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Etwas Leichtathletik ist mitgestorben - Laufmagazin

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Aufgespießt
Was läuft
Etwas Leichtathletik ist mitgestorben
Wir haben in Deutschland wieder
„Sagen Sie mal, Herr Steffny, wer hat im
Von Manfred Steffny
eine Fülle weiblicher Lauftalente auf
deutschen Journalismus überhaupt noch
den langen Strecken. Die jahrelange
Ahnung von Leichtathletik?“, sprach mich
Dominanz von Sabrina Mockenhaupt,
Gustav Schwenk an, als ich ihm letztes
Irina Mikitenko und Susanne Hahn ließ
Jahr zum letzten Mal begegnet war. Ich
die Nachfolgerinnen nicht gleichmäblieb die Antwort schuldig (er hatte wohl
ßig nachwachsen. „Mocki“ hat mehrauch keine erwartet), zum Teil weil ich ein
fach bei ihren Siegen die Konkurrenz
wenig über die Schärfe verblüfft war und
überrundet. Schön für sie, schwach für
nachdenklich wurde. Ich hätte schnell ein
den Standard der deutschen Leichtathpaar Namen nennen können, die Reinschs
letik. Wo waren die Twens? Nun reift
und Hahns von „FAZ“ und „Süddeutsche“
wieder ein guter Jahrgang heran. Es
und die Kollegen von „Leichtathletik“. Dass
klopfen die Teenager des erstaunlich
er selbst jene Ahnung hatte, ist unbestritleistungsfähigen Frauenjahrgangs 1997
ten. Man nannte Gustav Schwenk, der am
an die Tür, angeführt von der Jugend10. Januar im Alter von 91 Jahren verstorOlympiazweiten Alina Reh, die das Jahr
ben ist, nicht umsonst halb ehrerbietig,
ausklingen ließ mit einem Sieg beim
halb ironisch den „Erfinder der LeichtathSilvesterlauf in Bietigheim. Die klare
letik“.
Verbesserung ihres eigenen StreckenreBis zuletzt beobachtete der Düsseldorkords zeigt an, wohin der Weg des lauffer die gesamte Leichtathletik mit fachfreudigen Mädchens aus Laichingen am
männischen Hintergrundartikeln. Mit ihm
Fuß der Schwäbischen Alb führt. Alina,
starb der letzte klassische LeichtathletikFoto: Horstmüller 2014
die im zarten Alter von acht Jahren ihren
Schreiber hierzulande, der die Szene vom
Sprint bis zum Stabhochsprung im Griff hatte. Männer wie ersten Lauf gewann, wurde von Artur Schmidt erstmals in
ihn, der schon länger verstorbene Heinz Vogel und der im Ulm beim Stadtlauf gesichtet und als hoffnungsvolles Talent
Ruhestand lebende Robert Hartmann, sah man früher über- in SPIRIDON gepriesen. Inzwischen ist sie gewachsen und
all am Rande der Laufbahn. Heute ist es mir manchmal pein- hat die langen Beine, die man für schnelle Zeiten braucht. Im
lich, etwa bei einer Weltmeisterschaft im Crosslauf oder im Frühjahr will sie Abitur machen, daneben trainiert sie 70-100
Berglauf der einzige deutsche Sportjournalist vor Ort zu sein. km die Woche und hilft samstags im Lebensmittelgeschäft
Um „in“ zu sein, muss man sich in Deutschland als Schreiber der Mutter aus.
Alina Reh gewann mit der gerade 17-jährigen Sarah Kistmit Fußball und Wintersport verdingen, der Stellenwert der
einstigen „Königin des Sports“ ist gesunken. Und wundern ner und der ein Jahr älteren Anna Gehring aus Itzehoe im
muss ich mich, dass ich für die Olympischen Spiele 2016 in Dezember bei den Crosslauf-Europameisterschaften in BulRio de Janeiro um eine Akkreditierung kämpfen muss, weil garien die Bronzemedaille bei den Juniorinnen U20. Reh lief
ein paar ansonsten mit Fußball beschäftigten Schreibern, die als Vierte aufopferungsvoll kämpfend ein, die Kronbergerin
ihre regionalen Leichtathleten vor Ort beobachten wollen, Sarah Kistner wurde im Kampf mit zwei Jahre älteren Mädchen 19. und knapp dahinter reihte sich Anna Gehring ein.
der Vorzug gegeben wird. Auflage kommt vor Kompetenz.
