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Leseprobe zum Titel: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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SE IT E 2 · M O N TAG , 2. F E B RUA R 2 0 1 5 · N R . 27
STREIFZÜGE
Ansbach
Kirche
der Härte
hren Berufskollegen aus anderen
Bundesländern treten die Absolventen bayerischer Bildungsgänge nicht
selten mit gut ausgestattetem Selbstbewusstsein entgegen. Insbesondere
manchen Juristen aus dem Freistaat gelingt es nicht immer, ihren Stolz auf
das „bayerische Examen“ in föderal
verträgliche Bahnen zu lenken. Doch
das Phänomen soll auch unter evangelischen Theologen zu beobachten sein:
Bei ihnen ist es das „Ansbacher Examen“, an dessen donnerhallgleichen
Ruf sich schon mancher Dorfpfarrer
I
Wer sollte sich nicht fürchten?
Foto Mauritius
aus Oberfranken ein Leben lang emporrankte.
Das Ansehen des „Ansbacher Examens“ ruht auf zwei Säulen: einer
über 200 Jahre währenden Tradition sowie der Strenge der Prüfungsordnung.
Die Ergebnisse des jüngsten Prüfungsgangs in der fränkischen Kleinstadt ließen aber selbst die zuständigen Kirchenräte im Münchner Landeskirchenamt erschrecken: Ein Viertel der Studenten trat schon angesichts der Klausurthemen von der Examensprüfung
zurück. Und von den übrigen bestanden über 55 Prozent nicht. So schafften von knapp fünfzig letztlich nur
zwölf den Sprung vom Kandidaten der
Theologie zum examinierten Theologen.
Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm lernt deshalb zurzeit die unerfreuliche Seite der sozialen Medien kennen, durch die er sich
trotz seiner Wahl zum EKD-Ratsvorsitzenden weiter mit unbeirrter Begeisterung bewegt. Auf seiner Facebook-Seite beschweren sich bayerische Theologiestudenten darüber, dass in Ansbach
die Maßstäbe der Bewertung nicht
ganz klar seien.
Der zuständige Kirchenrat Christoph Saumweber hebt hervor, dass die
Durchfallerquote im Schnitt zwischen
15 und 30 Prozent liege; dieser Prüfungsdurchgang sei eben ein „Ausreißer“ gewesen. Unangenehm ist ihm
die Angelegenheit dennoch, zumal die
evangelischen Landeskirchen vor einem Pfarrermangel stehen. Doch an
den Grundsätzen des „Ansbacher Examens“ möchte Saumweber freilich
festhalten. Die Zukunft des theologischen Stahlbads zu Ansbach scheint
also gesichert. Für manchen Prüfling
ist das keine erfreuliche Aussicht. Die
Opfer bayerischen Selbstbewusstseins
in anderen Bundesländern dürfen die
Sache immerhin dialektisch betrachten: Der Stolz bleibt, aber die Zahl seiner Träger halten die Bayern schon
REINHARD BINGENER
selbst klein.
Truppen Tschads
in Nigeria
F.A.Z. FRANKFURT, 1. Februar.
Tschadische Truppen haben am Wochenende die seit fünf Monaten von
der Terrormiliz Boko Haram kontrollierte Stadt Gambaru in Nigeria angegriffen. Zwei Kampfflugzeuge attackierten am Samstag die an der Grenze zu Kamerun liegende Stadt, die
durch eine Brücke von der kamerunischen Stadt Fotokol getrennt ist. Anschließend griffen Truppen am Boden
die nigerianische Stadt an, wie der französische Auslandssender RFI berichtete. In Fotokol hatten sich Boko Haram
und die tschadische Armee am Donnerstag und Freitag heftige Kämpfe geliefert. Dabei wurden drei Soldaten getötet, wie die Armee Tschads mitteilte.
Die Angreifer seien zurückgedrängt
und 123 ihrer Kämpfer getötet worden.
Gambaru liegt an der Verbindungsstraße zwischen der nigerianischen Provinzhauptstadt Maiduguri, die über kamerunisches Gebiet bis in die tschadische Hauptstadt N’Djamena führt.
