Phrase dieses irischen Mädchens… Siobhan lebte ihre Mentalität und war bereit,
diesen beschwerlichen Weg mit Mateo bedingungslos zu akzeptieren und bis ans Ende zu
beschreiten, ungeachtet des eigenen Schicksals oder Repression durch Dritte. Mehr noch, Siobhan
hatte einen Plan. Sie wollte über den Fluss flüchten! Sie sah die aufgebrachten Leute in der Stadt –
die Empörung einzelner und den glühenden Aktionismus aller Beteiligten und letztendlich die Wut
mancher Bürger, den Außenseiter zu jagen und zur Strecke zu bringen. Höchste Eile war angesagt
und das irische Blut in ihren Adern machte höllisch Tempo…!‘
Kapitel 8: Auf der Flucht – Das große Wagnis
Auf dem Weg zum Fluss dachte ich über Baumvater nach. Der ganze Stress, den ich durch meine
Tat verursachte, wird die Waldarbeiten und damit die Baumfällungen mit Sicherheit verzögern zumindest um zwei bis drei Tage; eben solange, wie die Suchtrupps unterwegs waren. Somit hatte
ich schon einen Aufschub, und somit einen kleinen Teilerfolg, erreicht. Aus der Ferne drang
Hundegebell durch den Wald und sogar der unverwechselbare Klang des Hubschrauber-Rotors, von
dem Siobhan erzählte, war zu hören. Wir mussten schnell sein. Der Wald befand sich im späten
August in prächtiger fruchttragender Verfassung, kein Lüftchen rührte sich um die Mittagszeit und
die Hitze drückte schwül bis hinunter ins Dickicht und auf den Waldboden. Wir rannten so schnell
es in dem Gestrüpp nur möglich war. Es war nicht zu vermeiden, dass Dornen, Brennesseln und
unzählbares Kleingetier uns in der Eile zusetzten. Doch je näher wir dem geliebten Strom kamen,
desto mehr lockte die Kühlung des immer frischen Wassers. Endlich, nach einer knappen halben
Stunde, die uns wie eine kleine Ewigkeit vorkam, und immer mit dem Hundegebell und dem
Rotorgeräusch im Rücken, waren wir am Ufer angekommen. Es war kaum Zeit zum Nachdenken
oder um weitere Pläne zu schmieden - wir mussten flugs hinüber auf die andere Seite... Siobhan und
ich sahen uns an; wir waren in voller Montur; wir konnten nicht mit der schweren Kleidung durch
das rasch fließende Gewässer schwimmen. An dieser Stelle war der Strom zwar einigermaßen
schmal, aber die Wassergeschwindigkeit umso höher, als das wir Hose und T-Shirt hätten
anbehalten können - das wurde uns beim Anblick des blaugrün schimmernden Wassers jäh bewusst.
Doch für Scheu und Scham oder jeglichen anderen Konventionen war jetzt nicht die Zeit. Wir
zogen uns aus, banden aus den Klamotten je ein Bündel für jeden und schnürten uns dieses Paket
um den Hals und über die Schultern auf den Rücken. Wir suchten eine günstige Stelle, nahmen uns
bei der Hand und sprangen wagemutig in die Strömung. Für einen kurzen Moment entging mir
nicht Siobhans göttliche Gestalt, ihr nahezu schneeweißer makelloser Körper, der an einigen Stellen
von Sommersprossen nur so übersäht war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten mich Mädchen noch
nicht sonderlich gereizt - bei Siobhan war das anders. Schon in Irland vermochte sie es, einen
Anflug von Magensausen und Herzflattern bei mir auszulösen - von Sexualität war aber nie die
Rede und kein Gedanke stand hierbei bis heute im Raum. Ich war nur kurzzeitig fasziniert und wie
hypnotisiert. Gerade jetzt, im Augenblick der Gefahr, durchfuhren mich Gedanken wie diese. Ihre
Waden waren stramm, ihr Bauch etwas dicklich, aber straff und fest. Die offenen roten Haare
leuchteten in der Mittagssonne und bedeckten schemenhaft ihre wohlgeformten weißen Brüste.
Auch ihre Scham war rötlich behaart... - doch das Wasser hatte uns erfasst und vorbei waren die
Tagträume und die Bewunderung des Schönen - mit einem Male. Die Kraft des Flusses war an
dieser Stelle durch die Tiefe des Durchflusses gewaltig und wir kämpften, jeder für sich, gegen die
Strömung an. Noch bevor wir uns in die Fluten wagten, vereinbarten wir eine bestimmte Stelle auf
der gegenüberliegenden Seite, doch schon nach dreißig bis vierzig Metern war dieses Ziel
augenscheinlich nicht erreichbar. Wir trieben ab, und je mehr unsere Kräfte schwanden, desto
leichter erfasste uns das Wasser mit seiner urtümlichen Kraft. Es schien, als seien wir verloren;
obwohl wir unser Bestes gaben, schien die gegenüberliegende Seite nicht näher zu kommen. Ich
erinnerte mich an die vielen Lehren und weisen Sprüche Baumvaters, der mir in den letzten Tagen
so vieles über die Wildheit, über den unzähmbaren Willen der menschlichen Natur mitteilte. Er
sprach über Notkraftreserven, über den urmenschlichen Überlebenswillen, den jeder in sich trägt,
sei es Frau oder Mann... Es war nicht das Gebet, das uns in dieser Situation helfen konnte, sondern
es war einzig allein der Wille. Beim ersten Anflug von Schwäche, fing ich an zu Siobhan
hinüberzubrüllen. “Common Siobhan, this is a river, he is our friend. The water is one element, the
important in our life - it’s life! It save our life every day, every hour!” Ich versuchte ihr Mut zu
machen.. Sie rang bereits schwer nach Luft und schluckte immer häufiger Wasser. Doch es ging
jetzt darum, das spürte ich tief in mir, dass wir uns als Teile des Ganzen betrachten. Wie viel wilder
war dieses Gewässer vor Jahrhunderten und wie zahm und zugänglich war er geworden, seitdem
ihm der Mensch das Genick brach, ihn begradigte und nahezu all’ seiner ursprünglichen Wildheit
beraubte. Doch wie verweichlicht waren wir Menschen dagegen heute, die wir uns kaum mehr in
und mit der Natur messen, sondern Tage, Wochen, Monate, ja Jahre hinter irgendwelchen
Schulbänken und Lehrplänen fürs angeblich zivilisierte Leben verkriechen müssen, die für unser
zukünftige Laufbahnen ja so entscheidend wären.. Nicht ein einziges Mal wird dabei unser Körper
wirklich aufs Extreme geprüft oder an die Grenzen geführt, die so wichtig für unser Selbstvertrauen
und für die Verbundenheit zu unseren eigentlichen urwilden urtümlichen Wurzeln wären. Es half
nichts, Siobhan konnte nicht mehr. Ihr Paket auf dem Rücken war durchtränkt von den Wassern und
drückte sie bei jedem Armzug unter die Fluten. Ich schwamm rechts von ihr, unterhalb der
Strömung, um bei ihr zu sein, falls etwas schiefging - das Ufer war mittlerweile nicht mehr weit,
doch machte der Fluss unweit von uns einen Bogen und wir würden nochmals abdriften, wenn wir
nicht jetzt den erlösenden Griff an die Uferböschung schafften. Da tauchte Siobhan plötzlich unter
und war weg - ohne jede Vorwarnung! Ohne zu zögern, instinktiv, tat ich es ihr nach und erwischte
sie gerade noch am Bekleidungsbündel. Mit all’ meinen Kräften, getrieben vom Urinstinkt allen
Lebens, allen Überlebens, riss ich Siobhan wieder über die Wasseroberfläche. Ein Glück, sie holte
nochmal Luft. Ich schnürte eilig ihr Bündel auf und ihre Sachen wurden von der Strömung
fortgerissen. Allgegenwärtig nahm ich ihren Kopf in die linke Armbeuge und paddelte hastig mit
der rechten gen Ufer. Nur noch wenige Meter zur rettenden Böschung, nur noch wenige Meter zur
Biegung, deren Verfehlung unser Verderben bedeuten könnte... Ein alter Baumstamm ragte aus dem
Wasser - Biberwerk. Unseren Untergang vor Augen, griff ich, halb ohnmächtig vor Erschöpfung,
nach diesem letzten Strohhalm - geschafft. “Siobhan, move!” schrie ich meine Freundin an.. “Move,
god damned, You stupid!” Sie verstand und bekam unter Aufbietung ihrer letzten Reserven die
Hände übers Wasser, klammerte sich an den Baumstamm und hielt sich fest, wie es wohl nur ein
Mensch in höchster Lebensgefahr tun konnte. Mit meinen Beinen umklammerte ich den toten
Stamm, der für uns der Lebensretter war und zog mich gleich einem Faultier über die Ufernarbe nicht einen Augenblick ließ ich von Siobhan ab. Nachdem ich einigermaßen Halt gefunden hatte,
zog ich Siobhan Stück um Stück nach - sie war keines Wortes mehr mächtig und ließ ihre Rettung
geschehen... - in diesem Moment war eine Bande zwischen uns geschmiedet, deren Qualität mit
Worten nicht zu beschreiben war. Wir waren vereint auf immer, ein Gespann, dass ein neues Leben
beginnen konnte und für alle Zeiten untrennbar verbunden war. Glücklicherweise hatte ich mein
Bündel nicht gelöst und bedeckte am Ufer sogleich ihren Körper mit dem Nötigsten. Fein sah das
nicht aus, reichte aber zumindest für die keuschen Zonen. Das gab ihr Sicherheit und ein Gefühl des
Schutzes. Iren sind in dieser Hinsicht äußerst sensibel. Sie ließ alles geschehen. Wobei in den
Minuten nach der Rettung wohl alles unwichtig war neben der Tatsache noch am Leben zu sein.
Siobhan war nicht imstande auch nur ein Wort herauszubringen. Aus ihren Augen sprachen
Fassungslosigkeit und angesichts der überstandenen Gefahr tiefe Dankbarkeit und ewige
Verbundenheit. Es war um die Mittagsstunden, als wir am Ufer landeten - die Sonne brannte
unerbittlich, der Flusskies war aufgeheizt und unzählige Bachflohkrebse huschten über die Kiesel.
Ein Milan zog seine Kreise über unseren Häuptern, einem Geier gleich, der am Ufer nach Aas
suchte. Und beinahe wäre er wohl fündig geworden... Zum Verschnaufen blieb keine Zeit, obwohl
wir unser Uferziel um mindestens zwei Kilometer verpassten. Der Hubschrauber war aus der Ferne
nur leise zu vernehmen und hie und da dachten wir, Hundegebell vernommen zu haben. Hier würde
niemand nach uns suchen. Aber auch den Weg zur Kapelle hatten wir weit verfehlt und so mussten
wir einen anderen Pfad wählen. Nahrung war das Gebot der Stunde; der Hunger übermannte uns
schier und wir mussten dringend unsere verbrauchten Reserven füllen. In unserem Aufzug kein
leichtes Unterfangen - zwei halbnackte Wilde in dieser so zivilisierten Welt. Es war höchste
Vorsicht geboten, nicht doch noch durch einen dummen Zufall entdeckt zu werden. Sogleich würde
die Flucht in selbiger Härte und Belastung weitergehen... Zu unserem Glück grenzten viele Acker
mit angebauten Nutz- und Gemüsepflanzen an den Auen, wie Mais, Kartoffeln und Futterrüben..
Sogar ein Feld mit Mohrrüben und Rotkohl konnten wir auftun. Zur Abrundung der Vollwertkost
reichten uns wilde Haselnüsse, die üppig an den Feldhainen wucherten. Sie kamen uns neben der
Rohkost wie Stücke von Fleisch oder Fisch vor, da sie diesen nussigen unverwechselbaren
Geschmack entfalteten. Endlich fühlten wir uns sicher und bewegten uns ‘gemütlich’, aber höchst
vorsichtig in Richtung Kapelle. Es hätte uns niemand in unserem Aufzug sehen dürfen - wir
verstießen gegen alle guten Sitten.
Ein Milan kreiste über unseren Häuptern und es tönte sein unverwechselbarer Ruf durch die
Landschaft. Er rief nach seinem Partner, der sogleich mit gleichem Ruf erwiderte.. Immer noch
schwiegen wir beide, wissend dass wir nach unserer Ankunft in der Kapelle noch genügend Zeit
zum Reden hätten. Von weitem sahen wir bereits das verfallene Kirchengebäude auf der Lichtung in
dem unscheinbaren Tal, idyllisch an einem kleinen Bachlauf gelegen, über den unweit des
beschaulichen Bauwerks eine kleine Steinbrücke führte. Mit größter Vorsicht schlichen wir uns an
die Kapelle heran. Die Fenster waren schon seit langem eingeschlagen und die Steintreppen zu der
zerstobenen schweren Eichentüre hinan in bemitleidenswerten gebrochenem Zustand. Es war keine
Menschenseele zugegen. Es schien, als wäre dieser Ort in all’ der Geschäftigkeit, die uns in den
nahe liegenden Dörfern, Märkten und Städten umgab, einfach vergessen worden. Zum Teil hatte
sich bereits die Natur dieses halb verfallene Bauwerk zurückerobert. Überall thronte das Grün und
aus überstehenden Steinquatern versuchte sich das ein oder andere Gebüsch und nährte sich von
dem bisschen Wasser, das nach Regenfällen zwischen den Steinen hinabglitt. Doch gereichte es
wohl der genügsamen Pflanze hier zu wurzeln. Sie musste selbige nur weit genug auslegen, um den
Jahreszeiten zu trotzen und sich mit dem wertvollen Nass zu versorgen - das Leben fand und findet
immer einen Weg. Umrahmt wurde dieses halbwilde Idyll von Weiden, Pappeln, einer stolzen Linde
und, wie es sich wohl für eine ‘Kapelle der traurigen Gestalt’ gehört, von einer Trauerweide, die
neben dem alten Steinbrückchen angesiedelt, ihre von Trauer gemarkten Zöpfe in den Bach hängen
ließ, als wollte sie sagen; ‘Ihr habt mich vielleicht vergessen, ihr Menschen, doch hat die Schöpfung
mir diesen Platz erteilt, Euch zu zeigen, wie schön es ohne Euch sein kann..’ An der Türe hing ein
Schild ‘Einbruch und Diebstahl zwecklos - bereits hundertmal geplündert!’ - vielsagend und wahr!
Die angrenzenden Kommunen stritten sich schon seit Jahrzehnten um die Erhaltung dieser
christlichen Gebetsstätte. Doch niemand wollte bis dato die Kosten hierfür alleine tragen. Es gab
eine Bürgerinitiative, aber diese scheiterte kläglich an der Streitbarkeit der Ämter und letztendlich
an der Kirche selbst, die wiederum Alleingänge Einzelner untersagte.. Siobhan und ich stiegen,
nach schneller Besichtigung des Korpus, hinab ins Kellergewölbe, das zum Glück zugänglich war.
Mehrere Schilder warnten vor Einsturzgefahr. Doch welche Gefahr sollte uns nach der eben erst
überstandenen wohl ereilen - der Vergleich hinkte in unseren Augen extrem und zauberte uns ein
ironisch-zynisches Lächeln in unsere angestrengten Winkel. Gespannt, glücklich und völlig
ausgezehrt machten wir uns ein Lager im letztem dunklen Eck des Gewölbes zurecht. Das Licht
schimmerte nur über einen Umweg in das Verließ, aber es war trocken - ideal, um hier fürs erste
Ruhe zu finden. Wir sammelten am Ufer des Baches eilig und immer auf der Hut trockenes Stroh
und Gras und bereiteten uns ein notdürftiges Nachtlager - wir waren mit unseren Kräften am Ende.
Wir kuschelten uns aneinander und schliefen ohne ein Wort miteinander zu wechseln, ein. Wir
waren einfach nur glücklich noch am Leben zu sein. Der neue Tag würde viele Fragen aufwerfen,
das war uns bewusst, doch war dieser noch so fern - es zählte nur das Hier und Jetzt. Ein Gefühl,
das wir aus unserer Kindheit noch kannten. Ein Gefühl, dass so viele Jugendliche einfach verloren
hatten. Zu viele Ersatzbefriedigungen verstellten den Weg zu diesem Jetzt-Empfinden. Zu viele
Handys bimmelten, zu viele PCs gestalteten die Freizeit, zu viele Menschen redeten mit und
entfernten nahezu jedes Individuum von seiner wirklichen Mitte, als ob es nicht gewünscht sei,
seinen Weg finden zu können. War es nicht Jesus selbst, der den Sinn des Lebens so darstellte, sein
Ich und somit seinen eigenen Weg finden zu sollen - und das alles im Einklang mit den Gewalten
und mit Ehrfurcht vor der Schöpfung... das alles war in aller Zeit nach ihm mit Füßen getreten
worden, immer und immer wieder - am Schlimmsten wohl von den christlichsten aller Christen...
So schliefen wir ein - und wir schliefen lange, sehr lange - bis zum Abend des darauffolgenden
Tages.
‚Da war es. Das Ereignis, das zwei Menschen zusammenschmiedet, das zwei Liebende miteinander
vereint. Was kann es größeres geben, als einen anderen Menschen, der dazu bereit ist, sein Leben
selbstlos aufs Spiel zu setzen. Siobhan und Mateo haben die großen Prüfungen in jeder Hinsicht
bestanden. Was jetzt auch kommen mag, sie brauchten nichts und niemandem mehr zu fürchten.