Ich erinnere mich an einen Leichtathletik-Länderkampf Kistner-Gehring war auch die Reihenfolge 1-2 beim Juniorin1973 im damaligen Leningrad, als kein Telefongespräch nach nen-Cross in Darmstadt. Siehe auch das Porträt auf Seite 10.
Deutschland durchging und Gustav Schwenk in den Kata- Diese Mädchen sind Überfliegerinnen mit großen Sprüngen.
komben des Stadions den einzigen Fernschreiber besetzte Das musste sogar Anna Gehring vom Jahrgang 1996 erkenund sich von Kollegen über das Geschehen droben im Sta- nen, die im Vorjahr noch als deutsche Jugendmeisterin U18
dion informieren ließ und gnadenlos seine Berichte an die Alina Reh besiegt hatte.
Zeitungen durchgab, ehe er die Tastatur freigab.
Ähnliche Erfolge feierten die jungen Mädchen bei der
Olaf Brockmann, der ihm als Redakteur der Wiener „Kronenzeitung“ nachgefolgt ist als Sprecher der deutschsprachi- Berglauf-Weltmeisterschaft im italienischen Cassette di Masgen Leichtathletik-Journalisten, hat für den internationalen sa, wo Sarah Kistner auf der 3,8 km langen Strecke Zweite
Sportpresseverband AIPS einen fundierten Nachruf in engli- hinter einer ein Jahr älteren Uganderin wurde und das Team
scher Sprache geschrieben. Dort ist erwähnt, dass er die Re- mit Kistner, Nada Balcarczyk (6./*1997) und Annika Seefeld
kordzahl von 15 Olympischen Sommerspielen von 1956 bis (21./*1996) Gold gewann, dem ersten deutschen Sieg bei ei2012 besucht hat, von fast allen LA-Europameisterschaften ner Berglauf-Weltmeisterschaft nach 23 Jahren. Nada steht
und Weltmeisterschaften seither berichtet hat. „Über mehr außerdem im 5.000-m-Lauf der U20 an neunter Stelle.
Und dann haben wir noch Konstanze Klosterhalfen aus
als sechs Jahrzehnte war er ein leidenschaftlicher Reporter,
dessen Kritik hart sein konnte, aber fair“, schreibt Brockmann, Leverkusen, die als 17-Jährige die weibliche DLV-Bestenliste
der neben dem Autor zu der Handvoll Journalisten gehört, der U20 über 1.500 m mit 4:19,97 min anführt und in Wattendie bisher alle LA-Weltmeisterschaften seit 1983 besucht hat. scheid überlegen deutsche Jugendmeisterin der U18 wurde.
Wie Brockmann und auch Steffny begann Schwenk beim Die spurtstarke Läuferin mit viel Potential ist damit sogar
schneller als die Langstrecklerin Alina Reh, die mit ihren
„sid“ in Düsseldorf und wurde dann freier Journalist.
Brockmann führt aus, dass Schwenk mit Vorliebe Jugend- 4:21,21 min von Mannheim auf dieser Strecke als Zweite geund Juniorenmeisterschaften besucht hat, oft für blutjunge listet ist. Über 800 m dominieren sogar 16-jährige Mädchen
Athleten der erste Pressekontakt war und so auch in späteren die U20: Sarah Schmidt aus Mönchengladbach und Alina
Ammann aus Eningen mit für das Alter erstaunlichen 2:05
Jahren ein vertrauensvolles Verhältnis mit ihnen hatte.
Das kann ich nur von unserer ersten Begegnung bestäti- min.
Wo aber bleibt der männliche Nachwuchs in diesen Jahrgen, als ich 1962 in Saarbrücken mit 20 Jahren zu Fuß zum
draußen gelegenen Gelände der deutschen Waldlaufmeis- gängen? Da ist weitgehend Fehlanzeige, wenn man den 17terschaften trabte und er das Fenster seines Mercedes her- jährigen 800-m-Jugendmeister Jamie Williamson aus Fürth
unterkurbelte und mir anbot mitzufahren und mich während ausnimmt. Hocken die Jungs alle vor Computer und Smartphone oder sind sie gegenüber der allgemein früher entwider Fahrt interessiert ausfragte.
Und so hätten ihn die folgenden Zeilen sicherlich sehr in- ckelten Weiblichkeit nur Spätzünder, deren Pubertät etwas
teressiert, ein jetzt verkürzter Beitrag, der die Überschrift ha- länger dauert und von denen wir noch hören werden? Hoffen
wir das Beste für die deutsche Leichtathletik.
ben sollte „Jahrgang 1997 - Das Girlie-Wunder.“
4 Laufmagazin SPIRIDON 2/15 
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Seele and Geist
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