Boko Haram begann kurz darauf
mit einem neuen Angriff auf Maiduguri. Boko-Haram-Kämpfer nahmen am
Sonntag die Hauptstadt des Bundesstaats Borno im Nordosten Nigerias unter Beschuss und lieferten sich Gefechte mit Soldaten, wie Augenzeugen berichteten. Die Offensive auf Maiduguri
begann nach Angaben mehrerer Bewohner der Stadt gegen drei Uhr
nachts. Es seien schwere Explosionen
und Schüsse zu hören gewesen, als die
Kämpfer versuchten, von Süden her in
die Stadt einzudringen. Die von einer
Bürgerwehr unterstützte nigerianische
Armee habe die Angreifer zurückschlagen können. Daraufhin habe Boko Haram einen weiteren Angriff im Osten
der Stadt gestartet. Vor dem Haus eines Parlamentariers in Potiskum im
Nordosten Nigerias wurden bei einem
Selbstmordanschlag unterdessen mindestens acht Menschen getötet. (Kommentar Seite 8.)
Politik
FPM
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Radikal vage
Ministerpräsident Tsipras und
sein Finanzminister touren
durch Europa, um für ihren
Plan zur Rettung
Griechenlands zu werben.
Worin der besteht, ist unklar.
Von Michael Martens
ISTANBUL, 1. Februar. Europa wartet
darauf, dass der griechische Regierungschef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis in dieser Woche
ihr bisher sorgsam gehütetes Geheimnis
lüften: Wie genau soll die von ihnen immer wieder erwähnte „für alle Seiten akzeptable Lösung“ aussehen, die Neuverhandlung über die griechischen Schulden
also? Die Frage stellt sich umso dringlicher, da ein Schuldenschnitt, der in einigen europäischen Staaten von den Parlamenten gebilligt werden müsste, nach
griechischer Planung offenbar Teil dieser
Lösung sein soll. Welche bahnbrechende
Idee hat die neue griechische Regierung,
die all den Politikern, Finanzsachverständigen und anderen an der Lösungssuche
Beteiligten seit dem offenen Ausbruch
der griechischen Krise Anfang 2010 nicht
in den Sinn kam?
Alexis Tsipras, der an diesem Montag
Gespräche in Zypern führt, dem traditionell engsten Verbündeten Griechenlands
in der EU, bestätigte in einer an die Nachrichtenagentur Bloomberg gemailten Erläuterung am Wochenende noch einmal
ausdrücklich: „Trotz der Tatsache, dass es
Unterschiede in der Perspektive gibt, bin
ich absolut zuversichtlich, dass wir bald
eine für Griechenland und Europa als
Ganzes wechselseitig nützliche Vereinbarung erreichen werden.“ Griechenland
brauche „Zeit zum Atmen“, denn die
neue Regierung wolle ihr eigenes mittelfristiges Programm zur wirtschaftlichen
Erholung auflegen. Dieses Programm
werde unter anderem das Ziel ausgeglichener Primärhaushalte sowie „radikaler
Reformen“ enthalten, um „die Themen
von Steuerhinterziehung, Korruption und
klientelistischer Politik“ anzugehen.
Derlei haben die Geldgeber Athens freilich schon so oft gehört in den vergangenen Jahren, dass sie nach Details fragen
werden. Das dürfte Tsipras spätestens
dann erfahren, wenn er nach seinen Gesprächen mit Zyperns Staats- und Regierungschef Nikos Anastasiadis mit Frankreichs Präsident François Hollande sowie
später mit EU-Kommissionschef JeanClaude Juncker zusammenkommt. Denn
Einzelheiten des Athener Plans liegen bisher nicht vor. Die Ankündigungen der
neuen Regierung zur Frage einer Neuregelung der griechischen Schulden sind bisher allenfalls in ihrer Vagheit radikal.
Dort, wo die Regierung Tsipras bisher gehandelt hat, ging es hingegen meist um
ein Zurückdrehen des Erreichten, so bei
der Einstellung zentraler Privatisierungsvorhaben. Auch Emmanuel Kondylis, bisher für die Privatisierungsvorhaben
Athens zuständig, soll entlassen werden.
Finanzminister Giannis Varoufakis hatte am Freitag alle Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, als er im Beisein von Jeroen
Dijsselbloem, dem Chef der Eurogruppe,
die Zusammenarbeit Griechenlands mit
der Troika (EU, Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds)
aufgekündigt hatte. Die „Logik“ des Troika-Programms gestatte weder den Umbau der Gesellschaft noch die Rückzah-
ren Haltung der neuen Regierung zu Privatisierungen sagte er, „potentiell wertvolles Staatseigentum“ sei unter früheren
Regierungen für „Peanuts“ verkauft worden und diese „Peanuts“ seien dann in
„ein schwarzes Loch nicht tragfähiger
Schulden“ geworfen worden. Varoufakis
versuchte zudem dem Eindruck entgegenzutreten, seine Regierung sei deutschlandfeindlich. Er verwies auf seinen Artikel
„Europa braucht ein hegemoniales
Deutschland“. „Die Lokomotive der europäischen Wirtschaft, die Deutschland ist,
muss eine wichtige Rolle dabei spielen,
all die Boote wieder hochzuziehen, die
auf Grund gelaufen sind“, sagte der gern
eine bildhafte Rede verwendende Minister.
