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SWR2 MANUSKRIPT
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SWR2 Die Buchkritik
Rolf Hosfeld: Heinrich Heine
Die Erfindung des europäischen Intellektuellen.
Biographie
Siedler Verlag 2014
510 Seiten
24,99 Euro
Rezension von Wolfgang Schneider
Freitag, 30. Januar 2015 (14:55 – 15:00 Uhr
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
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Von Wolfgang Schneider
Heinrich
Heine
gehörte
zu
den
Schriftstellern,
die
sich
biographische
Entschlüsselungen verbeten haben: „Es kann mich aufs Schmerzlichste verletzen,
wenn man den Geist meiner Dichtungen aus der Geschichte des Verfassers erklären
will“, schrieb er an Carl Immermann. Und fuhr fort: „Wie wenig ist oft das äußere
Gerüste
unserer
Geschichte
mit
unserer
wirklichen,
inneren
Geschichte
zusammenpassend! Bei mir wenigstens passt es nie.“ Das ist ein merkwürdiges
Ablenkungsmanöver. Denn natürlich haben sich gerade die Außenseiter-Erfahrungen
als deutscher Jude vielen Texten Heines tief eingeschrieben.
Und so ist es gut, wenn sich immer wieder die Biographen an Heine abarbeiten –
sein Leben ist spannend wie ein Roman. In einer Epoche, in der die meisten
deutschen Autoren ihren Provinzen noch stark verhaftet blieben, war Heine –
zumindest seit den Jahren des Pariser Exils – ein Autor von europäischem Format.
In Paris schärfte er seine Kritik am Deutschland der Restaurationszeit, so nährte sich
aber auch die schmerzliche Sehnsucht nach dem verlorenen Land der Nachtwächter
und Nachtigallen.
Er war ein entschlossener Aufklärer und ein unheilbarer Romantiker – lebenslang
fand das produktive Dauergespräch dieser zwei Seelen in einer Heinebrust statt. Der
Sehnsuchtston wechselte mit Satire und politischer Kritik, die Beschwörung des
Lebensgenusses kippte in die Vanitas-Klage. Rolf Hosfeld bewahrt in seiner
Biographie diese Vielstimmigkeit, er zeigt Heine in dessen Widersprüchlichkeiten und
Ambivalenzen und liefert durch den starken Einbezug der Zeitgeschichte plausible
Erklärungen dafür.
Hosfeld, der zuletzt viel gelobte Bücher über Karl Marx und Kurt Tucholsky
veröffentlicht hat, gehört nicht zu jenen Biographen, die die Werke zugunsten der
Anekdote vernachlässigen. Er legt ein Schwergewicht auf den politischen Publizisten
Heine, versteht ihn als ersten Intellektuellen modernen Zuschnitts, schildert seine
Einflüsse, Konflikte und Desillusionen. Heine drückte ja gerne ein Auge zu bei den
Schwächen seiner Gegner. Aber nur, um besser zu zielen. Ihn beschäftigten das
Soziale, die „große Suppenfrage“, der Freiheitskampf und der Fortschritt. Aber er war
ein politischer Autor, der nie unter seinen artistischen Anspruch ging. Tendenzdichter
produzieren nur „Fliegendreck“, versicherte er. Und sezierte mit ätzender Kritik den
Typus des Revolutionärs und Parteimenschen in der Person Ludwig Börnes. Seine
Analyse des politischen Fanatismus ist heute wieder aktuell, schon weil er die
gefährliche Verquickung der politischen mit der religiösen Leidenschaft in den Blick
nimmt.
Heines radikale Diesseitigkeit, seine Sehnsucht nach Lebensleichtigkeit, wurde in
den Jahren der „Matratzengruft“ auf eine harte Probe gestellt. Hosfeld widmet
diesem tragischen Finale fast ein Viertel seines Buches. Bereits zehn Jahre vor
seinem Tod schrieb der an den Spätfolgen der Syphilis leidende Dichter: „Mit meiner
Gesundheit geht es leider täglich schlechter. Das Uebel lähmt mir die Lippen, daß ich
nur mühsam spreche...; im Gaumen u. der Zunge erloschener Geschmack, so daß
mir alles wie Erde schmeckt.“ Unter Erstickungsanfällen und hohen Morphiumgaben
verfasste der fast vollständig gelähmte Autor quicklebendige Werke, und seine
Klagen gingen mit Selbstironie einher.
Hatte je zuvor ein Autor so leichthändig über den eigenen nahen Tod gedichtet wie
Heine in den „Lamentationen“? Der rhetorische Ton seiner Liebesgedichte macht es
manchmal schwer, an das dargestellte Leid zu glauben; die Sterbensgedichte
ergreifen wirklich. Rolf Hosfelds Biographie macht nicht zuletzt Lust, Heine selbst
wieder zu lesen, die Gedichte, aber auch die Prosa mit ihrer einzigartigen Mischung
aus erhabenem Ernst und maliziösem Witz, Pathos und Ironie. Sie ist brillant. Sie ist
riskant. Und leider ziemlich unbekannt. Geist- und anspielungsreich, voller
Paradoxien und Zweideutigkeiten, erfordert sie gebildete Leser. Wie auch diese
Biographie. Aber dagegen ist nichts einzuwenden.
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Seele and Geist
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