Denn sie beide waren nicht mehr allein. Zwischen ihnen war ein unzertrennbares Band entstanden,
das jeder Herausforderung gewachsen war. Als Unterschlupf wählte das junge Paar eine Kapelle,
eine heilige Stätte des Herrn. Einen besseren Zufluchtsort hätten sie nicht wählen können. Im
Mittelalter bis weit in die Neuzeit galten die Kirchen als letztes Refugium für Asyl und
Unversehrtheit – zum Teil noch bis in die heutige Zeit, wenn es um Abschiebungen von Asylanten
ging… Aber auch der große Strom hatte zwei neue Kinder gewonnen, die bereit waren, ihn in ihr
abenteuerliches Spiel mit einzuladen, ihn an der großen Flucht zu beteiligen, ihn zum Helfershelfer
gegen die hetzende Meute zu benutzen. Gern ließ er es geschehen und erfreute sich an dem
waghalsigen Mut der jungen freiheitsliebenden Delinquenten und applaudierte insgeheim mit seinen
schäumenden Fluten. Die Stimmung des gesamten Areals hatte eine Note der Rebellion – der Wald
erhob stolz sein Antlitz und lachte den Verfolgern verschmitzt in deren Gesichter. Wohl keine Frage,
auf welcher Seite er stand… - mit Baumvater als Anführer, dem um seinen Schüler zu keiner Zeit
bange schien. Und so schliefen die beiden Gejagten erschöpft, aber vereint, ein – froh, die erste
Prüfung ihrer wahrhaftigen Zweisamkeit überstanden zu haben.‘
Kapitel 9: Zeit der Ruhe – Zeit der Zweisamkeit
Ich erwachte als Erster und Siobhan lag noch genauso neben mir, wie wir am Abend eingeschlafen
waren. Sie war schön anzusehen, so rein und unschuldig, so weiß, von wunderbarer anmutiger
Gestalt. Viele Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. In welches Abenteuer hatte ich
dieses unschuldige Mädchen da mit hineingezogen - sie hätte ertrinken können und die Schuld dafür
läge ein Leben lang auf meinen Schultern. Sie würde bei Nachforschungen der Verfolger bestimmt
mit meiner Person in Verbindung gebracht, wenn gar als Helfershelferin oder Komplizin.. - all’ das
wäre dem Mob zuzutrauen. Aber ich konnte Siobhan jetzt nicht allein zurücklassen. Ich musste hier,
wenn möglich mit ihr gemeinsam, zwei bis drei Tage an diesem Ort ausharren, bis die Jagd nach
mir, nach uns zum Erliegen käme. Baumvater hatte durch meine erste Tat Zeit gewonnen, so dachte
ich; jedoch war dies kein Grund von meinem Vorhaben abzuweichen, alles aufzubringen, ihm zu
helfen, ihn in seinem Stolz, in seiner ganzen Pracht zu bewahren - ihn, meinen Baumvater! Es
dämmerte bereits als ich meinen Kopf durch die Eingangstüre der Kapelle reckte und nach allen
Seiten Ausschau hielt. Die Vogelwelt stimmte zum allabendlichen Konzerte an, ehe die
Fledermäuse wie gewohnt das Regiment übernahmen. Sie kamen aus allen Winkeln der Kapelle und
stiegen zu Dutzenden aus Dachgiebel und dem Gewölbe auf. Es waren der Aufgaben viele, die sich
uns augenblicklich stellten. Vor allem mangelte es uns an Kleidung, an einer warmen Mahlzeit, an
Rat und Zuspruch, an guten Gedanken - es mangelte an allem; gemessen mit dem, was wir vorher
gewohnt waren, täglich zur Verfügung zu haben. Aufgeben und kleinlaut die Heimreise antreten,
wäre wohl der Vernunft eines Außenstehenden in der jetzigen Situation am zuträglichsten
erschienen. Doch war gerade erst eine Etappe meines Kampfes um Baumvater bewältigt - es war
nur die erste Schlacht geschlagen worden, die zweite Schlacht in meinem Krieg würde folgen - das
schwor ich bei meinem Leben. Ich ging zu dem kleinen Bachlauf und setzte mich auf die über
Jahrhunderte hinweg bereits stark verwitterte Steinbrücke. Die Mücken schwirrten um meinen Kopf
und ich dachte darüber nach, wie schön es wäre jetzt einen Fisch zu fangen. Während ich darüber
grübelte, wie man so etwas bei Dunkelheit anstellen könnte stand plötzlich Siobhan neben mir. “Hi
Mateo. We had slep a long time - the day is gone. What You gonna do now?”
“I think about catching fishes. We have to eat some. But I don’t have the right solution.”
“Let it be - we will have more luck tomorrow. At first we have to look for some clothes.” Sie hatte
natürlich recht. Die ein bis zwei Tage ohne ausreichend Verpflegung würden uns wohl nicht so viel
anhaben wie die Tatsache uns ständig nackt zu begegnen. Egal ob in die eine oder andere Richtung
des Tales; Dörfer gab es hier überall - und viele Waldpfade, die durch den angrenzenden Wald
führten, ebenso. So machten wir uns schleunigst auf die Suche nach einer Lösung des
vordringlichsten Problems, die wohlweislich nur aus Diebstahl bestehen konnte. Doch musste der
Kleidungsraub weit genug von der Kapelle entfernt erfolgen, damit niemand eine Verbindung zu
dem Vorfall mit den Waldarbeitern diesseits des Flusses herstellen konnte. Auf unserer nächtlichen
Pirsch quetschte mich Siobhan nach allen Regeln der Sprachkunst aus - das war mir vorher klar. Sie
stellte aber keine Bedingungen und erteilte mir keine Ratschläge, hielt keine Vorträge und erst recht
keine Moralpredigten. Sie war nicht auf meiner, sondern sie war an meiner Seite.. - das tat gut, das
tat mir sehr gut. Ich musste sie nicht mehr von meinem Vorhaben überzeugen. Wir wollten
gemeinsam erst einmal unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedigen - und Kleidung war unser
wichtigstes Ziel für diese Nacht. Die Luft hing schwer und dunstig über Tal und Waldrand. Es roch
nach Regen, nach einem bevorstehenden Spätsommergewitter. Schon über zwei Stunden waren wir
unterwegs, als wir endlich eine einsame kleine Hütte am Waldrand schemenhaft in der Dunkelheit
ausmachten. Es fing bereits langsam zu nieseln an, und Donnergrollen hallte aus der Ferne. Wir
zählten gemeinsam die Sekunden vom Blitz bis zum Grollen und bestimmten so die Entfernung.
Pro Sekunde dreihundertdreiunddreißig Meter, die Schule war doch für etwas nützlich.... Siobhan
zählte in Englisch, ich in Deutsch - wir mussten lachen, wir mussten überschwenglich lachen. Die
Hütte erwies sich nach vorsichtiger Begutachtung als echter Glücksfall. Sie diente allem Anschein
nach einem Stadtmenschen als Wochenend- und Ruhedomizil. Es war sogar ein Garten angelegt
und neben der Hütte befand sich ein kleiner Geräteverschlag. Keine Seele war heute und hier an
diesem Ort. In einem alten Blechspinnt, der unverschlossen neben aufgeschichtetem Holz stand,
hingen alte Arbeitskittel, die wir uns überglücklich aneigneten. Es war Mundraub in Form von
Kleidung, also im Prinzip nicht strafbar... In meinem Kitteltaschen befanden sich Streichhölzer, in
Siobhan’s sogar ein kleines Taschenmesser, mit all’ den beliebten Funktionen, wie z.B. auch einen
Dosenöffner... Eine Lampenkerze hing an der Wand und wir entzündeten das heimelige Licht,
derweil es vor dem offenen Verschlag richtig zu stürmen begann. In Regalen an der Hausseite
fanden wir Konserven - welch’ Wink des Schicksals. Es war uns, als ob Gott selbst ein Einsehen mit
unserer Situation hatte. Denn nun kam das Taschenmesser zum Einsatz. Mit höchster Vorfreude
öffneten wir den ‘Mexikanischen Bohneneintopf’. Mexikanischer Bohneneintopf, das war einfach
genial und in der jetzigen Situation durch nichts zu übertreffen. Aus Reisig und klein geschlagenen
Buchenspänen entzündeten wir auf der überdachten Rückseite der Hütte ein unscheinbares
Lagerfeuer. Für jeden von uns gab es eine komplette Konserve. Im Nu kehrten unsere Lebensgeister
zurück und wir redeten, nach den ersten gierig verschlungenen fünf Löffeln, zum ersten Mal seit
unserer gemeinsamen Zeit in Irland, wieder völlig belangloses Zeug - fernab von aller
Ernsthaftigkeit, die uns doch seit Tagen so schwer heimsuchte... Es goss aus Eimern und die Wasser
suchten sich einen Weg ums Haus herum, vorbei an unserem Lager unter dem kleinen Vordach. Hier
waren wir für heute, für heute Nacht sicher. Wir hatten keinen Gedanken daran, die
Gastfreundlichkeit des Städters über das Entwendete und Verzehrte hinaus weiter zu strapazieren.
Zum ersten Mal seit Siobhans Ankunft bei mir waren wir wieder richtig glücklich, jugendlich
unbeschwert, zufrieden und eins mit den Gewalten. Die Brücke über den Fluss war von unserem
Standort aus fünf bis acht Kilometer entfernt. Ich versuchte Siobhan sogleich klarzumachen, dass
dies mein Ziel in den nächsten Tagen sein wird. “Mateo, are You sure, that this is the right way, the
right way of Your life? Maybe You have a wrong meaning about the problem with the tree, with
Your ‘Baumvater’. Maybe its better to go the way in peace and freedom. I will help You than...”
“No Siobhan, I have to give a sign to everybody, and I have to give a sign to Baumvater. It is too
difficult to explain all the components of this story - I feel I’m right; I have to fight for the rights. I
have to fight for every rights in every life!” Sie legte einen Zeigefinger auf meinen Mund und sagte:
“I will go this way at Your side. But I go the way in harmony with the people. We both try to take a
chance - You and me, everbody at his own. I understand, what You have to do - than do it - exactly
hard as You say. I go to the gouvernment and try to stop cutting trees in this area, You want to save
for..”
“That’s not the problem, Siobhan... They have to stop so much, they don’t know... about.”
Wir konnten keinen gemeinsamen Nenner in dieser Angelegenheit finden. Siobhan wollte
augenscheinlich keinen Märtyrer als Freund und ich keine Lehrmeisterin als Freundin. Danach
akzeptierte ich, dass wir es gemeinsam versuchen wollten - sie auf die diplomatische, ich auf die
kriegerische Weise. Nur eines musste klar sein; kein Mensch kann in zwei Booten einen
Wildwasserstrom durchqueren, denn die Felsen, die aus dem Wasser ragen, werden dich
irgendwann dazu zwingen, dich für ein Boot zu entscheiden. Du kannst nicht zwei Herren dienen!
Und so nahmen wir uns bei den Händen und schworen uns Zusammenhalt, so wie wir den Fluss
überquerten - einer für den anderen, und beide, im Prinzip für die gleiche Sache, nur unter
Anwendung verschiedener Mittel. Wir schlugen unser Nachtlager in dem offenen Geräteschuppen
auf. Der Regen prasselte die halbe Nacht auf dem Wellblechdach hernieder. Das gleichmäßige,
monotone Plätschern war laut, aber in keiner Weise bedrohlich. Die Natur wusste die Gewalten zu
beherrschen, und einst wussten die Menschen, diesem zu begegnen, mit ihnen in Einklang zu leben.
Das Wasser, es speist den Wald, den Wuchs, den Boden und letztendlich die Lebensadern unseres
Seins; die Bäche wiederum die Flüsse, die wiederum die Seen und letztendlich die Meere. Es war
vertraut dieses Plätschern, es war nicht das urplötzlich auftretende Donnern einer heillosen
Kriegsmaschine, nein, das herniederkommende Wasser war der Urquell unserer Natur, der Urquell
unseres Selbst, instinktiv und klar und vollkommen rein. So schliefen wir ein, gebettet in Frieden,
Zweisamkeit und Harmonie. Und unsere Körper, unsere Seelen tankten weiter auf, festigten unseren
Willen, das Begonnene zum Ende zu bringen, welche Folgen es auch für den Einzelnen habe
würde..
In den frühen Morgenstunden machten wir uns auf den Weg zurück zur Kapelle. Von dem
freundlichen Hausherrn der Waldhütte, den wir leider nicht kennenlernten, nahmen wir uns noch
das in dem Augenblick wohl zweitbeste Gericht aller Zeiten, Ravioli in Tomatensauce, zwei Dosen,
mit. Doch danach war uns gegen Mittag beiden nicht. Der Sinn stand uns nach Fisch - Fisch aus
dem kleinen Bach bei der Kapelle. Mit einer Schnur aus dem Geräteschuppen umband ich das Ende
von geschnittenen Haselnussruten und die Spitzen kerbte ich ein. Unter der Steinbrücke standen wie
schon am Tag zuvor ein kleiner Trupp Forellen. Häufig hatte ich als kleiner Junge probiert, mit Pfeil
und Bogen einen Fisch zu harpunieren, was mir aber immer misslang. Was ich damals nicht wusste,
war, dass die Wasseroberfläche den Stand des Fisches nicht genau wiedergab. Der Eintauchpunkt
für den Speer musste ein anderer sein, etwa eine Fischlänge versetzt, da das aufprallende Licht auf
dem Wasser den wahren Stand des Fisches nicht wiedergab. Der Speer musste demnach 20cm
versetzt und leicht schräg in die Flanke des Fisches getrieben werden - das Ganze natürlich mit
äußerster Geduld und Ruhe. Siobhan versuchte sich derweil mit beiden Beinen im Wasser stehend,
die Hände flach ineinandergeflochten unter Wasser, auf Tuchfühlung mit dem Fisch sozusagen.
Einer von uns beiden würde Erfolg haben - der Wettbewerb konnte beginnen. Nach zwei Stunden
unermüdlichen Versuchens gab ich enttäuscht auf. Siobhan fischte in einiger Entfernung und nichts
deutete darauf hin, dass sie Erfolg gehabt hätte.. Zu meiner Verwunderung präsentierte sie mir einen
Aal, einen Eitel und sogar einen 20cm langen Bachsaibling - sagenhaft. Schmunzelnd stellte sie
fest: “You forget, Mateo - I’m an Irish...! As a child I cought Salmon out of the River; that’s like a
sport in our town for everybody.” Siobhan würde mich wohl noch öfter überraschen, dachte ich bei
mir - heute war es für mich eine kleine Sensation. Im Augenblick jedoch zählte das Ergebnis - und
das war wunderbar. In dieser Weise vergingen zwei Tage und Nächte in und um der Kapelle. Zwei
Tage größter Sorglosigkeit, aber immer gebotener Wachsamkeit. Siobhan entging keineswegs meine
stetig wachsende Unruhe. An diesem Ort konnte ich mich für mein Vorhaben nicht ausreichend und
effektiv vorbereiten - und Baumvater fehlte mir täglich mehr. Schließlich war die Ungewissheit
kaum noch zu ertragen. Ich musste zu ihm – ich musste ihn sehen. Es stand also ein langer
Fußmarsch zur Brücke an, die wir bei Dunkelheit überqueren mussten.
Die Brücke über den Fluss lag stromaufwärts. Der Weg dorthin war mit Bruch-Kalkstein geschottert
und gut zu begehen. Er diente Wanderern und Naturliebhabern als Erholungspfad durch nahezu
unberührte Natur. Siobhan und ich machten uns am Nachmittag auf den Weg, um gegen Abend die
Brücke überqueren zu können. Der Fluss staute sich an ihr und das Wasserkraftwerk, das einst dort
entstand, versorgte die umliegenden Gemeinden, wie auch die Kreishauptstadt, schon seit
Jahrzehnten mit Strom. Weiter stromaufwärts, direkt vor dem Stauwerk, wandelte sich der Fluss in
einen großen Stausee, der vielen Wasservögeln als Refugium diente. Es war ein herrlicher Anblick,
Silberreiher, Graugänse, Kormorane, Haubentaucher, Eisvögel, Reiherenten, Milane,
Schilfrohrsänger, Rohrdommeln, Flussregenpfeifer und viele andere seltene Tierarten hier
anzutreffen, als ob die Welt noch nie aus den Fugen geraten wäre… Doch täuscht der Blick – noch
vor ein paar Jahren war diese Ansammlung von Vogelarten nicht vorhanden. Der
landwirtschaftliche Pestizid-Einsatz der 70er und 80er Jahre hatte viele Arten nahezu ausgerottet
und erst allmählich und durch das Zutun einiger ehrenamtlicher Enthusiasten konnten die
Voraussetzungen für diese Renaissance neu erschaffen werden. Die Menschen hatten wohl aus ihren
Fehlern gelernt, mussten aber ein fein ausgeklügeltes und äußerst sensibles rechtliches Machwerk
entwerfen, um den Schutz der neuen Idylle nachhaltig zu gewährleisten. Nach Stunden war die
Brücke erreicht und die Abendsonne versank langsam hinter den höchsten Wipfeln. Pro Stunde
überquerten Hunderte von Fahrzeugen diese Brücke und nur ein schmaler Fußgängerübergang
ermöglichte die Passage. Wir mussten uns also sputen und so unauffällig wie möglich den richtigen
Zeitpunkt für die Überquerung nutzen. Unsere Kutten waren dabei recht hilfreich, sahen wir doch
aus wie zwei Angler, die in der Dämmerung noch ihr Glück versuchten, einen der begehrten
Leckerbissen zu erhaschen.
Geschafft, wir waren auf der anderen Seite! Wir hatten uns so vereinbart, dass wir den Weg zu
Baumvater gemeinsam zurücklegen und ab dort getrennte Wege gehen würden. Siobhan wollte
meinen Eltern erklären um was es mir ging, und sie dafür gewinnen, die meinetwegen
aufgebrachten Leute zu beruhigen. Nichtsdestotrotz wollte ich mich für die Auseinandersetzung mit
den Holzarbeitern, der Polizei, den Stadtvertretern etc. wappnen. Hierzu benötigte ich Zeit – ein bis
zwei Tage wohl. Vor allem aber sollte Siobhan niemandem irgendwelche Ortsangaben machen, um
mich somit nicht zu verraten; ich hätte sonst keine Chance meinen Plan gelingen zu lassen. Kurz
vor meinem Ziel verabschiedete ich mich von ihr und trat mit höchster Wachsamkeit vor Baumvater
hin. Es war schon tiefdunkle Nacht und ich konnte nicht ahnen, dass ich meine Freundin für eine
lange Zeit das letzte Mal gesehen hatte. Wir konnten beide zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass
die Dinge bereits ihren Lauf nahmen und unaufhaltsam zu einer großen Eskalation heranschwollen.