Allerdings blieb auch in diesem Gespräch unklar, wie die Lösungsvorschläge
des „Bündnisses der radikalen Linken“
(Syriza), der größeren der beiden Athener Regierungsparteien, nun eigentlich
lauten. Indirekt wurde am Wochenende
dagegen deutlich, dass ein bisher von allen anderen Staaten der Eurozone abgelehnter weiterer Schuldenschnitt offenbar
durchaus weiterhin das Ziel der Athener
Regierung bleibt. Tsipras und andere Syriza-Politiker hatten im Wahlkampf den
Eindruck erweckt, es werde ihnen gelingen, die anderen Staaten der Eurozone
dazu zu bringen, Griechenland 60 Prozent seiner Schulden zu erlassen. Varoufakis teilte nun mit, sein Ministerium habe
die Finanzberatungsfirma Lazard „in Angelegenheiten der Staatsschulden und der
öffentlichen Finanzen“ unter Vertrag genommen. Griechische Medien berichteten, das Unternehmen habe bereits die frühere griechische Koalitionsregierung bei
dem ersten Schuldenschnitt (er galt für
private Anleger) im Jahr 2012 beraten.
lung der Schulden, sagte Varoufakis zur
Begründung unter anderem. Die griechische Regierung wolle stattdessen ihre
„Partner“ davon überzeugen, dass eine
neue Vereinbarung „in wechselseitigem
Interesse“ aller Mitglieder der EU und
der Eurozone sei. Man wolle durchaus
weiter mit der EU, der EZB und dem IWF
kooperieren, versicherte Varoufakis –
aber nicht, wenn diese drei Institutionen
sich in Gestalt der Troika zusammenfänden. Wenig später kommentierte dann Varoufakis sich selbst und legte in einem Interview mit dem britischen Sender BBC
seine Äußerungen selbst aus: „Hier geht
es nicht um die Frage, wer zuerst zwinkert“, widersprach der Minister der Einschätzung, Athen sei auf ein Duell mit
dem Rest der Eurozone aus. Die Athener
Regierungskoalition benötige lediglich etwas Zeit, um einige „vernünftige, rationale Vorschläge“ vorzubereiten, die nur ein
Ziel hätten, „und dieses Ziel lautet, die
Kosten für die anderen europäischen Bürger zu minimieren, nicht nur für die Griechen“.
Auf die Frage, wie seine Absage an die
Troika zu verstehen sei, antwortete Varoufakis: „Ich habe nie gesagt, dass wir nicht
daran interessiert sind, mit unseren Gläubigern zu diskutieren. Ich habe vielmehr
genau das Gegenteil gesagt: Ich habe gesagt, dass wir sehr darauf aus sind, fruchtbare Diskussionen mit der Europäischen
Zentralbank, dem IWF, der EU-Kommission und jedem einzelnen Mitgliedstaat
der Eurozone zu beginnen.“ Die griechische Regierung werde aber nicht an einem Programm (dem der Troika) festhalten, „das nicht durchsetzbar“ sei. In Griechenland sei in den vergangenen Jahren
„nicht reformiert, sondern deformiert“
worden, fügte Varoufakis an. Zur unkla-
Alles gar nicht so gemeint? Eurogruppenchef Dijsselbloem nach dem vermeintlichen Eklat mit dem griechischen Finanzminister Varoufakis
Foto Reuters
Lernen aus der Misere Zyperns
In Nikosia, wo Alexis Tsipras an diesem Montag seine Werbetournee für
eine andere Lösung der Schuldenkrise
und einen Umbau der Eurozone nach
seinen (im Detail unbekannten) Vorstellungen beginnt, kann Griechenlands Ministerpräsident viel lernen für
seine Arbeit in den kommenden Wochen. Zypern wäre vor knapp zwei Jahren beinahe der erste Staat gewesen,
der die Eurozone verlässt. Die Banken
des Inselstaates wurden von der griechischen Krise angesteckt, weil sie in
scheinbar guten Jahren in riesigem Ausmaß griechische Staatsanleihen gekauft
hatten. Als deren Wert einbrach, gerieten auch die Banken in Schieflage. Im
März 2013 drohte die Lage außer Kontrolle zu geraten. Die Finanzminister
der Eurozone hatten zur Bedingung für
Hilfszahlungen gemacht, dass Zypern
