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Interview mit Pater Dr. Hermann Breulmann SJ

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1. Was ist eigentlich die Aufgabe der Hochschulseelsorge? Eine gute Frage. Das ist für mich noch nicht ganz klar. Eine Hochschulseelsorge an der Hochschule selbst ist unüblich in Deutschland; die Aufgabe ist daher hier neu. Es gibt Hochschulgemeinden, die aber häufig nicht direkt an der Hochschule oder der Universität angesiedelt sind. Ich bin hier irgendwie mittendrin. Deshalb ist die Aufgabe auch ein Experiment: Für die Institution wie für mich. Es gibt jedoch eine Vision: Elfriede Jelinek, die Literaturnobelpreisträgerin aus Wien, hat von der Melodie gesprochen, die jedem Menschen bei der Geburt mitgegeben wird: Ich glaube, sie hat Recht. In jedem Menschen steckt eine Lebensmelodie. Diese nicht zu vergessen und sie wiederzuentdecken und zu pflegen, würde für mich zur Aufgabe der Hochschulseelsorge gehören. Dafür einen Resonanzraum bereit zu stellen. Wir Jesuiten haben in der Verfassung für unsere Schulen einen Satz, den ich auch für meine Aufgabe hier an der Hochschule als Motto nehmen kann: Die Frage nach Gott offen halten. Das hört sich leicht an, ist aber in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich, bedarf der Fantasie und des Mutes. Wir erleben einen ungeheuren Traditionsverlust; ich glaube, um unsere Herkunft zu wissen, wird für die Kirche und für unsere Gesellschaft eine neue Herausforderung werden. Die Franzosen nennen das die Evangelisierung der Erinnerung. Das heißt: Dass die Kirche und das Christentum sich neu ihrer eigenen Geschichte bewusst sein sollten und sie auch erzählen sollen. Studierende dieser Hochschule sollten zum Beispiel wichtige Gemälde der Europäischen Tradition entziffern können, wenn sie ein Museum besuchen. Sie beziehen sich doch bis zur Neuzeit oft auf die jüdisch‐christliche Geschichte, Bertold Brecht kann man nicht verstehen ohne die Bibel. Kurz gesagt Für das Offenhalten der Gottesfrage und für die Erinnerung an unsere geschichtlichen Wurzeln würde ich gerne werben. 2. Wie kann ich Sie erreichen? Wann sind Sie an der Hochschule? Ich habe eine halbe Stelle. In der Regel bin ich Dienstags und Mittwochs an der Hochschule. Meine Sprechstunde wird Dienstags von 11‐13 Uhr sein. Alles Weitere können wir informell, gern über eMail, regeln. 3. Für wen stehen Sie zur Verfügung? Zunächst einmal für alle, die an der Hochschule lehren, lernen und arbeiten. Ich bin mir bewusst, dass an einer heutigen Hochschule die Zeit knapp ist. Wir benötigen vielleicht alle miteinander einen Raum der Muße und einer Zeiterfahrung, der vom Curriculum nicht bereits belegt ist. Diese Freiräume auszuloten, gehört auch zu meinen Aufgaben. 4. Über was sind Sie am meisten erstaunt nach ihren ersten Monaten an der KHSB? Erstaunt bin ich über die spannenden Lebensgeschichten, die die Studierenden hier an die Hochschule mitbringen. Die Erfahrungskontexte, in denen sie jenseits von ihrem Studium leben, interessieren mich sehr. In Gesprächen in der Mensa und im Café habe ich fasziniert diesen Geschichten zugehört. Erstaunt bin ich auch, wie wenige das Wort „katholisch“ für die Motivation für ihr Kommen an diese Hochschule angeben. Man könnte ja zu dieser Hochschule kommen, weil sie katholisch ist, oder aber trotzdem. Diesem Attribut gegenüber gleichgültig zu sein, finde ich eher erstaunlich; das finde ich auch etwas langweilig. Ich möchte mich gern verwickeln lassen in eine auch kontroverse Debatte über das, was „katholisch“ heute heißen könnte. 5. Welche besonderen Veranstaltungen planen Sie in nächster Zeit? Ganz einfach: Ich halte Gottesdienste hier an der Hochschule. Die Liturgie, das Feiern des Lebens mit all seinen Schattierungen, sind mir wichtig. Religion ist als Thema wieder auf der Tagesordnung der Weltpolitik. Ich glaube, an der katholischen Hochschule dürfte man an diesem Phänomen nicht gleichgültig und achtlos vorbeigehen. Das Thema der Religion in unserer Gesellschaft ist eher ein „indirektes“ Phänomen, eine bestimmte Perspektive auf die Wirklichkeit neben anderen. Aber die spirituelle Dimension gibt es, leise und doch präsent im Film, in der bildenden Kunst, in der Literatur wie auch in den sozialen und zwischenmenschlichen Erfahrungen und auch Widerfahrnissen des Lebens. 6. Welche Eigenschaft von Ihnen kennen die meisten Leute gar nicht? Ich bin ein Mensch, der gern debattiert, der öffentliche Kontroversen und strittige Themen liebt. Daneben bin ich ein eher scheuer Mensch, der vorsichtig auch mit religiösen und persönlichen Einstellungen von Personen umgeht. Diese Seite habe ich auch, sie verstärkt sich noch, je älter ich werde. 7. Viele Studierende an der KHSB sind gar nicht katholisch. Ist das für Ihre Arbeit hier hinderlich oder vom Vorteil? Das weiß ich noch nicht genau. Ich möchte, dass die Katholiken und Christen sich an dieser Hochschule für ihren Glauben nicht schämen müssen, und dass die Nicht‐Katholiken und Nicht‐
Christen sich gleichwohl willkommen und angenommen fühlen und hier auch Neues über Religion und Kirche erfahren und lernen können. Für mich persönlich könnte diese Aufgabe eine “Schule eines Realismus“ sein: Anerkennen, dass die Situation in religiöser Hinsicht so ist, wie sie ist. Darin steckt ja auch eine Art „Frömmigkeit“ des Interesses und des Respekts. 8. Worüber haben Sie promoviert? Ich habe in Religionsphilosophie promoviert. Das Thema war: Die Rezeption Kants in der katholischen Theologie. Diese Phase meines Lebens ist schon weit weg. Das Thema ist auch nicht besonders relevant für meine Arbeit hier. Eine Bemerkung Kants ist mir aber als Leitmotiv meines Lebens immer wichtig gewesen: Der Verstand wird von Fragen bedrängt, die die Vernunft nicht lösen, aber auch nicht abweisen kann. Dieser Einsicht bin ich immer treu geblieben. 9. Was ist Ihr Lieblingsbuch oder Lieblingsfilm? Ich will bei der Beantwortung dieser Frage nicht den Mund nicht zu voll nehmen. Mir kommen zwei Filme in den Sinn: La Strada von Fellini, mit der unendlichen Traurigkeit zweier Menschen im Zirkus, und Clint Eastwoods Gran Torino, ein modernes Erlösungsdrama. Zwei Bücher sind mir auch sehr wichtig geworden: Bernanos‘ Tagebuch eines Landpfarrers, es geht auf dem ersten Blick um das „Scheitern“ eines Priesters, aber er gibt sich nicht resigniert und verzweifelt auf , sein letztes Wort in diesem Roman lautet: „Was macht das schon, alles ist Gnade“. Dann die Essays von Montaigne. Er spricht dort vom Schaukeln der Dinge. Diese Erfahrung ist mir nicht fern, zumal in ihrer französischen Version. Berlin, Januar 2015. Die Fragen stellten Ian Kaplow. 
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Seele and Geist
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