Für uns war dieser Abschied ein „Bye, see You tomorrow…“ mit Küsschen und Umarmung. Ihr
Weg des Ausgleichs und des Friedens, des Vermittelns zwischen den Fronten war ein von
vornherein auswegloser; das war uns in unserer jugendlichen Naivität nicht klar. Es würde ein böses
Erwachen geben…, denn dieser Krieg gegen die Konventionen war nicht zu gewinnen. ‚Denn eher
geht ein Kamel durch ein Nadelör…‘
Mich durchströmte ein wohliges Gefühl endlich wieder bei Baumvater zu sein. Mit großer
Vertrautheit strich ich mit beiden Händen über die borkige alte Rinde. Sogleich kletterte ich hinan in
seine Krone, behend und flink wie eh und je. „Mein lieber Freund, es tut so gut wieder bei dir zu
sein. Die letzten Tage ohne dich waren eine Odyssee, geplagt von Zweifeln und vielen ausweglos
erscheinenden Gedanken.“ sprach ich ihn an. „Wild siehst du aus, Mateo, Mateo,…“ Entgegnete er
mir. „Wild, aber gut – so richtig verwegen. Du hast alle Leute mächtig an der Nase
herumgeführt.“ „Lass uns nicht darüber reden, mein Vater..“ fiel ich ihm ins Wort.. „Die Zeit läuft
zu schnell. Es ist so unwichtig. Ich bin froh hier zu sein. Es ist schön deine Kraft zu spüren und mit
dir diese Nacht zu genießen.“ In dieser Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Wir tauschten uns
über die Tiere des Waldes aus und über die große Macht der Jahreszeiten. Es war kein Platz für
unsinniges Menschenwerk, für das Bewerten wachstumsorientierter Bedürfnisse egoistischer
naturfeindlicher Individuen. Die Nacht war Lehrzeit, war Auftanken der Seele. Baumvater und ich
waren wieder vereint, vereint in unserem Reden, vereint in unserem Sein. Instinktiv bereitete ich
mein Selbst geistig, wie in Trance, auf die Konfrontation mit der Realität vor, mein Körper sollte
folgen.
Ein gigantisches Stimmenkonzert kündigte den nahenden Morgen an. Baumvater vermied es mich
nach meinen Plänen zu fragen. Er konnte mich sowieso nicht aufhalten. So genoss er es mir bei
meinen Vorbereitungen zuzusehen, ohne auch nur eine Bemerkung oder Bewertung darüber zu
verlieren. Mit Hartholz-Astwerk und meinen bloßen Händen hob ich um Baumvater herum kleine
Trittfallen aus und bestückte diese mit zugespitzten Pfählen. Mit Buschwerk, Laub und Moos tarnte
ich jede einzelne Fallgrube. In den Astgabeln Baumvaters legte ich Vorräte an faustgroßen
Kieselsteinen an. Bei starker Bedrängnis würde ich werfen, egal, wie viele Peiniger kommen
mögen. Diese beiden Waffensysteme kosteten mich beinahe den ganzen Tag. Bei den umliegenden
Dornenbüschen setzte ich unzählige Ruten auf Spannung, so dass diese bei Berührung auf
Kopfhöhe hochschnellten. Von Leuten, die nach mir suchten, war an diesem Tag in der Nähe
Baumvaters nichts zu sehen. „Das hatte Siobhan gut gemacht, dachte ich bei mir. Sie hatte die
Suchtrupps mit Sicherheit auf eine falsche Fährte geführt. Leider war sie selbst heute nicht
gekommen. Den Grund dafür würde ich leider noch erfahren – doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich
noch nicht wissen warum. An diesem Abend war ich hochzufrieden mit mir. Alle Fallen
funktionierten und jeder, der sich Baumvater und mir näherte, würde sein blaues Wunder erleben.
Zum Glück hatte ich Siobhan bereits vorgewarnt, dass sie sich dem Gelände nur unter größter
Vorsicht zu nähern habe… - hierfür hatten wir einen Treffpunkt vereinbart. Nach getaner Arbeit war
für mich nun die Zeit gekommen die Gegend auszuspähen. Vor allem aber wollte ich bei der
Bärenhöhle vorbeischauen. Mit Sicherheit hatten die Trupps mein Versteck gefunden. Und dem war
auch so. Vor der Höhle versperrten zusammengenagelte Paletten den Eingang. Sie hatten sich größte
Mühe gegeben mir meinen Unterschlupf zu blockieren. Vor den Paletten lag ein großer abgesägter
Baumstamm. Ich hatte allein keine Chance diese Barriere zu überwinden. An den Paletten hing ein
in eine Plastiktüte verpackter Brief. Es lagen zwei Schreiben darin; ein Brief von meiner Mutter und
einer vom Bürgermeister höchstpersönlich…
Brief des Bürgermeisters
„Lieber Mateo,
leider konnte ich dich in deinen jungen Jahren noch nicht persönlich kennenlernen. Von Deinen
Eltern, Lehrern und Ausbildern hörte ich bezüglich deiner Freundschaften, schulischen Leistungen,
Freizeitgestaltungen und Hobbys nur Erfreuliches. Du bist sozusagen ein junger dynamischer
Mann, der in unserer Stadt alle Perspektiven besitzt erfolgreich seine Zukunft zu gestalten.
Urplötzlich gibt es da aber ein Problem, dessen Ursache wir nicht kennen, nicht verstehen. Mateo,
Du solltest uns hierüber in Kenntnis setzen. Du kannst mit uns über alles offen und ehrlich sprechen
– wir werden gemeinsam eine Lösung finden. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass Deine Eltern
und wir von der Stadtverwaltung über die Geschehnisse der letzten Tage sehr besorgt sind.
Schließlich geht es bei den beschädigten Motorsägen um eine nicht unerhebliche
Sachbeschädigung. Und natürlich komme ich in diesem Schreiben nicht umhin die
Körperverletzung des Waldarbeiters anzusprechen. Er hatte in der besagten Nacht eine tiefe
Stichwunde am Unterarm erlitten. Wir müssen leider davon ausgehen, dass für die geschilderten
Tatbestände nur Du als Täter in Frage kommen kannst.
Dieser Brief soll aber keine Anklage darstellen, sondern vielmehr eine Aufforderung zum Dialog
sein. Wir würden uns alle sehr freuen und wären erleichtert, wenn Du Gesprächsbereitschaft zeigst,
damit wir wieder in den normalen Alltag zurückfinden.
Wenn Du uns brauchst, sind wir für Dich da.
Bitte melde Dich.
Dein Bürgermeister“
Brief der Mutter
„Lieber Junge,
Du weißt, wir lieben dich über alles. Es fällt mir im Augenblick sehr schwer die richtigen Worte zu
finden. Um mich herum sind so viele Berater und Besserwisser, dass ich kaum klar denken kann.
Doch eines weiß ich ganz sicher: Es muss etwas Furchtbares passiert sein, dass Du so handelst.
Lieber Mateo, bitte kläre uns darüber auf was dich bedrückt. Noch ist es möglich die Wogen zu
glätten und den begonnenen Weg ohne großen Schaden fortzusetzen. Die Voraussetzung hierfür ist
jedoch, dass Du dich vor allem uns, Deiner Familie anvertraust. Siobhan hat uns darüber berichtet,
dass es dir gutgeht. Sie sprach von einem Baum, den Du beschützen willst. Das macht in meinen
Augen alles Sinn und ist für uns trotzdem nur schwer nachzuvollziehen.
Eines muss ich dir beichten. Leider kann dich Siobhan nicht mehr aufsuchen. Ihre Eltern haben
großen Druck gemacht, dass sie wieder heimkommt. Es tut mir sehr leid für dich. Ich weiß, wie sehr
Du sie magst und kann mir vorstellen, wie sehr sie dir fehlen wird – besonders jetzt in diesen
Tagen…
Mein Junge, bitte lass‘ ab von deiner Wut und suche die Vermittlung. Ich möchte dich vor
Schlimmeren bewahren. Komm‘ nach Haus und kläre alles auf. Der Bürgermeister hat versprochen
sich für dich einzusetzen. Bitte nehme das Angebot an – es ist noch nicht zu spät.
Ich liebe Dich
Deine Mama“
Siobhan war nicht mehr da! Das traf mich mitten ins Herz. Schon setzte sich eine gewaltige
Gedankenlawine bei mir in Gang, die jedem alles unterstellte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass
meine Eltern wie auch die Stadtverwaltung schuldlos daran waren, dass Siobhan wieder zurück auf
die Insel musste… Somit verteilte ich Schuld, was wohl das noch größere Übel darstellte. Beinahe
verlor ich wegen des tiefen seelischen Schmerzes die Beherrschung und am liebsten wollte ich mich
für diesen Umstand rächen. Doch wie lehrte mich Baumvater; die Zeit relativiert den Grad der
seelischen Verletzung. Siobhan war weg – ich musste mich also damit abfinden.
Aus der Schule wusste ich noch wie eine Rezension funktionierte, doch war das natürlich unter der
Last der angespannten Emotionen ungleich schwieriger. Von meiner Mutter konnte ich angesichts
der Umstände außer einem Sorgebericht nichts anderes erwarten. Der Brief des Bürgermeisters war
in meinen Augen eine Aufforderung dazu, aufzugeben, mich der gesellschaftlichen Exekutive und
nachfolgend Judikative zu stellen. Er redete von Tatbestand und bot gleichzeitig einen Dialog an. In
meinen Augen klang das wie ein Paar Handschellen. Der Tenor beider Briefe lag auf einem
Neubeginn in alter Umgebung, als ob nichts gewesen wäre. Das Stadtoberhaupt zeigte sich zudem
unwissend der Ursache meines Handelns – das konnte nicht wahr sein; typisch Politiker. Mit
Sicherheit hatten sie Siobhan in die Mangel genommen und werden nun Zug um Zug die Rodung
des Waldstückes vorantreiben, damit das Thema nicht zu hohe Wellen schlägt. Die beiden Briefe
änderten nichts an meiner Einstellung. Sie trieben mich eher zur Eile an, die Vorbereitungen zur
Verteidigung Baumvaters schnell zum Abschluss zu bringen.
‚Siobhan war weg, welch‘ ein Schlag für den jungverliebten Mateo. Doch war das noch lange nicht
alles… Die Stadt hat bereits all‘ ihre Kräfte aufgeboten, dem Aufbegehren des Jugendlichen
endgültig Einhalt zu gebieten. Polizei, Stadtrat, Feuerwehr und eine sogenannte Bürgerwehr hatten
sich bereits auf den Weg zur alten Eiche gemacht. Hier vermuteten sie den Grund für Mateos
unverständliches Handeln. Zum Glück konnten sie Siobhan nicht habhaft werden, da Mateos Mutter
sie heimlich an den offiziellen Vertretern der Jägerseite vorbeischleuste. Mateos Pech war, dass die
gesamte Streitmacht auf ihn wartete, um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Die Auseinandersetzung
zwischen ihnen und dem Jungen sollte ein schnelles und unkompliziertes Ende finden, ohne viel
Aufmerksamkeit zu erregen, damit dem geplanten Bauvorhaben keine Steine in den Weg gelegt
werden konnten. Man wollte unter allen Umständen eine Verbindung zwischen Mateo und der
Rodung des Waldstückes vermeiden. Zum Glück hatte man es mit einem einzelnen Jugendlichen
und nicht mit etwa einer Bürgerinitiative zu tun…‘
Kapitel 10: Die Eskalation – Böses Erwachen
Es war alles gesagt und nichts verhandelt. Siobhan war nicht mehr da; es blieb mir als Halt nur noch
Baumvater. Ich wusste, ich fühlte, dass der Zeitpunkt der großen Konfrontation gekommen war.
Mein Weg führte mich ohne zu Zögern zu meinem letzten Verbündeten. Und zwar schnell, bevor es
zu spät wäre… In Windeseile huschte ich durch die mir mittlerweile wohlbekannten Pfade von der
Bärenhöhle hin zu meinem Baumriesen. Von weitem konnte ich jedoch bereits erkennen, dass die
Markierungen an Baumvater erneuert wurden. Zudem vernahm ich aus nicht allzu weiter
Entfernung Motorengeräusche von schwerem Fahrzeugen, Motorsägen und Hundegebell. Es hörte
sich nach einem Großaufgebot von Menschen an. „Baumvater, soll es heute geschehen?“ fragte ich
meinen Mentor leicht verängstigt. Doch die Eiche blieb stumm. Ausgerechnet jetzt, als ich seinen
Rat am nötigsten brauchte. Nein, er blieb stumm, oder stur; schließlich machte er mir immer und
immer wieder klar, dass er sich nicht an dem Krieg mit seinen Peinigern beteiligen würde. So
hangelte ich mich so schnell als möglich in die Baumkrone, inspizierte die Steinlager und versuchte
trotz aller Aufregung einigermaßen Ruhe zu bewahren. Schon konnte ich auf der Lichtung die
ersten Holzarbeiter erkennen. Aber es waren noch viel mehr Leute dabei. Der Bürgermeister, meine
Eltern und etliche Stadträte, Feuerwehrleute und Polizisten traten auf die Lichtung. Beim
Ausspähen der näheren Umgebung sah ich den Grund dafür. Einige Trittfallen waren bereits
ausgelöst worden; ebenso wie die gespannten Ruten. Urplötzlich schmetterte die Stimme des
Polizeikommandanten durch ein Megaphon: „Hier spricht die Polizei! Mateo, Du hast mit den
aufgestellten Fallen weitere Menschen verletzt und in Gefahr gebracht. Zum Glück blieb es nur bei
leichteren Verletzungen und Fleischwunden. Doch handelt es sich hier um vorsätzliche
Körperverletzung. Da interessieren uns keine Motive – denn das ist bereits eine schwere Straftat,
egal welche Gründe du hierfür auch angeben magst. Komme heraus oder wir müssen uns
gewaltsam deiner habhaft machen.“ Das Großaufgebot kam Baumvater und mir Schritt für Schritt
näher. Sie wussten also, dass ich meinen Ansitz in der Baumkrone der Eiche hatte und bildeten in
gebührendem Abstand einen Kreis. Nun war für mich der Zeitpunkt gekommen meine Sicht der
Dinge darzustellen und um Baumvater und mich zu kämpfen. Nicht im Geringsten taten mir die
Verletzten leid. Schließlich wollten sie meinen Freund ‚umbringen‘, und das wäre für mich ein
unwiederbringlicher Verlust gewesen. „Lasst mich und diesen Baum in Ruhe. Diese Eiche darf
nicht gefällt werden. Sie ist für mich mehr als nur ein Freund – das könnt‘ Ihr alle nicht verstehen.
Er ist nicht nur der Hüter und das Oberhaupt dieses Waldes, nein, er ist mein Baumvater… Jeder,
der es wagt, an diesen Baum Hand oder Gerät anzulegen, oder mich versucht gefangen zu nehmen,
wird bestraft. Ich werde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen“
argumentierte ich eindringlich. Nun schaltete sich der Bürgermeister mit seiner politischen
Ausgleichs- und Vermittlungsmasche ein, die ich ja schon aus seinem Brief kannte… - irgendwie
wie auswendig gelernt und völlig ohne Überraschungsmoment. Zwischen den Worten konnte ich
klar herauslesen und erkennen, dass sofort nach meiner Internierung das Fällen beginnen würde –
schließlich ging es ja um Millionensummen an Investitionen für die Stadt. Nach ihm waren dann
meine Eltern, besser gesagt, meine Mutter an der Reihe… Sie versuchte es mit Tränendrüse und der
‚Es ist noch nicht zu spät für ein Einlenken-Theorie‘. Zu guter letzt gab noch der
Feuerwehrkommandant und sogar ein Psychologe ihre jeweiligen Statements ab. Die ganze
Prozedur war in höchster Weise lächerlich und leider in keiner Weise amüsant. Denn zu viel stand
auf dem Spiel. Von größerer Wichtigkeit war da eher, dass die Feuerwehrleute damit begannen, eine
Leiter an Baumvater zu platzieren. Nun platzte mir der Kragen und ich nahm den ersten Stein. Nach
meiner eindeutigen Warnung konnte ich kein Einhalten der geschäftigen Feuerwehrleute erkennen.
Und so warf ich einen mittelgroßen Kiesel nach unten… Der Bürgermeister schrie nach oben:
„Mateo, ja bist du von allen guten Geistern verlassen. Du kannst doch eines Baumes wegen nicht
vorsätzlich Steine auf uns Menschen werfen und in Kauf nehmen uns zu verletzen…“ „Ich wehre
mich gegen jeden, der es wagt diesen Baum anzugreifen!“ schrie ich hinunter. Nach diesen Worten
rückte die Polizei mit Schutzbekleidung und Schutzschildern vor. Ich sah, wie einige
Scharfschützen in der umliegenden Umgebung in Stellung gingen. Noch einmal ergriff der
Bürgermeister das Wort, dem die ganze Situation wohl immer unheimlicher wurde. Schließlich war
ja auch die Presse anwesend und würde, egal wie die Angelegenheit ausginge, ihren Profit aus der
Geschichte schlagen. „Mein lieber Mateo. Sieh‘, was Du erreicht hast. Sieh‘, mit welchen Mitteln
wir uns bekämpfen. Du kannst aus dieser Konfrontation nicht als Gewinner hervorgehen. Der Baum
und das kleine umliegenden Waldstück müssen weichen – das ist ein offizieller Beschluss. Gib‘ den
Weg frei und komme herunter. Wir beide können doch nicht wollen, dass noch weitere Personen zu
Schaden kommen. Denk doch auch an deine Familie…“ In der gleichen Minute verteilte die
Feuerwehr große Sprungkissen unter dem Baum. Nun verstand ich. Sie wollten mich durch die
Scharfschützen betäuben und dann mit den Kissen auffangen, um mich dann in Gewahrsam nehmen
zu können. Durch die Aussagen des Bürgermeisters und der zunehmend eskalierenden Situation
regelrecht wild geworden, nahm ich die Steine und begann wie von Sinnen zu werfen, ja zu
ballern…, bis plötzlich eine mir wohlvertraute Stimme rief: „Mateo, stop it! It is enough – they will
heard You so bad.“ Es war Siobhan. Es war meine liebe Siobhan. Just in diesem Moment hielt ich
inne und schaute herum. Meine Augen suchten die Umgebung ab. Mit einem Male hörte ich einen
Knall, ein lautes Raunen der Menschen und fühlte einen dumpfen Schmerz auf und in meiner Brust.
Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel weit hinab in die Tiefe… Doch kurz bevor ich aufschlug
erfassten meine schwindenden Sinne noch, dass mich ein großer belaubter Ast Baumvaters im
letzten Moment auffing… So rettete mich mein Baumvater vor dem lebensbedrohlichen Aufprall.
„Das ist das Einzige, was ich für dich tun kann…“ flüsterte mir Baumvater leise, ganz leise ins
Ohr… „Ich bin und bleibe bei Dir… - auch wenn ich nicht mehr bin…“ fügte er noch hinzu. Und
dann kehrte Stille ein – eine große lang anhaltende Stille.
‚Alle an der Unglücksstelle anwesenden Personen stellten sich nur die eine Frage: Wie konnte es zu
dieser Eskalation kommen. Dem Polizisten, der schoss, versagten die Nerven, während die
Feuerwehrleute die Sprungkissen noch nicht gänzlich aufgepumpt hatten. Die rückliegende Seite,
auf der die Eiche Mateo auffing und sanft in den Moosboden bettete, war für die meisten
Anwesenden kaum einsehbar und so grenzte es für viele an ein Wunder, dass Mateo dem ersten
Eindruck nach nur mit wenigen Blessuren davon kam. Es gab also keinen wirklichen Beweis für das
Wirken Baumvaters; als ob er es selbst so gewollt hätte. Nur Siobhan, die baumrückseitig zwischen
einem Grüppchen Dornenbüschen stand, konnte genau erkennen, dass sich der Ast bewegte, und
dass es der Eiche zu verdanken war, dass Mateo nicht mehr passiert war. Mateo hatte also von
Anfang an Recht gehabt. Nun lag ihr Freund bewusstlos im Moos; die Sanitäter eilten sofort herbei,
um ihn so schnell wie möglich zu versorgen. Auch Siobhan hielt es nicht an ihrem Platz und so
sprang sie sogleich hinzu, um festzustellen, ob Mateo noch atmete. Tags zuvor gab sie Mateos‘
Eltern vor, ihren Eltern zuliebe abzureisen. Schon nach den ersten Haltestellen beschloss sie
zurückzukehren und ihrem Freund beizustehen. Da lag er nun, Mateo, bewusstlos, mit
Sauerstoffmaske und von Sanitätern umringt. Flugs wurde er auf einer Trage fixiert und im
Laufschritt abtransportiert. Kaum lichtete sich der Menschenauflauf bedrängten der
Bauunternehmer, die Chemie-Firmenleitung und der Holzfällertrupp den Bürgermeister, nun doch
mit der Fällung der Eiche und des kleinen Waldstücks fortzufahren – jetzt, nachdem der Weg frei
war. Die Gelegenheit schien ihnen scheinbar günstig und die Aufmerksamkeit der Presse galt ja
offensichtlich dem Verletzten und dem Tathergang an sich und weniger der Ursache… Siobhan
konnte aus einiger Entfernung kaum ihren Augen trauen. Nach allem was passiert war, knatterten in
Windeseile die ersten Motorsägen. Der Bürgermeister schien angesichts des manigfaltigen Drucks
überfordert und verlor auch noch den Rest seiner Gesichtsfarbe. Doch für Sentimentalitäten war
heute und zu diesem Zeitpunkt kein Platz. Der Polizeioberwachtmeister erließ per Lautsprecher
sofortige Anweisung, dass alle Anwesenden, die nicht zum Rodungstrupp gehörten, die Lichtung
wegen Rodungsarbeiten zu räumen hätten. Nun hatte Siobhan den endgültigen Beweis dafür, dass
Mateo in all‘ seinem Handeln und seinen Ausführungen im Recht war. Sie liebte ihn von ganzem
Herzen – in ihren Augen war Mateo ein großer Held!‘
Ein letztes Mal trat sie vor Baumvater hin und sagte leise, beklemmt flüsternd: „I’m so sorry. Mateo
loves You. We are both so sad, I cannot find words. I cannot help You in this dark hour…”
Da entgegnete ihr sehr überraschend die mächtige Eiche: “Dear Siobhan. These are my last and
only words to You. Please ask Mateo for the four acorns of mine. They are a sign for a new life, for
me and You also…! Goodbye my dear friends – greetings to Mateo – I love him so much. Have
everytime a look to him. He is the best guy, friend and son I ever found. I’m gonna leave You now.”
‚Verwundert, erschrocken und fassungslos zog sich Siobhan zwischen den Büschen zurück und
wandte sich dem Weg zum großen Strom hin. Es war zu viel passiert. Das musste erst von ihr
verarbeitet werden. Von Baumvater blieb innerhalb von ein paar Minuten nur noch ein trauriger
toter Stumpf übrig. Die Entfernung der Wurzeln würde in den nächsten Tagen von dem
Tiefbautrupp vorgenommen werden. Das Geld und der angebliche Fortschritt hatten gesiegt - auf
Kosten eines großen Freundes. Doch das störte an diesem Tage keinen der übrigen Anwesenden. Sie
hatten ihren Straftäter gefasst und den Weg für sachliches ordnungsgemäßes Wachstum geebnet.
Mateo würde seine gerechte Strafe bekommen. Nach ihrem Verständnis wurde jeglicher gestellte
Auftrag in höchster Sorgfalt korrekt ausgeführt. Mateo wurde indes ins Krankenhaus verbracht.
Vollgepumpt mit Schmerzmitteln und einer Beruhigungsspritze schlief er nahezu 24 Stunden…‘
Als ich etappenweise erwachte spürte ich einen dröhnenden Schmerz in meinem Schädel. Zudem
quälte mich ein hartnäckiges Stechen auf und in der Brust. Um mich herum roch es merkwürdig;
ein Geruch, den ich von irgendwoher kannte… Ja genau, aus dem Krankenhaus.. – ich war im
Krankenhaus. Vorsichtig versuchte ich meine zugeschwollenen Augen zu öffnen. Gerade als ich mir
den Schlaf aus denselben reiben wollte, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass meine Arme und
Beine an einem Spezialrahmen des Krankenbettes festgebunden, also fixiert waren. Langsam, aber
in der Intensität steigernd, begann ich mit wachsender Gewalt an den Halterungen zu rütteln. Kurz
bevor mich die erste Wut packte betrat eine fünfköpfige Gruppe weiß gekleideter Herren das
Krankenzimmer. Sie stellten sich der Reihe nach als Oberarzt, Psychiater Dr., Doktor.. und zwei
Pfleger vor. Mit verdächtig beruhigenden Ton versuchte mir der Oberarzt zu erklären, warum ich in
dieser Einrichtung war und vor allem, warum man mich am Bett fixierte. Es lag seiner
Argumentation zufolge an den Medikamenten und diente in erster Linie dem Schutz mich
umgebender Personen und dem Schutz vor mir selbst. Das alles begründete er mit den jüngsten
Ereignissen im Auenwald. Man müsse mit mir Zug um Zug den zurückliegenden Sachverhalt
aufarbeiten und aufklären. Die Vorkommnisse hätten eine große Tragweite… Mir selbst kam die
Situation höchst befremdlich vor und das Festbinden von Armen und Beinen kam einem
Freiheitsentzug gleich. Sofort monierte ich die Umstände und verlangte die Lösung der Fesseln.
Gleichsam wollte ich wissen was mit Baumvater passiert war und wo sich meine Freundin Siobhan
aufhielt. Doch die Weißkittel wollten mir zu meinen Fragen keine konkrete Antwort geben und
versuchten abzulenken. Zudem verneinten sie meinen Wunsch, die Fixierungen zu lösen und baten
sich hierzu noch eine zeitlich begrenzte Phase der Beobachtung aus, mit der Begründung ‚ich müsse
zur Ruhe kommen‘. Der Kontakt zu meiner Freundin oder eine Aussage zu dem ominösen Baum
könnte meine Genesung oder den Therapieerfolg gefährden… und dergleichen. Von den
Ausführungen der sogenannten Fachleute bis ins Mark gedemütigt hatte ich von der
Respektlosigkeit mir gegenüber die Nase voll und machte meinem Unmut laut schreiend Luft.
„Machen sie sofort diese dämlichen Fesseln ab. Ich bin doch nicht ihr Versuchskaninchen. Und ich
bin auch nicht verrückt. Erst wollt ihr meinen Freund aus dem Weg schaffen und jetzt bin ich dran.“
Wie wild geworden rüttelte ich nun am Bettgestell. Schon rückten die Pfleger näher heran.
Gleichzeitig begann der Herr Psychiater das Wort zu ergreifen und seltsam monoton auf mich
einzureden. Und ehe ich mich versah, hatte einer der Pfleger eine Spritze aufgezogen und mir
selbige in den Arm manövriert, was angesichts meiner Wehrlosigkeit keine große Kunst darstellte.
„Ihr feigen Schweine…“ entkam es noch meinen Lippen und innerhalb weniger Augenblicke
schwanden meine Sinne. Nur noch schemenhaft nahm ich den Fünfertrupp und einige Wortfetzen
wahr… Dann wurde es wieder finster. Die feige Bande hatte mich in ihrer Gewalt. Sie hatten mich
gefangen und ruhiggestellt und von nun an unter totaler Kontrolle.
Ich kann nicht sagen wie lang ich dieses Mal schlief. Langsam hatte ich kein Raum-Zeitgefühl mehr
in mir. Waren es anfangs nur die Augen, so war nun meine komplette Gesichtspartie mächtig
angeschwollen. Das lag wohl an den Medikamenten. Neben meinem Bett saß eine
Krankenschwester mit einem Löffel in der Hand und einem Teller Suppe. „Mateo, wach auf, du
musst etwas essen“ gab sie mir mit einer freundlichen warmen Tonlage zu verstehen. Zunehmend
wurde mir bewusster, dass Wutanfälle in meiner augenblicklich äußerst misslichen Lage eher das
Gegenteil bewirkten. Außerdem hatte ich großen Hunger. Wenn ich mich weiter wehrte, würde nur
die nächste Spritze aufgezogen – und gegessen hätte ich dann auch nichts. So konnte es nicht
weitergehen. Also fügte ich mich und ließ die Prozedur über mich ergehen. Anschließend sollte ich
im Beisein des Oberarztes noch eine Tablette schlucken. Er versprach mir, dass die Fixierungen in
nächster Zeit gelöst werden, wenn ich bei der anstehenden Behandlung kooperiere. Ein paar
Minuten nach Einnahme der Tablette setzte in meinem Kopf eine dumpfe Trägheit ein. Baumvater,
Siobhan, meine Eltern, ja mein ganzes Leben schienen weit weg, kaum zu greifen, nur schemenhaft
zu erahnen. Der faustgroße, mittlerweile blaugrüne Erguss auf der Brust verschwand allmählich –
ebenso wie die Erinnerung daran, wie er mir zugefügt wurde… Mein ‚Dämmerzustand‘ nahm
Kontinuität an. Meine Träume hingegen waren wild und konfus. Ich sah mich in Zwangsjacken, in
Gefängnissen – stets von Kontrolleuren umringt. Kontrolleure, die mich auf jeder Flucht stellten,
egal wie groß mein Vorsprung war. In einem Traum musste ich selbst, umringt von einem Aufgebot
bestehend aus Stadträten, Polizisten, Weißkitteln, Feuerwehrleuten, der Presse und unzähligen
Schaulustigen meinen Baumvater eigenhändig fällen. Nach jedem Axthieb brandete Applaus auf.
Siobhan und meine Mutter standen abseits und weinten…
Ich kann mich kaum erinnern, wie lange dieser Zustand und der Ablauf dieser Tage anhielt und wie
lange ich so emotionslos vor mich hinvegetierte. Ich denke, es waren sogar mehrere Wochen. Jeden
Tag nach der Mittagstablette fand ein Gespräch mit dem Psychiater statt, der mir darzustellen
versuchte, warum ich diesen Dialog mit einer Eiche, einem Baum, führte. Er titulierte diesen
Umstand gerne als Fiktion, die auf dem Scheidungs- und Trennungstrauma zum leiblichen Vater hin
entstanden war. Er nannte es im weitesten Sinne „Die Suche nach dem verlorenen Vater.“ Dies
würde bei besonders sensiblen Jungen in der Pubertät nichts Außergewöhnliches und schon gar
nichts Unheilbares darstellen. ‚Wir‘ würden schon wieder ins normale Leben zurückfinden. Mit der
Zeit begann ich sogar seinen Ausführungen tendenziell Glauben zu schenken, wohlwissentlich, dass
zur Zeit kaum jemand anderes auf mich Einfluss ausübte… Nach zwei Wochen intensiver
Gespräche, regelmäßiger Medikamenteneinnahme und ruhigen Verhaltens meinerseits, durfte ich
mich wieder relativ frei auf dem Gelände der ‚geschlossenen’ Klinik bewegen. An einem sonnigen
Spätsommertag kündigte mir der Oberarzt den Besuch meiner Mutter am kommenden Wochenende
an. Meine Mutter, dachte ich bei mir, das ist schön. Das ist sehr schön – da freue ich mich drauf…
Von Vorfreude jedoch spürte ich nichts. Ich spürte keinerlei Gefühlsregung.
Nach drei Tagen des emotionslosen Wartens kam sie endlich – mit einem Marmorkuchen.., den ich
ja so gern mochte. Auf die Frage wie es mir ging, brachte ich nur ein knappes ‚Gut‘ heraus. Und
doch spürte ich beim Spazierengehen durch den Klinikpark, dass in meinem Leben einige
Angelegenheiten offen und ungeklärt waren. Plötzlich trieb es mir den Schweiß auf die Stirn und es
brach aus mir heraus: „Mami, was machen die Leute hier mit mir? Sie geben mir zwangsweise
Medikamente und behandeln mich wie einen psychisch Kranken. Ich wollte doch nur meinen
Baumvater retten. Ich musste diese Eiche vor dem gewissenlosen Mob beschützen. Da war mir
jedes Mittel recht. Und wo ist Siobhan?“ Meine Mutter war von der plötzlich eskalierenden
Fragerei total überfordert und versuchte mich zu beruhigen: „Mateo, mein lieber Junge. Wenn du
wohlbehalten und ohne Komplikationen hier herauskommen willst, dann darfst du dich nicht gegen
alle stellen. Vergiss den Baum, vergiss Siobhan. Die Stadtverwaltung und die Gerichte sitzen am
längeren Hebel. Sie haben gesagt, falls es keinen Rückfall und keine weitere Gewaltausbrüche
gegenüber dritten Personen von deiner Seite mehr gäbe, könnten sie dich in ein paar Wochen
entlassen. Aber selbst dann musst du dich regelmäßig bei einem Bewährungshelfer und bei einem
ambulant arbeitenden Psychiater melden und vorsprechen.“ Schlagartig wurde mir nach den
Ausführungen meiner Mutter klar, dass ich keine Chance hätte, auf meine Fragen Antworten zu
bekommen. Für die hiesige Gesellschaft stellte meine Andersartigkeit eine Gefahr dar – in deren
Augen war ich krank – ein Außenseiter!
‚Keine Informationen – keine Unterstützung – keine Unterstützer.. Mateo war auf sich allein gestellt
und noch nicht einmal im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten. Natürlich ahnte er sehr schnell,
dass dies alles nicht rechtmäßig, nicht gerecht sein konnte. Doch war die Gewalt, ja die
Staatsgewalt, die Repression, die erfolgte, zu übermächtig, zu stark, als dass er sich hätte wehren
oder auflehnen können. Nicht einmal eine Verteidigung war ihm gestattet. Mateo war von der
Außenwelt abgeschnitten und isoliert; umgeben von Ärzten, von Weißkitteln, die es alle gut mit ihm
meinten – und mehr oder weniger davon ausgingen, dass der Junge ein vordringlich psychisches
Problem in sich trug, dass es zu therapieren galt. Leider aber war niemand der Verantwortlichen
daran interessiert, wie sich die Ursache der Gesamtthematik darstellte. Als Prävention für weitere
Entgleisungen des Jungen, von denen man grundsätzlich ausging, wurde Psychopharmaka und
Fixierung in der gröbsten Form verabreicht. Als Grundlage für diese Entscheidung diente der
Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung in Verbindung mit einer schweren Psychose… Ein
schnell erstelltes Gutachten eines Psychologen und eines Psychiaters, gegengezeichnet von einem
Klinikleiter, reichte völlig aus, Gerichtsbarkeit, Elternhaus oder sonstige Fürsprecher des Jungen
vorerst völlig außen vor zu lassen… Die Heilung konnte also gefahrlos vollzogen werden – eine
Heilung basierend auf den Erfahrungen einer westlich völlig fehlorientierten Medikamentologie… Mateo selbst spielte in dieser Klinikgeschichte eine eher untergeordnete Rolle!‘
Kapitel 11 – Wenn die Hoffnung stirbt
Der Mob hatte mich abgestempelt. Ich war in einer der unzähligen Psycho-Mühlen des
Gesundheitswesens gelandet, aus der es kein Entrinnen gab. Verzweifelt versuchte ich meiner
Mutter klar zu machen, dass ich unbedingt nach Hause musste, und dass sie sich dafür engagieren
sollte… - vergeblich. Wieder und wieder betonte sie, dass es nun auf mich ankäme, wie die
Geschichte ausgehen wird. Das hieß im Klartext, ich hatte mich zu unterwerfen, ich hatte alles, für
das ich einstand, zu verleumden und mich der Masse anzupassen. Die Tür der Freiheit war
insbesondere für mich für die weitere Zukunft verschlossen. Immer würden meine Bekannten und
auch meine Freunde, Schulkameraden, Lehrer, Arbeitskollegen etc. etc. mit dem Finger auf mich
zeigen… - ‘Da läuft der Typ, der damals wegen diesem Baum…‘ Das war eine grausige Vorstellung
über meine Zukunft, aber eine durchaus realistische Vorstellung. Meine Mutter versuchte immer
wieder mich zu beruhigen. Nach einer knappen Stunde Besuchszeit sahen wir von weitem, wie uns
der Oberarzt in Begleitung zweier Pfleger entgegenkam. „Ich hoffe, Frau Bertone, der Besuch hat
ihnen beiden gut getan. Kommen Sie, auch du Mateo, und lassen sie uns in einer kleinen Runde
über die zukünftigen Schritte unserer Therapie sprechen“ unterbreitete er uns freundlich sein
Angebot und schlug vor, dass wir hierfür einen Tisch in der hauseigenen Cafeteria als Gesprächsort
wählen sollten. Nach Ankunft in der selbigen entfernten sich die Pfleger. Der Psychiater kam nach
einer Weile noch hinzu. Leider verlief das gemeinsame Gespräch genauso wie die letzten. Es ging
um die Festigung meiner Gemütslage, um das Aufarbeiten von Fiktionen und dem Aufbrechen
verschiedener Konditionierungen, um ein normales Leben in der Zukunft zu ermöglichen. Der
Psychiater kam nicht umhin, die angewandten Medikamente als sinnvoll und wirksam zu
bezeichnen, da es bis dato keine Anzeichen von Rück- oder Anfälle gab. Zudem wurden bisher
keine Nebenwirkungen festgestellt. Für die Herren Fachleute war ich also auf dem besten Wege der
Gesundung. Die wichtigste Frage, nämlich die nach meiner Entlassung, wurde wie so viele Fragen,
ausgegrenzt. Ich wurde vertröstet; mein Zustand sei noch nicht stabil genug.