auf alle Guthaben bei zyprischen Banken Zwangsabgaben in Höhe von bis
zu zehn Prozent verfüge. In dem Irrglauben, eine bessere Vereinbarung erzielen oder einen weiteren Milliardenkredit aus Russland erhalten zu können, lehnte Zyperns Parlament am
19. März 2013 die Bedingungen der Eurozone für ein Hilfspaket ab. Der Parlamentspräsident sprach von „Erpressung“, der man sich nicht beugen werde. Danach ging alles sehr schnell: Der
eiligst nach Moskau entsandte damalige Finanzminister Michalis Sarris
kehrte ohne den erhofften russischen
Kredit wieder zurück, und die Europäische Zentralbank setzte ein Ultimatum:
Nur noch für eine Woche werde sie die
zyprischen Banken mit Notfall-Liquidität versorgen, danach sei Schluss. Das
Resultat: Fast zwei Wochen blieben
Zyperns Banken geschlossen, Kapitalverkehrskontrollen wurden eingeführt.
Am Ende wurde eine Zwangsabgabe
von 47,5 Prozent auf alle Guthaben erhoben, die 100 000 Euro überstiegen,
und eine der drei größten Banken Zyperns wurde abgewickelt. Die „Bank of
Cyprus“, das größte zyprische Kreditinstitut, sitzt bis heute auf einem riesigen Berg „fauler“, von den Schuldnern
nicht mehr ordnungsgemäß bedienter
Kredite im Buchwert von mehreren
Milliarden Euro. Russland war gut beraten, nicht auf das zyprische Angebot
einzugehen, Moskau für die Vergabe eines Milliardenkredites mit Anteilen
aus den (erhofften) Gewinnen der (in
ferner Zukunft vielleicht möglichen)
Erdgasförderung vor der Küste Zyperns zu entlohnen. Ende vergangenen
Jahres musste das zyprische Energie-
ministerium mitteilen, dass ein italienisch-koreanisches Konsortium bei
Probebohrungen im sogenannten
Block 9 vor Zypern nicht auf ausreichende Vorkommen gestoßen sei, die
eine Ausbeutung wirtschaftlich attraktiv erscheinen ließen. Zwar gibt es in
anderen Abschnitten weitere Vorkommen, doch ob sie groß genug sind, um
die zyprischen Pläne vom Bau einer
Gasverflüssigungsanlage wirtschaftlich
zu tragen, ist weiterhin nicht sicher.
Auch der französische Energiekonzern
Total hat sein zunächst bekundetes Interesse an Probebohrungen zurückgezogen. Zypern ist neben Griechenland
das einzige Land der Eurozone, in der
noch eine Troika aus EU, EZB und
IWF über die finanziellen Konsolidierungsbemühungen der Regierung
wacht. (tens.)
Griechische
Verhältnisse
In Spanien hofft Podemos
auf Rückenwind aus Athen
Von Leo Wieland
MADRID, 1. Februar. Die Madrider
Puerta del Sol, wo am 15. Mai 2011 mit
einem Zeltlager die Bewegung der „Empörten“ begonnen hatte, war am Wochenende das Zentrum einer Machtdemonstration von Podemos („Wir können es“). Die erst ein Jahr alte Partei,
die in den Umfragen abwechselnd
schon vor oder knapp hinter der regierenden Volkspartei von Ministerpräsident Mariano Rajoy rangiert, hatte ihre
Anhänger zu einem „Marsch der Veränderung“ auf die Hauptstadt aufgerufen.
Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl
auf hunderttausend, die Veranstalter
auf dreimal so viele.
Alle Symbole der Bewegung wider
die „Kaste“, wie Parteichef Pablo Iglesias pauschal alle anderen Parteien
nennt, wurden vorgeführt. Die erhobene rechte Faust, die triumphalen Rufe
„Yes, we can!“, die Fahnen der Zweiten
Spanischen Republik, die blau-weißen
Griechenlands und vereinzelt auch kubanische. Für Podemos war dies der
Auftakt zu einem spanischen Dauerwahljahr, das im März mit Regionalwahlen in Andalusien beginnt, im Mai
mit weiteren Regional- und Kommunalwahlen weitergeht, auf die im September ein „Plebiszit“ der katalanischen Separatisten folgt und das schließlich –
voraussichtlich im November – in Parlamentswahlen einmündet.