In meinem Kopf stauten sich all‘ die Wortbrocken und Bewertungen meiner Person im Beisein
meiner Mutter zu einem unterirdischen Vulkan. Das psychodelische Magma schwoll in meinem
Kopf zu einer hochexplosiven Masse und ich ballte unter dem Tisch meine Fäuste. Mit einem
gewaltigen Ruck und unter Einsatz meiner ganzen Kraft hebelte ich den Tisch von meiner Mutter
und mir weg und kippte das Ding komplett mit Teller und Tassen, Kuchen und Besteck auf die
beiden Ärzte. „Mama, wo steht dein Auto?“ schrie ich laut und nahm sie bei der Hand. „Gib mir die
Wagenschlüssel. Merkst Du denn nicht, was die Leute hier mit mir vorhaben“ fuhr ich sie an. Sie
öffnete unter dem Laufen ihre Handtasche und zog den Schlüssel heraus. Oft genug hatte ich mir
das Autofahren bei meinem Stiefvater abgeschaut. Ein ums andere Mal ließ er mich bereits
Feldwege fahren… Meine Mutter konnte nicht schnell genug und schickte mich weiter… „Beeil
dich Mateo, sie sind bereits nah hinter dir…“ vernahm ich noch ihre letzten Worte. Ich lief
querfeldein über das komplette Gelände in Richtung Parkplatz. Da stellten sich mir zwei Pfleger in
den Weg. Wir waren hier schließlich in einer Spezialklinik, einem Sanatorium. Die beiden Ärzte
hatten bereits mit ihrem Piepser Alarm ausgelöst und so wurden alle Fluchtwege systematisch
verstellt. Ich hatte keine Chance auf den Parkplatz zu gelangen und so umkreisten mich immer mehr
Weißkittel; bis sie meinen plumpen Fluchtversuch jäh im Keim erstickten. Schnell merkte ich, dass
es keinen Sinn machte, mich zur Wehr zu setzen. Es waren einfach zu viele…
Sie hielten mich fest und steckten mich kompromisslos nach Anweisung in den ‚weißen Raum‘. Ein
Raum mit Gummiwänden, ohne Möbel – ein Raum zum ‚Ausrasten‘. Doch danach war mir an
diesem Nachmittag und anschließendem Abend nicht. Ich war verzweifelt und restlos enttäuscht.
Die Ärzte und das Fachpersonal hatten mich vor meiner Mutter gedemütigt und erniedrigt. Ich
schämte mich in Grund und Boden und sann gleichzeitig auf Rache. Meine Situation war
ausweglos. Nach mehreren Stunden wurde ich aus dem Raum geholt und auf mein Zimmer
gebracht. Für diese Nacht wurde ich wieder fixiert und medikamentös neu eingestellt. Das
Horrorszenario begann wieder von vorn. An Flucht war nicht zu denken. Zum ersten Mal in
meinem Leben wollte ich Bekanntschaft mit dem Tod machen und dachte darüber nach, meinem
Leben ein Ende zu setzen. Soweit hatten mich in kürzester Zeit die Leute gebracht, die doch
vorgaben, mir helfen zu wollen.
Die Tage vergingen und der Herbst zog mit all seiner Lethargie und Depressionen unaufhaltsam ins
Land. Die Bäume versuchten sich wieder in diesen atemberaubenden Farbtönen und spiegelten die
Leinwandakrobatik so vieler berühmter Maler wieder. Zwei Monate waren nun schon vergangen
und ich glaubte kaum noch daran, jemals wieder aus dieser Anstalt entlassen zu werden. Doch
standen Gerichtstermine an. Der Fall Mateo Bertone musste verhandelt werden. Also kündigte man
mir im Vorfeld den Besuch eines Rechtsanwaltes an. Mittlerweile konnte ich mich kaum noch real
an die Vorkommnisse an vor zwei Monaten erinnern. Die Medikamente zeigten Wirkung. Wenn mir
jemand gesagt hätte, dass das alles nur ein böser Traum gewesen wäre, so hätte ich es sofort
geglaubt. Wahrscheinlich wäre ich sogar im jetzigen Zustand erleichtert gewesen.
An einem Freitag war es dann soweit. Mein Rechtsanwalt sollte mich treffen und man ließ uns in
einer Art Konferenzraum allein. Sergio Brusketti, ein Freund der Familie und ebenfalls
Auswanderer aus Süditalien, war untersetzt und hatte eine kleine Glatze, die er mit den
Nackenhaaren gekonnt zu retuschieren versuchte. Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung und
einer Erklärung über die bevorstehenden rechtlichen Auseinandersetzungen legte er los: „Mateo,
zwei Monate sind vergangen. Die Gerichtsverhandlung über Körperverletzung, Sachbeschädigung
und Landfriedensbruch steht uns bevor. Der erste Anhörungstermin ist am Dienstag, den 21.
Oktober. Deine Mutter hat mich mit der Verteidigung beauftragt. Und ich kann dir eines mit
Sicherheit sagen. Es wird nicht einfach. Aber wir sind auch nicht chancenlos. Wir beide müssen
einige grundsätzliche Fragen schon im Vorfeld klären. Wenn wir auf ‚schuldig‘ und psychische
Labilität plädieren, dann erwartet dich ein mildes Urteil mit der Auflage, dich über einen gewissen
Zeitraum kontrollieren zu lassen. Eine weitgehende Freiheit verbunden mit der Möglichkeit, dich
wieder frei entfalten zu können, wäre dann möglich. Eine andere Möglichkeit wäre die totale
Konfrontation und eine Anklage an deine Peiniger. Hier wäre denkbar, den Polizisten, der das
Plastikgeschoss auf dich abfeuerte, für eine überhastete Gewaltaktion zu verantworten oder die
Rodung des Waldstückes oder der Eiche an sich als aggressiven Akt darzustellen, oder die
Verhältnismäßigkeit der gesamten Aktion seitens der Stadt und der Polizei als überzogen und
unprofessionell zu verurteilen und sogar eine Wiedergutmachung einzufordern, da du hier
gesundheitliche Beeinträchtigungen an Leib und Seele erleiden musstest…“
Aus den Ausführungen und Betonungen Bruskettis konnte ich sehr genau seine Kampfeslust
heraushören. Doch er referierte weiter: „Du musst wissen, Mateo. Ich habe einen Sohn. Er ist fast in
deinem Alter. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es jemand wagen würde, ihn so zu behandeln oder
gar zu brechen. In meinen Augen haben die kommunalen Organe der Stadt in diesem Falle komplett
versagt.“
Zum ersten Mal seit meiner Zeit im Krankenhaus hatte ich wieder das Gefühl, dass mich jemand
ernst nimmt und dass ich jemanden vertrauen konnte. Doch gab es an den weiteren Ausführungen
laut meinem Rechtsanwalt einen großen Haken. Ich sollte Baumvater verleumden und mich nur aus
einer ‚grünen Weltanschauung‘ heraus gegen die Abholzung des Waldstückes engagiert haben
wollen… Das wiedersprach meiner Einstellung in dieser Angelegenheit. Brusketti wiederum
bezeichnete dies als taktisches Manöver, das notwendig wäre, um die Gegenseite bloßzustellen.
Somit könnte man die Gerichtsbarkeit für sich gewinnen und einen milden Vergleich erwarten. Der
würde dann eine nicht unerhebliche Sozialstrafe nach sich ziehen. Die Handlungen der
Körperverletzung wären mit Notwehr-Verhalten und Affektreaktionen begründbar und nur
haftpflichtversicherungstechnisch von Belang. Ich erbat mir nach diesem sehr komplexen Gespräch
Bedenkzeit. Das war mir alles für den Augenblick zu viel, war mein Anwalt doch seit vielen
Wochen der erste Mensch mit dem ich offen über sehr komplexe und auch intime Sachverhalten
sprechen konnte, ohne gleich eine Bestrafung oder Bewertung fürchten zu müssen. Und doch hatte
ich schon nach kurzer Zeit der Reflexion das Gefühl mich schuldig zu erklären und zu rechtfertigen,
wo doch die Schuldigen meines Erachtens auf der Gegenseite waren. Sie waren die Aggressoren.
Ich könnte Baumvater nie verraten. ‚Ehe der Hahn kräht wirst du mich dreimal verleugnen…‘ Trotz
der sich auftuenden Sackgasse war das Gespräch mit meinem Anwalt nach der nicht enden
wollenden Tristesse der letzten Wochen eine Wohltat. Leider konnte auch er mir auf meine Fragen
nach Siobhan oder Baumvater keine Antwort geben. Aber er hatte einen Brief dabei, den er mir von
meiner Mutter heimlich aushändigen sollte. Er sagte abschließend: „Mateo, du darfst mit
niemandem über diesen Brief sprechen. Deine Mutter hat ihn mir heimlich zugesteckt. Bitte lese ihn
erst, wenn du dir absolut sicher bist von niemandem beobachtet zu werden. Das Personal hier ist in
höchster Weise misstrauisch. Sie werden dich zwar nicht kontrollieren, aber sie fürchten bei jedem
ihrer Patienten den Einfluss von außen. Insbesondere bei deiner Geschichte ist Vorsicht geboten.
Dein Fluchtversuch hat ihnen eine jähe Angst eingejagt und sie halten bei dir alles für möglich – du
bist sozusagen ‚unberechenbar‘. Höflich verabschiedete sich der Herr Advokat und wünschte mir
für die nächsten Tage und Wochen viel Kraft. Die Pfleger ließen mich gleich anschließend nach
draußen. Schon nach ein paar Minuten kam mein Psychiater auf mich zu… - genau wie es Brusketti
vorausgesagt hatte. Das Misstrauen des Personals war enorm. Sogleich wurde der Versuch
unternommen mich auszufragen. Wenig später stieß auch der Oberarzt hinzu… Ich beschränkte
mich in meinen Ausführungen nur auf das Nötigste und ließ mir nichts anmerken. Den Brief hatte
ich sorgfältig unter der Einlegesohle meiner Turnschuhe versteckt. Eine Durchsuchung würden sie
wohl nicht wagen. Meine Neugier stieg von Minute zu Minute an. Es kostete viel Mühe, mich zu
verstellen und die empfangene Post zu verheimlichen. Was würde in dem Brief stehen? Ob mir
meine Mutter auch eine Nachricht von Siobhan mitteilen würde? Das beschäftigte mich sehr und
doch getraute ich mich nicht den Brief zu öffnen und zu lesen. Kaum ein Ort der Einrichtung schien
mir sicher genug. Ich fühlte mich sogar auf der Toilette beobachtet. Und in meinem Zimmer hing
eine kleine Überwachungskamera – natürlich nur zu meiner Sicherheit. Da ich mittlerweile, durch
meinen langen Aufenthalt in der Klinik, kleine Gemeinschaftstätigkeiten aufgetragen bekam, konnte
ich abends in den Keller gehen, um noch einige neue Servierwägen für das Abendessen
heraufzubringen. In einem Nebenzimmer fand ich Gelegenheit mir den Brief anzusehen. Und es
war nicht nur einer.., es waren zwei Briefe – einer von meiner Mutter und der zweite von… Siobhan
– von Siobhan! Mein Herz pumpte mir das Blut bis zum Hals und innerhalb von Sekunden
schwitzte ich jede geschluckte Tablette wieder aus!! Allein ihre Handschrift brachte mich in höchste
Verzückung. Ich war wieder zurück im Leben. Meine Freundin und ich waren vereint, wenn auch
nur auf dem Papiere. Zu meiner Angst in dem Nebenraum entdeckt zu werden, kam nun noch Panik
dazu. Ich musste eine Möglichkeit finden, beide Briefe in Ruhe lesen zu können. Siobhans Brief
war natürlich in Englisch verfasst – ich würde Zeit benötigen. Schnell überflog ich ein paar Zeilen.
Doch es war sehr anstrengend und ich war zu aufgeregt. Also wartete ich bis nach dem Abendessen.
Ich verabschiedete mich höflich vom Personal und von einigen mittlerweile halbwegs befreundeten
Insassen und ging auf mein Zimmer. Kurz vor der Schlafenszeit, gegen 21.30 Uhr kam ein Pfleger
auf mein Zimmer, um die Tabletteneinnahme zu begleiten, oder besser gesagt zu überwachen. An
diesem Abend schluckte ich die Tablette und versteckt das Ding im letzten Winkel meiner Zunge.
Normalerweise überprüfte der Pfleger mit einer kleinen Handleuchte den Mundraum, ob die
Einnahme auch wirklich erfolgte. So auch dieses Mal. Doch er konnte die Tablette in diesem letzten
Winkel nicht erkennen. Zu oft schon hatte ich dieses Prozedere trainiert. Während der Abendtoilette
hatte ich nun Gelegenheit, bei von innen abgeschlossener Badezimmertüre, die Briefe zu lesen. Zur
Sicherheit stellte ich noch den Ablagestuhl unter die Türklinke. Jetzt war Zeit, und voller Erwartung
nahm ich Siobhans Brief in meine Hände…
Kapitel 12 – Die Verbündeten
„Dear Mateo,
I’m so sad and shocked to hear, that You are in jail. This sanatorium is the same as a jail. I had
spoken with Your mum, and we are sure, that You need help at once. It’s so hard to tell You, that
‘Baumvater’ is gone. They killed him. In the last minutes of his life, he told me in English, that
everything You told me, is real… I had gone back to Eire and need some weeks to check this new
situation for myself. Then I began a dialog, a new conversation with Your mother. She is now on
our side. Brusketti was the best lawyer we can get. He will try the best to take You out of this
psychic hospital. It is not important, what Brusketti tells You and which arguments works… We
have the future in our hands. Your mother and myself go for a harder subject. We want to take You
out of this place on Monday, 20. October at 3 pm in the night. Please think about the date and the
time… We leap over the fence of the hospital garden and crashed Your window in the upper floor.
Maybe a trained nurse make problems, we bring him under one’s control. Be sure, Mateo, we are
ready for anything to take You out. Now I stop write this letter. I think, it’s better to speak only short
and pregnant.
Mateo, I love You so much. I know, we do the right thing. We do it for us, we do it for Your
‘Baumvater’.
Bye and see You on Monday, the twentieth – Your Siobhan”
Diese Zeilen hauten mich schier um. Meine Mutter und Siobhan planten meine Flucht am Vortag
der ersten Anhörung. Sie wollten mich aus der Klinik ‚befreien‘ – und das, wenn nötig, mit Gewalt.
In welchem Film war ich da gelandet. Die Gründe für die Kehrtwendung können nur in dem
Schreiben meiner Mutter näher erläutert sein. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich wieder
das Gefühl, von meiner Mutter verstanden zu sein. Ich war über alle Maßen gespannt, was nun für
eine Botschaft auf mich wartete.
Mein lieber Sohn, lieber Mateo.
Ich liebe Dich. Siobhan hat mir die Augen über die Zusammenhänge deines Tuns geöffnet. Der
Vorfall in der Psychiatrischen Klinik war für mich als Mutter in höchstem Maße herabwürdigend,
so dass ich bis heute noch keine Worte und keine Entschuldigung für das Handeln der sogenannten
Fachleute finden kann. Alle meine Bemühungen, dich mit rechtlichen Mitteln aus dieser ‚Haft‘ zu
befreien, sind bis dato gescheitert. Wir, d.h. unser Anwalt, Siobhan und ich haben das Gefühl, dass
hier seitens der Institutionen ein Präzedenzfall geschaffen werden soll. ‚Aufgrund der Schwere des
Vergehens‘ wäre ‚Gefahr im Verzug‘ und demnach stellst Du eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar.
Das ist der Tenor dieser Leute. Nachdem ich mich mit Siobhan über ‚Deinen Baum‘ unterhalten
habe, weiß ich, dass Du dir das nicht eingebildet haben kannst. Du hast ein Zeichen setzen wollen.
Und die Menschen um uns herum waren nicht offen genug, sich mit dir darüber konstruktiv
auseinanderzusetzen. Da kein Dialog stattfand war eine Eskalation unvermeidlich. Vor allem aber
war die Eskalation seitens der Stadt und der Unternehmer gewollt und herausgefordert. Jetzt haben
die Leute ihr Opfer oder ihren Täter, ganz wie sie wollen. Und um der Spitze noch die Krone
aufzusetzen wollen sie dich jetzt auch noch ‚ruhigstellen‘ und dir jeden Selbstwert, jede Chance auf
eine freie individuelle Entwicklung nehmen. Die psychische Erkrankung ist unserer Meinung nach
nur vorgeschoben. Aus diesem Grund haben Siobhan und ich beschlossen zu handeln. Das
Engagement des Rechtsanwaltes soll uns nur Zeit verschaffen. Er selbst weiß nichts von dem
Befreiungsversuch. Bitte weihe ihn nicht in unser Vorhaben ein. Er hat einen ganz anderen Job zu
machen. Siobhan und ich haben uns abgestimmt. Wir werden dich am Montag, den 20. Oktober um
3 Uhr nachts aus der Einrichtung herausholen, egal was kommen mag. Zur Nachtzeit ist nur ein
Bereitschaftsdienst da. Wenn’s drauf ankommt müssen wir Gewalt anwenden. Sobald wir vom
Gelände herunter sind, müssen wir so schnell wie möglich zu unserem Versteck. Näheres hierzu
wirst Du noch erfahren. Mit einer unterschriebenen Vollmacht werden wir dich gemeinsam mit
Siobhan nach Irland verfrachten. Das wird irgendwie funktionieren. Grenzkontrollen gibt es ja so
gut wie keine… In Oostende in Belgien wartet Barry, ein Freund von Siobhans Familie mit einem
Fischkutter darauf, euch nach Dublin zu bringen. Dort werden wir ein Gegengutachten zu deiner
psychischen Verfassung erstellen lassen und dann kommt wieder Brusketti ins Spiel, der hoffentlich
die ganze Angelegenheit rechtlich flankiert und uns weiter sein Können unter Beweis stellt. Was die
Damen und Herren der Stadt, der Polizei und der Gerichtsbarkeit hierzulande mit mir anstellen ist
mir Schnuppe. Sollen sie nur kommen – ich werde sie mit Gegenklagen überhäufen. Doch jetzt
wollen wir uns auf unser Vorhaben konzentrieren. Wir haben für unsere Planung und für unsere
Fitness noch zehn Tage Zeit. Bitte vernichte die Briefe. Am besten ist es, Du zerreißt sie in tausend
Einzelteile und spülst Sie die Toilette herunter.
Mateo, ich liebe dich. Ich bin so glücklich, dass ich wieder sehen kann. Es wird alles gutgehen.
Halte durch!
Bis dahin – Tausend Küsse – Deine Mami“
Ich konnte es kaum glauben. Siobhan war wieder da. Zudem hatte sie es geschafft, meine Mutter
von meiner Unschuld zu überzeugen. Doch was war das mit Baumvater. Siobhan schrieb, dass er
sich, bevor er gefällt wurde, ihr offenbarte. Dazu kam noch der bis ins Detail geplante Fluchtplan
mit der Überfahrt nach Dublin sowie die Vorbereitung eines Gegengutachtens. Das hörte sich für
mich alles sehr vertrauenswürdig und professionell an. Ich hatte Tränen in den Augen und konnte
mein Glück kaum fassen. Ich las die Briefe noch zweimal durch, um bloß keine Textstelle zu
vergessen oder übersehen zu haben. Dann tat ich, wie mir meine Mutter auftrug und zerriss die
Schriftstücke in tausend Einzelteile und spülte sie die Toilette hinunter. Meine Aufseher sollten
nicht den Hauch einer Chance bekommen unser Komplott zu entdecken.
Es wurde für mich eine schlaflose Nacht. Zum ersten Mal seit meinem Einsitzen in der Psychiatrie
verhinderte ich die Einnahme der Tabletten. Entzugserscheinungen und leichte Halluzinationen
blieben in der Folge nicht aus. Zudem erschwerten Schweißausbrüche und unruhige Beine mein
Einschlafen. Immer kurz bevor ich meinen Geist dem Schlafe ausliefern wollte, bekam ich Nerven
in den Beinen und das Blut pulsierte spürbar bis unters Kinn. Im nächsten Augenblick überschlugen
sich meine Gedankenwelten. Am meisten Kummer machte mir die Vorstellung, dass die Ärzte
meinen regenerativen Zustand deuten könnten. Die Schlaflosigkeit oder ein nicht in ihr Schema
passendes Verhalten würde sie alarmieren und weitere Schikanen wären die Folge. Ich müsste die
nächsten Tage unbedingt schadlos und unerkannt überstehen. Also stellte ich mich schlafend und
versuchte die körperlichen und stressbedingten Probleme implodieren zu lassen – Fassade ist alles!
Noch vier Tage bis zum großen Showdown. Die Klinikleitung hat mir für heute den Besuch meines
Anwalts und den meiner Mutter angekündigt. Routiniert und abgeklärt trafen wir uns zum
Mittagessen in der Kantine. Auch der Oberarzt kam hinzu und erkundigte sich über die
Vorbereitungen zu den anstehenden Verhandlungen. Er kam nicht umhin meiner Mutter und
Brusketti von ‚meinen Fortschritten‘ zu berichten. Insbesondere verlief das Anti-AggressionsTraining bestens. Was Oberarzt Meinert vermied mitzuteilen, war, dass die Rahmenbedingungen
dieses speziell auf meinen Fall angesetzten Trainings alles andere als fair und von mir ‚mehr als
unter der Gürtellinie‘ empfunden wurden. Beispielsweise wurde die Fällung eines Baumes häufig in
den Mittelpunkt gerückt oder mein leiblicher Vater unsauber dargestellt und dergleichen. Ich ließ
mich von solchen Manövern nicht fangen und doch empfand ich die eine oder andere Situation als
totale Demütigung. Der Gipfel dieses Trainings waren aber neben den üblichen Verbalattacken auch
tätliche Übergriffe, die bis hin zu stupiden Rumschubsen führten. Als psychologisch professionell
konnte ich das beileibe nicht bewerten und hatte größte Mühe diese ‚Anmachen‘ zu überstehen. Das
Thema war zum Glück schnell durch, da meine Mutter Meinerts Ausführungen kaum
Aufmerksamkeit schenkte; zu groß war ihre Verachtung ihm gegenüber. So zog er schließlich
beleidigt und unverstanden von dannen. Doch war das meiner Mutter noch nicht genug und sie
forderte Brusketti nach Klärung der für ihn wichtigsten Punkte auf, Mateo und sie ein paar Dinge
unter vier Augen bereden zu lassen. Uns beiden entging nicht, dass in diesem Augenblick mehrere
Augenpaare uns mit höchster Aufmerksamkeit beäugten. Es herrschte eine schier feindselige
Atmosphäre. In kurzen prägnanten Sätzen hinter leicht vorgehaltener Hand gab mir meine Mutter
zu verstehen, dass alles nach Plan läuft und dass sie mir Grüße von Siobhan ausrichten soll. Ich
bräuchte mich um nichts kümmern. Und folgendes: „Mateo, in den Tagen, in denen ich den
Beistand meines Lebenspartners am meisten gebraucht hätte, da war er nicht für mich da. Er
verlangte sogar von mir, dass ich dich fallen lassen soll. So ist das, mein Junge, wenn keine Liebe
im Spiel ist, oder wenn keine Blutslinie vorhanden ist… Die Situation war für mich unerträglich
und ich hätte wirklich jemanden gebraucht, der an meiner Seite stand. Ich war völlig verzweifelt.
Just in diesen schweren Stunden erhielt ich einen Anruf von deiner Freundin, von Siobhan. Sie
schüttete mir ihr Herz aus und sie berichtete mir von Baumvater. Sie berichtete von einem Wunder!
Ich glaube an dieses Wunder. Mein Sohn, verzeih mir, es gibt beileibe größere und wichtigere Taten
in einem Menschenleben, als dieser dämliche Run ums Geld, als dieses dämliche Zuwachsdenken.
Auch ich war eine Gefangene dieses kleinkarierten Denkens. Doch ist mir das göttliche Tor noch
einmal geöffnet worden; dank dir und deiner Freundin Siobhan. Ich bin so stolz auf euch.“
Diese Sätze Auge in Auge von meiner Mutter zu hören eroberte mein Herz von neuem und zeigte
mir, wie sehr ich meine Mutter liebe und schon immer liebte. Noch nie hatte ich sie verloren; doch
war der Weg verstellt. Verstellt von jemandem, der nicht meines, unseres Blutes war. Es war eine
Genugtuung nach der Pein der letzten Jahre. Ich war wieder zu Hause, zu Hause im Herzen meiner
Mutter. ‚Du sollst Vater und Mutter ehren.‘ Denn Du entspringst ihnen, Du bestehst aus ihnen, um
deinen eigenen Weg zu finden – das ist der Sinn jedes Menschseins.
Den Oberen der Klinik schien unsere Unterhaltung zu intensiv und zu lange zu dauern. Schon
marschierten Psychiater Patel und wiederholt der Oberarzt zu uns an den Tisch und monierten die
fehlende Absprache zwischen ihnen und meiner Mutter. Sie fühlten sich überrumpelt. „Meine lieben
Herren“ eröffnete meine Mutter „Sie haben meinen Respekt vor ihresgleichen mit ihrem Verhalten
verspielt. Es war schlimm und für mich unerträglich mitanzusehen, wie sie Mateo vor meinen
Augen misshandelten. Es ist noch viel gravierender vor ihnen auf den Knien herumzurutschen, dass
ich meinen Sohn überhaupt sehen und sprechen darf. Sie können sich nicht vorstellen, was das für
eine Mutter bedeutet. Und glauben sie mir, es ist mir völlig egal, ob Mateo das jetzt mitbekommt
oder nicht. In meinen Augen sind sie Marionetten der Pharmaindustrie, kleine nichtssagende
Pappfiguren, für die der Begriff Liebe auf imaginären Monitoren als statische Diagrammverläufe
existiert. Von einem ethischen Grundsatz oder Eid kann ich nichts erkennen, sie selbstverliebter
Haufen herzloser Psycho-Automaten! Statt NEIN zu sagen, verstecken sie sich hinter den Fassaden
aus Geld und Macht. In Wirklichkeit sind sie beide, jeder für sich, ein Niemand und es nicht wert
mit unseresgleichen zu reden oder überhaupt von uns beachtet zu werden.“ Sagte es, stand auf,
umarmte mich, gab mir einen dicken Kuss und ging stolzen Schrittes Richtung Kantinenausgang.
Der Auftritt saß, war aber mit Sicherheit taktisch und strategisch für mich ungünstig. Denn was
folgte war ein intensives Gespräch mit der Klinikleitung. Meinert und Patel äußerten
‚Verdachtsmomente‘, konnten aber nicht konkret werden.
In den nächsten Tagen wurde ich auf Schritt und Tritt bewacht. Die Tabletteneinnahme wurde
wieder strenger gehandhabt. Ich war gezwungen die Dinger zu schlucken, nahm aber kurz nach
Verlassen des Pflegepersonals sogleich den Finger oder Salzwasser, um mich dem Psychogift
wieder auf natürlichem Wege zu entledigen, was leider nicht immer oder nur zum Teil gelang. Der
Tag X rückte unaufhaltsam näher und der Sonntag zog sich dahin als lief ich eine Stadionrunde von
vierhundert Metern durch einen metertiefen Sumpf, gespickt mit Schlangen und Krokodilen… Der
gesamte Tag kam einem Spießrutenlauf gleich – immer Angst entdeckt zu werden. Zum Glück
konnte nichts erkannt werden, da die Flucht und der Plan dazu einzig und allein in meinem Kopf
Bestand hatte. Der Umstand, dass die Gerichtsanhörung am Dienstag, also einen Tag nach der
Flucht, stattfinden sollte, schützte mich zusätzlich. Niemand würde vermuten, dass ein normaler
Mensch diesen Termin würde sausen lassen – ging es doch hier um die Freiheit, um die Zukunft
eines jungen Menschen dieser Gesellschaft. Das würde niemand, zumindest kein normaler Mensch
dieser Gesellschaft, aufs Spiel setzen…!
‚Und wieder spitzte sich die Lage zu. Doch war Mateo dieses Mal umgeben von menschlichen
Waffen, von einer Liebenden und einer Mutter. Größer kann eine Unterstützung nicht sein. Und
noch etwas sprach für ihn – das Überraschungsmoment. Sicherlich rechnete die Klinikleitung im
Fall Mateo mit vielem, jedoch nicht mit einer konzertierten Aktion. Der couragierte Auftritt der
Mutter hatte leider die gesamte Anstalt in Alarmzustand versetzt. Einerseits war dies taktisch
unklug, andererseits wiederum ein Akt des Stolzes und der ausgesprochenen Empörung einer
liebenden Mutter. Für Mateo wird dieser Auftritt ein unvergesslicher Akt für sein ganzes Leben
bleiben. Etwas Schöneres als diese Parteinahme kann es für ein Kind wohl kaum geben…‘
Kapitel 13 – Alles auf eine Karte
Und doch zählte ich die Minuten und schaute ständig nervös auf die Uhr. Das war ein müßiges
Unterfangen und das Warten auf meine Liebsten, auf meine Fluchthelfer, geriet zur Farce. Zu stark
hatte mich der Aufenthalt in dieser Einrichtung, die Therapie, die Gespräche, die
Medikamentierungen und das Anti-Stress-Training mitgenommen. Gleichzeitig schwand tagsüber
meine Aufmerksamkeit gegenüber dem Personal und den Mitbewohnern, von denen ich mit einigen,
nach der langen Zeit meines Aufenthaltes einen halbwegs sozialen Kontakt aufgebaut hatte. Mein
unruhiges Verhalten fiel naturgemäß den Pflegern auf, doch war es mein Glück, dass von der
Klinikleitung nur das Notpersonal anwesend war. Trotzdem wurde ich mehrmals auf meinen
Gemütszustand hin angesprochen. Die nur extrem langsam verrinnende Zeit zerrte an meinen
Nerven und ich fühlte mich an meine Ausbildung zum EDV-Kaufmann erinnert. Ich versuchte dort
immer die an der Wand hängende Uhr zu ignorieren, um dann vom zeitlichen Fortschritt positiv
überrascht zu werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Zeit lief im Schneckentempo herunter
und ich begann mir der Verschwendung wegen Vorwürfe zu machen. Was soll denn das sein: ‚Eine
freiwillige Gefangenschaft, des Geldes wegen…‘, dachte ich häufig. Kein Wunder also, dass mich
Baumvater dafür verachtete, waren doch meine Träume als Kind völlig andere. Ich wollte
Naturforscher oder Jäger werden. Jüngst wollte ich nach Irland auswandern und dort Schafe
hüten…, oder mit dem Schiff die Welt bereisen… Der Umstand von der Hand in den Mund zu
leben, kam mir eher als eine Bereicherung meines Lebens vor und hatte etwas Abenteuerliches, dass
ich nun umso mehr in meinem jetzigen Leben vermisste… Ich konnte mir nie vorstellen, dass
Anpassung an vorhandene Strukturen die Entwicklung meiner Seele und die Harmonisierung des
menschlichen Miteinanders fördert. Allein die Tatsache, dass ein Berufstag nahezu doppelt so lange
dauert wie ein Tag in der Schule, ließ mir eiskalte Schauer über den Rücken laufen.
So saß ich beim Abendessen und stocherte eher lustlos in meinem Kompott herum. Wie sehr sehnte
ich mich nach einem selbst gefangenen Fisch über einem selbst entzündeten Feuer. Dazu noch die
Anwesenheit von Siobhan…, ein röhrendes Lachen unseres Baumvaters und wir wären alle
vereint… Mein Gedanken schweiften und beinahe wäre ich auf dem Tisch in meinen Armbeugen
friedlich entschlummert, wenn nicht plötzlich… Dr. Meinert vor mir gestanden wäre. „Mateo, von
wem oder was träumst du? Geht es dir gut. Die Pfleger haben angerufen und mich darum gebeten,
nach dir zu sehen. Was kann ich für dich tun?“ Seine Blicke taten weh und seine Fragen kamen sehr
plötzlich. Ich musste mich sammeln und antwortete: „Herr Doktor, es ist alles in Ordnung. Die
Tabletten haben heute eine recht starke Wirkung auf mich. Ich hänge gedanklich den letzten
Wochen hinterher und es besuchen mich viele Bilder, die ich in ihrer Gesamtheit kaum verarbeiten
kann. Auch der bevorstehende Gerichtstermin beschäftigt mich. Ich kann mir nicht vorstellen, was
dort entschieden werden soll und wie alles weitergeht…“ führte ich aus. Meine Aussagen schienen
ihn zufrieden zu stellen. „Mateo, wir werden gleich am Montag gemeinsam mit Dr. Patel über deine
weitere medikamentöse Behandlung sprechen. Außerdem müssen wir noch einen Gesundheitscheck
mit Blutentnahme bezüglich der allgemeinen Werte erstellen, um wegen dem für dich sehr
belastenden Gerichtstermin nichts zu riskieren. Wenn du nicht hundertprozentig fit bist, dann
müssen wir den Termin eben verschieben. In erster Linie geht es hier um deine Gesundheit.“
Innerlich atmete ich tief durch. Ich hatte genau das Richtige gesagt und somit den Druck aus dem
Gespräch genommen. Aufgrund meiner Aussage wurde die Tabletteneinnahme für den Abend
ausgesetzt, da man am nächsten Tag einige Tests durchführen wollte. Das Risiko unberechenbarer
Nebenwirkungen hat durch meine Aussagen genau die richtige Nahrung erhalten. So entließ mich
Dr. Meinert aus dem Gespräch und verließ anschließend das Klinikgelände; das war geschafft.
Endlich konnte ich nach dem Abendessen auf mein Zimmer. Nun begann die Zeit des Wartens – das
Endstadium. Ich konnte meine Siobhan und Mami nicht unterstützen, ich musste warten bis es drei
Uhr geschlagen hatte. Vorher hätte jeder Aktionismus meinerseits unabsehbare Folgen und würde
die gesamte Aktion scheitern lassen. Ein Buch sollte mir dabei helfen, bis zum vereinbarten
Zeitpunkt auszuharren. Doch konnte ich mich, auch wegen der Kamera, nicht mehr länger
wachhalten und schlief ein.