Beflügelt vom Erfolg Syrizas in Griechenland, lag der Führung von Podemos daran, eine Art neuen „eurokommunistischen“ Schulterschluss vorzuführen. Pablo Iglesias, Politikdozent an
einer Madrider Universität, appellierte
an die spanischen Wähler, mit ihrer
Entscheidung dem „Beispiel Alexis Tsipras’“ zu folgen. Er habe, so fügte er
hinzu, den „quichottischen Traum“,
dass in diesem Jahr „etwas Neues beginnt und wir die Volkspartei besiegen“.
Während Regierungschef Rajoy Podemos mit seiner Wirtschaftsbilanz entgegentreten will und vor dem Risiko
griechischer Verhältnisse in Spanien
warnt, fühlt sich vor allem die traditionelle Linke von der neuen Partei bedroht. Die Sozialisten (PSOE), geführt
von dem jungen und noch schwächelnden, weil intern angefochtenen Pedro
Sánchez, sind in den Umfragen zur dritten Kraft geschrumpft. Die grün-kommunistische Vereinigte Linke steht vor
einer Spaltung und kämpft mit einer
Gruppe potentieller Podemos-Überläufer. Von früheren Wählern dieser beiden Parteien kamen im vorigen Mai bei
den Europawahlen die meisten Stimmen für die Partei Podemos, die aus
dem Stand acht Prozent erzielte.
Als Dolchstoß für Sánchez, der zwar
Generalsekretär der Sozialisten, aber
noch nicht nominierter Spitzenkandidat ist, wurde derweil ein heimliches
Abendessen von Pablo Iglesias mit dem
früheren Ministerpräsidenten José Luis
Rodríguez Zapatero gewertet. Selbstbewusst wiederholt der schlanke Mann
mit dem Zopf seine Prognose, dass die
PSOE nach der Abstimmung im Herbst
„zwischen mir und Rajoy“ wählen müsse. Die Linkspopulisten, die noch kein
kohärentes Programm vorgelegt haben,
profitieren einstweilen vor allem vom
Unmut in der Bevölkerung über die
Korruptionsaffären der Traditionsparteien.
Die erste Probe für Podemos an spanischen Wahlurnen wird nun der 22.
März in Andalusien sein. In mancherlei
Hinsicht könnte dies zugleich zu einer
Generalprobe für die spätere nationale
Abstimmung in Spanien werden. Denn
nach einer am Sonntag von der Zeitung
„El Mundo“ veröffentlichten Erhebung
kann die sozialistische Ministerpräsidentin Susana Díaz – die mögliche
Hauptrivalin ihres Parteigenossen Sánchez für die Spitzenkandidatur – zu
Hause nicht mit einer Mehrheit rechnen. Das würde sie vor die Alternative
einer Koalition mit den ungeliebten
Konservativen oder mit den von ihr
noch weniger geschätzten Anti-Establishment-Emporkömmlingen stellen.
STIMMEN DER ANDEREN
Scheitern Griechenlands wäre gefährlich
Zum Verhältnis zwischen der EU und Griechenland
schreibt die niederländische Zeitung „NRC Handelsblad“:
„Ist es unter den gegebenen Umständen eine gute
Idee, wenn die Eurozone Griechenland sich selbst überlässt? Nein, denn damit bringt man Uneinigkeit und Polarisation in die Nato und die EU. Die EU kann kein Interesse an einem gescheiterten Staat in ihren Reihen haben. Der einzige russische Militärstützpunkt im Mittelmeer ist die kleine Marinebasis im syrischen Tartus. Die
Nato hat einen Marinestützpunkt auf Kreta. In Washington mag man sich gar nicht vorstellen, wie es wäre,
wenn dort das russische Militär einziehen würde. Bei
der griechischen Mitgliedschaft in der Eurozone geht es
nicht mehr um Schuld und Buße. Die Tage sind vorbei,
in denen Europa vor allem wirtschaftlich vereint war –
womit Deutschland angesichts seiner historischen Abneigung, politische Führung zu übernehmen, recht
glücklich war. Europa ist wieder Politik. Es kämpft um
sein Überleben. Es wird Zeit, das zu erkennen.“
Plus und Minus
„Schleswig-Holstein am Sonntag“ (Flensburg) fordert
Härte gegenüber Athen:
„Ein kleiner senkrechter Strich ist das Kernproblem
der griechischen Politik: Sie verwechselt Minus mit Plus.