Ein Schlag und die Fensterscheibe meines Zimmers zerbarst in tausend Splitter - Stimmengewirr
auf dem Gang. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich aus dem Bett. Vorsorglich hatte ich Jeans
und T-Shirt angelassen. Schnell zog ich mir eine Jacke über und schaute aus dem Fenster. Meine
Mutter stand unter der Balustrade und rief mir etwas zu: „Mateo, beeil dich. Siobhan ist schon im
Haus. Sie müsste jeden Augenblick vor deinem Zimmer auftauchen.“ Ich sprang sofort zur
Garderobe, schnappte mir meine Turnschuhe und lief zur Zimmertür. Als ich auf den Gang blickte,
traute ich meinen Augen nicht. Siobhan stand mit einer Pistole in der Hand vor zwei Pflegern und
hielt diese in Schach. Sie schrie mich an: “Mateo, come to me and help. Do You have any rooms
with a key to lock up.” Ich deutete auf die vorletzte Tür am Ende des Ganges. Siobhan gab den
Pflegern sogleich Anweisungen. „Move to the door, Mateo tell You where..!“ Die Pfleger taten wie
Siobhan ihnen aufgetragen hat. Ich durchsuchte das Personal nach Schlüsseln, forderte sie auf in
den Raum zu gehen und wir schlossen von außen ab. Siobhan und ich standen im Gang, sahen uns
ein paar Sekunden tief in die Augen, gingen aufeinander zu und umarmten uns. Es war ein Gefühl
der Hochspannung und der totalen Erleichterung. Gleichzeitig kamen immer mehr Klinikinsassen
aus ihren Zimmern und fragten erstaunt, was denn los wäre… Das war der Weckruf für unsere
wilde Flucht. In diesem Augenblick ging der markerschütternde Ton einer Sirene los… Die
Verfolgungsjagd hatte begonnen. Meine Mutter wartete bereits an der Eingangspforte, die aber von
innen verschlossen war. Ich nahm geistesgegenwärtig einen Stuhl aus der Leseecke und feuerte
diesen durch das Rezeptionsfenster. Hier war das Schlüsselboard. In großer Hektik nahm ich den
größten Schlüsselbund und versuchte einen nach dem anderen. Derweil versammelten sich immer
mehr Patienten im Foyer. Meine Mutter stand vor der Eingangstüre und mahnte dringlich zur Eile.
Und endlich… - ein Schlüssel passte und wir konnten heraus. Sogleich nahmen mich beide Frauen
an den Händen und riefen: „Lauf Mateo, lauf. Die Polizei ist bestimmt schon alarmiert. Wir müssen
unbedingt los.“ Wir rannten so schnell es ging zum Parkplatz. Dort stand der Wagen meiner Mutter,
ein relativ neuer blauer Mittelklasse-Kombi. Einer Verfolgungsjagd mit der Polizei würde dieser
nicht trotzen können. Hastig stiegen wir ein und hörten bereits aus der Ferne die Alarmsirenen der
Polizei sowie die Martinshörner der Feuerwehr – lauter alte Bekannte, dachte ich bei mir.
Meine Mutter fuhr mit quietschenden Reifen los, als wäre der Teufel hinter uns her… Sie tat gut
daran. „Mateo, das wichtigste wäre geschafft. Du bist raus aus der Hölle. Wir können der Polizei
auf Dauer nicht entkommen. Dafür ist unser Auto nicht schnell genug. Siobhan und ich haben uns
überlegt, euch beide bis zum Waldrand zu bringen. In der Nacht habt ihr die besten Möglichkeiten,
euch zu verstecken. Ihr kennt ja den Wald wie eure Westentasche. Wir haben zwei Rucksäcke mit
allen nötigen Utensilien zusammengepackt, die ihr für eure Flucht braucht. Siobhan hat zudem noch
einen irischen Pass mitgebracht, in dem wir das Passbild ausgetauscht haben. Das wird reichen, um
euch auf die Insel zu bringen. Bis Oostende werdet ihr schon irgendwie durchkommen“ instruierte
sie uns umfassend.
Im Rückspiegel konnten wir schon das Fernlicht der Polizei und das Blaulicht erkennen. Der Wald
war nicht mehr weit entfernt. Im Nu war der bullige Polizeiwagen aufgefahren. Mit Lichthupe und
ständigem aggressiven Auffahren versuchten sie nun meine Mutter zu irritieren. Mit einem Male
bremste meine Mutter stark und der Polizeiwagen fuhr an die Stoßstange. Im nächsten Augenblick
gab sie wieder Vollgas. Siobhan und ich waren während der wilden Autofahrt mucksmäuschenstill
und tief beeindruckt. Die fahrerischen Künste meiner Mutter hatten wir beide nicht für möglich
gehalten. Jetzt hatten die Polizisten hinter uns endgültig die Schnauze voll und setzten zum
Überholmanöver an. In dem Augenblick kam endlich der Waldrand näher. Zwischen Straße und
Wald war ein Grünstreifen von circa einhundert Metern Entfernung. Mit einem Ruck lenkte meine
Mutter den Wagen von der Straße herunter. Es tat einen Riesenschlag – Achsbruch… und das Auto
schleuderte über den nassen Rasen, hob auf einer Seite ab und überschlug sich zweimal. Zum Glück
war die Geschwindigkeit zum Schluss nicht mehr so hoch. Auf dem Kopf liegend schrie meine
Mutter uns an: „Schaut, dass ihr aus dem Wagen kommt. Mir fehlt nichts. Ich denke, euch auch
nicht. Vergesst die Rucksäcke nicht. Beeilt euch, die Polizisten werden in Windeseile hier sein!“
Wir krochen, mit den Rucksäcken in der Hand, aus dem Auto und liefen schnurstracks Richtung
Waldrand. Hinter uns vernahmen wir die Lichtkegel der Taschenlampen und ein bedrohliches
Rufen: „Halt, Stehenbleiben, oder wir machen von der Schusswaffe Gebrauch.“ Doch diese
Drohungen konnten uns keine Angst mehr einjagen. Den Gebrauch der Schusswaffe kannte ich
bereits. Im Wald hätten die Beamten keine Chance mehr gegen uns. Und so rannten wir
geschmeidig wie eh‘ und je über Stock und Stein. Wir bewegten uns wieder mit unserer verspielten
Sicherheit in vertrautem Terrain, als wäre kein Tag der Trennung vergangen – und das, obwohl
totale Finsternis herrschte. Natürlich konnte uns die Polizei nicht ewig verfolgen. Und so fühlten
wir uns bereits nach wenigen hundert Metern relativ sicher.
‚Welch‘ eine Flucht. Welch‘ eine Mutter – Geschafft. Die ‚Verbrecher‘ waren entkommen. Die
Verbrecher, deren einziges Verbrechen aus der Liebe zur Natur bestand. Natürlich machten sich die
beiden Jugendlichen Sorgen um Mateos Mutter. Doch war es eine resolute Frau, die wusste, wie sie
den Beamten zu begegnen hatte. Und nach eigenem Bekunden hatte ihr nichts gefehlt. Welch‘ ein
Husarenritt – welch‘ eine Selbstlosigkeit… - Hut ab vor soviel Courage – welch‘ eine Mutter!!‘
Es war Ende Oktober und bitterkalt im Wald. Es herrschten Frosttemperaturen. Meine Mutter und
Siobhan hatten zu unserem Glück an alles gedacht. Die Rucksäcke waren äußerst penibel und
professionell ausgestattet. Aufgeschnürte Isomatten, qualitativ hochwertigste Schlafsäcke,
Taschenlampen, Feuerutensilien, Messer, Feldbesteck und Campingtopfset, Gaskocher und vieles
Brauchbares mehr waren in unserer Situation nicht nur hilfreich sondern beinahe schon
komfortabel. Eine genaue Ortsangabe konnten wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vornehmen. So
suchten wir uns einen großen Laubbaum für unser Nachtlager. Endlich hatten Siobhan und ich
etwas Zeit um miteinander zu sprechen. Unsere Aufregung war groß und die Sorge um meine
Mutter vorrangig. Sie war es jedoch, die uns weiterschickte und uns zur strikten Flucht anhielt. Sie
war nicht verletzt und hatte es eingeplant, ‚erwischt‘ zu werden. Doch wer würde es einer Mutter
verdenken in dieser Situation zugunsten des eigenen Sohnes zu handeln… Am meisten beschäftigte
mich jedoch der Auftritt Siobhans mit der Pistole. Darauf angesprochen gab sie mir
unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich dafür vor mir nicht rechtfertigen werde und erinnerte
an die Wahl meiner Mittel zur Verteidigung Baumvaters. Im Übrigen hatte es sich laut Siobhans
Ausführungen um eine handelsübliche Gaspistole gehandelt, die einer echten Schusswaffe nur
täuschend ähnlich sah. Letztendlich hätte die Abschreckung ja bestens funktioniert, sonst säßen wir
ja nicht hier unter diesem Baum. Die frostige Kälte war schier unerträglich und wir beschlossen
unsere beiden Schlafsäcke mit den Reißverschlüssen zu verbinden. Was in den frühmorgendlichen
Stunden unter dieser Decke passierte war das Schönste, was ich jemals mit einem Mädchen erlebte.
Wir ließen uns fallen, liebkosten, küssten und streichelten uns, als wäre jeder von uns die wichtigste
Kostbarkeit seines Lebens. Siobhan und ich wurden eins; wir liebten uns mit all‘ unserer
jugendlichen Unerfahrenheit und jeder führte den anderen in die großen Geheimnisse seiner
intimsten Körperlichkeiten ein.
‚Von außen der Frost, von innen die Glut – die Wildheit der Natur hatte zwei Hauptdarsteller, die
dem Zyklus von Werden und Vergehen alle Ehre machten… Mit Inbrunst beschritten die Verliebten
Neuland und konnten voneinander nicht mehr lassen, bis sie die Ohnmacht ineinander versinken
ließ. Der Wald hatte ein Märchen aus tausendundeiner Nacht hervorgebracht. Das Himmelszelt mit
den Gestirnen von Jahrmilliarden war um die größte Geschichte der Welt reicher geworden – das
Leben , ja die Liebe hatte gesiegt – und der Herr war zufrieden – und sie schauten mit Verzückung
zu ihm hinauf, um ihm zu gefallen. Denn ein Mädchen und ein Junge waren heute zu Mann und
Frau, zu Adam und Eva gereift – im Paradiese…‘
Als wir erwachten stand die Oktobersonne bereits über den Baumwipfeln und die ersten
Lichtstrahlen küssten unsere erschöpften Wangen. Nun verstand ich, warum Siobhan alles
unternahm,, um mich zu befreien. Sie liebte mich, wir liebten uns von ganzem Herzen. Wir waren
füreinander bestimmt. Nach einem zögerlichen Guten Morgen wurde sie schnell ernst und fragte
eindringlich und resolut. „Mateo, where are the acorns.? Baumvater told me, You got them from a
squirrel in the woods. We have to take them with us. The acorns are from Baumvater.” Sofort
schossen mir die Bilder in den Kopf und ich erinnerte mich an die Situation im Wald. Ganz zu
Anfang, noch bevor Baumvater und ich uns näher kamen, passierte die Begegnung mit dem
Eichhörnchen und die Eicheln lagen in meinen Händen. Baumvater sprach mich darauf an und bat
mich, die Eicheln Siobhan zu geben. Stattdessen vergrub ich sie in der Bärenhöhle. Es waren deren
vier. Umgehend unterrichtete ich Siobhan darüber und wir packten so schnell als möglich unsere
Sachen zusammen. Wir durften keine Zeit verlieren. Aufgrund der Geschehnisse der letzten Nacht
wird hier im Wald bald die Hölle los sein und Suchtrupps mit Polizeihunden und dergleichen
würden wieder aufgeboten. Siobhan machte mich auf die Interrail-Tickets aufmerksam, die auf
ihren und dem Namen ihres Bruders, Siobhan und Donald Redmond, ausgestellt waren. Wir
konnten also mit diesem Pass an jeden Ort, den wir wollten, bei der Bahn zusteigen. Doch mussten
wir schnell und kompromisslos handeln, bevor sie den vollständigen Namen von Siobhan
herausfinden und an die Bahnstationen verteilten. Sie würden uns sonst bestimmt abfangen… Nach
einer kurzen Ausspähung konnten wir unseren Aufenthaltsort bestimmen. Bis zur Bärenhöhle war
es höchstens ein Kilometer. In Windeseile hatten wir den Weg dorthin zurückgelegt. Das Entfernen
der Barrikaden war mit Siobhan ein Kinderspiel. Ein kurzes Graben und wir hatten die vier Eicheln
gefunden. Siobhan bekam glänzende Augen. Für sie waren die vier Eicheln ein Relikt, ein Zeichen
Baumvaters. Sie waren das Symbol unserer Bande – unser Auftrag, unsere stetigen Lebensbegleiter,
unsere guten Engel. Sorgsam und mit größter Vorsicht nahm Siobhan die Eicheln an sich und
verstaute sie in einer kleinen Holzschachtel, die sie scheinbar eigens für diesen Zweck mitgebracht
hatte.
Wir konnten nun unsere Flucht unvermindert fortsetzen. Das Ziel war der Atlantik, besser gesagt
der Channel. Wir mussten so schnell wie möglich nach Oostende kommen. Barry wartete dort mit
seiner Schaluppe auf uns. Und wieder war ich verblüfft. Als ob meine Mutter alles vorhergesehen
hätte, versteckte sie zwei Fahrräder an einem Feldweg, der nur schwer von der Straße her
zugänglich war. Siobhan kannte den Ort und führte uns zielsicher von der Bärenhöhle aus dorthin.
Wir legten einige Kilometer auf diesem Feldweg zurück, fuhren nur auf geschotterten Wegen,
passierten am Nachmittag die erste Brücke und am Abend, fünfzehn Kilometer weiter, die zweite…
Zu keiner Zeit hatten wir das Gefühl, dass wir ein unnötiges Risiko eingingen. Langsam näherten
wir uns der Kreishauptstadt, zwanzig Kilometer von unserer Kleinstadt entfernt. Es wurde also Zeit,
uns für die Bahnfahrt zu rüsten. Wir fuhren gemütlich von dem geschotterten Feldweg auf den
geteerten Radweg durch die Vorstädte Richtung Hauptbahnhof. Mit höchstem Selbstverständnis
stellten wir unsere Räder ab. Selbst für die Bahnreise hatten wir bereits im Vorfeld Pläne in den
Außentaschen der Rucksäcke gefunden. Wir wussten exakt, wann der richtige Zug auf dem
richtigen Gleis in Richtung Norden abfuhr. Es war sieben Uhr abends und wir waren hundemüde
von der Fahrradfahrt. Jetzt hatten wir Gelegenheit auszuruhen. Von Siobhan bekam ich für die
Bahnfahrt eine irische Schlägermütze. Das passte dann mit meinem Pass bestens überein. Scheinbar
waren wir für die Behörden zu schnell unterwegs gewesen, denn außer den Schaffnern in den
verschiedenen Ländern, die wir durchquerten, störte niemand unsere Reise.
Unser Roadmovie war zu Ende, die wilde Flucht nahezu abgeschlossen. Wir waren keine
Schwerverbrecher, wir waren zwei verliebte Jugendliche auf dem Weg in ihr Glück. Das Drama der
letzten Monate hatte ein Ende gefunden. Zentnerlasten fielen uns von der Seele. Siobhan und ich
erfreuten uns an der Zweisamkeit in unserem Abteil und mit Genuss schauten wir uns die
vorbeifliegenden nächtlichen Lichter an. Die Bahnfahrt dauerte inklusive Umsteigen bis in die
frühen Morgenstunden und plötzlich kam der Aufruf - Endstation Oostende . Das war unser Aufund Weckruf. Nach unserer Ankunft beschlossen Siobhan und ich, dass wir sofort versuchen meine
Mutter telefonisch zu kontakten. Und…, sie ging zum Glück ans Telefon.
Kapitel 14 – Die große Überfahrt
„Hallo Junge, schön dass du anrufst. Wo seid ihr? Habt ihr es schon bis Oostende geschafft?“
„Natürlich Mami. Du hast alles so wunderbar vorbereitet, dass einfach nichts schiefgehen konnte.
Wir haben noch etwas aus dem Wald holen müssen, haben uns dann mit den Fahrrädern an
versteckte Schotterwege gehalten und sind dann in der Kreishauptstadt in den Zug bis zur Grenze
gestiegen. Vor einer halben Stunde sind wir angekommen; genau wie es in den Plänen stand, die du
uns in die Rucksäcke gesteckt hast. Du bist ein großer Schatz. Aber Mami, wie geht es dir? Ist dir
bei dem Überschlag mit dem Auto auch wirklich nichts passiert? Und das mit der Polizei war mit
Sicherheit auch kein Zuckerschlecken. Bitte erzähl‘ doch…“ wollte ich besorgt wissen. „Mach dir
keine Sorgen. Ich habe nur ein paar Schrammen, die gleich anschließend im Krankenhaus versorgt
wurden. Die Polizei verzichtete darauf mich in Untersuchungshaft zu nehmen, weil bei mir keine
Fluchtgefahr bestand. Brusketti hat mir in der Situation sehr geholfen. Natürlich haben die Beamten
versucht euren Aufenthaltsort aus mir herauszubekommen. Ich sagte den Leuten nur, dass es nicht
rechtens war, dich solange in der Psychiatrie festzuhalten und dass ich keine weiteren Angaben
machen möchte. Eher werde ich Anklage gegen die Polizei, den Bürgermeister und die
psychiatrische Klinik erheben lassen. Brusketti gab mir dabei größtmögliche Rückendeckung und
hat die Beamten sichtlich eingeschüchtert. Trotzdem suchen sie euch überall. Eine Großfahndung ist
jedoch nicht veranlasst worden. Wobei natürlich immer wieder die Frage nach der dritten Person
gestellt wurde. Aber auch hier hielt ich mich bedeckt und habe nichts verraten. Deinen PC habe ich
im Keller versteckt, so dass sie den Kontakt zu Siobhan nicht nachvollziehen können…“ erklärte
sie.
Wir waren aufgrund der Ausführungen meiner Mutter über alle Maßen erleichtert und freuten uns
auf die Überfahrt mit Barry. „Come on Mateo, we go to the harbour and search for Barry and his
ship” schlug Siobhan vor. Wir machten uns auf den Weg. Bis zum Fischereihafen waren es nur ein
paar hundert Meter. Je näher wir dem Hafen und damit dem Wasser kamen, desto intensiver betörte
die salzige Brise unsere Sinne. Der Duft des Salzwassers hatte etwas von Freiheit, von
Unabhängigkeit und grenzenlosen Handelns. Wie die Duftsilhouette deiner Lieblingsmahlzeit zog
der Geschmack uns in seinen Bann. Wir konnten diesem Aroma der puren Lebenslust auch blind
folgen… und hätten unser Ziel erreicht.
In den frühen Morgenstunden herrschte schon rege Betriebsamkeit an Oostendes Fischereihafen.
Besonders an den Bootsstegen wurde bereits kräftig verhandelt und um die besten Konditionen und
Chargen der nächtlichen Ausbeute gefeilscht. Englische, belgische, dänische, deutsche und
französische Fischer gaben sich hier täglich ein Stell-Dich-Ein und preisten ihre Fänge an.
Makrelen, Hummer, Wildlachs, Dorsch, Krabben, Heilbutt, Schollen und noch vieles mehr wurde
jeden Morgen angeboten und unter den Hammer gebracht. Die Vielfalt und Auswahl der hier
angebotenen Meeresschätze war beeindruckend. Auch Barry war Fischer. Es war schon immer sein
Lebenstraum, berichtete Siobhan, sein eigener Herr zu sein und ein Fischerboot zu besitzen. Er
musste viele Jahre hart dafür arbeiten. Seinen Fischkutter kaufte er in Südengland in einem Ort
namens Deal, nahe bei Dover. Unweit von Deal gab es einige Kohlebergwerke. Dort arbeitete Barry
fast fünfzehn Jahre lang als Minenarbeiter unter Tage in Nachtschicht. Während eines Streiks, der
über ein Jahr andauerte, entschloss er sich, den Schritt in die Selbständigkeit, in die Freiheit zu
wagen. Seitdem befuhr Barry die Gewässer rund um die britisch-irischen Inseln und warf dort seine
Netze aus. Sein Schiff trug den Namen ‚Proud Eiry‘. Barry war stolzer Ire und ein steter Kämpfer
für Ehre und Freiheit! Es war mehr als nur ein Freundschaftsdienst von ihm, uns in Belgien
abzuholen. Barry selbst hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Als er von meiner
Geschichte und von meiner Leidenszeit in der Psychiatrie erfuhr, wollte er seinen Teil zu der
Rettung, zu meiner Flucht beitragen. So sind die Iren – immer bereit, für einen Freund selbstlos zu
handeln. Der Begriff Freundschaft ist ihnen aufgrund ihrer Geschichte unter englischem Protektorat
Ein und Alles…, das höchste Gut! Wir fingen also unsere Suche nach Barry an. Er müsste laut
Vereinbarung schon da sein; so war es geplant. Unsere Augen schwenkten im Hafen umher und wir
suchten die Fischerboote nach ihren Namen ab, bis uns plötzlich jemand hinter uns anrief. "Hi
Siobhan, hi Mateo – I’m here..“ Wir drehten uns um und sahen einen hageren langhaarigen Hippie
auf uns zukommen. Auf Siobhans Gesicht erhob sich ein Strahlen und sie rannte Barry entgegen. So
hatte ich mir ihn nicht vorgestellt. Ich erwartete einen Seebären mit Bart und Bauch. Einen harten
Hund, der jeden Augenblick seine Pfeife herauszog und anfängt Seemannsgarn zu spinnen. Nein,
ich wurde diesbezüglich enttäuscht. Barry trug zerrissene Jeans, ein langärmeliges Hemd mit
rotkariertem Muster, war unrasiert und hatte lange, ja sehr lange Haare. Seine Schuhe glichen denen
von Pippi Langstrumpf und seine Stimme war irgendwie völlig… normal. Barrys Englisch, war wie
es bei Iren üblich war, in höchster Weise seltsam und eigen. Es war ein Gemisch aus englischen und
gälischen Wortkombinationen, denen nur Siobhan imstande war, exakt zu folgen. Nachdem sich
Siobhan und Barry ausgiebig begrüßt hatten, schritt er auf mich zu. Er streckte mir seine rechte
Hand entgegen. Als ich sie ergriff, zog er mich zu sich hinüber und umarmte mich mit den Worten.
„Mateo, You are Siobhans friend – now You are my friend.“ Mit dieser Geste nahm mir Barry mit
einem Male alle Angst und Schüchternheit meines bis dato höchst mitteleuropäischen
misstrauischen Denkens. Er integrierte mich in eine große Familie, die ich noch gar nicht kennen
konnte. Es war die Familie des Vertrauens und des Zusammenhalts – fernab von aller Materialität.
Er begrüßte mich in meinem neuen Zuhause. Ein Zuhause, dass in jedem Menschen wohnt. Manch‘
einer mag es wohl nie gefunden haben, so sehr er vielleicht suchte. Dieses große Glück wurde mir
in nur einem Augenblick zuteil. In den nächsten Stunden kehrten wir in einem Pub ein, tranken
jeder ein Heineken, Barry ein bis zwei mehr als wir, gingen Lebensmittel und etwas Werkzeug
einkaufen und sprachen nahezu ununterbrochen miteinander. In witzelndem Ton kündigte mir unser
Fischerkapitän an, dass er sich freute, uns bei sich zu haben. Er bräuchte bis zur Ankunft in der
Nähe von Dublin einen guten Fang und ist froh, einige Helfer ‚gefunden‘ zu haben… Nach dem
Besuch im Pub und unseren Einkäufen gingen wir zur ‚Proud Eiry‘. Dort stellte uns Barry seinen
Fischerkollegen Chris vor. Es war ein Jugendfreund Barrys, der ihn oft, natürlich gegen Bezahlung,
bei seinen Fischzügen begleitete. Chris war nicht der einzige, der mit Barry fuhr. Manchmal
sprangen auch andere Fischer für ihn ein und halfen Barry bei seinem Job. Chris sprach nicht viel
und war ein unkomplizierter Typ. Vor allem aber hatte er immer eine selbstgedrehte Zigarette im
Mund, egal, zu welcher Uhrzeit und bei welcher Tätigkeit. Barry fragte uns noch ein letztes Mal, ob
wir alles dabei hätten, was wir brauchen. An zusätzlichen Fischer-Overalls und Gummistiefel hatte
er gedacht, wobei er aber nicht sagen konnte, ob die Größen stimmten. Langsam schwante mir, dass
sobald die Leinen los waren, ein neues, völlig anderes ,unabschätzbares“ Abenteuer auf mich, auf
uns wartete.
Die Leinen waren los und die ‚Proud Eiry‘ schipperte mit dem wie bei einem Traktor tuckernden
Schiffsmotor gemächlich aus dem Hafen. Es war Nachmittag geworden und die See schien ruhig.
Chris hatte sich gerade eine neue Zigarette gerollt und zündete selbige genüsslich an. Barry erklärte
mir, dass unsere erste Station Holyhead in Wales wäre. Sowohl im Channel, als auch vor der
walisischen Küste gäbe es genügend große Fähren. In deren Kielwasser zu fischen, wäre besonders
ergiebig, da der Dorsch scheinbar die Abwärme dieser Kolosse liebte und sich dort zum Teil in
kleineren Schwärmen aufhielt. Ich hörte Barry aufmerksam zu, war doch Fischen für mich seit jeher
eine faszinierende Sache. Welches Kind träumte nicht davon einmal die Netze auszuwerfen. Nach
einer Stunde war das Ufer außer Sicht und die See wurde zunehmend unruhiger. Die Zwölf-MeterSchaluppe lag unruhig im Wasser und wir schaukelten extrem hin und her. Mein Magen schlug
Kapriolen. Siobhan schien das alles nichts auszumachen. „It is not the first time, I be fishing on
Barrys boat..“ erklärte sie mir. Mir wurde schlecht und ich musste mich übergeben. Schließlich
fragte ich Chris, ob nicht irgendwo ein Eimer steht, in den ich… Er erwiderte nur “Take the big
one…” und lachte sich halbtot über seinen geglückten Scherz! Schließlich musste ich auch lachen –
doch dann entleerte sich mein Magen schwallartig… Irgendwann konnte ich nicht mehr kotzen; der
Magen war leer. Und doch hob es ihn bei nahezu jeder Welle. Barry konnte sich mein Leiden nicht
mehr mitansehen und schickte mich unter Deck. Ich versuchte zu schlafen, doch waren die
Schmerzen groß. Irgendwann muss mich die Müdigkeit übermannt haben. Ich fühlte mich elend
und muss mit Sicherheit auch so ausgesehen haben. Doch konnte ich nicht die ganze Zeit
herumliegen. Also kroch ich aus meiner Koje und ging an Deck. Da herrschte rege Betriebsamkeit.
Es war noch dunkel, das Meer war sehr unruhig und Barry, Chris und Siobhan waren in vollem
Einsatz. Barry drehte an einer Kurbel, während Chris und Siobhan mit bloßen Händen versuchten
ein riesiges Netz Stück für Stück an Bord zu hieven. Alle drei schauten mich kurz an. Sie schienen
auf irgendetwas zu warten… - ich verstand. Seekrankheit war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr
angesagt, sondern tatkräftige Unterstützung. Also versuchte ich einen Platz zu finden, an dem ich
mit anpacken kann. Nach einigen Stürzen auf dem rutschigen Plankenboden und ein paar Beulen,
war ich mitten im Geschehen. Das Netz war gut gefüllt mit Fischen. Ein Scheinwerfer war auf das
Mittelschiff gerichtet, so dass wir sehen konnten, wo das Netz samt Inhalt hinsollte. Nun ging alles
sehr schnell. Netz hoch, Öffnung auf, Fische in eine Vertiefung an Deck. Es zappelte wie wild.
Zwischen Makrelen, Dorsch, Kabeljau und Heringen, zappelten auch drei große Wildlachse und ich
glaubte gesehen zu haben, dass Barrys Augen strahlten… Schnell waren die Fische aussortiert und
in Kisten auf Eis gelegt. Zum Ausnehmen bleibt auf See keine Zeit. Stolz präsentierte Barry die
großen Wildlachse mit ihren sechs, acht und achtzehn Kilo Gewicht. Die würden auf dem
Fischmarkt gutes Geld bringen. Wir freuten uns alle gemeinsam wie die kleinen Kinder. Barry
schnappte sich ein paar Makrelen, nahm sie aus und teilte sie in Filethälften. Dann stellte er einen
Zwei-Platten-Gasherd an. Als die Platten heiß waren, drückte er die Makrelen ungewürzt auf die
Platten und wartete eine kleine Weile. Jeder von uns bekam so viele Hälften wie er wollte, bis alle
satt waren… - welch‘ eine Mahlzeit. Etwas Besseres hatte ich in meinem Leben noch nicht
gegessen.
Wir erreichten Holyhead frühmorgens im Nebel. Das Schiff wurde im Hafen festgemacht und Barry
fuhr die Ware mit einem bereitgestellten Handwagen zum Fischmarkt. Derweil richtete Chris die
Netze und kümmerte sich um Wartungsarbeiten am Boot. Siobhan und ich hatten für ein paar
Stunden ‚Landurlaub‘ und schauten uns die Hafenanlagen an. Wie weit war doch meine Heimat
entfernt – wie weit unsere Geschichte mit Baumvater. Die letzten Wochen kamen mir vor wie ein
böser Traum aus dem ich soeben erwacht war. Neben mir meine liebe Siobhan, der ich so viel zu
verdanken hatte. Noch einmal rasten an mir die Bilder vorbei, die uns so nahe zusammengebracht
hatten. Die Überquerung des Flusses, die Tage in der Kapelle, die gemeinsame Flucht, die Liebe zu
Baumvater…
Wir setzten uns auf einen Felsen am Hafen und schauten aufs Meer hinaus. Die Sonne durchbrach
langsam aber stetig den zähen Nebel und die Wasseroberfläche glitzerte wie Millionen Edelsteine
am Horizont. Die Möwen gaben uns mit ihrem nimmermüden Geschrei ein Gratiskonzert. Es
erinnerte ein bisschen an das ständige Rufen der Mauersegler in der heimatlichen Kleinstadt, die
nun so weit entfernt lag. Die Flucht war uns geglückt und wir hielten uns erleichtert an den Händen.
In diesem Augenblick wurde uns bewusst, dass es für eine lange Zeit kein Zurück gäbe. Wortlos
und doch vielsagend sahen wir aufs Meer hinaus und blickten in eine ungewisse Zukunft. Nach dem
was wir alles hinter uns gebracht hatten, war uns vor dieser aber nicht bange. Wir freuten uns
darauf. Wir freuten uns auf Dublin und auf die letzte Etappe unserer Reise.
Am frühen Nachmittag hieß es wieder Leinen los. Barry war mit dem erlösten Umsatz zufrieden
und gab Chris dessen Anteil. Höflich bedankte sich Barry bei uns, seinen Fanghelfern. Unser Lohn
war jedoch die Überfahrt nach Dun Laoghaire, scherzte Barry beschwingt. Gegen Abend würden
wir im Hafen von Dublin einlaufen. Zuvor wollte unser Kapitän keine Netze mehr auswerfen; das
beabsichtigte er dann in der folgenden Nacht mit Chris vor der schottischen Küste, obwohl das
Meer insbesondere in dieser Region im Oktober recht ungemütlich sein konnte. Barry spürte, dass
wir, und er meinte insbesondere Siobhan, nach Hause wollten. Für mich war das eine seltsame,
noch überhaupt nicht greifbare Vorstellung, so sehr mich Siobhan zu beschwichtigen versuchte. Die
letzten Stunden der Überfahrt vergingen wie im Flug. Wir warfen während der Fahrt Angelleinen
aus und fingen ein paar Dorsche und Makrelen. Man muss nicht einmal einen Köder an die Haken
hängen und schon bissen die Fische an, so gierig waren sie… Barry philosophierte über das Meer
und erzählte mir, dass er zwar nicht mit Bäumen, aber zuweilen mit Walen und dem großen Wasser
spricht. Das ist für ihn in dieser unendlichen Einsamkeit ein absolut menschliches und vor allem
auch notwendiges Verhalten. Es ist wie eine immer wieder neue Therapie… Bevor er in den Minen
sein Geld verdiente, fuhr Barry einige Jahre zur See. Er hatte die Weltmeere und auch die großen
Wale gesehen. Er hatte uns viel zu erzählen… Am Abend legten wir im Hafen von Dublin an. Wir
bedankten uns bei Barry und Chris für all’ ihre Mühen und machten uns sofort auf den Weg zu
Siobhans Familie.
‚Siobhan und Mateo wurden von der Familie Redmond herzlich empfangen. Mutter, Vater und
Geschwister litten über die gesamte Zeit des Psychiatrieaufenthaltes und der Flucht mit und waren
erleichtert, die beiden jungen Menschen in ihre Arme zu schließen. Die Familie Redmond besaß ein
Grundstück mit einem kleinen Wäldchen in Naas, fünfundreißig Kilometer südwestlich von Dublin.
Für das junge Paar waren die Zeiten der Erklärungen und der Rechtfertigungen nun vorbei. Hier
waren die beiden sicher. Erst nach einigen Wochen begann Schritt für Schritt die Aufarbeitung der
vergangenen Eskalation in Mateos altem Wohnort. Was folgte war ein Rechtsstreit über die Grenzen
hinweg, der aber über die Zeit eingestellt wurde. Gutachten und Gegengutachten, Beschuldigungen
und Gegenbeschuldigungen, Klagen und Gegenklagen führten zu keinem klaren Ergebnis und so
versandete die Angelegenheit in der Bedeutungslosigkeit, bis sie von den Behörden fallen gelassen
wurde. Was aber Siobhan und Mateo blieb, war die Gewissheit, dass Baumvater in den vier Eicheln,
die sie in dem kleinen Redmond-Wäldchen bei Naas pflanzten, für sie weiterlebte. Mateo gewöhnte
sich in den folgenden Jahren an seine neue Heimat. Er lernte die Schroffheit der Küste, die Milde
des irischen Sommers und die stürmische, vor allem regnerische Härte des Winters zu schätzen. Der
nicht enden wollende irische Regen machte ihm bald nichts mehr aus. Hier in Irland war er
angekommen und herzlich aufgenommen. Alle paar Jahre besuchte ihn seine Mutter.
Da lag Mateo nun inmitten seiner im weiten Quadrat gepflanzten Eichen. Siobhan hatte sie vor
sieben Jahren so angeordnet, als ‚Ring of Naas‘, wie sie immer wieder gern betonte… Ihre drei
Kinder spielten gerne hier. Die Eichen waren mittlerweile auf über fünf Meter Höhe gewachsen.
Und wie konnte es anders kommen. Mateo gründete mit seiner Frau einen Forstbetrieb, und das im
relativ wald- und baumlosen Irland. Er fuhr, wann er konnte, mit Barry zur See. Er engagierte sich
im Naturschutz und schipperte im Sommer am liebsten den Shannon hinunter. In Naas nannten sie
ihn liebevoll ‚Baumvater‘, dafür hatte Siobhan gesorgt. Seine Familie war stolz auf seine
Geschichte und stolz auf ihn. Die vier Eichen waren und werden für eine kleine Ewigkeit der
lebende Beweis dafür bleiben… - viele hundert Jahre lang. Baumvater selbst sähe es mit großer
Verzückung.‘
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Seele and Geist
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