. . . Und so will uns die neue Regierung aus Links- und
Rechtspopulisten jetzt weismachen, dass nicht Athen,
sondern Resteuropa bei den Griechen mit 278 Milliarden Euro in der Kreide steht. Wer dem Zauber dieser
Voodoo-Ökonomie erliegt, hat schon verloren. Jedes
Entgegenkommen wird von dem Dauerlächler Alexis
Tsipras als Ermunterung verstanden, den Europäern
noch dreister auf der Nase herumzutanzen. Alle Reformversprechen aufzukündigen und noch ungenierter mit
Moskau zu flirten. Dort ist das Neu-Griechenland in der
Tat besser aufgehoben. Trickser und Täuscher unter
sich. Seriös rechnen können beide nicht.“
Die Musik spielt in Frankfurt
„Der Standard“ (Wien) schreibt:
„Wenn das Hilfsprogramm für Griechenland in einem Monat ohne Erneuerung ausläuft, sind auch der Europäischen Zentralbank in Frankfurt die Hände gebunden. Sie, genauer gesagt die griechische Notenbank, hält
den Finanzsektor mit Liquidität von mehr als 50 Milliarden Euro am Leben. . . . Ob Tsipras den Kollaps riskiert?
Die Musik spielt jedenfalls weder in Athen noch in Brüssel – sondern in Frankfurt.“
Mehr als nur ein Redner
Die „Lübecker Nachrichten“ schreiben zum Tod
Richard von Weizsäckers:
„Richard von Weizsäcker hat viel mehr für die Menschen, für die Politik und für dieses Land getan, als nur
bedeutende Reden zu halten. Er war einer dieser wenigen großen Staatsmänner, bei denen die Begriffe Politik
und Vertrauen nicht auseinanderdrifteten. Seine schärfste Waffe war nicht seine Intelligenz, sondern seine Glaubwürdigkeit. Er war ein Ehrenmann, und er war einer der
letzten seiner Art. So ist denn auch das Einzige, was man
ihm vorwerfen mag, dass er die Latte für seine Nachfolger und alle anderen Mandatsträger sehr, sehr hoch gelegt hat. Um ehrlich zu sein: zu hoch. Auch deshalb ist
der gestrige Tag für Deutschland ein trauriger Tag.“
Prorussischen Kräften Grenzen aufzeigen
„Libération“ (Paris) kommentiert die Eskalation des
Krieges in der Ostukraine:
„Wollen die westlichen Länder die Ukraine im Stich
lassen, so wie sie die Krim ihrem Schicksal überlassen
haben, auf die Gefahr hin, dass Russland seinen gegenwärtigen Schwung dazu nutzt, um andere schwache Glieder in der Kette des Kontinents anzugreifen? Wenn die
Antwort auf diese Frage Nein ist, dann muss rasch ge-
handelt werden. Das Kräfteverhältnis müsste durch ein
Prinzip konventioneller Abschreckung zurück ins
Gleichgewicht gebracht werden, um den prorussischen
Kräften ihre Grenzen aufzuzeigen. Europa und die Vereinigten Staaten müssen den Militärs der Ukraine eine
minimale Möglichkeit zur Verteidigung geben, oder ihnen sogar helfen, die russische Offensive zu stoppen. Allerdings sollte man dabei keine militärische Eskalation
riskieren, die den Kontinent in einen mörderischen Teufelskreis hinabziehen könnte.“
Die Provokation des Kremls geht zu weit
„The Sunday Times“ (London) meint:
„Nichts, was der Westen bisher unternommen hat, hat
Putin erschüttert. Diesbezüglich steht Großbritannien in
einer Reihe mit Amerika und Deutschland. Während
Russland Panzer und Stiefel einsetzt, trippelt der Westen
auf Zehenspitzen. Sogar als Russland 2008 in Georgien
einmarschiert ist, hat der Westen Georgien Waffen geliefert. Jetzt lehnt der Westen aus Furcht vor einer Eskalation Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Die Aggression
Russlands ist ein Test für die Nato, die ihn bis jetzt nicht
bestanden hat. Im Kalten Krieg waren die Positionen
aller Beteiligten klar. In diesem neuen Zeitalter drängt
Putin so lange vorwärts, bis der Westen die Grenze aufzeigt. Ein gefährlicher Zustand.“
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